Skip to main content

Full text of "Zeitschrift für soziale Medizin, Säuglingsfürsorge und Krankenhauswesen. v.4.1909"

See other formats


Original fmm 

UNIVERSITY OF ILLINOIS AT 
URBANA-CHAMPAIGN 


Digitized by 

INTERNET ARCHIVE 











THEUNIVERSITY 






Digitizerf by 

INTERNET ARCHIVE 






Original fro-m 

UNIVERSITY OF ILLINOIS AI 
URBANA-CHAMPAIGN 




ZEITSCHRIFT 

FÜR 

SOZIALE MEDIZIN 

SÄUGLINGSFÜRSORGE 

UND 

KRANKENHAUSWESEN 

SOWIE DIE ÜBRIGEN GRENZGEBIETE DER MEDIZIN 
UND VOLKSWIRTSCHAFT 

HERAUSGEGEBEN VON 

A. GROTJAHN F. KRIEGEL H. LENHARTZ 

BERLIN BERLIN HAMBURG 

A. SCHLOSSMANN 

DÜSSELDORF. 

VIERTER BAND. 



LEIPZIG. 

VERLAG VON F. C. W. VOGEL. 

1909. 











Inhaltsverzeichnis des vierten Bandes. 


Erstes Heft. 

Seite 

E. Roesle, Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen 

Staaten in dem ersten Jahrfünft dieses Jahrhunderts. 1 

W. von Kalckstein, Der Wert und die Einrichtung von Sozialen Museen 51 

L. Sofer, Aus der öffentlichen Gesundheitspflege" Österreichs.70 

Paul Sittler, Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu 
Marburg während der 3 ersten Jahre seines Bestehens; 1905—1908 
(Mit 8 Abbildungen). 84 

F. Perntz, Die Belastung der Krankenkassen, Versicherungsanstalten und 

Berufsgenossenschaften durch die Verdauungs- und Stoffwechselkrank¬ 
heiten nebst Vorschlägen zu ihrer Bekämpfung.97 

Aus der Säuglingsfürsorgebewegung.117 

I. Gesetzgebung. S. 117. — II. Verordnungen, Erlasse, Schreiben der Ver¬ 
waltungsbehörden u. dgl. S. 118. — III. Kommunale Maßnahmen. S. 124. 

Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung .... 128 
I. Allgemeines. S. 128. — II. Staatliche Maßnahmen. S. 130. — III. Kom¬ 
munale Maßnahmen. S. 130. — IV. Maßnahmen der Vereine und Körper¬ 
schaften. . S. 132. 

In meinoriam S. Neumann.133 


Referate.134 

Mackenzie and Foster, Report on a collection of statistics as to the 
physical condition of children attending the public schools of the School 
Board for Glasgow (Fehlinger). S. 134. — Neißer, Internationale Übersicht 
über Gewerbehygiene (Grotjahn). S. 136. — Grotjahn, Krankenhauswesen 
und Heilstättenbewegung im Lichte der Sozialen Hygiene (Auto-Referat). S. 137 

Aus der .Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinal* 


Statistik in Berlin.139 

Druckschriften-Einlauf.144 


242054 















XV Inhaltsverzeichnis. 


Zweites Heft. 

Seite 


Laudsberg, Berufs- oder Sanimel-Vormundschaft.145 

Scliellmann, Die Tuberkulosesterblichkeit in Preußen bei den verschiedenen 

Altersstufen und den beiden Geschlechtern in den Jahren 1900—1906 . 158 
P. Mayet, Der Ausbau der Morbiditätsstatistik und die statistischen Er¬ 
hebungen bei der Leipziger Ortskrankenkasse.163 


W. Weinberg, Das mathematische Prinzip der scheinbaren 'Überfruchtbar¬ 
keit der Eltern ausgelesener Kinder und der Nachwuchs der Begabten 178 
F. Perutz, Die Belastung der Krankenkassen, Versicherungsanstalten und 
Berufsgenossenschaften durch die Verdauungs- und Stoffwechselkrank¬ 


heiten nebst Vorschlägen zu ihrer Bekämpfung (Schluß).186 

Czieslik, Ist die Fürsorge für Mutter und Kind in das Programm der 

Arbeiterschaft aufzunehmen.. . 210 


W. Hammer, Gesetzlicher Ammenschutz! eine „sozialmedizinische“ Forderung 225 
Eisenstadt, Bemerkungen zu der Arbeit von Dr. Agnes Blulitn über die 

Stillungsnot, ihre Ursachen und die Vorschläge zu ihrer Bekämpfung . 228 
Agnes Bluhm, Erwiderung auf die Bemerkungen von H. L. Eisenstadt 


über meinen Aufsatz über die Stillungsnot.233 

Paul Sittler, Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu 
Marburg während der 3 ersten Jahre seines Bestehens: 1905—1908 
(Mit 8 Abbildungen) (Fortsetzung) . . ..236 

Aus der Säuglingsfürsorgebewegung .253 


III. Kommunale Maßnahmen. S. 253. — IV. Maßnahmen der Vereine und 
Körperschaften. S. 253. 

Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung .... 256 

I. Allgemeines. S. 256. — II. Staatliche Maßnahmen und Landesanstalts¬ 
wesen. S. 256. — III. Kommunale Maßnahmen. S. 259. — IV. Maßnahmen 


der Vereine und Körperschaften. S. 263. 

Friedrich Althoff t.265 

Referate.266 


Roller, Die Einwohnerschaft der Stadt Durlach im 18. Jahrhundert 
(F. Prinzing). S. 266. — Statistique internationale du mouve- 
raent de la population, Statistique generale de la France 1907 (F. Prin¬ 
zing). S. 267. — Mouvement de la Population de l’Empire. du 
Japon pendant l’an 1905 (F. Prinzing). S. 268. — Annual Report 
of the Chief Inspector of Factories and Workshops (R. Wilke). 

S. 269. 

Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinal* 

Statistik in Berlin.271 


Drittes Heft. 


Engel, Ein Beitrag zum Unterricht in der Sozialen Medizin.289 

Schultze, Die moderne automatische Entleerung der Aufschließkammern in 

den Superphosphatfabriken (Mit 3 Abbildungen).309 

















Inhaltsverzeichnis. V 

. i 

Seite 

Hillenberg, Die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit in den einzelnen 
Regierungsbezirken Preußens während der Jahre 1886—1905 und ihre 

Ursachen (Mit 1 Kurve).318 

Klein, Die Organisation zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Neuß 347 

Cramer, Geburtshilfe und Säuglingsfürsorge.363 

Baum, Sterblichkeit und Lebensbedingungen der Säuglinge im Kreise Neuß 366 
Sittler, Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg 

während der 3 ersten Jahre seines Bestehens; 1905—1908 (Schluß) . . 375 

Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung .... 391 
II. Staatliche Maßnahmen und Landesanstaltswesen. S. 391. — III. Kom¬ 
munale Maßnahmen. S. 393. — IY. Maßnahme der Vereine und Körper¬ 
schaften. S. 396. 

Referate..399 

Supplement to the 65 th annuel report of the register general of birth, 
deaths and marriages in England and Wales (Weinberg). S. 399. — Schanz, 

Über Krüppelnot und Krüppelhilfe (Ullrich). S. 402. — Das städtische 
Krankenhaus zu Aachen (Ullrich). S. 403. 

Aus der Gesellschaft fiir Soziale Medizin, Hygiene und Medizinal¬ 
statistik in Berlin.404 

Druckschriften-Einlauf.431 


Viertes Heft. 

Otto Burkard, Erhebung über 250 Wohnungen tuberkulöser Arbeiter in 

Graz (Mit 2 Abbildungen).433 

W. Hanauer, Die Säuglingssterblichkeit in Frankfurt a. M.484 

Marie Baum, Sterblichkeit und Lebensbedingungen der Säuglinge im Kreise 

Neuß (Schluß).497 

Kurt Boas, Über den Wert der Fürsorgestellen, insbesondere der Fürsorge¬ 
stellen für Alkoholiker.535 

Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung .... 538 

I. Allgemeines. S. 538. — II. Staatliche Maßnahmen und Landesanstalts¬ 
wesen. S. 538. — III. Kommunale Maßnahmen. S. 542. — IY. Ma߬ 
nahmen der Vereine und Körperschaften. S. 544. 

In memoriam A. Guttstadt.546 

Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinal¬ 
statistik in Berlin.547 

Druckschriften-Einlauf.567 

Namenverzeichnis.569 





















{ 















Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den 
europäischen Staaten in dem ersten Jahrfünft dieses 

Jahrhunderts. 

Mit Berücksichtigung der Säuglingssterblichkeit. 

Von Dr. med. E. Roesle, Dresden. 

Inhaltsübersicht. Einleitung. — I. Die Eheschließungen. — II. Die Geburten. 

— III. Die Sterblichkeit. — IV. Die Säuglingssterblichkeit. — V. Der 
Geburtenüberschuß. — Schluß betrachtung. 

Als das charakteristischste und einheitlichste Moment in dem 
gegenwärtigen Verhalten der die organische Entwicklung der 
Völker konstituierenden Faktoren tritt der allgemeine Rückgang 
der Sterblichkeit immer deutlicher in Erscheinung. Die Be¬ 
deutung dieses Rückganges, den wir als den größten Triumph un¬ 
serer heutigen Kultur zu bezeichnen pflegen, tvird noch dadurch 
erhöht, daß auf ihm allein die Zunahme der organischen Macht¬ 
entfaltung fast bei allen europäischen Völkern beruht, denn neben 
dem fortschreitenden Sinken der Sterblichkeit macht sich bekannt¬ 
lich ein unaufhaltsames Sinken der Fruchtbarkeit in der 
Mehrzahl der europäischen Staaten bemerkbar. Wir sehen zwar 
die Difterenz dieser beiden Faktoren fast in ganz Europa infolge 
der intensiveren Abnahme der Sterblichkeit noch zunehmen, so daß 
wir gegenwärtig trotz des gleichzeitigen Rückganges der Geburten 
fast überall das Maximum des Geburtenüberschusses zu 
verzeichnen haben; doch deuten bereits verschiedene Zeichen mit 
Sicherheit darauf hin, daß der gegenwärtige Höhepunkt des Ge¬ 
burtenüberschusses nach der Art seiner Entstehung nicht mehr 
von langer Dauer sein kann. Da dem Sinken der Sterblichkeit 
eine natürliche Grenze gesetzt ist, so muß sich mit deren Er¬ 
reichung naturnotwendig ergeben, daß damit auch die auf diesem 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 1 




E. Roesle, 

Wege erzielte Bevölkerungszunahme an der Grenze ihres Wachs¬ 
tums anlangen wird. Die Nähe dieses Wendepunktes in der orga¬ 
nischen Entwicklung der Völker lassen bereits die niederen, kaum 
noch weiter reduzierbaren Sterbeziffern einiger Staaten immer deut¬ 
licher erkennen. 

Unsere Aufgabe soll es nun sein, diese gemeinsamen 
Grundströmungen in der gegenwärtigen Entwicklung der ver¬ 
schiedenen europäischen Völker zu verfolgen und ihre Rückwir¬ 
kungen auf die einzelnen Faktoren der Bevölkerungsbewegung an 
der Hand der offiziellen Statistik in den verschiedenen Staaten zu 
vergleichen. Zu diesem Zwecke müssen wir mit dem regionalen 
Vergleiche der Bevölkerungsvorgänge, deren Vergleichung wir über 
das ganze bevölkerungsstatistisch kontrollierte Europa ausdehnen 
wollen, zugleich den temporären verbinden, wobei wir uns jedoch 
in der Hauptsache darauf beschränken können, daß wir den Er¬ 
gebnissen der Bevölkerungsbewegung des ersten Jahrfünfts dieses 
Jahrhunderts diejenigen des letzten Jahrzehnts des vorigen Jahr¬ 
hunderts gegenüberstellen. Dadurch lernen wir erst die Verände¬ 
rungen der neuzeitlichen Bevölkerungsbewegung kennen, deren 
herrschende Tendenz wir ohnedies nur im Zusammenhang der Er¬ 
scheinungen zu ersehen und zu beurteilen vermögen. 

Die Schwierigkeit solcher Vergleiche ist bekannt. Da die An¬ 
zahl der Eheschließungen, Geburten und Sterbefälle von dem 
Altersaufbau einer Bevölkerung beeinflußt wird, so muß natur¬ 
gemäß dessen Verschiedenheit bei den einzelnen Völkern den Wert 
einer solchen Vergleichung beschränken. Dieser Einfluß wird je¬ 
doch vielfach überschätzt. Nach den Berechnungen Sundbärgs A ) 
umfaßt die Altersgruppe von 15—50 Jahren in allen Ländern unter 
normalen Verhältnissen annähernd die eine Hälfte der Bevölkerung, 
während die Gruppen unter 15 und über 50 Jahren, die also zu¬ 
sammen die andere Hälfte ausmachen, sich gegenseitig verschieben. 
Da aber die Geburten und Eheschließungen doch fast ausschließlich 
in die mittlere Altersgruppe fallen, so kommt aus obigem Grunde 


0 Apercus statistiques internationaux. X. Bd. 

Danach stehen von je 1000 Einwohnern in den Altersklassen von 15—50 
Jahren: 


in 

Frankreich 

508 

in Finnland 

500 

in 

Dänemark 

497 


Ungarn 

506 

„ Spanien 

500 

j? 

Deutschland 

495- 


England 

504 

„ der Schweiz 

499 


Schottland 

495 


Italien 

502 

„ Schweden 

499 


Holland 

492 


Westösterreich 

502 

„ Portugal 

499 


Norwegen 

484 


Belgien 

500 










Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 3 

der Einfluß jener Verschiebung auf diese beiden Faktoren der Be¬ 
völkerungsbewegung kaum in Betracht. Inwieweit davon die 
Sterbeziffern beeinflußt werden, werden wir bei ihrer Besprechung 
kennen lernen. Berechtigte Bedenken gegen eine internationale 
Vergleichung derEheschließungs-, Geburts- und Sterbeziffern könnten 
nur dann entstehen, wenn die Besetzung der Altersgruppe von 
15—50 Jahren wesentlich von der Norm — wie z. B. bei der 
Trennung der Bevölkerung eines Landes in Stadt- und Landbevöl¬ 
kerung — abweichen würde. Die Verschiedenheiten, die sich bei 
dieser Trennung im einzelnen ergeben, werden wir besonders her¬ 
vorheben, wenn wir darin charakteristischen Merkmalen begegnen. 

I. Die Eheschließungen. 

Die moralische Grundlage für eine gedeihliche Bevölkerungs¬ 
entfaltung sind die Eheschließungen. Wenn wir deren Zahl in 
einem Jahre auf die mittlere Gesamtbevölkerung eines Landes be¬ 
rechnen, so muß sich unter normalen Verhältnissen eine relative 
Höhe von 7—8 Prom. ergeben. Diese Norm wurde bisher gewöhn¬ 
lich nur von den slavischen Ländern und von Sachsen überschritten, 
während unter dieser Norm allein die Ziffern der skandinavischen 
Staaten (außer Dänemark) und besonders von Irland seit den 
letzten Jahrzehnten verblieben. In allen übrigen europäischen 
Staaten dagegen bewegten sich die Eheschließungsziffern im vorigen 
Jahrhundert gewöhnlich innerhalb der normalen Grenzen und 
sanken nur in kritischen Zeiten vorübergehend darunter. 

Nach dem letzten allgemeinen Tiefstand der Eheschließungs¬ 
ziffern zurZeit der wirtschaftlichen Krisis in den 80 er Jahren des 
vorigen Jahrhunderts hatte sich in den meisten Staaten die Zahl 
der Eheschließungen langsam, aber ständig, bis gegen Ende des 
Jahrhunderts wieder gehoben. An dieser Erhebung waren, wie 
aus dem Vergleich der Durchschnittsziffern der beiden letzten Jahr¬ 
zehnte jenes Jahrhunderts hervorgeht, nicht beteiligt: Serbien, 
Ungarn, Bulgarien, Italien, Dänemark, Schweden und Finnland. 
In diesen Ländern hatte sich wohl zeitweise die Zahl der Ehe¬ 
schließungen wieder erhöht, die Durchschnittszahl des letzten Jahr¬ 
zehnts ist jedoch entweder unverändert geblieben oder hatte sich 
sogar noch weiter vermindert. Den weiteren Verlauf der Ehe¬ 
schließungsziffern in den Jahren 1901—1905 ersehen wir aus fol¬ 
gender Tabelle, die uns zugleich die Veränderungen dieser Ziffern 
seit dem letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts veranschau¬ 
lichen soll: 

1 * 




4 E. Roesle, 


Allgemeine europäische Eheschließungsziffern. 



Auf je 1000 Einwohner der mittleren Bevölkerung treffen 
Eheschließungen: 

Relative 
Ziffern des 
Jahrfünfts 



i S O 







1901—1905, 

*0 05 


^ °2 
O C5 

in den Jahren: 


■S £§ 

wenn d. Ziff. 

«S t-H 
Ö I 

CD 1 

in den Ländern: 

r-H 

ö 4-3 I 

Q.-S 1 
!=l ^ 






Q.-e 1 

d. Jahrzehnts 
1891—1900 

^05 


a £ C5 

a üoo 

1901 

1902 

1903 

1904 

1905 

G -G g 
s üfli 

= 100 gesetzt 

Ph^ 


,H tBrt 






,rH CG vH 

werden: 

1. 

Bulgarien 

8,3 

8,8 

9,5 

9,5 

11,4 

10,9 

10,0 

120,5 

2. 

Serbien 

10,0 

8,3 

10*3 

9,5 

11,4 

9,9 

9,9 

99,0 

3. 

Rußland 

8,9 

8,6 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

4. 

Ungarn 

8,7 

8,8 

8,6 

8,1 

9,1 

8,4 

8,6 

98,9 

5. 

Hessen 

8,4 

8,7 

8,4 

8,3 

8,6 

8,4 

8,5 

101,2 

6. 

Rumänien 

7,9 

7,3 

9,1 

9.0 

8,1 

7,9 

8,3 

105,1 

7. 

Sachsen 

9,1 

8,4 

8,1 

8,2 

8,3 

8,4 

8,3 

91,2 

8. 

Belgien 

8,0 

8,7 

8,1 

7,9 

8,0 

7,9 

8,1 

101,3 

9. 

Pr'eußen 

8,3 

8,3 

8,0 

8,0 

8,1 

8,1 

8,1 

97,6 

10. 

Baden 

7,8 

8,3 

7,8 

8,0 

8,1 

8,1 

8,1 

103,8 

11. 

Spanien 

7,9 

8,4 

8,7 

8,2 

7,7 

7,2 

8,0 

101,3 

12. 

Deutsches Reich 

8,2 

8,2 

7,9 

7,9 

8,0 

8,1 

8,0 

97,6 

13. 

Württemberg 

7,4 

7,9 

7,8 

7,8 

8,1 

8,1 

7,9 

106,8 

14. 

Österreich 

8,0 

8,1 

7,8 

7,8 

7,8 

7,9 

7,9 

98,8 

15. 

England und Wales 

7,8 

8,0 

7,9 

7,8 

7,6 

7,7 

7,8 

100,0 

16. 

Luxemburg 

6,9 

7,8 

7,6 

7,3 

7,7 

8,0 

7,7 

111,4 

17. 

Frankreich 

7,5 

7,8 

7,5 

7,6 

7,6 

7,7 

7,6 

101,3 

18. 

Bayern 

7,7 

8,0 

7,5 

74 

7,6 

7,6 

7,6 

98,7 

19. 

Schweiz 

7,4 

7,6 

7,5 

7,5 

7,4 

7,6 

7,5 

101,4 

20. 

Niederlande 

7,3 

7,7 

7,6 

7,4 

7,4 

7,3 

7,5 

102,7 

21. 

Elsaß-Lothringen 

7,2 

7,6 

7,4 

7,1 

7,6 

7,5 

7,5 

104,2 

22. 

Italien 

7,3 

7,2 

7,3 

7,2 

7,5 

7,7 

7,4 

101,4 

23. 

Dänemark 

7,2 

7,2 

7,1 

7.1 

7,3 

7,1 

7,2 

100,0 

24. 

Schottland 

7,1 

7,0 

7,0 

7,1 

7,0 

6,7 

7,0 

98,6 

25. 

Portugal 

6,6 

6,9 

7,0 

7,0 

68 

— 

6,9 

104,5 

26. 

Finnland 

7,0 

6,8 

6,3 

6,3 

6,6 

6,5 

6,5 

94,2 

27. 

Norwegen 

6,6 

6,6 

6,4 

6,0 

6,0 

5,8 

6,2 

93,9 

28. 

Schweden 

5,9 

6,1 

6,0 

5,8 

5,9 

5,8 

5,9 

100,0 

29. 

Irland 

4,8 

5,1 

5,2 

5,2 

5,2 

5,2 

5,2 

108,3 


Ganz Europa 8,1 x ) 


Die Maximalziffern der Durchschnitts- und Einzeljahre sind bei dieser und 
den nachfolgenden Übersichten fett, die Minitnalziffern kursiv gedruckt. 

Wie aus der Tabelle hervorgeht, dauerte der Hochstand der 
Eheschließungsziffer in der Mehrzahl der Staaten, in denen die 

x ) Nach Sundbärg a. a. 0. 































Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 5 

Eheschließungen gegen Ende des vorigen Jahrhunderts ständig 
wieder zugenommen hatten, noch bis zum Jahre 1901 an, im nächsten 
oder übernächsten Jahre bereits aber fiel die Ziffer in fast allen 
diesen Staaten (in England, der Schweiz und Portugal allerdings 
erst im Jahre 1904) auf das Minimum in dem ganzen Jahrfünft, 
um sich gegen dessen Ende wieder zu erheben. Dieser plötzliche, 
nahezu allgemeine Rückgang nach einem langjährigen, ununter¬ 
brochenen Anstieg konnte nur durch tieferliegende Ursachen be¬ 
dingt sein. Als solche müssen wir hauptsächlich den Rück¬ 
schlag in der industriellen Konjunktur in den Jahren 
1902—03 bezeichnen, durch den am meisten die Zahl der Ehe¬ 
schließungen in allen deutschen und anderen Industriestaaten, 
namentlich noch in Belgien und Frankreich, beeinflußt worden ist. 
Mit der Besserung dieser Verhältnisse gegen Ende des Jahrfünfts 
ging sofort wieder eine Erhöhung der Eheschließungsziffern einher, 
die im Jahre 1905 diejenigen von 1901 in vielen Staaten nahezu 
oder vollständig erreichten (Sachsen, Schweiz) oder sogar überholten 
(Württemberg). Das Endergebnis für das ganze Jahr¬ 
fünft war je nach der Dauer oder Intensität des Rückganges 
bzw. des nachfolgenden Anstieges eine entweder Ab- oder Zu¬ 
nahme der Eheschließungsziffer gegenüber dem Jahrzehnt 1891—1900, 
wie aus der letzten Rubrik unserer Tabelle hervorgeht. Es hatten 
zu verzeichnen: 


Abnahme 

der Eheschließungszifh 

Weitere Zunahme 

irn in den Jahren 1901—05 
1891—1900: 

Keine Veränderung 

gegenüber den Jahren 

1. Sachsen 

2. Norwegen 

3. Deutschland 

4. Preußen 

5. Schottland 

6. Bayern 

7. Österreich 

1. Luxemburg 

2. Irland 

3. Württe mberg 

4. Rumänien 

5. Portugal 

6. Elsaß-Lothringen 

7. Baden 

8. Niederlande 

9. Schweiz 

10. Belgien 

11. Frankreich 

12. Spanien 

13. Hessen 

1. England 


(Die Keihenfolge ist hier nach der Höhe der relativen Zu- oder Abnahme ab¬ 
steigend angeordnet.) 

Bei den anderen Staaten, deren Eheschließungsziffern in dem 












6 


E. Roesle, 


Jahrzehnt 1891—1900 keine Zunahme gegenüber dem vorhergehenden 
aufzuweisen gehabt hatten, war das Ergebnis folgendes: 


Weitere Abnahme 


Zunahme 


Keine Veränderung 


der Eheschließungsziffern in den Jahren 1001—05 gegenüber den Jahren 

1891—1900: 


8. Finnland 

14. Bulgarien 

2. Schweden 

9. Serbien 

10. Ungarn 

15. Italien 

3. Dänemark 


Die weitere Abnahme der Eheschließungsziffer in Serbien und 
Ungarn ist nicht von Belang, denn beide Länder gehören noch 
immer zu den Staaten mit maximalster Heiratsfrequenz. Eine 
größere Bedeutung kommt jedoch dieser Abnahme in Finnland zu, 
da dessen Heiratsziffer bereits auf der untersten, normwidrigen 
Stufe jetzt angelangt ist. 1 ) Nur in zwei von diesen sieben Staaten 
haben die Eheschließungen wieder zugenommen. In Bulgarien 
war die Zunahme sogar so stark, daß wir dort in dem letzten 
Jahrfünft die höchsteEheschließungsziffer in ganz Europa 
antreffen, die bisher stets Serbien zugefallen war. Während in 
Italien sich ebenfalls eine, wenn auch nur geringe Steigerung der 
Eheschließungen ergeben hat, ist in Dänemark und Schweden noch 
keine Änderung wahrzunehmen. Der vorübergehende Niedergang 
der industriellen Konjunktur in dem letzten Jahrfünft machte sich 
naturgemäß in diesen vorzugsweise agrarischen Staaten weniger 
oder gar nicht bemerkbar. 

Was die relative Höhe der Ab- oder Zunahme der Ehe¬ 
schließungsziffer in dem Jahrfünft 1901—05 gegenüber den Besul- 
taten der Jahre 1891—1900 anbelangt, so war, wenn wir nur die 
beiden Durchschnittszahlen betrachten, die Differenz in den meisten 
Staaten nur unbedeutend. Nur bei acht von allen oben angeführten 
Staaten betrugen diese Veränderungen mehr als 5 Proz.: 


Die Abnahme war am größten: 

Die Zunahme war am größten: 

in Sachsen 9,8 °/ 0 

in Bulgarien 20,5 °/ 0 

„ Finnland 7,1 °/ 0 

„ Luxemburg 11,4 °/ 0 

„ Norwegen 6,1 °/ 0 

„ Irland 8,3 °/ 0 


„ Württemberg 6,8 °/ 0 


„ Rumänien 5,1 °/ 0 


0 Im Jahre 1906 stieg allerdings die Eheschließungsziffer in Finnland wieder 
auf 6,8 Prom. an. (Folkmängsförhallandena i Finland är 1906.) 




















Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 7 


Fassen wir das Endergebnis unserer Vergleichung 
zusammen, so hatten von den 28 Staaten, von denen bis zum Jahre 
1905 die amtliche Statistik vorliegt, in dem Jahrfünft 1901—05 
gegenüber dem vorhergehenden Jahrzehnt zu verzeichnen: 


der Eheschließungsziffer: 15 Staaten 


Zunahme 
A b n a h m e 

Keine Veränderung 


10 

2 



Durch diese Veränderungen waren wiederum einige wichtige 
Verschiebungen in der Reihenfolge der europäischen Staaten 
nach ihrer Ehehäufigkeit bedingt. Sachsen, das noch in den Jahren 
1891—1900 nach Serbien die höchste Eheschließungsziffer zu ver¬ 
zeichnen gehabt hat, erscheint nunmehr erst an 7. Stelle, so daß 
sich in dem Jahrfünft 1901—05 sämtliche slavischen und die 
übrigen osteuropäischen Staaten aneinanderreihen und die erste 
Stelle behaupten. Die hohen Ziffern von Hessen müssen um so auf¬ 
fallender erscheinen, als gegenwärtig in Deutschland derartige 
Ziffern nur in industriellen oder slavischen Bezirken vorzukommen 
pflegen. Der an und für sich unbedeutende Rückgang der Ehe¬ 
schließungen in Deutschland, der vollkommen parallel mit dem¬ 
jenigen Preußens verlief, hatte zur Folge, daß das Deutsche Reich 
von der 8. auf die 12. Stelle rückte, da seine Durchschnittsziffer 
in dem letzten Jahrfünft von Rumänien, Belgien, Baden und Spanien 
überholt worden ist. Württemberg hat seinen Platz vor Österreich, 
England, Frankreich, Bayern und der Schweiz eingenommen und 
damit beinahe den Reichsdurchschnitt erreicht. Alle übrigen Ver¬ 
änderungen waren von so geringer Natur, daß wir darüber hinweg¬ 
gehen können. 

Aus der großen Differenz zwischen dem Minimum (5,2 Prom.) und 
Maximum (10,0 Prom.) der allgemeinen Eheschließungsziffern können 
wir ersehen, wie verschieden sich in den einzelnen Ländern die 
die Häufigkeit der Eheschließungen bestimmenden Faktoren noch 
verhalten. Bei den germanischen und romanischen Völ¬ 
kern tritt die Abhängigkeit der Eheschließungen von den wirt¬ 
schaftlichen Verhältnissen in den Vordergrund, da die 
Ehen in diesen Ländern im allgemeinen erst nach Erreichung eines 
auskömmlichen Erwerbes eingegangen werden. Daher ist in diesen 
Ländern die Eheschließungsziffer von volkswirtschaftlicher Bedeu¬ 
tung, denn aus ihrem zeitlichen Verlauf können wir die ökonomische 
Entwicklung eines Landes insofern ermessen, als mit der Änderung 
dieser Entwicklung jeweils eine Zu- oder Abnahme der Ehe- 




8 E. Eoesle, 

Schließungen einherzugehen pflegt. Dieser Parallelismus kam in 
clen Jahren 1901—05 am deutlichsten in Sachsen und Belgien zum 
Ausdruck, da sich naturgemäß der bereits erwähnte Rückschlag in 
der industriellen Konjunktur in diesen Industriestaaten durch eine 
Verminderung der Eheschließungen am intensivsten geltend machen 
mußte. Es sank die Eheschließungsziffer in Sachsen von 9,1 im 
Jahre 1900, bzw. 8,4 im Jahre 1901 auf 8,1 Prom. im Jahre 1902, in 
Belgien von 8,7 sogar auf 7,9 Prom. Da dieselben Verhältnisse, wie 
wir gesehen haben, in ähnlichem Maße auch in den anderen Staaten 
obwalteten, so haben wir allen Grund, die wirtschaftliche Lage 
eines Kulturvolkes als den auf die Gestaltung der Eheschließungs¬ 
ziffer einflußreichsten Faktor nach wie vor anzusehen. 

Schon daraus geht hervor, daß die äußerst geringen Heirats¬ 
ziffern der nordischen Staaten, Schweden, Norwegen und 
Finnland, nur durch den geringen wirtschaftlichen Aufschwung 
dieser abseits vom Weltverkehr gelegenen Länder bedingt sind, in 
denen die Aussichtslosigkeit der für eine Familiengründung nötigen 
Erwerbsbeschaffung zu manchen Zeiten schon einen beträchtlichen 
Teil gerade der wertvollsten, heiratsfähigen Bevölkerung zur Aus¬ 
wanderung veranlaßt hatte. In Irland müssen für das Minimum 
der Eheschließungsziffer die sozialpathologischen Verhältnisse dieses 
Landes verantwortlich gemacht werden, dessen Entwicklung unter 
der Herrschaft des geltenden Agrarrechts bekanntlich eine rück¬ 
gängige ist. 

Die hohen Ziffern der slavischen Länder dürfen wir da¬ 
gegen weniger für einen Beweis einer günstigen wirtschaftlichen 
Entwicklung, sondern mehr für ein Zeichen der dürftigen 
Lebenshaltung und der geringen Lebensansprüche 
dieser Völker ansehen. Aus letzterem Grunde können wir auch 
die Tatsache verstehen, daß das Heiratsalter der slavischen Rasse 
im allgemeinen viel niedriger ist als der beiden übrigen europä¬ 
ischen Rassen. Mit der Steigerung der Lebensansprüche erhöht 
sich jedoch auch innerhalb jener Rasse das Heiratsalter, wenigstens 
beim männlichen Geschlecht, und vermindert sich gleichzeitig die 
Häufigkeit der Eheschließungen. Als Beispiel für diese Erscheinung 
führen wir die noch wenig bekannten Angaben über das mittlere 
Heiratsalter und die Eheschließungsziffern in Bulgarien *) — nach 
Stadt und Land getrennt — an: 


x ) Aus „Mouvement de la population“ 1901—1902. 





Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 9 


Mittleres Heiratsalter der Ledigen in Bulgarien. 



in den Städten 

auf dem Lande 

in den 

bei den 

bei den 

Jahren 






Männern 

Frauen 

Männern 

Frauen 

1901—02 

26,2 

21,4 

22,4 

21,1 


Allgemeine Eheschließungsziffer in Bulgarien. 


in den Jahren 

in den Städten 

auf dem Lande 

1901-02 

7,6 

9,5 


Aus der Höhe dieser Verschiedenheit in Stadt und Land er¬ 
sehen wir zunächst, daß das niedere mittlere Heiratsalter und die 
hohen Eheschließungsziffern nicht etwa, wie vielfach angenommen 
wird, auf einer Rasseneigentümlichkeit der slavischen Völker be¬ 
ruhen, denn das mittlere Heiratsalter der männlichen städtischen 
Bevölkerung steht nur wenig unter dem Durchschnittsalter der 
anderen Rassen und die Eheschließungsziffer in den Städten weicht 
sogar sehr bedeutend von der allgemeinen Norm dieser Länder ab. 
Als ursächliches Moment für diese Verschiedenheiten können daher 
nur die größeren Lebensansprüche der städtischen Bevölkerung, 
deren höhere Kultur sich über die Sitten des Landes erhebt, be¬ 
zeichnet werden, während die Rassenzugehörigkeit höchstens nur 
als bedingendes Moment für diese Erscheinungen in Betracht ge¬ 
zogen werden darf. Die großen Schwankungen der Heiratsziffern 
bei den slavischen Völkern in den einzelnen Jahren müssen wir 
ferner auf die verschiedene Frequenz der heiratsfähigen Alters¬ 
klassen zurückführen, da in diesen Ländern die Geburtenziffern 
seit jeher manchem jähen Wechsel unterworfen zu sein pflegen. 

Nicht unerwähnt darf bleiben, daß auch die verschiedene 
Ehedauer von Einfluß auf die verschiedene Häufigkeit der Ehen 
in den einzelnen Staaten ist. Wo die Sterblichkeit in den mitt¬ 
leren Jahren gering ist, muß die Ehedauer sich verlängern, dadurch 
aber müssen die WJederverheiratungen sich vermindern. Bei der 
verschiedenen neuzeitlichen Abnahme der Sterblichkeit gewinnt 
dieser Faktor noch mehr an Bedeutung. In den Ländern mit 
niedrigster Heiratsziffer, wie in Schweden und Norwegen, treffen 



















10 E. Koesle, 

wir auch die niedrigste Sterblichkeit in den mittleren Lebensjahren 
und müssen daher auch auf eine längere Ehedauer in diesen 
Ländern schließen. 

Neben der Zunahme der Ehedauer macht sich in allen euro¬ 
päischen Staaten eine fortschreitende Verjüngung des mitt¬ 
leren Heiratsalters bemerkbar. Diese Tatsache müssen wir 
als eine Folge der zunehmenden Berufsverschiebungen unserer Zeit, 
d. h. der Zunahme der Unselbständigen betrachten, deren mittleres 
Heiratsalter nach den Untersuchungen Prinzings 1 ) gewöhnlich 
2—4 Jahre niedriger als bei den Selbständigen (auch bei den 
selbständigen Bauern) ist. Das niedrigste mittlere Heiratsalter 
finden wir bekanntlich in Serbien, das höchste in Schweden: 


Mittleres Heiratsalter der Ledigen: 


in den 
Jahren 

bei den Männern 

bei den Frauen 

in Serbien 

in Schweden 

in Serbien 

in Schweden 

1896-1900 

21,75 

28,67 

19,71 

26,67 

1901—1904 

21,64 

28,57 

19,89 

26,46 


In Preußen hat seit dem Jahre 1901 keine Abnahme des 
mittleren Heiratsalters mehr stattgefunden; das durchschnittliche 
Heiratsalter aller Eheschließenden betrug in jedem Jahre von 1901 
bis 1905 bei den Männern 28,9, bei den Frauen 25,7 Jahre. Die 
hier angeführten Ziffern sind die geringsten, die bisher in diesen 
Ländern verzeichnet worden sind. Von einem ehefördernden Ein¬ 
fluß infolge der Verjüngung des Heiratsalters kann jedoch im all¬ 
gemeinen nicht die Rede sein. 

Die Eheschließungen in Stadt und Land. Um auch die 
internen Eheschließungsverhältnisse zu streifen, wollen wir die An¬ 
gaben über die Eheschließungen in Stadt und Land in unsere ver¬ 
gleichende Betrachtung einbeziehen. Da die Trennung von Stadt 
und Land fast nirgends nach der einheitlichen, internationalen 
Grundlage durchgeführt wird, so hat eine derartige Vergleichung 
freilich nur einen beschränkten Wert. Immerhin können wir aus 
einem solchen Vergleiche einige Anhaltspunkte über den spezielleren 
Aufbau der Eheschließungsziffern gewinnen. 

Die demologischen Verschiebungen, die der unaufhaltsame Zug 


OPrinzing, Heiratshäufigkeit und Heiratsalter nach Stand und Beruf. 
Zeitschr. f. Sozialwissenschaften, Bd. VI. 













Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 11 

nach der Stadt in allen Kultur- und namentlich in den Industrie¬ 
staaten schon zur Folge gehabt hat, treten uns in ausgesprochener 
Weise in der allgemeinen Eheschließungsziffer in Stadt und Land 
entgegen. Es liegt in der Natur der Verhältnisse, daß die Höhe 
dieser Ziffer, auf welche die Anzahl der heiratsfähigen Personen 
in einer Bevölkerung von bestimmendem Einfluß ist, in den 
Städten größer sein muß als auf dem Lande, da die Abwande¬ 
rung vom Lande in die Städte gerade im heiratsfähigen Alter am 
größten ist. Wie die folgende Tabelle uns jedoch lehrt, treffen wir 
neben diesem Ergebnis zurzeit auch noch das entgegengesetzte 
Verhalten der Eheschließungsziffer in Stadt und Land: 


Allgemeine Eheschließuugsziffern in Stadt und Land. 

Auf je 1000 Einwohner treffen Eheschließungen: 


in den 
Ländern 

in den Jahren 

in Stadt 

in Land 

Eheschließungsziifer 
in Stadt = größer, 
— = geringer 

Preußen 

1891—1900 

9,3 

7,7 

-f- 1,6 


1901—1905 

8,9 

7,6 

+1,6 

Bayern 

1891—1900 

9,3 

7,3 


b 2,0 


1901—1905 

8,6 

7,3 


b 1,3 

Baden 

1891—1900 

9,8 

7,2 

+ 2,6 


1901—1905 

9,8 

7,3 

+ 2,5 

Schottland 

1891-1900 

7,2 

5,2 

+ 2,0 


1901—19U5 

7,0 

4,9 

+ 2,1 

Schweden 

1891—1900 

7,1 

5,6 

+1,5 


1901—1904 

7,3 

5,5 

+ 1,8 

Finnland 

1891—1900 

8,4 

6,8 


b 1,6 


1901—1905 

7,5 

6,3 


b 1,2 

Frankreich 

1897-1900 

7,4 

7,5 


-0,1 


1901—1905 

7,4 

7,5 


-0,1 

Bulgarien 

1896—1900 

8,0 

8,5 


- 0,5 


1901—1902 

7,5 

9,5 


-2,0 

Serbien 

1893—1900 

9,6 

10,0 


-0,4 


1901—1905 

7,4 

10,2 


-2,8 


Anmerkungen zu obiger Tabelle: 

Diese und die nachfolgenden Tabellen über die Bevölkerungsbewegung in 
Stadt und Land sind nach den amtlichen Angaben der einzelnen Staaten über 
„Stadt“ und „Land“ zusammengestellt. 

Da die schottische Statistik nicht Stadt und Land unterscheidet, sondern 


















12 E. Roesle, 

nach Principal-, Large-, Small Towns, Mainland-Rural und Insular-Rural trennt, 
so sind hier des Vergleichs wegen nur Large Towns und Mainland-Rural gegen¬ 
übergestellt. 

Bei Frankreich ist aus dem gleichen Grunde die weitere Trennung in 
„Departement de la Seine“ stets weggelassen; die Eheschließungsziffer ist hier 
höher als bei der übrigen Stadt- und bei der Landbevölkerung (1901—05: 9,4Prom.). 

Trotz der bedeutenden Differenz zwischen den Ziffern für Stadt 
und Land wäre es jedoch nicht richtig, von einer verminderten 
Heiratslust der Landbevölkerung zu reden, denn die spezielle 
Heiratsfrequenz, die nur die im heiratsfähigen Alter stehenden 
Personen in vergleichende Berechnung zieht, bezeugt gerade das 
Gegenteil. Die preußische Statistik*) gibt uns darüber den besten 
Aufschluß: 


Spezielle Heiratsfrequenz in Preußen. 
Von je 1000 ledigen 



über 20 Jahre alten Männern 

über 15 Jahre alten Frauen 

in den 
Jahren 


heirateten jährlich 



in Stadt 

in Land 

in Stadt 

in Land 

1890—91 

1895—96 

19C0-01 

84.5 

83.6 

86.7 

101,6 

101,8 

107,6 

64,3 

61,8 

65,7 

65,4 

66,2 

72,3 


Die wirkliche Zunahme der Eheschließungen unter den 
heiratsfähigen Personen ist also nach diesen Angaben in den 
Städten viel geringer als auf dem Lande, so daß wir die 
Differenz der Eheschließungsziffern in voriger Tabelle ausschlie߬ 
lich auf den verschiedenen Altersaufbau, der bei einer Vergleichung 
von Stadt und Land, wie wir schon eingangs erwähnten, nicht un¬ 
berücksichtigt bleiben darf, zurückführen müssen. Eigentlich sollte 
man gerade in den Städten infolge der günstigeren Erwerbs¬ 
verhältnisse eine größere Zunahme sowohl der allgemeinen Ehe¬ 
schließungsziffer wie auch der speziellen Heiratsfrequenz erwarten; 
wir würden diese wohl auch finden, wenn wir eine derartige Unter¬ 
suchung über die arbeitenden Klassen allein anstellen könnten. 
Da aber in den Städten die wohlhabenden Kreise, bei denen er¬ 
fahrungsgemäß das Heiratsalter höher und damit die Heirats¬ 
wahrscheinlichkeit geringer ist, einen nicht unbedeutenden Teil der 


*) Preußische Statistik Bd. 188. 













Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 13 

Bevölkerung - ausmachen, so würde sich weiter ergeben, daß jenes 
gefundene Plus je nach der Höhe des Prozentanteils der wohl¬ 
habenden Bevölkerung mehr oder minder kompensiert wird. Die 
allgemeine Ursache der geringeren Zunahme der Heiratsfrequenz 
in den Städten kann daher nur in der fortschreitenden Ausdehnung 
des Wohlstandes, mit dem sich zugleich die Lebensansprüche er¬ 
höhen, zu suchen sein. In den slavischen Ländern, wie in Serbien 
und Bulgarien, kommt dieser Einfluß auch in der allgemeinen Ehe¬ 
schließungsziffer der Städte, wie bekannt, zum Ausdruck, da die 
Altersbesetzung dieser Völker in Stadt und Land infolge der ge¬ 
ringeren Agglomeration der Bevölkerung viel weniger differiert 
als in den anderen Staaten. Aus diesen Gründen erklärt sich auch 
das scheinbar heterogene Verhalten der Eheschließungsziffer in den 
Städten bei diesen Völkern im Vergleich mit den übrigen. 

In der Differenz zwischen der Eheschließungsziffer in Stadt 
und Land müssen wir weiterhin einen Ausdruck der Berufs¬ 
verschiebungen innerhalb der einzelnen Staaten erblicken. Da 
der Zug nach der Stadt in Wirklichkeit ein Abwandern der produk¬ 
tiven Altersklassen vom Lande, d. h. von der Landwirtschaft zur 
Industrie darstellt, so müssen wir bei letzterer Berufsklasse relativ 
vielmehr heiratsfähige Personen und demnach auch eine größere 
Eheschließungszilfer vermuten. Über das tatsächliche Verhalten 
der Eheschließungsziffer innerhalb der vier wichtigsten Berufs¬ 
gruppen belehrt uns allein die Statistik von Schweden, wo die 
jährlich fortgeschriebene Gesamtbevölkerung nach ihrer Zugehörig¬ 
keit zu einer dieser Berufsklassen ausgezählt wird. Dadurch läßt 
sich die Zahl der Eheschließungen, die auf sämtliche Angehörigen 
jeder Berufsart treffen, jährlich berechnen: 

Häufigkeit der Eheschließungen nach Berufen in 

Schweden. 1 ) 

Auf je 1000 Berufsangehörige treffen Eheschließungen: 


nach dem Berufe des Ehegatten 

in den Jahren 1901—1904 

1. Landwirtschaft. 

4,78 

2. Industrie- und Bergbau. 

7,17 

3. Handel und Verkehr. 

7,75 

4. Freie und sonstige Berufe .... 

6,33 

zusammen: 

5,92 


0 Berechnet nach der „Befolkningsstatistik“ 1901—1904 
















14 E. Eoesle, 

In diesen Ziffern können wir in der Tat — viel deutlicherer 
als bei der Trennung nach Stadt und Land — den verschiedenen 
Einfluß der einzelnen Berufsarten auf die Häufigkeit der Ehe¬ 
schließungen gemäß ihrer verschiedenen Altersbesetzung wahr¬ 
nehmen. Wenn wir auch nicht die schwedischen Verhältnisse 
generalisieren dürfen, so geben sie uns doch einen wertvollen Ein¬ 
blick in die allgemeine Umgestaltung der Erwerbsverhältnisse an¬ 
läßlich der zunehmenden Industrialisierung der europäischen Kultur¬ 
staaten. 

II. Die Geburten. 

Über die natürliche jährliche Bevölkerungszunahme in einem 
Lande unterrichtet uns die Geburtenziffer, während uns die Frucht¬ 
barkeitsziffer über die Gebärtüchtigkeit der im zeugungsfähigen 
Alter stehenden Frauen Aufschluß gibt. Gleiche Fruchtbarkeits¬ 
ziffern in zwei Staaten bedingen naturgemäß nicht auch gleiche 
Geburtenziffern, diese müssen vielmehr in dem Staate höher sein, 
in dem der Prozentanteil der verheirateten, gebärfähigen Frauen 
größer ist als in dem anderen Staate. Wir begnügen uns, allein 
die objektive Geburtenhäufigkeit in den einzelnen Ländern fest¬ 
zustellen und zwar nur die Anzahl der Lebendgeborenen im 
Verhältnis zur mittleren Gesamtbevölkerung, da uns diese Zahl in 
einfachster Weise von dem Reproduktionserfolg der ver¬ 
schiedenen Völker, den wir speziell vergleichen wollen, Zeugnis 
gibt. Die Totgeborenen, die ohne effektiven Wert für die Be¬ 
völkerungsvermehrung sind, müssen wir bei internationalen Ver¬ 
gleichen schon deshalb außer acht lassen, weil ihre Registrierung 
in einigen Staaten überhaupt nicht erfolgt. 

Die relative Zahl der Geburten differiert bekanntlich viel be¬ 
deutender bei einem Vergleiche der verschiedenen Völker, als in 
ihrem zeitlichen Verlaufe bei jedem einzelnen Volke. Doch lassen 
sich wie bei den allgemeinen Eheschließungsziffern auch in dem 
Verlaufe der Geburtenziffern der verschiedenen Staaten gemein¬ 
same Grundströmungen nachweisen, die sich entweder in 
einer allgemeinen Zu- oder Abnahme der Geburten geltend 
machen. So sehen wir im Laufe des vorigen Jahrhunderts das 
eine Mal einen allgemeinen Rückgang der Geburten zur Zeit der 
schwersten wirtschaftlichen Krisis Ende der 40 er und Anfang der 
50er Jahre, während wir das andere Mal wieder, gleichsam als 
Reaktion nach jener Krisis, eine allgemeine Zunahme wahrnehmen 
können. Seit Ende der 60 er, bzw. Mitte der 70 er Jahre setzte 




Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 15 

allmählich nach einer längeren Periode gesteigerter Fruchtbarkeit 
ein anhaltendes Sinken der Geburtenziffern in ganz Europa ein, 
wie es bis dahin in gleichem Maße noch nicht zur Aufzeichnung 
gelangt war. So kam es, daß die Geburtenziffern im letzten Jahr¬ 
zehnt des vorigen Jahrhunderts in fast allen europäischen Staaten 
das Minimum seit ihrer Registrierung erreichten. Am wenigsten 
machte sich diese sinkende Tendenz bis jetzt in den slavischen 
Ländern bemerkbar, am meisten dagegen in Frankreich, Irland und 
Schweden. 

Die Vermutungen, die man angesichts dieser Tendenz der Ge¬ 
burtenziffern gegen Ende des vorigen Jahrhunderts hegen mußte, 
haben sich in den ersten fünf Jahren dieses Jahrhunderts immer 
mehr bestätigt, denn der Rückgang der Geburten ist fast allgemein 
noch weiter vorgeschritten. Die folgende Tabelle gibt uns ein 
Bild von der Häufigkeit der Geburten während dieser Zeit in Ver¬ 
bindung wieder mit dem letzten Jahrzehnt des vorigen Jahr¬ 
hunderts : 

(Siehe Tabelle Seite 16.) 

Bringen wir zunächst diese Ergebnisse mit den Eheschlies¬ 
sungsziffern in Verbindung, indem wir die in den beiden 
Vergleichsperioden sich ergebende prozentuale Ab- bzw. Zunahme 
der Geburten und Eheschließungen einander gegenüberstellen, so 
finden wir, daß in allen den Staaten, deren Geburtenziffern im 
Durchschnitt der Jahre 1901—1905 wieder zugenommen haben, 
auch die Eheschließungen angestiegen sind. Andererseits bemerken 
wir in der Mehrzahl der Staaten mit abnehmenden Geburtenziffern 
eine gleichzeitige Verminderung der Eheschließungen, jedoch auch 
teilweise eine Zunahme der letzteren. Die folgende Tabelle, in 
der wir die europäischen Staaten nach der Höhe der relativen Zu- 
bzw. Abnahme der Geburtenziffern angeordnet haben, gibt uns eine 
Übersicht über die Beziehungen dieser beiden Bevölkerungsvor¬ 
gänge in den jüngsten Jahren: 

(Siehe Tabelle Seite 17.) 




16 E. Roesle, 


Allgemeine europäische Geburtenziffern. 


Reihenfolge 

1901—1905 

Auf je 1000 Einwohner 
Leb( 

in den Ländern: 

der m: 
^ndge 

> pi© 

^ oO 
Ü >C5 

rH 

Ö ^ 1 

Q.tS 1 
5Ü>55 

,H cqH 

ittlerei 

borei 

i 

1901 

[i Be 1 
ne: 

n de] 

1902 

rölkerung 

li Jahren: 

19031904 

trefft 

1905 

im Durch- p 

schnitt von 

1901—1905 

Relative 
Ziffern des 
Jahrfünfts 
1901-1905, 
wenn d. Ziff. 
d Jahrzehnts 
1891—1900 
= 100 gesetzt 
werden: 

1. 

Rußland 

48,7 

47,9 

_ 

_ 


_ 

_ 


2. 

Bulgarien 

39,5 

37,7 

39,2 

41,2 42,8 

43,8 

40,9 

103,5 

3. 

Rumänien 

40,8 

39,9 

39,0 

40‘0 40,1 

38,1 

39,4 

96,6 

4. 

Serbien 

41,7 

38,0 

38,1 

40,9 39,8 

37,3 

38,8 

93,0 

5. 

Ungarn 

40,6 

37,8 

38,8 

36,7 37.0 

35,7 

37,2 

91,6 

6. 

Bayern 

36,5 

37,5 

36,8 

35,7 

35,7 

34,8 

36,1 

98,9 

7. 

Österreich 

37,2 

36,8 

37,2 35,3 35,6 

34,0 

35,8 

96,2 

8. 

Spanien 

35,0 

34,7 

35,6 36,4 34,4 

35,4 

35,3 

100,9 

9. 

Preußen 

37,1 

36,5 

35,8 34,7 34,9 

33,5 

35,1 

94,6 

10. 

Sachsen 

39,5 

37,0 

35,9 34,2 33,9 

32,0 

34,6 

87,6 

11. 

Deutsches Reich 

36,1 

35,7 

35,1 33,9 34,1 

33,0 

34,4 

95,3 

12. 

Württemberg 

34,2 

35,0 

34,7 33,7 34,0 

33,1 

34,1 

99,7 

13. 

Baden 

33,2 

35,1 

34,2 33,4 33,9 33,1 

33,9 

102,1 

14. 

Italien 

35,0 

32,5 

33,4 31 7 32,8 32,5 

32,6 

93,1 

15. 

Hessen 

32,2 

33,3 

32,9 31,9 32,1 

30,9 

32,2 

100,0 

16 

Portugal 

30,6 

31,0 

31,9 33,1 

32,1 

— 

32,0 

104,6 

17. 

Niederlande 

32,5 

32,3 

31,8 31,6 

31,1 30,8 

31,5 

96,9 

18. 

Finnland 

32,2 

32,5 

31,5 30,4 31,8 30,6 

31,4 

97,5 

19. 

Luxemburg 

28,8 

31,6 

31,1 £9,7 30,5 30,1 

30,6 

106,3 

20. 

El saß-Lothringen 

30,4 

30,9 

30,i;29,l 

29,5 

29,0 

29,7 

97,7 

21. 

Schottland 

30,3 

29,5 

29,2 29,2 

28,6 

28,1 

28,9 

95,4 

22. 

Dänemark 

30,2 

29,8 

29,328,7 

28,6 

28,1 

28,9 

95,7 

23. 

Norwegen 

30,3 

29,5 

28,9 28,7 

28,1 

27,2 

28,5 

94,1 

24. 

England und Wales 

29,9 

28,5 

28,5 28,4 

27,9 

27,2 

28,1 

91,0 

25. 

Schweiz 

27,9 

29,1 

28,727,7 

27,7 

27,4 

28,1 

100,7 

26. 

Belgien 

29,0 

29,7 

28,4 27,5 

27,1 

26,2 

27,7 

95,5 

27. 

Schweden 

27,1 

27,0 

23,0^25,7 

25^8 

25,7 

26,1 

96,3 

28. 

Irland 

23,1 

22,7 

23,023,1 

23,6 

23,4 

23,2 

100,4 

29. 

Frankreich 

22,2 

22,0 

21,621,1 

1 

21,0 

20,5 

21.2 

95,5 

Cranz Europa 

| 37,0 1 )|36,5 1 ) 

— 

— 


— 


— 


l ) Nach Sundbärg. 

































Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 17 


Verhältnis der relativen Zu- oder Abnahme der Ge¬ 
burtenziffern zu den Eheschließungsziffern 

in den Jahren 1901—1905 gegenüber den Jahren 1891—1900. 


Zunahme der Geburtenziffer 


Abnahme der Geburtenziffer in den Jahren 
1901—1905 


in den Ländern 

Geburtenz. 

stieg 
in Proz. 

Eheschi.-Z. 
stieg 
in Proz. 

in den Ländern 

Geburtenz. 

fiel 

in Proz. 

Ehesch 

tsj 

I—1 p 

CD * 

q=! Ph 

.3 

liefiun 

. ts3 
b£ o 

O» +- 1 

*42 Ph 

00 ö 

• pH 

gsziffer 

§.§ 

•s s 
-M äs 




Sachsen 

-12,4 

— 8,8 






Ungarn 

- 8,4 

-1,1 

— 

— 




Serbien 

- 7,0 

-i,o 

— 

— 

Luxemburg 

+ 6,3 

+ 11,4 

Italien 

- 6,9 


+ 1,4 

— 




England 

— 6,0 

— 


± o 




Norwegen 

— 5,9 

— 6,1 

— 

— 




Preußen 

— 5,6 

— 2,4 

— 

— 




DeutschesReich 

— 5,0 

— 2,4 

— 

— 

Portugal 

+ 4,6 

+ 4,5 

Schottland 

- 4,6 

-M 

— 

— 




Frankreich 

- 4,5 


+ 

— 




Belgien 

- 4,5 


+ 1,3 

— 




Dänemark 

- 4,3 

_ 


± 0 




Österreich 

— 3,8 

— 1,2 

i 

— 




SchAveden 

- 3,7 


— 

Hh 0 

Bulgarien 

+ 3,5 

+ 20,5 

Rumänien 

- 3,4 

— 

+ 5,1 

_ 




Niederlande 

- 3,1 

— 

+ 2,7 

— 

Baden 

+ 2,1 

+ 3,8 

Finnland 

- 2,5 

— 5,8 


— 

Spanien 

+ 0,9 

+ 1,8 

Bayern 

- 1,1 

-1,3 

— 

— 

Schweiz 

+ 0,7 

fl - 1J 

Elsaß-Lothring. 

- 0,7 

— 

+ 4,2 

— 

Irland 

+ 0,4 

+ 8,3 

W ürttemberg 

— 0,3 

— 

+ 6,8 

— 




Hessen 

+ 0,0 

— 

+ 1,2 

— 

Anzahl der Staaten 

7 

7 

Anzahl der Staaten 

! 21 

10 

8 

3 

i d 


Aus der Tatsache, daß von den 15 Staaten mit zunehmender 
Eheschließungsziffer nur 7 eine gleichzeitige Erhöhung, 7 dagegen 
eine Verminderung der Geburtenziffern zu verzeichnen hatten, geht 
hervor, daß von einem allgemein gültigen Einfluß der Zunahme 
der Eheschließungen auf die Häufigkeit der Geburten nicht mehr 
die Eede sein kann. Verfolgen wir die Geburten- und Eheschlies¬ 
sungsziffern in den einzelnen Jahren, so bemerken wir, daß ihr 
beiderseitiger Verlauf größtenteils sogar divergierend war. Während 
der Verlauf der Eheschließungsziffer in der Mehrzahl der Staaten 
eine Kurve mit einem nach oben offenen stumpfen Winkel be¬ 
schreibt, bildet die Geburtenkurve fast überall eine mehr oder 
minder gleichmäßige, nach abwärts gerichtete Linie. Nach dem 
Aufhören der industriellen Krisis haben sich zwar, wie wir wissen, 
die Eheschließungsziffern rasch wieder erhöht, die Geburtenziffern 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 2 


























18 E. Roesle, 

haben aber trotzdem weiter abgenommen, so daß sich in dem 
Jahre 1905 in 24 von den 28 Staaten unserer Betrachtung das 
Minimum der Geburtenziffern im ganzen Jahrfünft ergeben hat. 
Aus diesem entgegengesetzten Verlauf ersehen wir weiter, daß die 
Schwankungen in den wirtschaftlichen Verhältnissen zwar noch 
die Eheschließungsziffern, nicht aber mehr die Geburtenziffern zu 
beeinflussen vermögen. 

Aus dem Verhalten der Eheschließungsziffern in dem letzten 
Jahrfünft gellt also hervor, daß deren Verlauf mit dem fort¬ 
schreitenden Rückgang der Geburtenziffern während dieser Zeit 
außer höchstens in Sachsen, Norwegen und Finnland, in welchen 
Ländern wir allein eine bedeutungsvolle Abnahme der Eheschlies¬ 
sungen gefunden haben, in keiner bemerkbaren ursäch¬ 
lichen Beziehung gestanden hat, denn wir hätten infolge der 
Zunahme der Eheschließungen eigentlich ein Wiederansteigen der 
Geburtenziffern in einer viel größeren Zahl von Staaten erwarten 
sollen. Da sich die Geburtenziffern trotzdem vermindert haben,, 
so müssen wir die Ursache hierfür in anderen Momenten suchen. 

Während wir früher nur zu Zeiten schwerster wirtschaftlicher 
Depression eine allgemeine Geburtenabnahme in Europa sich ent¬ 
wickeln sahen, nehmen wir mit dem Fortschritt der Kultur gegen¬ 
wärtig immer mehr ein progressives Sinken der Geburten in den 
meisten Kulturstaaten wahr. Während in jenen früheren Zeiten 
aber die Faktoren vorherrschten, die geburtsvermindernd 
wirkten, wie wirtschaftliche Krisis, Abnahme der Heiratsziffer, 
Zunahme des Heiratsalters, der Sterblichkeit und der Auswande¬ 
rung, treten jetzt mehr denn je die geburtsvermehrenden 
Faktoren, wie Zunahme der Eheschließungen und der Ehedauer, 
Verjüngung des Heiratsalters, hervor. Daß der Einfluß dieser 
Faktoren dennoch den Geburtenrückgang nicht zu hemmen ver¬ 
mochte, kann nur daran gelegen sein, daß dieser Einfluß von 
mächtigeren, geburtsvermindernden Faktoren über¬ 
kompensiert worden ist. Als letztere müssen wir den Fort¬ 
schritt der Kultur selbst und den zunehmenden Wo bi¬ 
st and bezeichnen. 

Der Fortschritt der Kultur hat die älteren Anschauungen 
über den Segen des Kinderreichtums in immer weiteren Kreisen 
erschüttert und zugleich auch die Kenntnis der vorbeugenden 
Mittel verbreitet. Mit dem zunehmenden Wohlstand hat sich auch 
in den unteren Volksschichten bei allen Kulturvölkern die Lebens¬ 
haltung verbessert und haben sich zugleich die Bedürfnisse des- 




Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 19 

Einzelnen gesteigert, deren Befriedigung nach dem Beispiel der 
Wohlhabenden zu einer allgemeineren Beschränkung der Nach¬ 
kommenschaft geführt hat. 

Als einen weiteren geburtsvermindernden Faktor haben 
wir auch den Rückgang der Säuglingssterblichkeit an¬ 
zusehen, der erst mit Beginn dieses Jahrhunderts in allen Staaten 
in intensiverer Weise eingesetzt hat. Die zunehmende Zahl der 
überlebenden Kinder mußte doch gerade bei dem allgemeinen 
Wunsche nach mäßiger Kinderzahl eine Einschränkung in deren 
Erzeugung heraufbeschwören. Wenn wir diese Verhältnisse inner¬ 
halb eines Landes betrachten, so finden wir unterschiedlich vom 
platten Land vorzugsweise in den Städten, wo Kultur und 
Wohlstand sich in viel höherem Grade entwickelt haben, mit der 
Abnahme der Säuglingssterblichkeit auch eine Abnahme der Ge¬ 
burten einhergehen. In Deutschland sind bekanntlich diese beiden 
Erscheinungen in ausgesprochener Weise vornehmlich in den Gro߬ 
städten zutage getreten. Wenn wir die korrekteren Ziffern der 
ehelichen Fruchtbarkeit mit den Säuglingssterbeziffern in 
Stadt und Land, wie es die preußische Statistik gestattet, in 
vergleichende Beziehung bringen, so ergibt sich aus dem zeitlichen 
Verlauf dieser beiden Ziffern ein bedeutungsvoller Unterschied 
zwischen Land und Stadt: 


Abnahme der ehelichen Fruchtbarkeit und Säuglings 
Sterblichkeit in Preußen. 


In den nach 

Auf je 100 verheiratete 


Auf je 100 ehelich Lebend¬ 

den Volks¬ 

Frauen im Alter von 15 

Im Durch¬ 

geborene trafen Sterbe¬ 

zählungen 

bis 45 Jahren kamen 

schnitt der 

fälle im 1. Lebens- 

folgenden 

Geburten 1 ) 

Jahre 

jahre 2 ) 

Jahren 

in S t a d t 

in Land 


in Stadt 

in Land 

1891 

29,7 

34,7 

1891—95 

20,3 

18,7 

1896 

27,9 

34,3 

1896—00 

19,5 

18,5 

1901 

26,6 

33,7 

1901—05 

18,1 

17,8 


Setzen wir in beiden Tabellen jeweils die Ziffern für das Jahr 
1891 bzw. für den Durchschnitt der Jahre 1891—1895 = 100, so 
betrug: 


x ) Zitiert nach Mombert (a. 1. c.). 

2 ) Preußische Statistik Bd. 188, 195, 199. 

2* 













20 


E. Roesle, 


die eheliche Fruchtbar¬ 
keit 

in dem Jahre 1901 
in Stadt: in Land: 

89 , 5 . 97,1. 


die Sterblichkeit der ehe¬ 
lichen Säuglinge 
in den Jahren 1901—1905 
in Stadt: in Land: 

89 , 2 . 95,2. 


AVir sehen aus diesem Beispiel, daß die Fruchtbarkeit in den 
preußischen Städten gleichsam gesetzmäßig mit der Säuglings¬ 
sterblichkeit abgenommen hat, während auf dem Lande sich weder 
die Fruchtbarkeit noch die Säuglingssterblichkeit während dieser 
Zeit wesentlich verändert hat. Die Vermutung, daß sich, falls die 
Säuglingssterblichkeit auch auf dem Lande bedeutender abnehmen 
wird, auch die Fruchtbarkeit auf dem Lande in einem viel höheren 
Grade als gegenwärtig vermindere, dürfte nicht abzuweisen sein, 
wenn dagegen auch einige entgegengesetzte Beispiele ] ) angeführt 
werden können. Von maßgebender Bedeutung für die Beurteilung 
der früheren und jetzigen Fruchtbarkeitsziffern in einem Lande 
dürften die A^erhältnisse in Schweden sein. Dort hatte nach 
Sundbärg 2 ) seit Mitte des 18. Jahrhunderts bis gegen Ende der 
80er Jahre des vorigen Jahrhunderts die eheliche Fruchtbarkeit 
nicht abgenommen, obwohl sich die Zahl der Kinder in einer 
Familie infolge des ständig fortschreitenden Rückganges der Säug¬ 
lingssterblichkeit fast verdoppelt hatte. A T on diesem Zeitpunkte 
ab trat aber eine entscheidende Wendung ein. Die Fruchtbarkeit 
sank in Stadt und Land, auf dem Lande nur langsamer als in den 
Städten, wo wieder die höhere Kultur und der größere Wohlstand 
eine intensivere Einschränkung der Kinderzahl geboten: 


Abnahme der ehelichen Fruchtbarkeit in Schweden. 

Auf je 100 verheiratete Frauen im Alter von 15—45 Jahren 

trafen Geburten: 


in den Jahren 

in Stadt 

in Land 

in ganz Schweden 

1871—1880 

28,5 

80,4 

30,1 

1881—1890 

27,9 

29,5 

29,2 

1891—1900 

24,1 

28,6 

27,6 

1901—1904 

— 

— 

26,4 


Solche Beispiele finden sich namentlich bei Mombert, Studien zur Be¬ 
völkerungsbewegung in Deutschland. 

2 ) Sundbärg, Bevölkerungsstatistik Schwedens 1750—1900. Die Angaben 
über die Säuglingssterblichkeit sind der schwedischen Befolkningsstatistik ent¬ 
nommen. 
















Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 21 


Abnahme der Säuglingssterblichkeit in Schweden. 
Von je 100 Lebendgeborenen starben: 


in den Jahren 

in Stadt 

in Land 

in ganz Schweden 

1860—1866 

19,4 

12,4 

13,3 

1871—1880 

— 

— 

13,0 

1881—1890 

14,9 

10,2 

11,1 

1891—1900 

13,0 

9,5 

10,2 

1901—1904 

11,2 

8,6 

9,2 


Der größeren Abnahme der Säuglingssterblichkeit in den 
Städten entsprach, wie wir sehen, eine größere Abnahme der 
Fruchtbarkeit daselbst, doch finden wir in Schweden auch auf dem 
Lande eine Übereinstimmung in der beiderseitigen Abnahme der 
Fruchtbarkeit und Säuglingssterblichkeit. Die Sterbeziffern der 
ehelichen Säuglinge, deren Vergleichung hier richtiger wäre, 
liegen nicht für die ganze Beobachtungszeit vor; in den Jahren 
1901—1904 betrugen diese nach unseren Berechnungen in Stadt 
9,2 Proz., in Land 8,2 Proz. der Lebendgeborenen. 

Zwar lehren uns die diesbezüglichen Verhältnisse in Nor¬ 
wegen, daß gleichwohl in einem Lande große Fruchtbarkeit und 
minimale Säuglingssterblichkeit nebeneinander bestehen können, — 
die Fruchtbarkeit der verheirateten Frauen im Alter von 15 bis 
45 Jahren betrug dort in den Jahren 1891—1900 noch 30,8 Proz., 
die Gesamtsäuglingssterblichkeit dagegen nur 9,7 Proz. der Lebend¬ 
geborenen — doch dürfte das Beispiel Schwedens viel öfters in 
Zukunft zum Vorbild für andere Völker werden. 

Die Geburtenziffern in Stadt und Land. Nach dieser kurzen 
Betrachtung der Fruchtbarkeitsziffern, die einen korrekteren Ver¬ 
gleich der Geburtenhäufigkeit zwischen Stadt und Land ermög¬ 
lichen, gehen wir nun zu der üblicheren Trennung der Geburten¬ 
ziffern nach Stadt und Land über. Da wir wissen, daß sowohl die 
Zahl der Eheschließungen wie der im fruchtbaren Alter stehenden 
Bevölkerung in den Städten fast allgemein viel größer ist als auf 
dem Lande, so müßten unter normalen Verhältnissen auch die Ge¬ 
burtenziffern in den Städten viel größer sein. Aus der geringeren 
ehelichen Fruchtbarkeit der Städte, die auch nicht durch das 
Plus der unehelichen Fruchtbarkeit aufgewogen wird, geht jedoch 
deutlich genug hervor, daß das Gegenteil in Wirklichkeit der Fall 
sein muß. 

Zum Beweise hierfür geben wir folgende Angaben aus den 
amtlichen Quellen werken einzelner Staaten wieder: 












22 E. Boesle, 


Allgemeine Geburtenziffern in Stadt und Land. 

Auf je 1000 Einwohner treffen Geburten: 


in den Ländern 

in den Jahren 

in Stadt 

in Land 

Geburten¬ 
ziffer in Stadt 
+ = größer, 
—=geringer 

Preußen 

1891-1900 

35,5 

40,1 


- 4,6 


1901—1905 

32,9 

38,9 


- 6,0 

Bayern 

1891—1900 

34,9 

38.4 


- 3,5 


1901—1905 

33,3 

38,2 


- 4,9 

Sachsen 

1896—1900 

36.2 

42,3 


- 6,1 


1901-1905 

31,7 

36,5 


- 4,8 

Schottland 

1891—1900 

32,6 

27,1 

+ 5 ,5 


1901—1905 

81,1 

25,5 

+ 5,6 

Schweden 

1891—1900 

27,1 

27,2 


- 0,1 


1901-1905 

26,0 

26,3 


- 0,3 

Finnland 

1891—1900 

28,7 

32,7 


- 4,0 


1901-1905 

27,9 

31,9 


- 4,0 

Frankreich 

1898—1900 

22,0 

21,4 


h 0,6 


1901—1905 

21,4 

21,1 


- 0,3 

Bulgarien 

1896—1900 

35,8 

42,7 


- 6,9 


1901—1902 

31,1 

40,5 


- 9.4 

Serbien 

1893—1900 

33,3 

42,5 


- 9,2 


1901—1905 

29,1 

40,3 


-11,2 


Anmerkungen zu obiger Tabelle: 

In Preußen und Bayern mit, in den übrigen Ländern ohne Totgeborene. 
(Die Höhe der Totgeburtenziffer beträgt gegenwärtig ca. 1,0 auf 1000 Einwohner.) 

In Sachsen sind die Gemeinden mit überund unter 8000 Einwohnern von¬ 
einander geschieden. (Nach den Jahresberichten des Kgl. sächs. Landesmedizinal¬ 
kollegiums.) 

In Frankreich ist der Unterschied auch zwischen dem Departement de la 
Seine und Land nur unbedeutend, die Jahre 1901—05 weisen sogar gleiche Durch¬ 
schnittsziffern auf. 

Die Geburtenziffern in den Städten sind also größtenteils nicht 
nur geringer, sondern haben während der letzten Beobachtungs¬ 
periode in allen obigen Staaten viel intensiver abgenommen als 
diejenigen des platten Landes; nur in Sachsen hat sich — abge¬ 
sehen von Frankreich — dieser Unterschied infolge der gleich¬ 
zeitigen Geburtenabnahme des Landes vermindert. Nicht überall 
sind jedoch wie in den hier angeführten Staaten die Geburten¬ 
ziffern in den Städten niedriger als auf dem Lande. Wie in Schott- 
















Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 23 

land, so treffen wir auch in England das gegenteilige Verhältnis, 
das aber nur auf dem dort sehr verschiedenen Altersaufbau der 
Stadt- und Landbevölkerung beruhen kann, denn die Fruchtbarkeits¬ 
ziffer der Städte bewegt sich in Wirklichkeit seit langem unter 
•derjenigen des platten Landes: 


Allgemeine Geburten¬ 
ziffer in England. 1 ) 

Auf je 1000 Einwohner trafen 


Lebendgeborene 


Allgemeine Fruchtbar¬ 
keitsziffer in England. 1 ) 
Auf je 100 Frauen im Alter von 
15—-45 Jahren trafen Geburten 


Zur Zeit der 
Censusjahre 

in Stadt 

in Land 

in Stadt 

in Land 

1870-72 

36,7 

31,6 

14,31 

15,89 

1880—82 

35,7 

30,3 

14,06 

15,35 

1890-92 

32,6 

27,8 

12,46 

13,56 

1900-02 

29,8 

26,0 

11,14 

12,07 


Der Unterschied der Geburtenziffern zwischen Stadt und Land 
war nach obiger Zusammenstellung am größten in Serbien und 
Bulgarien, am kleinsten in Schweden. Wie die Eheschließungs¬ 
ziffern, so bleiben auch die Geburtenziffern in den bulgarischen und 
serbischen Städten weit hinter denen des platten Landes zurück. 
Diese bedeutende Differenz zwischen Stadt und Land bezeugt uns 
wieder, daß auch die auffallend hohe Fruchtbarkeit der slavi- 
schen Völker nicht eine Rasseneigentümlichkeit sein kann, 
sondern daß sich auch hier die Geburtenziffern nach dem kul¬ 
turellen Niveau der Bevölkerung unterscheiden. Die Ziffern von 
Schweden können als Beispiel dafür gelten, daß fast gleiche Ge¬ 
burtenziffern mit verschiedenen Fruchtbarkeitsziffern in Stadt und 
Land gepaart sein können. Die Fruchtbarkeit ist, wie wir bereits 
gesehen haben, in Schweden auf dem Lande viel größer als in 
den Städten, so daß die geringen Geburtenziffern nur aus der ge¬ 
ringeren Zahl der verheirateten Frauen auf dem Lande resultieren 
können. 

Aus der Trennung der Geburtenziffern nach Stadt und Land 
geht also mit Sicherheit hervor, daß wir die Ursache des gegen- 
wärtigenRückganges der Geburten und Fruchtbarkeit überall 
hauptsächlich in den Städten zu suchen haben. 

Schon mit diesen wenigen statistischen Argumenten, auf die 


*) 68. Annual Report. 
















24 E. Roesle, 

wir uns hier beschränken müssen, glauben wir die Tatsache ge¬ 
nügend begründet zu haben, daß die geburtsvermindernden Fak¬ 
toren unserer Zeit sind: der Fortschritt der Kultur, die 
Verbreitung des Wohlstandes und die Zunahme der 
überlebenden Kinder. Eingehende detailgeographische Unter¬ 
suchungen darüber hat erst jüngst Mombert 1 ) in der bereits 
zitierten Arbeit in bezug auf Deutschland angestellt. Seine Er¬ 
gebnisse erbringen den positiven Beweis, daß die verschieden hohe 
Fruchtbarkeit in den einzelnen Gebieten Deutschlands in enger 
Beziehung mit der verschiedenen Verteilung jener Faktoren steht. 

Fast möchte es paradox erscheinen, wenn wir die Vermin¬ 
derung der Geburten auf den zunehmenden Wohlstand zurück¬ 
führen. Die Geschichte beweist ja gerade das Gegenteil, denn 
jeder wirtschaftliche Aufschwung war bisher fruchtbefördernd ge¬ 
wesen. Der Unterschied besteht jedoch jetzt darin, daß der wirt¬ 
schaftliche Aufschwung, abgesehen von vorübergehenden, einzelnen 
Schwankungen, ein ständig ansteigender geworden ist, während 
in früheren Zeiten mehr oder minder bald ein Rückschlag und mit 
ihm eine Verminderung der Geburten wieder erfolgt ist. Den 
früheren Anstieg der Geburten in den günstigen Zeiten dürfen 
w r ir daher nur als eine Ausgleichung in der Geburtenbilanz be¬ 
trachten. 

III. Die Sterblichkeit. 

Die Vergleichbarkeit der allgemeinen Sterbeziffern muß natur¬ 
gemäß, besonders wenn wir sie nicht für die einzelnen Alters¬ 
klassen auszählen, durch die verschiedene Altersbesetzung 
in den einzelnen Ländern eine gewisse Beschränkung erfahren. 
Diesem Hindernis suchte man bei internationalen Vergleichen zu 
entgehen, indem man die Sterbeziffern überall nach dem Standard¬ 
altersaufbau berechnete und nach dieser Norm, der die schwedische 
Bevölkerungszusammensetzung zugrunde liegt, korrigierte. Wir 
haben schon anfangs erwähnt, daß die Altersbesetzung nur in den 
Gruppen von 0—15 und von 50 Jahren und darüber in den ein¬ 
zelnen Ländern wesentlich verschieden ist und daß sich diese 
beiden Gruppen, denen die Hälfte der Bevölkerung eines Landes 
unter normalen Verhältnissen angehört, gegenseitig verschieben. 
Da nun aber die Sterblichkeit sowohl im ersteren als im letzteren 


r ) Mombert, Studien zur Bevölkerungsbewegung in Deutschland. Karls¬ 
ruhe 1907. 





Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 25 

Alter am höchsten ist, so kann der Einfluß dieser Verschiebungen 
auf die verschiedene Höhe der allgemeinen Sterbeziffern in den 
einzelnen Ländern von nicht allzu großer Bedeutung sein. Aus 
diesem Grunde dürfen wir wohl unseren Betrachtungen die allge¬ 
meinen Sterbeziffern, zu deren Ergänzung wir noch im besonderen 
die Säuglingssterbeziffern beifügen werden, zugrunde legen, zumal 
ohnedies nur in wenigen Staaten, wie in Belgien, England, Schott¬ 
land und Finnland, die korrigierten Ziffern vorliegen. 

Nur ein anderer Punkt ist noch zu erwägen. Bei jedem inter¬ 
nationalen Vergleiche sind wir aus dem schon früher angeführten 
Grunde gezwungen, die Totgeburten auszuschließen. Nun werden 
aber in einigen Ländern (Belgien, Holland, Frankreich) auch die¬ 
jenigen Neugeborenen als Totgeburten registriert, die vor der 
standesamtlichen Anmeldung, die spätestens am 3. Tage nach der 
Geburt zu erfolgen hat, gestorben sind, auch wenn sie vorher ge¬ 
lebt haben. Nur Belgien gibt auch deren Ziffern an. Wenn wir 
diese „gelebt habenden Totgeburten“ den Gestorbenen zuzählen, 
zu denen sie eigentlich gehören, so würde sich die allgemeine 
Sterbeziffer in Belgien um 0,2 erhöhen. Jedenfalls müssen wir 
diesen Zuwachs sowohl bei der Abschätzung der Sterbeziffern dieser 
Länder als auch bei der Säuglingssterblichkeit, deren Prozentziffer 
dadurch sogar um 0,8 erhöht wird, berücksichtigen. 

Da die Größe des natürlichen Volksverlustes in einem Lande 
mittelbar mit der Höhe der Kultur desselben zusammenhängt, so 
dürfen wir in der allgemeinen Sterbeziffer, die uns jene Größe aus¬ 
drückt, ein gewisses Maß zur Beurteilung des Kulturzu¬ 
standes eines Volkes erblicken. Allerdings darf hierbei, nament¬ 
lich bei Ländern mit gleichen Sterbeziffern die Betrachtung so¬ 
wohl der Sterblichkeitskoeffizienten in den verschiedenen Alters¬ 
klassen als auch der Todesursachenstatistik nicht unterlassen 
werden. Dasjenige Volk, in dem jeder Einzelne der Segnungen 
der Kultur teilhaftig geworden ist und diese für seine oder seiner 
Nachkommen Lebenserhaltung zu bewerten versteht, muß sich doch 
durch eine geringere Sterblichkeit vor denjenigen Völkern aus¬ 
zeichnen, in denen nur die intellektuell höherstehenden Kreise aus 
den Fortschritten der Kultur Nutzen für sich zu ziehen vermögen. 
Wir wissen, daß die Gesamtsterblichkeit zum größten Teile von 
der Höhe der Säuglingssterbeziffern und der Sterbeziffern 
der Infektionskrankheiten beeinflußt wird. Wesentlich der 
Abnahme der einen oder der anderen oder beider Ziffern zusammen 
haben wir bekanntlich den Rückgang der Sterblichkeit in den 




26 E. Koesle, 

Kulturländern zu verdanken. In analoger Weise aber, wie sich die 
Erkenntnis der Vermeidbarkeit der Infektionskrankheiten Bahn 
gebrochen hat, drängt sich bei jedem Kulturvolk jetzt die Über¬ 
zeugung immer mächtiger auf, daß die Säuglingssterblichkeit sich 
noch viel eher reduzieren lasse. Schon die Tatsache, daß die Säug¬ 
lingssterblichkeit auch in einem weniger kultivierten Lande bei 
naturgemäßer Ernährung der Kinder gering ist, beweist uns diese 
Möglichkeit; von einem Kulturstaat aber können wir heutzutage 
verlangen, daß die Sterblichkeit im ersten Lebensjahre auch ohne 
dieses begünstigende Moment sich unter normalen Verhältnissen in 
mäßigen Grenzen hält. Dazu ist aber vor allem nötig, daß gewisse 
kulturelle Errungenschaften bis in jene Schichten des Volkes dringen, 
deren Nachkommenschaft durch den Mangel der natürlichen Er¬ 
nährung am meisten gefährdet ist. Dagegen ist es nur in einem 
kulturell höher entwickelten Staate möglich, die Sterblichkeit an 
Infektionskrankheiten zu beeinflussen, da deren Bekämpfung erst 
dann erfolgreich wird, wenn die staatlichen Maßnahmen von einer 
verständnisvollen Bevölkerung beachtet und unterstützt werden. 
Welch ungeheuren Einfluß trotz allem Fortschritt der Kultur die 
Säuglingssterblichkeit und die Sterblichkeit an Infektionskrank¬ 
heiten auf die Gesamtmortalität in manchen Kulturstaaten noch 
besitzen, wollen wir statistisch mit einem Beispiel belegen. Es 
betrug in Bayern: 1 ) 




Davon waren 

in den Jahren 

die Gesamt¬ 


Sterbefälle 

sterblichkeit 

Sterbefälle 

an Infektions¬ 


(ohne Totgeborene) 

im 1. Lebens¬ 
jahre 

krankheiten 2 ) 
(ausschl. des Säuglings¬ 



alters) 

1901 

143 374 

55 385 

28 143 

1902 

142 622 

54 032 

27 883 

1903 

148 465 

56 375 

29 938 


oder in Prozenten 

1901—1903 

100 % 

38,2 % 

19,8% 

58% 


x ) Nach den Generalberichten der Sanitätsverwaltung im Königreich Bayern. 
2 ) In der bayerischen Statistik werden die Infektionskrankheiten und die 
allgemeinen Krankheiten zu einer Gruppe zusammenaddiert, von der wir hier die 



















Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 27 

Die verschiedene Höhe dieses Prozentsatzes ist es vornehm¬ 
lich, welche die verschieden hohe Sterblichkeit in den einzelnen 
Staaten hervorruft. Bei den übrigen Todesursachen gibt sich, so¬ 
weit wir sie überhaupt vergleichen können, eine Regelmäßigkeit in 
ihrer Höhe fast bei allen Staaten kund, die frappierend wirken 
muß. Da wir aber jetzt im allgemeinen annehmen dürfen, daß ins¬ 
besondere die Höhe des Prozentsatzes der Gesamtsterbefälle an 
Infektionskrankheiten durch das kulturelle Niveau eines Staates 
oder der Gesamtbevölkerung bestimmt wird, so haben wir im Ver¬ 
lauf der allgemeinen Sterbeziffer, die doch von diesem Prozentsatz 
ganz wesentlich beeinflußt wird, in der Tat ein Maß, womit wir 
den kulturellen Fortschritt eines Volkes unter gewissen Kautelen 
bemessen können. 

Daher darf es uns nicht wundernehmen, daß wir die höchsten 
Sterbeziffern in Europa jeweils in Rußland, die niedrigsten in den 
skandinavischen Ländern an treffen. Auch bei den übrigen slavischen 
Völkern ist die Sterblichkeit, allerdings auch die Geburtenziffer, 
bisher immer höher gewesen als bei den germanischen Völkern und 
auch die romanischen Staaten, insbesondere Spanien und Italien, 
sind durch ihre hohen Sterbeziffern bei mäßig hohen Geburtenziffern 
bekannt. 

In dem zeitlichen Verlauf der Sterblichkeit tritt zwar in 
allen Staaten seit den letzten Jahrzehnten die allgemeine sinkende 
Tendenz immer deutlicher hervor, doch läßt nicht minder deutlich 
die Verschiedenheit der Abnahme die mehr oder weniger bedeut¬ 
same kulturelle Entwicklung in den einzelnen Staaten erkennen. 
Die Sterblichkeit begann am frühesten in den skandinavischen 
Ländern, außerdem in England, Schottland, Holland, der Schweiz 
und gegen Ende der 70 er Jahre auch in den deutschen Staaten 
zu sinken. Von dieser Zeit an hören in diesen Ländern die 
schweren Epidemien infolge ihrer wirksameren Bekämpfung auf, 
von dieser Zeit an datiert das enorme Aufblühen der Heilkunde 
und die Verbesserung der sanitären Einrichtungen in den meisten 
Staaten und von dieser Zeit an können wir uns an den Folge¬ 
wirkungen der langen Friedensperiode, dem Fortschritt der Kultur 
und der Bessergestaltung der wirtschaftlichen Lage aller Volks¬ 
kreise erfreuen. Nur dem Einfluß dieser kulturellen Faktoren 
haben wir es zu verdanken, daß die Sterblichkeit in ganz Europa 

allgemeinen Krankheiten ab-, dagegen die kruppöse Pneumonie zugezählt haben, 
so daß sich obige Zusammenstellung auf sämtliche Infektionskrankheiten 
bezieht. 





28 E. Roesle, 

tiefer als je zuvor gesunken ist, so daß das gleichzeitig erreichte 
Geburtenminimum überreichlich aufgewogen Avurde. Nicht besser 
und wirkungsvoller als durch diesen erfolgreichen Abschluß am 
Ende des vorigen Jahrhunderts hätten die Segnungen der Kultur 
zum Bewußtsein der Völker kommen können! 

Angesichts dieser friedlichen Fortentwicklung durfte man auch 
zu Beginn des neuen Jahrhunderts auf einen weiteren Rückgang 
der Sterblichkeit hoffen. Der tatsächliche Erfolg hat diese Er¬ 
wartung sogar übertroffen, wie uns die folgende Tabelle lehrt: 

Allgemeine europäische Sterbeziffern. 



Auf ie 1000 Einwohner der mittleren Bevölkerung 

treffen 

Relative 
Ziffern des 
Jahrfünfts 


Sterbefälle (ohne Totgeburten): 




cd 

bc'S 

O 03 


l ö ® 






, ö 

1901-1905, 


-fl O® 

Ob-® 

in den Jahren: 


-fl O® 

O ® 

wenn d. Ziff. 

<4-1 i—*i 

fl 1 

CD 1 

in den Ländern: 

b ^ 

fl ' U5 1 

«•si 






rH T™ 

3 S 1 

q-sJh 

d. Jahrzehnts 
1891-1900 

Ah O 


<— 1 DÜ 
fl o 00 

1901 

1902 

1903 

1904 

1905 

s-g® 

= 100 gesetzt 

Oh ^ 


,H CßTH 






,rH 02H 

werden: 

l. 

Rußland 

33,8 

32,1 

_ 

_ 

_ 

_ 

_ 

_ 

2. 

Ungarn 

29,9 

25,4 

27,0 26,1 

24,8 27,8 

26,2 

87,6 

3. 

Spanien 

29,7 

27,6 

26,1 

25,0 

25,8 25,9 

26,1 

87,9 

4. 

Rumänien 

29,2 

26^6 

27,7 

24,6 

24,4 24,6 

25,6 

87,6 

5. 

Österreich 

26,7 

24,1 

24,8 

23,9 

23,8 125,3 

24,4 

91,4 

6. 

Bayern 

25,4 

23,2 

22,6 

23,5 

22,5\ 22,7 

22,9 

90,2 

7. 

Bulgarien 

26,0 

23,3 

24,0 

22,9 

21,4 21,9 

22,7 

87,3 

8. 

Serbien 

26^9 

21,0 

22,3 

23,5 

21,1 

24 3 

22,4 

83,3 

9. 

Italien 

24,2 

22,0 

22,2 

22,4 

21,1 ( 21,9 

21,9 

90,1 

10. 

Württemberg 

23,4 

21,5 

20,5 

20,7 

20,8 20,6 

20,8 

88,9 

11. 

Baden 

22,2 

21,3 

19,9 

20,4 

20,4 20,0 

20,4 

91,9 

12. 

Sachsen 

24,0 

21,3 

19,4 

19,9 

19,8 19 7 

20,0 

83,3 

13. 

Elsaß-Lothring. 

21,7 

19,7 

19,2 

19,6 

19,7 

20,0 

19,6 

90,3 

14. 

Portugal 

21,3 

21,0 

19,6 

19,9 

19,1 

— 

19,9 

93,4 

15. 

Deutsches Reich 

22,2 

20,7 

19,4 

20,0 

19,6 

19,8 

19,9 

89,6 

16. 

P reußen 

22,1 

20,7 

19,3 

19,9 

19,5 

19,8 

19,8 

89,6 

17. 

Frankreich 

21,6 

20,1 

19,5 

19,3 

19,5 

19,6 

19,6 

90,7 

18. 

Luxemburg 

20,1 

18,3 

18,7 

19,2 

20,1 

19,7 

19,0 

94,5 

19. 

Finnland 

19,7 

20,6 

18,5 

17,9 

17,7 

18,4 

18,6 

94,4 

20. 

Schweiz 

18,9 

18,0 

17,2 

17,6 

17,8 

17,9 

17,7 

93^7 

21. 

Hessen 

19,9 

17,9 

17,6 

17,9 

17,5 

17,4 

17,7 

88,9 

22. 

Irland 

18,3 

17,8 

17,5 

17,5 

18,1 

17,1 

17.6 

96,2 

23. 

Belgien 

19,1 

17,2 

17,3 

17,0 

16,9 

16,5 

17,0 

89,0 

24. 

Schottland 

18,5 

17,9 

17,2 

16,6 

116,8 

15,9 

16,9 

91,4 

25. 

Niederlande 

18,4 

17,2 

16,3 

15,6 

15,9 

15,3 

16,1 

87,5 

26. 

England und Wales 

18,2 

16,9 

16,2 

15,4 

16,2 

15,2 

16,0 

87,9 

27. 

Schweden 

16,4 

16,1 

15,4 

15,1 

15,3 

15,6 

15,5 

94,5 

28. 

Dänemark 

17,5 

158 

14,6 

14,6 

13,9 

14,8 

14,7 

84,0 

29. 

Norwegen 

16,2 

14,8 

13,8 

14,8 

14,3 

j 14,7 

14,6 

90,1 

Ganz Europa 

1 25 , 9 ») 

1 24,2») 

! — 

— 

— 

j 

i 

1 

f — 

1 


I Nanli »9 n n /I 1 a ä r <v 



































Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 29 

Wenn wir zunächst die Ziffern im einzelnen betrachten, so 
entfällt auf das einzelne Jahr in der Zeit von 1901—1905 das 
Sterblichkeitsmaximum bzw. -minimum von folgender Anzahl von 
Staaten (außer Rußland): 


Anzahl der Staaten mit 


in den Jahren 

Sterblichkeitsmaximum 

Sterblichkeitsminimum 

1901 

17 

2 

1902 

3 

8 

1903 

2 

3 

1904 

2 

9 

1905 

4 

6 

Summa: 28 

28 


Die überwiegende Mehrzahl (17) dieser Staaten hatte also im 
Jahre 1901, in welchem Jahre der in diesen Staaten beobachtete 
kleine Anstieg der Sterblichkeit in den allerletzten Jahren des 
vorigen Jahrhunderts sich wieder auszugleichen begann, ihre maxi¬ 
male Sterblichkeit in dieser Periode zu verzeichnen; unter ihnen 
befanden sich die deutschen Staaten (außer Bayern) und die sechs 
Staaten mit niedrigster Sterblichkeit. Bei 7 von diesen Ländern 
erfolgte im nächsten Jahre auf das Maximum sofort das Minimum, 
nämlich in den deutschen Staaten (außer Bayern und Hessen), in 
der Schweiz und in Norwegen. Verursacht war dieser plötzliche 
Abfall durch die infolge des günstigen Sommers bedingte bedeutende 
Abnahme der Sterblichkeit an Magen- und Darmkatarrh der Kinder, 
die sich auch in anderen Staaten noch geltend gemacht hatte. 
Das Jahr 1903 war für ein weiteres Sinken der Sterblichkeit in 
den meisten Staaten bereits wieder ungünstig, dagegen war wieder 
um so mehr das Jahr 1904 von vorteilhaftem Einfluß. In diesem 
Jahre erreichten vorzugsweise die südeuropäischen Staaten ihr 
Minimum, nämlich Bayern, Österreich, Ungarn, Rumänien, Italien 
und Portugal, im Jahre 1905 dagegen die nordwestlich gelegenen 
Länder: Belgien, Niederlande und die britischen Staaten. Tn dem 
letzten Jahre stieg die Sterblichkeit noch in 4 Staaten, nämlich in 
Elsaß-Lothringen, Österreich, Ungarn und Serbien, zu ihrem Höhe¬ 
punkte in diesem Jahrfünft an. Die höchsten Sterblichkeitszitfern 
hatte nach wie vor Rußland mit 32,1 Prom. im Jahre 1901, die 
niedrigsten Norwegen mit 13,8 Prom. im Jahre 1902 aufzuweisen. 

Vergleichen wir die Durchschnittsziffern unserer beiden 











30 


E. Roesle, 


Zeitperioden, so finden wir in allen Staaten eine Abnahme 
der Sterblichkeit. Nach der relativen Höhe dieser Abnahme können 
wir die europäischen Staaten folgendermaßen gruppieren: 

Prozentuale Abnahme der Sterblichkeit 
in dem Jahrfünft 1901—1905 gegenüber dem Jahrzehnt 1891—1900: 


bis 5 Proz. 


1. Irland 



1—10 Proz. 


10,1 — 15 Proz. 


3,8 


2. Luxemburg 5,5 

3. Schweden 5,5 

4. Finnland 5,6 

5. Schweiz 6,3 

6. Portugal 6,6 

7. Baden 8,1 

8. Schottland 8,6 

9. Österreich 8,6 

10. Frankreich 9.3 

11. Els.-Loth. 9,7 

12. Bayern 9,8 

13. Italien 9,9 

14. Norwegen 9,9 


15. Preußen 10,4 

16. D. Reich 10,4 

17. Belgien 11,0 

18. Württemb.ll,l 

19. Hessen 11,1 

20. England 12,1 

21. Spanien 12,1 

22. Rumänien 12,4 

23. Ungarn 12,4 

24. Niederlande 12,5 

25. Bulgarien 12,7 


15,1 Proz. u. darüber 


26. Dänemark 16,0 

27. Serbien 16,7 

28. Sachsen 16,7 


Die relative Abnahme schwankte, wie man sieht, zwischen 
3,8 bis 16,7 Proz. Man hätte eigentlich erwarten sollen, daß in 
den Staaten, in denen die Sterblichkeit bereits im vorigen Jahr¬ 
zehnt am niedrigsten gewesen war, die Abnahme am geringsten 
sein würde. Wir treffen aber dieses Verhalten nur in Irland, 
Schweden, der Schweiz, Finnland und Schottland; die übrigen 
Länder mit niedriger Sterblichkeit, wie Norwegen, Belgien, Hessen, 
England und Niederlande zeigten dagegen eine nicht minder große 
Abnahme wie die Staaten mit hoher Sterblichkeit. Ganz besonders 
ist der hohe Prozentsatz des Sterblichkeitsrückganges in Dänemark 
auffallend, der sich dort im Jahre 1906, wie wir vorausschicken 
wollen, soweit vergrößert hat, daß Dänemark bei einer Sterbeziffer 
von 13,6 Prom. in diesem Jahre die niedrigste bisher in Europa 
verzeichnete Sterblichkeit zufallen dürfte. In den deutschen Staaten 
bewegte sich die Abnahme meist zwischen 8,1 Proz. (Baden) und 
11,1 Proz. (Hessen); weit über den deutschen Durchschnitt mit 10,4 
Proz. ging die Sterblichkeit in Sachsen zurück. Es ergibt sich 
somit die merkwürdige Erscheinung, daß von allen europäischen 
Staaten Sachsen die größte prozentuale Abnahme der 
Eheschließungen, der Geburten und der Sterbefälle 
in den beiden Vergleichsperioden zu verzeichnen hatte. Die Ur- 













Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 31 

sache der geringeren Sterblichkeit in Sachsen ist sowohl in der 
Abnahme der Säuglingssterblichkeit als auch in dem bedeutenden 
Rückgang der Tuberkulosemortalität zu suchen. Auch in anderen 
Staaten, wie Serbien, Ungarn, Württemberg, Niederlande, Frank¬ 
reich, Bayern und Österreich müssen wir die Sterblichkeitsabnahme 
in der Hauptsache auf den Rückgang der Säuglingssterblichkeit 
zurückführen. 

Ein Vergleich mit den Geburtenziffern bestätigt 
auch in diesem Jahrfünft im allgemeinen das Zusammentreffen von 
niedriger Sterblichkeit mit niedriger Geburtenziffer. Da¬ 
bei ergibt sich, daß alle diese Länder, in denen wir diese Überein¬ 
stimmung beobachten, geographisch aufeinanderfolgen und wie ein 
Gürtel um das nordwestliche Europa herumgelagert sind. Es sind 
dies die Länder: Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Schott¬ 
land, England, Irland, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frank¬ 
reich und außerdem die Schweiz. Von den deutschen Staaten 
nähert sich Hessen diesem Typus am meisten. Die Geburtenziffern 
bewegten sich in diesen Ländern in dem letzten Jahrfünft zwischen 
21,2 (Frankreich) bis 31,5 Prom. (Niederlande), die Sterbeziffer 
zwischen 14,6 (Norwegen) bis 19,6 Prom. (Frankreich); nur Hessen 
hatte eine höhere Geburtenziffer von 32,2 Prom. Einer mittel hohen 
Geburtenziffer entspricht eine ebensolche Sterbeziffer; dieses 
Verhalten finden wir vornehmlich in den deutschen Staaten, in 
Österreich, Italien, Spanien und Portugal. Die Geburtenziffern be¬ 
wegten sich bei dieser Gruppe zwischen 32,0 (Portugal) bis 35,8 
Prom. (Österreich), die Sterbeziffern zwischen 19.8 (Preußen) bis 

26.1 Prom. (Spanien); nur Elsaß-Lothringen hatte eine niedrigere Ge¬ 
burtenziffer (30,2 Prom.). Bei den übrigen Staaten, bei sämtlichen 
slavischen und bei Bayern treffen wir neben den höchsten Ge¬ 
burtenziffern (36,1 in Bayern bis 47,9 Prom. in Rußland) durch¬ 
weg nur hohe bzw. die höchsten Sterbeziffern (22,4 in Serbien bis 

32.1 Prom. in Rußland). Das Plus der Geburten wird in den 
Ländern mit größerer Geburtenhäufigkeit durch die erhöhte Säug¬ 
lings- bzw. Kindersterblichkeit, wie wir bald sehen werden, mehr 
oder minder wieder ausgeglichen. 

Es wäre natürlich verfehlt, die Kulturzustände eines Landes 
allein nach der Höhe dieser Sterbeziffern beurteilen zu wollen. Die 
Sterblichkeit erhält in manchen Ländern ein ganz anderes Bild, 
wenn wir, wie bereits betont, die Sterbekoeffizienten für 
jede Altersklasse und womöglich bei beiden Geschlechtern ge¬ 
sondert betrachten. Dies zeigt uns z. B. ein solcher Vergleich von 




32 E. Roesle, 

Bulgarien und Bayern, in dem die Sterbeziffern von Bayern in 
einem weit günstigeren Lichte erscheinen und die kulturelle Über¬ 
legenheit dieses Landes deutlich dartun: 

Sterblichkeit nach Altersklassen und Geschlecht in 
Bulgarien 1 ) und Bayern 2 ) 
in den Jahren 1901—1902. 

Von je 1000 Lebenden jeder Altersklasse starben 


in den 
Altersklassen 

Männliches 

Bayern 

Geschlecht 

Bulgarien 

Weibliches 

Bayern 

Geschlecht 

Bulgarien 

0— l 3 ) 

256,0 

154,8 

215,0 

134,5 

1— 2 

44,4 

78,8 

44,8 

75,7 

2— 5 

10,0 

33,7 

10,2 

33,1 

5—10 

3,2 

12,2 

3,2 

11,6 

10—15 

2,1 

6.1 

2,3 

6,8 

15-20 

3,5 

6,7 

3,7 

7,6 

20-25 

\ ßl 

10,1 

l K Q 

11,6 

25—30 

. 6,1 

9.5 

/ ö > 9 

12,0 

30—40 

7,8 

9,8 

8,4 

12 9 

40-50 

12,9 

14,9 

10,3 

13,8 

50—60 

24,0 

21,9 

18.3 

18,7 

60—70 

48,0 

36,1 

42,4 

35,5 

70-80 

109,5 

63,0 

103,7 

62.9 

80 u. darüber 

241,0 

108,0 

242,0 

117,3 

Alle Alterski. 

24,2 

24,2 

21,6 

23,5 


Wie man sieht, erreicht Bulgarien nur dadurch fast die gleiche 
Gesamtsterbeziifer als Bayern, daß dort die Sterblichkeit in dem 
ersten Lebensjahre und in den höheren Altersklassen bedeutend 
geringer ist als in Bayern. Schon im zweiten Lebensjahre sinkt 
jedoch die Sterblichkeit in Bayern weit unter diejenige von Bul¬ 
garien, am weitesten bis zum 10.—15. Lebensjahre. Im produk¬ 
tiven Alter dauert die Mindersterblichkeit in Bayern beim männ¬ 
lichen Geschlechte bis zum 50., beim weiblichen bis zum 60. Lebens¬ 
jahre, von da an weist Bulgarien wieder geringere Sterbe¬ 
ziffern auf. Aus dieser Verschiedenheit geht deutlich hervor, daß 
zur kulturellen Bewertung der Gesamtsterblichkeit namentlich in 
Ländern mit gleichhohen Ziffern nur die Sterbeziffern in dem 
Kindesalter und in den produktiven Altersklassen den Ausschlag 

9 Mouvement de la population 1901 und 1902; für die späteren Jahre konnten 
wir trotz vielfacher Bemühungen dieses Quellenwerk noch nicht erhalten. 

2 ) Generalberichte der Sanitätsverwaltuug im Königreich Bayern 1901 und 1902. 

3 ) Auf je 1000 Lebendgeborene berechnet. 















Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 33 

zu geben vermögen, da, wie bereits erwähnt, die Säuglingssterb¬ 
lichkeit selbst in wenig kultivierten Ländern, vorausgesetzt daß 
dort die natürliche Ernährungsweise Sitte ist, gering sein kann. 
Eine geringere Sterblichkeit in dem nachfolgenden Kindesalter und 
in den mittleren Altersklassen können wir aber nur da vorfinden, 
wo der Einfluß einer höheren Kultur die hauptsächlichsten Ge¬ 
fahren in dieser Lebenszeit zu verringern und hintanzuhalten 
vermag. 

Die Sterblichkeit in Stadt und Land. In dem zeitlichen 
Verlauf der Sterblichkeit in Stadt und Land äußerte sich der all¬ 
gemeine Rückgang der Sterblichkeit bisher in den Städten in einem 
viel höheren Grade als auf dem Lande. Die konvergierende Ten¬ 
denz dieser beiden Sterblichkeitskurven hat in vielen Staaten be¬ 
reits zu einer Kreuzung geführt, indem die Sterblichkeit der Städte 
unter diejenige des platten Landes gesunken ist. Am weitesten 
gehen die Angaben über diese Entwicklung in Schweden zurück, 
dessen Sterbeziffern in Stadt und Land wir daher weiter zurück¬ 
verfolgen wollen, zumal dort die Trennung nach Stadt und Land 
den internationalen statistischen Vorschriften am nächsten (bis zu 
95 Proz.) kommt: 

Von je 1000 Einwohnern starben in Schweden 1 ) 


in den 
Jahren 

in Stadt 

in Land 

1821-1830 

34,6 

22,4 

1851—1860 

31,2 

20,6 

1881—1890 

19,7 

16,4 

1891—1900 

17,4 

16,1 

1901 

16,7 

15,9 

1902 

15,2 

15,4 

1903 

15,0 

15,1 

1904 

15,2 

15,3 


Während die Sterblichkeit in den schwedischen Städten in 
den Jahren 1821—1830 noch um 54,4 Proz. größer gewesen war 
als auf dem Lande, ist dieser Unterschied in dem Jahrzehnt 1891 
bis 1900 auf 8,1 Proz. gesunken. Seit dem Jahre 1902 ist sogar 
das umgekehrte Verhältnis eingetreten. 

Da inzwischen der Prozentsatz derjenigen Altersklassen, in 
denen die Sterblichkeit am geringsten ist, in den Städten sich 
überall vergrößert, auf dem Lande aber sich vermindert hat, und 

*) Nach der schwedischen Befolkningsstatistik. 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 3 











34 E. Roesle, 

da, wie wir wissen, die Geburtenziffern vornehmlich in den Städten 
abgenommen haben, so müssen wir schon aus diesen Gründen 
gegenwärtig eine raschereSterblich keitsabnahme in den 
Städten erwarten. Wir sehen daher auch die Anzahl der Staaten, 
in denen die Sterblichkeit in den Städten geringer wird als auf dem 
Lande, immermehr zunehmen, wie uns die folgende Tabelle beweist: 

Allgemeine Sterbeziffern in Stadt und Land. 


Von je 1000 Einwohnern der mittleren Bevölkerung starben: 


in den Ländern 

in den 
Jahren 

in 

Stadt 

in 

Land 

Sterblichkeit in 
Stadt -j- = größer, 
— = geringer als 
in Land 

1. Preußen 

1891-1900 

23,2 

23,4 


-0,2 


1901—1905 

20,4 

21,3 


-0,9 

2. Bayern 

1891—1900 

25,5 

26,8 


-1,3 


1901—1905 

22,2 

24,4 


-2,2 

3. Sachsen 

1891—1900 

22,0 

25,3 


-3,3 


1901—1905 

18,7 

20,9 


-2,2' 

4. England 

1891—1900 

20,3 

14,9 

+ 5,4 


1901—1904 

17,6 

15,6 

+ 2,0 

5. Schottland 

1891—1900 

19,0 

16,3 


1 - 2,7 


1901—1905 

17,0 

15,3 

-j 


6. Frankreich 

1897-1900 

22,2 

20,1 

+ 2,1 


1901—1905 

21,1 

19,3 

+1,8 

7. Niederlande 

1901—1905 

15,9 

16,6 


-0,7 

8. Schweden 

1891—1900 

17,4 

16,1 


h 1,3- 


1901—1904 

15,5 

15,4 


[-0,1 

9. Finnland 

1891-1900 

19,0 

19,8 


-0,8 


1901—1905 

16,9 

18,9 


-2,0 

10. Bulgarien 

1896—1900 

26,2 

23,6 

+ 2,6 


1901—1902 

23,2 

23,8 


-0,6 

11. Serbien 

1893—1900 

27,3 

26,0 

H 

b 1,3 


1901-1905 

24,6 

22,0 

i 

b 2,6 

12. Rumänien 

1896-1899 

28,3 

28,4 


-0,1 


Anmerkungen zu dieser Tabelle: 

In Preußen und Bayern sind die Totgeburten mit-, in den übrigen 
Ländern nicht mitgerechnet. (Preuß. Statistik Bd. 207. Stat. Jahrb. v. Bayern Bd. 9.) 

In Sachsen sind wieder die Gemeinden mit über und unter 8000 Ein¬ 
wohnern voneinander geschieden. (Nach den Jahresberichten d. Landesmedizinal- 
Kollegiums.) 














Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 35 

In England sind die nicht korrigierten Ziffern für Urban und Eural 
counties, in Schottland diejenigen für Large Towns und Mainland Rural ver¬ 
wertet. (68. Annual Report für England, bzw. 51. für Schottland.) 

In Frankreich sind die Angaben für das Departement de la Seine weg¬ 
gelassen. Die Sterblichkeit betrug hier 1897—1900: 20,7, 1901—1905: 19,6 Prom. 
(Mouvement de la population.) 

In Niederlande sind die Gemeinden mit überund unter 20000 Einwohner 
voneinander geschieden. (Statistiek van de sterfte etc. 1905.) 

Die übrigen Angaben über die Bevölkerungsbewegung in Stadt und Land 
sind entnommen: 

Schweden: Befolkningsstatistik. 

Finnland: Befolkningsstatistik und Folkmangsförhalländena. 

Bulgarien: Mouvement de la population. 

Serbien: Annuaire de statistique. 

Rumänien: Mi§carea populatiunei 1898 und 1899. Seither ist keine aus¬ 
führliche Bevölkerungsstatistik mehr erschienen. 

Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich, daß in dem Jahr¬ 
fünft 1901—1905 die Sterblichkeit in England, Schottland, Frank¬ 
reich, Schweden und Serbien in den Städten noch größer gewesen 
ist als auf dem Lande, doch hat sich die Höhe dieses Unter¬ 
schiedes seit dem letzten Jahrzehnt bereits bedeutend vermindert. 
In den anderen Staaten, in denen die Sterbeziffern der Städte 
schon vorher unter denjenigen des Landes sich bewegten, ist diese 
Differenz noch weiter angewachsen, außer in Sachsen, wo die 
Sterblichkeit auf dem Lande, ebenso wie die Geburtenziffer, inten¬ 
siver abgenommen hat als in den Städten. Die verschiedene Ab- 
bzw. Zunahme der Sterblichkeit sowohl in Stadt als auch in Land 
in den beiden Vergleichsperioden gibt folgendes Bild: 

Abnahme (—•) oder Zunahme (+) der Sterbeziffern 

pro 1000 Einwohner in dem Jahrfünft 1901—1905 gegenüber dem 

Jahrzehnt 1891—1900 


in den 
Ländern 

in 

Stadt 

• 

in 

Land 

Sachsen 

— 3,3 

- 4,4 

Bayern 

— 3,3 

-2,4 

Bulgarien x ) 

— 3,0 

+ 0,2 

Preußen 

- 2,8 

-2,1 

Serbien *) 

— 2,7 

- 4,0 

England 

- 2,7 

+ 0,7 

Finnland 

- 2,1 

-0,9 

Schottland 

- 2,0 

-1,0 

Schweden 

- 1,9 

-0,7 

Frankreich *) 

- 1,1 

— 0,8 


l ) Die Vergleichsperioden siehe vorhergehende Tabelle! 

3* 











36 E. Roesle, 

Angesichts dieses anhaltenden Umschwunges zugunsten der 
Städte wäre es verfehlt, die Ursache hiervon allein in dem ver¬ 
änderten Altersaufbau der Stadtbevölkerung suchen zu 
wollen. Als nicht minder bedeutsame Ursache dieses Rückganges 
tritt uns vielmehr der heilsame Einfluß der hygienischen und 
wirtschaftlichen Entwicklung der Städte immermehr vor 
Augen. Wenn wir noch weiter auf die hygienische Bedeutung der 
Städte eingehen wollten, so würden wir finden, daß gerade die 
Sterblichkeit an den in sozialer Hinsicht bedeutsamsten Krank¬ 
heitserscheinungen, der Tuberkulose und den Säuglingskrankheiten, 
in den Städten am intensivsten zurückgegangen ist. Während die 
Abnahme der Sterblichkeit an diesen beiden Todesursachen auf 
dem Lande sich immermehr verlangsamt, sehen wir gegenwärtig 
auch hier die Städte im Begriff, das Land einzuholen und zu über¬ 
flügeln. In Österreich, Bayern und Sachsen ist bereits die Säug¬ 
lingssterblichkeit in den Städten geringer als auf dem Lande, das 
gleiche Verhalten hat sich jetzt auch in Preußen ergeben und 
dürfte in Bälde auch in anderen Ländern zu erwarten sein. Wert¬ 
volle Einzelheiten darüber hat erst jüngst Prinzing 1 ) zusammen¬ 
gestellt, so daß wir uns mit diesem Hinweis begnügen können. 


IV. Die Säuglingssterblichkeit. 

In Ergänzung der allgemeinen Sterbeziffern fügen wir noch 
eine kurze Übersicht über den Verlauf der Säuglingssterblichkeit 
im besonderen bei, damit wir über den Einfluß der letzteren auf 
die Gesamtsterblichkeit Aufschluß erhalten. 


b Prinzing, Die Entwicklung der Kindersterblichkeit in Stadt und Land. 
Diese Zeitschr. 3. Bd. 2. 





Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten 37 

Europäische Säuglingssterblichkeit. 


Von je 100 Lebendgeborenen starben im 1. Lebensjahre 


Reihenfolge 
1901-1905 I 

in den Ländern: 

im Durch¬ 

schnitt von 
1891—1900 

1901 

in der 

1902 

i Jah 

1903 

iren: 

1904 

1905 

im Durch¬ 

schnitt von 

1901—1905 

Relative Ziffern 
des Jahrfünfts 
1901—1905, 
wenn d. Ziffern 
des Jahrzehnts 
1891—1900 
= 100 gesetzt 
werden : 

1. 

Rußland 

26,9 

27,2 


_ 

_ 

_ 

_ 

_ 

2 . 

Sachsen 

27,3 

25,7 

22,4 

24,7 

24,4 

25,7 

24,6 

90,1 

3 . 

Bayern 

26,4 

23,9 

23,8 

25,0 

23,9 

24,1 

24,0 

90,9 

4. 

W ürttemberg 

24,4 

22,1 

20,8 

22,2 

22,1 

21,4 

21,7 

88,9 

5. 

Österreich 

23,6 

20,9 

21,6 

21,5 

— 

— 

21,3 

90,3 

6. 

Ungarn 

23,5 

20,6 

21,6 

21,2 

19,5 

23,0 

21,2 

90,2 

7 . 

Rumänien 

21,8 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

8 . 

Baden 

21,6 

20,5 

19,6 

20,7 

20,6 

19,7 

20,2 

93,5 

9. 

Deutsches Reich 

21,7 

20,7 

18,3 

20,4 

19,6 

20,5 

19,9 

91,2 

10. 

Preußen 

20,3 

20,0 

17,2 

19,4 

18,5 

19,8 

19,0 

93,6 

11. 

Elsaß -Lothringen 

20,7 

17,2 

17,9 

18,9 

19,6 

18,6 

18,5 

89,5 

12. 

Spanien 

— 

18,6 

18,1 

16,2 

17,3 

16,1 

17,3 

— 

13. 

Italien 

17,6 

16,6 

17,2 

17,2 

16,1 

16,6 

16,7 

94,9 

14. 

Luxemburg 

— 

14,0 

15,2 

16,0 

17,8 

16,2 

15,8 

— 

15. 

Hessen 

16,8 

14,9 

15,3 

15,8 

15,7 

15,4 

15,4 

91,7 . 

16. 

Serbien 

16,6 

14,5 

15,1 

15,1 

13,5 

16,3 

14,9 

89,7 

17. 

Belgien 

16,1 

14,2 

14,4 

15,5 

15,2 

14,6 

14,8 

91,8 

18. 

Bulgarien 

14,2 

14,3 

14,3 

15,4 

14,2 

— 

— 

— 

19. 

Frankreich 

16,4 

14,2 

13,5 

13,7 

14,4 

13,6 

13,9 

84,8 

20. 

England und Wales 

15,4 

15,1 

13,3 

13,2 

14,6 

12,7 

13,8 

89,6 

21. 

Niederlande 

15,8 

14,9 

13,0 

13,5 

13,7 

13,1 

13,6 

86,1 

22. 

Schweiz 

14,9 

13,7 

13,2 

13,3 

14,0 

12,9 

13,4 

89,9 

23. 

Finnland 

14,3 

14,4 

12,9 

12,7 

12,0 

13,5 

13,1 

91,6 

24. 

Schottland 

12,8 

12,9 

11,3 

11,8 

12,3 

11,6 

12,0 

93,8 

25 . 

Dänemark 

13,5 

13,4 

11,4 

11,6 

11,2 

12,1 

11,9 

88,1 

26. 

Irland 

10,3 

10,1 

10,0 

9,6 

10,0 

9,5 

9,8 

95,2 

27 . 

Schweden 

10,2 

10,3 

8,6 

9,3 

8,4 

— 

9,2 

90,2 

28 . 

Norwegen 

9,7 

9,3 

7,5 

7,9 

7,6 

8,1 

8,1 

83,5 


Anmerkungen zu dieser Tabelle: 

Von Rußland, Österreich, Rumänien, Spanien, Bulgarien und 
Schweden liegt die ausführliche Statistik über die hier fehlenden Jahre noch 
nicht vor. 

Die Angaben von Rußland beziehen sich in unserer Arbeit durchweg nur 
auf das eigentliche Rußland, d. h. Rußland ohne Polen und Finnland. 

Die Durchschnittsziffer von Rumänien umfaßt nur die Jahre 1891—1899. 

Spanien hat während der Jahre 1891—1899 keine Angaben veröffentlicht, 
ebenso Luxemburg in den Jahren 1891—1900, während Portugal die Sterbe¬ 
fälle im 1. Lebensjahre überhaupt noch nicht für das ganze Königreich auszählL 























38 


E. Roesle, 


Die Ziffern von Niederlande, Belgien nnd Frankreich müßten des 
Vergleichs wegen um 0,8—1,0 erhöht werden, da sich — wenigstens nach den 
Angaben der belgischen Statistik — um so viel der Prozentsatz der Säuglings¬ 
sterblichkeit erhöhen würde, wenn die vor der Anmeldung gestorbenen Kinder zu 
den Sterbefällen und nicht zu den Totgeburten gerechnet würden. 

Die Durchschnittsziffer der Jahre 1891—1800 für das Deutsche Reich 
bezieht sich nicht auf das ganze Reich und nur auf die Jahre 1892—1900. (Nach 
den med.-stat. Mitt. des Kais. Ges.-Amtes.) 


Wie die Gesamtsterbliclikeit, so hat auch die Säuglingssterb¬ 
lichkeit, wenn wir von den noch unvollständigen Ziffern von Bul¬ 
garien, Rumänien und Rußland absehen, überall abgenommen 
und zwar gestaltete sich die Abnahme folgendermaßen: 

Prozentuale Abnahme der Säuglingssterblichkeit 
in dem Jahrfünft 1901—1905 gegenüber dem Jahrzehnt 1891—1900. 


bis 5 Proz. 


5,1—10 Proz. 


10,1—15 Proz. 


über 15 Proz. 


1. Irland 4,8 


2. Italien 

5,1 

15. 

Schweiz 

10,1 

3. Schottland 

6,2 

16. 

Serbien 

10,3 

4. Preußen 

6,4 

17. England 

10,4 

5. Baden 

6,5 

18. 

Elsaß-Lothr. 

10,5 

6. Belgien 

8,2 

19. 

Württemberg 

11,1 

7. Hessen 

8.3 

20. 

Dänemark 

11.9 

8. Finnland 

8,4 

21. 

Niederlande 

13,8 

9. Deutschi. 

8,8 




10. Bayern 

9,1 




11. Österreich 

9,7 




12. Schweden 

9,8 




13. Ungarn 

9,8 




14. Sachsen 

9,9 





22. Frankreich 15,2 

23. Norwegen 16,5 


Am auffallendsten ist der gegensätzliche Erfolg in Irland und 
Norwegen. Beide Länder zeichnen sich von jeher durch die 
niedrigste Säuglingssterblichkeit aus, die prozentual in Irland am 
geringsten, in Norwegen am meisten abgenommen hat. Daraus 
geht hervor, daß die Höhe der Säuglingssterblichkeit nicht durch¬ 
weg bestimmend auf die Größe der Abnahme ist; auch in anderen 
Ländern mit niedriger Säuglingssterblichkeit treffen wir noch eine 
verhältnismäßig beträchtliche Abnahme, so in Dänemark, Schweden 
und England. Von den Ländern mit hoher Säuglingssterblichkeit 
dagegen zeigten Württemberg und Els.-Lothringen die bedeutendste 
Abnahme, während in den meisten übrigen Ländern sich der Rück¬ 
gang nur zwischen 5—10 Proz. bewegte. Da in den vorhergehenden 
Jahrfünften zum Teil überhaupt keine oder eine viel geringere Ab- 













Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 39 

nähme erzielt worden ist, so ist das letzte Ergebnis immerhin als 
«in bedeutungsvoller Fortschritt zu verzeichnen. 

Wir finden die geringste Säuglingssterblichkeit entsprechend 
den geringsten Geburtenziffern wieder in dem nordwestlichen 
Gürtel von Europa, der sich von Finnland bis Frankreich und der 
Schweiz um Deutschland herum erstreckt. In Deutschland selbst 
treffen wir noch immer die Hauptherde der Säuglingssterblichkeit 
in Sachsen und Süddeutschland. 

Wie bei der Gesamtsterblichkeit, so fiel auch bei der Säuglings¬ 
sterblichkeit in den meisten Staaten das Maximum auf das Jahr 
1901, das Minimum auf das Jahr 1902, welches Jahr bekanntlich 
durch einen mäßig warmen Sommer gekennzeichnet gewesen ist. 
Der enorme Unterschied in der Höhe der Säuglingssterblichkeit in 
den einzelnen Staaten hielt auch weiterhin an; Rußland, Sachsen 
und Bayern haben noch immer eine dreimal so hohe Säuglings¬ 
sterblichkeit als Norwegen. Die Reihenfolge der einzelnen Staaten 
blieb merkwürdigerweise in beiden Vergleichsperioden fast genau 
dieselbe, obgleich wir doch gerade hier mit einer großen Zahl sehr 
verschiedentlich wirkender Faktoren zu rechnen haben. 

Die Durchschnittsziffern des Jahrfünfts 1901—1905 waren 
in den meisten Staaten von den bisher bekannten Ziffern die 
niedrigsten, nur in fünf Staaten hatte die Säuglingssterblichkeit, 
soweit darüber die Statistik vorliegt, in früheren Jahren schon 
niedrigere Ziffern aufzuweisen gehabt, nämlich in 
Preußen in den Jahren 1816—1850 

Schottland „ „ „ 1855-1860 und 1881—1890 

Irland „ „ „ 1866—1890 

Bulgarien „ „ „ 1881—1890 

Rußland „ „ „ 1876—1880. 

Der Rückgang der Geburten, den die fortschreitende Entwick¬ 
lung der Kultur und die Ausbreitung des Wohlstandes zur Folge 
gehabt hat, ist also wieder reichlich wettgemacht worden durch 
die anhaltende Verminderung der Sterblichkeit und insbesondere 
der Säuglingssterblichkeit während des letzten Jahrfünfts in allen 
europäischen Staaten. Nur dadurch ist es möglich geworden, daß 
die Bevölkerungszunahme sich auf ihrer Höhe zu halten, ja noch 
weiter zu wachsen vermochte. 

V. Der Geburtenüberschuß. 

Ziehen wir schließlich die Bilanz aus den Geburten- und 
Sterbeziffern, so erhalten wir als Ausdruck des bleibenden 




40 ■ E. Roesle, 

Re p r o d u kt i o n s er f o 1 g e s den Geburtenüberschuß, dessen schwan¬ 
kende Höhe uns von jeher von dem Wohl oder Wehe der Völker 
ein beredtes Zeugnis gegeben hat. 

Schon aus der Tatsache, daß sich die Bevölkerung Europas im 
letzten Jahrhundert mehr als verdoppelt hat, müssen wir auf ein 
fortschreitendes Anwachsen des Geburtenüberschusses 
schließen, das allerdings nicht auf einer Zunahme der Geburten, 
sondern nur auf der Abnahme der Sterblichkeit beruhen konnte. 
In dem letzten Jahrzehnt 1891—1900, von dem wir wissen, daß die 
Geburtenziffern in allen europäischen Staaten (außer in Baden, 
Hessen, Rumänien und Serbien) ihr Minimum im ganzen Jahr¬ 
hundert erreicht hatten, war sogar die europäische Durchschnitts¬ 
ziffer des Geburtenüberschusses die höchste, die bisher berechnet 
werden konnte. Da die Sterbeziffern in diesem Jahrzehnt intensiver 
gesunken waren als die Geburtenziffern, so mußte sich naturgemäß 
der Abstand beider Ziffern immermehr vergrößern. Dieser Zustand 
mußte auch zu Beginn des neuen Jahrhunderts überall da an- 
halten, wo die Geburtenziffern langsamer als die Sterbeziffern 
sanken. 

Ordnen wir die europäischen Staaten nach der Größe des 
Geburtenüberschusses im Durchschnitt der Jahre 1901—1905, 
so ergibt sich für unsere Schlußbetrachtung folgendes Ergebnis: 

(Siehe Tabelle nächste Seite.) 

Wie die Tabelle zeigt, haben nur vier Staaten in dem 
Jahrfünft 1901—1905 die Höhe des Geburtenüberschusses in dem 
vorhergehenden Jahrzehnt nicht erreicht, nämlich Sachsen, 
Norwegen, Italien und Schweden. Bedeutungsvoll ist dieses Er¬ 
gebnis nur für N o r w e g e n und Schweden, da in diesen Ländern 
die Sterblichkeit bereits der natürlichen Grenze am nächsten steht, 
so daß eine weitere Bevölkerungszunahme auf Grund der Sterb¬ 
lichkeitsabnahme bald völlig ausgeschlossen sein dürfte. Das 
Maximum des Geburtenüberschusses fiel in Norwegen mit 15,9 Prom. 
bereits auf das Jahrzehnt 1851—1860, welche Ziffer zu damaliger 
Zeit die höchste in ganz Europa gewesen war, in Schweden da¬ 
gegen auf das Jahrzehnt 1871—1880 mit 12,2 Prom. Da schon 
seit diesen Zeiten die Geburtenziffern dieser beiden Länder rascher 
als die schon damals sehr niedrigen Sterbeziffern zu sinken be¬ 
gannen, so mußte sich in der Folge dort zuerst die Abnahme des 
natürlichen Bevölkerungszuwachses ergeben. Aus dem weiteren 
Anhalten der Abnahme jener beiden Ziffern können wir schließen, 
daß diese Staaten bereits den Höhepunkt ihrer Bevölkerungszunahme 




Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 41 


Europäische Geburtenüberschußziffern. 


Reihenfolge 

1901-1905 

Auf je 1000 Ein wohne 
G e 

in den Ländern: 

r der 1 
boren 

- Ö © 
© © 

ü 

s-h «r- 

Ö +3 1 

Q.ts ! 

pijS 
9 o 55 

,H 3DH 

nittleren 1 
e als Ges 

in de 

I 

1901 1902 

I 

Bevöl 

torbe 

ui Ja' 

1903 

kenn 

ne 

hren: 

1904 

lg tr 

1905 

im Durch- §2 

schnitt von § i 

1901—1905 g | 

Differenz 

zwischen £ 

1891—1900 

u. 1201-1905 

Relative 
Ziffern des 
Jahrfünfts 
190L—1905, 
wenn d. Ziff. 
d. Jahrzehnts*. 
1891—1900 
= 100 gesetzt 
werden: 

1. 

Bulgarien 

13,5 

14,4 

15,1 

18,3 

21,4 

21,9 

18,2 

+ 4,7 

134,8 

2. 

Serbien 

14,8 

17,0 

15,7 

17,5 

18,7 

13,0 

16,4 

+ 1)6 

110,8 

3. 

Rußland 

14,9 

15,8 

— 

— 

— 

— 

— 


— 

4. 

Niederlande 

14,1 

15,1 

15,5 

16,0 

15,4 

15,5 

15,4 

+1,3 

109,2 

5. 

Preußen 

15,0 

15,7 

16,3 

14,7 

15,4 

13,9 

15,2 

+ 0,2 

101,3 

6. 

Sachsen 

15,5 

15,8 

16,5 

14,2 

14,0 

12,3 

14,6 

— 0,9 

94,2 

7. 

Deutsches Reich 

13,9 

15,1 

15,6 

13,9 

14,5 

13,2 

14,5 

+ 0,6 

104,3 

8. 

Hessen 

12,3 

15,4 

14,8 

13,9 

14,6 

13,5 

14,5 

+ 2,2 

117,9 

9. 

Dänemark 

12,7 

14,0 

14,6 

14,0 14,7 

13,3 

14,2 

+ 1,5 

111,8 

10. 

Norwegen 

14,1 

14,6 

15,1 

13,9 

13,8 

12,5 

13,9 

-0,2 

98,6 

11. 

Rumänien 

11,8 

13,3 

11,3 

15,4 

15,7 

13,5 

13,8 

+ 2,0 

116,9 

12. 

Baden 

11,1 

13,9 

14,3 

13,0 

13,5 

13,1 

13,5 

+ 2,4 

121,6 

13. 

Württemberg 

10,8 

13,5 

14,1 

12,9 

13,1, 

12,5 

13,3 

+ 2,5 

123,2 

14. 

Bayern 

11,1 

14,2 

14,3 

12,1 

13,3 

12,0 

13,2 

+ 2,1 

118,9 

15. 

Finnland 

12,5 

11,9 ^ 

13,0 

12,5 : 

14,1 

12,2 

12,8 

+ 0,3 

102,5 

16. 

England und Wales 

11,7 

11 , 6 , 

12,3 

13,0 

11,7 

12,0 

12,1 

+ 0,4 

103,4 

17. 

Portugal 

9,3 

10,0 

12,3 

13,2 

13,0 

— 

12,1 

+ 2,8 

130,1 

18. 

Schottland 

11,8 

11,6 

12,0 

12,6 

11,8 

12,2 

12,0 

+ 0,2 

101,7 

19. 

Luxemburg 

8,7 

13,4 
* | 

12,4 

10,5 

10,5 

10,5 

11,6 

+ 2,9 

133,3 

20. 

Österreich 

10,6 

12,7 

12,4 

H,4 

11,8 

8,7 

11,4 

+ 0,8 

107,6 

21. 

Ungarn 

10,7 

12,4 

11,8 

10,6 

12,2 

7,9 

11,0 

+ 0,3 

102,8 

22. 

Italien 

10,8 

10,5 

11,2 

9,3 

11,7 

10,6 

10,7 

-0,1 

99,1 

23. 

Belgien 

9,9 

12,3 

11,1 

10,5 

10,3 

9,7 

10,7 

+ 0,8 

108,1 

24. 

Schweden 

10,8 

11,0 

11,1 

10,6 

10,5 

10,0 

10,6 

-0,2 

98,2 

25. 

Schweiz 

9,1 

iij ! 

11,5 

10,1 

9,9 

9,5 

10,4 

+ 1,3 

114,3 

26. 

Elsaß-Lothring. 

8,7 

11,2 

10,9 

9,5 

9,8 

8,9 

10,1 

+ M 

116,1 

27. 

Spanien 

5,3 

7,1 

9,5 

IM 

8,6 

9,5 

9,2 

+ 3,9 

173,6 

28. 

Irland 

4,8 

4,9 

5,5 

5.5 

5,5 

6,3 

5,6 

+ 0,8 

116,7 

29. 

Frankreich 

0,6 

1,9 

2,1 

1.9 

(.1,5 

0,9 

1,6 

+ i,o 

266,7 

Ganz Europa 

11,1 

12,3 

— 

— 

i 

— 


- j 

— 


für alle Zeiten überschritten haben, zu dem ihre hohe kulturelle 
Entwicklung sie frühzeitig bringen mußte. Jedenfalls haben diese 
beiden Völker den anderen vorbildlich gezeigt, daß selbst eine 
niedrige Geburtenziffer einen hohen Geburtenüberschuß erzeugen 
kann, dessen gleiche Höhe viele andere Staaten noch mit einem 
unnatürlich großen Aufwand von Gut und Blut erkaufen müssen. 







































42 E. Boesle, 

Wenn wir dagegen in den übrigen Staaten die Zunahme 
des Geburtenüberschusses in dem Jahrfünft 1901—1905 betrachten, 
so ergibt sich, daß mehr als ein Drittel dieser Staaten nur eine 
Zunahme bis 1 Prom. seit dem Jahrzehnt 1891—1900 erreicht hat. 
Die Zunahme schwankte, wie wir aus folgender Übersicht sehen, 
zwischen 0,2 bis 4,7 Prom. 


Zunahme des Geburtenüberschusses auf je 1000 Ein¬ 
wohner 

in den Jahren 1901—1905 gegenüber den Jahren 1891—1900: 


bis 1 Prom. 

1,1 bis 2 Prom. 

2,1 bis 3 Prom. 

über 3 Prom. 

1. Preußen 

0,2 

11. Niederlande 

1,3 

17. Bayern 2,1 

23. Spanien 3,9 

2. Schottland 

0,2 

12. Schweiz 

1,3 

18. Hessen 2,2 

24. Bulgarien 4,7 

3. Ungarn 

0,3 

13. Eis.-Loth. 


19. Baden 2,4 


4. Finnland 

0,3 

14. Dänemark 

1,5 

20 Württemb. 2,5 


5. England 

0,4 

15. Serbien 

1,6 

21. Portugal 2,8 


6. Deutsches R. 

0,6 

16. Rumänien 

2,0 

22. Luxemburg 2,9 


7. Österreich 

0,8 





8. Belgien 

0,8 





9. Irland 

0,8 





10. Frankreich 

1,0 






Ein ähnliches Bild erhalten wir, wenn wir auch hier das 
relative Verhältnis der Zunahme der Geburtenüberschußziffern 
in den beiden Zeiträumen berechnen, wobei sich freilich da, wo die 
Vergleichszahlen, wie in Spanien, Irland und Frankreich, abnorm 
gering sind, die größten prozentualen Verschiebungen ergeben 
müssen: 


Prozentuale Zunahme der GeburtenüberschuZiffern 
in den Jahren 1901—1905 gegenüber den Jahren 1891—1900: 


0—10 Proz. 

10,1-20 Proz. 

20,1—30 Proz. 

über 30 Proz. 

1. Preußen 

1,3 

10. Serbien 10,8 

18. Baden 21,6 

20. Portugal 

30,1 

2. Schottland 

1J 

11. Dänemark 11,8 

19. W ü r 11 e m b.23,2 

21. Luxemburg 33,3 

3. Finnland 

2,4 

12. Schweiz 14,3 


22. Bulgarien 

34,8 

4. Ungarn 

2,8 

13. Eis.-Loth. 16,1 

• 

23. Spanien 

73,6 

5. England 

3,4 

14. Irland 16,7 


24. Frankreich 166,7 

6. D Reich 

4,3 

15. Hessen 17,9 




7. Österreich 

7,6 

16. Kumänien 18,0 




8. Belgien 

8,1 

17. Bayern 18,9 




9. Niederlande 

9,2 





























Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten 43 

Durch die Verschiedenheit dieser Zunahme war auch eine zum 
Teil sehr beträchtliche Veränderung in der Reihenfolge der 
Staaten nach der Größe ihrer natürlichen Vermehrung bedingt. 
Sachsen, das noch im vorhergehenden Jahrzehnt von allen diesen 
Staaten die höchste Zunahme zu verzeichnen gehabt hatte, wurde 
auf die 6. Stelle zurückgedrängt, Preußen wurde von 4, Norwegen 
und Finnland von je 5, Schottland von 6, Schweden sogar von 
7 Staaten überholt. Den höchsten Reproduktionserfolg zeigten von 
den slavischen Staaten Bulgarien und Serbien, denen wir noch 
Rußland trotz der fehlenden Daten zuzählen dürfen, von den 
germanischen Staaten die Niederlande. Das erstere Resultat er¬ 
scheint uns jedoch weniger bemerkenswert, sobald wir die Ge¬ 
burtenziffern mit dem Geburtenüberschuß in Beziehung 
bringen. Nur auf Grund eines derartigen Vergleiches können wir 
die Erfolge der einzelnen Staaten nach ihrer kulturellen Bedeutung 
richtig ermessen. Der Vergleich dieser beiden Ziffern liefert 
folgendes Bild: 

(Siehe Tabelle S. 44.) 

Wie dieseZusammenstellung ergibt, erreichten die osteuropäischen 
Staaten im Verhältnis zu ihren Geburtenziffern nur einen mäßigen 
Geburtenüberschuß; Ungarn und Rumänien stehen sogar auf einer 
Linie mit Schweden, bzw. Norwegen. Nur Serbien und Bulgarien 
machten von dieser früher fast regelmäßig wiederkehrenden Er¬ 
scheinung eine Ausnahme, weil in beiden Ländern, wie wir wissen, 
die Sterblichkeit infolge des Fehlens von Seuchen in dem letzten 
Jahrfünft bedeutend gesunken war, wodurch naturgemäß der Über¬ 
schuß der an und für sich abnorm hohen Geburtenzahl in die Höhe 
schnellen mußte. Die Höhe des jetzigen Geburtenüberschusses von 
Bulgarien ist bisher in Europa nur einmal übertroffen worden, und 
zwar von Serbien in dem Jahrfünft 1881—1885 mit 21,8 Prom. 

Ganz anders müssen wir den Erfolg von Niederlande be¬ 
werten, dessen Geburtenziffer in unserer früheren Zusammenstellung 
erst an 17. Stelle zu stehen gekommen ist und das in obiger 
Reihenfolge schon an 4. Stelle wiedererscheint. Wir sehen an 
diesem, wie noch an dem Beispiel einiger anderen Staaten, den 
Vorteil einer niedrigen Sterblichkeit bei mäßiger Geburtenhäufig¬ 
keit für die Bevölkerungsentfaltung klar vor Augen, doch lehren 
uns gerade diese Beispiele, daß eine weitere Zunahme der Be¬ 
völkerungsentfaltung in diesen Staaten am frühesten nicht mehr 
zu erwarten ist. Umgekehrt treffen wir hier Österreich und 
Spanien an 20. bzw. 27. Stelle, während beide Länder die 7. bzw. 





E. ßoesle, 



ü 

cd 

55 

cd 

o* 

cs 

H 

r+- 

CD 

CS 

CS: 

O - 

CD 

** 

§- 

cs 


W 

CD 

CS 

M» 

CD 

a* P 1 

» ss 

® & 
B N 

£1 

g S 

S? ^ 

1=5 55 

*"h > CD 

^ c- 

M. Ö 

s ^ 

>=S r-K 

^ g 

I P 
C5- 
m> so: 

CD £ 

O fc±> 

pr (J13 

W 

CD 


P* 

CD 

cs 

CD 

cs 

»-S 

o 

V 

so: 

N^» 

Qß 

S - 

CD 

cs 

GO 

r+- 

P 

P 

r** 

CD 

P 




































Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 45 

8. höchste Geburtenziffer in der gleichen Zeit behaupteten. Von 
den deutschen Staaten hatte Bayern die höchsten Geburtenziffern, 
dagegen — abgesehen von Elsaß-Lothringen — den geringsten 
Überschuß zu verzeichnen. Der Einfluß der hohen Säuglingssterb¬ 
lichkeit in den deutschen Staaten macht sich bei dieser Bilanz vor 
allein geltend. 

Betrachten wir noch den Verlauf des Geburtenüberschusses 
in den einzelnen Jahren des letzten Jahrfünfts, so ergibt sich, daß 
für die Mehrzahl der Staaten das Jahr 1902 das günstigste ge¬ 
wesen ist. Wie bekannt, war dieses Jahr durch eine geringe 
Sterblichkeit ausgezeichnet. Das Minimum des Geburtenüberschusses 
traf dagegen in 17 Staaten auf das Jahr 1905, in dem wir auch 
das Minimum der Geburten in 24 Staaten verzeichnen konnten. 
Ob wir in diesem ungünstigen Abschluß einen Wendepunkt in der 
organischen Vermehrung der europäischen Völker erblicken dürfen, 
kann uns freilich erst die Zukunft lehren; wir können jedoch aus 
der geringen Zunahme des Geburtenüberschusses in dem letzten 
Jahrfünft schließen, daß die Mehrzahl der europäischen Kultur¬ 
staaten dem Höhepunkt ihrer organischen Entfaltung bereits sehr 
nahe gekommen ist. 

Der Geburtenüberschuß in Stadt und Land. Auf Grund 
unserer Aufzeichnungen über die Geburten- und Sterbeziffern in 
Stadt und Land können wir bereits schließen, daß die in inten¬ 
siverer Weise zunehmende Zahl der Überlebenden in den Städten 
durch die sich in fast kongruenter Weise vermindernde Zahl der 
Geburten mehr oder minder wieder ausgeglichen werden mußte. 
Das Endergebnis der Bevölkerungsbilanz in Stadt und Land führt 
uns die folgende Tabelle vor Augen: 

(Siehe Tabelle S. 46.) 

Der Unterschied dieser Bilanz zwischen Stadt und Land wurde 
in der letzten Vergleichsperiode größer in Preußen, Bayern, Schott¬ 
land, Serbien und Frankreich, dagegen kleiner in Sachsen, Schweden 
und Finnland. Die Vergrößerung dieses Unterschiedes war 
nur in Schottland durch ein höheres Ansteigen des Geburtenüber¬ 
schusses in den Städten bedingt, in Preußen, Bayern, Serbien und 
Frankreich war dagegen die letztere Zunahme auf dem Lande größer. 
Die Verminderung dieses Unterschiedes hinwiederum war be¬ 
dingt teils durch eine größere Zunahme des Geburtenüberschusses 
in den Städten, wie in Schweden und Finnland, teils durch eine 
größere Abnahme auf dem Lande bei gleichzeitiger Abnahme in 




46 E. Eoesle, 


Der Geburtenüberschuß in Stadt und Land 
in dem Jahrfünft 1901—1905 gegenüber dem Jahrzehnt 1891—1900. 


Auf je 1000 Einwc 

in den Ländern 

)hner trafen mehr ( 

in den Jahren 

Sreborene als Gestorbene: 

in Stadt j in Land 

Geburtenüber¬ 
schuß in Stadt 
-f- = größer, 

— = geringer 

Preußen 

1891- 

-1900 

12,4 

16,7 

-4,3 


1901- 

-1905 

12,5 

17,6 

-5,1 

Bayern 

1891- 

-1900 

9,4 

11,6 

-2,2 

1901- 

-1905 

11,1 

13,8 

- 2,7 

Sachsen 

1896- 

-1900 

14,2 

17,0 

-2,8 


1901- 

-1905 

13,0 

15,6 

-2,6 

Schottland 

1891- 

-1900 

18,6 

10,8 

+ 2,8 


1901- 

-1905 

14,1 

10,2 

+ 3,9 

Schweden 

1891- 

-1900 

9,7 

11,1 

— 1,4 


1901- 

-1904 

10,4 

10,9 

— 0,5 

Finnland 

1891- 

-1900 

9,7 

12,9 

-3,2 


1901- 

-1905 

11,0 

13,0 

-2,0 

Frankreich 

1898- 

-1900 

— 0,6 

0,8 

-1,4 


1901- 

-1905 

0,3 

1,8 

-1,5 

Bulgarien 

1896- 

-1902 

9,1 

18,4 

-9,3 

Serbien 

1893- 

-1900 

4,8 

16,6 

—11,8 


1901- 

-1905 

4,5 

18,2 

—13,8 


den Städten, wie in Sachsen. Die Höhe dieser Zu- oder Ab¬ 
nahme können wir aus folgender Tabelle ersehen: 

Zu- oder Abnahme der Geburtenüberschußziffern in 
Stadt und Land in dem Jahrfünft 1901—1905. 


in den 

Zunahme 

Abnahme 

Ländern 






in Stadt 

in Land 

in Stadt 

in Land 

Bayern 

+ 1,7 

+ 2,2 

_ 

_ 

Finnland 

+ 1,3 

+ o,i 

— 

— 

Frankreich 

+ 0.9 

+ 1,0 

— 

— 

Schweden 

+ 0i7 


— 

-0,2 

Schottland 

+ 0,5 

— 

—• 

-0,6 

Preußen 

+ 0,2 

+ 0,9 

— 


Sachsen 



— 1,2 

-1,4 

Serbien 

— 

+1,6 

-0,3 
























Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 47 

Aus dieser Trennung läßt sich also ersehen, daß an dem Rück¬ 
gang des Geburtenüberschusses in Sachsen sowohl Stadt wie Land, 
an demjenigen Schwedens dagegen ausschließlich das Land be¬ 
teiligt war. 

In den slavischen Ländern, wie in Serbien und Bulgarien, 
begegnen wir in bezug auf die Verschiedenheit der generativen 
Werte zwischen Stadt und Land dem auffallendsten Gegen¬ 
sätze. Die urwüchsige Kraft einer noch wenig durch den Einfluß 
der Kultur von ihren natürlichen Anschauungen abgelenkten Land¬ 
bevölkerung tritt hier noch am deutlichsten in Erscheinung. Dieser 
Gegensatz war jedoch auch in den anderen Staaten früher in nicht 
minderem Maße vorhanden gewesen, bis ihn die fortschreitende 
Kultur immer mehr nivellierte. So sehen wir, wenn wir die ge¬ 
schichtliche Entwicklung der natürlichen Bevölkerungsvermehrung 
zurückverfolgen, daß die Städte noch bis gegen die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts sogar eine Unterbilanz aufzuweisen 
hatten, denn es betrug z. B. der 


Geburtenüberschuß 
auf je 1000 Einwohner berechnet 


in den 

in Schweden 1 ) 

in Preußen 2 ) 

Jahren 

in Stadt 

in Land 

in Stadt 

in Land 

1816-1820 
1821-1830 
1831 -1840 
1841-1850 
1851—1860 
1849-1855 
1856-1861 

-1,9 
-3,1 
-4,5 
— 0,6 
+ 1,3 

+10,3 
—12,6 
—10,1 
— 11,6 
— 12,2 

JX> J35 1 1 1 1 1 

+Io,8 

+ 13,2 


Während der frühere geringere Geburtenüberschuß in den 
Städten jedoch nur durch die höhere Sterblichkeit daselbst bedingt 
gewesen war, kommt jetzt in den slavischen Ländern, wo die 
Sterbeziffern in Stadt und Land sich bereits auszugleichen be¬ 
ginnen, als Ursache eigentlich nur die viel geringere Frucht¬ 
barkeit der Städte in Betracht. Da wir die letztere Erschei¬ 
nung, wie wir gesehen haben, nur auf die höhere Entwicklung der 


0 Befolkningsstatistik 1904. 

2 ) Preußische Statistik, Bd. 48. Die Trennung zwischen Stadt und Land, 
beginnt erst mit dem Jahre 1849. 















48 E. Koesle, 

Kultur und auf den größeren Wohlstand der Städte zurückführen 
können, so dürfen wir erwarten, daß sich, auch w r enn sich die 
Sterblichkeit noch weiter vermindert, der Geburtenüberschuß der 
slavischen Völker mit der Ausbreitung jener Faktoren in Zukunft 
auch auf dem Lande verringern und sich dem europäischen Durch¬ 
schnitt wieder nähern wird, über den sich ohnedies die Zunahme 
dieser Völker infolge ihrer höheren Sterblichkeit bisher nur selten 
zu erheben vermocht hatte. 

Schlußbetraclitiing. 

Die wichtigsten Ergebnisse unserer Untersuchung lassen sich 
selbst in einigen Übersichten kurz zusammenstellen: 


I. 

Europäische Maximal- und Minimaldurchschnitts- 
ziffern des Jahrfünfts 1901—1905 (ohne Kußland). 



der Ehe- 
schließungs- 
ziffern 

der Lebend¬ 
geburten¬ 
ziffern 

der Sterbe¬ 
ziffern 

d. Säuglings¬ 
sterbe¬ 
ziffern 

der Geburten¬ 
überschu߬ 
ziffern 

Maximum 

Minimum 

10,0 

(Bulgarien) 

5,2 

(Irland) 

40,9 

(Bulgarien) 

21,2 

(Frankreich) 

26,2 

(Ungarn) 

14,6 

(Norwegen) 

24,6 

(Sachsen) 
8,1 . 
(Norwegen) 

18,2 

(Bulgarien) 

1,6 

(Frankreich) 

Maximum 
war größer 
als Minimum 

i 

1,92 mal 

1,95 mal 

1,77 mal 

3,04 mal 

11,38 mal 


Gegenüber den Durchschnittsziffern des Jahrzehnts 1891—1900 
hat sich für die Gesamtheit der europäischen Staaten (ohne Ru߬ 
land) in dem Jahrfünft 1901—1905 folgendes Resultat ergeben: 


II. 

Anzahl der Staaten, die zu verzeichnen hatten 


im Jahrfünft 
1901-1905 
gegenüber d. 
Jahrzehnt 
1891-1900 

der Ehe¬ 
schließungs¬ 
ziffer 

der Lebend¬ 
geburten¬ 
ziffer 

der Sterbe¬ 
ziffer 

d. Säuglings¬ 
sterbe¬ 
ziffer 

der Geburten¬ 
überschu߬ 
ziffer 

Zunahme 

15 

7 


— 

24 

Abnahme 

10 

20 

28 

23 

4 

Keine Ver- 
änderung 

3 

1 

— 

— 

— 

Gesamtzahl 
der Staaten 

28 

28 

28 

23 

28 



































Die natürliche Bewegung der Bevölkerung in den europäischen Staaten. 49 


III. 

Maximum der prozentualen Zu- oder Abnahme 


in dem Jahrfünft 
1901—1905 gegen¬ 
über dem Jahrzehnt 
1891-1900 

der Ehe¬ 
schließungs¬ 
ziffern 

der Lebend¬ 
geburten¬ 
ziffern 

der Sterbe¬ 
ziffern 

d. Säuglings¬ 
sterbeziffern 

Maximum 





1. der Zunahme 

+ 20,5 
(Bulgarien) 

+ 6,3 
(Luxemburg) 

— 

— 

2. der Abnahme 

- 9,8 
(Sachsen) 

— 12,4 
(Sachsen) 

— 16,7 
(Sachsen und 
Serbien) 

— 16,5 
(Norwegen) 


IV. 

Maximum und Minimum der absoluten Zu- oder Ab¬ 
nahme der Geburtenüberschußziffern 
auf je 1000 Einwohner 


in dem Jahrfünft 

1901—1905 gegenüber 
dem Jahrzehnt 1891—1900 

der Zunahme 

der Abnahme 

Maximum 

-f- 4,7 Prom. (Bulgarien) 

— 0,9 Prom. (Sachsen) 

Minimum 

-f- 0,2 Prom. (Preußen u. 

— 0,1 Prom. (Italien) 


Schottland) 



Trotz des vorübergehenden, fast allgemeinen Rückganges der 
Eheschließungen in den Jahren 1902—1903 sind die Durchschnitts¬ 
ziffern des Jahrfünfts 1901—1905 in 15 Staaten größer gewesen 
als in dem vorhergehenden Jahrzehnt. Diese Zunahme ist jedoch 
nur in 7 von diesen Staaten von einer gleichzeitigen Erhöhung der 
Geburtenziffern begleitet gewesen; in allen übrigen Staaten hat 
der schon seit drei Jahrzehnten einsetzende Geburtenrück¬ 
gang weiterhin angehalten und hat somit in dem letzten 
Jahrfünft die bisher niedrigsten Ziffern erreicht. Viel stärker als 
auf dem platten Lande hat sich dieser Rückgang in denStädten 
geltend gemacht, so daß sich die Differenz der Geburtenziffern 
zwischen Stadt und Land noch weiter vergrößert hat. Die ge¬ 
ringere Fruchtbarkeit in den Städten muß um so auffallender er¬ 
scheinen, als dort die Eheschließungsziffern im allgemeinen viel 
höher und die zeugungsfähigen Altersklassen viel zahlreicher sind 
als auf dem Lande. 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 4 






















50 E. Roesle, Die natürliche Bewegung der Bevölkerung usw. 

Die allgemeine sinkende Tendenz der Sterblichkeit 
ist in allen Staaten zum Ausdruck gekommen. Dieser Rückgang 
der Gesamtsterblichkeit kann zum Teil auf die allgemeine und in¬ 
tensivere Abnahme der Säuglingssterblichkeit zu- 
rückgeführt werden. In den Städten ist überall die Sterblich¬ 
keit intensiver gesunken als auf dem Lande, so daß die Zahl 
der Staaten, in denen die Sterbeziffern der Städte sich unter den¬ 
jenigen des platten Landes bewegen, zugenommen hat. 

Als ursächliche Faktoren der Verminderung der Fruchtbar¬ 
keit sowie der Sterblichkeit kommt hauptsächlich der Fort¬ 
schritt der Kultur und die Ausbreitung des Wohl¬ 
standes in Betracht. Infolge des anhaltenden wirtschaft¬ 
lichen und kulturellen Aufschwungs haben sich die Wirkungen 
dieser Faktoren immer deutlicher zu entfalten vermocht, die nun 
die organische Entwicklung der europäischen Kulturvölker be¬ 
herrschen und letztere der Grenze ihrer natürlichen Zunahme 
immer rascher entgegenführen. 





Der Wert und die Einrichtung’ von Sozialen Museen. 

Von W. von Kalckstein, Bremen. 

„Der Wert und die Einrichtung von sozialen Museen“ lautet 
das mir gestellte Thema, das ich aber in der Reihenfolge „Ein¬ 
richtung und Wert“ behandeln zu sollen glaube, weil nach meiner 
— wohl nicht alleinstehenden — Erfahrung es sich in erster Linie 
darum handelt zu zeigen, was man unter einem „Sozialen“ Museum 
versteht. Denn die mir zuerst entgegentretende Frage bei der 
Sammlung für das Bremer Soziale Museum lautete stets: „Was 
ist denn eigentlich das ,Soziale Museum“', und wenn wir 
auch nachher sehen werden, wie verschiedenartig die vorhandenen 
eingerichtet und wirksam sind, so kann man diese Institution in 
Kürze wohl am besten erklären als: 

1. Sammel- und Auskunftsstelle für Wohlfahrtsangelegenheiten 
und sozialpolitische Maßnahmen, 

2. Zentralstelle für soziale Arbeit, 

3. Sammlung und Ausstellung von Schutzeinrichtungen auf 
dem Gebiete der Unfallverhütung und Gewerbehygiene. 

Wie wir gleich zu zeigen haben werden, nehmen sich dieser 
drei Aufgaben die bestehenden Einrichtungen in verschiedenem 
Maße an. Ehe wir aber auf die bedeutungsvollsten derselben ein- 
gehen, sei ein kurzer geschichtlicher Rückblick auf die Entwick¬ 
lung ‘) dieser Bewegung gestattet. 

Während die aus den Fußnoten erkennbare, recht zahlreiche 
Literatur über unseren Gegenstand fast ausschließlich in diesem 
Jahrhundert, wenn nicht in den allerletzten Jahren entstand, ist 
die Einrichtung Sozialer Museen, vor allem die Anregung hierzu, 


*) P. Schmidt, Soziale Museen, L. Kätscher, Die sog. „Sozial-Museen“. 

4* 





52 W. von Kalckstein, 

sehr viel älteren Datums. Bereits vor einem halben Jahrhundert 
war der Engländer Twining beharrlich bemüht, ähnliche Ein¬ 
richtungen zu schaffen. Dieser Menschenfreund meinte schon 1852: 
„Die Gesundheit und die materielle Lage der unteren Schichten 
könnten bedeutend gehoben werden durch ein ökonomisches Museum 
für die arbeitenden Klassen, welches eine mit Sorgfalt ausgewählte 
und eingeteilte Sammlung aufnehmen und dadurch beständig die 
Belehrung und Erziehung des Volkes fördern sollte.“ Twining 
sah seine Pläne auf mehreren Ausstellungen (Wien, Paris, Brüssel) 
vorübergehend verwirklicht. Seine Vorschläge zu Sammlungen von 
„Gegenständen der häuslichen und sanitären Wirtschaft zum Ge¬ 
brauch der arbeitenden Klassen“ sind noch heute sehr wertvoll. 
Eine dauernde Ausführung seiner Ideen kam, wenngleich in sehr 
beschränktem Maße, erst 1889 in dem „Gewerbehygienischen 
Museum“ in Wien zustande, für dessen Ausbau zu einem Sozialen 
Museum sich daselbst ein gleichnamiger Verein bildete, der aber 
sein Ziel noch nicht erreicht zu haben scheint. 

Das erste eigentliche „Soziale Museum“, dessen Bezeichnung 
dann auch von den jüngeren Einrichtungen zum Teil angenommen 
wurde, ist das Pariser Musee social, 1 ) auf das wir daher 
auch ausführlicher eingehen wollen. 

Das Pariser Musee social, zu dessen Begründung die auf der 
Pariser Weltausstellung vom Jahre 1889 zusammengebrachte Gruppe 
der Sozialwissenschaft den Anlaß gegeben hat, verdankt seine Ent¬ 
stehung und seine materielle Unterhaltung im wesentlichen einer 
reichen Schenkung des Grafen Cliambrun an eine von ihm be¬ 
gründete gleichnamige Gesellschaft. Zu den Männern, die ihn am 
zielbewußtesten an die Hand gingen und ihn am meisten an¬ 
spornten, gehörte der, inzwischen auch verstorbene, Philanthrop 
Staatsrat Charles Robert, Gründer und Präsident des Pariser 
Gewinnbeteiligungsvereins. Die Museumsgesellschaft trägt nach 
außen hin einen geschlossenen Charakter, sie kennt nicht die Ein¬ 
richtung der beitragzahlenden Mitglieder. Die Art der Organi¬ 
sation ist in der ersten Zeit vom Begründer stark beeinflußt worden, 
jetzt ist sie folgendermaßen geregelt: Die obere Leitung liegt bei 


9 Band 30 der Schriften der Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen 
(jetzt für Volkswohlfahrt): „Die Organisation der Wohlfahrtspflege; Dr. Karl 
Singer: Die Errichtung eines Institutes für Soziale Arbeit und die Organisation 
der Wohltätigkeit in München. Die oben schon genannten Schriften, die Jahres¬ 
berichte der bestehenden Einrichtungen und deren sonstigen Veröffentlichungen 
lassen die bedeutende Zahl schon bestehender „Museen“ erkennen.“ 





Der Wert und die Einrichtung von Sozialen Museen. 53 

dem „Großen Rate“, der bis zu 60 Personen umfaßt und aus den 
Ehrenmitgliedern, dem Direktorium (Comite de direction) sowie aus 
von ihnen kooptierten Mitgliedern besteht. Die Leitung der Ver¬ 
waltung erfolgt durch das aus 7 Personen bestehende Direktorium, 
das vom großen R§,te gewählt wird, während die eigentliche Ge¬ 
schäftsführung einem Stabe von akademisch gebildeten, besoldeten 
Berufsbeamten übertragen ist, die die Direktion (Verwaltungs¬ 
direktor M. L e o p o 1 d M a b i 11 e a u) und das Sekretariat bilden. Auf 
diesen beruht die Haupttätigkeit des Museums. Die erstere sichert 
den Gang der Anstalt und steht in engem Zusammenhang mit allen 
Dienstzweigen. Das Sekretariat hat die Erledigung der laufenden 
Korrespondenz und die Beschaffung des zur unverzüglichen Erledigung 
eines Teiles der Erkundigungen notwendigen Materials zu besorgen. 
Es liegt ihm ferner die Verteilung und sonstige Verwendung 
der empfangenen Antworten und Materialien nach einem ihre jeder¬ 
zeitige Benutzung ermöglichenden wissenschaftlichen Plan ob. Dem 
Direktorium zur Seite stehen die in Sektionen gegliederten „Mit¬ 
arbeitenden Mitglieder“, die auf seinen Vorschlag vom Großen 
Rate auf 3 Jahre gewählt werden. Dasselbe ist der Fall bei den 
„Korrespondierenden Mitgliedern“; als solche kommen Einzelper¬ 
sonen oder Vertreter von Gesellschaften in Betracht, die sich durch 
ihre Tätigkeit und ihre Arbeiten dafür eignen. Alljährlich ver¬ 
sammelt sich der Große Rat mindestens zweimal zu einer General¬ 
versammlung, zu der die Mitarbeiter und Korrespondenten mit be¬ 
ratender Stimme hinzugezogen werden. 

Bezüglich der Aufgaben und der Tätigkeit der Gesellschaft 
besagt zunächst der Artikel 1 der Satzungen folgendes: „Die Ge¬ 
sellschaft „Musee social“ bezweckt, dem Publikum außer unent¬ 
geltlichen Auskünften und Ratschlägen Dokumente, Modelle, Pläne, 
Statuten von sozialen Einrichtungen und Vereinigungen zur Ver¬ 
fügung zu stellen, die darnach streben, die materielle und mo¬ 
ralische Lage der arbeitenden Klassen zu bessern.“ 

Zur Durchführung dieses Zweckes hat die Gesellschaft haupt¬ 
sächlich folgende Veranstaltungen getroffen: 1. eine dauernde sozial¬ 
ökonomische Ausstellung; 2. eine für jeden geöffnete Bibliothek 
und einen Lesesaal; 3. Mitteilungen an Interessenten auf alle An¬ 
fragen, die soziale Einrichtungen betreffen; 4. technische Rat¬ 
schläge für die Begründung von neuen Schöpfungen oder etwaigen 
Änderungen bei schon bestehenden Einrichtungen; 5. Veranstaltung 
von Konferenzen, Kursen und Vorlesungen zur Besprechung des 
ausgestellten Materials und um die Kenntnis sozialökonomischer 




54 W. von Kalckstein, 

Einrichtungen zu verbreiten; 6. Reisen zu Studien und Forschungen 
in Frankreich und im Auslande; 7. Veröffentlichungen zur Orien¬ 
tierung über die Arbeiten des Sozialen Museums und das von ihm 
gesammelte Material; 8. Aussetzung von Preisen und Medaillen für 
bemerkenswerte Arbeiten, sowie Veranstaltung von Wettbewerben 
über besondere Themata. 

Die an erster Stelle genannte Veranstaltung, die dauernde 
sozialökonomische Ausstellung, ist auf der Grundlage der oben er¬ 
wähnten Sammlung der Weltausstellung von 1889 aufgebaut; sie 
dient der Vorführung von Anschauungsmaterial. Die Bibliothek 
und der Lesesaal bilden einen wichtigen Bestandteil des Instituts, 
da die Anfertigung bzw. Unterstützung wissenschaftlicher Arbeiten 
einen breiten Teil seiner Tätigkeit einnimmt; demgemäß wird auf 
die Ausgestaltung der Bibliothek besonderer Wert gelegt. Die 
Beantwortung von Anfragen und die unter 3 und 4 bezeichneten 
Aufgaben: Auskunft- und Raterteilung, sind wohl mit der wichtigste 
Zweig der Gesellschaftstätigkeit; ihrer Erfüllung dienen im wesent¬ 
lichen folgende Einrichtungen: Zunächst die „Sektionen“ bzw. 
Ausschüsse, das sind aus hervorragenden Vertretern der Rechts¬ 
und Staatswissenschaften sowie der Verwaltung — meistens „Mit¬ 
arbeitern“ der Gesellschaft — gebildete, unter Leitung von 
Direktoriumsmitgliedern stehende Beiräte, die von dem Institut 
in einschlägigen Fragen, namentlich bei der Erteilung schwieriger 
Auskünfte zu Rate gezogen werden. Es bestehen 7 Ausschüsse: 
1. zur Aufrechterhaltung von Beziehungen zu Gesellschaften, die 
soziale Fragen behandeln; 2. für Landwirtschaftswesen; 3. für 
Arbeitervereine und Genossenschaften; 4. für soziales Versiche¬ 
rungswesen; 5. für Arbeitgeberangelegenheiten, Wohlfahrtsein¬ 
richtungen u. dgl.; 6. für Rechtsfragen; 7. für Studienreisen und 
Untersuchungen. Als wertvolles, unentbehrliches technisches Hilfs¬ 
mittel für die Auskunftserteilung kommt das später eingerichtete 
Archiv in Betracht. Es umfaßt, in Faszikeln (dossiers) syste¬ 
matisch geordnet und in einer das rasche Auffinden erleichternden 
Weise registriert, die beim Sekretariate bearbeiteten Auskünfte 
sowie das gesamte Material an Zeitungsausschnitten, Broschüren, 
Schriftstücken, das sich bei den einzelnen Dienstzweigen (services) 
im Laufe der Jahre angesammelt hat. Solche Dienstzweige oder 
Abteilungen, die von je einem „Delegierten“ bzw. Vertreter des 
Sekretariats geleitet werden, gibt es 3: 1. die Industrie- und Ar¬ 
beiterabteilung, 2. die ländliche Abteilung, 3. die Abteilung für 
Gegenseitigkeitsvereine. Sie haben die Pflicht, sich über Neuerschei- 




Der Wert und die Einrichtung von Sozialen Museen. 55 

nungen und Veränderungen auf ihrem Gebiete fortlaufend zu 
orientieren, alles einschlägige Material zu sammeln, eigene Unter¬ 
suchungen anzustellen, Kongresse zu besuchen, sich mit den be¬ 
treffenden Organisationen in Verbindung zu setzen, Ratsuchenden 
schriftlich und mündlich Auskunft zu erteilen usw. 

Die Gesellschaft begnügt sich nicht mit der Sammlung des 
Materials, das ihr zugeht; sie bedient sich vielmehr zur eigenen 
Orientierung folgender Organe bzw. Mittel. Sie entsendet bei 
wichtigen sozialen Begebenheiten (Kongressen, Streiks usw.) ihre 
Vertreter, die an Ort und Stelle wissenschaftliche Untersuchungen 
anstellen, deren Ergebnisse Material für Veröffentlichungen und 
Konferenzen abgeben. Außerdem veranstaltet sie Studienreisen, 
deren Teilnehmer bestimmte soziale Einrichtungen zu studieren 
und darüber Monographien abzufassen haben; die Reisen führen in 
alle Länder der Welt. Zur Orientierung über die auswärtige Ent¬ 
wicklung der sozialen Bewegung verfügt das Institut über eine 
Reihe ständiger Korrespondenten, die u. a. Berichte über ihre Länder 
einzusenden, Anfragen zu beantworten und bei der Auswahl der 
Literatur zu raten haben. 

Das „Soziale Museum“ tritt auf verschiedenen Wegen au die 
Öffentlichkeit. Es veranstaltet in jedem Jahre zwei Arten von 
Konferenzen: die einen mit intimerem Charakter, in denen Teil¬ 
nehmer der Untersuchungsreisen vor Sachverständigen über die 
sozialen Versuche in fremden Ländern berichten; die anderen mehr 
öffentlich, in denen Mitarbeiter oder Freunde des Museums Vor¬ 
träge über soziale Fragen allgemeinen Interesses vor einem größeren 
Publikum, namentlich Arbeitervereinen, halten. Ferner gibt das 
Institut eine Reihe von Veröffentlichungen heraus: 1. die perio¬ 
dische Revue „Le Musee social“ bestehend aus 2 Teilen, den 
„Annales“ — monatlichen fortlaufenden Berichten über die soziale 
Bewegung und über die Tätigkeit des Museums — und den 
„Memoires et Documents“ monatlich erscheinenden selbständigen 
Monographien kleineren Umfanges, unter Verantwortlichkeit der 
betreffenden Verfasser; 2. die Sammlung „Bibliothecpie du Musee 
social“, die größere Abhandlungen als die vorbezeichneten umfaßt, 
darunter Ergebnisse von Untersuchungs- und Studienreisen, preis¬ 
gekrönte Arbeiten aus den vom Museum veranstalteten Wett¬ 
bewerbe usw.; 3. die sog. „Tracts de propagande“, kleine Bro¬ 
schüren mit knappen Anweisungen für die Begründung und Ver¬ 
waltung der hauptsächlichsten sozialen Einrichtungen (Vereine, 
Kassen, Genossenschaften usw.). 




56 W. von Kalckstein, 

Schließlich verleiht das Museum noch Preise, bzw. Renten, und 
veranstaltet Wettbewerbe, um einerseits verdienstvolle Arbeiter 
und Vereine zu belohnen und andererseits das wissenschaftliche 
Interesse auf soziale Fragen und Einrichtungen hinzulenken. 

Auf die Satzungen des Museums weiter einzugehen, müssen 
wir uns hier unter Hinweis auf die oben genannten Quellen ver¬ 
sagen. 

Aber auch das Angeführte dürfte schon erkennen lassen, um 
welche bedeutungsvollen Aufgaben es sich hier handelt, in wie aus¬ 
gedehntem Maße das Pariser Soziale Museum diesen entgegen¬ 
kommt und daß es erklärlich ist, wenn die Frankfurter und Bremer 
Nachfolger ihren Instituten einen Namen gaben, der bezeichnen 
sollte, welchem Vorbilde sie nacheifern möchten. 

Aus letzterem Grunde brauchen wir auch nur kurz auf diese 
neueren deutschen Museen einzugehen. 

Das Frankfurter Sociale Museum ist hervorgegangen, 
aus der Auskunftsstelle für Arbeiterangelegenheiten des Instituts 
für Gemeinwohl (einer gemeinnützigen, reichen Stiftung einiger 
Frankfurter Herren). 

Das Institutfiir Gemein wo hl verdankt zwei Gedanken¬ 
reihen seinen Ursprung, und noch heute bestimmen sie seine Ziele: 

„Die eine geht aus von der mangelnden Organisation der prak¬ 
tischen, sozialen Tätigkeit und sucht ihre Aufgabe in der Schaffung 
von Zentralen, die, geleitet von volkswirtschaftlich und sozial¬ 
politisch geschulten Berufsbeamten, ausgestattet mit allen er¬ 
forderlichen sachlichen Hilfsmitteln, die private wie die öffentliche 
soziale Tätigkeit fördern sollen. 

Die andere nimmt ihren Ausgangspunkt in dem bisher zu gering 
entwickelten Verständnis der besitzenden Klassen für die Be¬ 
dürfnisse und Anschauungen der arbeitenden Klassen und erstrebt 
eine Förderung von volkswirtschaftlicher und sozialer Theorie und 
Praxis durch eine Verbindung beider. 

Die zweite Wurzel des Frankfurter Sozialen Museums liegt in dem 
dortigen Verein zur Förderung des Arbeite rwohnungs- 
wesens und verwandte Bestrebungen. 

Das dortige Soziale Museum findet nun seine Berechtigung 
in folgenden Gedankengängen: 

Zu den Hemmnissen des Fortschreitens praktischer 
sozialer Arbeit gehört weniger der Mangel des sozialen Inter¬ 
esses, mehr aber das Fehlen der erforderlichen Anregung, Anlei¬ 
tung, Begutachtung und sonstigen Unterstützung. Damit eine 




Der Wert und die Einrichtung von Sozialen Museen. 57 

sozialpolitisch wertvolle Organisation ins Leben trete, 
bedarf es nicht bloß des guten Willens, sondern auch 
der Auffindung der entsprechenden rechtlichen und 
wirtschaftlichen Form für diese Organisation, die 
Beobachtung einer Reihegrößerer undkleinererprak- 
tischer Gesichtspunkte. Dieser Mangel ist ebenso fühlbar 
für den Unternehmer wie für den Arbeiter, für den Verwaltungs¬ 
beamten wie für den Privatmann. 

Den Unternehmern hat schon die Gesetzgebung selbst eine 
Reihe sozialer Aufgaben zugewiesen. Von der Art und Weise der 
Organisation ihrer Betriebe hängt nicht zum geringsten Teil das 
Wohlbefinden und die Tüchtigkeit ihrer Arbeiter und damit die 
günstige geschäftliche Entwicklung der Betriebe ab. Bei Ab¬ 
fassung von Arbeitsordnungen, von Krankenkassenstatuten, bei Ein¬ 
führung neuer Lohnsysteme, bei Schaffung von Wohlfahrtseinrich¬ 
tungen aller Art ist dem Unternehmer oft sachverständiger Beirat 
erwünscht und von Nutzen, zumal wenn diese Einrichtungen in 
einer gerechten, für Arbeiter und Arbeitgeber befriedigenden Weise 
gestaltet und Schwierigkeiten möglichst ausgeschlossen werden 
sollen. 

In noch weit höherem Maße gilt dies für staatliche und 
städtische Behörden. Ihnen fällt die Ausführung bestehender 
und die Vorbereitung neuer Gesetze zu. Zunächst hat die Gesetz¬ 
gebung ihnen eine Fülle von Aufgaben auf sozialem Gebiete zu¬ 
gewiesen; sind diese auch vielfach rein rechtlicher Natur, so sind 
dabei doch zumeist auch eine Reihe von sozialpolitischen und Zweck¬ 
mäßigkeitsgesichtspunkten zu berücksichtigen. Den höheren Ver¬ 
waltungsbehörden fallen eine Reihe von Aufgaben auf dem Gebiete 
der Krankenversicherung (Festsetzung der ortsüblichen Tagelöhne, 
Genehmigung der Statuten von Orts-, Betriebs- und Innungskranken¬ 
kassen und deren Abänderungen, Aufsichtsführung über die Kassen 
überhaupt), nach der Gewerbeordnung (Regelung der Sonntagsruhe 
in Gewerben zur Befriedigung täglicher Bedürfnisse, Erledigung 
von Beschwerden gegen polizeiliche Auflagen an Betriebsunter¬ 
nehmer, Gewährung von Ausnahmen bei der Beschäftigung jugend¬ 
licher Personen und weiblicher Arbeiter, Festsetzung des Achtuhr¬ 
ladenschlusses, Gewährung von Ausnahmen bei der Beschäftigung 
von Handlungsgehilfen), nach dem Gesetz über die allgemeine 
Landesverwaltung (Erlaß von Polizeiverordnungen über Wohnungs¬ 
inspektion, Aufsichtsführung über die Gemeinden und Genehmigung 
vieler gemeindlicher Unternehmungen), nach dem Gesetz über die 




58 W. von Ivalckstein, 

Privatversicherungsunternehmungen (Beaufsichtigung der Pensions-, 
Sterbekassen usw.) zu. In ähnlicher Weise liegen den Gemeinden 
eine Reihe von gesetzlichen Aufgaben auf sozialem Gebiete ob, so 
auf dem Gebiete der Krankenversicherung, der Invalidenversiche¬ 
rung, auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes, des Gewerberechts, 
der ötfentlichen Gesundheitspflege. 

Sehr häufig werden staatliche und städtische Behörden aber 
auch zur Mitwirkung bei Schaffung neuer Gesetze herangezogen; 
sie haben statistische und sonstige Erhebungen über soziale Ver¬ 
hältnisse, Gutachten über Entwürfe abzugeben, wohl auch selbst 
Vorschläge über die gesetzliche Regelung dieser oder jener Materie 
zu machen. 

Den Gemeinden, vor allem den Städten, ist in der letzten 
Zeit wiederholt auf sozialem Gebiete die Rolle des Experimen¬ 
tators zugefallen. 

Schließlich sind die Gemeinden auch in der Lage, auf 
sozialem Gebiete eine Reihe von freiwilligen Aufgaben 
zu erfüllen. Es sei hier nur an die Errichtung von städtischen 
Arbeitsvermittlungsstellen, die Regelung des Gehalts- und Pensions¬ 
wesens der städtischen Bediensteten unff Arbeiter, die Erbauung 
von Wohnhäusern für städtische Angestellte, die Unterstützung 
der gemeinnützigen Bautätigkeit und die sonstige Tätigkeit auf 
dem Gebiete des Wohnungswesens, die Vornahme von Notstands¬ 
arbeiten, die Einführung der Arbeitslosenversicherung, die Über¬ 
nahme der Verkehrsanstalten und der Gasproduktion im städtischen 
Betrieb, die Ausgestaltung des Fortbildungsschulwesens, die Ein¬ 
führung der Steuer nach dem gemeinen Wert und ähnliches erinnert. 

Alle diese Aufgaben und Unternehmungen der staatlichen Be¬ 
hörden und der Städte bedürfen zu ihrer sachgemäßen Durch¬ 
führung bedeutender Vorstudien und gründlicher Vorbereitung. 

Man hat deshalb in einzelnen größeren Städten die Ein¬ 
setzung eines besonderen sozialen Beigeordneten erwogen, 
in Straßburg, in Essen auch ausgeführt. 

Aber wo dies finanziell nicht durchführbar ist oder aus ver¬ 
waltungstechnischen Gründen nicht verwirklicht werden kann, ist 
eine Stelle von Bedeutung, die ausgestattet mit reichem sachlichen 
Material, geleitet von volkswirtschaftlich und sozialpolitisch ge¬ 
schulten Beamten, der Gemeindeverwaltung zur Seite stehen kann. 

Nicht minder aber wird das Fehlen eines sach¬ 
kundigen Beirates bei der freien gesellschaftlichen 
oder genossenschaftlichen Tätigkeit vermißt. 




Der Wert und die Einrichtung von Sozialen Museen. 59 

Gar oft denkt wohl ein Arzt, Pfarrer, Lehrer, Bürgermeister, 
ein Arbeiter oder wer sonst in einer Landgemeinde oder kleineren 
Stadtgemeinde sozial tätig sein will: „Wie fasse ich die Gründung 
dieser oder jener Organisation (Baugenossenschaft, Sparkasse, Vor¬ 
schußkasse, Konsumvereine, Kohlenkasse, Viehversicherungskasse 
u. dgl. m.) am besten und praktischsten an? Wie ist diese oder 
jene Einrichtung sonstwo praktisch ausgestaltet?“ Oft unter¬ 
bleibt die Schaffung einer nützlichen und segens¬ 
reichen Einrichtung, weil die mangelnde Kenntnis 
der Erfahrungen und Materialien den Gedanken nicht 
z u r R e i f e kommenläßt. Hä ufigverfehlenan sich nütz¬ 
liche Einrichtungen ihren Zw eck, siechen dahin, weil 
bei ihrer Gründung und Geschäftsleitung vielleicht 
scheinbar unwesentliche Dinge übersehen oder un¬ 
berücksichtigt geblieben sind. 

Bei gemeinnützigen Organitationen macht sich nicht selten 
ein wohlmeinender Dilettantismus bemerklich, die Auswahl der be¬ 
zahlten Geschäftsführer erfolgt vielleicht nach dem Grundsatz mög¬ 
lichster Billigkeit, oder man will auch bei der Ämterbesetzung 
einen Akt der Wohltätigkeit tun und deshalb wird gerade dort 
am meisten Geld, Kraft und Zeit verschwendet. 

Für alle diese Kreise erscheint eine Stelle, bei der das soziale 
Material zusammenfließt und geordnet zur Verfügung steht, die 
Bat und Auskunft erteilen kann, ein dringendes Bedürfnis. 

Die Förderung der gesamten Wohlfahrtspflege 
setzt ein besonders vorgebildetes berufsmäßiges Be¬ 
amtentum voraus, das die Tätigkeitder ehrenamtlich 
oder nebenamtlich tätiger, sozial interessierter Per¬ 
sonen festigt und stützt. 

Der Zweck des Frankfurter Sozialen Museums ist: 

1. Der Betrieb eines sozialen Archivs und einer Abteilung für 
soziales Anschauungsmaterial. 

2. Der Betrieb einer sozialen Auskunftsstelle. 

3. Der Betrieb einer Rechtsauskunftsstelle. 

4. Die Besorgung der Geschäfte gemeinnütziger Vereine und 
Institute. 

In Bremen umfaßt das noch jüngere Soziale Museum die 
Punkte 1, 2, 4 des Frankfurter Programmes als die eine, die 
Rechtsauskunftsstelle bildet die andere Abteilung des dor¬ 
tigen Bürgerlichen Volksvereins (E. V.). Dem beiden In¬ 
stituten als Vorbild dienenden Pariser Sozialen Museum fehlt aber 




60 W. von Kalckstein, 

einer der anfangs aufgestellten Gesichtspunkte und Einrichtungen: 
die museale Schaustellung von praktischen Vorrichtungen zur Unfall¬ 
verhütung und hygienischen Fürsorge im Fabrikbetriebe. Diesen 
Punkt linden wir an verschiedenen anderen Instituten in erster 
Linie und zwar ist das älteste hiervon: das Museum für Arbeiter- 
wohlfahrtseinrichtungen in Moskau. 

Die „Moskauer Abteilung der Kaiserlich Russischen Technischen 
Gesellschaft“ verband schon 1892 (L. Kätscher bezeichnet das 
irrtümlich als allerneuestes) mit dem von ihr begründeten „Museum 
für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen“ J ) ein Bureau für Auskunft¬ 
erteilung, eine Materialsammlung und eine Stelle zur wissenschaft¬ 
lichen Bearbeitung allgemeiner Wohlfahrtsfragen. 

Die Hauptbestimmungen der Satzungen sind: 

§ 2. Zweck des Museums ist: 

a) Den Besitzern von Fabriken, Manufakturen, Hüttenwerken, 
industriellen Hausbetrieben, Werkstätten wie auch anderen Personen 
bei Erfüllung der allgemeinen, in der Gewerbeordnung enthaltenen 
Vorschriften in allem beizustehen, was dazu dienen könnte, den 
Prozeß der Arbeit zu erleichtern, die Lage der Arbeiter durch Be¬ 
seitigung der bei gewissen Arbeiten ihr Leben und ihre Gesund¬ 
heit bedrohenden Gefahren zu verbessern und sie durch Gewährung 
gewisser Vorteile vor Elend und Hilflosigkeit infolge von Krank¬ 
heit und Erschöpfung der Kräfte zu bewahren. 

b) Solche Erfindungen, Untersuchungen und Vervollkommnungen 
zu fördern, welche die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den 
verschiedenen Erwerbszweigen zu bessern vermögen. 

c) Diejenigen technischen Vervollkommungen praktisch zu 
prüfen und durchzuführen, welche die Arbeits- und Lebens- 
bedingungen in gesundheitlicher Beziehung zu verbessern imstande 
wären. 

d) Verschiedenartiges, die Hilfsanstalten für die Arbeiter be¬ 
treffendes Material zu sammeln, wie Pläne, Zeichnungen, Abbil¬ 
dungen von Bauwerken und inneren Einrichtungen, ferner Be¬ 
schreibungen einzelner Anstalten, Erlasse, Verordnungen, Rechen¬ 
schaftsberichte, statistische Angaben usw. 

e) Referenzen zu erteilen, Auskunft zu geben hinsichtlich der 
Anfertigung von Plänen und Entwürfen von Krankenhäusern, 
Schulen, Kinderasylen, Armenhäusern, Fortbildungsanstalten für 


l ) Ausstellung von Gegenständen aus dem Gebiete der Wohlfahrtseinrichtungen, 
des Arbeiterschutzes, der Gewerbehygiene usw. 





Der Wert und die Einrichtung von Sozialen Museen. 61 

Erziehung und Unterricht neben und nach dem gewöhnlichen 
Schulunterricht, von Stationen für ärztliche Hilfe und Versorgung 
mit Lebensmitteln, Nachtherbergen, Arbeiterwohnungen und von 
anderen derartigen Anstalten, sowie das betreffende Publikum in 
Kenntnis zu setzen über die Entstehung von Pensions- und Hilfs¬ 
kassen, Vereinen für gemeinsame Arbeit in verschiedenen Erwerbs¬ 
zweigen, für Beschaffung von Kredit, über Gesellschaften für den 
Bau von billigen Wohnungen, über Konsumvereine usw. 

f) Ständige und temporäre Ausstellungen zu veranstalten oder 
zur Veranstaltung solcher in Industriezentren behilflich zu sein. 

g) Allgemeine und spezielle Fragen der gewerblichen Hygiene, 
der sanitären Technik und der Sozialökonomie wissenschaftlich und 
praktisch zu prüfen; verschiedene Untersuchungen über solche 
Fragen vorzunehmen, sowohl im Interesse des Museums selbst, wie 
auch auf Veranlassung außerhalb Stehender. 

h) Nützliche, den Zwecken des Museums entsprechende Werke 
herauszugeben oder das Erscheinen solcher zu fördern; ein eigenes 
Organ für die Zwecke des Museums zu gründen oder Bulletins zu 
publizieren. 

i) Prämien zu erteilen; die Anwendung und Verbreitung von 
für die arbeitende Klasse nützlichsten Erfindungen und Ent¬ 
deckungen in materieller und jeder anderen Hinsicht zu fördern; 
für die Beschaffung der dazu nötigen Mittel Sorge zu tragen, Pri¬ 
vilegien zu erwirken usw. 

k) Öffentliche Vorlesungen, systematische Lehrkurse, wissen¬ 
schaftliche Vorträge, gemeinverständliche Vorlesungen zur Ver¬ 
breitung der für obige Zwecke nützlichsten Kenntnisse zu veran¬ 
stalten. 

§ 3. Das Museum wird nach und nach folgende Abteilungen 
umfassen: 

a) Ein Bureau, welches den Zweck hat, Ausküufte zu erteilen, 
Fragen aller Art zu beantworten, wobei kompliziertere dem Urteil 
von Sachverständigen unterbreitet werden; nötigenfalls hat das 
Bureau besondere Abteilungen zu gründen. 

b) Eine Ausstellung graphischer Tabellen, welche die Statik 
und Dynamik des industriellen Lebens und der Wirksamkeit ge¬ 
meinnütziger Anstalten darstellen sollen. 

c) Systematische Sammlungen von Schutzapparaten und be¬ 
sonderen Anordnungen zum Schutze des Lebens und der Gesund¬ 
heit der Arbeiter in verschiedenen Berufszweigen, sowie Modelle 
musterhafter Bauwerke. 




62 W. von Kalckstein, 

d) Eine Bibliothek nebst Lesehalle zur allgemeinen Benutzung. 

e) Ein Laboratorium zur Ausführung verschiedener Proben 
und Untersuchungen. 

f) Einen Saal zum Zeichnen und Kopieren der Pläne und Ab¬ 
bildungen. 

g) Eine Werkstätte zum Konstruieren und Reparieren der 
Modelle von Schutzapparaten, Bauwerken und anderen Gegen¬ 
ständen aus den Sammlungen des Museums. 

An ähnlichen Einrichtungen finden wir im Deutschen 
Reich: 

1. Das Münchener „Museum für Arbeiterwohlfahrts¬ 
ei nrichtungen“ und das daselbst beabsichtigte „Institut für 
Soziale Arbeit“. 

2. In Berlin (Charlottenburg) das „Reichsmuseum 
(ständige Ausstellung) für Arbeiterwohlfahrtseinrich- 
tungen“ und die „Zentralstelle für Volkswohlfahrt“. 

Bezüglich des ersteren sei folgendes kurz angeführt: 

Das Verwaltungshaus enthält außer den Bureaus die Amts¬ 
wohnung des Monteurs, die Anstaltsbücherei, ein Tuberkulosemuseum 
— eingerichtet vom deutschen Zentralausschuß zur Errichtung von 
Lungenheilstätten —, endlich einen zu Vorträgen über Arbeiter¬ 
wohlfahrt bestimmten Hörsaal für rund 200 Personen. Die Aus¬ 
stellungshalle wird benutzt von der Abteilung für Gewerbe-, Er- 
nährungs- und Wohnungshygiene und der Abteilung für Unfallver¬ 
hütung. In der ersteren ist u. a. eine ständige Antialkoholaus¬ 
stellung; die Sammlungen der zweiten verfolgen lediglich den prak¬ 
tischen Zweck, den Interessenten ständig das Neueste und Beste 
im Gebiete des Schutzes und der Gesundheit der Arbeiter vorzu¬ 
führen. Die Ausstellungsgegenstände werden nur leihweise ange¬ 
nommen und sind mit kurzen erläuternden Beschreibungen ver¬ 
sehen. Die Erfinder und Erzeuger einschlägiger Vorrich¬ 
tungen usw. haben selbstverständlich ein lebhaftes Interesse 
daran, die Ausstellung zu beschicken, und dieser Umstand 
sichert ihr dauernd ein reiches Material. 

Aus der Entstehungsgeschichte dieses Reichsmuseums dürfte eine 
Äußerung des bekannten Stadtrats Münsterberg hervorzuheben 
sein, der seinerzeit schrieb: „Man sollte meinen, daß solche Ein¬ 
richtungen — Muster für Wohlfahrtspflege — den leben¬ 
den und leidenden Menschen so wichtig und nützlich 
sein müssen, als die der Sammlung und Darstellung vergangener 
Kulturen dienenden, wie das in den Museen für Völkerkunde, in 




Der Wert und die Einrichtung von Sozialen Museen. 63 

den Waffen- und Zeughäusern, in den Bildergalerien usw. der 
Fall ist.“ 

Sind wirklich „SozialeMuseen“ also Sammlungen, 
die gegenwärtige Kultur, die gegenwärtigen Lebens¬ 
verhältnisse usw. der Menschen betreffend, ebenso 
wichtig wie die vergangener Perioden? 

Wir glauben, die Frage ist nicht nur zu bejahen, sondern da¬ 
hin zu beantworten, daß die Feststellung der gegen¬ 
wärtigen Lebensbedingungen und die Mittel zu ihrer 
Sicherung, Hebung usw. sogar wichtiger sein dürfte. 

Die Aufgaben der oben zu zweit erwähnten „Zentral¬ 
stelle für Volks Wohlfahrt“ (einstweilen nur für Preußen, 
hoffentlich bald das ganze Reich umfassend) sind nach den 
Satzungen: 

1. Zwischen den freien Organisationen der Wohlfahrtspflege 
eine Verbindung herzustellen, bei ihnen Verbesserungen anzuregen, 
der Kräftezersplitterung entgegenzuwirken. 2. Die Entwicklung 
der Volkswohlfahrtspflege verfolgen und die darüber bezüglichen 
Schriften, Berichte usw. sammeln. 3. Auf Anfragen Auskunft und 
Rat erteilen. 4. Über die Entwicklung der Volkswohlfahrtspflege 
fortlaufend berichten. 5. Gutachten erstatten, Vorschläge aus¬ 
arbeiten. 6. Für Verbreitung der Volkswohlfahrtspflege Sorge tragen 
und anregen. 7. Die Ausbildung zweckmäßiger Methoden auf dem 
Gebiete der Volkswohlfahrtspflege praktisch betätigen. 

Auf diese erst in der Entwicklung begriffene Zentralstelle 
wollen wir heute noch nicht näher eingehen, dafür noch einen 
kurzen Blick werfen auf die Zentralstelle für Arbeiter- 
wolilfahrtseinrichtungen, aus der sie sich entwickelte und 
als welche sie auf eine sehr verdienstvolle Tätigkeit zurückblicken 
kann. Deren Aufgaben waren: 

1. Sammlung, Sichtung, Ordnung und Katalogisierung von Be¬ 
schreibungen, Statuten und Berichten über Einrichtungen, welche 
zum Besten der unbemittelten Volksklassen getroffen sind; 

2. Auskunftserteilung auf Anfragen über Arbeiterwohlfahrts- 
einrichtungen zunächst an die beteiligten Vereine und, soweit Zeit 
und Mittel es gestatten, auch an Nichtbeteiligte; 

3. Mitteilungen über bemerkenswerte Erscheinungen auf dem 
Gebiete der Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen an die Zeitschriften 
der beteiligten Vereine und andere Blätter, welche sich zu diesem 
Zwecke zur Verfügung stellen. 

Für die Lösung der ersten Aufgabe war der Zentralstelle die 




64 W. von Kalckstein, 

Benutzung der im Ministerium für Handel und Gewerbe vorhan¬ 
denen „Wohlfahrtsregistratur“ gestattet worden, so daß es sich nur 
um deren fortlaufende Ergänzung und Vervollständigung handelte. 

Punkt 2, die Auskunftserteilung, ist von Jahr zu Jahr um¬ 
fangreicher geworden. 

Zu Zunkt 3 gibt die Zentralstelle die „Concordia, Zeitschrift 
der Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen“ wie monogra¬ 
phische „Schriften der Zentralstelle“ heraus. Sie veranstaltet 
u. a. ferner alljährlich „Konferenzen, Informationsreisen, 
seminaristische Kurse“ und ist nach den verschiedensten 
Kichtungen hin auch praktisch sozial wirkend. 

Als besondere Abteilungen sind der Zentralstelle angegliedert: 

Der „Deutsche Verein für ländliche Wohlfahrts¬ 
und Heimatpflege“. 

Die Aufgaben sind analog denen der Zentralstelle, aber nur 
auf die ländlichen Verhältnisse bezüglich; seine Organe sind 
„Das Land“ und „Der deutsche Dorfbote“. Weitere periodische 
Veröffentlichungen sind „Die Landjugend“, „Sohnrey’s Dorf¬ 
kalender“, von den sonstigen seien „Handreichungen für Volks¬ 
und Familienabende“, der „Wegweiser für ländliche Wohlfahrts¬ 
und Heimatpflege“, „Kunst auf dem Lande“ erwähnt. 

Die Aufgaben der „2. Abteilung für Armenpflege 
und Wohltätigkeit“ sind: 

1. Das auf die Gebiete der Armenpflege und Wohltätigkeit 
bezügliche Material sowohl des Inlandes wie des Auslandes zu 
sammeln, zu sichten und systematisch zu verzeichnen; 

2. auf Anfragen Auskunft zu erteilen; 

3. Durch Herausgabe periodisch erscheinender Veröffent¬ 
lichungen, gelegentlicher Schriften und in sonst geeigneter Weise 
auf die wissenschaftliche Behandlung der Fragen und die prak¬ 
tische Handhabung der Fürsorgetätigkeit anregend und befruchtend 
zu wirken. 

Als Organ der Abteilung dient die „Zeitschrift für das 
Armen wesen“. 

Im Vorstehenden haben wir einen Blick getan in einige der 
unter den verschiedensten Namen bestehenden Einrichtungen, die 
praktisch der Volkswohlfahrt, der Arbeiterwohlfahrt dienen wollen. 
Dieser Überblick gab uns schon einen Begriff ihrer Bedeutung, 
ihres Wertes, auf den wir zum Schluß noch etwas näher eingehen 
werden. 

Hier seien nun noch einige theoretische Betrachtungen einge- 




Der Wert und die Einrichtung von Sozialen Museen. 65 

schoben, über die allgemeine Bedeutung von Arbeiter¬ 
wohlfahrtseinrichtungen. Mit Becht sagt Stadtrat F1 e s c h, 
Frankfurt a. M. in seiner bekannten Abhandlung über „Wohlfahrts¬ 
einrichtungen für Arbeiter und deren Familien“: „Der Wortsinn 
des Wortes „Wohlfahrtseinrichtung“ ist der denkbar weiteste und 
unbestimmteste. Er erklärt sodann, daß Arbeiterwohlfahrtsein- 
richtungen Veranstaltungen sind, die getroffen werden, damit die 
Lage einer größeren oder kleineren Gruppe der auf das Einkommen 
aus dem Arbeitsvertrag angewiesenen Arbeiter in höherem Maße 
gefördert werde, als bis zu welchem der Veranstalter gesetzlich 
verpflichtet ist, oder im eigenen Interesse Anlaß hat, sie zu fördern.“ 
Dr. v. Erdberg erklärt sie als „Einrichtungen, welche beruhen 
auf freiwilliger Tätigkeit der Gesellschaft und welche geschaffen 
werden zur Linderung oder Beseitigung solcher aus der wirtschaft¬ 
lichen Entwicklung notwendig hervorgehender sozialer Schäden, 
die auf dem Wege rechtlicher Zwangsnormen noch nicht oder über¬ 
haupt nicht gemildert oder beseitigt werden können.“ 

Überall, wo wir mit Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen zu tun 
haben, da haben wir mithin zu tun mit Dingen, die auf einen 
kleineren Kreis wirken, die geschaffen sind, weil ihr Urheber 
Besserungen in der Lage der Arbeiter für notwendig erkannt und 
nun, solange die Gesetzgebung diese Besserung noch nicht erzwingt, 
sucht, sie wenigstens in dem kleinen, ihm zugänglichen Kreise 
durchzuführen. 

Damit hat man ungefähr dieselben Momente, die uns in der 
Naturwissenschaft veranlassen, Versuche dahin anzustellen, das, 
was man für allgemeine Wahrheit hält, wenigstens in kleinem Ma߬ 
stab zu erproben oder nachzuweisen. 

Die Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen sind das Ex¬ 
periment in der Volkswirtschaft (Flesch) und verdienen als 
solche die größte Beachtung. Hieraus ergibt sich aber auch die 
Notwendigkeit, solche Experimente planmäßig zu machen. 

Wie unsere großen Fabriken sich ihre Chemiker und sonstigen 
Fachleute anstellen, um fortwährend neue Fabrikationsmethoden 
oder neue Warenarten zu prüfen und auszuprobieren, so haben 
große Institute auch eigene Leute für Ar beiter Wohl¬ 
fahrt sein rieh tun gen angestellt, in Amerika soziale Ingenieure 
— ein neuer Beruf — genannt, die auch schon in Deutschland an 
den verschiedensten Stellen (ich erinnere nur z. B. an die kaiser¬ 
lichen Werften) zu finden sind; s. auch L. Kätscher: Sozial¬ 
sekretäre und Fabrikpfleger (welfare managers). 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 5 




66 W. von Kalckstein, 

Soll aber das soziale Experiment wirklich frucht¬ 
bringend wirken, so genügen nicht isolierte Arbeiten innerhalb 
einzelner Betriebe, es bedarf der Organisationen, „Sozialer 
Museen“ zur Sammlung der Erfahrungen, die hier und dort 
gemacht sind, zur Vergleichung und zur Nachprüfung. 

Wer sich eingehender mit der Notwendigkeit, Bedeutung, Auf¬ 
gabe und Technik von Organisationen der Wohlfahrts¬ 
pflege beschäftigen will, oder dessen bedarf, um sich von dem 
Wert derselben überzeugen zu lassen, der sei auf die Verhand¬ 
lungen auf der 15. Konferenz der bisherigen Zentralstelle für Ar¬ 
beiterwohlfahrtseinrichtungen hin ge wiesen (Nr. 30 der Schriften d. 
Z. St.). Auf dieser Konferenz (Versammlung von Sach verstau digen r 
meist Mitgliedern) referierten Se. Exz. Herr Ministerialdirektor 
Thiel und Geheimrat Dr. Liebrecht. Wir wollen auf diese 
Referate noch ganz kurz etwas eingehen. 

Exz. Thiel führte für die Notwendigkeit einer solchen 
Zentralstelle u. a. folgendes an: „Mancher fragt, wozu haben 
wir eine solche nötig, warum überläßt man nicht ruhig alles der 
privaten Initiative, die doch schon so vieles auf diesen Gebieten 
geleistet hat? Ja, das ist gewiß nicht zu leugnen — allein es 
gibt doch auch noch, das müssen wir offen eingestehen, weite 
Kreise unserer Bevölkerung, die unseren Bestrebungen fernstehen,, 
nicht aus Herzenshärte oder aus Bosheit, aber sie wissen zu 
wenig davon. Ihr soziales Gewissen ist noch nicht ge¬ 
weckt, und selbst wo es sich zu regen beginnt, da fehlt ihnen 
die Kenntnis dessen, was auf diesem Gebiete mit Erfolg 
geschehen kann. 

Nachdem wir nun schon auf den allerunwichtigsten Gebieten 
menschlicher Tätigkeit die Erfahrung gemacht haben, daß die Zu¬ 
sammenfassung der schwachen Kräfte Einzelner in große Organi¬ 
sationen das bewährteste Mittel ist, um auch großes zu erreichen 
— warum sollen wir dieses Mittel nicht auf einem uns so nahe¬ 
liegenden und für die ganze Volks Wohlfahrt so wichtigen Gebiete 
anzuwenden bemüht sein? Es handelt sich darum, in die weite¬ 
sten Kreise der Bevölkerung, die Kenntnis unserer Bestrebungen, 
die Kenntnis dessen, was auf diesem Gebiete schon von Einzelnen 
geleistet worden ist, zu verbreiten. Es handelt sich darum, anzu¬ 
regen, Lust und Liebe zu unserer Sache zu erwecken. Es 
handelt sich darum, den schwach glimmenden Funken, den wir 
irgendwo bemerken, anzublasen, um ihn zu einem Feuer anzu¬ 
fachen, dessen belebende Wärme in den weitesten Kreisen ge- 




Der Wert und die Einrichtung von Sozialen Museen. 67 

fühlt werden kann, und es handelt sich darum, den zaghafteren 
Elementen, die sich allein kaum getrauen, auf den von uns ge¬ 
wünschten Wegen voranzuschreiten, die den Spott, die Mißgunst, 
den Tadel böswilliger oder weniger sozial gerichteter Menschen 
fürchten, Mut zu machen und an unserer Organisation einen festen 
Rückhalt zu geben, "damit sie energisch das verfolgen, was sie als 
recht erkannt haben.“ 

Herr Geheimrat Liebrecht 1 ): „Was verstehen wir denn unter 
Organisation einer Wohlfahrtspflege? Ich glaube, die Verbindung 
aller Zweige der Volks Wohlfahrtspflege mit einem Mittelpunkte, 
dessen Aufgabe es ist, alle diese Bestrebungen auf dem Gebiete 
der Volkswohlfahrt, seien es staatliche, seien es kommunale, seien 
es von Stiftungen ausgehende, seien es private, miteinander in 
Fühlung zu bringen.“ „In unseremHauptvereinfürVolks- 
wohlfahrt haben wir alle konfessionellen und politi¬ 
schen Unterschiede beiseite gelassen“. (Anm. d.Verf.: 
Ich möchte dies als eine der unbedingtesten Vorbedin¬ 
gungen für ein erfolgreiches Wirken einer solchen In¬ 
stitution — heiße sie Zentralstelle, heiße sie Soziales Museum — 
bezeichnen.) „Mein Ideal würde nun dahin gehen — und ich 
hoffe, daß sich das auch später einmal in die Wirklichkeit um¬ 
setzt —, daß einegroßeZentrale bestände, die die F ä d e n d e r 
gesamten Volks Wohlfahrtspflege für ganz Deutsch¬ 
land in der Hand hätte, daß darunter Landzentralen 
beständen, die nun ihrerseits wieder, soweit es erforderlich wäre, 
sich auf lokale, große Vereinigungen stützten, wie sie jetzt 
z. B. in Hannover (Bremen, Frankfurt. Anm. d. Verf.) sind, und 
daß die kleinen Stellen immer wieder an der Verwaltung der 
größeren Stelle beteiligt wären dadurch, daß Delegierte aus den 
kleinen Stellen in den größeren Stellen mit zu Worte kämen. Ich 
glaube, auf diese Weise würde sehr viel Arbeit vermieden, sehr 
viel zersplitterte Kraft gesammelt und namentlich sehr viel ein¬ 
heitlicher und sehr viel rascher gearbeitet werden können. Aber 
diese Zentralstelle darf nicht überall ihre Tätigkeit einsetzen, vor 
allen Dingen nicht alles selbst machen wollen. Es 
muß zunächst ihre Aufgabe sein zu ermitteln: wo stehen die 
Feinde der Volkswohlfahrt, welche Punkte sind am meisten ge¬ 
fährdet, wo ist es nötig, die Armee der Kämpfer aufzubieten für 
die Volks Wohlfahrt, um den Feind da und dort zu schlagen? Und 


b Vorsitzer des Hauptvereins für Volkswohlfahrt in Hannover. 

5* 





68 W. von Kalckstein, 

dann soll sicli die Zentralleitung darauf beschränken, den General¬ 
stab abzugeben für diesen Feldzug gegen die Feinde der Volks¬ 
wohlfahrt und möglichst wenig selbst kommandieren, denn es muß 
den bestehenden Vereinen zum Bewußtsein gebracht werden, daß 
ihnen auch kein Titelchen ihrer Selbständigkeit genommen werden 
soll. Wir sind auf die freie Liebestätigkeit so bitter nötig ange¬ 
wiesen, daß keine Kraft, die sich auf irgendeine Weise betätigen 
will, irgendwie gelähmt oder gehemmt werden soll.“ „Es kommt 
nicht so sehr darauf an, wie die Statuten einer solchen Institution 
gefaßt sind, sondern daß sich Männer aus dem Volke finden, die 
für das Volk arbeiten wollen mit Liebe zur Sache und mit warmem 
Herzen.“ 

Die Diskussion ergab für die Persönlichkeitenfrage noch 
folgende Gesichtspunkte: „Es ist eine der wichtigsten Voraus¬ 
setzungen tüchtigen Fort-schreitens unserer freien sozialen Arbeit, 
daß für sie die allertüchtigsten und besten Kräfte gewonnen werden; 
dazu ist es notwendig, daß solche Stellen gut ausgestattet und 
die in ihnen beschäftigten Leute durchaus sichergestellt sind, 
dann wird man eine Elite von wissenschaftlich gebildeten 
und praktisch befähigten Leuten heranziehen können.“ 

„In der Kegel wird es so sein, daß diese Aufwendungen für 
die persönliche und sachliche Ausstattung der Zentralstelle sich 
doppelt und dreifach bezahlt machen, gerade auch bei der prak¬ 
tischen Arbeit, indem durch die Ratschläge, durch die Mitwirkung 
dieser Generalstabsbeamten in der Zentralstelle die praktische 
Arbeit wesentlich verbilligt, wesentlich besser geführt wird, wesent¬ 
lich sparsamer, wesentlich konsequenter ihre Zwecke verfolgen 
kann, als es ohne diese Zentralstelle der Fall wäre.“ 

„Was ist der Zweck aller Wohlfahrtsarbeit über¬ 
haupt? Letztere wird aus allen möglichen, aus guten wie aus 
weniger reinen und aus selbstsüchtigen Motiven getrieben. Zwei 
seien hervorgehoben, der eine treibt Wohlfahrtsarbeit in der Er¬ 
wartung, daß durch sie eine Versöhnung der Klassengegensätze 
eintreten werde und der andere treibt Wohlfahrtspflege in der 
Hoffnung auf Dank der Leute, für die er arbeitet. Ich meine, ich 
will dabei gar nicht in hohen Worten reden, sondern ganz einfach 
praktisch nüchterne Erwägungen anstellen, es sei nicht rätlich, 
dieses Versöhnungsziel in den Vordergrund zu stellen. Man er¬ 
reicht dann in der Regel gerade das Gegenteil des Gewollten. 
Man sollte die Arb eit als die Er füll ung einer verantwortungs¬ 
vollen historischen und persönlichen Pflicht betreiben, 




Der Wert und die Einrichtung von Sozialen Museen. 69 

% 

so wie jede andere öffentliche Arbeit. Und arbeitet man in diesem 
Sinne ohne Vorbehalt und ohne Absichten, dann wird am ehesten 
gerade weil ungewollt und unbeabsichtigt die Versöhnung als reife 
Frucht einem zufallen. Zum anderen, man soll nicht des Dankes 
wegen arbeiten. Wer von diesem Standpunkt aus an die Wohl¬ 
fahrtsarbeit herangeht, wird sehr bald wieder aus der Wohlfahrts¬ 
arbeit hinausgehen, denn er erntet zweifellos mehr Undank, mehr 
Mißverständnis als Dank. Wer nicht imstande ist, ohne Rücksicht 
auf Dank oder Undank an diese Arbeit heranzugehen, der soll von 
vornherein davon wegbleiben.“ 

„Bei der Arbeit in der Wohlfahrtspflege muß uns die Liebe 
zu unserem Volke und Vaterlande treiben; sie muß die heilige 
Flamme sein, die sich nicht dämpfen läßt und immer wieder empor¬ 
lodert, sie wird dann auch die Gemüter derjenigen ergreifen, denen 
unsere Arbeit gilt, und unsere Arbeit wird gesegnet sein. “ 

An zwei Beispielen sei noch der Wert solcher Zentralstellen, 
Museen oder wie sie auch bezeichnet sein mögen, beleuchtet. 

1. In den verschiedensten Städten sind in neuerer Zeit 
Zentralstellen für Wohltätigkeit geschaffen worden, weil 
man eingesehen hat, daß der einzelne Geber nicht immer imstande 
ist, dem einzelnen Bedürftigen in der wirkungsvollsten und für ihn 
segensreichsten Weise zu helfen. Eine solche Zentralstelle ver¬ 
mag auch verschiedene Arten Wohltätigkeit zu kombinieren, um 
dem Einzelnen auf das wirksamste helfen zu können. Und wenn 
sich dieses schon bei der Wohltätigkeit für den Einzelnen als not¬ 
wendig herausgestellt hat, wieviel notwendiger wird also das 
Zusammenarbeiten der verschiedenen, oft ganz fremd neben¬ 
einander hergehenden Wohlfahrtseinrichtungen sein, um 
Bevölkerungskreisen, ja ganzen Bevölkerungsschichten am besten 
helfen zu können? 

2. Von allen Seiten werden heutzutage empfohlen, an¬ 
geregt, eingerichtet „unentgeltliche Rechtsauskunfts¬ 
stellen“, um dem Einzelnen in den kleinen Nöten und Sorgen des 
täglichen Lebens zu helfen, im Hinblick auf das immer kompli¬ 
zierter werdende wirtschaftliche Leben. Sollten da nicht erst 
recht Einrichtungen wünschenswert, notwendig sein „zur 
Linderung oder Beseitigung aus der wirtschaftlichen Entwicklung 
notwendig hervorgehender sozialer Schädigungen ganzer Bevölke¬ 
rungskreise, sozialer Schäden, die auf dem Wege rechtlicher 
Zwangsnormen noch nicht oder überhaupt nicht gemildert oder be¬ 
seitigt werden können?“ 





Aus der öffentlichen Gesundheitspflege Österreichs. 

Von Dr. L. Sofee, Wien. 

In der öffentlichen Gesundheitspflege Wiens vertritt die Spitals- 
not die Rolle der Seeschlange. Sie ist immer vorhanden und sie 
hietet immer Stoff zu Betrachtungen. Dem praktischen Arzte ist 
es schlecht zumute, wenn er einen unbemittelten Patienten unter¬ 
bringen soll. Nehmen wir den Fall, daß er einen Kranken mit 
akuter Lungenentzündung unter Verhältnissen vorfindet, die jede 
Pflege, aber auch jeden hygienischen Aufenthalt ausschließen; der 
Mann muß also ins Spital. Aber wie? die Gemeinde Wien besorgt 
unentgeltlich den Krankentransport; die Anordnung an die be¬ 
treffende Sanitätsstation gibt das zuständige Polizeikommissariat. 
Also zuerst ins Polizeikommissariat. Dort werden zunächst die 
Zuständigkeitsdokumente des Patienten und ein ärztliches Parere 
verlangt. Natürlich hat der Arzt andere Sorgen als diese; mit 
Hinweis auf die Dringlichkeit entschließt sich der betreffende Be¬ 
amte auch ohne diese Dokumente ein Spital ausfindig zu machen. 
Nun geht es los. Nr. ... Hier Elisabethspital. Haben Sie Platz für 
einen 35jährigen Mann mit Lungenentzündung? Werde nachsehen. 
Nach einer Pause. Es ist kein Platz! So werden alle Spitäler der 
Reihe nach angeklingelt und der praktische Arzt kann von Glück 
sagen, wenn er nach einer Viertelstunde erfährt, daß irgendwo in 
einem Wiener Spital ein Bett frei ist. Hierauf verständigt das 
Kommissariat die nächste Sanitätsstation und der Patient wird von 
den städtischen Transportwagen abgeholt. Nota bene, wenn eben 
ein Bett frei ist; wenn aber nicht, was selbst im Sommer passieren 
kann, muß der Patient, wenn er auch an einer infektiösen Krank¬ 
heit leidet, in Privatpftege belassen werden. 




Aus der öffentlichen Gesundheitspflege Österreichs. 71 

Der Schwerpunkt der Frage liegt darin, daß die bestehenden 
staatlichen Spitäler nicht aus dem Budget, sondern aus einem 
eigenen Krankenanstaltenfonds erhalten werden. Dieser Fonds 
genügt aber nicht zur Erhaltung der bestehenden Spitäler, ge¬ 
schweige denn zur Errichtung neuer. Wie wir hören, sind nun 
drei Komitees an der Arbeit, um den Fonds zu sanieren. In 
dem ersten Komitee führt der Minister des Innern, Freiherr 
v. Bien er th, den Vorsitz. Diesem „Sanierungskomitee“ gehören 
außerdem der Vorstand der Sanitätsabteilung des Ministerium des 
Innern, Baron Hein (ein Jurist), ferner Vertreter des Finanz¬ 
ministerium, des Unterrichtsministerium und der Statthalterei an. 
Das Komitee hat einige Sitzungen abgehalten, die aber zu keinem 
Resultate führten; es mußte sich daher vertagen. Die Aufgabe 
des Sanierungskomitees ist es, die Mittel aufzubringen, um die end¬ 
gültige Sanierung des Fonds zu verwirklichen. In diesen Sitzungen 
hat es sich nun gezeigt, daß man sich nicht einmal Klarheit ver¬ 
schaffen konnte, welche Summe zur Sanierung benötigt würde. 
Als seinerzeit die Sanierungsaktion in Angriff genommen wurde, 
beanspruchte der Krankenanstaltfonds, um für immer aus den 
Schwierigkeiten herausznkommen, den Betrag von ungefähr 30 bis 
35 Millionen Kronen. Dieser Betrag genügt aber heute nicht mehr. 
Im Laufe der letzten Jahre sind die Arbeitslöhne und der Material¬ 
preis derart in die Höhe gegangen, daß der Krankenanstaltfonds 
heute zumindest 50 Millionen Kronen benötigen wird. Genau ist 
die Summe noch nicht ermittelt worden; an der genauen Fest¬ 
stellung dieser Summe arbeitet ein zweites Komitee, das „ministe¬ 
rielle Komitee“. Es ist gleichsam das Baukomitee, das einen ge¬ 
nauen Plan auszuarbeiten hat, in welcher Weise die Verlegung des 
alten allgemeinen Krankenhauses in die neu zu errichtenden Kranken¬ 
anstalten zu geschehen hat. Diese Arbeiten, die unter dem Vor¬ 
sitze des Unterrichtsministers, Dr. March et, stattfinden, sind noch 
nicht beendet. Bei diesen Beratungen ist eine wichtige Frage aufgerollt 
worden, deren Beantwortung einem eigenen Spezialkomitee 
überlassen wurde, nämlich die Frage, in welcher Weise der Kranken¬ 
anstaltenfonds und die Unterrichtsverwaltungen zur Tragung der 
Kosten herangezogen werden müssen. Bei den Spitalsbauten hat 
nämlich die Unterrichtsverwaltung nur für jene Bauten aufzu¬ 
kommen, die dem Unterrichte dienen, also für die Kliniken. Die 
Lösung dieser Frage gestaltet sich nun deshalb sehr schwierig, 
weil viele Einrichtungen von beiden Teilen getragen werden müssen, 
wie der Rohbau, die Gartenanlagen, die Beleuchtung, die Beheizung 




72 L. Sofer, 

Das Komitee hofft nun dafür einen Schlüssel zu finden. Wir hoffen 
es auch. 

Auf jeden Fall will man die Sanierung in der Weise durch¬ 
führen, daß die ganze Summe auf einmal dem Fonds zur Verfügung 
gestellt wird. Die Mittel hierzu, und zwar die Amortisationssumme 
und die Zinsen sowie die laufenden Ausgaben müssen aus neuen 
Quellen geschöpft werden. Man wird eine neue Steuer einführen 
müssen und diese Gelder dem Fonds zur Verfügung stellen. Ob 
nun zu einer alten Steuer ein Zuschlag kommt, oder ob eine neue 
Luxussteuer geschaffen wird, wird das Parlament entscheiden. 

Das Sanierungskomitee wird voraussichtlich auch den Antrag 
stellen, die Verpflegsgebühren in den Spitälern zu erhöhen. Diese 
Maßregel wird als unbedingt notwendig hingestellt, denn der 
Krankenanstaltfonds bezieht an Verpflegsgebühren täglich nur 
2 K 90 h für einen Kranken. Die Gebühren wurden nur einmal 
von 2 K auf 2 K 90 h erhöht. Die jetzige Erhöhung soll kaum 
10 h betragen. 

Ein besonderer Übelstand ist das sprunghafte, unbestimmte 
Einkommen des Fonds. So bezieht er Verlassenschaftsgebühren. 
Da aber die großen Verlassenschaften, die ihn stärken, natürlich 
rar sind, so sind diese Einkünfte sehr wechselnd. 

Auf einen Punkt wollen wir besonders hin weisen. Die Ärzte 
sollen nicht sich selbst vergessen. Denn wenn sie bei 
der bevorstehenden Reform nicht eine Regulierung ihrer jämmer¬ 
lichen Bezüge durchsetzen, so können sie auf ein Menschenalter 
wieder durch die Finger sehen. Das ist eine dankbare Aufgabe 
für die neue Ärztekammer. 

Der niederösterreichische Landesausschuß beschäf¬ 
tigt sich mit der Reform der Findlingspflege. Das Referat 
hat folgenden Wortlaut: Mit dem Sitzungsbeschlusse vom 10. Mai 
1899 hat der niederösterreichische Landtag den Bericht, welcher 
die vielfachen Mängel der niederösterreichischen Findlingspflege 
darlegte und ein Grundprogramm für eine zeitgemäße Reform des 
Findelwesens enthielt, zustimmend zur Kenntnis genommen. Der 
Landesausschuß hatte in seinem Bericht alle Schattenseiten unserer 
Findelkinderpflege ohne Scheu dargelegt, gleichzeitig aber auch die 
Mittel und Wege besprochen, die geeignet wären, eine zweckmäßige 
Änderung der geschlossenen Anstaltspflege, eine Verbesserung der 
Qualität der Kostparteien, eine erhöhte Beaufsichtigung der Find¬ 
linge, insoweit sie in Außenpflege stehen, eine Ausbildung des Vor¬ 
mundschafts- und Pflegeschaftswesens und als Endziel eine ganz 




Aus der öffentlichen Gesundheitspflege Österreichs. 73 

Niederösterreich umfassende Organisation des Kinderschutzes herbei¬ 
zuführen. 

Die nachstehenden Ausführungen enthalten eine gedrängte 
Wiedergabe der bisherigen Aktionen. 

Das Grundprogramm bezog sich in erster Linie auf administra¬ 
tive Verfügungen und zwar 1. Regelung der Aufnahmsbedingungen 
für die auf der Zahlabteilung der Gebäranstalt geborenen Kinder; 
2. Erhöhung der Entlohnung der Kostparteien, 3. Erhöhung des 
Tarifes für die ärztliche Behandlung von Findlingen, ferner be¬ 
handelt es die Aktionen größeren Stiles, wie 4. Intensivere Wah¬ 
rung der persönlichen Rechte der Findlinge; 5. Errichtung eines 
neuen Anstaltsgebäudes; 6. Errichtung von Zweiganstalten und 
Pflegestätten auf dem flachen Lande in Niederösterreich; 7. Organi¬ 
sierung einer ständigen Überwachung der in Außen pflege befind¬ 
lichen Kinder und des ärztlichen Dienstes für dieselben; 8. Ma߬ 
nahmen zur Erhaltung des Verkehres zwischen Mutter und Kind; 
9. Trennung der Findel- von der Gebäranstalt und 10. Organi¬ 
sation des Kinderschutzes für das ganze Kronland. 

In der internen Geschäftsgebarung der niederösterreichischen 
Landesgebär- und Findelanstalt werden folgende Änderungen ge¬ 
troffen: 1. Die Auflassung der bisherigen Standesprotokolle, Ver- 
pflegskosten- und Liquiditionsbücher und Erhebungsformularien bei 
der Gebäranstalt und der Standesprotokolle, Grundbuchsbücher für 
Evidenzhaltung der Pflegeparteien, Kostgeldzahlbücher, Findel¬ 
kinderbogen sowie Kinderzeichen bei der Findelanstalt; 2. die Ein¬ 
führung von Standeskarten und Evidenzbüchern mit Indizes bei 
der Gebäranstalt, Katasterblättern und Evidenzbüchern mit Indizes 
für die Findlinge, ferner von Katasterblättern und Pflegschafts¬ 
büchern für die Kostparteien, Anweisungshefte (für Kostgeld) für 
die Pflegebezirke und Evidenzbücher über ausgeschlossene Parteien 
sowie über normalalt werdende Kinder bei der Findelanstalt. 
Der Hauptunterschied zwischen den beiden Dienstgebarungen be¬ 
steht darin, daß an Stelle der großen und deshalb unhandlichen, 
sowie viel Platz erfordernden Verpflegsgebühren- und Kostgeld¬ 
zahlbücher lose Katasterblätter in Quadratformat zur Anwendung 
gelangen. Eine weitere Abänderung betrifft die Anweisung der 
Findlingskostgelder, welche nicht mehr in dem für jedes einzelne 
Kind ausgefertigten Zahlbüchel, sondern in Zahlheften erfolgt, die 
sämtliche Findlinge einer ganzen Gemeinde oder eines sonstwie 
abgegrenzten Sprengels enthalten. 

Schließlich stellt der Landesausschuß folgende Anträge: 1. die 




74 L. Sofer, 

Findelanstalt durch Ankauf eines benachbarten, dem Stifte Melk 
gehörigen Hauses um 305 000 K zu vergrößern, 2. zum Zwecke 
einer verschärften Überwachung der in auswärtiger Pflege stehen¬ 
den Findlinge unter Bedachtnahme auf die jeweilig gegebenen ört¬ 
lichen Verhältnisse an die definitive Errichtung von Pflegekolonien 
der niederösterreichischen Landesfindelanstalt zu schreiten und für 
dieselben eine vorläufige Geschäftsordnung zu genehmigen. 3. Der 
Landesausschuß wird beauftragt, der Fürsorge für verlassene Säug¬ 
linge sein besonderes Augenmerk zuzuwenden, die diesbezüglich 
anderwärts bestehenden Einrichtungen zu studieren und dann neue 
Vorschläge zu erstatten. 

Eine Verhandlung von allgemeinem Interesse fand vor dem 
Wiener Zivillandesgericht statt. Ein Hilfsarbeiter R. klagte einen 
Färbwarenpraktikanten auf 20000 K Schadenersatz für eine Blei- 
v e r g i f t u n g, die er sich in der Fabrik des Beklagten zugezogen 
habe. Der Arbeiter R. ist im Mai 1906 in die Fabrik eingetreten. 
Nach etwa dreimonatlicher Arbeit begann er schlecht auszusehen, 
litt häufig an Kopfschmerzen, Schmerzen in der Herzgegend und 
Mattigkeit. Am 10. Oktober erlitt R. in der Fabrik zwei Olin- 
machtsanfälle, die sich am 12. Oktober wiederholten. Nach einigen 
Irrfahrten auf das Beobachtungszimmer und in eine Irrenanstalt 
stellte sich das Leiden als eine schwere Bleivergiftung heraus, an 
welcher den Chef der beklagten Firma das Verschulden treffe. 
Derselbe hat es nämlich unterlassen, die gesetzlich vorgeschriebenen 
Vorsichtsmaßregeln zur Vermeidung von Bleierkrankungen anzu¬ 
wenden, insbesondere Maßregeln gegen die Entwicklung des blei¬ 
haltigen Staubes zu treffen, was sich schon aus der großen Zahl 
der Bleierkrankungen in seinem Betriebe ergebe. Mit Rücksicht 
auf die schweren Krankheitsfolgen begehre R. 20000 K Schmerzens¬ 
geld. Der Vertreter des Beklagten bestritt, daß der Krankheits¬ 
zustand R.s auf seine Beschäftigung in der Fabrik des Beklagten 
zurückzuführen sei; R. sei schon als schwer kranker, anscheinend 
epileptischer Mensch in die Fabrik gekommen. Aber selbst wenn 
er sich sein Leiden in der Fabrik geholt hätte, so treffe den Chef 
kein Verschulden, weil er alle Vorsichtsmaßregeln zur Verhütung 
von Erkrankungen beobachtet und alle Vorschriften des Gewerbe¬ 
inspektors befolgt habe. Wenn Kläger trotz Ermahnung die vom 
Fabrikanten beigestellten Respiratoren nicht benutzt und die nötige 
Reinlichkeit nicht beobachtet habe, so treffe ihn allein die Schuld. 
Schließlich kam ein Ausgleich zustande, in dem der Fabrikant 
sich zum Ersätze von 1500 K und zum Kostenersatze, zur Bezah- 




Aus der öffentlichen Gesundheitspflege Österreichs. 75 

lung der Sachverständigengebühr und der Regreßansprüche der 
Krankenkasse verpflichtete. 

Das „Österreich. Sanitätswesen“ berichtet ferner über eine 
Entscheidung des Obersten Gerichtshofes, wonach Chilisalpeter 
zu den giftartigen Materialien gehört. Der Färber Adolf C., dem 
der in seinem Geschäfte nötige Chilisalpeter ausgegangen war, er¬ 
suchte seinen Berufsgenossen Anton C., ihm etwas Chilisalpeter zu 
überlassen. Anton C. erwies ihm den Gefallen, Adolf C. brachte 
aber den Chilisalpeter in einem Küchenschrank unter, wo er den 
Hausgenossen frei zugänglich war. Seine Gattin hielt den unbe¬ 
kannten Stoff für Kochsalz und würzte damit die zum Abendbrot 
zubereitete Polenta. Infolge Genusses derselben starb eine Person 
unter Vergiftungserscheinungen, zwei erkrankten. Das Kreisgericht 
in Görz sprach nun Adolf C. des Vergehens gegen die Sicher¬ 
heit des Lebens (§ 335) schuldig, den Anton C. von der auch wider 
ihn erhobenen Anklage frei. Der Staatsanwalt erhob die Nichtig¬ 
keitsbeschwerde, der auch vom Kassationshof stattgegeben wurde. 
Er erkannte zu Recht: Der Angeklagte Anton C. ist schuldig des 
Vergehens gegen die Sicherheit des Lebens, begangen dadurch, 
daß er am 24. Juni 1905 dem Adolf C. Chilisalpeter übergab, in¬ 
folgedessen der Tod der Agostina D. durch Vergiftung erfolgte, 
somit eine Handlung beging, von der er nach seinem Gewerbe als 
Färber einzusehen vermochte, daß sie geeignet sei, eine Gefahr für 
das Leben anderer herbeizuführen. Gründe: Das Erkenntnisgericht 
hat auf Grund der Äußerungen des Stadtamtes Görz und der 
Triester Statthalterei mit Recht angenommen, daß Chilisalpeter als 
Gift nicht anzusehen ist; daher gelten für den Verkehr die strengen 
Bestimmungen für Gift nicht. Hingegen kann der Anschauung des 
Gerichtshofes, daß Chilisalpeter auch nicht eine giftartige Sub¬ 
stanz sei, nicht beigepflicliet werden, der Begriff „giftartige Sub¬ 
stanz“ ist im Strafgesetze nicht weiter umschrieben; es wird daher 
nach gemeinem Sprachgebrauche als giftartig jeder Stoff zu be¬ 
zeichnen sein, welcher in seinen gesundheitsschädlichen Wirkungen 
den als Gift erklärten Substanzen gleichkommt, welcher also schon 
in kleinen Gaben durch seine chemische Zusammensetzung die Ge¬ 
sundheit, bzw. das Leben zu zerstören geeignet ist. Dies trifft bei 
Chilisalpeter evident zu. Die Statthalterei äußert sich dahin, daß 
10—12 g Chilisalpeter tödlich zu wirken vermögen. Noch präziser 
lautet das Gutachten der Sachverständigen, welche erklären: Chili¬ 
salpeter ist als giftige Substanz anzusehen! Derselbe kann Un¬ 
wohlsein und den Tod herbeiführen, er wirkt schon bei 6—8 g 




76 L. Sofer, 

tödlich, die Vergiftung pflegt so rasch einzutreten, daß ärztliche 
Hilfe selten das Opfer zu retten vermag; eingenommen dürfen 
höchstens 0,45 g in 24 Stunden werden. Daher ist die Tat des 
Anton C. geeignet, den Tatbestand des § 335 herzustellen. Diese 
Gesetzesstelle fordert keineswegs, wie das Urteil anzunehmen 
scheint, die Voraussehbarkeit eines bestimmten Erfolges; es ge¬ 
nügt, daß der Täter eine Gefährdung der körperlichen Sicherheit 
von Menschen überhaupt einzusehen vermochte. Es ist daher auch 
nicht erforderlich, daß er sich der mit seinem Tun oder Unterlassen 
verbundenen Gefahr wirklich bewußt war; es genügt, wenn er 
sich derselben bei pflichtmäßiger Aufmerksamkeit hätte bewußt 
sein sollen, infolge seiner Fahrlässigkeit aber nicht bewußt wurde. 
Nun stellt das Urteil auf Grund der Angaben des Angeklagten 
selbst und mit Rücksicht auf sein Gewerbe fest, daß Anton 0. sich 
zumindest des Umstands bewußt war, daß Chilisalpeter in etwas 
größerer Menge eingenommen, die Gesundheit von Menschen ge¬ 
fährden kann. Seine Pflicht war es daher, eine so bedeutende Menge 
eines giftartigen Stoßes —160 g — einfach in ein Papier eingewickelt 
dem Adolf nicht ohne besondere Vorsichtsmaßregel zu übergeben. 
Eben der Außerachtlassung dieser Vorsichtsmaßregel ist es zuzu¬ 
schreiben, daß Chilisalpeter in einem für solche Substanzen sicher¬ 
lich nicht bestimmten Kasten aufbewahrt wurde und infolgedessen 
die verhängnisvolle Verwechslung stattfand. 

Wir haben in Österreich bekanntlich nicht den gesetz¬ 
lichen Impfzwang; nur für den Fall einer Epidemie besteht ein 
Zwang zur „Notimpfung“ in der Umgebung der Erkrankten. Der 
Kampf gegen Bildung und Ärzte, der bei uns blüht, tut das übrige, 
um das Ergebnis der freiwilligen Impfungen von Jahr zu Jahr 
magerer erscheinen zu lassen (siehe die vergangene Blatternepidemie 
in Wien). Das gefällt natürlich wieder nicht den politischen Be¬ 
hörden; aber anstatt das Übel an der Wurzel zu fassen, helfen sie 
sich von Zeit zu Zeit durch Erlässe. So hat die Salzburger Landes¬ 
regierung folgenden Erlaß seinerzeit hinausgegeben: Bei Ver¬ 
fassung der Bundesübersicht über die Ergebnisse der öffentlichen 
Impfung und der Schülerimpfung im Jahre 1905 wurde die Wahr¬ 
nehmung gemacht, daß die Beteiligung der impfpflichtigen Bevölke¬ 
rung an der öffentlichen Impfung, welche schon in den voraus¬ 
gegangenen Jahren eine sinkende Tendenz gezeigt hatte, im Be¬ 
richtsjahre in einigen polnischen Bezirken einen weiteren Rückgang 
erfahren hat. Der stetige Rückgang der Beteiligung an der öffent¬ 
lichen Impfung und an der Schülerwiederimpfung läßt die An- 




Aus der öffentlichen Gesundheitspflege Österreichs. 77 

nähme begründet erscheinen, daß das Interesse der Bevölkerung 
(Sehr richtig!) und der zur Mitwirkung bei der Impfung berufenen 
Organe (?) an der Erhaltung eines günstigen Impfzustandes mangels 
einer entsprechenden fortgesetzten Einflußnahme der kompetenten 
Faktoren allmählich erlahmt ist. Die Teilnahmslosigkeit der Be¬ 
völkerung in bezug auf Erwerbung des Blatternschutzes scheint ins- 
besonders auch durch den Umstand genährt worden zu sein, daß 
im Herzogtum Salzburg seit nahezu zwei Jahrzehnten Blattern in 
größerer Verbreitung nicht mehr vorgekommen und die Gefahren 
dieser Krankheit der jüngeren Generation unbekannt geblieben sind. 
Die Agitation der Impfgegner scheint der Landesregierung unbe¬ 
kannt geblieben zu sein. 

Die hierdurch bewirkte Abnahme des Impfschutzes der Be¬ 
völkerung ist um so bedenklicher, weil abgesehen von der ständigen 
Epidemiegefahr, welche dem hierortigen Verwaltungsgebiete aus 
dem Zuzuge ausländischer Eisenbahnarbeiter zum Baue des Tauern¬ 
tunnels droht, Zeitungsnachrichten zufolge gerade in letzter Zeit 
in der Schweiz Blattern in größerer Verbreitung aufgetreten sind 
und bei dem regen Fremdenverkehr die Gefahr der Einschleppung 
und Verbreitung dieser Krankheit bedeutend erhöht ist. Die 
politischen Behörden haben daher mit allem zu Gebote stehenden 
Mitteln auf die Hebung des Impfschutzes der Bevölkerung Ein¬ 
fluß zu nehmen und insbesonders der Impfgegnerschaft, sofern die¬ 
selbe unter der zur Förderung der Impfung verpflichteten Organen 
als Lehrern, Seelsorgern und Gemeindevorstehern, Platz greifen 
sollte, nachdrücklichst entgegenzutreten. Ein besonderes Augen¬ 
merk ist darauf zu richten, daß die Vorarbeiten für die kommende 
Impfkampagne in exaktester Weise durchgeführt werden, da hier¬ 
von der Erfolg derselben in erster Linie abhängig ist. Die Ge¬ 
meindevorsteher sind aufzufordern, die ihnen von den Matrikel¬ 
stellen zu übermittelnden Geburtenausweise rücksichtlich der aus 
dem Vorjahre ungeimpft gebliebenen und der zugewanderten impf¬ 
pflichtigen Kinder genauestens zu ergänzen. Als Impfärzte sind in 
der Regel die als Gemeindeärzte oder Totenbeschauärzte wirkenden 
praktischen Ärzte des Impfsprengels zu bestellen, da sie in stetem 
regen Kontakt mit der Bevölkerung stehen und hierdurch in die 
Lage versetzt sind, auf eine möglichst rege Beteiligung an der 
Impfung hinzu wirken (d. h. Überredung anstelle eines gesetz¬ 
lichen Zwanges. Anm. d. Aut.) Die Übernahme der Impfung durch 
die k. k. Amtsärzte, welchen die Leitung und Überwachung des 
Impfgeschäftes im Amtsbereiche obliegt, ist nur ausnahmsweise 




78 L. Sofer, 

dann zulässig, wenn der betreffende Gemeinde- oder Totenbeschau¬ 
arzt die Annahme der Bestellung als Impfarzt verweigert, oder wenn 
gegen die Bestellung desselben gewichtige Bedenken obwalten (?). 
Ein besonderer Nachdruck ist auch auf die exakte Durchführung 
der Schulkinderimpfung zu legen. Die Schulleitungen sind im 
Wege des Bezirksschulrates aufzufordern, die Schulkinderimpfung 
nach Kräften zu fördern. Es unterliegt keinem Anstand, die 
Revakzination schon an den in die Schule neu eingetretenen 
Kindern vorzunehmen, da hierdurch die systematische Wieder¬ 
impfung aller Schulkinder wesentlich erleichtert wird. 

Endlich hat man sich in Niederösterreich dazu aufgerafft, 
die Verhältnisse der Gemeindeärzte zu regeln. Böhmen und selbst 
Galizien sind in dieser Beziehung Niederösterreich vorangegangen. 
In Böhmen wurde 1906 folgendes Gesetz beschlossen, womit die 
Ruhegehalte der Gemeinde- und Distriktsärzte und die Versorgungs¬ 
bezüge für ihre Familien geregelt wurden. Die angestellten 
Gemeinde- und Distriktsärzte, welche nach zehnjähriger ununter¬ 
brochener Dienstleistung dienstunfähig geworden sind, haben An¬ 
spruch auf einen Ruhegehalt. Wird ein Gemeinde- oder Distrikts¬ 
arzt, welcher wenigstens fünf Jahre im Dienste zugebracht hat, 
bei Ausübung des Dienstes oder aus Veranlassung desselben zur 
weiteren Dienstleistung unfähig, so ist derselbe so zu behandeln, 
als ob er bereits volle zehn Jahre gedient hätte. Der Anspruch 
auf den Ruhegehalt verliert ein Gemeinde- oder Distriktsarzt, 
welcher auf sein Amt freiwillig verzichtet oder aus dem Dienste 
eigenmächtig austritt, ohne seine Dienstunfähigkeit nachgewiesen 
zu haben, oder auf Grund eines Disziplinarerkenntnisses aus dem 
Dienste entlassen wird. Bei Dienstunfähigkeit eines Gemeinde¬ 
oder- Distriktsarztes, die länger als ein Jahr dauert, kann, wenn 
die Möglichkeit ihrer Behebung nicht ausgeschlossen erscheint, der¬ 
selbe, falls ihm bereits der Anspruch auf den Ruhegehalt zusteht, 
in den zeitlichen Ruhestand versetzt werden. Die Bemessung des 
bleibenden oder zeitlichen Ruhegehaltes der Gemeinde- und Distrikts¬ 
ärzte erfolgt in der Weise, daß für die ersten zehn im Dienste zu¬ 
gebrachten Jahre eine Quote von 40 Proz. des Betrages, welcher 
gesetzlich als Gehaltsminimum feststeht, zu entfallen hat. Mit 
jedem weiteren Dienstjahr erhöht sich diese Quote um 2,4 Proz., so- 
daß die Pension nach 35jähriger Dienstzeit dem als Minimum fest- 
gestellten Gehalte gleichkommt. Bei Bemessung des Ruhegehaltes 
ist dem Gemeinde- oder Distriktsarzte die Zeit des in einer anderen 
Gemeinde oder in einem anderen Distrikte des Königreichs Böhmen 




Aus der öffentlichen Gesundheitspflege Österreichs. 79 

zugebrachten gleichartigen Dienstes einzurechnen, wenn der Über¬ 
tritt ans einem Dienst in den anderen ohne Unterbrechung erfolgte. 
Einen Gemeinde- oder Distriktsarzte, welcher wegen Dienstunfähig¬ 
keit des Dienstes enthoben wird, ohne den Anspruch auf einen 
Ruhegehalt zu haben, gebührt als Abfertigung ein Jahresbetrag 
des gesetzlich festgesetzten Minimalgehaltes. Der Witwe eines 
Gemeinde- oder Distriksarztes gebührt ein Witwengeld, wenn der 
verstorbene Gatte zur Zeit seines Todes schon den Anspruch auf 
einen Ruhegehalt hatte oder einen Ruhegehalt bezog und die Ehe 
vor dem Dienstantritte oder während der Dienstzeit, jedoch vor 
dem zurückgelegten 55. Lebensjahre des Verstorbenen geschlossen 
wurde, wenn die Witwe zur Zeit des Todes des Gemeinde- und 
Distriktsarztes nicht durch ihr Verschulden von ihm geschieden 
war. Das Witwengeld kommt der Hälfte des Betrages gleich, 
welcher gesetzlich als Gehaltsminimum der Gemeinde- und Distrikts¬ 
ärzte festgesetzt ist. Die Witwe hat um das Witwengeld bei dem 
Landesausschusse einzuschreiten; dem Gesuche ist der Trauschein, 
der Totenschein des Gatten, ferner das vom Gemeindeamte aus¬ 
gestellte Zeugnis über das Zusammenleben, im Falle der Scheidung 
der Ehe der richterliche Ausspruch darüber beizulegen. Der Be¬ 
zug des Witwengeldes erlischt durch die Verehelichung der Witwe, 
kann aber im Falle ihres neuerlichen Witwenstandes wieder flüssig 
gemacht werden, wenn die Vermögenslosigkeit dargetan wird. 
Jedem unversorgten ehelichen Kinde eines pensionsberechtigten 
oder pensionierten Gemeinde- oder Distriktsarztes gebührt nach 
dem Ableben des Vaters ein Erziehungsbeitrag längstens bis zum 
vollendeten 24. Lebensjahre, welcher für ein Kind mit einem Viertel 
des der verwitweten Mutter gebührenden Witwengeldes bemessen 
wird. Doch darf die Summe des Erziehungsbeitrages das Ausmaß 
des Witwengeldes auch dann nicht übersteigen, wenn die Unter¬ 
lassenen Kinder mehreren Ehen entstammen. Gänzlich verwaisten 
Kindern sowie solchen, deren Mutter das Witwengeld eingestellt 
oder nicht bewilligt wurde, sind die Erziehungsbeiträge zu erhöhen; 
doch darf die Erhöhung 50 Proz. des ihnen zustehenden Beitrages 
nicht überschreiten. 

Der Bezug jedes Versorgungsgenusses erlischt, wenn der oder 
die Bezugsberechtigte eines Verbrechens oder der Übertretung des 
Diebstahls, des Betrugs, der Veruntreuung oder der Teilnahme an 
einer dieser Übertretungen schuldig erkannt worden ist. Der nach 
einem, sei es in Aktivität oder im Ruhestand verstorbenen Ge¬ 
meinde- oder’ Distriktsarzt Unterbliebenen Witwe oder den hinter- 




80 L. Sofer, 

bliebenen Kindern gebührt zur Bestreitung der Krankheits- und 
Begräbniskosten ein Sterbequartal in der Höhe von 25 Proz. des 
gesetzlich festgesetzten ärztlichen Gehaltsminimums beziehentlich 
des Ruhegehaltes. Die Witwe eines Gemeinde- oder Distrikts¬ 
arztes, der noch nicht pensionsberechtigt war, hat außer dein 
Sterbequartal bloß auf eine Abfertigung im Betrage von 25 Proz. 
des gesetzlich festgesetzten ärztlichen Gehaltsminimums Anspruch. 
Lebt die Gattin des Arztes nicht mehr, so gebührt dieser Anspruch 
den ehelichen Kindern, die das 24. Lebensjahr noch nicht erreicht 
haben. 

Behufs Sicherung der Ansprüche der Gemeinde- und Distrikts¬ 
ärzte auf Ruhe- und Versorgungsgenüsse wird ein besonderer 
„Pensionsfonds für Gemeinde- und Distriktsärzte im Königreiche 
Böhmen“ gegründet. Insofern zwischen Ärzten und Gemeinden 
oder Bezirken besondere Verträge bezüglich Zusicherung eines 
Ruhegehaltes bestehen, haben diese zu gelten, die betreffenden 
Korporationen haben jedoch Anspruch auf Ersatz aus dem Pensions¬ 
fonds bis zu der im Gesetze normierten Höhe, vorausgesetzt, daß 
die auf die betreffenden Ärzte entfallenden Beiträge geleistet 
werden. Den Pensionsfonds verwaltet der Landesausschuß des 
Königreichs Böhmen, und zwar so lange, als dieser Fonds keinen 
Überschuß aufweist, auf Landeskosten. Den zur Zeit der Kund¬ 
machung dieses Gesetzes im aktiven Dienste stehenden Gemeinde- 
und Distriktsärzten ist bei Bemessung des Ruhegehaltes nach den 
Bestimmungen dieses Gesetzes auch die Dienstzeit, welche dieselben 
in ihrem jetzigen oder einem ihnen anrechenbaren Dienste zu¬ 
brachten, jedoch höchstens vom 1. Januar 1895 angefangen, einzu¬ 
rechnen, falls sie nachträglich den Ernennungsbeitrag von 100 K 
und die auf sie für die betreffende anrechenbare Zeit entfallenden 
dreiprozentigen Jahresbeiträge in drei Jahresraten entrichten. 

Die Neuorganisation des Sanitätsdienstes in Ga¬ 
lizien wurde 1907 (April) durchgeführt. Die wichtigsten Be¬ 
stimmungen sind folgende: Gemeinden mit eigenem Statut haben 
auf eigene Kosten die erforderliche Anzahl von Gemeindeärzten 
(Stadtärzten) in der Weise zu bestellen, damit auf jede 100000 Ein¬ 
wohner wenigstens ein Arzt entfällt. Andere in einen Sanitäts¬ 
distrikt nicht einverleibte Gemeinden dürfen eigene Gemeindeärzte 
(Stadtärzte) bestellen, wenn sie sämtliche mit ihrer Erhaltung ver¬ 
bundenen Kosten tragen. Gemeinden, welche keinen eigenen Arzt 
erhalten, werden mit Gemeinden desselben politischen Bezirkes und 
mit den bei denselben bestehenden Gutsgebieten ' in Sanitäts- 




Aus der öffentlichen Gesundheitspflege Österreichs. 81 

distrikte vereint. Für jeden Sanitätsdistrikt wird ein Distriktsarzt 
bestellt. Die Errichtung eines Sanitätsdistriktes in den Grenzen 
der Zuständigkeit des Landtages ist von dem Beschlüsse des Landes¬ 
ausschusses abhängig. Zu diesem Zweck hat über Aufforderung 
des Landesausschusses der Bezirksausschuß den Antrag zu stellen, 
welche Gemeinden in einen Sanitätsdistrikt zu vereinen sind und 
wo der Sitz des Distriktsarztes sein soll. 

Wer eine Stelle als Gemeinde- oder Distriktsarzt erhalten will, 
hat außer der hinreichenden physischen Eignung nachstehende Be¬ 
dingnisse aufzuweisen: 1. das österreichische Staatsbürgerrecht 
2. ein zur Ausübung der ärztlichen Praxis berechtigendes Diplom 
eines Doktors der Medizin, 3. unbescholtenen Charakter, 4. die 
Kenntnis der Landessprachen, 5. eine wenigstens zweijährige ärzt¬ 
liche Praxis, 6. daß er das 40. Lebensjahr nicht überschritten hat. 
Unter den Kandidaten haben jene den Vorzug, w r elche sich nach 
erlangtem Doktorgrade mit einer zweijährigen Dienstesverwendung 
in einem allgemeinen Krankenhause oder mit der Physikats- 
prüfung ausweisen. Die Bewerber um die Stelle eines Gemeinde¬ 
arztes in Städten mit eigenem Statut müssen die Physikatspriifung 
abgelegt haben. Die Gemeindeärzte ernennt der Gemeinderat 
(Stadtrat) über Antrag des Gemeindevorstehers (Präsidenten, 
Bürgermeisters). Die Distriktsärzte werden über Antrag des Be¬ 
zirksausschusses, welcher binnen 30 Tagen nach Ablauf des Kon¬ 
kurstermines vorzulegen ist, vom Landesausschusse ernannt. 
Widrigenfalls erfolgt die Ernennung durch den Landesausschuß 
unmittelbar. Sowohl die Gemeindeärzte als auch die Distrikts¬ 
ärzte können definitiv oder provisorisch ernannt werden. Die pro¬ 
visorische Besetzung eines Postens darf jedoch nicht länger als 
1 Jahr dauern. Nach Verlauf dieser Zeit entscheidet der Ge¬ 
meinderat, ob die Dienststelle des Gemeindearztes definitiv zu ver¬ 
leihen sei. Über die definitive Anstellung der Distriktsärzte ent¬ 
scheidet der Landesausschuß über Antrag des Bezirksausschusses. 
Die durch die Distriktsärzte auf Grund der bereits erfolgten Er¬ 
nennungen erworbenen Rechte bleiben unberührt. In Städten mit 
eigenem Statut sind die definitiv angestellten Gemeindeärzte den 
definitiv angestellten städtischen Beamten gleichgestellt. Zur Be¬ 
setzung der Stelle eines Gemeinde- oder Distriktsarztes ist ein 
Konkurs auszuschreiben und wenigstens in den amtlichen Landes¬ 
zeitungen zu verlautbaren. Dem ernannten Gemeinde- oder 
Distriktsarzt ist ein Dekret auszufertigen, in welchem die Bedin¬ 
gungen der Verleihung der Dienststelle genau zu bezeichnen sind. 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 6 




82 L. Sofer, 

Nach Einholung des Gutachtens des Bezirksausschusses oder 
über Antrag desselben ist der Landesausschuß ermächtigt, die Ver¬ 
setzung des Distriktsarztes in eine andere Ortschaft desselben 
Distriktes event. im Falle der Aufhebung eines Distriktes in einen 
anderen Distrikt anzuordnen. Der Landesausschuß kann die Ver¬ 
setzung eines Distriktsarztes im Disziplinarwege anordnen. Die 
Gemeindeärzte beziehen aus der Gemeindekasse den Gehalt, welchen 
der Gemeinderat (Stadtrat) bemißt. Die Distriktsärzte beziehen 
den Gehalt, sowie den Ersatz der Kosten für Dienstreisen. Die 
Höhe des Gehaltes sowie des Pauschales für Dienstreisen für jeden 
Distrikt hat der Landesausschuß nach Einholung des Gutachtens 
des Bezirksausschusses zu bestimmen. Die Auslagen für den Ge¬ 
halt der Distriktsärzte, welche 1 Proz. der für den ganzen Bezirk 
vorgeschriebenen direkten Steuern nicht überschreiten, bestreitet 
der Bezirksfonds, hingegen die Reisekosten dieser Ärzte der Landes¬ 
fonds. Der Gehalt eines Gemeinde- oder Distriksarztes darf nicht 
weniger als 1000 K betragen. 

In den Bezirksfonds haben einzufließen: a) die Gebühren für 
die Totenschau, sowie die durch den Distriktsarzt in seinem Amts¬ 
sitze ausgeübte Vieh- und Fleischbeschau, insoweit eine Vertretung 
dieses Arztes in der Beschautätigkeit durch angestellte Bescliau- 
stellvertreter sich nicht als notwendig erwiesen hat, b) die Ein¬ 
künfte aus privatrechtlichen Verpflichtungen, welche zur Bedeckung 
der Auslagen des öffentlichen Sanitätsdienstes bestehen, ebenso die 
Einkünfte der in den Gemeinden und Gutsgebieten bestehenden 
und für diesen Zweck bestimmten Stiftungen. Falls die Auslagen 
für die Gehälter der Distriktsärzte nach Abrechnung der unter a 
und b angeführten Einkünfte zusammen 1 Proz. der für den ganzen 
Bezirk vorgeschriebenen direkten Steuern überschreiten, so ist der 
Landesfonds verpflichtet, dem Bezirke eine Subvention in der Höhe 
jener Mehrauslage zu erteilen. Gemeinden, in denen der Amtssitz 
eines Distriktsarztes bestimmt ist, sind verpflichtet, über die Ein¬ 
künfte für die Toten- sowie für die Vieh- und Fleischbeschau ge¬ 
naue Ausweise zu führen und die Einkünfte aus der durch Dis¬ 
triktsärzte vorgenommenen Beschau an die Kasse des Bezirksaus¬ 
schusses zu übersenden. 

Dem Gemeinde- oder Distriktsarzte ist es nicht gestattet, für 
die Erfüllung der ihm im Gemeindesanitätsdienste obliegenden 
Verrichtungen von den Parteien eine Entschädigung anzusprechen 
oder anzunehmen. Die Gemeindeärzte sind verpflichtet, die Kuh¬ 
pockenimpfung in ihrem Amtssitze unentgeltlich vorzunehmen. Die 




Aus der öffentlichen Gesundheitspflege Österreichs. 83 

Distriktsärzte sind ebenfalls verpflichtet, die Kuhpockenimpfung in 
ihrem Amtssitze unentgeltlich vorzunehmen, dagegen in ihrem 
Distrikte außerhalb des Amtssitzes gegen Bezug der nach der Zahl 
der Geimpften festgesetzten Gebühren durchzuführen, ferner im 
Amtssitze des Sanitäfcsdistriktes die Toten- sowie die Vieh- und 
Fleischbeschau durchzuführen. In jenen Gemeinden, in welchen 
qualifizierte und aus dem Gemeindefonds besoldete Tierärzte an¬ 
gestellt sind, obliegt diesen Tierärzten die Vieh- und Fleischbeschau. 
Der politischen Landesbehörde steht das Recht zu, von Zeit zu 
Zeit die Kuhpockenimpfung in den Sanitätsdistrikten durch den 
k. k. Bezirksarzt vornehmen zu lassen. Die Gemeindvorsteher 
überwachen die Dienstestätigkeit der Gemeindeärzte und üben 
die Disziplinargewalt aus. Die Aufsicht über die Dienstes¬ 
tätigkeit der Distriktsärzte wird in Verbindung des Landesaus¬ 
schusses durch die Bezirksausschüsse ausgeübt. Das Disziplinar¬ 
verfahren ist einzuleiten, wenn der Arzt seine Dienstpflichten ver¬ 
nachlässigt oder sich einer anderen Pflichtverletzung schuldig 
macht. Die Disziplinarstrafen sind: der Verweis, die Geldstrafe, 
welche bis zur Höhe von 200 K verhängt werden kann, die Ver¬ 
setzung auf eigene Kosten in einen anderen Distrikt und schlie߬ 
lich die Dienstesentlassung. 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitäts¬ 
klinik ') zu Marburg während der 3 ersten Jahre 
seines Bestehens; 1905—1908. 

(Unter Benutzung verschiedener Berichte von Prof. Brauer über 
die Einrichtung von Säuglingsheim, Milchküche und Musterstall.) 

Von Dr. Paul Sittler, Assistent der med. Klinik Marburg. 

(Mit 8 Abbildungen.) 

Die in der medizinischen Klinik zu Marburg befindlichen Ein¬ 
richtungen zur Pflege und Behandlung gesunder und kranker Säug¬ 
linge wurden am 23. Mai 1905 in Betrieb genommen. 

Sie entstanden in folgender Weise. Prof. Brauer erhielt 
Ende 1904 als Direktor der medizinischen Poliklinik den Auftrag, 
in Marburg die Kinderheilkunde zu vertreten. Hierzu stand da¬ 
mals ausschließlich poliklinisches Säuglingsmaterial zur Verfügung. 
In der Erkenntnis, daß mit einem derartigen Material ein ein¬ 
gehender Unterricht in der Kinderheilkunde nicht durchführbar ist, 
suchte Brauer die Gründung eines selbständigen außerhalb der 
klinischen Institute stehenden Säuglingsheims in die Wege zu leiten. 
Es wurde dieserhalb der Vorgesetzten Behörde das Gesuch um Be¬ 
willigung entsprechender Mittel unterbreitet. Das Säuglingsheim 
sollte in einem vom Staate zu mietenden Gebäude untergebracht 
und zunächst von einem in Marburg bestehenden Wohltätigkeits¬ 
verein (Milchverein) eingerichtet und betrieben werden. Der Plan 
fand die weitgehendste Unterstützung seitens des früheren Ministerial¬ 
direktors Exz. Alt hoff. Ausschlaggebend für die Durchführ- 

x ) B r a u e r, Säuglingsheim und Milchküchenbetrieb. — Marburg, Buchdruckerei 
H. Bauer 1905. 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 85 

barkeit des Planes war das dankenswerte Entgegenkommen 
des damaligen Direktors der medizinischen Klinik, des Geheim¬ 
rats Mannkopff, welcher in freundlicher Weise sich bereit er¬ 
klärte, klinische Räume, die früher der medizinischen Poliklinik 
gedient hatten resp.„ damals noch für die Behandlung mancher 
Hautaffektion in Benutzung standen, zur Verfügung zu stellen. 
Nach mühseliger Einzelarbeit gelang es dann im Laufe von 
4 J / a Monaten, die im nachfolgenden geschilderten Einrichtungen zu 
schalfen, welche nunmehr seit mehr als 3 Jahren, ohne daß die 
Notwendigkeit eingreifenderer Veränderungen eintrat, in Betrieb 
blieben. Die finanzielle Fundierung, welche selbstverständlich die 
Hauptschwierigkeit darstellte, wurde durch das Ineinandergreifen 
folgender Faktoren ermöglicht: Das Unterrichtsministerium über¬ 
nahm die bauliche Umgestaltung der von Herrn Geheimrat Mann- 
kopff zur Verfügung gestellten Räume und gewährte laufende Zu¬ 
schüsse von 2000 M. jährlich. Die innere Einrichtung wurde durch 
den Milchverein, eine damals noch ganz lockere Vereinigung, über¬ 
nommen; der gleiche Verein übernahm auch die Bewirtschaftung 
der stationären Säuglingsabteilung sowie des weiter unten zu 
schildernden Milchküchenbetriebs. Zu diesem Zwecke war es not¬ 
wendig, den Verein, der einen Kapitalbestand von ca. 3000 M. hatte 
und über rund 1000 M. jährlicher Einnahmen verfügte, durch öffent¬ 
liche Veranstaltungen u. a. m. zu vergrößern. Besonders dankens¬ 
wert war die Beihilfe des Frauenvereins, sowie ein Vortragszyklus, 
den zugunsten der Einrichtungen seinerzeit Dr. Vogt übernahm. 
Auch die Stadt Marburg gewährte in Anerkennung der sozialen 
Bedeutung der Bestrebungen einen jährlichen Zuschuß von 500 M. 
In letzter Linie mußte dann noch der Direktor der medizinischen 
Poliklinik mit persönlichem Risiko einspringen, da es nur unter 
seiner persönlichen Garantie möglich wurde, die Milchhygiene in 
der beabsichtigten Weise den Einrichtungen anzugliedern (s. An¬ 
lage II am Schluß). Von vornherein galt als Grundsatz, sämtliche 
derzeitigen Bestrebungen zur Bekämpfung der Säuglingssterblich¬ 
keit gleichmäßig zu berücksichtigen und dies in einer Form zu tun, 
daß damit nicht nur die segensreichen sozialen Bestrebungen der 
Neuzeit, sondern ganz besonders das Unterrichtsinteresse ihre Rech¬ 
nung fanden. Es kam somit weniger darauf an, ein ausgedehntes, 
als ein einheitlich durchgearbeitetes Institut zu schaffen. Es konnte 
seinerzeit keineswegs darauf gerechnet werden, daß die Einrich¬ 
tungen des Heims, dessen Lebensfähigkeit anfänglich von mancher 
Seite bezweifelt wurde, nach wenigen Monaten des Bestandes eine 




86 Paul Sittler, 

solche Ausdehnung annahmen, daß dasselbe nunmehr an Größe nur 
von wenigen Säuglingsheimen Deutschlands übertroffen wurde. 

Nicht ohne Schwierigkeit war es, im Laufe so weniger Monate 
der äußeren Einrichtung auch das nötige Hilfspersonal hinzuzufügen. 
Tn dankenswerter Weise übernahm es Frl. Pauli, auch heute 
noch Vorsteherin des Milchküchenbetriebes, eingehend die Arbeit 
anderswo bestehender Milchküchen an Ort und Stelle praktisch zu 
studieren. Ebenso erklärte sich Frl. v. Dobbeler bereit (nach 
einer Ausbildungszeit bei Prof. B a g i n s k y) als freiwillige Pflegerin 
während der ersten 2 Jahre auf die Säuglingsabteilung einzutreten. 

Nach Ablauf eines Jahres (mit Übernahme der medizinischen 
Klinik durch Prof. Brauer) wurden die gesamten Einrichtungen 
endgültig der medizinischen Klinik einverleibt; sie sind jetzt in 
jeder Hinsicht organisch mit dem wirtschaftlichen und ärztlichen 
Betriebe der medizinischen Klinik verbunden und den übrigen 
Krankenstationen koordiniert. J ) Es wurden alsbald auch durch 
das Unterrichtsministerium die Einrichtungsgegenstände auf staat¬ 
lichen Fonds übernommen und damit dem Milchverein der größte 
Teil der Auslagen zurückerstattet. 

Die Verteilung der Räumlichkeiten ist in der nachstehenden 
Weise erfolgt: 

Der Säuglingsabteilung, die im 1. Stockwerk untergebracht ist, 
sowohl wie der im Erdgeschoß liegenden Milchküche stehen je 
3 Räume und 1 Vorraum zur Verfügung. * 2 ) Von den zur Säug¬ 
lingsabteilung gehörenden Zimmern liegen die 2 größeren 
(Zimmer Nr. 1 und 2) 3 ) nebeneinander, ein 3. kleineres (Zimmer 
Nr. 3) 3 ) ist durch den als Teeküche dienenden Vorraum von den 
2 ersteren Zimmern getrennt. Der Zugang von außen führt in das 
Zimmer Nr. 1, von da durch das Zimmer Nr. 2 in die Teeküche 


*) E. Wesen er, Die Behandlung von Säuglingen in allgemeinen Kranken¬ 
häusern. — Wiesbaden, J. F. Bergmann 1906. 

2 ) s. a. Zolling er, Säuglingsheim und Milchküchenhetrieb der med. Klinik 
Marburg. — Jahrb. der Schweiz. Gesellsch. f. Schulgesundheitspflege. 7. Jahrg. 
1906. — Zürich 1907. 

3 ) In den Grundplänen und Schnitten ist Zimmer Nr. 1 als „Aufnahme¬ 
zimmer“, Zimmer Nr. 2 als „Krankensaal“ und Zimmer Nr. 3 als „Ammenzimmer“ 
bezeichnet. Die im Aufnahmezimmer im Grundplan eingezeichneten Boxen sind 
durch Aufstellung von spanischen Wänden zwischen den einzelnen Betten provi¬ 
sorisch eingerichtet. — Zimmer Nr. 3 war zuerst als Ammenzimmer gedacht, 
es mußte aber wegen Zunahme der Krankenanzahl und Anstellung mehrerer 
Ammen dieses Zimmer als Krankenzimmer eingerichtet und die Ammen in einem 
andern Raume der Klinik untergebracht werden. 































































































Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 89 


I- 5bckw«rk. 



f 


Grundplan der Säuglingsabteilung. 







































































































































































































90 


Paul Sittler, 



i; 


Schnitte durch die Säuglingsabteilung und die Milchküchenanlage. 


und von hier in das 3. Zimmer. Die Teeküche ist durch eine 
Wendeltreppe mit den später zu beschreibenden Räumlichkeiten 
der Milchküche verbunden. 

Die Verteilung der Säuglinge (Kinder mit über 12—15 Monaten 
wui den nicht mehr auf das Säuglingsheim, sondern auf die eben- 
talls zur Klinik gehörende Kinderstation aufgenommen) geschah 
anfangs folgendermaßen: Neu aufzunehmende Säuglinge wurden 
(nach vorheriger eingehender Untersuchung, die gewöhnlich in der 
medizinischen Poliklinik erfolgt), zuerst zwecks Beobachtung auf 
Zimmer Nr. 1 gelegt, das als Quarantänestation diente, um erst 
nach mehrtägiger, resp. mehrwöchentlicher Beobachtung auf das 
eigentliche Krankenzimmer der Abteilung, auf Zimmer Nr. 2 ver¬ 
legt zu werden. Zimmer Nr. 3 diente als Isolierzimmer für etwa, 
auf der Abteilung entstandene infektionsverdächtige Erkrankungen. 
Eigentliche Infektionskrankheiten werden nicht auf die Säug¬ 
lingsabteilung aufgenommen, sondern direkt den Infektionspavillons 
der medizinischen Klinik überwiesen. 








































































































































































Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 91 

Der Pflegesatz für 1 Kind beträgt 1,50 M. täglich; Säuglinge 
aus unbemittelten Kreisen können, falls klinisches Interesse vor¬ 
liegt, auf Kosten der Klinik oder andernfalls auf Kosten der 
Heimatsgemeinde aufgenommen werden. 

Nachdem es sich schon bald nach Eröffnung des Säuglings¬ 
heims gezeigt hatte' daß die Inanspruchnahme von seiten des 
Publikums eine sehr große wurde, andererseits das Auftreten von 
Infektions- oder infektionsverdächtigen Krankheiten bei den ange¬ 
wandten Vorsichtsmaßregeln auf der Abteilung kaum zu befürchten 
war, mußte mit Rücksicht auf die große Zahl der aufzunehmenden 
Patienten das Krankenmaterial auf die 3 Krankenzimmer gleich¬ 
mäßig in der weiter unten geschilderten Weise verteilt werden. 

Das äußere Aussehen der Krankenzimmer der Säuglingsabtei¬ 
lung ist das folgende (als Muster für die Ausstattung diente in 
vielfacher Richtung das von Schloßmann in Dresden gegründete 
Säuglingsheim): 

Die sämtlichen Räume sind nach den Regeln strengster Asepsis 
eingerichtet. Wände, Decken und Türen sind mit hellem Ölfarben¬ 
anstrich versehen, alle staubfangenden Ecken und Vorsprünge ver¬ 
mieden. Die Türen sind glatt und ohne Verzierungen, die Fu߬ 
böden sind mit Linoleum belegt. 1 ) Das Linoleum wird zweimal 
täglich naß aufgewischt (ev. mehr) und mindestens einmal wöchent¬ 
lich (um das Entstehen von Brüchigkeit zu vermeiden) mit Wachs 
gehöhnt. In jedem Zimmer ist in der Wand ein Porzellan-Wasch¬ 
becken eingelassen, die Wand selbst über und unter dem Wasch¬ 
becken ist mit Fließen und Spiegelscheiben versehen. Eine in 
hellen Farben gehaltene heitere Frieszeichnung belebt die Wand¬ 
flächen. 

In der Wand des 1. Zimmers sind ferner 2 große, durch 
Glasscheiben abgeschlossene Schränke eingelassen, die zur Aufbe¬ 
wahrung der Arzneien dienen. Alle Apparate und Instrumente 
befinden sich in 2 Glasschränkchen, die im 2. Zimmer untergebracht 
sind, wo auch der Schreibtisch sich befindet. Einige große gläserne 
Wandborte können weitere Einrichtungsgegenstände aufnehmen. 

Im 1. Zimmer sind etwa 6—7 Betten untergebracht, im 2. etwa 
7—9, daneben 3 Lagerstätten in der in diesem Zimmer eingebaute 
Escherich-Pfaundler’sche Couveuse, während im letzten 
Zimmer die, neben den eisernen Bettstellen ständig als Lagerstellen 


9 Bei Herstellung der Abbildungen war das Legen des Linoleums über dem 
bestehenden Parkettboden (Zimmer 1 und 2) noch nicht vorgenommen. 





92 Paul Sittler, 

benutzten Körbe (siehe später) ihre Aufstellung gefunden haben. 
Bei voller Belegung fast das Heim etwa 26 Säuglinge. 

Für die Einrichtung der Betten war das Baginsky’sche 
Modell maßgebend: Eisengestell mit weißem Ölfarbenanstrich. Der 
Boden des Bettes ist verstellbar und kann daher für unruhige, 
etwas ältere Kinder tiefer herabgelassen werden, die Seitenteile 
des Bettes sind abklappbar. Auf der Roßhaarmatratze liegt ein 
weißes Bettuch, darüber eine Gummidecke, von der der Säugling 
durch eine Moltondecke getrennt ist. Als Kopfkissen dient ein 
Seegraskeil. Zum Zudecken werden im Winter Wolldecken, im 
Sommer Pikeedecken verwendet, die durch Bänder an den Stäben 
des Bettes befestigt werden können. 

Die Kinder selbst sind bekleidet mit Hemdchen, gestrickten 
Jäckchen und mit 1—2 Windeln versehen. 

An jedem Bett befindet sich ein kleines, zum Wickeln des 
Kindes bestimmtes Gestell, das heruntergeklappt werden kann und 
infolgedessen für gewöhnlich fast gar keinen Raum beansprucht 
(angegeben von Prof. Brauer). Der gemeinsame Wickeltisch ist 
auf diese Weise vollständig vermieden. Das erwähnte, zum i\.uf- 
klappen eingerichtete Gestell trägt eine kleine, mit einem Leintuch 
überdeckte Roßhaarmatratze und einen erhöhten Rand aus Eisen¬ 
stangen (s. Abbildung). — An einer Stange an der Rückseite jedes 
Bettes ist eine schwarze Metalltafel angebracht, auf der Name, 
Alter, Eintritt und Nummer des Kindes vermerkt sind. Die gleiche 
Stange trägt ein Metall- oder Glaskästchen, das zur Aufnahme der 
notwendigsten, für jedes Kind bestimmten Gebrauchsgegenstände 
dient (Thermometer, Vaselin- und Puderbüchse, Spatel usw.). Auch 
die Temperatur und Gewichtskurve, sowie die Krankengeschichte 
hängen auf einer besonderen Tafel an dieser Stange. Neben jedem 
Bette steht ein mit Glasplatte versehener, fahrbarer eiserner Tisch, 
auf dem ein Wattegefäß, ferner alle für das Kind jeweils notwen¬ 
digen Instrumente, Verbandmaterialien und Arzneien Platz finden 
können. Escherich 1 ) verwendet kleine Schränke an Stelle der 
eisernen Tische. 

Am Fußende des Bettes hat der aus Emaille hergestellte 
Windeleimer seinen Platz. 

Als zweckmäßiger und billiger Ersatz der eisernen Bettstellen 
haben sich uns einfache (von Dr. Hoff mann eingeführte) Wasch¬ 
körbe bewährt, die besonders zur Aufnahme der kleinsten Kinder 


l ) Verhandlungen der Gesellschaft f. Kinderheilkunde. Meran 1905. 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 93 

dienen. Das Wickeln geschieht hier auf einem hölzernen, mit 
Glanzleinwand versehenen Brette, das ebenfalls mit einem Lein- 
tuche belegt wird. Die Bretter sind so gearbeitet, daß sie fest 
auf das Körbchen passen, aber mit Leichtigkeit abgenommen werden 
können. Die innere .Ausstattung der Körbe ist die gleiche, wie 
die der Betten. Die Körbe ruhen auf einem hölzernen, mit weißer 
Ölfarbe angestrichenen Untergestell. Besonders die leichte Trans- 
portierbarkeit machen uns die Körbe sehr angenehm, das Heraus¬ 
tragen der Kinder in den Garten wird auf diese Weise sehr er¬ 
leichtert. Auch die größeren, in Betten untergebrachten Kinder 
werden meist in eigenen Körben in den Garten getragen. 

Ein elektrischer Ventilator führt im 1. Zimmer die verbrauchte 
Luft ab. Die oberen Fenster sämtlicher Zimmer sind mit Klapp¬ 
scheiben versehen, die den Eintritt frischer Luft gestatten. Im 
2. Zimmer ist ein Ventilator angebracht, der je nach Bedarf die 
Couveuse oder das Zimmer lüftet. Eine Rohrleitung aus Zinkblech 
mit einer Öffnung nach der Couveuse und einer 2. nach dem Zimmer 
ermöglicht diese doppelte Verwendung. Wir möchten hier be¬ 
merken, daß ein Ventilator für jede größere Couveuse unbedingtes 
Erfordernis ist. Die früher übliche, einfache verschließbare Klappe 
an der Decke der Couveuse reicht zur Erzielung einer guten Luft 
in dem warmen Raume nicht aus. 

Die Erwärmung des gesamten Heims, einschließlich der Couveuse 
findet durch eine in den Kellerräumen untergebrachte Warmwasser¬ 
heizung statt, die uns auch im Winter bei tiefer Außentemperatur 
genügende Wärme liefert, ohne die Luft trocken zu machen. 

Dem Vorgänge Schloßmann’s entsprechend, sind auch wir dazu 
übergegangen, jedem Kinde eine eigene Badewanne zu geben, die 
unter dem Bette des Kindes ihre Aufstellung findet. Zum Baden 
wird die Wanne auf besondere Holz- oder Metallgestelle gebracht, 
die ein bequemes Ausleeren der Wanne ermöglichen. 

In jedem Zimmer und in der Couveuse steht eine Wage, die 
die tägliche Gewichtskontrolle gestattet und die Bestimmung des 
bei den einzelnen Brustmahlzeiten aufgenommenen Milchquantums 
ermöglicht. 

Die Couveuse ist nach dem Escherich-Pfaundler’schen 
Vorbilde durch einen kleinen, nach beiden Seiten mit Türen ver¬ 
sehenen Vorraum vom übrigen Zimmerraum getrennt. Der eigent¬ 
liche Raum der Couveuse ist so groß, daß er drei Säuglingen Platz 
gibt. Außerdem befinden sich in ihm 1 oder 2 Glastischchen, die 
Wage, und es kann mit Leichtigkeit eine Badewanne aufgestellt 




94 Paul Sittler, 

werden. Das Stillen und die gesamte Wartung der Kinder findet 
ebenfalls in diesem Raume statt. 

Die Lagerstätten für die 3 Kinder sind auf einem gemein¬ 
samen Untergestell untergebracht, unter dem sich die Wärme¬ 
schlangen der Warmwasserheizung befinden. Offene Wasserbecken 
zwischen der Heizung und Bett sorgen für genügende Durch¬ 
feuchtung der Luft, die durch ein Hygrometer kontrolliert wird. 
Die freien Wände der Couveuse und des Vorraums mit Ausnahme 
der Decke sind aus Glas. Die frische Luft wird von außen herzu¬ 
geführt, kommt also mit der im Innern der Klinik befindlichen 
Luft nicht in Berührung. 

Wir wenden die Couveuse gerne und mit gutem Erfolge an, 
würden aber doch im Falle einer Neueinrichtung dem neuen 
E sch er ich’ sehen System x ) den Vorzug geben, in dem jedes Kind 
eine besondere Box hat, die nur seitlich mit einem geräumigen 
Gange in Verbindung steht (D-Zug-System), da bei unserer Ein¬ 
richtung Krankheitsübertragungen unter Umständen wohl nicht 
immer zu vermeiden sind. Wir verwenden deshalb, wenn irgend 
möglich, die Couveuse auch nur immer für 1, höchstens 2 Kinder 
gleichzeitig. 

Der Wäschevorrat ist untergebracht in einem in die Wand 
des Vorraums eingelassenen Schranke. Dieser gleichzeitig als Durch¬ 
gang dienende Raum enthält ferner die notwendigen Koch- und 
Spüleinrichtungen. Hier werden die aus dem Eisschranke herauf¬ 
gebrachten Nahrungsgemische zum Genüsse angewärmt und auch 
die häufig gebrauchten Breie gekocht. Die benutzten Geschirre 
werden ebenfalls hier gereinigt und aufbewahrt. 

Eine eiserne Wendeltreppe verbindet diesen Raum mit dem 
die Milchküche beherbergenden Kellergeschoß, von dem sie durch 
eine gläserne Schiebetür abgetrennt ist. — 

Die Gesamtzahl der aufzunehmenden Säuglinge beträgt, wie 
schon oben erwähnt, in maximo 26, die durchschnittliche Belegzahl 
der Abteilung schwankte im letzten Jahre zwischen 20 und 24. 
Es sei gleich an dieser Stelle beigefügt, daß das Säuglingsheim in 
seiner Eigenschaft als Abteilung der medizinischen Klinik im all¬ 
gemeinen nur der Aufnahme von kranken Säuglingen dient 
gesunde Säuglinge fanden zu Zwecken der klinischen Lehrtätigkeit 
oder zu wissenschaftlichen Untersuchungen Aufnahme. 

Die Pflege auf der Säuglingsabteilung liegt jetzt in den Händen 


b Verhandlungen der Gesellschaft f. Kinderheilkunde. Meran 1905. 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 95 

von 4—5 Pflegerinnen, Damen aus den besseren Ständen, deren 
erste als Vorsteherin gegen festes Gehalt angestellt ist und schon 
eine längere Ausbildungszeit hinter sich hat. Die übrigen Pflege¬ 
rinnen sind als freiwillige Schülerinnen 1 ) angestellt und erhalten 
(ebenso wie die Vorsteherin) in der medizinischen Klinik freie 
Station. Die Pflegeschülerinnen verpflichten sich auf 1 / 2 oder 1 Jahr. 
Die nur V 2 Jahr auf der Abteilung verbleibenden Schülerinnen 
entrichten während der ersten 3 Monate ihres Aufenthalts an der 
Klinik eine monatliche Entschädigung von je 45 M. an die Kasse 
der Klinik. Der Dienst der Pflegerinnen ist in folgender Weise 
geregelt: Der Tagesdienst beginnt um 7 Uhr früh und endet abends 
um 8 Uhr. Die Pflegerinnen haben den eigentlichen zur Säuglings¬ 
pflege gehörenden Dienst zu übernehmen und die durch die Ammen 
oder das Dienstpersonal der Klinik anzuführende gröbere Arbeit 
zu beaufsichtigen; ebenso üben sie die Kontrolle über die Reinigung 
der Wäsche durch das Personal der Klinik aus. Die Pflegerinnen 
übernehmen die Ausführung der vom Arzte der Abteilung getroffenen 
Anordnungen, sie sorgen dafür, daß bei günstigem Wetter die vom 
Arzt zu bezeichnenden Kinder während einiger Stunden in den 
Garten der Klinik gebracht w'erden, da die Säuglingsabteilung über 
Veranden u. ä. nicht verfügt. Der Nachtwachendienst auf der Ab¬ 
teilung ist derartig geregelt, daß je eine von den Pflegerinnen ab¬ 
wechselnd während 8 aufeinanderfolgenden Nächten die Wache 
übernimmt und während dieser Zeit vom Tagesdienst befreit ist. 
Bei Aufnahme von schweren Fällen — z. B. schweren Broncho¬ 
pneumonien usw. —, die einer besonderen Pflege bedürfen, wird 
von der Klinik eine besondere Nachtwmche für das betreffende 
Kind gestellt. Die Pflegerinnen erhalten wöchentlich einen freien 
Nachmittag und täglich eine 1 ständige Mittagspause. 

Neben den ständigen Pflegerinnen werden der Säuglingsab¬ 
teilung vom Marburger städtischen Kindergarten in jedem Semester 
einige Schülerinnen überwiesen, die als Laienpflegerinnen ab¬ 
wechselnd wöchentlich 1—2 Nachmittage zur Erlernung der prak¬ 
tischen Säuglingspflege auf der Station verbringen. 

Die Verteilung des Tagesdienstes auf die 3—4 ständigen 
Pflegerinnen (eine Pflegerin ist als Nachtwache hier nicht ein¬ 
gerechnet) stellt an die Arbeitsfähigkeit derselben ziemlich hohe 
Anforderungen. Wenn bei einer Belegzahl von mindestens 22 Säug- 


9 Bei den beschränkten Geldmitteln erschien es von Beginn an unerläßlich 
mit freiwilligen Hilfskräften zu arbeiten. 





96 Paul Sittler. 

lingen, wie sie in der letzten Zeit fast ständig erreicht, teilweise über¬ 
schritten wurde, der Dienst sich auf 3 Pflegerinnen verteilt, so 
kommen mindestens je 7 Säuglinge auf eine Pflegerin. Angenommen, 
daß für einen gesunden Säugling folgende Zeit verwandt wird: 

Je 20 Minuten für ein Reinigungsbad mit Zurechtmachen des 
Bettchens und Ankleiden des Kindes; 

je 5 Minuten für das Trockenlegen, das ca. 10mal tagsüber 
zu erfolgen hat, zusammen also 50 Minuten; 

je 10 Minuten für das Anwärmen und Verabreichen der Flasche, 
für 5 Flaschen also 50 Minuten; 

je 15 Minuten für einmaliges Breifüttern; 
das macht in Summa 2 Stunden und 15 Minuten für einen Säug¬ 
ling und über 15 Stunden für 7 Säuglinge aus, so daß bei einer 
Anzahl von 3 Pflegerinnen, die ja ein Minimum darstellt, an die 
Arbeitskraft derselben übermäßig hohe Anforderungen gestellt 
werden. Es ist beabsichtigt, die Zahl der in der Klinik wohnenden 
Pflegeschülerinnen zu erhöhen, sobald zur Unterbringung derselben 
mehr Zimmer, als bisher benutzt werden konnten, verfügbar sein 
werden. — Neben ihrer praktischen Ausbildung wird für die Pflege¬ 
rinnen mindestens einmal jährlich, ev. in jedem Semester, von 
einem oder mehreren Assistenten der Klinik ein theoretischer Kurs 
über Pflege des gesunden und kranken Säuglings, ferner über 
Asepsis und Desinfektion abgehalten, nach dessen Schluß die Pflege¬ 
rinnen sich einem Examen zu unterbreiten haben, auf Grund dessen 
ihnen vom Direktor der Klinik ein Befähigungszeugnis ausgestellt 
wird. — 

(Fortsetzung folgt.) 





Die Belastung der Krankenkassen, Versicherungs¬ 
anstalten und Berufsgenossenschaften durch die 
Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten liehst Vor¬ 
schlägen zu ihrer Bekämpfung. 

Von Dr. med. F. Pekutz, München. 

A. Krankenkassen. 

Vorbemerkung. 

Das hier verwendete Material entstammt vor allem den letzten 
Jahresberichten der großen zentralisierten Kassen Leipzig, München, 
Dresden, Frankfurt a. M., ferner den statistischen Daten der 
Frankfurter Kasse aus dem Jahre 1896, *) der Kasse der Berliner 
Kauf leute und der Genossenschaftskrankenkasse Wien. Von klei¬ 
neren Kassen wurde nur die Ortskrankenkasse Fürth herangezogen, 
deren die Jahre 1903/05 umfassender Bericht viele wertvolle medi¬ 
zinisch-statistische Beiträge enthält. 

Unter die Verdauungskrankheiten sind in den benützten Auf¬ 
stellungen außer den Magen-, Darm-, Leber, Gallenleiden und den 
Erkrankungen des Bauchfells auch die Brüche einbezogen, ferner 
die Zahnkrankheiten und die Erkrankungen der Mundschleimhaut. 
In Wien und München sind außerdem die Mandel- und Halsent¬ 
zündungen, in Fürth die Rachenkatarrhe, in München ist der Kropf 
mit eingerechnet. All die letztgenannten nicht eigentlich den Ver¬ 
dauungsorganen zugehörenden Krankheiten sind, um einigermaßen 
verläßliche Vergleichszahlen zu gewinnen, in den von mir ausge¬ 
führten Berechnungen in Abzug gebracht. 

9 Frankfurter Krankheitstafeln. Beiträge zur Statistik der Stadt Frank¬ 
furt a. M. Bearbeitet durch Dr. H. Bleicher. Sauerländers Verlag 1900. 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. ? 





98 F. Perutz, 


Mortalität. 

Betrachten wir zuerst die Sterblichkeitsziffern. 


Name der Kasse 

Jahr 

Mitgliederzahl 

(Jahresdurchschn.) 

Zahl der Ge¬ 
storbenen 

Auf 100 Todesfälle 

trafen Sterbefälle 

an Verdauungs- 

krankheiten 

Bemerkungen 

insgesamt 

an 

Verdauungs¬ 

krankheiten 

Ortskrarikenkasse 

1905 

151 230 

1117 

57 

5,1 

Todesf. an Krebs 

Leipzig 

1906 

158 702 

1142 

69 

6,0 

ausgeschlossen 

Verband der Ge- 







nossensch.-Kr.-K. 







Wien 

1905 

138 021 

1453 

60 

4,1 

Krebs ausgeschl. 

Ortskrankenkasse 

1906 

103 779 

848 

72 

8,5 

mit /Einrechn, d. 

München 




+ 13 

resp. 10 

nhnpl Todesfälle 
0ime t an Krebs 

Ortskrankenkasse 

1904 

93 392 

757 

58 

7,6 

Krebs ausgeschl. 

Dresden 

1906 

100 617 

759 

40 

5,3 

r> 

Orts-Kr.-K. d. Kauf¬ 

1904 

85 013 

605 

65 

10,7 

Krebs z. T. ein¬ 

leute Berlin 

1905 

92140 

692 

68 

9,8 

gerechnet 

Ortskrankenkasse 







F r a n k f u r t a. M. 

1904 

75 937 

597 

53 

8,9 

einschl. Krebs 

Ortskrankenkasse 

1903 






Fürth 

—1905 

45000 

401 

35 

8,8 



Von den großen Krankenkassen Leipzig und Wien besitzen wir außer¬ 


dem Zusammenstellungen, die Gesamtziffern für ein Jahrzehnt zu überblicken 
erlauben: 


Arbeiter-Bezirks- u. 
Genossenschafts- 
Kr.-K. Wien 

1896 

—1905 

378 257 

42 479 

1964 

4,6 

exkl. Krebs 

Ortskrank enkasse 
Leipzig 

1895 

—1904 

123 731 

9 916 

742 

7,5 



Die Zahl der Todesfälle in ihrem Verhältnis zu der Zahl der 
gesamten Todesfälle schwankt demnach zwischen 4,1 in Wien und 
10,7 in Berlin. Dementsprechend finden wir bei der Berliner Kasse 
der Kaufleute nach der Sterblichkeit an den Erkrankungen der 
Atmungsorgane mit 49—43 Proz., an 2. Stelle die Verdauungskrank¬ 
heiten, dann folgen die Krankheiten des Gefäßsystems, des Nerven¬ 
systems, Unfälle, Ernährungsstörungen. In Frankfurt a. M. ist die 
Reihenfolge: Atmungsorgane, Unfälle, Gefäßerkrankungen, Ver¬ 
dauungsorgane. In Leipzig: Atmungsorgane, Herz- und Schlag- 
adererkrankungen, Schlagfluß, dann alternierend mit den bösartigen 
Neubildungen an 4. resp. 5. Stelle Verdauungskrankheiten. In 


























Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 99 

München stehen die Todesfälle an Verdauungskrankheiten an 3., in 
der Wiener ein Jahrzent umfassenden Aufstellung aber an 6. Stelle. 

Die großen Schwankungen erklären sich zum Teil dadurch,, 
daß, wie schon in der Tabelle bemerkt, in manchen Kasseberichten 
der Krebs der Verdapungsorgane, der doch erfahrungsgemäß einen 
großen Teil der Todesfälle an Verdaunngskrankheiten überhaupt 
bedingt, nicht unter dieser Rubrik, sondern unter „Krebs und Neu¬ 
bildungen“ ganz ohne jede Scheidung eingerechnet ist. Nur in der 
Münchener Statistik wird erfreulicherweise hier nochmals eine 
Trennung nach den Organsystemen vorgenommen: von 21 Todes¬ 
fällen an Krebs fallen 13 auf Karzinome der Verdauungsorgane. 

Rechnen wir also in den anderen Berichten nur 1 / 3 bis die 
Hälfte der an Krebs erfolgten Todesfälle den Todesfällen an Ver¬ 
dauungskrankheiten zu — nach Virchow machen die Magen- 
karzinome 25—40 Proz. aller Karzinome überhaupt aus — so 
dürften ziemlich allgemein, vielleicht Wien ausgenommen, diese 
Ziffern sich um 2—3 Proz. erhöhen und dem in München und Berlin 
vorhandenen Verhältnis nahekommen. 

Morbidität. 


Erwerbsunfähige Kranke. 


Name der Kasse 

Jahr 

Mitglieder¬ 

zahl 

(Jahresdurch¬ 

schnitt) 

Es treffen erwerbs¬ 
unfähige 

Verdauungskranke 
auf 100 Mitglieder 

Auf 100 mit Er¬ 
werbsunfähigkeit 
verbundene Er¬ 
krankungen treffen 
V er dauungskrank- 
heiten 



männl. 

weibl. 

männlich 

weiblich 

männlich 

weiblich 

Ortskrankenkasse 

Dresden 

1900 

-1903 

49 186 

26 446 

4,5 

5,3 

10,9 

12,1 

Ortskrankenkasse 
Berl. Kaufleute 

1905 

1 

58646 33 494 

4,7 

5,8 

13,0 

14,9 

Ortskrankenkasse 

Fürth 

1904 
u. 1905 

10810 

6135 

4,4 

5,8 

9,4 

12,7 

Ortskrankenkasse 

München 

1906 

65 533 

38 246 

4,0 

4,8 

9,5 

11,8 

Genossenschafts- 
Kr.-K. Wien 

1905 

109 094 

28 927 

4,3 

4,7 

9,7 

13,2 

Ortskrankenkasse 
Frankfurt a. M. 

1896 

27 661 

9 987 

4,1 

6,2 

10,2 

15,5 

Arbeiter - Bezirks- 
u. Genossensch. 
Kr.-K. Wien 

1896 

—1905 

378! 

257 



12, 

,6 


7* 




























100 F. Perutz, 

Aus dieser Tabelle geht mit auffallender Übereinstimmung 
hervor, daß 4—6 Proz. aller Kassenmitglieder eine mit Arbeits¬ 
unfähigkeit verbundene Verdauungskrankheit durchmachen und 
daß die Zahl der Verdauungskranken durchgehends 10—15 Proz. 
aller erwerbsunfähigen Patienten beträgt. Dabei sind, wie erwähnt, 
die Fälle von Angina und Zahnkrankheiten abgerechnet. Bei der 
Kasse der Berliner Kaufleute war mir infolge summarischer Rubri¬ 
zierung eine diesbezügliche Kontrolle nicht möglich. Wahrschein¬ 
lich sind also hier die Zahnkrankheiten und Angina mit einge¬ 
schlossen, was die gegenüber den anderen Kassen höheren Zahlen 
erklären kann. Es zeigt sich ferner überall die schon bekannte 
Tatsache, daß die weiblichen Mitglieder einen höheren Prozentsatz 
an Verdauungskrankheiten stellen als die Männer. Während z. B. 
in Berlin bei den männlichen Angehörigen der kaufmännischen 
Kasse an erster Stelle die Erkrankungen der Haut, Knochen und 
Muskeln stehen, dann die der Respirationsorgane, die Unfälle und 
die Verdauungskrankheiten folgen, stehen bei den weiblichen an 
2. Stelle nach den Erkrankungen der Atmungsorgane gleich die 
Verdauungskrankheiten. Ungefähr ähnliche Verhältnisse finden wir 
bei den anderen Kassen. Als Ursache der stärkeren Beteiligung 
der weiblichen Mitglieder an den Verdauungskrankheiten ist, w r ie 
auch Prinzing 1 ) hervorhebt, die Anämie und Chlorose zu be¬ 
schuldigen, die häufig zu Mageu- und Darmstörungen führt. Gewiß 
werden eine Reihe solcher Fälle von den Ärzten überhaupt als 
Anämien oder Chlorosen in den Listen geführt und daher bei der 
Statistik unter „Ernährungs- und Entwicklungsstörungen“ ver¬ 
rechnet. Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir unter Zuzählung 
dieser Fälle mit Albu 2 ) die Zahl der wegen Verdauungsstörungen 
Erwerbsunfähigen auf nahezu 20 Proz. aller erwerbsunfähigen 
Kranken schätzen. 

Eine richtige Vorstellung über die Häufigkeit der hier in 
Frage kommenden Erkrankungen erhalten wir erst, wenn wir auch 
die Zahl der ambulant behandelten erwerbsfähigen Kranken ermitteln. 

Erwerbsfähige Kranke. 

Leider stehen uns aber dazu nur die Erhebungen der zwei 
großen Kassen, Frankfurt und Wien zu Gebote, die in nachstehender 
Tabelle verwertet sind. 

0 Prinzing. Handbuch der medizinischen Statistik. Fischer, Jena 1906. 

2 ) Albu, Die sozialhygienische Bedeutung der Errichtung von Magenheil¬ 
stätten. Mediz. Beform 1906, Nr. 26. 





Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 101 





Es treffen erwerbs¬ 

Auf 100 Erkran¬ 




fähige Verdauungs¬ 

kungen y. Erwerbs¬ 




kranke auf 100 Mit¬ 

fähigen treffen 




glieder 

V erdauungskrank- 




männlich 

weiblich 

heiten 



aus sc hl. Angina u. 




Wien 

1905 

Zahnkrankheiten 

4,4 

4,4 

11,7 



einschl. Zahn¬ 






krankheiten 

7,8 

9,2 

21,6 

| 

[ : 

aus sc hl. Angina u. 
Zahnkrankheiten 

6,8 

9,3 

11,1 

Frankfurt 

1896 


einschl. Zahn¬ 




1 

[ 

krankheiten 

13,1 

18,1 

21,2 


Die Frankfurter Zahlen, wonach auf 100 Kassenangehörige 
6,8 resp. 9,3 erwerbsfähige Magendarmkranke gegenüber 4,1 resp. 
6,2 erwerbsunfähigen treffen, scheint auch den hiesigen Erfahrungen 
zu entsprechen, daß die Zahl der ambulant erkrankten erwerbs¬ 
fähigen eine höhere ist als die der erwerbsunfähigen, während in 
Wien dies Zahlen Verhältnis ziemlich gleich bleibt. Übereinstim¬ 
mend geben aber beide Statistiken an, daß die erwerbsfähigen 
Magen-Darmkranken ca. ein Neuntel, mit Einschluß der Zahn¬ 
krankheiten gar über ein Fünftel aller erwerbsunfähigen Kranken 
ausmachen. Es kommen dadurch in Frankfurt die Erkrankungen 
der Verdauungsorgane überhaupt an die 1. Stelle zu stehen. Auf diese 
Tatsache, die die Bedeutung der Zahnaffektionen für die Belastung 
der Kassen erkennen lassen, werden wir noch später zurückgreifen. 

Art der Erkrankung. 

Über die Art der Erkrankungen, die wir unter den Verdauungs¬ 
krankheiten am häufigsten treffen, unterrichtet folgende Tabelle. 
Die Zahlen beziehen sich nur auf erwerbsunfähige Kranke. Es 
kamen zur Beobachtung: 





Zahl der Fälle: 




Name der Krankheit 

Dresden 

Fürth 

Wien 

1905 

München 

1900- 

1903 

1904 u. 1905 

1906 


männl. weibl 

männl. weibl. 

männl. 

| weibl. 

männl. 

weibl. 

Akut. u. chron. Magen¬ 
katarrh 

Akut. u. chron. Darm¬ 

3726 

2454 

525 

384 

1845 

588 

1136 

702 

katarrh 

Blinddarm- und Bauch¬ 

1266 

547 

253 

183 

968 

236 

760 

377 

fellentzündung 

497 

239 

81 

68 

302 

135 

171 

143 

Magengeschwür 

Hernien (freie und ein¬ 

229 

581 

35 

43 

90 

62 

287 

209 

geklemmte) 

266 

17 

28 

10 

239 

12 

97 

39 

Lebererkrankungen 

? 

? 

28 

37 

241 

73 

110 

66 



























102 F. Perutz, 

Es stehen somit an erster Stelle die akuten und chronischen 
Magenkatarrhe, dann folgen die akuten und chronischen Darm- 
katarrlie, die Blinddarm- und Bauchfellentzündung, das Magen¬ 
geschwür, die Hernien- und Lebererkrankungen. Sowohl bei den 
Magen- und Darmkatarrhen, bei der Blinddarmentzündung, vor 
allem aber bei den Hernien finden wir mehr männliche als weib¬ 
liche Kranke. Dagegen ist das Magengeschwür häufiger bei den 
Frauen als bei den Männern mit Ausnahme der Wiener Kasse. 
Bei den Lebererkrankungen überragen, abgesehen von Fürth, die 
Männer die Frauen. 

Stoffwechselerkrankungen. 

Hier mag gleich die Betrachtung der Stoffwechselerkrankungen 
eingeschaltet werden. Wir kommen bei den folgenden Abschnitten 
auf sie nicht mehr zurück, da sie eine zu geringe Bolle spielen. 
Der Verwertung steht auch im Weg, daß Diabetes und Gicht in 
den Erkrankungstafeln meist unter allgemeinen Erkrankungen und 
Ernährungsstörungen verschwinden. Die Gicht dürfte wohl fast 
immer den Erkrankungen der Bewegungsorgane, dem akuten und 
ehronischen Rheumatismus zugezählt werden, sonst wäre es schwer 
möglich, daß unter den 138021 Mitgliedern der Wiener Kasse sich 
nur 2, in München 1906 gar bloß ein Gichtfall in den Listen findet. 
Auch der Diabetes wird jedenfalls selten diagnostiziert (Urinunter¬ 
suchungen!). So sind in Wien nur 30 Fälle; 24 mit Erwerbs¬ 
unfähigkeit, 6 mit Erwerbsfähigkeit verzeichnet. Davon treffen im 
ganzen 4 auf Frauen. Es treffen also auf 1000 Mitglieder 0,2 und 
auf 1000 Erkrankungen 0,3 Diabetesfälle. Ähnlich in München. 
Hier treffen auf 1000 männliche 0,25, auf 1000 weibliche 0,1 Fälle, 
auf 1000 Erkrankte überhaupt 0,4 Fälle. 

Die Sterblichkeit an Diabetes betrug: 



Mitglieder¬ 

zahl 

Zahl der 
Todesfälle 

Auf 1000 
Mitglieder 

Proz. der 
Todesfälle 

Berlin 1904 und 1905 

177 153 

13 

0,07 

1,0 

(Kasse der Kanfleute) 
Leipzig 1898—1904 

926 706 

44 

0,04 

0,6 

München 1906 

101 780 

6 

0,06 

0,7 


Dagegen finden wir in München den Diabetes insipidus, der 
doch als seltene Erkrankung gilt, auffallend häufig. Vielleicht 
dürfte es sich bei einer Reihe der unter dieser Rubrik geführten 
Fällen einfach um chronische Nephritis handeln. 











Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 108 

Es entfallen auf 1000 männliche Mitglieder 3,7 Fälle 
1000 weibliche „ 0.3 „ 

Auf 1000 Erkrankte 5,6 Fälle! 

Alter und Erkrankung. 

Über den Zusammenhang zwischen Erkrankung und Alter 
geben die Frankfurter Erkrankungstafeln Aufschluß. Es trafen 
danach auf 100 Erkrankte: 


Erwerbsfähige Verdauungskranke (einschl. Zahnkranke): 


Tm Alter 
von Jahren 

—15 

16 

—20 

21 26 

-25—30 

[ 

31 

-35 

! 36 
—40 

41 

—45 

46 

—50 

51 

55 

56 

—60 

über 

60 

durch- 

schnittl. 


Männlich 

Weiblich 

23,0 

21,5 

20,9 

23,2 

18,3 

22,2 

20.4 

24.4 

21,7 

24,9 

27,7 

24,4 

1 

19.9 

21.9 

14,2 

27,7 

16,8 

26,8 

22,6 

19,6 

19,6 

9,1 

20,4 

23,2 

| 21,2 


und erwerbsunfähige (einschl. Zahnkranke): 


Im Alter 

1 P» 

16 

21 

26 

31 36 i 41 46 

51 

56 über 

durch- 

von Jahren 

—10 

—20 

—25 

—30 

—35 -40 -45 -50 

—55 

-60 60 

schnittl. 

Männlich 

9,3 

9,2 

11,1 

11,0 

12,8,12,3 11,6 i 8,8 

13,9 

11,0 13,9 

11,0 

Weiblich 

17,7 

15,2 

17,9 

18,3 

19,0 i 22,9 10,4 12,5 

18,7 

16,2 | 5,9 

16,8 


Nach dieser Statistik fallen die meisten mit Erwerbsunfähig¬ 
keit verbundenen Krankheiten der Verdauungsorgane bei den Frauen 
in die Zeit zwischen das 36. und 40., bei den Männern zwischen 
das 51. und 55. Lebensjahr. Bei den Erwerbsfähigen wird die 
Höchstzahl bei den Männern in der 2. Hälfte des 4. Jahrzehntes, 
bei den Frauen in der 2. Hälfte des 5. Jahrzehntes erreicht. 

Krankheit und Beruf. 

Auch darüber finden wir in der Frankfurter Statistik ent¬ 
sprechendes Material und zwar sowohl bezüglich der Erwerbs¬ 
fähigen wie der Erwerbsunfähigen. Es trafen auf 100 Mitglieder 
in den einzelnen Berufen Verdauungskranke: 



Tagelöhner, ; 
Fabrikarbeit. 

Schlosser 

Schneider 

Kaufleute 

Buchdrucker 

Schreiner 

Fuhrleute u. 
Kutscher 

Kellner 

Maler 

Erwerbsfähig 

5,7 

7,3 

7,0 

9,4 

6,3 

6,4 

6,4 

7,4 

4,9 

Erwerbsunfähig 

4,9 

4,1 

3,7 

3,3 

3,6 

3,6 

3,3 

3,0 

5,3 

Breslau 1888/95 r ) 
(bezieht sich wohl 
bloß auf Erwerbs¬ 
unfähige) 


5,1 

2,6 

3,5 

3,6 

3,8 


3,6 

3,6 


0 Breslauer Statistik, 1899, Bd. XIV, zit. nach Prinzing. 



































































104 F. Perutz, 


Bei den weiblichen Berufen in Frankfurt (ausschl. Zahnkranke): 



Dienstboten 

Kellnerinnen 

Ladnerinnen 

Näherinnen 

Erwerbsfähig 

8,3 

12,6 

10,2 

9,8 

Erwerbsunfähig 

4,1 

4,3 

5,5 

6,7 


Für Dresden, München und Fürth habe ich die Prozentzahl 
der Verdauungskranken nach einzelnen Erwerbsgruppen berechnet. 
Allerdings kommen nur die Erwerbsunfähigen in Betracht. 

(Tabelle siehe nächste Seite.) 

Aus all diesen Aufstellungen geht hervor, daß bei den männ¬ 
lichen Arbeitern die höchsten Erkrankungsziffern aufweisen in 
Frankfurt: Maler, Tagelöhner, Schlosser; in Bres 1 au: Schlosser, 
Schreiner; in Dresden: Maschinenfabrikation, Baugewerbe, 
Verarbeitung der Holzstoffe; in Fürth: Schankgewerbe, Bau¬ 
gewerbe, Verkehrsgewerbe; in München: Baugewerbe, Be¬ 
arbeitung von Steinen und Erden, Metallverarbeitung. Bei den 
Frauen ist die Beihenfolge: in Frankfurt: Näherinnen, Lad¬ 
nerinnen, Kellnerinnen; in Dresden: chemische Industrie, Metall¬ 
verarbeitung, Bearbeitung von Holzstoffen; in Fürth: Bearbeitung 
von Holzstoffen, Baugewerbe, Metallwaren; in München: Bau¬ 
gewerbe, Papier- und Leinwandindustrie, Holzstoffe. 

Auffallend sind die Zahlen beim Baugewerbe, die in München 
den Durchschnitt weit überragen und auch in Fürth und Dresden 
sehr hoch sind. 

Ich glaube, wir gehen aber fehl, wenn wir hierin den Ausdruck 
irgendwelcher beruflicher Schädigung oder des Alkoholmißbrauchs 
sehen. Wahrscheinlicher ist es, anzunehmen, daß die im Winter 
herrschende Arbeitslosigkeit im Baugewerbe zu einer erhöhten 
Neigung führt, sich wegen leichter Störungen erwerbsunfähig zu 
melden. Eine hohe Krankheitsziffer besitzen bei männlichen wie 
weiblichen Arbeitern die Industrie der Metallverarbeitung und 
Maschinenfabrikation, die in Breslau und Dresden an erster Stelle 
stehen. Auffallend niedrig ist mit Ausnahme von Fürth das Schank¬ 
gewerbe beteiligt, trotzdem wir wissen, daß unregelmäßige Essens¬ 
zeit, geringe Arbeitspausen und Alkoholgenuß hier das Auftreten 
von Verdauungsstörungen begünstigen. Vergleichen wir damit 
die Frankfurter Statistik, so bekommen wir erst ein richtiges 
Bild. Dort entsprechen bei Kellnern und Kellnerinnen den pro¬ 
zentualen Zahlen von 3,0 resp. 4,3 bei den Erwerbsunfähigen, 7,4 resp. 
12,6 bei den Erwerbsfähigen. Auf diese Weise rückt das weib- 











Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 105 


<v 

c 

cö 

S-l 

r* 

bß 


nfl 

S 

Ö 

'S—I 

sö 


GO 

w 


-fl 

o 


05 

£ 


. .xapeiiSitw 

S 00T 8? }»>Y 

?h -fl CD 

1 r— 1 1 00 1 *» ! cc^ 00^ 1 1 QO^ 

1 »ft' 1 1 ccT • «T 1 hT co 1 ccTifiTifiTHr 1 hT 

i : §S iqBziapaiiS 
^ S -4IW 

^mi{osqo.m(i 

00 05 CO r*- (M OO CO 05 05 

I 05 I 1 CO 1 I> 1 O rH I (MW^H 1 1 

1 O I 1 Hi | 1 ß- H 1 rf<O^Ol> 1 1 

H H QO CM l>- CO 

♦ 

« § -iap^iI^TW 

001 af J^Y 

K>4 s- i 

1^1 1 C5^ *> CM OO^r^O^H^ 1 00^ 

1 ^ * 1 acT co' hT co^ cjT xT if$ ifi 1 iflT 

M .fl | 

^ £ hj |X{nzj0p0TjS 

Ö S -BW J9*P 

^TuqosqojnQ 

ß- CD Hl (M CO "H iQ CO (M iO 

! GC 1 1 05 GO CO vQ CD 05HIHC^| 1 

1 1 CD GO GO ß- WiOrHuO 1 1 

rH 

«. § -iapaH^TM 
ijs 001 9p jny 

1 - 

COjH -H •H H iO C0 W H , C0 

ioT cd" cd" 05 " cd" o"r^ioT «h*+ cd" 1 oo" *ä" i>" co" hT 1 

. JL) 1 

ä p o itlBzaapeijS 
O S -^W J8P 

WinqosqoniQ 

CO CO O CO CM 05 rH GO CO O O 'H 05 CO 

O50OCOCCCDIXMCOHHCDCD |C^iOCM05^H 1 1 

CO CO co iO TfGOHH 1 >G H (M ^ 05 | 1 

CO rH t-H t-H lO 

M - Japan^JK 

j| cd 00X 9? JW 

ufln 

, l>^ , , CD^CD^iÄ^ . CD^ , 05^ H^H^r^CO^rH^i^ 

1 co" 1 1 C 0 "hTi»" 1 co" 1 co" -h" co" co" Hl" CO" CO" H-" 

. fl Q 

«5 :fl T-H TTJUZJ9p9IT^ 

5 s -BW ‘ I9 P 

^mqosqojnQ 

CD -rH 05 CD O GO OCOCOß-OO 

105 1 1 Ot^o I N 1 (M 05 t>- H* H< CM CO 1 

1 (M 1 1 CO GO 05 | rt< 1 (M WOhhcDO 1 

l> (M 05 Ol vO H 1 »O "Hl (M GO (M 


-fl 

o 

• rH 

fl 

fl 

:c8 


w 

M s- 

’T 1 •= 


tO 
O 
- 05 


JOpOTlS^IJC 

001 »f PY 


05 


iqnziopoip 

-BW ^P 
^uiqosqo.inQ 


kJ co 
•. §05 

*H rrH rH 

14 3a I 

i 05 I 

m Vn O 
t^QO 
fl 4 , 05 
O tH 


jopoxyS^ipi 
00T äf jny 


|qnzj0p9T{g 

-BW -^P 
^TuqosqoauQ 


CD 

jQ 

»H 

05 

£ 

05 

o 


05 

a 

o8 


hThT 


h 

h" 


cd 


OJ cc' 
CO" r-T 


H 


■H C 0 co H* 


CM »O 

GO 

CO 

o 

Hl 

iO 

lO O 05 GO \0 

Ol 05 1 

1 ^ 

05 

CD 

O- 

GO 

H vO »O O O 

iO 1 

1 H< 

o 

Ol 

Ol 


CD 

rH 

Ol CO rH Ol 

CO rH 


C^lO>_®^CO^lfl^CO_H^H^ifO^^CD^t^C^CO 

coHiftHH<H*oHco®i>cocojLO)HOicooi h 


CCC0C0iC»0t^G0i0^-fO(MC005i0O^CD 

O05CßrH00OWl^OOCDOO‘CCCrH!r0I N * 

iOI>^iOCCiOrH(M^C0iOkOiO^iOTHXX 


(M h iO W 


^NTHOqWOi 


05 

-Q 

05 

js 

05 

O 

05 

-fl 

O 


fl 

-fl 

C5 

Ul 

> 

Hfl 

fl 

fl 

h-3 


05 

n'B ' 

S B • 

a ö • 

cg .fl 
fl -fl 
fl «j.2 

05 Ä S-i 

®öl 

^ H 

9^ fl 

fl ghH 

i <D 

cp i -h 

bß fl ^3 


* Hfl * 

fl 

■ g « 

’ fl "ö 

• rH Jh 

05 [V] 

’h3 ^ 

■ Hfl 

.§* 
fl 


05 


CD 


Ö 
flu' J 

fl ._ 
P^co 


05 


fl fl 

o o 
> > 


bß 

fl 


05 


05 m 

a 


—H 

fl HS 

bß^ 


hl 

;f .3*^ 

1?IS1Ü 


.2 bß S 

C ’3.2 

+3.2+3 

J2 05 fl 

-g« a 

fl ^ 
H M fl ö fl 

fl 05 05 

rä*a g 
*S t^-fl 

r—I J-5 O 

rA rg Cg 
05 fl fl 

PQhnS 


M fl 

rfl -*-=> 


SpS 

fl Hfl 

4^ ,2 05 

•s g-s 

-fl fl: 05 

PH O > 

2M S 
£ 

g fl flrQ 


05 
05 JA 


fl fl §^S 
•■fl g fl 
g fl £;fl 
"2^ brtß 
fl fl fl ^ 

05 05 fl 05 

cqpqpQH 


-fl^£ 
o ^ 

fl V bi) Ul 05 
fl >g^i ^ ‘fl 


fl CD 05 


05 

£ 

05 

bß 


fl 

-fl 

C5 

Ul 

-fl 

o 

fl 

Q 

S-H 

05 

.3 

’S 

a 

05 

bß 


05 +2 


bß cc 


' Vfv '■ 

t *H CÖ ^ ^ • • 
g bß 05 ^ -fl -fl 

S *3 Ä bt PI ^ g 

fl a> ^ fl Ö 
• fl fl fl J-t rd 5 ^ 

05 o 05 O fl] fl 05 

Ph co PQ Ph gg Ph h> 




































106 F. Perutz, 

liehe Schankpersonal an die erste Stelle vor. Dies deckt sich mit 
der Erfahrung, daß bei diesen Berufen infolge der relativ guten 
Einnahmen an Trinkgeldern und dem im Verhältnis dazu niederen 
Krankengeld die Patienten sich nur ungern erwerbsunfähig schreiben 
lassen, was zumeist auch den sofortigen Verlust ihrer Stelle be¬ 
dingt. Auch beim kaufmännischen Personal sehen wir in Frankfurt 
einen hohen Prozentsatz erwerbsfähiger Erkrankter (9,4 resp. 10,2) 
gegenüber den Erwerbsunfähigen (3,3 resp. 5,5). 

Wir ersehen daraus, daß eine Morbiditätsstatistik nur auf 
Grund der Erwerbsunfähigen lückenhaft ist und uns bezüglich 
unserer Schlüsse Vorsicht auferlegt. Leider besitzen wir, von der 
Frankfurter Kasse abgesehen, keine genauere Aufstellung über die 
erwerbsfähigen Kranken. 

Für 2 Krankheiten, die besonders interessieren, Blinddarm¬ 
entzündung und Magengeschwür, habe ich aus dem Dresdener und 
Münchener Kassenbericht versucht, die Erkrankungsziffern für 
einige Berufe zu berechnen. 

Es trafen auf 100 auf die Verdauungsorgane fallende Er¬ 
krankungen (aussclil. Zahnkranke und Angina): 


Blinddarmentzündungen (bei Männern): 



Im Durch¬ 

Maschinen¬ 

Handels¬ 

Bau¬ 

Nahrungs¬ 


schnitt 

industrie 

gewerbe 

gewerbe 

mittelgewerbe 

München 1906 

6,4 

9,8 ! 

14.4 

2,8 

5,1 

Dresden 1900—1903 

6,8 

6,7 

9,8 

3,6 

5,1 


bei Frauen: 



Im Durch¬ 
schnitt 

Näherinnen 

Verkäufe¬ 

rinnen 

M Wirts- und 
|'Schankgewerbe 

München 1906 

7,6 

8.9 

10,8 

7,1 

Dresden 1900—1903 

4,4 

4,8 

! 4,9 

5,8 


Magengeschwür (bei Frauen): 


München 

11,2 

9,9 

12,7 

15,3 

Dresden 

10,8 

11,1 

13,8 

13,4 


Es weisen demnach die meisten Erkrankungen an Appendicitis 
auf bei Männern das Handelsgewerbe, bei Frauen in München 
gleichfalls das Handelsgewerbe, in Dresden das Schankgewerbe. 
Weiter ergibt sich die Tatsache, daß das Wirts- und Schank¬ 
gewerbe übereinstimmend in München und in Dresden die meisten, 
den Durchschnitt weit überragenden Fälle an Magengeschwüren 





















Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 107 


zeigt. Die Zahl der Magengeschwüre hei den Männern ist so 
gering, daß eine prozentuale Berechnung nicht angängig erscheint. 

Krankheitsdauer und Kosten. 

Von den von mir verarbeiteten Kassen erlauben nur Fürth 

♦ 

und Wien die Zahl der Behandlungstage festzustellen. Es betrugen 
in Fürth: 



Zahl der Fälle an 

V erdauungskranken 

Krankengeldtage 

Gesamtkranken¬ 

geldtage 

1904 

776 

14 871 

153 338 

1905 

862 

17 508 

182 329 


Somit betrug die Zahl der Krankengeldtage wegen Ver¬ 
dauungskrankheiten = 9,6 Proz. der gesamten Krankengeldtage. 
In Wien entfallen auf Verdauungskrankheiten (ausschl. Zahn- und 
Mandelkrankheiten 92 911, Krankentage überhaupt (ausschl. Ent¬ 
bindungen) 1 284 073, somit 7,2 Proz. 

In Fürth kostete ein nicht im Krankenhaus behandeltes Mitglied 


1904 27,21 M. 

1905 26,14 „ 


an Krankengeld. 


Die Ausgaben für Krankengeld bei Verdauungskrankheiten 
beliefen sich danach auf 21114 M. resp. 22 532 M. — 10,5 resp. 
10,2 Proz. der Gesamtausgabe an Krankengeld. 


B. Versicherungsanstalten. 

Nach der Statistik 1 ) über die Ursachen der Erwerbsunfähig¬ 
keit trafen bei 315 089 Kentenbewilligungen in den Jahren 1896 
bis 1899 auf: 



Bei Männern 

Bei Frauen 

Entkräftung und Blutarmut 

30385 

20018 

Tuberkulose der Lunge 

30 353 

8 575 

Lungenkrankheit, (ausschl. Tuberk.) 
Herz- und Gefäßkrankheiten 

33 810 

12 000 

8097 

Krankheiten des Magens 

5 954 

2 838 

Krankheiten von Darm, Leber, Milz 

1996 

917 

Sonstige Verdauungskrankheiten 

232 

71 


*) Statistik der Ursachen der Erwerbsunfähigkeit (Invalidität) nach dem In- 
validitäts- und Altersversicherungsgesetz für 1896—1899. Amtl. Nachrichten des 
Beichsversicherungsamts 1903. 2. Beiheft. Berlin, A. Asher. 

















108 F. Perutz, 

Die Krankheiten des Magens stehen unter den Invalidisierungs¬ 
ursachen an 9.. die Krankheiten von Darm, Leber, Milz an 21., 
die sonstigen Verdauungskrankheiten an 28. Stelle, oder von 100 
Rentenempfängern waren 3 resp. 3,1 wegen Magenleiden, 1,1 wegen 
Darm-Leberleiden, 0,1 wegen sonstiger Verdauungskrankheiten in¬ 
valide. 

Da Krebs und bösartige Erkrankungen auch hier gesondert 
geführt werden, ist die Zahl der Invalidisierung wegen Magen- 
Darmkrankheiten in dieser Aufstellung jedenfalls niedriger als sie 
der Wirklichkeit entspricht. 

Bei den Männern fällt die höchste Invalidität an diesen Krank¬ 
heiten zwischen das 40. und 45. Lebensjahr. Die Verhältniszahlen 
steigen in diesem Zeitraum auf 4,0 resp. 1,3 gegenüber 3,0 und 1,0 
des Durchschnitts. Bei den Frauen beginnt die Zunahme der In¬ 
validisierung schon ein Jahrfünft früher. 

Bei der beruflichen Scheidung der Versicherten in 6 große 
Gruppen treffen auf 100 Rentenempfänger überhaupt 



Rentenempfänger wegen 
Magen-Darmleiden 


männliche 

weibliche 

Landwirtschaft, Gärtnerei, Tierzucht, Forstwirtschaft 

3,1 

3,3 

Bergbau, Hüttenwesen, Industrie 

2,9 

2,8 

Handel und Verkehr 

2,8 

2,5 

Häusliche Dienste, Lohnarbeit 

2,7 

3,1 

Militär, Hof, bürgerliche und kirchliche Dienste 
(sog. freie Berufe) 

In der Haushaltung ihrer Herrschaft lebende 

2,8 

3,0 

Dienende für häusliche Dienste 

3,1 

3,5 


Die an erster und letzter Stelle angeführten Berufsklassen weisen 
die höchsten Zahlen an Invalidität auf. 

Mit den Aufwendungen der Versicherungsanstalten für die 
Heilbehandlung werden wir uns in den nächsten Abschnitten zu 
beschäftigen haben. 

Prophylaxe und Behandlung. 

Fragen wir nun nach den uns bekannten Ursachen für die 
Entstehung von Magen- und Darmkrankheiten bei Kassenkranken, 
so dürfen wir dieselben zum Teil in Schädigungen, die durch das 
Erwerbsleben hervorgerufen w r erden, suchen. Ageron 1 ) sieht in 

r ) Ageron, Über chron. Magenleiden als Berufskrankheit und die Ein¬ 
richtung von Magenheilstätten. Mediz. Reform 1906, Nr. 20. 















Belastung d. Krankenkassen, Versickerungsanstalt, u. Berufsgenossensckaften. 109 

der Überlastung des Magens durch unzweckmäßige Ernährung, 
durch hastiges und unregelmäßiges Essen in zu knapp bemessenen 
Zwischenpausen die Hauptursache der in den militärischen Berufen, 
bei den Angestellten staatlicher und privater Betriebe (Eisenbahn, 
Post, Straßenbahn) und bei kaufmännischen Angestellten häufig 
auftretenden Verdauungsstörungen, Mit der raschen Ausdehnung 
der Städte wächst auch die Entfernung zwischen Arbeitsstätte und 
Wohnung. Das Gros der unverheirateten weiblichen Angestellten 
und der verheirateten Arbeiter, die das Mittagessen in der Familie 
einnehmen, haben in der Mittagspause einen weiten Weg nach Hause 
zurückzulegen, müssen in aller Hast das Mahl erledigen, um dann 
sofort danach sich wieder auf den Weg zu machen. Man ist über¬ 
rascht zu erfahren, "welche Strecken in dieser Zeit zurückzulegen 
sind, häufig zu Fuß, manchmal auch zu Rad. Besonders hier in 
München, wo das Rad als Beförderungsmittel eine besonders große 
Rolle spielt, kann man zur Mittagszeit ganze Scharen von Arbeitern 
und Angestellten im schnellsten Tempo ihren oft weit an der 
Peripherie gelegenen Wohnungen bei Wind und Wetter zueilen 
sehen. Es liegt auf der Hand, daß das in Eile eingenommene 
Essen und die angestrengte Muskelbewegung direkt vorher und 
nachher die Verdauungsvorgänge nachteilig beeinflußt und zu 
Erschlaffungszuständen Anlaß geben kann, vor allem wenn es sich 
um schon etwas schwächliche und in der Blutbildung beeinträchtigte 
Personen handelt. Günstiger liegen die Verhältnisse, wenn der 
Weg auf der Straßenbahn zurückgelegt wird. Eine Abonnements¬ 
karte in München kostet zurzeit für die Benutzung einer Strecke 
nach deren Länge 6,20 M. bis 9,50 M. im Monat, bedeutet also für 
einen großen Teil der Arbeiterschaft eine erhebliche Belastung 
ihres Budgets. Eine großzügige kommunale Verkehrs- und Tarif¬ 
politik, die eine möglichste Verbilligung der Straßenbahnen anstrebt, 
hätte also auch auf unserem Gebiet hygienische Aufgaben zu lösen. 
Ein großer Teil der Arbeiterschaft, nicht bloß die unverheirateten 
männlichen, kann aber die Hauptmahlzeit nicht zu Hause einnehmen, 
sei es, daß die Entfernung zu groß und die Pause zu kurz ist, oder 
daß die sämtlichen erwachsenen Glieder der Familie außer Haus 
beschäftigt sind. 

Schon von A1 b u (1. c.) und den Diskussionsrednern 1 ) zu 
seinem Vortrag wurde betont, daß besonders die Ernährung der 


l ) Verhandl. d. Gesellsch. f. Soziale Medizin, Hygiene u. Medizinalstatistik. 
Sitz, vom 5. Juli, Mediz. Reform 1906, S. 367. Sitz, vom 25. Okt., ebenda S. 557. 





HO F. Perutz, 

ledigen Fabrikarbeiterinnen darunter leidet, daß die Mädchen aus 
verkehrter Sparsamkeit, teils auch aus Mangel an Mitteln oder 
mangels geeigneter Lokale sich begnügen, ihren mitgenommenen 
kargen Mundvorrat, vielleicht ergänzt durch etwas Obst oder eine 
aus dem Automaten entnommene Schokoladetafel, womöglich im 
Umhergehen auf der Straße verzehren. Hier in München kann 
man diese Mädchen vielfach in den sog. Auskochgeschäften antreffen, 
wo sie als Mittagessen Kaffee und Nudeln genießen. Manchem der 
Arbeiter wird das Essen in einem Topf von der Frau oder den 
Kindern zur Arbeitsstätte gebracht, wo die bereits erkalteten 
Speisen rasch ausgelöffelt werden. Diejenigen von den Arbeitern — 
ich denke hier vor allem an die Bauarbeiter —, die Gastwirt¬ 
schaften aufsuchen müssen, erwartet, wenigstens in München, als 
Mittagessen eine dünne Brühe, ausgekochtes Suppenfleisch, als Zu¬ 
kost ein wässerig zubereitetes Gemüse oder Kartoffeln; dazu wird 
ein halber oder ein Liter Bier getrunken. Demgegenüber erscheinen 
uns die Schilderungen, was für 20 Cents in einem amerikanischen 
Arbeitergasthaus geboten wird, wie sie uns Kolb in seinem 
Buch „Als Arbeiter in Amerika“ entwirft, beinahe märchenhaft. 

Volksküchen. 

Es ist daher lebhaft zu begrüßen, daß zur Abhilfe dieser Übel¬ 
stände und um dem Arbeiter ein gutes, reichliches und billiges 
Mittagessen ohne Alkohol zu bieten, in einer Reihe deutscher Städte 
öffentliche Volksküchen oder Speisehallen gegründet wurden. Am 
besten unterrichtet man sich über das auf diesem Gebiet Geleistete 
in der Broschüre von J. Blum. 1 ) Wollen wir, daß die Kreise, mit 
denen wir es hier zu tun haben, ausgiebig von dieser Einrichtung 
Gebrauch machen, dann ist vor allem zu vermeiden, was auch 
Blum betont, daß ihnen der Charakter von Almoseninstituten und 
Armenspeiseanstalten anhaftet. Hier in München bestehen seit 
1898 öffentliche Speisehallen, die von einem Verein ins Leben 
gerufen wurden. Bis jetzt konnten vier große Speisehallen dem 
Betrieb übergeben werden. Es kostet die Portion Suppe dort 5 Pf., 
das kleine Fleisch mit Gemüse 15 Pf., großes Fleisch mit Gemüse 
25 Pf., Gemüse 5 Pf., Mehlspeise 12 Pf., Kompott 5 Pf. Es wurden 
insgesamt verkauft 1905: 970342 Portionen, 1906: 978572 Portionen. 
Der Gesamterlös dafür betrug 107372, resp. 104459 M. Es scheint 

x ) Blum J., Volks- und Krankenküchen. 66. Heft der Schriften des deutschen 
Vereins f. Armenpflege und Wohltätigkeit. 1903. Leipzig. Duncker u. Humblot. 





Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. in 

also auch hier wie an anderen Orten erfreulicherweise der Besuch 
eine steigende Tendenz zu zeigen. 

Ernährungsverhältnisse. 

Die Ernährungsvgrhältnisse und Lebensgewohnheiten der uns 
hier interessierenden Kreise sind infolge der Verteuerung aller 
Lebensmittel, die zum Teil durch die Sperrung der Grenzen für 
ausländisches Vieh und überhaupt durch unsere ganze Zollpolitik 
hervorgerufen wurde, entschieden verschlechtert worden. Zahlen¬ 
mäßig läßt sich das freilich schwer erhärten. Doch gibt es uns 
immerhin zu denken, wenn nach Mombert 1 ) in Dresden zugleich 
mit Verminderung der Schlachtung und des Fleischkonsums auch 
eine Abnahme im Umsatz der Mehl- und Backprodukte einherging. 
Auch aus dem Bericht der Münchener Speisehallen ergibt sich die 
bemerkenswerte Tatsache, daß der Verkauf der teuereren Portionen 
(großes und kleines Fleisch mit Gemüse, Mehlspeisen) zurückgegangen 
ist und die billigen Portionen (Suppe und Gemüse) im verflossenen 
Jahre mehr verkauft wurden, was zum Teile mit den wirtschaft¬ 
lichen Verhältnissen (Preissteigerung sämtlicher Lebensbedürfnisse) 
in Zusammenhang gebracht wird. 

An sich wäre der Rückgang des Fleischkonsums noch nicht 
bedenklich. Wollen wir uns doch erinnern, daß bis vor wenigen 
Jahrzehnten beim größten Teil unseres Volkes das Fleisch nur 
eine sehr geringe Rolle in der Ernährung spielte und es tatsächlich 
auch heute noch, wenigstens beim bayerischen Landvolk, nicht 
erheblich in Betracht kommt. Die Frage soll offen bleiben, ob der 
Wechsel der Ernährung, wie er sich mit der zunehmenden 
Industrialisierung vollzogen hat (vgl. Grotjahn 2 )) und bei dem 
sich das Bestreben geltend macht, dem Fleisch als Nahrungs- und 
Genußmittel eine führende Stellung einzuräumen, gesundheitliche 
Vorteile mit sich bringt. Jedenfalls aber ist zu verlangen, daß 
mit dem Rückgang des Fleischkonsums, wie wir ihn zurzeit erleben, 
nicht zu eiweißarme, laktovegetabilische Gerichte an dessen Stelle 
zu treten haben, wenn anders wir nicht eine verhängnisvolle Unter¬ 
ernährung weiter Volkskreise erwarten müssen. In der Ausführung 
begegnen wir hier verschiedenen Schwierigkeiten. 

Wir können unserem Arbeiter nicht die einförmige, auch für 

1 ) Mombert, Die Verschlechterung der ErnährungsVerhältnisse der Arbeiter¬ 
klasse in den letzten Jahren. Arch. f. soz. Mediz. u. Hygiene Bd. I, 1904. 

2 ) Grotjahn, Über Wandlungen in der Volksernährung. Staats- u. sozial- 
wissenschaftl. Forschungen Bd. 20, H. 2. Leipzig 1902. 





112 F. Perutz, 

viele Mägen nicht zuträgliche Kost der ländlichen Arbeiter zu¬ 
muten, bei der hier in Oberbayern Knödel und Schmalzgebackene 
Mehlspeisen den Hauptbestandteil ausmachen. Gerichte ohne Fleisch 
aber abwechslungsreich herzustellen, erfordert mehr Zeit und Koch¬ 
kunst, als die Arbeiterfrau im Durchschnitt besitzt. Auch verteuert 
die Preissteigerung der dafür nötigen Zutaten, der Butter, der 
Eier, ihre Bereitung. Mit Hinblick auf die mangelhaften Fähig¬ 
keiten im Kochen ist die weitere Einrichtung von Kochschulen 
für Arbeiterinnen dringend zu befürworten. Da wo die Städte im 
letzten Schuljahre theoretische und praktische Unterweisung in 
Schulküchen unter die Lehrgegenstände aufgenommen haben, kommt 
dies den Mädchen aus Arbeiterkreisen meist nur dann zugute, 
wenn, wie in München, das 8. Schuljahr obligatorisch gemacht wird. 

Eine Reihe wertvoller Nahrungsmittel, wie Hafer und Beis, 
werden noch viel zu wenig in der Küche der Arbeiter geschätzt. 
Auch die billigen Seefische haben selbst in Großstädten noch zu 
wenig Eingang als Volksnahrung gefunden. Hier in München er¬ 
freuen sich die Wurstwaren als Abendessen einer großen Beliebtheit. 
Gerade diese Artikel, bei deren Herstellung in Anbetracht der 
hohen Fleischpreise vielfach nicht wählerisch verfahren wird, geben 
nach allgemeiner Erfahrung zur heißen Jahreszeit häufig Anlaß zu 
akuten Magen-Darmstörungen. Bedauerlicherweise wird das dunkle 
grobe Roggenbrot vom Weißbrot immer mehr verdrängt. Es ist 
interessant, daß in der Bäckerei eines hiesigen Konsumvereins, der 
sich größtenteils aus Arbeitern zusammensetzt, mit Rücksicht auf 
die Nachfrage der Abnehmer nur Graubrot, kein eigentliches 
Schwarzbrot in Laibform hergestellt wird. Und es wäre so wichtig, 
durch ein grobes, von den Hülsenbestandteilen des Korns nicht 
ganz befreites Brot, durch reichlichere Verwendung von Cerealien, 
Obst und Gemüse die Nahrung schlackenreicher zu gestalten, um 
auf diese Weise der zunehmenden Darmträgheit und ihren Folge¬ 
zuständen entgegenzuarbeiten. Wir finden sie vor allem unter den 
mit wenig körperlicher Arbeit verbundenen Berufen (Kaufleute, 
Mechaniker, Silberarbeiter, Graveure) enorm verbreitet. Fast alle 
auf die Vorbeugung der Appendizitis gerichteten Vorschläge weisen 
auf die Wichtigkeit geregelter Darmfunktionen hin, und es ist auf¬ 
fallend, daß ein Teil der Berufsangehörigen, die eben an diesen 
Störungen leiden, die Angehörigen des Handelsgewerbes, sowohl in 
München wie in Dresden, wie wir gesehen haben, prozentual die 
meisten Erkrankungen an Blinddarmentzündung aufweisen. 




Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. H3 

Alkohol genuß. 

Außer den geschilderten Schwierigkeiten, die sich aber doch 
in vielen Fällen überwinden ließen, stößt das Bemühen, die Kost 
reizloser und doch ballastreicher durch stärkere Heranziehung der 
Vegetabilien zu gestalten, auf ein noch größeres Hindernis, das auf 
der durch den Alkoholgenuß hervorgerufenen Geschmacksrichtung 
beruht. Wer, wie die meisten Arbeiter, alkoholische Getränke zu 
sich nimmt, der verlangt in viel stärkerem Maße nach Fleisch, 
dessen Zubereitung und Würzstoffe den Gaumen mehr reizen und 
andererseits den Durst vermehren. In welcher Weise auch der 
sog. mäßige Alkoholgenuß, wenn er regelmäßig erfolgt, die Auswahl 
und die Zubereitung unserer Speisen beeinflußt, kann bloß derjenige 
richtig beurteilen, der durch Übergang zur Abstinenz die Ver¬ 
änderung des Geschmackes und seiner Bedürfnisse an sich selbst 
wahrgenommen hat. Es schien mir wichtig, diesen Punkt zu be¬ 
rühren, damit wir uns über die x4rt der Widerstände klar werden, 
die unseren Bemühungen, auf die Volksernährung Einfluß zu ge¬ 
winnen, entgegenstehen. 

Daß der Alkoholismus aber auch ein sehr wesentliches direktes 
Moment bei der Entstehung der Verdauungskrankheiten darstellt, 
darüber weiß jeder Arzt genugsam zu berichten. Bei der Statistik 
der Kasse der Berliner Kauf leute vom Jahre 1905 ist der Alkoholismus 
als Grund der Verdauungskrankheiten in 83 von 2396 Fällen = 
2,8 Proz. angegeben. Da, wie anzunehmen, nur in Fällen offen¬ 
kundiger Trunksucht dieser Vermerk Platz gegriffen hat, ist diese 
Zahl jedenfalls noch als viel zu niedrig anzusehen. Dabei handelt 
es sich nur um eine Kasse, der doch eine ganze Zahl besser gestellter 
und auch gebildeter Elemente angehören. Hier in München kehrt 
in der Anamnese der Taglöhner, Straßenarbeiter, Bauarbeiter, die 
wegen Magenbeschwerden den Arzt aufsuchen, die Redensart: „Herr 
Dokter, i muß an kalten Trunk erwischt haben“, in typischer 
Weise wieder. Daß es nicht bloß ein kalter Trunk ist, der an 
ihren Magen Störungen schuld trägt, davon sind die Betreffenden 
allerdings schwer zu überzeugen. 

Zahnkrankheiten. 

Die Belastung der Kassen durch Zahnkrankheiten ist, ich er¬ 
innere an die früher angeführten Zahlen von Wien und Frankfurt, 
eine recht hohe. Über ein Fünftel aller erwerbsfähigen Kranken 
trifft auf die Verdauungskrankheiten einschließlich Zahnkrank¬ 
zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 8 




114 F. Perutz, 

heiten, wovon die letzteren allein wieder über die Hälfte davon 
ausmachen. 

Wie die schulärztlichen Untersuchungen zeigen, ist der Zahn¬ 
verderb schon bei den in die Schule eintretenden Kindern erschreckend 
groß. In Wilmersdorf (Kommunale Praxis, 1906, Nr. 33) wiesen von 
733 neu eintretenden 405 = 55 Proz. schadhafte Zähne auf. Nur 
wenige Kinder befanden sich im Besitz eigener Zahnbürsten, regel¬ 
mäßige Mundspülungen wurden nur selten vorgenommen. Ähnlich 
lauten die jüngst veröffentlichten Mitteilungen des Schulzahnarztes 
in Ulm. Die sich mehrenden Feststellungen der Art werden dazu 
beitragen, daß der Euf nach Schulzahnärzten, wie er schon lange 
von Ritter 1 ) erhoben wird, und nach unentgeltlicher Zahnbehandlung 
unbemittelter Schulkinder nicht mehr verstummt. In Straßburg 
besteht bereits eine Schulzahnklinik, in Grunewald bei Berlin be¬ 
absichtigt man die Errichtung einer Volkszahnklinik, in Fürth ist 
zur Errichtung einer Schulzahnklinik von privater Seite eine Stiftung 
ausgesetzt worden. Haben diese Bestrebungen erst Boden gefaßt, 
so ist zu erwarten, daß durch die Zahnfürsorge bei den Heran¬ 
wachsenden ein Teil der jetzt den Kassen zufallenden Lasten für 
Zahnbehandlung sich verringern wird. 

Mit Hinblick auf die Wichtigkeit, die ein gutes Gebiß für die 
Verdauung besitzt, ist es von Wert, daß die Kassen der ihnen 
vom Gesetz auferlegten Verpflichtung, zahn- und mundärztliche 
Behandlung zu gewähren, auch wirklich in entsprechender Weise 
nachkommt. Aus diesem Grund sind Bestimmungen, wie sie z. B. 
hier noch bei der Gemeindekrankenkasse bestehen, als dem Geist 
des Gesetzes zuwiderlaufend, zu tadeln. Diese Kasse gewährt Zahn¬ 
behandlung erst nach halbjähriger Angehörigkeit. Derselben hat 
eine Begutachtung im zahnärztlichen Institut vorauszugehen, das 
natürlich auch möglist die Behandlung vorzunehmen sucht. Den 
Kassenmitgliedern stehen bloß vier Zahnärzte zur Verfügung. 
Hingegen hat die Ortskrankenkasse einen eigenen Vertrauenszahnarzt 
angestellt, dem lediglich diese Begutachtungen zufallen. Im Jahre 
1906 wurden für die Ortskrankenkasse München von den zahnärzt¬ 
lichen Organen der Kasse bei 25928 Behandelten, 24720 Extraktionen, 
14599 Zahnplombierungen, 186 Zahnsteinentfernungen, 1863 Kon- 

9 Ritter, P., Zahn- und Mundhygiene im Dienst der öffentl. Gesundheits¬ 
pflege. Handbuch d. Hygiene y. Weyl. II. Supplementbd. 4. Lief. 

Derselbe, Über die Notwendigkeit der Anstellung von Zahnärzten bei allen 
der staatl. u. städt. Fürsorge unterstellten Einrichtungen. Blätter f. Volksgesund¬ 
heit, Bd. 14, 1901. 





Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. H5 

sultationen, 19 Besuche vorgenommen. Wie wir sehen, gewährt diese 
Kasse in liberaler Weise ihren Mitgliedern auch die Zahnstein¬ 
entfernung, während, wie Kitter ausführt, eine Reihe anderer 
Kassen diesen Standpunkt noch nicht einnehmen. Näher auf die 
zahnärztliche Versorgung hier einzugehen, hei der hierorts und 
anderwärts das niedere Heilpersonal und die Techniker stark be¬ 
teiligt sind, würde zu weit führen, und muß eventueller fach¬ 
männischer Erörterung überlassen bleiben. 

Die Kosten für Zahnersatz haben, wie bekannt, seit einigen 
Jahren die Versicherungsanstalten mit übernommen. Bei Be¬ 
scheinigung des Arztes, daß im Interesse der Erhaltung der Erwerbs¬ 
fähigkeit Zahnersatz notwendig ist, tragen sie ein Drittel der 
Kosten, während der Rest zu gleichen Teilen der Kasse und dem 
Erkrankten zufällt. Wie vor einiger Zeit durch die Presse ging, 
beabsichtigt die Versicherungsanstalt Berlin in Anbetracht der 
erheblichen, für diese Zwecke aufgewandten Kosten von über 
100000 M. ab 1. Januar 1908 eine eigene Zahnklinik zu eröffnen. 

Um das Verständnis für die Bedeutung der Mund- und Zahn¬ 
pflege zu wecken, empfiehlt Ritter (1. c.) die Verbreitung auf¬ 
klärender Broschüren, was bereits in Straßburg durch die dortige 
Ortskrankenkasse geschehen ist. Auch in Berlin ist eine Kasse in 
dieser Weise vorgegangen. Ebenso ist die Abhaltung von auf¬ 
klärenden Vorträgen über dies Thema, wie es in Berlin von der 
Zentralkommission der Krankenkassen in die Wege geleitet wurde, 
zu befürworten. 

Noch auf einem anderen, allerdings weit davon entfernten Ge¬ 
biet liegen Aufgaben für die Prophylaxe. 

Enteroptose. 

Mit Recht hebt Albu hervor, wie häufig bei BYauen durch 
Senkung der Baucheingeweide Störungen und schmerzhafte Zu¬ 
stände im Bereich der Verdauungsorgane hervorgerufen werden. 
In vielen Fällen sind diese Vorgänge durch Erschlaffung der 
Bauchdecken verursacht, die infolge ungenügender Wochenbett¬ 
pflege oder zu frühen Aufnehmens der Beschäftigung besonders bei 
Mehrgebärenden erhebliche Grade erreichen kann. Es ist zu 
hoffen, daß die Wöchnerinnen- und Schwangerschaftsunterstützung, 
die es der Frau ermöglicht, sich mehr zu schonen, auch nach dieser 
Richtung segensreiche Wirkung entfaltet. Ja es ist sogar die 
Frage aufzuwerfen, ob die Gewährung einer Schwangerschaftsbinde, 
die mit einigen Umänderungen nach dem Wochenbett als Leib- 

8 * 




116 F. Perutz. 

binde getragen werden kann, ungeachtet der damit für die Kassen 
verbundenen Kosten, sich nicht später durch die Verhütung der 
Enteroptose und deren Folgezustände reichlich bezahlt macht. 

Nach diesen Ausführungen über die Prophylaxe wollen wir 
uns der Frage zuwenden, was zu tun ist, um die in dies Gebiet 
fallenden Erkrankungen möglichst rasch der Heilung zuzuführen. 

(Schluß folgt.) 





Aus der Säuglingsfürsorgebewegung. * 1 II. III. IV. V. VI. VII. ) 

I. Gesetzgebung. 

Bayern. Der Landtag hat unter Zustimmung der Staatsregierung für 
Zwecke der Säuglingsfürsorge 50 000 M. für jedes Jahr der 29. Finanzperiode be¬ 
willigt, um Gemeinden und Vereinen Unterstützungen nach Maßgabe ihrer eigenen 
Aufwendungen auf dem Gebiete der Säuglingsfürsorge zu gewähren. 

Württemberg. Ein Gesetzentwurf, betreffend die Kost- und Pflege¬ 
kinder, ist während der Sommersession 1908 von der ersten und zweiten 
Württembergischen Kammer beraten und in der Fassung der Kommission mit 
Berücksichtigung verschiedener Anträge angenommen worden. 


*) Wir werden dauernd und mit immer exakterer Vollständigkeit über die 
gesamte Säuglingsfürsorgebewegung berichten. Der Berichterstattung wird folgen¬ 
des Schema zugrunde gelegt: 

I. Gesetzgebung. 

II. Verordnungen, Erlasse, Schreiben der Verwaltungsbehörden u. dgl. 

III. Kommunale Maßnahmen. 

a) Ziehkinderwesen. 

b) Berufliche Bevormundung. 

c) Mütterberatungs- und Säuglingsfürsorgestellen; Stillunterstützungen. 

d) Säuglingsheime, Krippen usw. 

e) Milchküchen und Milchversorgung. 

f) Milchhandel und Milchregulative. 

g) Verschiedenes. 

IV. Vereinstätigkeit. 

a) Propaganda. 

b) Ausbildung. 

c) Säuglingsheime. Versorgungshäuser, Wöchnerinnenasyle. 

d) Hauspflege. 

e) Milchküchen und Milchversorgung. 

f) Verschiedenes. 

V. Mutterschaftsversicherung. 

VI. Stiftungen. 

VII. Ausstellungswesen. 





118 Aus der Säuglingsfürsorgebewegung. 

II. Verordnungen, Erlasse, Schreiben der Verwaltungs¬ 
behörden u. dgl. 

Bayern. Das Staatsministerium des Innern hat an die Regierung, Kammern 
des Innern, die Distriktsverwaltungsbehörden und Bezirksärzte in bezug auf die 
Säuglingsfürsorge folgenden Erlaß gerichtet: 

„Der Frauenverein für Kranken- und Kinderpflege auf dem Lande in 
Bayern mit dem Sitze in München hat sich nach § 2 Ziffer 3 seiner Satzung 

u. a. die Aufgabe gestellt, an der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit 
mitzuarbeiten. Er sucht diesen Zweck dadurch zu erreichen, daß er in Ver¬ 
bindung mit anderen Frauenvereinen in Gemeinden mit hoher Säuglings¬ 
sterblichkeit durch geeignete, entsprechend vorgebildete Frauen Wander¬ 
vorträge abhalten läßt, in denen die Mütter über den Wert der natürlichen 
Ernährung eingehend aufgeklärt werden. 

Unter Bezugnahme auf die Ministerialentschließung vom 9. Dezember 

v. J. ergeht die Weisung, den Verein bei der bezeichneten Tätigkeit zu 
fördern und zu unterstützen. 

Berlin. Am 1. Juli 1907 ist die folgende neue Verordnung über „Zieh¬ 
kinderwesen“ in Kraft getreten: 

Polizeiverordnung 
betreffend das Haltekinderwesen. 

Auf Grund der §§ 137 ff. und § 43 des Gesetzes über die allgemeine Landes¬ 
verwaltung vom 30. Juli 1883 (GS. S. 195), der §§ 6, 12 und 15 des Gesetzes über 
die Polizeiverwaltung vom 11. März 1850 (GS. S. 265), der §§ 1 und 2 des Gesetzes 
betreffend die Polizeiverwaltung in den Stadtkreisen Charlottenburg, Schöneberg 
und Rixdorf vom 13. Juni 1900 (GS. S. 247) und des Gesetzes betreffend die Er¬ 
weiterung des Landespolizeibezirkes Berlin vom 27. März 1907 (GS. S. 37) wird mit 
Zustimmung des Herrn Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg und der Stadt 
Berlin folgende Polizeiverordnung für den Landespolizeibezirk Berlin (Stadtkreise 
Berlin, Charlottenburg, Rixdorf, Schöneberg und Dt.-Wilmersdorf) erlassen: 

§ 1. Wer gegen Entgelt fremde noch nicht 6 Jahre alte Kinder in Kost 
und Pflege halten will, bedarf dazu der Erlaubnis der Ortspolizeibehörde. 

§ 2. Die Erlaubnis (§ 1) wird nur auf Widerruf, für eine bestimmte Zahl 
von Kindern, in der Regel nur für 1 Kind und nur einer verheirateten, ver¬ 
witweten oder ledigen Frau erteilt, welche nach ihren eigenen und ihrer Woh¬ 
nungsgenossen persönlichen Verhältnissen und Eigenschaften, nach deren Gesund¬ 
heitszustände und nach der Beschaffenheit ihrer Wohnung geeignet erscheint, eine 
solche Pflege zu übernehmen. 

Die Erlaubnis muß aufs neue nachgesucht werden, 1. vor jedem Wohnungs¬ 
wechsel, 2. wenn seit Abgabe des letzten Haltekindes oder seit der Erteilung der 
Erlaubnis, ohne daß inzwischen ein Kind in Pflege genommen worden ist, ein Jahr 
vergangen ist. 

§ 3. Die Zurücknahme der Erlaubnis erfolgt 1. bei Fortfall oder Änderung 
der Verhältnisse usw., die bei der Erteilung der Erlaubnis vorausgesetzt waren, 
2. bei ungeeigneter Behandlung der Erziehung des Pflegekindes, 3. wenn die 
Haltefrau (Pflegerin) den Vorschriften dieser Verordnung oder den Anordnungen 
der Polizeibehörde und der mit der Aufsicht über das Haltekinderwesen betrauten 
Personen (Kreisärzten, Aufsichtsdamen usw.) zuwiderhandelt. 




Aus der Säuglingsfürsorgebewegung. H9 

§ 4. Wer ein Haltekind (§ 1) in Pflege genommen hat, muß das Kind inner¬ 
halb 3 Tagen bei dem zuständigen Polizeirevier als Haltekind anmelden und, so¬ 
bald die Pflege aufhört, insbesondere auch bei Abgabe in eine Krankenpflegeanstalt, 
binnen 3 Tagen nach der Beendigung der Pflege (unbeschadet der im § 7 ange 
ordneten Meldung des Todes eines Haltekindes) wieder abmelden. Zu diesen 
Meldungen ist, wenn die Erlaubnis einer verheirateten Frau erteilt ist, auch deren 
Ehemann verpflichtet. 

§ 5. Die Meldungen (§4) müssen enthalten: a) die vollständigen Vornamen 
und Familiennamen des Kindes; b) den Ort und die Zeit der Geburt, bzw. des 
Ablebens des Kindes; c) den Namen, Stand und Wohnort der Eltern, bei unehe¬ 
lichen Kindern den Namen, Stand und Wohnort der Mutter; d) für alle verwaisten 
oder sonst unter Vormundschaft stehenden Kinder den Namen, Stand und Wohn¬ 
ort des Vormundes; e) die Angabe, von wem das Kind in Kost und Pflege gegeben 
worden ist; f) wenn die Kück- oder Weitergabe des Kindes gemeldet wird, die 
Angabe, an wen das Kind zurück- oder weitergegeben ist. Die unter e und f 
erforderlichen Angaben müssen diejenigen genau bezeichnen und ihren Wohnort 
und Wohnung enthalten, von denen das Kind in Kost und Pflege gegeben ist, oder 
an welche das Kind zurück- oder weitergegeben ist. 

§ 6. Wer ein Kind einer Haltefrau (Pflegerin) gemäß § 1 in Kost und Pflege 
gibt, ist verpflichtet, der Pflegerin oder deren Ehemann die zum Zweck der Mel¬ 
dung erforderliche Auskunft zu erteilen. 

§ 7. Der Sterbefall eines Haltekindes ist, unbeschadet der standesamtlichen 
Meldung, von der Pflegerin oder deren Ehemann unverzüglich, womöglich noch 
am Todestage, spätestens aber in den Vormittagsstunden des nächstfolgenden 
Tages, dem zuständigen Polizeirevier zu melden, unter Namhaftmachung des 
Arztes, falls ein solcher zu seiner Behandlung zugezogen worden ist. Die Be¬ 
erdigung der Leiche darf erst nach erteilter polizeilicher Erlaubnis vorgenommen 
werden. 

§ 8. Der Ortspolizeibehörde, dem Kreisarzt und den sonst mit der Aufsicht 
über die Haltekinder Beauftragten steht die Befugnis zu, von den Wohnungs-, 
Ernährungs- und Pflegeverhältnissen jedes Haltekindes Kenntnis zu nehmen. Die 
Haltefrau, sowie auch deren Ehemann, sind verpflichtet, den Beamten oder 
Beauftragten Zutritt zur Wohnung einschließlich der Küche sowie zu dem Kinde 
zu gewähren, das Kind vorzuzeigen, auf Erfordern zu entkleiden und über die 
vorgedachten Verhältnisse auf Erfordern Auskunft zu geben. Die Haltefrau ist 
auch verpflichtet, auf Verlangen der Ortspolizeibehörde oder der von ihr beauf¬ 
tragten Personen das Haltekind regelmäßig einem von der Behörde zu bestimmen¬ 
den Orte zur Besichtigung vorzuführen. 

§ 9. Die Vorschriften dieser Verordnung finden nicht Anwendung: 1. auf 
Kinder, die von einer städtischen Waisenverwaltung in Pflege gegeben sind und 
von ihr selbst dauernd beaufsichtigt werden, 2. auf Kinder, die bei ihren Gro߬ 
eltern oder Adoptiveltern untergebracht sind, 3. auf Kinder, die in Fürsorge¬ 
erziehung untergebracht sind Die Ortspolizeibehörde kann widerruflich gestatten, 
daß die Vorschriften dieser Verordnung auf solche Kinder, die von einem auf dem 
Gebiete der Kinderfürsorge bewährten Vereine auf dessen Kosten in Pflege unter¬ 
gebracht sind und ständig von diesem selbst sorgfältig beaufsichtigt werden, keine 
oder beschränkte Anwendung finden. 

§ 10. Übertretungen der Vorschriften dieser Verordnung werden mit Geld¬ 
strafe bis 60 Mark oder verhältnismäßiger Haft bestraft. 




120 Aus der Säuglingsfürsorgebewegung. 

§ 11. Die Polizeiverordnungen für den Stadtkreis Berlin vom 2. Dezember 
1879 und vom 13. August 1902 werden aufgehoben. 

§ 12. Diese Verordnung tritt mit dem 1. Juli 1907 in Kraft. 

Berlin, den 10. Juni 1907. 

Der Polizeipräsident, gez.: von Bor ries. 

Berliner Vorortgemeinden. Der Minister des Innern hat die Berliner Vor¬ 
ortgemeinden durch den Regierungspräsidenten zu Potsdam aufgefordert, auf die 
Errichtung von Stillstuben in den weibliche Arbeiter beschäftigenden in¬ 
dustriellen Unternehmen hinzuwirken. 

Preußen. Der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalange¬ 
legenheiten hat an die Regierungspräsidenten und den Polizeipräsidenten von 
Berlin das folgende Schreiben gerichtet: 

Der Minister der geistlichen, Unterrichts¬ 
und Medizinalangelegenheiten. 

Minister des Innern IIb Nr. 2538. Berlin, d. 16. Juni 1908. 

Minister d. g. Ang. M Nr. 9501/07. 

Nach den Berichten, die auf die Erlasse unserer Herren Amtsvorgänger vom 
14. Januar 1905 — Ia Nr. 2431 — und vom 10. Februar 1905 — M Nr. 13378 — 
eingegangen sind, ist in allen Kreisen der Monarchie eine erfreuliche Tätigkeit 
auf dem Gebiete der Säuglingsfürsorge entfaltet worden. 

Das Zusammenarbeiten der Behörden, namentlich der Kommunalbehörden, 
mit den Vereinen und Organisationen der Volks Wohlfahrt hat sich in zahlreichen 
Orten als zweckmäßig und fruchtbringend erwiesen. Die damals angeordnete Ver¬ 
teilung von Merkblättern durch die Standesbeamten über die sachgemäße Pflege 
und Ernährung der Säuglinge hat im Verein mit der mündlichen Belehrung 
wesentlich dazu beigetragen, die hohe Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebens¬ 
jahr dem Volksbewußtsein nahe zu bringen und die Notwendigkeit klar zu legen, 
geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen. 

Da eine gedeihliche Wirksamkeit zur Hebung des Gemeinwohls nur möglich 
ist, wenn die Bevölkerung das erforderliche Verständnis entgegenbringt, so muß 
auch in Zukunft die Aufklärung der Bevölkerung als die Grundlage aller Be¬ 
strebungen auf dem Gebiete der Säuglingsfürsorge angesehen werden. 

Ew. Hoch wohlgeboren wollen mit besonderem Nachdruck darauf hin wirken, 
daß die in dem Erlaß vom 14. Januar 1905 gebilligte Verteilung von Merkblättern 
belehrenden Inhaltes durch die Standesbeamten mit Hilfe der Vereine oder der 
Kreise gleichmäßig durchgeführt und seitens geeigneter Sachverständiger, besonders 
der Ärzte, Hebammen und Wochenpflegerinnen unter Mitwirkung und Aufsicht 
der Kreisärzte entsprechend den Bestimmungen des Erlasses vom 10. Februar 1905 
durch die mündliche Belehrung ergänzt werde. 

Es empfiehlt sich, die öffentlichen Impfärzte, denen nahezu sämtliche Kinder 
im ersten Lebensjahr beim Impfgeschäft vorgestellt werden, zur Belehrung der 
Bevölkerung heranzuziehen und sie zu veranlassen, gelegentlich der Ausübung 
der Impftätigkeit auf die Notwendigkeit und die Vorteile der natürlichen Er¬ 
nährung hinzuweisen. Dieses wird am zweckmäßigsten bei den Nachschauterminen 
und nicht bei den Impfterminen geschehen, um nicht das Interesse der Mütter 
von der Sorge um die frisch angelegten Impfschnitte abzulenken. 




Aus der Säuglingsfürsorgebewegung. J21 

Die Hebammen sind bei den Nachprüfungen von den Kreisärzten dazu an¬ 
zuhalten, in ihrer Berufstätigkeit im Sinne der Förderung des Stillgeschäftes und 
der richtigen Pflege der Säuglinge an der Hand des Hebammenlehrbuches und der 
Merkblätter aufklärend zu wirken. 

Was die praktische Fürsorge für die Säuglinge angeht, so ist auch auf 
diesem Gebiete in den letzten Jahren eine sehr rege Tätigkeit entfaltet worden. 
Die Zweckmäßigkeit und Tauglichkeit der getroffenen Maßnahmen wurde in ein¬ 
zelnen Fällen in Zweifel gezogen. Die Verschiedenheit der Örtlichkeit bedingt 
eine große Verschiedenheit in den Ursachen der Kindersterblichkeit und demgemäß 
auch in den Maßnahmen zum Schutze der Säuglinge. Eine notwendige Voraus¬ 
setzung für jedes Vorgehen auf dem Gebiete der Säuglingsfürsorge ist daher die 
genaue Ermittlung aller in Betracht kommenden Umstände, namentlich die Be¬ 
ziehung der Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahr zur allgemeinen Sterb¬ 
lichkeit und namentlich zu derjenigen an übertragbaren Krankheiten, zur Geburts¬ 
ziffer, zur Ernährung, Pflege, ärztlichen Versorgung und zur Jahreszeit, zu Stadt 
und Land, zur Ehelichkeit und Unehelichkeit, zu den Beschäftigungen der Eltern, 
zu den Wohnungen und zu sonstigen für die öffentliche Gesundheit wichtigen 
Verhältnissen. Für die ländlichen Kreise empfiehlt sich der in dem Kreise Wester¬ 
burg beschrittene Weg der Feststellung, der zugleich den Vorteil hat, daß er den 
für die Säuglingshygiene wichtigen Hebammenstand an der Bekämpfung der 
Säuglingssterblichkeit unmittelbar beteiligt. In diesem Kreise wird für jede Ge¬ 
meinde alljährlich eine Nachweisung der sämtlichen neugeborenen Kinder aufge¬ 
stellt, die außer den Namen der Eltern und des Kindes die Ernährungsweise, die 
Dauer der natürlichen und die der gemischten Ernährung, den Zeitpunkt der Ent¬ 
wöhnung, sowie die Todesfälle unter Bezeichnung der Zeit und Ursache angibt. 
Die Führung der Listen ist den Hebammen übertragen, die die erforderlichen 
Formulare vor Beginn jedes neuen Jahres erhalten und am Jahresschluß dem 
Landratsamte vorlegen. 

Nach Prüfung der Vollständigkeit der Zahl der eingetragenen Lebendge¬ 
borenen durch die Standesbeamten wird die Liste an die Hebammen zurückgesandt, 
die etwaige Ergänzungen vorzunehmen und die Liste behufs Eintragungen von 
Sterbefällen bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahres der eingetragenen Kinder 
weiter zu führen haben. 

Bezüglich der Ernährung der Kinder, besonders auf dem Lande, ist neuer¬ 
dings von verschiedenen Seiten darauf aufmerksam gemacht, daß sich mit der 
Zunahme der Molkereien ein Rückgang in der Ernährung und in der körperlichen 
Entwicklung der ländlichen Bevölkerung anbahne, da durch den Verkauf der ver¬ 
fügbaren Vollmilch das Milchbedürfnis des eigenen Haushaltes nicht mehr aus¬ 
reichend berücksichtigt und der Genuß gehaltsarmer Magermilch oder minder¬ 
wertiger Surrogate gefördert werde. Unter Hinweis auf die in der Schweiz ge¬ 
machten Erfahrungen wird der Befürchtung Ausdruck verliehen, daß durch den 
Rückgang kräftiger Milchnahrung auch eine Abnahme der Wehrkraft herbeigeführt 
werden könnte. 

Wenn auch die bisherigen Beobachtungen diese Befürchtungen für Preußen 
nicht bestätigt haben, so erscheint es doch geboten, dieser wichtigen Frage der 
Volksgesundheit besondere Beachtung zu schenken und Erfahrungen darüber zu 
sammeln, ob tatsächlich eine Herabsetzung der körperlichen Entwicklung der 
Landbevölkerung beobachtet worden ist und ob dieselbe mit der etwaigen Ab¬ 
nahme der Milch- und Butternahrung in Verbindung gebracht werden kann. 




122 Aus der Säuglingsfürsorgebewegung. 

Es wird genügen, die Kreisärzte zu veranlassen, sich über die einschlägigen 
Verhältnisse nach Benehmen mit einzelnen Gemeindevorstehern, Geistlichen und 
Lehrern, mit den Ärzten, Hebammen und Gemeindeschwestern ihres Kreises zu 
unterrichten. Hierbei werden die Säuglingsernährung im allgemeinen, die Still¬ 
häufigkeit, die Ursachen des Nichtstillens und die Ernährungsweise der Kinder 
durch Tiermilch und beim Milchmangel durch Ersatzstoffe festzustellen sein. 

Da die Sterblichkeit der Säuglinge in den ersten Wochen und Monaten des 
Lebens und hier wieder bei den künstlich ernährten Kindern am größten ist, 
müssen die praktischen Fürsorgemaßnahmen sich in erster Linie auf die Förderung 
der Geburts- und Wochenbetthygiene, auf die allgemeine Wiedereinführung des 
Stillgeschäfts und auf den Schutz der stillenden Mütter erstrecken. 

Die Verbesserung der Ausbildung und der materiellen Lage der Hebammen 
wie die Bereitstellung von Wochenpflegerinnen und von Hauspflegerinnen werden 
sich als wichtige Hilfsmittel im Kampfe gegen die Säuglingssterblichkeit erweisen. 
Um auch da, wo die häuslichen Verhältnisse eine zweckmäßige Geburts- und 
Wochenbetthygiene erschweren, helfend eingreifen zu können, empfiehlt es sich, 
auf die Errichtung von Entbindungs- und Wöchnerinnenheimen, namentlich in 
den größeren Gemeinden hinzuwirken. Diese Gemeindeentbindungsheime werden 
in geeigneten Fällen auch zur Ausbildung und Fortbildung von Hebammen und 
Wochenpflegerinnen nutzbar gemacht werden können. 

Von besonderer Bedeutung für Geburt, Wochenbett und günstige Gestaltung 
des Stillgeschäftes ist es, daß die Mutter sich schon vor der Entbindung von den 
körperlichen Anstrengungen des Erwerbslebens in angemessenem Zeitabstande 
fernhält und nach der Entbindung die für Wöchnerinnen und Stillmütter nötige 
Schonung erfährt. Es ist deshalb anzustreben, daß in den industriellen Anlagen, 
die Frauen beschäftigen, Einrichtungen getroffen werden, die den Müttern durch 
eine ausreichende Buhezeit und Unterstützung vor der Entbindung, durch Ver¬ 
längerung der Schonzeit nach der Niederkunft, durch Einrichtungen von Still¬ 
zimmern und ähnliche Veranstaltungen eine noch über den gesetzlichen Schutz 
hinausgehende Fürsorge gewähren. 

Zur ärztlichen Beratung der Mütter und Angehörigen der Kinder sind in 
zahlreichen größeren Städten ärztliche Sprechstunden in besonderen Anstalten: 
„Säuglingsfürsorgestellen“ eingerichtet worden. Diese sind zweifellos zurzeit das 
wichtigste Mittel zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, da sie die wirksamste 
Art der Belehrung und Unterstützung darstellen, nicht nur für Mütter und Kinder, 
sondern auch für die angehenden Mütter, die ärztlichen Bat für ihre Vorbereitung 
zur Geburt, zum Wochenbett und zum Stillgeschäft einholen wollen. Hier werden 
vielfach auch Stillprämien und andere Unterstützungen an Mütter, die ihre Kinder 
regelmäßig zur Kontrolle vorstellen, ausgeteilt. Auch wird von hier eine wirk¬ 
same Beaufsichtigung der Säuglinge insofern ausgeübt, als diese durch besonders 
ausgebildete Pflegerinnen in den Wohnungen der Mütter und der Pflegemütter 
aufgesucht werden. Meist sind die Fürsorgestellen mit Milchabgabestellen ver¬ 
bunden. 

Über die ratsamste Methode der öffentlichen Fürsorge für die Säuglings¬ 
ernährung in den minderbemittelten Bevölkerungsklassen der größeren Städte hat 
die erweiterte Wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen in den Ver¬ 
handlungen vom 17.—18. Oktober 1907 nachstehende Leitsätze beschlossen: 

1. „Die beste Methode der öffentlichen Fürsorge für die Säuglingsernährung 
in den minderbemittelten Bevölkerungskreisen besteht in der ausgedehntesten Be- 




Aus der Säuglingsfürsorgebewegung. 123 

förderung und Unterstützung der natürlichen Ernährung an der Mutterbrust. Die 
auf dieses Ziel gerichteten Bestrebungen werden zweckmäßig seitens der Ge¬ 
meinden durchgeführt. 

2. Die beste Methode zur Beschaffung einer einwandfreien Tiermilch für die 
Säuglinge der Minderbemittelten besteht in der Kontrolle und geeignetenfalls in 
der Übernahme der Milchversorgung durch ein kommunales Milchamt. Zu dem 
Zwecke empfiehlt sich der Erlaß von entsprechenden Polizeiverordnungen für 
größere Bezirke (Regierungsbezirke, Provinzen). 

3. Die ratsamste Methode der Beschaffung einer geeigneten Nahrung für den 
einzelnen Säugling besteht in der Einrichtung kommunaler Milchabgabestellen; in 
diesen sind die einzelnen Mahlzeiten des Säuglings in verschiedenen Mischungen 
trinkfertig herzustellen; mit ihnen sind Auskunfts- und Fürsorgestellen organisch 
zu verbinden, bei denen einerseits individuelle ärztliche Belehrung stattfindet, 
andererseits die Säuglingsernährung im Hause durch gut vorgebildete fest ange- 
stellte Gemeindepflegerinnen überwacht wird. 

4. Alle Maßnahmen der kommunalen Säuglingsfürsorge sind einer kommunalen 
Zentralstelle zu übertragen, die unter die Leitung eines Arztes zu stellen ist. 

Ew. Hochwohlgeboren ersuchen wir ergebenst, den Magistraten der größeren 
Städte ihres Bezirkes von diesen Leitsätzen, mit denen wir im allgemeinen ein¬ 
verstanden sind, Kenntnis zu geben und auf ihre Durchführung hinzuwirken. 

Ähnliche Einrichtungen bestehen bereits in mehreren Städten, z. B. Stettin und 
Magdeburg. 

Wir verweisen schließlich im Interesse der Herabminderung der Säuglings¬ 
sterblichkeit auch auf die Notwendigkeit einer sachgemäßen Überwachung des 
Haltekinderwesens und nehmen in dieser Beziehung auf den Erlaß unserer Herren 
Amtsvorgänger vom 11. Februar 1905 (Min.Bl. f. Med. Ang. S. 125) Bezug. 

Es wird zu erwägen sein, ob und in welcher Weise die Zentralstelle der 
Säuglingsfürsorge unter der Leitung des städtischen Kinderarztes auch für die 
Beaufsichtigung des Haltekinderwesens nutzbringend verwertet werden kann. 

Dem Bericht über die angeregten Fragen sowie über das Veranlaßte wollen 
Ew. Hochwohlgeboren binnen 6 Monaten durch die Vermittlung des Herrn Ober¬ 
präsidenten einreichen. 

Der Minister des Innern Der Minister der geistlichen, Unter¬ 
in Vertretung richts- und Medizinalangelegenheiten 

(Unterschrift.) Im Aufträge 

(Unterschrift.) 

An die Herren Regierungspräsidenten und den Herrn 

Polizeipräsidenten in Berlin. * 

Rkeinprovinz, Der Oberpräsident der Rheinprovinz hat an die 
Ärztekammer der Rheinprovinz und der Hohenzollernschen Lande das folgende 
Schreiben x ) gerichtet: 

1 ) Dieses Schreiben ist auf eine im November v. J. an die Staatsregierung 
sämtlicher Bundesstaaten gerichtete Eingabe der „Zentralstelle für Volkswohl¬ 
fahrt“ und des „Deutschen Vereins für Ländliche Wohlfahrt und Heimatpflege“ 
zurückzuführen, welche eine Klarstellung der Ernährungsverhältnisse auf dem 
Lande anstrebt, damit auf Grund erschöpfender Belege die erforderlichen Ma߬ 
nahmen getroffen werden könnten. 





124 Aus der Säuglingsfürsorgebewegung. 

Der Oberpräsident der Rheinprovinz. Coblenz, den 29. Juli 1908. 

J.-N. 15422. 

Bezüglich der Ernährung der Kinder, besonders auf dem Lande, ist 
neuerdings von verschiedenen Seiten darauf aufmerksam gemacht, daß sich 
mit der Zunahme der Molkereien ein Rückgang in der Ernährung und in 
der körperlichen Entwicklung der ländlichen Bevölkerung anbahne, da durch 
den Verkauf der verfügbaren Vollmilch das Milchbedürfnis des eigenen Haus¬ 
haltes nicht mehr ausreichend berücksichtigt und der Genuß gehaltsarmer 
Magermilch oder minderwertiger Surrogate gefördert werde. Unter Hinweis 
auf die in der Schweiz gemachten Erfahrungen wird der Befürchtung Aus¬ 
druck verliehen, daß durch den Rückgang kräftiger Milchnahrung auch eine 
Abnahme der Wehrkraft herbeigeführt werden könnte. 

Es erscheint geboten, dieser wichtigen Frage der Volksgesundheit be¬ 
sondere Beachtung zu schenken. 

Ich ersuche daher die Ärztekammer im Aufträge der Herren Minister 
der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten und des Innern 
ergebenst um gefällige Mitteilung bis zum 15. Januar kommenden Jahres, 
ob dort tatsächlich eine Herabsetzung der körperlichen Entwicklung der 
Landbevölkerung beobachtet worden ist und ob dieselbe mit der etwaigen 
Abnahme der Milch- und Butternahrung in Verbindung gebracht werden kann. 

An die Ärztekammer der Rheinprovinz und der Hohenzollernschen Lande z. H. 
des Vorsitzenden, Herrn Geheimen Sanitätsrat Professor Dr. Lent 

Hochwohlgeboren 
in Köln 

Im Aufträge 
Momm. 

Spandau. Das Kriegsministerium hat verfügt, daß von den Direktionen 
der Militärwerkstätten in Spandau den dort beschäftigten Arbeiterinnen, die 
stillende Mütter sind, mittags ein Urlaub bis zu 3 Stunden ohne Lohnabzug ge¬ 
währt wird, um sich zu ihren im Säuglingsheim in Pflege befindlichen Kindern 
begeben zu können. 

Württemberg. Das Königl. Medizinal-Kollegium hat die Oberamtsphysikate 
aufgefordert, der Säuglingspflege und der Stillfähigkeit der Mütter besondere 
Aufmerksamkeit zu widmen und für den Physikatsbericht einen Bericht über die 
diesbezüglichen Beobachtungen zu erstatten. 

III. Kommunale Maßnahmen. 

a) Ziehkinderwesen. 

Vgl. Polizeiliche Maßnahmen unter II. 

b) Berufliche Bevormundung. 

c) Mütter berat ungs- und Säuglingsfürsorgestellen, 

Stillunterstützungen. 

Aachen. Die Stadt hat vier Mütterberatungsstellen eingerichtet. 




Aus der Säuglingsfürsorgebewegung. 125 

Berlin. Die städtische Säuglingsfürsorgestelle V, Leiter Dr. Tugendreich, 
veranstaltete am 1. Mai einen Säuglingspflegekursus für Frauen. Dauer 3 Wochen 
bei wöchentlich 2 Stunden. 

ln der Säuglingsfürsorgestelle I, Leiter Prof. Neumann, Blumenstr. 78, fand 
im Monat Juni wöchentlich einmal unentgeltlicher Unterricht in der Säuglings¬ 
pflege und praktischen Übungen statt. 

Braunschweig. Am 1. April 1908 wurde eine Säuglingsfürsorgestelle er¬ 
öffnet, in welcher auch Still- und Pflegeprämien verteilt, sowie Milchscheine zum 
Zwecke unentgeltlicher Milchlieferung ausgegeben werden. 

Charlottenburg. Die Stadtgemeinde hat dem Charlottenburger Hauspflege¬ 
verein Mittel zur Abgabe von Stillunterstützungen an unbemittelte Schwangere 
zur Verfügung gestellt. Diese Mittel sollen verheirateten und unverheirateten 
Schwangeren zugute kommen und gelten nicht als Armenunterstützung. 

Im April 1908 wurde eine neue Säuglingsfürsorgestelle errichtet. In dieser 
Fürsorgestelle werden auch Stillunterstützungen abgegeben und den Müttern auf 
Wunsch gute Kindermilch in l / 2 Liter-Flaschen zum Preise von 10 Pfg. oder 
auch unentgeltlich geliefert. 

Die Säuglingsklinik in Charlottenburg Christstr. 9 veranstaltete Anfang 
Mai praktische und theoretische Kurse zur Unterweisung junger Mädchen und 
Mütter in der Säuglingspflege und zur Ausbildung zu berufsmäßigen Säuglings¬ 
pflegerinnen. 

Dresden. In der Frauenklinik zu Dresden ist auf Anordnung des Königl. 
Ministeriums des Innern am 1. Juli 1908 eine Säuglingsfürsorgestelle errichtet 
worden. 

Erfurt. Der Magistrat bewilligte zum Zwecke der Säuglingsfürsorge und 
der Abgabe von Stillunterstützungen 600 Mark. 

Frankfurt a. M. Die neu errichtete Wilhelm- und Auguste-Viktoriastiftung 
für Sänglingsfürsorge gewährt Stillunterstützungen in Höhe von 2 bis 3 Mark 
wöchentlich. 

Freiburg. Die städtischen Kollegien haben beschlossen, im städtischen 
Krankenhause eine Mütterberatungs- und Säuglingsfürsorgestelle zu errichten. 

Görlitz. Der Magistrat ersuchte die Stadtverordnetenversammlung, für das 
Jahr 1908 aus Sparkassenüberschüssen für Zwecke der Säuglingsfürsorge 2500 Mark 
zu bewilligen und zwar 2000 Mark zur Beschaffung von Milch und 500 Mark als 
Honorar für den Fürsorgearzt. 

Die städtische Säuglingsfürsorgestelle wurde in der Zeit vom Sommer 1907 
bis Sommer 1908 von 253 Säuglingen besucht. 

Gronau. Eine Säuglings- und Ziehkinderfürsorgestelle ist ins Leben ge¬ 
rufen, zu welcher die Stadt einen Zuschuß von 10oO Mark bewilligte. 

Kalk bei Köln. Die Stadtverordnetenversammlung beschloß am 24. Juni 
die Errichtung von zwei Säuglingsfürsorgestellen. 

Kiel. Die Kieler Stadtverwaltung beabsichtigt die Anstellung eines Säug¬ 
lingsarztes, in dessen Hand die zentralisierte Säuglingsfürsorge vereinigt werden soll. 

Köln a. Eh. Es sind im Laufe des Sommers zehn Säuglingsfürsorgestellen 
errichtet worden. 

Landsliut. Der Stadtmagistrat beschloß die Errichtung einer Säuglings¬ 
fürsorgestelle. Das Unternehmen wird von den vier in Landshut ansässigen 
Frauenvereinen unterstützt. 




126 Aus der Säuglingsfürsorgebewegung. 

München. Die Stadt München gibt der Zentrale für Sänglingsfürsorge 
einen Zuschuß von 5000 Mark zur Durchführung ihrer Zwecke.- 

Rom. Die König! Tabakmanufaktur hat vier Säle für stillende Mütter er¬ 
öffnet, welche als Stillkrippen und als Aufbewahrungsräume für die Kinder 
während der Arbeitszeit der Mütter dienen sollen. 

Schöneberg. Die Gemeinde stellt einen Arzt und eine Schwester an ; welche 
die von Fabriken zu errichtenden Stillstuben zu beaufsichtigen haben. 

SchÖnlanke. Die Stadtverordneten bewilligten 200 Mark zur Bekämpfung 
der Säuglingssterblichkeit. 

Stendal. Die Errichtung einer Mütterberatungsstelle ist durch die Stadt¬ 
verwaltung in Erwägung gezogen. 

Weißensee. Die Stadtgemeinde hat eine Fürsorgestelle für Säuglinge er¬ 
richtet, in welcher auch Stillunterstützungen abgegeben werden. Die Errichtung 
eines Säuglingskrankenhauses und die Errichtung eines eigenen Musterkuhstalles 
für 50 Kühe ist geplant. 

Die Gemeinde stellt einen Arzt und eine Schwester an, welche die von 
Fabriken zu errichtenden Stillstuben zu beaufsichtigen haben. 

Wien. Auf der Heustadelwiese bei Neuwaldeck wird eine Walderholungs¬ 
stätte für Säuglinge errichtet. Das Gelände und eine Baracke für 12 Kinder 
wurde von privater Seite zur Verfügung gestellt. Ebenso wird die Säuglingsmilch 
kostenlos geliefert. Verpflegungskosten: 40 Heller. 

Ziegenrück. Die Gesundheitskommission hat beschlossen, unbemittelten 
Säuglingen freie ärztliche Behandlung zuteil werden zu lassen. 

Zittau. Die neu erlassenen Vorschriften zur Gewährung von Stillunter¬ 
stützungen an bedürftige Mütter beschränken diese Unterstützung auf Mütter 
deutscher Staatsangehörigkeit. Die Höhe der Unterstützung beträgt 3—5 Mark 
wöchentlich. Sie erstreckt sich auf höchstens V 4 Jahr. 

d) Säuglingsheime, Krippen usw. 

Berlin. Die Vergrößerung des Waisenhauses in der alten Jakobstraße hat 
die Möglichkeit der Aufnahme einer größeren Anzahl von Säuglingen geschaffen. 
Der Zugang von Säuglingen ist seit dem Jahr 1901 von 916 auf 2454 im Jahr 
1907 angestiegen. 

Dresden. Das städtische Säuglingsheim hat auch in diesem Jahr in den 
Sommermonaten seine Walderholungsstätte für Säuglinge in Betrieb gehalten. 

Göttingen. An der Universität Göttingen ist das unter Leitung von Prof. 
Dr. Salge stehende Säuglingsheim im Mai d. J. eröffnet worden. 

Halberstadt. Am 19. Juni wurde die städtische Krippe, der ein Säuglings¬ 
und Kinderheim angegliedert ist, eröffnet. Pflegegeld für die Krippe täglich 
35 Pfg., für das Kinderheim 40 und 50 Pfg. Die Anstalt umfaßt zunächst 20 
Stellen. 

Weißensee. Die Gemeindevertretung hat den Bau eines Säuglingskranken¬ 
hauses mit 40 Betten beschlossen unter der Bedingung, daß der Kreis Nieder¬ 
barnim die Hälfte der Baukosten trägt und zu jedem Bett einen jährlichen Zu¬ 
schuß von 200 Mark stiftet. Das Krankenhaus soll 40 Betten, sowie einen In¬ 
fektionspavillon mit 10 Betten erhalten. 

Westend. Der Kindererholungsstätte Westend ist eine Säuglingsbaracke 
angegliedert worden. 




Aus der Säuglingsfürsorgebewegung. 127 

e) Milchkiiclien und Mi 1 ckversorgung. 

Aachen. Die Stadt läßt Säuglingsmilch in einer eigenen Anstalt unter 
Leitung eines Fachmannes hersteilen und kontrolliert die Beschaffenheit der hier 
zu verwendenden Milch. 

Augsburg. Die Stadt hat am 1. Juli 1908 eine Milchküche errichtet. 

Breslau. Die städtische Milchküche hat in den städtischen Markthallen 
Ausgabestellen für Milch geschaffen. 

Gelsenkirclieu. Der Kreisausschuß des Landkreises Gelsenkirchen beab¬ 
sichtigt, Milch für Säuglinge in dem Landkreis einzuführen. Die Milch wird in 
der städtischen Milchküche zu Gelsenkirchen sterilisiert. 

Lauter. Die Gemeindevertretung fördert die Abgabe gesunder Milch durch 
fortgesetzte tierärztliche Beaufsichtigung der die Milchversorgung betreffenden 
Ställe. 

Lüdenscheid. Die städtische Verwaltung beabsichtigt die Errichtung einer 
dem städtischen Schlachthause anzugliedernden Säuglingsmilchanstalt, deren Kosten 
auf 14UOO Mark veranschlagt worden sind. 

Mühlheim a. Rh. Die im Jahre 1906 gegründete städtische Säuglingsmilch¬ 
anstalt zählte im Sommer d. J. etwa 200 Abonnenten. Die Milch wird für Ein¬ 
wohner mit einem Einkommen von unter 2000 Mark für 23 Pfg., für die anderen 
für 40 Pfg. pro Tagesportion abgegeben. 

Mülheim a. d. Ruhr. Die Stadt hat im Sommer eine Milchküche errichtet. 
Zur Anlage eines Musterstalles für Haltung der Kühe zur Milchgewinnung hat 
sie ein Bauerngehöft in der Nähe der Stadt erworben. 

Nürnberg. Von der seinerzeit geplanten Errichtung einer städtischen 
Milchanstalt wird laut Beschluß des gemeindlichen Ausschusses zunächst Umgang 
genommen. 

Recklinghausen. Eine städtische Säuglingsmilchanstalt ist Ende Juli 1908 
bei den Schlachthofanlagen eröffnet worden. 

Rheydt. Die Stadtverwaltung hat die bisher vom Verein „Caritas“ be¬ 
triebene Sanitätsmilchküche zum Preise von 20000 Mark erworben. 

Schweinflirt, Für die Errichtung einer Säuglingsmilchküche im Schlachthof 
sind für bauliche Änderungen 3200 Mark, für maschinelle Einrichtungen 6000 Mark 
bewilligt worden. 

Stendal. Die städtische Verwaltung gibt seit dem Juli 19 ^8 an unbemittelte 
Personen Säuglingsmilch zu 20 Pfg. pro Tagesportion ab. Die Milch wird aus 
einem städtischerseits überwachten Stalle bezogen und sterilisiert abgegeben. 

Viersen. Die städtische Säuglingsmilchanstalt gab im zweiten Vierteljahr 
1908 durchschnittlich täglich 743 Flaschen ab. 

Worms. Die städtische Säuglingsmilchanstalt hat im Hinblick auf die ge¬ 
ringe Zahl der Abnehmer — im Juli 1908 nur 48 — die Einstellung der Anstalt 
in Erwägung gezogen. 

(„Fortsetzung entsprechend dem Schema auf Seite 117 folgt im nächsten Heft.“' 





Krankenhauswesen und Ilei 1 stiitteii 1>ewegimi». 

I. Allgemeines. 

Normalvorschriften für den Bau von Lungenheilstätten. 

Für Bau und Einrichtung einer Volksheilstätte für 100 männliche Lungen¬ 
kranke stellt die internationale Heilstättenkommission folgende Regeln auf, die 
G. Pannwitz in der „Tuberkulosis“ veröffentlicht: 

Zur Wahl des Bauplatzes wird verlangt: Geschützte Lage gegen herrschende 
Winde, namentlich gegen Nord und Ost, jedoch möglichst langer und ausgiebiger 
Besonnung ausgesetzt. Staubfrei, rauch- und rußfrei, möglichst insektenfrei. In 
der Ebene Schutz durch reichliche, nicht zu dichte Waldung; am besten ge¬ 
mischter, hoher Bestand mit vielem Nadelholz. Im Gebirge geschützte Hoch¬ 
flächen; obere Abschnitte breiter, nach Süden offener Täler. Möglichkeit, Spazier¬ 
gänge von der Anstalt aus aufwärts zu machen. Leichte Zugänglichkeit mittels 
Eisenbahn und Landstraße, auch im Winter. Terrain möglichst groß, bei leichter 
Abgrenzung von der Umgebung. Möglichst trockener, gut zu drainierender, 
poröser, von organischen Bestandteilen möglichst freier Untergrund. Leicht er¬ 
hältliches, gutes, reichliches Trink- und Gebrauchswasser. Möglichkeit einer be¬ 
quemen und einwandfreien Beseitigung der Abfallstoffe. 

Was der Bauplatz an Windschutz nicht bietet, ist möglichst durch Stellung 
der Baulichkeiten zu gewinnen. Außer dem für die Aufnahme der Pfleglinge 
nebst allem Zubehör bestimmten Hauptgebäude bzw. Hauptgebäudekomplex ein 
Wohnhaus mit Garten für einen verheirateten Arzt. In angemessener Entfernung 
kleines Wirtschaftsgebäude, erforderlichenfalls mit Stallung, und dazu gehörige 
Nebenräume. In nicht weiter Entfernung ein Wirtschaftsgarten; unter zweck¬ 
mäßiger Benutzung der Örtlichkeit offene Räume für Liegezwecke. Für den Fall, 
daß ein eigener Wirtschaftsbetrieb zur Milchgewinnung eingerichtet wird, ist der 
Kuhstall in beträchtlicher Entfernung, abgesondert von der Anstalt, herzustellen. 
Ausnutzung des umgebenden Geländes zu gefälligen Garten- und Parkanlagen; 
Spazierwege mit mäßiger, möglichst systematischer Steigung in waldiger Um¬ 
gebung, mit zahlreichen Ruheplätzen. Gebäude nicht unmittelbar an größerer 
Verkehrsstraße gelegen. Die zum Aufenthalt der Kranken dienenden Räume 
tunlichst der Besonnung zugänglich. 

Die Pfleglinge können in ein- und mehrgeschossigen Gebäuden untergebracht 
werden. Bei mehrgeschossigen Gebäuden höchstens zwei Stockwerke außer dem 
Erdgeschoß. Hauptfront nach Süden, wirksame Isolierung gegen Bodenfeuchtig¬ 
keit; im Keller in der Regel keine Wohnräume; bequeme, zugfreie Treppen; 
lange, reichlich breite, heizbare, an der einen Längsseite mit Fenstern versehene, 
.zugfreie Korridore. 




Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung. 129 

Zum Raumbedarf wird gefordert: a) Verwaltungsräume: 1 Wartezimmer, 
1—2 Bureauräume, b) Aufenthaltsräume für die Pfleglinge: Schlafräume für 100 
Kranke, davon einige mit 1 Bett. Besondere gemeinsame Waschräume für die 
Kranken können in geeigneter Zahl und Verteilung, jedoch möglichst nahe den 
Schlafräumen, vorgesehen werden. Mehrere Tageräume. Speisesaal für 120 Per¬ 
sonen ; dieser oder einer der Tageräume muß möglichst leicht auch für kirchliche 
Zwecke hergerichtet werden können; Anrichteraum. Für jedes Wohngebäude 
mindestens 1 Kleiderreinigungs- und Stiefelputzraum, c) Räume für Behandlungs¬ 
zwecke: Für jeden Kranken 1 Liegeplatz. Eine xinzahl Räume für Liegezwecke 
unmittelbar am Gebäude; vor den Einzelzimmern tunlichst Balkons zur Liegekur; 
im übrigen die Liegehallen in der Nähe des Gebäudes und möglichst freistehend. 
Bad mit Duscheraum (etwa 2 Duschen), Wannenraum (4—6 Wannen), Auskleide- 
raum usw. 1 Untersuchungszimmer, 1 Laboratorium, 2 weitere Räume, verfügbar 
für sonstige Spezialbehandlung, d) Räume für das Personal: Wohnung für einen 
Assistenzarzt; 1 Zimmer für einen Volontärarzt, Wohnung für 1 Verwaltungs¬ 
beamten oder 1 Oberin; Räume für 3 Schwestern, 1 Bureaubeamten, 2 Wärter 
(davon einer verheiratet), 4—6 Frauen oder Mädchen, 1 Maschinisten, 1 Heizer; 
Speiseraum und Bad für das Personal. Die Wohnungen für das weibliche Personal 
sollen übrigens von der Heilstätte getrennt sein. Familienwohnungen Angestellter 
sind hinsichtlich der Zugänge von den Aufenthaltsräumen der Pfleglinge zu 
trennen, e) Wirtschaftsräume: Kochküche mit Spülraum, Speisekammer, Keller 
und Eiskeller; Lage zu den Aufenthaltsräumen so, daß Gerüche nicht in die 
letzteren dringen. Einrichtung zur Reinigung der Wäsche, die, ehe sie in die 
Waschküche gelangt, durch Einweichen desinfiziert werden muß; Empfangsraum 
für schmutzige Wäsche; Waschküche; Trockenboden bzw. künstlicher Trocken¬ 
apparat; Roll-, Plätt-und Flickstube; Raum für reine Wäsche, f) Andere Neben¬ 
räume: Empfangsraum für infizierte Gegenstände. Desinfektionskammer; Trocken- 
und Abgaberaum für desinfizierte Sachen, g) Klosetts, h) Einrichtung zu 
Leichenöffnungen. 

An Größe und Höhe der Räume wird verlangt: Schlafräume der Pfleglinge 
25—30 cbm Luftraum für den Kopf; Höhe 3—3,5 m; zwischen je 2 Betten 
mindestens 1 m Zwischenraum. Liegehallen etwa 3 m tief, mit Fenstern an der 
Rückwand. Zwischen den einzelnen Liegesesseln muß ein Zwischenraum von 
mindestens 0,75 m vorhanden sein. 

Die Fußböden, Wände, Decken müssen gut zu reinigen und zu desinfizieren 
sein, dicht, ohne Fugen; glatte Oberfläche, ausgerundete Ecken, keine unnötigen 
Vorsprünge. Undurchlässiger, auf feuchtem Wege desinfizierbarer, tunlichst 
warmer Fußbodenbelag. Anstrich der Wände bis zur Höhe von mindestens 1,70 m 
in waschbarer Farbe. 

Die Türen und Fenster sind leicht abwaschbar zu halten; ohne Hohlkehlen. 
Große Fenster, in allen Teilen leicht zu öffnen. Doppelfenster nur in besonderen 
Fällen erforderlich; wenn nötig, stellbare Jalousien. 

Zur Heizung wird Zentralanlage empfohlen. Leicht regulierbare Heizkörper. 
Höchstleistung in den Zimmern und Aufenthaltsräumen 18° C bei —25° Außen¬ 
temperatur. 

Beim Vorhandensein billiger Kraft empfiehlt sich elektrische Beleuchtungs¬ 
anlage. 

Die Wasserversorgung verlangt ein frostfreies Reservoir. Zu- und Abflu߬ 
leitung für alle Wirtschafts-, Bade- und Waschräume. Zapf- und Ausgußstellen 
Zeitschrift für Soziale Medizin. JV. 9 



130 Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung. 

auch im Untersuchungszimmer und Laboratorium, in geeigneter Verteilung auch 
in den Korridoren. Wassermenge mindestens 25—30 cbm pro Tag. 

Zur Beseitigung der Abgänge werden, wo irgend möglich, Wasserklosetts 
mit lüftbarem Vorraum verlangt; Lage so, daß die Ausdünstungen nicht mit 
der herrschenden Windrichtung nach den Krankenzimmern gelangen. Abflu߬ 
leitung für Brauchwasser und Klosettinhalt. Besondere Abflußleitung für die 
Waschküche. Kläranlage. Der Auswurf soll auf kürzestem Wege unschädlich ge¬ 
macht werden. Staubsichere Aufbewahrung und Beseitigung von Müll und Asche. 

Die gesamten Baukosten sollen in tunlichst niedrigen Grenzen gehalten 
werden, unter Voraussetzung einer angemessenen Einrichtung und der Ver¬ 
wendung guten Materials. Die architektonische Ausführung ist überall den Forde¬ 
rungen der Hygiene und einer wohlverstandenen Sparsamkeit anzupassen. 

II. Staatliche Maßnahmen und Landesanstaltswesen. 

Preußen. Ein Erlaß des preußischen Kultusministers beschäftigt sich mit den 
Vorschriften über Anlage, Bau und Einrichtung von öffentlichen 
und privaten Kranken-, Entbindungs- und Irrenanstalten. Es 
soll geprüft werden, ob diese den Grundsätzen der modernenen Hygiene und Bau¬ 
technik entsprechen. Die Verschiedenheit und Eigenart der örtlichen Verhältnisse 
soll mehr als bisher berücksichtigt, den besonderen Bedürfnissen des Einzelfalles 
in erhöhtem Maße Rechnung getragen werden. Die Ärztekammern, die Medizinal¬ 
kollegien und die Provinzialverwaltungen sollen zu Äußerungen in dieser Frage 
veranlaßt, und diese durch die Oberpräsidenten dem Minister bis zum 1. Januar 
1909 eingereicht werden. 

In Breslau bewilligte der schlesische Provinzialausschuß zur Beseitigung 
des Platzmangels in den Provinzialheilanstalten und Pflegeanstalten 
282611)0 M. für Erweiterungsbauten in Lublinitz, Lüben, Leubus, Rybnik, Tost, 
Freiburg und Plagwitz. Es werden durch diese Erweiterung 1178 neue Kranken- 
plätze geschaffen. 

Der Kreistag des Kreises Randow in Stettin beabsichtigt ein Krankenhaus 
in Stolzenburg zu errichten; es soll 60 Betten umfassen. Die Kosten sind auf 
350000 M. veranschlagt. 

III. Kommunale Maßnahmen. 

Berlin. Im Rudolf Virchow-Krankenhause ist jüngst eine Massenvergiftung 
durch den Genuß von Schabefleisch vorgekommen. Es erkrankten 100 Schwestern 
mehr oder weniger heftig Die Stadtverordnetenversammlung hat sich eingehend 
mit der Angelegenheit beschäftigt, so daß bereits eine gründliche Remedur ein¬ 
geleitet wurde. Der „Deputation für eine allgemeine Krankenhausreform“ wurde 
mitgeteilt, daß der Küchenchef und die Oberköchin, gegen die erhebliche 
Klagen Vorlagen, ihre Stellungen verlassen mußten. In dem Speisereglement ist 
eine Änderung insofern eingetreten, daß künftig neben der Fleischkost Gemüse, 
Salate und Mehlspeisen dem täglichen Küchenzettel zugesetzt werden. Auch be¬ 
absichtigt man, die Zentralküchenanlage des Monstre-Krankenhauses, die sich 
nicht zu bewähren scheint, abzuändern. 

Für die Erweiterung der Infektionsabteilung des Krankenhauses am Friedrichs¬ 
hain wurde der spezielle Entwurf und ein Kostenanschlag von 574000 M. genehmigt. 




Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung. 131 

Zur Entlastung und Ergänzung der anderen städtischen Krankenhäuser wird 
Berlin laut städtischem Beschluß ein Krankenhaus für Brust- und zugleich Kehl¬ 
kopfleidende mit 500 Betten errichten. Seinen Platz wird es auf einem der Stadt 
gehörigen Gelände erhalten und zwar in geschützter Waldlage. Die Erweiterung 
der Anstalt auf 1000 Betten soll sogleich in Aussicht genommen werden. Die 
Heimstätte für Brustkranke wird nach wie vor bestehen bleiben, und es sollen 
darin nur solche Personen Aufnahme finden, bei denen der Krankheitsprozeß zu 
einem gewissen Stillstand gelangt ist und die Wiedergewinnung der Erwerbs¬ 
fähigkeit zu erwarten steht. In der geplanten neuen städtischen Anstalt sollen 
jedoch auch die sogenannten Unheilbaren Aufnahme finden. Für die Verteilung 
der 500 Betten sind vorläufig in Aussicht genommen 200 für Männer, 200 für 
Frauen und 100 für Kinder. Jedoch soll diese Frage zunächst noch offen bleiben. 
Der Beschluß dürfte binnen kurzem an die Krankenhausdeputation gehen, damit 
die Bauverwaltung möglichst bald auf gef ordert werden kann, ein Bauprojekt aus¬ 
zuarbeiten. 

Chemnitz bewilligte für die Erweiterung der Kranken- und Pflegeanstalten 
4 556 860 M. 

Dillenburg (Hessen-Nassau) wird ein neues städtisches Krankenhaus er¬ 
bauen, dessen Kosten mit 125 000 M. veranschlagt sind. 

Friedeberg i. H. erbaut ein städtisches Krankenhaus mit Niederdruck¬ 
dampfheizung und Gasbeleuchtung mit Aufwand von 160 000 M. 

St. Johann a. Saar. Das Hospital Saarbrücken erhält durch städtischen 
Beschluß einen Pavillon zur Unterbringung weiblicher Geschlechtskranker. 

Magdeburg. Über den Ausbau der Krankenanstalten haben sich zwei 
Hamburger Sachverständige, Prof. Dr. Lenharz, Direktor des Eppendorf er 
Krankenhauses, und Banrat Kuppel, gutachtlich geäußert und empfohlen, für 
das Altstädter Krankenhaus einen Neubau zu errichten, da dasselbe in vielen 
Teilen veraltet ist; die Sudenburger Krankenanstalt müsse ausgebaut werden und 
zwar so weit, daß sie 1350 Betten (jetzt 516) umfaßt. Die Kosten für den Neu- 
und Ausbau beider Anstalten betragen ca. 12 Millionen. 

Oberleutensdorf i. B. Die Gemeindevertretung hat den Baukonsens für 
das von der deutschen Landeskommission für Kinderschutz und Jugendfürsorge 
geplante Fürsorgeheim erteilt. Die Baukosten sind mit 150G00 K. ver¬ 
anschlagt. 

Reinickendorf. In Reinickendorf bei Berlin wird der Neubau des ge¬ 
meinsamen Krankenhauses der nördlichen Vororte Reinickendorf, Tegel, 
Wittenau und Rosenthal im Herbst 1908 begonnen werden. Der Kostenanschlag 
beträgt 650 000 M. 

Siemanowitz- Laurahütte. Beide Gemeinden beabsichtigen den Bau 
einer Seuchenbaracke. Der Entwurf liegt bereits der Regierung zur Ge¬ 
nehmigung vor. Die Gesamtkosten (einschließlich Bauplatz)' belaufen sich auf rund 
100 000 M. Die Baracke ist für 32 Kranke berechnet. Um den Plan zur Aus¬ 
führung zu bringen, soll von den Gemeinden Siemianowitz und Laurahütte ein 
Zweckverband gegründet werden. 

Wien. Das neu zu erbauende Jubiläums-Spital der Gemeinde wird 
1000 Betten fassen. Die interne Abteilung soll 300 Betten, die Abteilung für 
Lungenkranke, Hautkranke, chirurgische (gynäkologische und Augenabteilung) je 
150 Betten, für kleinere Abteilungen (Ohren, Kehlkopf) und als Reserve für über¬ 
füllte Abteilungen 100 Betten, die Heilanstalt für den Mittelstand 150 Betten 

9* 




132 Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung. 

erhalten. Der große Garten hat 165 zu 140 m im Viereck, also 22 000 qm Fläche. 
Er soll, wenn die Geldmittel reichen, eine gedeckte Wandelbahn mit Ruheplätzen 
erhalten. Für die Erbauung des Spitals sind 10 Millionen Kronen bewilligt. 

IV. Maßnahmen cler Vereine und Körperschaften. 

Braunschweig. Am 1. April ist ein Krüppelheim eröffnet worden. Der 
Leiter der Anstalt Schlee-Braunschweig hält, gestützt auf die Erfahrungen von 
K. Biesalski-Berlin und seiner eigenen, 4000 M. für die Beschaffung der 
durchaus erstklassigen Einrichtung eines kleinen Heims inklusive aller Bedürfnisse 
und 10C00 M. Betriebskosten für ausreichend. Die Deckung derselben geschieht 
durch Beisteuer von Staat und Stadt; für die Braunschweiger Anstalt sind von 
jeder Seite 2000 M. in Aussicht gestellt. Die Patienten haben einen Verpflegungs¬ 
satz von mindestens 1,25 M. bis 2 M. je nach den Verhältnissen zu entrichten. 
Nach den vorliegenden Erklärungen der in Frage kommenden Behörden, der 
Eltern usw. dürfte, wie S. in der Zeitschrift für Krüppelfürsorge Bd. I H. 1 
berichtet, ein Durchschnittssatz von ca. 1,40 M. pro Kind herauskommen, also bei 
voller Belegung, die überreichlich gesichert ist, ein Betrag von ca. 5100 M. Der 
dann noch eventuell verbleibende kleine Rest wird von einem Privatwohltäter 
gedeckt werden, der auch die Mittel für die Einrichtung zur Verfügung gestellt 
hat. Die Kinder erhalten völlig freie ärztliche Behandlung, volle Verpflegung 
und die gesamte Wäsche geliefert; auch für freie Bandagenlieferung ist ein 
größerer Posten in den Voranschlag eingestellt, doch wird hier versucht werden, 
die Angehörigen zur Deckung der Herstellungskosten heranzuziehen. Die Bandagen 
werden in eigener Werkstatt billig und zweckmäßig hergestellt. 

Die 7. ordentliche Hauptversammlung der Vereinigung der leitenden 
Verwaltungsbeamten von Krankenanstalten Deutschlands fand 
vom 5. bis 8. Juli in Nürnberg statt. Vorträge hielten Vogt-Posen über 
Krankenküchen und Jahresverpflegungsabrechnungen, Schlegel-Nürnberg über 
Aufbewahrung von Lebensmitteln und Edelmann-Nürnberg über Kurzschluß 
und die elektrische Brandgefahr. 

Eger. Die evangelische Gemeinde will ein Schülerheim errichten. Die 
Kosten sind auf 100 000 Kronen veranschlagt. 

Kassel. Die Versicherungsanstalt Hessen-Nassau errichtet ein Invaliden¬ 
heim für 20 Rentenempfänger. 

Kray. Die katholische Kirchengemeinde beschloß die Errichtung eines 
eigenen Krankenhauses unter Aufwand von 70 000 M. 

Meseritz. Der Vaterländische Frauenverein erbaut ein Krankenhaus, 
das für 42 Krankenbetten Raum bieten wird. 

Oberschar bei Olbersdorf, Österr. Schles. Der Schlesische Hilfsverein für 
Lungenkranke wird eine Heilstätte für Lungenkranke mit einem Kostenaufwand 
von 1 000 000 Kronen errichten. 

Schöneberg b. Berlin. Zur Aufnahme skrophulöser und von der Tuber¬ 
kulose gefährdeter Kinder erbaut der Verein zur Bekämpfung der Tuberkulose in 
Schöneberg in Boldixum-Wyck an der Nordsee ein Kindererholungsheim 
von 110 Betten mit einem Kostenaufwand von 2 010 000 M., Grund und Boden 
nicht eingerechnet. Die Stadt Schöneberg stellt dem Verein ein 2 Hektar großes 
Grundstück und 175000 M. zur Verfügung. 





In memoriam S. Neumann. 

Am 20. September 1908 starb au der Schwelle des 90. Lebensjahres der Arzt 
und Kommunalpolitiker S. Neumann in Berlin. In seiner bereits im Jahre 1847 
erschienenen Schrift „Die öffentliche Gesundheitspflege und das Eigentum“ findet 
sich wohl der erste deutliche Hinweis auf die Wichtigkeit des sozialen Momentes 
in Medizin und Hygiene: „Daß der größte Teil der Krankheiten, welche entweder 
den vollen Lebensgenuß stören oder gar einen beträchtlichen Teil der Menschen 
vor dem natürlichen Ziel dahinraffen, nicht auf natürlichen, sondern auf gesell¬ 
schaftlichen Verhältnissen beruhe, bedarf keines Beweises. Die medizinische 
Wissenschaft ist in ihrem innersten Kern und Wesen eine soziale Wissenschaft 
und so lange ihr diese Bedeutung in der Wirklichkeit nicht vindiziert sein wird, 
wird man auch ihre Früchte nicht genießen, sondern sich mit der Schale und 
dem Schein begnügen müssen. Die soziale Natur der Heilkunst steht über allem 
Zweifel.“ Doch diese Worte verklangen in der politisch so aufgeregten Zeit, ohne 
unter den Ärzten Widerhall zu finden. Gleich seinem Alters- und Gesinnungs¬ 
genossen Rudolf Virchow, der im Jahre 1848 zum ersten Male das Wort 
„Soziale Medizin“ nach französischem Vorgänge brauchte, hat auch S. Neumann 
in der Folge sich weniger mit der theoretischen Durchdringung der medizinischen 
und hygienischen Fragen mit sozialwissenschaftlichen Gedankengängen als mit 
den hygienischen Einrichtungen der raschwachsenden Großstadt Berlin befaßt. 
Als eifriger Kommunalpolitiker hat er fast an allen sanitären Einrichtungen 
Berlins mitgearbeitet. Ein besonderes Interesse bewies er dem städtischen statis¬ 
tischem Amte seit dessen Anfängen. Sein weit über das biblische Maß hinaus¬ 
gehendes Alter ließ ihn die im Jahre 1905 durch P. Mayet, R. Lennhoff und 
A. Grotjahn erfolgte Gründung der Gesellschaft für Soziale Medizin in 
Berlin erleben, zu deren Ehrenmitglied er ernannt wurde. 





Referate. 

W. Leslie Mackenzie and A. Foster, Report on a collection of 
statistics as to the physical condition of children attending the 
public schools of the School Board for Glasgow. London 1907- 
Wyman & Sons. — IX und 57 S. und 6 Diagramme. 

Auf Veranlassung des schottischen Unterrichtsministeriums wurden in den 
Jahren 1905—1906 Messungen und Wägungen der Kinder vorgenommen, welche 
die öffentlichen Volks- und Mittelschulen in Glasgow besuchten; zugleich wurden 
Angaben über ihre Wohnungsverhältnisse gesammelt. Ein Teil der Ergebnisse 
dieser Aufnahme ist in einem von Dr. W. Leslie Mackenzie nnd Kapitän 
A. Foster verfaßten Bericht niedergelegt, der die Beziehungen zwischen Woh¬ 
nungsverhältnissen und körperlicher Entwicklung behandelt. Aus den zahlreichen 
Tabellen sollen hier die Hauptsachen hervorgehoben werden. Von 73 Schulen 
langten Auskünfte über 72 857 Kinder (36 883 Knaben, 35 974 Mädchen) ein 
Geistig defekte Kinder sind nicht mit einbezogen. In einräumigen Wohnungen 
lebten von der Gesamtzahl der Kinder 5922 oder 8,1 Proz., in zweiräumigen 
42 100 oder 57,8 Proz., in dreiräumigen 17 646 oder 24,2 Proz., in vier- oder mehr- 
räumigen 7189 oder 9,9 Proz. Auffallend ist die Tatsache, daß die relative Zahl 
der Kinder im Alter unter 9 Jahren in den kleinen Wohnungen erheblich höher 
ist als in den großen Wohnungen. Es standen nämlich von allen Kindern: 


In Wohnungen mit 

unt. 9 Jahren 

Proz. 

Im Alter von 

9—11 Jahren 

Proz. 

12 Jahren und 
darüber 
Proz. 

zusammen 

1 Raum 

45 

35 

20 

100 

2 Räumen 

39 

35 

26 

100 

3 Räumen 

31 

36 

33 

100 

4 oder mehr Räumen 

26 

34 

40 

100 


Diese Erscheinung hat ihre Begründung sowohl darin, daß die Eltern häufig 
mit dem Heranwachsen der Kinder in günstigere wirtschaftliche Verhältnisse ge¬ 
langen, wie in der rascheren Aufeinanderfolge der Kinder bei den armen Be- 












Referate. 


135 


völkerungsklassen, denen hierdurch das Aufsteigen auf eine höhere Stufe der 
Lebenshaltung noch mehr erschwert wird. — Geht man von der Voraussetzung 
aus, daß die Zahl der Räume, die eine Familie bewohnt, ein Anzeichen ihres 
relativen Wohlstandes ist, was ohne Zweifel in den meisten Fällen zutrifft, und 
vergleicht man die Körpergröße und das Körpergewicht gleichaltriger Kinder, die 
in Wohnungen der verschiedenen Größenkategorien leben, so bietet uns die vor¬ 
liegende Statistik einen trefflichen Beweis dafür, wie sehr wirtschaftliche Verhält¬ 
nisse die physische Entwicklung beeinflussen. Die Durchschnittsgröße und das 
Durchschnittsgewicht der Kinder jeder Altersklasse steigt ununterbrochen mit der 
zunehmenden Zahl der Wohnräume. Das wird in der folgenden Tabelle deutlich 
veranschaulicht, in welcher die Altersstufen 5, 9 und 13 Jahre hervorgehoben sind. 



durchschnittliche Körpergröße 

durchschnittliches Körper¬ 

Kinder in 

(in cm) im Alter von 

gewicht (in kg) im Alter von 


5 Jahren 

9 Jahren 

13 Jahren 

5 Jahren 

9 Jahren 13 Jahren 



Knaben: 




einräumigen Woh¬ 







nungen .... 
zweiräumig. Woh¬ 

99,3 

118,1 

135,6 

16,9 

23,3 

31,7 

nungen .... 
dreiräumigen Woh¬ 

101,3 

120,9 

137,4 

17,5 

24,1 

32,8 

nungen .... 
vier- oder mehr¬ 

103,4 

122,4 

140,4 

17,9 

24,9 

34,2 

räumigen Wohn. 

105,2 

124,2 

141,7 

18,2 

25,6 

34,9 



Mädchen: 




einräumigen Woh¬ 







nungen .... 
zweiräumig. Woh¬ 

98,8 

117,3 

136,8 

16,6 

22,5 

32,6 

nungen .... 
dreiräumigen Woh¬ 

101,1 

119,9 

139,2 

17,2 

23,3 

33,6 

nungen .... 
vier- oder mehr¬ 

102,1 

121,2 

141,0 

17,3 

24,0 

34,6 

räumigen Wohn. 

104,1 

123,4 

143,3 

17,8 

24,8 

36,0 


Werden alle Altersklassen zusammengefaßt, so ergibt sich für die Knaben 
in einräumigen Wohnungen eine Durchschnittsgröße von 118,4 cm, in zwei- 
räumigen Wohnungen von 122,2 cm, in dreiräumigen Wohnungen von 127,0 cm, 
in vier- und mehrräumigen Wohnungen von 130,3 cm; bei den Mädchen betragen 
die Durchschnittszahlen 117,6, 121,4, 126,0 und 131,1 cm. Das Durchschnitts¬ 
gewicht aller Knaben in einräumigen Wohnungen war 23,9, in zweiräumigen 
Wohnungen 25,5, in dreiräumigen Wohnungen 27,5, in vier- oder mehrräumigen 
Wohnungen 29,2 kg; bei den Mädchen betragen die entsprechenden Durchschnitts¬ 
zahlen 23,4, 24,9, 27,0 und 29,7 kg. Die Differenzen sind bei dem Vergleich ohne 
Berücksichtigung der Altersunterschiede bedeutender, weil — wie schon bemerkt 
— die jüngeren Kinder in den kleineren Wohnungen stärker vertreten sind als 
in den großen. 

In dem Berichte ist ferner eine regionale Gliederung durchgeführt, wobei 
die einzelnen Distrikte der Stadt in vier Wohlstandsgruppen geteilt werden. Da- 
























Referate. 


136 


bei resultiert, daß nicht allein die Größe der Wohnungen, sondern auch ihre Lage 
in dem einen oder dem anderen Stadtteil mit der Entwicklung der ,Kinder in Be¬ 
ziehung steht. In Wohnungen mit gleicher Baumzahl ist die Körpergröße und 
das Gewicht gleichaltriger Kinder in den Distrikten mit überwiegend armer 
Bevölkerung geringer als in den Distrikten, wo die besser situierten Bevölkerungs¬ 
schichten vorwiegen. Es sollen an dieser Stelle nur die in den ärmsten und in 
den wohlhabendsten Stadtteilen in ein- und dreiräumigen Wohnungen lebenden 
Knaben im Alter von 5, 7, 9, 11 und 13 Jahren einander gegenübergestellt werden. 



einräumige Wohnungen 

dreiräumige Wohnungen 

Alter 

ärmste wohlhabendste 

I 

ärmste 

wohlhabendste 


Stadtteile 

Stadtteile 


Körpergröße in cm 


5 Jahre 

98,8 

100,3 

101,6 

7 „ 

107,7 

115,1 

111,3 

9 „ 

117,9 

117,6 

122,5 

11 * 

127,0 

133,1 

132,2 

13 „ 

134,4 

132,8 

138,4 


Körpergewicht in 

kg 

5 Jahre 

16,9 

17,7 

17,8 

7 „ 

19,4 

21,4 

20,9 

9 „ 

23,3 

23,6 

24,2 

11 „ 

27,1 

28,5 

28,7 

13 „ 

31,3 

32,2 

33,6 


105.7 

113.8 
125,0 
133,6 
14i;7 


18.6 

21,1 

25.7 
29,9 

34.8 


Manchmal kam es allerdings vor, daß in einer Altersklasse die Kinder in 
den ärmsten Stadtteilen durchschnittlich größer oder schwerer waren als die in 
demselben Alter stehenden in den wohlhabendsten Stadtteilen in Wohnungen mit 
gleichviel Räumen lebenden Kinder. Doch sind das nur Ausnahmefälle, die am 
häufigsten bei den vier- oder mehrräumigen Wohnungen beobachtet werden konnten. 

H. Fehlinger. 

Neißer, E. I . 9 Internationale Übersicht über Gewerbehygiene. 
Nach den Berichten der Gewerbeinspektion der Kulturländer. Nr. 1 der Bibliothek 
für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik und die Grenzgebiete von 
Volkswirtschaft, Medizin und Technik. Berlin, Gutenberg-Druckerei. 352 S. 
M. 10,00. 1907. 

Der Verfasser gehört zu den sich mehrenden Nationalökonomen, die sich mit 
Vorliebe auf den Grenzgebieten der Volkswirtschaft und Medizin literarisch be¬ 
tätigen. In der vorliegenden Abhandlung hat E. I. Ne iß er aus den Gewerbe¬ 
inspektionsberichten der Kulturländer aus dem Jahre 1905 das Tatsachenmaterial 
über Vorkommen, Ursachen und Bekämpfung der Gewerbekrankheiten zusammen¬ 
getragen. Der erste Teil umfaßt die einzelnen Krankheiten, der zweite die sani¬ 
tären Verhältnisse in den Arbeits- und Unterkunftsräumen, der dritte die Wohl¬ 
fahrtseinrichtungen. Ein sorgfältiges Sachverzeichnis erleichtert die Benutzung 
des für jeden Fachmann wertvollen Buches, in dem eine Fülle von gewerbe¬ 
hygienischen Einzelheiten zusammengedrängt und trotzdem geschickt gruppiert 


















Keferate. 


137 

worden sind. Es wäre erfreulich, wenn der Verfasser sich entschließen könnte, 
etwa alle drei oder fünf Jahre seine mühsame Arbeit zu wiederholen. Vielleicht 
trägt zur Erfüllung dieser Hoffnung der Umstand bei, daß das vorliegende Buch 
das erste Heft einer „Bibliothek für Soziale Medizin“ ist, die von R. Lennhoff 
herausgegeben wird. A. Grotjahn. 

Grotjahn, A., Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung im 
Lichte der Sozialen Hy giene. Leipzig, F. C. W. Vogel. 406 S. M. 10,00. 1908. 

In dem Krankenhauslexikon für das Deutsche Reich, das A. Guttstadt 
mit behördlicher Unterstützung herausgegeben hat, besitzen wir eine Darstellung 
des Status praesens des gesamten deutschen Krankenhaus-, Heil- und Pflegestätten¬ 
wesens um die Wende des Jahrhunderts, die bezüglich der Vollständigkeit und 
Zuverlässigkeit der in diesem monumentalen Werke aufgespeicherten Daten auch 
hochgespannten Ansprüchen Genüge leistet. Wenn daher im folgenden abermals 
der Versuch gewagt werden soll, das Krankenanstaltswesen einer zusammen¬ 
fassenden Betrachtung zu unterziehen, so konnte es sich nur darum handeln, auf 
Grund der Daten dieses Krankenhauslexikons und des aus anderen Quellen ge¬ 
wonnenen Materiales die Art der bisherigen Entfaltung des Hospital¬ 
wesens, die sich zeigenden Entwicklungstendenzen und die daraus für 
die Zukunft zu erwartende Gestaltung des Heil- und Pflegestättenwesens 
zu ermitteln und darzustellen. Auch konnte von allen Einzelheiten, die die tech¬ 
nische Seite des Krankenhauswesens betreffen und die in anderen Werken, so be¬ 
sonders dem von G. Liebe, P. Jacobsohn und George Meyer heraus¬ 
gegebenen „Handbuch der Krankenversorgung und Krankenpflege“ eine eingehende 
Darstellung gefunden haben, abgesehen werden. Es kam hier ausschließlich da¬ 
rauf an, das Krankenhauswesen in seiner Abhängigkeit von der modernen Ent¬ 
wicklung der praktischen Medizin und besonders von der sozialpolitischen 
Entwicklung der letzten Jahrzehnte, soweit sie in der an Beziehungen zur Medizin 
so reichen Arbeiterversicherung ihren Niederschlag gefunden hat, zu schildern. 

Krankenanstalten sind für erkrankte, verletzte und sieche Individuen da; 
mit Recht behandeln die bisherigen Publikationen daher die Krankenhausfrage 
vornehmlich vom Standpunkte der höchsten Zweckmäßigkeit für die Behandlung 
und Verpflegung dieser kranken und siechen Personen Im vorliegenden Buche ist 
dieser Standpunkt selbstverständlich nicht vernachlässigt worden, daneben aber auch 
mit Nachdruck auf die Tragweite aufmerksam gemacht worden, die sowohl die 
Wohltaten des Krankenanstaltswesens als auch die Kosten desselben für die 
Gesamtheit der Bevölkerung besitzen. Die finanzielle Seite ist deshalb 
besonders eingehend besprochen worden. 

Aus der Darstellung selbst ergibt sich, daß wir es bei der Entwicklung 
des Hospitalwesens in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts mit 
einem gleichmäßig verlaufenden, aber sich immer mehr verallgemeinernden Prozeß 
zu tun haben, der ohne in das Volksbewußtsein eingetreten zu sein und dadurch 
eine bewußte Förderung erfahren zu haben, doch seinen unaufhörlichen Fortgang 
genommen hat. Dieser Prozeß läßt sich kurz dahin präzisieren: das moderne 
Krankenhaus-, Heil- und Pflegestättenwesen strebt überall nach der Hospitali¬ 
sier ung der an akuten, heilbaren Krankheiten oder Unfallverletzungen leidenden 
Individuen und nach der Asylisierung der an chronischem und unheilbarem 
Siechtum Leidenden, während die Fürsorgebehandlung sich als ein Zwischenglied 




Referate. 


138 

einschiebt für jene Patienten, bei denen erst längere Beobachtung und ausge¬ 
dehnte Behandlung erweisen kann, zu welcher Kategorie sie gehören. 

Diesen Prozeß in dem proteusartigen Bilde unseres Krankenhauswesens 
nachzuweisen, ist der Hauptzweck des Buches. Denn wenn dieser Prozeß als 
solcher erst klar erkannt und in das öffentliche Bewußtsein übergegangen ist, 
so kann er durch die verschiedensten Maßnahmen mehr gefördert, beschleunigt, 
verallgemeinert, überhaupt rationeller gestaltet werden, als wenn er seinem natür¬ 
lichen, ungeregelten Entwicklungsgänge überlassen bleibt. Da die Förderung 
dieses Prozesses aber nur dann gerechtfertigt sein würde, wenn der Vorgang selbst 
als ein segensreicher zu betrachten ist, so mußte untersucht werden, ob dieser 
Prozeß derHospitalisierung und Asylisierung überhaupt als Fortschritt 
zu begrüßen und wieweit er ökonomisch zu ertragen ist. In den letzten 
Jahrzehnten sind Stimmen laut geworden, die der wachsenden Fürsorge für die 
Kranken und körperlich minderwertigen Elemente den Vorwurf machen, daß sie 
diese Elemente vor einer im Interesse des Ganzen liegenden rechtzeitigem Unter¬ 
gänge bewahre, ihnen die Fortpflanzungsmöglichkeit erhalte und so zur körper¬ 
lichen Minderwertigkeit späterer Generationen führe. Demgegenüber läßt sich 
zeigen, daß die Ausscheidung und Festhaltung des defekten Teiles der Bevölkerung, 
wie sie ein ausgedehntes Hospital- und Asylwesen mit sich bringt, sozusagen eine 
Amortisation der Minderwertigen darstellt, die als eine wichtige Prophylaxe der 
Entartung anzusehen ist. Im Zusammenhänge hiermit wird endlich erörtert 
werden, wie die Hospitalisierung und Asylisierung auf die Verminderung der In¬ 
fektionskrankheiten, der Kriminalität und der Vagabondage einwirkt. Es ergeben 
sich auch hier Beziehungen zwischen Krankenhauswesen und mannigfachen Er¬ 
scheinungen des sozialen Lebens, aus denen hervorgeht, daß das Krankenhaus-, 
Heil- und Pflegestättenwesen nicht nur vom Standpunkte der Fürsorge für die 
Kranken und siechen Individuen sondern in ebenso hohem Grade von dem 
der Wohlfahrt der Gesamtbevölkerung und der Sozialen Hygiene 
betrachtet zu werden verdient. Mit besonderer Sorgfalt werden bei der Be¬ 
sprechung des Anstaltswesens die Versuche im Zusammenhänge dargestellt, die 
man in den Blinden-, Taubstummen- und Irrenanstalten schon seit Jahrzehnten, 
den Epileptikern-, Nerven-, Trinker- und Lungenheilstätten aber erst in letzter 
Zeit angestellt hat, um durch die den Kräften der Insassen angepaßte körperliche 
Arbeit dem subjektiven Befinden der Kranken zu nützen und zugleich die Kosten 
des Anstaltsbetriebes zu vermindern. Das auf diese Frage bezügliche Material 
sowie das über die Kosten der Anstalten, das in dieser Vollständigkeit bisher wohl 
noch nicht veröffentlicht wurde, wird hoffentlich auch denen willkommen sein, die 
den allgemeinen Ausführungen und Schlußfolgerungen sich zurzeit noch nicht an¬ 
schließen können. Auto-Referat. 





Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene 
und Medizinalstatistik in Berlin. 1 ) 

Sitzung vom 17. Oktober 1907. 

Vorsitzender: Herr May et. Schriftführer: Herr R. Lennhoff. 

Herr J. Boas trägt vor über: „Wissenschaftlich-ärztliche Auskunfteien 44 , 
Mancher von Ihnen wird es als einen peinlichen Übelstand empfunden haben, daß 
uns das weitere Schicksal zahlreicher Kranker unbekannt bleibt. Erfahrungsgemäß 
geht bei dem Wanderzuge, den die kranke Menschheit heutzutage nun einmal 
nimmt, der ärztlichen Wissenschaft ein großes und wertvolles Material verloren. 

Ich halte dieses, den Ausbau der Wissenschaft hemmende Moment für ein 
sehr erhebliches, ja, ich gehe wohl nicht zu weit, wenn ich den Satz ausspreche, 
daß in keinem Material so viel Fortbildungsstoff für den Arzt steckt, als in dem¬ 
jenigen, welches ohne Heilung oder Besserung zu finden unsere Sprechstunden, 
unsere Heilanstalten oder auch die großen Krankenhäuser verläßt. 

Es ist ja bekannt, wie zahlreiche Krankheiten, innere und äußere, zunächst 
larviert beginnen und dadurch schlechterdings ein sicheres Urteil unmöglich 
machen. Erst der weitere Verlauf, eventuell der schließliehe Ausgang in Heilung, 
Besserung oder umgekehrt in Tod zeigt uns das bisher verschleierte Bild in voller 
Deutlichkeit. Hierzu gehören auch die sogenannten seltenen und interessanten 
Fälle, die wir wohl einmal vorübergehend sehen, die uns aber schließlich aus den 
Augen kommen und so dem Ausbau und Fortschritt der Wissenschaft entgehen. 
Noch schlimmer steht es um den Verlust, den wir hierbei hinsichtlich der Therapie 
erleiden. Jeder Arzt hat Erfolge und Mißerfolge. Gerade die letzteren wirken 
entmutigend auf ihn, wecken gelegentlich Zweifel an seinem oder dem Können 
überhaupt. Gern möchten wir in solchen Augenblicken wissen, ob diese Mi߬ 
erfolge nur unsere oder die unseres augenblicklichen wissenschaftlichen Stand¬ 
punktes sind, mit einem Worte, ob andere Ärzte da Erfolge auf weisen, wo sie 
uns nicht beschieden sind. Wir lernen ja nur aus unseren Fehlern. Aber wie 
sollen wir unsere Fehler und die Erfolge anderer beurteilen, wenn wir das weitere 
Schicksal der Kranken nicht verfolgen können? Statt authentischer Nachrichten 
erhalten wir dann wohl einmal indirekt meist lückenhafte Mitteilungen durch 


J ) Nach den Verhandlungen der Gesellschaft, abgedruckt in Nr. 44, 46 u. 
50 der „Medizinischen Reform“, 1907. herausg. von R. Lennhoff. 





140 Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 

Angehörige, die uns von einer Wunderkur berichten bei Kranken, die wir uns 
zu heilen vergeblich bemüht haben. Was ist hieran Wahrheit, was Dichtung? 
Oder umgekehrt, wir erleben plötzlich ungünstige Wendungen des Krankheits- 1 
Verlaufes, ja einen tödlichen Ausgang, wo wir einen günstigen mit Wahrschein¬ 
lichkeit vorausgesehen oder sogar angegeben haben. Oder wir hören gelegentlich 
von auffallenden Erfolgen eines von uns angewendeten neuen Mittels oder einer 
neuen Heilmethode, ohne imstande zu sein, den Sachverhalt exakt und objektiv 
nachzuprüfen. Überall sind wir in der Kegel auf indirekte Nachrichten ange¬ 
wiesen, bisweilen fehlen sie uns ganz. Besonders für die ärztliche Statistik macht 
sich der Mangel fortlaufender Beobachtungen in störender Weise bemerkbar. 
Speziell bei kleineren Statistiken kann das Fehlen einiger weniger günstiger oder 
ungünstiger Fälle das ganze Bild nach der einen oder anderen Richtung hin total 
verschieben, ja auch bei größeren Statistiken und bei dem besten Willen einer 
ehrlichen und zuverlässigen Sichtung stoßen wir bezüglich der Verwertung des 
Materials nach einer bestimmten Richtung auf die größten Schwierigkeiten, die 
wiederum mit dem Fehlen nach dem endgültigen Schicksal zahlreicher Kranken 
in engster Verbindung stehen. Was ist nun bisher geschehen, um diesen Miß- 
ständen zu begegnen? 

Im ganzen kann man sagen: wenig! Zwei Wege standen uns bisher offen, 
um hier Remedur zu schaffen: 1. direkte Anfragen bei den Kranken selbst bzw. 
bei den Ortsbehörden, 2. bei Ärzten oder Heilanstalten. Was den ersten Weg 
betrifft, so ist er, so wie es augenblicklich steht, wie jeder Erfahrene zugeben 
wird, nur selten von objektivem, wissenschaftlich oder statistisch verwendbarem Wert. 

Etwas besser steht es mit der Anfrage bei Behörden, die aber naturgemäß 
nur über den Todes- oder Lebensfall Auskunft geben können, nicht aber über 
Verlauf, Art der Behandlung, etwaige operative Eingriffe usw. Der zweite, er¬ 
folgreichere Weg besteht in Anfragen bei den Ärzten, welche später die Behand¬ 
lung übernommen haben. Soweit wir diese kennen, werden Anfragen nach meinen 
Erfahrungen häufig prompt beantwortet. Aber zuweilen bleibt auch die Antwort 
aus oder befriedigt uns nicht, und wir verzichten darauf, die betreffenden Kollegen, 
vorausgesetzt, daß sie uns nicht nahestehen, nochmals zu belästigen. 

Ich möchte da zunächst einige allgemeine Grundsätze aussprechen, von 
denen aus mein Vorschlag zur Begründung wissenschaftlich-ärztlicher Auskunfteien 
in ein richtiges Licht gerückt wird. Der erste betrifft eine bessere ethische Be¬ 
lehrung des Volkes hinsichtlich seiner Mitarbeit an medizinisch wichtigen Fragen. 

Nach der bisherigen Auffassung gehört die Krankheit des Menschen nur ihm 
selbst an, sie interessiert die Gesamtheit so wenig, wie es sie etwa interessiert, 
welchen Rock oder welche Weste sein Nachbar trägt. Wir wissen aber schon 
aus dem Gebiete der Infektionskrankheiten und aus den für diese vom Staate 
erhobenen Präventivmaßregeln, daß dieser Standpunkt keineswegs ein unbegrenzt 
gültiger ist. 

Sobald einmal die eben entwickelten Grundzüge anerkannt sind, wird die 
Einzelgestaltung keine erheblichen Schwierigkeiten unterliegen. Im folgenden 
werde ich versuchen, die Frage der wissenschaftlichen Ärzteauskunfteien im 
speziellen auszuführen. Sie zerfällt gemäß den obigen Erörterungen in zwei 
Teile: zunächst die Mitwirkung der Kranken selbst, sodann der Ärzteschaft. 

Was die erstere betrifft, so wird sie am besten so zu erreichen sein, daß 
wir die Kranken in einschlägigen Fällen immer mehr daran gewöhnen und dazu 
erziehen, uns auch nach Ablauf der Behandlung oder bei Austritt aus derselben 




Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 141 

auf Verlangen Nachricht über den weiteren Krankheitsverlauf zu geben, sowie 
den oder die Namen der später die Behandlung übernommen habenden Ärzte mit¬ 
zuteilen. Diese Auskünfte müssen kurz, aber bestimmt formuliert sein, wenn sie 
uns eine brauchbare Unterlage für wissenschaftliche oder statistische Zwecke 
bieten sollen. Bei dieser Gelegenheit wird es sich auch empfehlen, dem Kranken 
einen gedruckten Hinweis auf Zwecke und Ziele der ärztlichen Auskunfteien in 
die Hand zu geben. 

Der wichtigste Teil der Organisation betrifft aber die Mitwirkung der 
Ärzte weit. Ihr fällt die Aufgabe zu, dem anfragenden Arzte oder Kranken¬ 
hausvorstand eine möglichst genaue, auf einem Formular vorzuzeichnende Aus¬ 
kunft zu geben, wie er auch das Recht hat, die Beantwortung von ihm aus¬ 
gehender Fragen in demselben oder in anderen Krankheitsfällen zu verlangen. 
Die Auskunft soll sich beziehen auf die Diagnose, den Krankheitsverlauf, die 
Dauer, die angewandte Therapie, deren Erfolg, den schließlichen Ausgang, das 
etwaige Resultat und den Befund bei einer Operation, schließlich das etwaige 
Ergebnis der Autopsie. Falls sich der Name des oder der zuletzt die Behandlung 
übernommen habenden Ärzte durch Anfragen bei den Patienten nicht eruieren 
lassen, so wären die gegebene Instanz für weitere Recherchen die lokalen Ärzte¬ 
kammern, deren Vorstand für Verbreitung der Anfrage in ihrem Bezirk Sorge 
tragen würden. Eventuell wäre eine diesbezügliche Verständigung, die, wie ich 
glaube, kaum auf Schwierigkeiten stoßen würde, angebracht. 

Die wesentliche Aufgabe des Syndikates soll vielmehr darin gipfeln, solche 
Krankheitsfälle in ihrem Verlaufe und Ausgang weiter zu verfolgen, die geeignet 
sind, schwebende wissenschaftliche Fragen zu klären. Ist es doch allen Ärzten 
und Naturforschern bekannt, daß eine einzige gute, lückenlos durchgeführte Be¬ 
obachtung einen unendlich größeren Wert besitzt, als zahllose lückenhafte und 
unvollständige. Von besonders großer Bedeutung dürften diese Bestrebungen nach 
meiner Ansicht für die großen Stätten der wissenschaftlichen Aus- und Fort¬ 
bildung werden: für die klinischen Institute, die ärztlichen Akademien und die 
großen Krankenhäuser. Hier bildet ein systematisch organisierter Nachrichten¬ 
dienst eines der wichtigsten Hilfsmittel für den Fortschritt in der Medizin. Es 
sollten daher in diesen Anstalten besondere Assistentenstellen geschaffen werden 
wesentlich zu dem Behufe dauernder Recherchen über den Verlauf und Ausgang- 
wichtiger und lehrreicher Krankheitsfälle. Daß ein großer Teil, ja vielleicht der 
größte Teil der deutschen Ärzte, der Förderung dieser Bestrebungen geneigt sein 
dürfte, das unterliegt für mich keinem Zweifel. Der Vorteil für jeden einzelnen 
ist zu einleuchtend, als daß er sich nicht freudig einer Bewegung anschließen 
würde, die ihm in jedem Falle Aufklärung und Belehrung bringen wird. Ich 
hoffe aber auch, daß die Universitätskliniken, die städtischen und staatlichen 
Krankenhäuser, sowie die Privatheilanstalten aus der pflichtgemäßen Erteilung 
von Antworten auf diesbezügliche Anfragen gegenseitig außerordentliche Vor¬ 
teile für die wissenschaftliche und statistische Verwertung ihres Materials ziehen 
werden. 

Wo dem klinischen Lehrer und Forscher der schließliche Ausgang eines ihn 
interessierenden Falles, wo dem pathologischen Anatomen der klinische Verlauf 
als Ergänzung seiner Befunde fehlte, da wird durch die Gründung einer wissen¬ 
schaftlichen Ärzteäuskunftei die Möglichkeit geschaffen sein, sich gegenseitig zu 
unterstützen und zu fördern, das wissenschaftliche Material des einzelnen der Ge¬ 
samtheit zugute kommen zu lassen. 




142 Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 

Sie ersehen daraus, meine Herren, daß in der Begründung einer derartigen 
Organisation ein Mittel zur Fortbildung der Arzte liegt, das sich getrost den 
ähnlichen zurzeit bestehenden Einrichtungen, deren Bedeutung ich keineswegs 
gering anschlage, zur Seite stellen läßt. Und wenn man bedenkt, daß dieses 
Fortbildungsmittel nicht bloß einer beschränkten Zahl von Ärzten, sondern, wie 
ich zu hoffen wage, einem großen Teile derselben zugute kommt, und wenn man 
ferner bedenkt, daß dies ein mit den denkbar geringsten Kosten verbundenes 
Mittel ist, so kann man die Erwartung aussprechen, daß sich dieser Plan all¬ 
mählich zu einem wichtigen, ja vielleicht dem wichtigsten Fortbildungsmittel der 
Ärzte ausgestalten dürfte. 

Sitzung vom 31. Oktober 1907. 

Vorsitzender: Herr May et. Schriftführer: Herr Lennhoff. 

Herr Pistor trägt vor über den „Entwurf zum Reichsapothekengesetz 64 . 
Der Grundgedanke dieses Entwurfes ist die Personalkonzession. Man hat bei der 
Regierung die Schäden der bisherigen Systeme erkannt und will unter Wieder¬ 
aufnahme des Bundesratsbeschlusses vom 22. Februar 1876 für alle in Zukunft 
zu errichtenden Apotheken die Unverkäuflichkeit derselben einführen. Dagegen 
ist nun von seiten der besitzenden Apotheker ein großer und weittragender 
Widerspruch erhoben worden, der aber im September d. J. dadurch sein Ende 
gefunden hat, daß der Deutsche Apothekerverein in seiner Jahresversammlung 
zu Eisenach beschlossen hat, für die neu zu errichtenden Apotheken mit der 
Personalkonzession sich einverstanden zu erklären. 

Ich übergehe die Zwischenverhandlungen, die von den Apothekern in ver¬ 
ständiger Weise geführt waren, und bemerke, daß nunmehr ein kolossales An¬ 
schwellen der Preise stattfand. 

Der Entwurf ist im ganzen annehmbar. Wenn er Gesetz werden sollte, dann 
ist notwendig, daß von seiten der Regierung und von seiten der Apotheker gegen¬ 
seitig Kompromisse gemacht werden. Werden die Apotheken, die jetzt verkäuf¬ 
lich, abgelöst, dann hat Deutschland oder Preußen Apotheken, die fortwährend 
ihren Besitzer ernähren können und ihm in besseren Lagen auch gestatten, ein 
hübsches Kapital zurückzulegen. Um nun aber den Besitzern geringerer Werte 
die Möglichkeit zu gewähren, auch einmal in bessere Verhältnisse zu kommen, 
ist in Preußen schon eingeführt worden, daß ein Besitzer, der seine Berechtigung 
unter der Bedingung zurückgibt, daß ihm nur der reale Wert der Einrichtung 
und der Waren ersetzt werden soll, in eine Personalkonzession eintreten kann, 
die ihm eine Entschädigung bietet. Wenn man dieses Prinzip weiter verfolgt, 
so ist eine Garantie gegeben, die sehr wohl zum Guten führen kann. Welches 
Gesetz es auch sei, sei es für die Apotheke oder für die Ärzte oder für einen 
beliebigen anderen Beruf, einige Unbefriedigte werden immer bleiben. So werden 
auch bei jeder Apothekenreform nicht alle Wünsche der Konzessionsanwärter be¬ 
friedigt werden. Immerhin werden die Berücksichtigten in der Lage sein, sich 
ernähren und unter Umständen auch mehr erwerben zu können. Die Verschuldung 
der Apotheker wird durch eine schnellere Ablösung aufgehoben werden. 

Sitzung vom 14. November 1907. 

Vorsitzender: Herr May et. Schriftführer: Herr R. Lennhoff. 

Herr V. Leo trägt vor über die „wirtschaftliche Organisation der 
geistigen Arbeiter 4 * und exemplifiziert auch auf den Ärztestand, der seit 1901 




Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 143 

sich im „Leipziger Verband der Ärzte zur Wahrung der wirtschaftlichen Inter¬ 
essen der Ärzte Deutschlands“ eine Organisation geschaffen hat, die hochbedeutend 
ist und die vor 10 Jahren keiner für möglich gehalten haben würde. Dem Ver¬ 
bände gehören heute etwa 20000 Ärzte an. Die Zahl der Ärzte in Deutschland 
wird auf etwa 32000 geschätzt. Es sind also etwa zwei Drittel der deutschen 
Ärzte im Leipziger Verband zusammengeschlossen. Der Verband hat heute 124 
Sektionen und 1113 Obmänner, im ganzen also 1237 Vertreter, die werbend für 
ihn tätig sind. 

Was hier für einen Stand in wenigen Jahren geschaffen ist, hat durchaus 
seine Analogien in der gewerkschaftlichen Organisation der Handarbeiter. Das 
Mittel zur Wahrung der wirtschaftlichen Interessen des Arztes ist entweder der 
Tarifvertrag, den der Verband mit den Kassen schließt und durch den er 
Arztsystem und Modus der Bezahlung einheitlich regelt, oder es ist der Abschluß 
des Einzelarbeitsvertrages des Arztes, unter Beihilfe und nach dem Gut¬ 
achten des Verbandes, zu „standeswürdigen“ Bedingungen. Damit soll ein un¬ 
berechtigter Druck auf den Arzt ausgeschaltet und die Untergrenze seiner Be¬ 
zahlung sichergestellt werden. Genau wie die Gewerkschaft der Handarbeiter 
kennt der Verband die Arbeitslosenunterstützung, um dem einzelnen zu ermög¬ 
lichen, sich über Wasser zu halten, bis er eine angemessene Stelle findet. Und 
genau ebenso figuriert bei Konflikten als ultimo ratio Streik und Sperre, deren 
sich der Verband in seinem jungen Leben gelegentlich schon kräftig bedient hat. 
Daß hier hinsichtlich Streik gewisse Einschränkungen zu machen sind, die sich 
aus den Aufgaben des ärztlichen Standes ergeben, sei hier nur gestreift. Die 
Erfolge des Verbandes sind erheblich. Der Verband glaubt, daß es ihm gelungen 
ist, durch seine Vertragsabschlüsse das jährliche Einkommen seiner Mitglieder 
um etwa 8 Millionen Mark zu steigern. Ob das ganze Vorgehen des Leipziger 
Verbandes in allen Punkten berechtigt ist oder nicht, ob seine Stellung zur freien 
Arztwahl berechtigt ist oder nicht, und alle sonstigen Streitfragen, will ich hier 
nicht entscheiden. Mir genügt hier, er ist da, hat sich nach den geschilderten 
Gesichtspunkten aufgebaut und wirkt in diesem Sinne. Das Prinzip der kollek¬ 
tiven Regelung der Arbeitsbedingungen, das heute bei den Handarbeitern un¬ 
aufhaltsam sich Bahn bricht, das hat man sich hier zunutze gemacht. Solche 
kollektiven Regelungen sind auch anderen Stellen als Kassen gegenüber durch¬ 
geführt. Ich erinnere Sie daran, daß der Leipziger Verband auch mit unseren 
großen deutschen Schiffahrtsgesellschaften nach vorangegangener Sperre am 1. Mai 
1906 ein Abkommen über Arbeits- und Gehaltsverhältnisse der Schiffsärzte auf 
allen deutschen Dampferlinien einheitlich getroffen und günstigere Bedingungen 
für diese erzielt hat. Das Prinzip der kollektiven Regelung setzt sich immer 
weiter durch. Die Ortskrankenkassen regeln in dieser Weise die Verhältnisse 
mit ihren Angestellten, die Konsumvereine desgleichen, und wie gesagt, auch 
hier, bei den Ärzten, ist das gleiche Bild. Der Charakter der Vertrags- und der 
Kampfmethoden ist von der Handarbeit übernommen. Die Kampfmittel des ge¬ 
werblichen Koalitionsrechts werden von dem Leipziger Verbände als ultimo ratio 
in Anwendung gebracht. Das Bemerkenswerte ist nun, daß es sich hier nicht 
um eine alleinstehende Erscheinung handelt, sondern daß in einer Reihe von 
anderen Berufen sich ähnliche Entwicklungen witschaftlicher Organisation finden. 





Druckschriften-Einlauf. 


144 

Drucksclmfteii-Einlauf. 

W. Weinberg, Die Württembergischen Familienregister und ihre Be¬ 
deutung als Quelle wissenschaftlicher Untersuchungen. Sonderabdruck aus 
Württemb. Jahrb. f. Statistik u. Landeskunde, Jahrg. 1907, H. 1. — V. 
Rigauer, Erfahrungen und Erkenntnisse eines praktischen Arztes während 
einer 50jährigen Praxis, München 1907, J. F Lehmann (0,50 M.). — J. Petersen, 
Die öffentliche Fürsorge für die hilfsbedürftige Jugend. Aus Natur und Geistes¬ 
welt. 161. Bändchen, Leipzig 1807, B. G. Teubner (1,00 M.). — C. Kreibig, 
Die fünf Sinne des Menschen. Aus Natur und Geisteswelt. 27. Bändchen, 2. Auf!., 
Leipzig, B. G* Teubner (1,00 M.). — W. Prausnitz, Grundzüge der Hygiene 
unter Berücksichtigung der Gesetzgebung des Deutschen Reichs und Österreich. 
8. erweiterte und vermehrte Auflage, München 1908, J. F. Lehmann (8,00 M.) — 
H. Bollenhagen, Schwangerschaft und Tuberkulose. Würzburger Abhdlgn. 
aus dem Gesamtgebiet der praktischen Medizin VIII. Bd., Heft 1, Würzburg 1807, 
A. Stübers Verlag (0,85 M.). — Statistisch Jaarboek der Gemeente Amsterdam. 
Uitgegeven door het Bureau van Statistik der Gemeente. 8e Jaargang 1903 en 
1904, Amsterdam 1907, J. Müller (F. 1,60). — H. Klose, Rationelle Kinderer¬ 
nährung von der Geburt bis zum Alter von 2 Jahren. Sonderabdr. aus Arch. f. 
Kinderheilk. Bd. XXXXV, H. 3 u. 4. — K. Croissant, Zur Frage der Dauer¬ 
erfolge der Lungenheilstätten. Sonderabdr. aus Münch, med. Wochenschr. 1907, 
Nr. 47. — Invalidenversicherung und Wohlfahrtspflege. Alte und neue Ziele für 
die Invalidenversicherung. M.-Gladbach 1907, Zentralstelle des Volksvereins für 
das katholische Deutschland (0,60 M.). — E. v. Leyden, Populäre Aufsätze und 
Vorträge. Deutsche Bücherei Bd. 67—70, Berlin, Verlag Deutsche Bücherei (jeder 
Band 0,30 M.). — Bericht des Verbandes der Genossenschafts-Krankenkassen Wiens 
samt der Statistik der Verbandskassen für das Jahr 1906, Wien 1907, Verlag des 
Verbandes.— K. Hecht, R. Kimming, M. Georgii, Die rückwirkende Kraft 
des künftigen Reichsgesetzes über den Versicherungsvertrag. Veröffentl. des D. 
Vereins f. Versicherungswissensch. Heft XIV, Berlin 1907, E. S. Mittler u. Sohn.. 
— Die Bergwerksinspektion in Österreich. Berichte der k. k. Bergbehörden über 
ihre Tätigkeit im Jahre 1905 bei Handhabung der Bergpolizei und Beaufsichtigung 
der Bergarbeiterverhältnisse. Veröffentlicht vom k. k. Ackerbauministerium, XIV. 
Jahrg, 1905, Wien 1907, Manz’sche Hof- u. Universitäts-Buchhdlg. — E. Metsch- 
nikoff, Beiträge zu einer optimistischen Weltauffassung. Übersetzt von H. 
Michalski, München 1908, J. F. Lehmanns Verlag (6,00 M.). — R. Martin, System 
der physischen Anthropologie und anthropologischen Bibliographie. Sonderabdr. aus 
Korrespondenzbl. d. D. Anthrop. Gesellschaft XXXVIII, H. 9—12. —W. Kampe, 
Der Säugling, seine Ernährung und seine Pflege. Aus Natur und Geisteswelt. 
154. Bändchen, Leipzig, B. G. Teubner (1,00 M.). — L. v. Wolf ring, Der erste 
österreichische Kinderschutz-Kongreß zu Wien 1907. Sonderabdr. aus Jahrb. d. 
Schweiz. Gesellschaft für Schulgesundheitspfl. 1907. — Soweit die einge¬ 
sandten Publikationen aus Platzmangel in der „Zeitschrift für Soziale Medizin w 
nicht besprochen werden können, werden sie im „Jahresbericht über Soziale 
Hygiene“, hrsg. von A. Grotjahn und F. Kriegei, der alljährlich im Juni 
erscheint, eine Besprechung finden. Daselbst vgl. auch Chronik, Kongresse, 
Gesetzestafel und vollständige Bibliographie der Sozialen Hygiene und der Sozialen 
Medizin. 





Berufs- oder Sammel-Vormundschaft. ’.) 

Von Amtsgerichtsrat Landsberg, Lennep. 

Es ist heute nicht meine Aufgabe zu kritisieren und zu kon¬ 
struieren, sondern darzustellen, was ist und was aller Voraussicht 
nach werden wird. 

Unser BGB. kennt zwei regelmäßige Formen der Gewalt zum 
Schutze der Unmündigen: Die elterliche Gewalt und die vormund¬ 
schaftliche Gewalt. Beide Gewalten sind zugleich Beeilt und Pflicht, 
Und sie umfassen die Sorge für die Person und die Sorge für das 
Vermögen. 

Die elterliche Gewalt wird ausgeübt von einem Elternpaare, 
bei dem regelmäßig die entscheidende Macht bei einer Person 
liegt. Die vormundschaftliche Gewalt ist gleichfalls in der Begel 
einer Person anvertraut, gedacht als Ersatz für den Vater oder 
für die gewalthabende Mutter. Diese Gewalten sind nicht unteil¬ 
bar. Sie können je nach Umständen einer Vielheit zustehen: Das 
Sorgerecht kann dem Vater nach § 1666 entzogen und einem Pfleger 
übertragen sein, während sein Vermögensrecht fortdauert, oder 
umgekehrt. Der Vormund hat oft nur das Recht der Vermögens- 
Verwaltung und der Vertretung nach außen, während die Sorge für 
die Person der Mutter zusteht, z. B. der unehelichen Mutter oder 
der wiederverheirateten Witwe des Vaters. 

Endlich können mehrere Vormünder die verschiedenen Zweige 
der Sorge für das Mündel geteilt oder zusammenwirkend bearbeiten. 

Dementsprechend kann auch ein Vormund mehrere Vormund¬ 
schaften führen. 


x ) Vortrag, gehalten in einem Kursus des Vereins für Säuglingsfürsorge im 
Regierungsbezirk Düsseldorf. 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 10 





146 Lanclsberg, 

Das Ideal des BGB. ist die Einzelvormundschaft. Der Gedanke, 
daß jedes einzelne Kind einen einzelnen besonderen Schützer haben 
soll, ist ein bestrickender und für manche Verhältnisse ein gesunder 
Grundsatz. Aber vielfach hat sich erwiesen, daß für unbemittelte 
Kinder die Einzelvormundschaft verhältnismäßig selten ausreicht. 
Ferner versagt sie ganz allgemein zur Durchführung bestimmter 
Aufgaben, als: „Die Beitreibung des Unterhaltes für das Kind 
gegenüber dem Vater, der Mutter, auch gegenüber verpflichteten 
Behörden, z. B. der Armenverwaltung“; „die Beaufsichtigung ge¬ 
fährdeter oder gar verwahrloster Kinder.“ Daß die Einzelvormund¬ 
schaft so große Mißerfolge auf weiten Gebieten hatte, darf nicht 
wundernehmen, wenn man bedenkt, wie gering die Zahl zum Vor¬ 
mund geeigneter Personen in der Tat ist. An vielen Orten werden 
für unbemittelte Kinder unentwegt Fabrikarbeiter, Tagelöhner, 
kleine Reisende usw. vorgeschlagen und bestellt. Diese Personen 
haben meist keine Zeit und vielfach auch keine Fähigkeit, ihre 
Aufgaben durchzuführen. Führen sie doch recht oft nicht einmal 
die Erziehung ihrer eigenen Kinder durch. Soweit nicht die Frau 
auch in Fabrik oder Tagelohn ihre ganze Zeit verbringt, haben 
unsere Arbeiterkinder und auch sonst die Kinder weiter Kreise 
unseres Volkes eine ganz ausschließliche Muttererziehung. 
Der Vater erwirbt nur; er erzieht nicht. Und diese gleichen Väter, 
die ihre eigenen Kinder nicht erziehen, sollen nun als Vormünder 
die fremden Kinder beaufsichtigen. Um den hieraus resultierenden 
Übeln entgegenzutreten, hat man vielerorts die Damen gebildeter 
Stände, soweit sie keine vollständige Beschäftigung haben, mobil 
gemacht. Die lediglich Tennis spielende oder unausgesetzt Romane 
lesende Dame ist allerdings kein für unsere Tage passendes Wesen. 
Diesen Damen ist nun das Gewissen geschärft. Sie widmen sich 
öffentlichen Aufgaben. Sie nehmen auch Vormundschaften. Aber: 
auch unter ihnen ist die Zahl der Fähigen geringer, als man ge¬ 
meinhin annimmt. Und vor allem: ihre absolute Zahl ist gering. 
An vielen Orten gibt es gar keine geeigneten Damen. Und selbst 
in Städten wie Düsseldorf ist die Zahl der Geeigneten nicht so 
groß, daß man die Einzelvormundschaft allein durchführen könnte. 
Die befähigten Damen führen sehr bald mehrere, zuweilen viele 
Vormundschaften, sogar 25 . Diese Damen leisten uns und dem 
Volke unschätzbare Dienste, sie übertreffen die „Proletarier-Vor¬ 
münder stets an Intensität der Teilnahme, oft an Wärme des Mit¬ 
gefühls und manchmal an sittlichem Bewußtsein. Aber diese Hilfe 
reicht nicht aus, um den stets wachsenden Bedarf zu decken. 




Berufs- oder Sammel-Vormundschaft. 147 

Deshalb hat man auf eine Organisation zu sinnen, welche die 
Einzelvonnundschaft da ergänzt, wo sie nicht ausreicht, da ersetzt, 
wo sie versagt. Diese Organisation fand man in den General-, 
Berufs- und SammelVormundschaften: also einer Form der 
Vormundschaft, welche durch Intensität der Arbeit 
und durch große Befähigung ihrer Organe die Zahl 
ersetzen muß. Die Konzentration und Spezialisierung einer 
behördlich arbeitenden Stelle trat an die Stelle der ungeregelten 
Arbeit der einzelnen wie ein Großbetrieb an Stelle der vielen 
Einzelwirtschaften. 

Der Weg, den man zunächst nahm, war bereits durch tat¬ 
sächliche Verhältnisse vorgezeichnet oder durch gesetzgeberische 
Voraussicht gewiesen. Denn den Landesgesetzen hatte das EG. z. 
BGB. in Art. 136 die Möglichkeit von Vorschriften Vorbehalten, 
nach welchen 

1. der Vorstand einer unter staatlicher Verwaltung oder Aufsicht stehenden 
Erziehungs- oder Verpflegungsanstalt oder ein Beamter alle oder einzelne Rechte 
und Pflichten eines Vormundes für diejenigen Minderjährigen hat, welche in der 
Anstalt oder unter der Aufsicht des Vorstandes oder des Beamten in einer von 
ihm ausgewählten Familie oder Anstalt erzogen oder verpflegt werden, und der 
Vorstand der Anstalt oder der Beamte auch nach der Beendigung der Erziehung* 
oder der Verpflegung bis zur Volljährigkeit des Mündels diese Rechte und Pflichten 
behält, unbeschadet der Befugnis des Vormundschaftsgerichts, einen anderen Vor¬ 
mund zu bestellen; 2. die Vorschriften der Nr. 1 bei unehelichen Minderjährigen 
auch dann gelten, wenn diese unter der Aufsicht des Vorstandes oder des Beamten 
in der mütterlichen Familie erzogen oder verpflegt werden; 3. der Vorstand einer 
unter staatlicher Verwaltung oder Aufsicht stehenden Erziehungs- oder Ver¬ 
pflegungsanstalt oder ein von ihm bezeichneter Angestellter der Anstalt oder ein 
Beamter vor den nach § 1776 BGB. als Vormünder berufenen Personen zum Vor¬ 
munde der in Nr. 1, 2 bezeichneten Minderjährigen bestellt werden kann; 4. im 
Falle einer nach den Vorschriften der Nr. 1—3 stattfindenden Bevormundung ein 
Gegenvormund nicht zu bestellen ist und dem Vormunde die nach § 1852 BGB. 
zulässigen Befreiungen zustehen. 

Von dieser Ermächtigung hat Preußen an zwei Gesetzes¬ 
stellen Gebrauch gemacht. Einmal in Art. 78 AG. z. BGB., so¬ 
dann in § 12 FEG. Es ist das die sog. Anstalts- und Unterstiitzten- 
vormundschaft. 

Art. 78 § 1 AG.: „Der Vorstand einer unter der Verwaltung des Staates 
oder einer Gemeindebehörde stehenden Erziehungs- oder Verpflegungsanstalt hat 
für die in der Anstalt untergebrachten Minderjährigen die Rechte und Pflichten 
eines Vormundes. 

Die Rechte und Pflichten des Anstaltsvorstandes bestehen nur, solange das 
Vormundschaftsgericht nicht einen anderen Vormund bestellt hat. Der Vorstand 
behält die Rechte und Pflichten des Vormundes auch nach der Beendigung der 
Erziehung oder Verpflegung bis zur Volljährigkeit des Mündels.“ 

10 * 




148 Landsberg, 

Art. 78 § 4: „Auf Grund ortsstatutarischer Bestimmung können Beamten der 
Gemeindearmen Verwaltung alle oder einzelne Hechte und Pflichten eines Vor¬ 
mundes für diejenigen Minderjährigen übertragen werden, welche im Wege der 
öffentlichen Armenpflege unterstützt und unter Aufsicht der Beamten entweder in 
einer von diesen ausgewählten Familie oder Anstalt oder, sofern es sich um un¬ 
eheliche Minderjährige handelt, in der mütterlichen Familie erzogen oder verpflegt 
werden.“ 

§ 12 FEG.: „Auf Antrag des verpflichteten Kommunalverbandes kann, un¬ 
beschadet der Vorschriften des Art. 78 § 1 AG. z. BGB., der Vorstand einer unter 
staatlicher Aufsicht stehenden Erziehungsanstalt vor den nach § 1776 BGB. als 
Vormünder berufenen Personen zum Vormunde der auf Grund der §§ 3 ff. in der 
Anstalt untergebrachten Zöglinge bestellt werden. 

Das gleiche gilt für Zöglinge, die unter der Aufsicht des Vorstandes der 
Anstalt in einer von ihm ausgewählten Familie erzogen werden; liegt die Beauf¬ 
sichtigung der Zöglinge einem von dem verpflichteten Kommunalverbande be¬ 
stellten Beamten ob, so kann dieser auf Antrag des Kommunalverbandes statt des 
Vorstandes der Anstalt zum Vormunde bestellt werden. 

Neben dem nach den Vorschriften der Abs. 1, 2 bestellten Vormund ist ein 
Gegenvormund nicht zu bestellen. Dem Vormunde stehen die nach § 1852 BGB. 
zulässigen Befreiungen zu.“ 

Man sieht gleich: Da fehlt eine ganze Reihe von Kindern, die 
sachlich ganz in der gleichen Lage sind, wie die in staatlichen 
oder Gemeindeanstalten untergebrachten oder armenunterstützten 
Zöglinge. Die meisten der Verwahrlosungsgefahr ausgesetzt ge¬ 
wesenen Kinder befinden sich gar nicht in staatlichen oder Ge¬ 
meindeanstalten, sondern — vielfach mit kündbarer Zustimmung 
ihrer Eltern oder Privatvormünder — in Anstalten der Religions¬ 
gemeinschaften oder in Anstalten der Inneren Mission, des St. Vinzenz¬ 
vereins usw. Die Erziehung aller dieser Anstalten leidet darunter, 
daß ihr Werk in dem Augenblicke durch die „gesetzlichen“ Ver¬ 
treter des Kindes abgebrochen und zerstört wird, in welchem das 
junge Wesen erwerbsfähig, ausbeutbar wird. Es fallen ferner nicht 
unter die gesetzliche Vormundschaft diejenigen Kinder, an welchen 
die Gemeinden soziale Aufgaben erfüllen. Nun können zwar die 
Vormundschaftsgerichte die geeigneten Beamten auch zu Vor¬ 
mündern für diese Kinder bestellen, aber doch nur dann, wenn 
nicht die nach § 1776 in erster Linie Berufenen im Wege stehen, 
also praktisch hauptsächlich die Großväter. 

Dieser letzteren Schwierigkeit sucht das bayer. Ges. v. 23. 
Februar 1908, „die Berufs Vormundschaft betreffend“, 
entgegenzuwirken, indem er die Übergehung der nach § 1776 Be¬ 
rufenen gestattet. Von der Möglichkeit gesetzliche General¬ 
vormundschaften zu begründen, haben hauptsächlich unsere 
großen Städte Gebrauch gemacht. De facto stellt auch die Tätigkeit 




Berufs- oder Sammel-Vormundschaft. 149 

des über das Heer der Fürsorgezöglinge verfügenden Landeshaupt¬ 
mannes eine Generalvormundsehaft größten Stiles dar. Es würde ver¬ 
fehlt sein, diese umfassenden Generalvormundschaften als bloßes An¬ 
hängsel der Armenpflege zu betrachten. Sie sind vielmehr ein Stück 
Sozialpolitik und die Anfänge einer gewaltigen sozialen Arbeit. 
Was man der Generalvormundsehaft nachrühmt, das ist vor allem 
ihre Fähigkeit, „nach großen Gesichtspunkten“ zu arbeiten. Es 
sind die gleichen gesetzmäßigen Vorgänge, welche auch auf wirt¬ 
schaftlichem Gebiete die großen Kraftzusammenfassungen so 
erfolgreich, so wuchtig machen. Dort die Konzentration des 
Kapitals, der Arbeit, der Angriffs- und Abwehrveranstaltungen. 
Hier die Konzentration der Erfahrung, die einheitliche Verfügung 
über die vorhandenen Mittel (wer um 11 Uhr im hiesigen Rat¬ 
hause den Betrieb der Generalvormundsehaft ansieht, wird sich dem 
Eindruck einer machtvollen Organisation nicht entziehen können); 
während sonst die Armen Verwaltungen nur die Lasten hatten, 
während die gesetzlichen Vertreter der unterstützten Kinder die 
gewährten Unterstützungen verzettelten oder ungewandt und falsch 
verwendeten, sieht man bei General Vormündern überall sichere 
Pläne, auf lange vorausberechnete Ziele. „Häufig durchkreuzten 
sonst Angehörige oder dritte Personen aus selbstsüchtigen, oder 
auch wohlgemeinten, aber in ihrer weiteren Tragweite nicht er¬ 
kannten Beweggründen die das Wohl der Kinder betreffenden 
Anordnungen“. 1 ) Sonst verloren die Vormünder oft ihr Mündel 
leicht aus dem Auge und aus ihrem Machtbereich. Der Macht¬ 
bereich der Zentralstelle ist umfassender, und ein besserer Nach¬ 
richtendienst verbindet regelmäßig Vormund und Mündel. Die 
ungeheure Verschwendung freiwilliger Kräfte, welche für die 
Einzelvormundschaft über z. B. uneheliche Kinder durch die Alimen¬ 
tationsprozeß-Lauferei verursacht wurde, hat ein Ende und diese 
Kräfte werden für andere Arbeit frei. In den Städten mit General¬ 
vormundschaft nimmt sofort die Säuglingssterblichkeit rapide ab. 
Ja, es kommt vor, daß das Verhältnis der Sterblichkeit ehelicher 
und unehelicher Kinder sich vollständig umkehrt. Gewöhnlich 
sterben, wie Sie in anderen Vorträgen dieses Kurses gehört haben, 
weit mehr Säuglinge unehelicher als ehelicher Geburt. Sind aber 
die unehelichen unter Generalvormundsehaft, ohne daß sich eine 
Zentralstelle der ehelichen sanitär annimmt, so müssen oft die 
ehelichen die unehelichen beneiden. 

*) Aus Barthel mess: Ges. v. 23. Fehl - . 1903. München 1908, J. Schweitzer, 
Verlag. S. 11. 





150 Landsberg, 

Dennoch hat die Generalvormundschaft ihre mächtigen Gegner. 
Diese zerfallen in zwei Sorten. 

Die erste Kategorie befürwortet aus formal rechtlichen 
Gesichtspunkten die Einzelvormundschaft. Diese Einzelvormund¬ 
schaft sei das vom BGB. gewollte, müsse also auch als das 
Recht gelten und ä tout prix und überall verwirklicht werden. 
„Fiat justitia et pereat mundus“. Diese Art von Gegnern kann ich 
überhaupt nicht ernst nehmen. Sie sind vom Leben unseres Volkes 
und von der Erkenntnis ihrer wahren Aufgaben so weit getrennt, 
daß man sie wirklich nicht mehr zur Arbeit an unserem Volke 
gebrauchen kann. Aber wichtiger ist die Gruppe, welche nicht nur 
gegen die Generalvormundschaft, sondern gegen alle Arten der 
Kollektivvormundschaft den Einwand des Schematismus erhebt. Ob 
der Schematismus in den Städten mit Generalvormundschaft 
wirklich besteht, ist ja die Frage. Aber daß die Gefahr des 
Schematismus besteht, das ist zweifellos richtig. Schon ein Vor¬ 
mund, der 50 Vormundschaften führt, ist außerstande, die Geschäfte 
anders als wirklich geschäftsmäßig zu erledigen. Er ist zum 
Individualisieren, zum Warmwerden mit dem einzelnen Mündel so 
wenig imstande, wie der Lehrer einer zu großen Klasse bezüglich 
der Schüler, oder der Jugendrichter, wenn er in einer Sitzung 60 
Jugendliche aburteilen soll. Der Gedanke an diese Gefahr, daß 
der einzelne Mündel in der seelisch sittlichen Behandlung durch 
rein behördliche Behandlung zu kurz kommen könnte, hat aber 
überall, wo man Generalvormundschaft einführte, von vorhinein die 
Erwägungen beherrscht. Man sann auf Maßnahmen, dieser Gefahr 
entgegenzuwirken, ohne der Vorzüge der Zentralisation verlustig 
zu gehen. 

Das erste Mittel war die bessere Organisation der Hilfstruppen 
des Generalvormundes. Die Waisenpflegerinnen bekamen für jeden 
Bezirk eine besoldete Waiseninspektorin als Sammel- und Mittel¬ 
punkt. Zahl und Art der Besuche wurde festgesetzt. Die Qualität 
der Pflegerinnen wurde sorgsam geprüft. Die Lässigen und die zu 
oft Verreisten wurden still aber schonungslos aus der Liste ge¬ 
strichen. Ich habe in Straßburg Waisenpflegerinnen und Inspek- 
torinnen bei der Arbeit gesehen. Es ist ein Eifer und Treiben 
darin, den man nur bei eigenem Zusehen erkennt und würdigt. 
Er sticht besonders scharf ab gegen die widerwillige und ego¬ 
zentrische Art vieler unserer Einzelvormünder. 

Anderwärts zog man die anderen Formen der Berufsvormund¬ 
schaft der gesetzlichen Generalvormundschaft vor, also die „Berufs- 




Berufs- oder Sammel-Vormundschaft. 151 

Vormundschaft kraft Bestellung“. 1 ) „Bei dieser Art der Vormund¬ 
schaft ist die Mitwirkung des Richters hei der Bestellung des Vor¬ 
mundes Erfordernis. Der Vormund leitet seine Rechte ab aus der 
vom Vormundschaftsgerichte vorgenommenen Bestellung; sie stehen 
ihm nicht kraft Gesetzes zu. Das berufliche Moment kommt darin 
zum Ausdrucke, daß eine und dieselbe Person für eine größere 
Anzahl von Minderjährigen, aber für jeden besonders vom Vormund¬ 
schaftsgerichte zum Vormunde bestellt wird. Durch diese An¬ 
sammlung vieler Einzelvormundschaften in einer Person entsteht 
die Berufsvormundschaft. Die Hauptarten dieser Form der Bevor¬ 
mundung sind: 

a) Die Berufsvormundschaft eines Beamten (amtliche Sammel¬ 
vormundschaft). Hierbei wird ein Beamter, in der Regel der Be¬ 
amte einer Gemeinde zum Vormunde bestellt, teils mit teils ohne 
Umgehung der Personen, die nach dem B ein Recht darauf haben, 
in erster Linie zum Vormunde bestellt zu werden; 

b) Die Berufs Vormundschaft des Anstaltsvorstandes, bei der der 
Vorstand einer Anstalt oder ein Angestellter zum Vormunde für 
die in der Anstalt oder durch die Anstalt untergebrachten Minder¬ 
jährigen bestellt wird (Anstaltssammelvormundschaft); 

c) Sammelvormundschaften auf Grund Vereinbarungen 
vonPrivatpersonen, die Vereine mit charitativen Bestrebungen 
leiten und denen zahlreiche Hilfskräfte und hinreichende Geldmittel 
zur Verfügung stehen, und den Vormundschaftsgerichten, 
denen zufolge die Privatperson in einer Reihe von Fällen sich frei¬ 
willig zum Vormunde bestellen läßt (Vereinssammelvormundschaft).“ 

Es würde nicht wohl anstehen, eines dieser Systeme so zu 
bevorzugen, daß man alle Orte nach einer Schablone behandeln 
und die gleiche Form überall einführen wollte. So viel aber ist 
gewiß, daß überall — im kleinen Orte nicht minder wie in der 
Millionenstadt — die Berufsvormundschaft in irgendeiner Form 
ergänzend neben die Einzelvormundschaft treten muß, sonst werden 
wir den sogleich zu schildernden Aufgaben der Vormundschaft 
nicht gewachsen sein. 

Wir haben in unserem Orte Lennep alle drei Arten der Sammel¬ 
vormundschaft mit der Einzelvormundschaft verbunden. Sie greifen 
ineinander und werden bei ausdauernder Arbeit Lennep auch in 
anderer Beziehung zu der Höhe bringen, auf der es z. B. in der 
Sache der Säuglingssterblichkeit schon stellt. 


*) Aus Barthel me ss a. a. 0. S. 6. 





152 Landsberg, 

Für die Beitreibung der Unterhaltsbeiträge für die unehe¬ 
lichen Kinder sorgt ein rechtskundiger Sammelvormund, der dafür 
von der Stadt eine Vergütung erhält. Für die armenunterstützten 
Kinder anderer Art wird der Armensekretär Vormund, soweit kein 
besonders geeigneter Einzelvormund aufzutreiben ist. Für ge¬ 
fährdete Kinder werden Mitglieder des „Ausschusses für Jugend¬ 
fürsorge“ zu Erziehungspflegern bestellt. Für Gefährdete, welche 
untergebracht werden müssen, stellt der kirchliche Erziehungs¬ 
verein einen Vormund. Und die im Waisenhause, einem Stiftungs¬ 
und Vereinsunternehmen, untergebrachten sind meist vom Waisen¬ 
hausvater bevormundet. Sie sind stets artig gegen Besuchende 
und zwanglos freundlich in ihrem Benehmen, so daß ich glaube, 
sie sind in guten Händen. 

Durch die berufsmäßige Beitreibung der Alimentation nimmt 
der Sammelvormund den Einzelvormündern die für diese fast un¬ 
lösbare Aufgabe des Prozessierens und Lohnpfändens ab. Die 
Folge ist, daß die früher gemiedenen Vormundschaften über un¬ 
eheliche Kinder jetzt, — frei von der Prozeßlast — gern genommen 
werden. Wir können sie auch jetzt unseren Damen anvertrauen, 
die in der persönlichen Aufsicht unübertreffliches leisten, 
denen aber ein Prozeß die ganze Arbeit verleiden würde. Gerade 
die besten Vormünderinnen haben wir jetzt für diese armen, un¬ 
schuldig leidenden Kinder. 

Die Gegner der Berufsvormundschaft möchte ich 
darauf aufmerksam machen, daß die Frage: „Berufs¬ 
vormundschaft oder Einzelvormundschaft?“ über¬ 
haupt gar nicht mehr gestellt werden kann. Es ist 
eine internationale Erscheinung, die sich mit der 
Sicherheit und Unabwendbarkeit eines Naturge¬ 
setzes erfüllt, daß allenthalben neben die Einzel- 
vormundschaft eine berufliche, zentralisierte, gro߬ 
zügig arbeitende Sammelvormundschaft tritt. Auch 
in der Schweiz verlangt man sie eben immer dringender. Die ge¬ 
meinnützige Gesellschaft der Stadt St. Gallen hat z. B. so eben an 
den Regierungsrat dieses Kantons das dringende Ersuchen ge¬ 
richtet, Berufsvormundschaft und Berufsinspektorat für „be¬ 
drohte“ Kinder und Jugendliche einzuführen. In der Begründung 
heißt es: 

„Die Statistik beweise die üble Lage der unehelichen Kinder. 
Schon die Umstände während der Schwangerschaft haben sehr oft 
nachteiligen Einfluß und schlimme Folgen auf Geburt und Ent- 




Berufs- oder Sammel-Vormundschaft. 153 

wicklung des Kindes, so daß schon da oft die Hilfe sehr notwendig 
einsetzen sollte. Dazu gehören die Mütter der unehelichen Kinder 
der überwiegenden Mehrzahl nach dem bedürftigen Stande an, und 
deshalb werden die hilflosen Geschöpfe oft zu den niedrigsten Be¬ 
dingungen in Pflege gegeben. Aus dieser vielfach vernachlässigten 
physischen Erziehung zur Zeit des frühen Kindesalters und einer 
daraus folgenden mangelhaften Entwicklung, oft schlechter Er¬ 
nährung folgt dann Kindersterblichkeit, sittliche Verwahrlosung, 
geistige Minderwertigkeit, Dienstuntauglichkeit, Beruflosigkeit, Ver¬ 
gehen und Verbrechen, Entartung auch weiterer späterer Gene¬ 
rationen. Für diese Erscheinung dürfte zum Teil das System der 
ehrenamtlichen Vormundschaft verantwortlich zu machen sein.“ 

Diese Begründung entwickelt Ihnen zugleich eine Reihe von 
Aufgaben, deren Erfüllung man von der Berufsvormundschaft er¬ 
wartet. Zunächst die bessere Unterbringung und Verköstigung 
der Säuglinge, insbesondere der am meisten gefährdeten, der un¬ 
ehelichen. Damit würde man zunächst der enormen Sterblichkeit 
der Säuglinge entgegenwirken. Der Erfolg ist in den Reform¬ 
städten bereits nachzuweisen. Man wende nicht ein, — es ge¬ 
schieht das von manchem innerlich —, Deutschland habe einen 
solchen Geburtenüberschuß, daß es auf einige Säuglinge nicht 
so sehr ankomme; die Starken blieben doch übrig; die Auslese sei 
hart, aber für das Volkstum als Ganzes gesund. Wer das denkt, 
der irrt sich gewaltig. Es sterben keineswegs die Schwächsten, 
sondern ganz einfach die am schlechtesten Ernährten. Sodann 
werden die Übrigbleibenden keineswegs starke Menschen. Viel¬ 
mehr sind da, wo viele Kinder sterben, besonders viele der übrigen 
Kinder schwächlich, krüppelhaft, rachitisch, Seuchenträger und zur 
Verwahrlosung disponiert und vorausbestimmt. Wo große Säuglings¬ 
sterblichkeit, da ist auch große Verwahrlosung. Es ist gewiß kein 
bloßer Zufall, daß Oberbayern, wo fast die Hälfte aller Kinder vor 
Erreichung eines erwerbenden Alters wieder stirbt, auch in der 
Kriminalstatistik Deutschlands außerordentlich stark vertreten ist. 
Die Karten über Kriminalität der jugendlichen Bevölkerung im 
Durchschnitt der Jahre 1898/1902 ergeben unter anderem bei 
folgenden Delikten auf Oberbayern die höchste Verurteiltenziffern 

1. Einfacher Diebstahl im Rückfalle 332Proz. zu 100 der Reichsziffer 

2. Betrug 311 „ „ 

Beim schweren Diebstahl kommt es unmittelbar nach Bremen 
und Berlin. Auch die Art der Delikte ist bezeichnend. Denn bei 




154 


Landsberg-, 


Ge walttätigkeits vergehen ist die Pfalz obenan und Oberbayern bleibt 
trotz der Rauflust der Gebirgler gegen die Pfalz weit zurück: 




A r \ V* T'V ^ 



Die Delikte, in denen der Gau der größten Säuglingssterblich¬ 
keit demnach am stärksten vertreten ist, sind die Delikte der 
EntartungundSchwäche. Und es ist gewiß kein kühner Schluß, 
wenn wir sagen: Die Mittel, welche die Säuglingssterblichkeit zu¬ 
rückdrängen und verringern, verringern auch die allgemeine Ent¬ 
artung der Bevölkerung und verringern damit die Kriminalität aus 
Willensschwäche. Also hier die erste Aufgabe des Berufsvormundes, 
die erste, echte, eigentliche Vorbeugung gegen Entartung, Ver¬ 
wahrlosung und Verbrechen. 

Zu den Mitteln des Berufsvormundes gehört gute Beaufsichtigung 
der Ernährung, also die Gesamtheit der Säuglingsfürsorge, über die 
ja eine Reihe von Vorträgen gehalten wird, mit denen sich der 
meinige ergänzen soll. Zu den Mitteln des Berufsvormundes gehört 
ferner die Beitreibung des Unterhaltes von den Verpflichteten von 
Vater und Mutter. Es war ein großer Fehler unseres bisherigen 
Systems,. die Mittel zum Unterhalt des Kindes wahllos in die Hände 
der unehelichen Mutter zu legen. Uneheliche Mütter sind leider 
auch zuweilen „unnatürliche“ Mütter, verwenden die Mittel 
für sich und lassen das Kind darben. Mit dem unehelichen 
Vater aber ringt der Berufs Vormund mit weit größerem Erfolge 
als der Einzelvormund. Ja unsere Berufsvormünder haben sogar 
schon Erfolge im Auslande gehabt. Und auf der Tagung der Be¬ 
rufsvormünder in Straßburg haben uns ein Österreicher und ein 
Schweizer, sowie ein Kenner der französischen Rechtspflege ein¬ 
gehend darüber belehrt, wie man in Frankreich, Österreich, der 
Schweiz den unehelichen Vater am besten packen kann. 

In großen Teilen Preußens versagt dem Berufsvormund leider 
eine wichtige Handhabe. Denn das Preußische Kammergericht, dessen 
Rechtsprechung schon manches wirksam erscheinende Gesetz als 
recht unwirksam festgestellt hat, besteht darauf, daß § 361, 10 StGB, 
nur auf eheliche Väter anwendbar sei. Doch haben wir auch 
Oberlandesgerichte, welche die Gesetze gern so auslegen, daß sie 




Berufs- oder Saimnel-Vormundschaft. 155 

möglichst viel Gutes wirken. Diese erklären deshalb auch die un¬ 
ehelichen Väter, die sich ihrer Unterhaltungspflicht entziehen, für 
strafbar. 1 ) Vielleicht ist trotzdem der Standpunkt des Kammer¬ 
gerichtes erfolgreicher, indem er die Gesetzgeber zwingen wird, gegen 
die das Recht verhöhnenden unehelichen Väter wirksame Gefängnis¬ 
strafen oder Zwangsarbeit zuzulassen. 2 ) Wenn das Säug¬ 
lingsalter vorüber ist, kommen für das Kind andere 
Gefahren und zwar nicht nur für das uneheliche Kind, 
sondern ebensosehr für das eheliche. Leicht halten schwer 
mit Arbeit beladene oder zuchtlose Eltern die Kinder für eine 
Last. Grausamkeiten oder enge Räume treiben die Kinder auf 
die Straße; das Heim besteht nur dem Namen nach für ein solches 
Kind; in Wahrheit lungert es umher. Solches muß der Berufs¬ 
vormund durch die Waisenpflegerin erfahren und dann unweiger¬ 
lich mit Hilfe des Vormundschaftsrichters einschreiten. Ebenso 
muß er die anderen Ursachen des Verderbens der Jugend auf¬ 
spüren: „Alkoholismus der Eltern oder Lehrherren, ungesunde 
Heimarbeit der Kinder, Gewöhnung an Bettel, an Genüsse per¬ 
verser Art usw.“ Dabei muß der Berufsvormund aber, — dies 
Wort richte ich an meine Berufsgenossen, auch an die Richter 
zweiter Instanz —, einen verständnisvollen Rückhalt finden beim 
Vormundschaftsrichter! 

Die Richter zweiter Instanz sollen dessen eingedenk sein, daß 
sie dazu da sind, die Wirksamkeit der Gesetze zu verstärken 
und nicht, sie abzuschwächen. Denken sie daran, dann 
kann der Berufsvormund auch gegen die Verwahrlosung wirk¬ 
sam eintreten. 

Zu dem Kampfe des Berufsvormundes gegen Verwahrlosung 
gehört auch seine Mitwirkung beim Jugendgericht. Sie haben 
w r ohl alle schon von der Stellung der Probation Officers beim 
amerikanischen Jugendgerichte gehört. Sie wohnten den Sitzungen 
des Jugendgerichtes bei, unterstützen den Richter durch Rat und 
Ermittelungen, führen auch Aufträge sofort aus, wenn der Richter 
Fürsorgemaßregeln trifft, kurz, sorgen für unmittelbare Behandlung 
der Behandlungsbedürftigen. Dieselbe Rolle hat man auch in 


*) Vgl. die das Kammergericht gründlich widerlegende Entsch, des OLG. 
Köln vom 6. Juni 1908. Rhein. Archiv 105, 184, Rhein. Amtsrichter-Zeitschr. 
26, 146. 

*) Über das Ringen von Vormund und Gericht mit dem unehelichen Vater 
vgl. Landsberg, „Das Recht der Zwangs- und Fürsorge-Erziehung“, Berlin. 
Rotschild, 1908, S. 37. 





156 Landsberg, 

Deutschland dem Berufsvormund zugedacht. Bei der festen Ge¬ 
schlossenheit unseres Prozeßgefüges ist das nicht so ohne weiteres 
zu bewerkstelligen. 

Aber es gibt zweifellos Fälle, in denen die Gegenwart der 
Fürsorgepersonen und Berufsvormünder vor Gericht die notwendige 
Fortsetzung einer begonnenen Fürsorgearbeit bedeutet. Es gehört 
m. E. zum Wesen des Jugendgerichtes, daß es sich zur Einziehung 
von Erkundigungen nicht so sehr der Polizei bedient, als vielmehr 
solcher Personen, deren Erscheinen nicht gleich den Charakter 
der Nemesis an sich hat. Also: die erste Art der Mitwirkung des 
Berufsvormundes beim Jugendgericht hat einen Ermittelungs¬ 
oder Erkundigungszweck. Der Berufsvormund soll dem Gericht 
Material verschaffen. Er soll aber auch vom Gerichte Material 
für seine Fürsorgezwecke erhalten. Dazu dient das Recht der 
Fragestellung vor Gericht, Fragen an Angeklagte, Beteiligte und 
an Mitglieder des Gerichtes. 

Die zweite Art der Mitwirkung des Berufsvormundes vor Ge¬ 
richt, ist die Verteidigung oder vielmehr die Verbeiständung 
der angeklagten Jugendlichen. Ich habe darüber bei der Tagung 
der Berufsvormünder ausgeführt: 

„Bekanntlich leidet unser strafrechtliches Verfahren über¬ 
haupt an dem Mangel einer eigentümlichen Einseitigkeit. Unser 
Strafverfahren ist aufgebaut auf dem sogenannten Anklage¬ 
prinzip, nicht auf dem Inquisitionsprinzip d. h. dem Grund¬ 
sätze der reinen Wahrheitsforschung. Das ganze ist so gedacht, 
daß Staatsanwalt und Delinquent als feindliche Parteien mit ein¬ 
ander streiten; das Gericht aber soll den Streitenden neutral gegen- 
Iiberstehen und den Streit, wie er ihm vorgetragen wird, ent¬ 
scheiden. Die Ermittelungen werden aber trotzdem einseitig von 
der Staatsanwaltschaft, also der einen Partei, geführt. Da ist es 
eine wenigstens theoretisch berechtigte Forderung, daß auch 
eine amtliche Verteidigung ergänzend hinzutritt. Sie für Jugend¬ 
liche zu ersetzen, wäre eine geeignete Aufgabe für die Berufs- 
vormünder, die dann allerdings überall existieren müßten. 
Denn der Berufs Vormund wäre für seine Verteidigungsermittlungen 
auf seine Kollegen und auf die Vereine angewiesen. Die Ver¬ 
teidigung darf natürlich nur der Wahrheitsermittlung dienen, sie 
darf nicht die Tendenz haben, die Wahrheit zu verdunkeln. Aber 
sie soll die Tendenz haben, von dem Jugendlichen möglichst solche 
Maßregeln fern zu halten, welche geeignet sind, seine Persönlichkeit 
zu zerstören oder zu schädigen: Verbringung in ein gewöhnliches 




Berufs- oder Sammel-Vormundschaft. 157 

Gefängnis oder in eine nicht garantiert gut gehaltene Anstalt. Da¬ 
gegen soll die Verteidigung suchen, Einfluß auf den jungen Menschen 
zu gewinnen und Maßregeln durchzusetzen, welche den Jugend¬ 
lichen in die Bahn eines normal lebenden Menschen bringen oder 
zurückbringen, ihn erziehlichen Einflüssen ühergeben, welche seiner 
Eigenart besonders angepaßt sind. Kurz: die Amtsverteidigung 
bzw. Verbeiständung durch den Berufs Vormund (vgl. § 149 StPO.) 
soll der schabionisierenden Einwirkung von Strafrecht und Zwangs¬ 
erziehungsrecht die individualisierende Methode entgegenstellen.“ 
So ist denn auch die gedeihliche Entwicklung 
der so dringend verlangten Jugendgerichte zum 
großen Teile abhängig von der Existenz und der 
Fortentwicklung einer gut organisierten Berufs- 
vormundschaf t. 





Die Tuberkiilosesterbliclikeit in Preußen bei den 
verschiedenen Altersstufen und den beiden Ge¬ 
schlechtern in den Jahren 1900—1906. 

Von Landesrat Dr. Schellmann, Düsseldorf. 

In einem Vortrage in der Berliner Medizinischen Gesellschaft 
über „Die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit und ihre Ursachen“ 
(Berliner Klinische Wochenschrift 1908 Nr. 12) hat B. Fränkel- 
Berlin an der Hand statistischen Materials den Nachweis erbracht, 
daß die Tuberkulosesterblichkeit in Preußen seit dem Jahre 1875 
von 32 Todesfällen bei 10000 Lebenden auf 17,26 Todesfälle bei 
der gleichen Zahl Lebender im Jahre 1906 zurückgegangen ist. 
Als Gründe für diesen Rückgang der Tuberkulosesterblichkeit führt 
er vor allen Dingen die Erfindung des Tuberkelbazillus im Jahre 
1882 durch Robert Koch an und dann die seit 1884 in dem 
Kampfe gegen die Tuberkulose mächtig eingreifende sozialpolitische 
Gesetzgebung des Deutschen Reiches. Ein weiterer Grund für die 
Abnahme dürfte noch die seit 1902 in immer weiterem Umfange 
erfolgende Inbetriebnahme von Lungenheilstätten gerade für die 
minderbemittelten und der Tuberkulose desto mehr ausgesetzten 
Klassen unserer Bevölkerung abgeben. Speziell für die Jahre 1900 
bis. 1906 sind die Prozentzahlen der Todesfälle wegen Tuberkulose 
nach Fränkel folgende: 

1900:21,13 1901:19,54 1902:19,84 1903:19,61 1904:19,21 

1905: 19,15 1906: 17,26. 

Während nun tatsächlich diese Zahlen einen Rückgang der 
Sterblichkeit an Tuberkulose im allgemeinen ergeben, kommen 
wir gleich zu einem ganz anderen Resultate, wenn wir die Häufig¬ 
keit von Todesfällen wegen Tuberkulose in den einzelnen Alters- 





Die Tuberkulosesterblichkeit in Preußen bei den verschiedenen Altersstufen. 159 

stufen und bei den verschiedenen Geschlechtern verfolgen. Hier 
finden wir in bestimmten Altersstufen nicht nur keinen Rück¬ 
gang, sondern eher noch ein Fortschreiten der Krankheit, dem 
allerdings in den übrigen Altersstufen ein derartig bedeutendes 
Nachlassen der Sterblichkeit gegenübersteht, daß ein Rückgang 
der Tuberkulosesterblichkeit im allgemeinen in Preußen zu kon¬ 
statieren ist. 

Die von dem Kgl. Preuß. Statistischen Landesamt in Berlin 
in zwanglosen Heften herausgegebene „Preußische Statistik“ bringt 
eine Darstellung der Sterblichkeit nach Todesursachen und Alters¬ 
klassen der Gestorbenen im Preußischen Staate und zwar wird 
einmal die Prozentzahl der an einer bestimmten Krankheit Ge¬ 
storbenen zu der Zahl aller in einer bestimmten Altersklasse Ver¬ 
storbenen festgestellt, und des weiteren ermittelt, wie sich die an 
einer bestimmten Krankheit Gestorbenen prozentual auf die einzelnen 
Altersklassen verteilen. 

Die für die Tuberkulosesterblichkeit nach diesen Gesichts¬ 
punkten gefundenen Zahlen sind in den. folgenden Übersichten zu¬ 
sammengestellt. 

(Übersicht 1 siehe S. 160 und 161 oben.) 

Wenn wir nachstehende Übersicht betrachten, so fällt zunächst 
ein ständiges Überwiegen der Tuberkulosesterblichkeit beim weib¬ 
lichen Geschlechte in den Altersstufen bis zum 40. Lebensjahre 
auf, erst von da ab scheinen die Männer mehr der Tuberkulose zu 
erliegen. Ferner sehen wir, daß in den 7 Jahren allerdings die 
Sterblichkeit an Tuberkulose insgesamt beim männlichen Geschlecht 
von 9,74 Proz. auf 9,48 Proz. abgenommen hat und mit letzterer 
Zahl ziemlich weit von dem Durchschnitt der Jahre 1900/1906 mit 
9,81 Proz. abweicht. Dagegen ist beim weiblichen Geschlecht die 
Gesamtsterblichkeit an Tuberkulose in allen Altersklassen zu¬ 
sammen von 9,18 Proz. auf 9,66 Proz. gestiegen. 

Die Behauptung Fränkel’s, daß an dem Rückgänge der 
Tuberkulose das Eingreifen der deutschen Arbeiterversicherungs¬ 
gesetze mitbeteiligt sei, wird durch die Zusammenstellung ebenfalls 
deutlich gemacht. Eine auffallende Erscheinung tritt uns bei den 
Zahlen insofern entgegen, als wir in den Altersstufen bis zum 
15. Lebensjahr eine Zunahme der Tuberkulose als Todesursache 
finden, während von da ab, abgesehen von den Todesfällen 
weiblicher Personen bis zum 40. Lebensjahre, ein Rückgang in 
der Tuberkulosesterblichkeit festgestellt werden kann. Da von 
dem 15. Lebensjahre an der Arbeiter in der Regel den Ver- 




160 Schellmann 


Übersicht 


Von je 100 Gestorbenen derselben Altersstufe 


im Alter 

bis 

1 Jahr 

1-2 

Jahren 

2-3 

Jahren 

3—5 

Jahren 

5-10 

Jahren 

10—15 

Jahren 

15—20 

Jahren 

20—25 

Jahren 

von 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

1900 

0,91 

0,87 

3,03 

3,21 

4,08 

4,60 

5,06 

5,71 

7,78 

10,14 

16,65 

26,10 

34,48 

43,90 

43,90 

44,33 

1901 

0.88 

* 

0,93 

3,06 

2,97 

4,37 

4,73 

5,28 

5,67 

7,06 

8,99 

14,88 

24,85 

34,85 

43,89 

44,31 

44,66 

1902 

0,92 

0,96 

3,32 

3,12 

4,75 

4,47 

5,41 

6,28 

7,69 

10,85 

16,37 

26,02 

35,58 

44,83 

44,79 

45,87 

1903 

1,61 

1,60 

4,46 

4,55 

5,84 

6,48 

6,44 

7,41 

9,26 

12,02 

18,65 

29,76 

35,79 

45,54 

45,39 

45,26 

1904 

1,40 

1,46 

4,62 

4,65 

6,47 

6,33 

6,47 

7,45 

9,25 

11,99 

19,24 

28,87 

35,88 

46,08 

43,75 

44,16 

1905 

1,35 

1,40 

4,64 

4,47 

6,S5 

7,18 

7,43 

8,61 

10,86 

12,9S 

17,75 

31,43 

34,85 

46,60 

44,10 

47,59 

1806 

1,29 

1,33 

4,30 

4,32 

6,33 

6,18 

8,08 

8,73 

10,11 

12,40 

18,41 

30,03 

33,81 

48,34 

41,42 

47,57 

im Durch¬ 
schnitt : 

1,19 

1,22 

3,92 

3,90 

5,53i5,71 

6,35 

7,12 

8,57 11,34 

17,43 

28,29 

35,03 45,59 

43,95 45,63 

1 


An m. Die fettgedruckten Ziffern zeigen an, daß die Zahl den Durchschnitts- 


Übersicht 


Von 100 an Tuberkulose Gestorbenen 


im Alter 

bis 

1 Jahr 

1—2 

Jahren 

2-3 

Jahren 

3—5 
Jahren 

5—10 
Jahren 

10—15 

Jahren 

15-20 

Jahren 

20—25 

Jahren 

von 

in. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. | 

w. 

m. j 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

1900 

3,47 

3,14 

1,98 

2,30 

0,97 

1,22 

1,28 

1,64 

1,98 

3,07 

2,14 

4,35 

6,37 

8,15 

10,15 

10,16 

1901 

3,38 

3,38 

2,07 

2,21 

1,15 

1,39 

1,45 

1,79 

1,96 

2,98 

2,11 

4,35 

6,61 

8,51 

10,47 

10,37 

1902 

3,10 

2,97 

2,10 

2,15 

1,15 

1,23 

1,38 

1,83 

2,06 

3,48 

2,13 

4,55 

6,63 

8,67 

10,31 

10,73 

1803 

5,74 

5,22 

3,04 

3,27 

1,38 

1,70 

1,63 

2,06 

2,47 

3,70 

2.49 

4,87 

6,63 

8,65 

9,94 

10,14 

1904 

4,98 

4,63 

2,83 3,06 

1,49 

1,58 

1,56 

1,97 

2,43 3,57 

2,63 

4,84 

6,89 

8,93 

9,51 

9,95 

1905 

5,01 

4,54 

3,00 2,96 

1,53 

1,69 

1,77 

2,17 

2,75 3,66 

2,49 

5,47 

7,23 

9,32 

10,23 

10,57 

1906 

4,82 

4,28 

2,782,84 

1,41 

1,44 

1,95 

2,24 

2,60 3,55 

1 

2,48 

4,96 

7,01 

9,47 

9,93 

11,11 

im Durch¬ 
schnitt : 

4,31 

4,02 

2.54 

2,68 

1,301,46 

1,57 

1,96 

2,32 

3,43 

2,35 4,77 

6,77 

8,82 

10,08 

10.43 

















































































Die Tuberkulosesterblichkeit in Preußen bei (len verschiedenen Altersstufen. 161 


1 . 


starben an Tuberkulose: 


25—30 

Jahren 


30—40 

Jahren 


40-50 

Jahren 


50-60 

Jahren 


60—70 

Jahren 


70—80 

Jahren 


über 80 
Jahren 


un¬ 

bekannt 


in. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

1 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

in. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

43.10 

42.24 

35,57 

34,69 

26,54 

24,84 

19.00 

15,91 

11,12 8,48 

3,16 

12.34 

0,57 

0,53 

0,88 

2,02 

i 

9,74 9,18 

41,95 

41,85 

35,67 

34,26 

26,54 

24,39 

18,87 

15,25 

10,528,32 

3,04 

2,32 

0,67 

0,56 

1,72 

— 

9,71 9,17 

43,08 

41,76 

34,13 

34,4S 

26,40 

23,83 

17,97 

14,53 

10,39 7,92 

2,76 

2,16 

0,58 

0,43 

0,35 

4,17 

10,10 9,58 

41,85 

42,16 

34.33 

7 1 

34,34 

25,62 

23,72 

17,80 

14,20 

9,817,76 

2,79 

2,27 

0,57 

0,40 

1,35 

— 

10,02 9,76 

42,10 

42,48 

34,06 34,07 

25,25 

22,98 

17,14 

13,45 

9,30 7,43 

2,71 

2,40 

0,41 

0,53 

1,75 

2,50 

9,97 

9,77 

41,41 

44,12 

33,35 34,35 

23,71 

22,52 

16,48 

13,20 

8,69,6,84 

2,49 

2,07 

0,55 

0,41 

1,08 

0,41 

9,66, 

9,70 

41.02 

43,72 

32,28 34,58 

' 1 

23,30 

22,31 

15,91 

12,46 

8,156,42 

1 

2,38 

1,94 

0,44 

0,45 

2,08 

2,94 

9,48 9,66 

42,04 42,33 

34,28; 

34,40 

25,34 

23,71 

17,60 14,30 

9,71 

7,60 

2,75 

2,21 

0,54 

0,47 

1,31 

1,72 

9,81 

9,54 


ins¬ 

gesamt 


betrag übersteigt. 


2 . 


derselben Altersstufe standen: 


25—30 

Jahren 

30—40 

Jahren 

40-50 

Jahren 

50-60 

Jahren 

60-70 

Jahren 

70—80 

Jahren 

über 

80 Jahren 

un¬ 

bekannt 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

1 w * 

8,76 

10,35 

16,64 

17,93 

16,69 

12,81 

15,24 

11,65 

11,00 

9,76 

3,08 

3,11 

0,24 

0,35 

0,01 

0,01 

9,00 

11,10 

16,78 

17,69 

16,80 

12,70 

15,09 

11,09 

10,03 

9,20 

2,80 

2,90 

0,28 

0,35 

0,02 

— 

9,63 

11,01 

16,15 

17,76 

19,93 

12,69 

14,89 

10,60 

10,65 

9,25 

2,63 

2,78 

0,26 

0,29 

— 

0,01 

8.89 

10,55 

15,58 

16,73 

15,46 

11,78 

14,16 

9,83 

9,75 

8,53 

2,58 

2,72 

0,25 

0,25 

0,01 

— 

9,32 

11,17 

15,99 

17,60 

15,88 

11,49 

14,19 

9,53 

9,54| 

8,34 

2,56 

2,97 

0,19 

0,35 

0,01 

1 _ 

9,40 

11,82 

15,69 

16,98 

15,42 

11,35 

13,61 

9,32 

9,15 

7,79 

2,45 

2,57 

0,26 

0,28 

0,01 

0,01 

9,49 

11,30 

16,29 

17,77 

15,83 

11,94 

13,95 

8,96 

8,85 

7,41 

2,39 

2,42 

0,21 

0,30 

0,01 j 

0,01 

9,21 

10,97 

16,16 

17,49 

16,57 

12,11 

14,45 

10,14 

9,87 

8,61 

2,64 

2,78 

0,24 

0,31 

0,01 

0,01 


Zeitschrift für Soziale Medizin. IY. 














































































162 Schellmann, Die Tuberkulosesterblichkeit in Preußen usw. 

Sicherungsgesetzen unterliegt und aus ihnen auch Vorteile für 
seine Gesundheit zieht, so kann man wohl mit Recht dieses Zurück¬ 
gehen der Tuberkulose auf die Wirkungen der sozialpolitischen 
Gesetze zurückführen. Die vermehrte Sterblichkeit der Frauen an 
Tuberkulose in den Lebensaltern bis zu 40 Jahren ist wohl auf 
andere Faktoren zurückzuführen. Jedenfalls ist hier zu berück¬ 
sichtigen, daß die Frauen nicht in dem Umfange der Versicherung 
unterliegen, wie die Männer. 

(Übersicht 2 siehe S. 160 und 161 unten.) 

Auch bei dieser Übersicht sind wieder dieselben Resultate 
zu verzeichnen: ein Überwiegen der Sterblichkeit des weiblichen 
Geschlechtes vor dem männlichen bis zum 40. Lebensjahre, eine 
Zunahme der Tuberkulosesterblichkeit in den ersten Lebensjahren, 
ein Rückgang der Tuberkulose als Todesursache, sobald die Ver¬ 
sicherungsgesetze für den einzelnen eingreifen können. 

Wenn also auch im allgemeinen ein Rückgang der Tuberkulose¬ 
sterblichkeit erfreulicherweise sich ergeben hat infolge der viel¬ 
seitigen Kampfmittel, welche bereits überall gegen die Tuberkulose 
angewendet werden, so sprechen doch die aus vorstehenden Zu¬ 
sammenstellungen gefundenen Resultate eine ernste Mahnung aus, 
daß noch nicht auf allen Gebieten genügend gegen diese Volks¬ 
seuche gearbeitet wird. Wollen wir nicht ein weiteres Umsich¬ 
greifen der Tuberkulose erleben, so müssen vor allen Dingen 
mehr Schutzmaßnahmen für das weibliche Geschlecht geschaffen 
werden, welches namentlich in den Lebensjahren, welche wegen der 
Schwangerschaften und Geburten große Anforderungen 
an die Gesundheit und die Kraft der Frau stellen, der heimtücki¬ 
schen Krankheit ausgesetzt zu sein scheint. Weiterhin sind aber 
auch auf Grund vorstehender Tatsachen nur die Bestrebungen zu 
begrüßen und immer mehr zu fördern, das Kindesalter gegen die 
Tuberkulose zu schützen und die Fürsorge, welche dem erwachsenen 
Arbeiter jetzt schon zuteil wird, auch den Kleinen schon vom 
Säuglingsalter an zukommen zu lassen, damit auch hier die 
jetzt noch steigende Tuberkulosesterblichkeit bald zum Stillstand 
und dann auch zum Rückgänge gebracht wird. 





Der Ausbau der Morbiditätsstatistik 
und die statistischen Erhebungen bei der Leipziger 

Ortskrankenkasse.*) 

Von Geh. Regierungsrat Professor Dr. P. Mayet, Berlin. 

Westergaard sowohl als Prinzing haben in ihren ein¬ 
schlägigen Werken mit Recht eine gewisse Rückständigkeit der 
Morbiditätsstatistik gegenüber der Mortalitätsstatistik konstatiert. 
Es handelt sich darum, diese Rückständigkeit zu überwinden. Eine 
Statistik, die bearbeitet werden soll, muß sich richten nach den 
Zwecken, die verfolgt werden und nach dem Material, welches sie 
zur Verfügung hat. Deshalb sind zuerst die Zwecke hervorzu¬ 
heben. Es sind vorwiegend praktisch-ideale; z. B. ein Fabrik¬ 
besitzer, der eine Krankenkasse hat, möchte wissen, ob in seinem 
Personal über dem Durchschnitt Erkrankte sind, ob seine Arbeiter¬ 
schaft stärker erkrankt, als in den natürlichen Verhältnissen liegt. 
Aber wo gewinnt er einen Maßstab? Eine Kassen Verwaltung 
möchte sich vergleichen mit anderen; auch ihr fehlt der Maßstab. 
Der Kassenarzt, der Gewerbeinspektor, sie haben nichts, um abzu¬ 
schätzen und zu konstatieren, ob das, was sie sehen, etwas Nor¬ 
males oder Anormales ist. Auch die Reichsämter sind behindert in 
ihren Aufgaben. Wenn das Aufsichtsamt für Privatversicherung 
ein Gutachten abzugeben hätte über eine freie Hilfskasse und ihre 
Erfolge, so dürfte es sich in einer recht schwierigen Lage, einer 
kaum lösbaren Aufgabe gegenüber befinden. Wenn das Kaiser- 

') Dem XIV. Internationalen Kongreß für Hygiene und Demographie zu 
Berlin durfte ich zu dem Thema „Berufs-Morbidität und -Mortalität“ im Herbst 
1907 von einer dem Kaiserlichen Statistischen Amt übertragenen Arbeit berichten. 
Eine Kondensierung der bei dieser Gelegenheit gemachten Mitteilungen (Referat, 
Leitsätze, Erläuterungen, Einluhrungsrede) bietet die folgende Darstellung: 

U* 





164 p - Mayet, 

liehe Gesundheitsamt angegangen wird um ein Gutachten über 
berufliche, sanitäre Verhältnisse, damit der Bundesrat ev. seine 
Vollmacht ausübe zur Einsetzung eines sanitären Arbeitstages für 
einen bestimmten Beruf, so fehlen eben die Materialien. Den 
Ärzten und Krankenkassenverwaltungen haben sie gefehlt bei ihren 
polemischen Vergleichungen des Status der verschiedenen Kassen. 
Für die Krankenkassenverwaltungen wären Nachweise notwendig, 
die so gearbeitet wären, daß sie sie bei Einführung von Statuten¬ 
änderungen z. B. über Karenztage, über die Unterstützungsdauer 
der Kassen, über die Einführung der freien Arztwahl u. dgl. an¬ 
wenden können. Der medizinischen Wissenschaft wäre eine aus¬ 
gebildete Morbiditätsstatistik nötig zur Einführung von Gegen¬ 
maßregeln zur Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse, also auch 
wieder in der Absicht eines Arbeiterschutzes. Die Ideal Wissen¬ 
schaft der Demographie möchte die Gesetze erkennen, die das Leben 
und Vergehen der Menschen beherrschen. Und wie sollte sie das 
erfüllen, wenn sie nicht die Krankheitsfälligkeit der Menschen kennt! 

Diese Zwecke würde also eine Aufnahme über Morbidität zu 
erfüllen haben. In folgenden Punkten mögen kurz die Aufgaben 
einer rationellen Morbiditätsstatistik wiedergegeben werden. 

1. Unter Morbiditätsstatistik hat man Feststellungen zu ver¬ 
stehen darüber, wie viele Erkrankungen überhaupt und wie viele 
bestimmter Art und verschiedener Schwere aus bestimmten Per¬ 
sonenmassen hervorgegangen sind. Diese Feststellungen sollen ins¬ 
besondere einen Wahrscheinlichkeitsanhalt geben zu Berechnungen, 
wieviel Krankheiten, Krankheiten welcher Art und Krankheiten 
welcher Schwere und Dauer aus bestimmten Personenmassen in 
einer bestimmten Zeit zu erwarten sind. Es genügt nicht, nur die 
Krankheitsfälle nach Zahl und Art zu kennen, die in einer oder 
mehreren Personenmassen vorgekommen sind; das ist nur ein Bruch¬ 
teil einer Morbiditätsstatistik; man muß zugleich auch die Zahl 
der Personen kennen, aus denen die Erkrankungen hervorgingen, 
und beide Zahlenreihen miteinander rechnerisch verknüpfen. 

2. Es sind zu unterscheiden: a) allgemeine Morbiditätsstatistik 
ohne Unterscheidung der Berufe und Krankheitsformen; b) beruf¬ 
liche Morbiditätsstatistik ohne Unterscheidung der Krankheits¬ 
formen; c) allgemeine Morbiditätsstatistik mit Unterscheidung der 
Krankheitsformen; d) berufliche Morbiditätsstatistik mit Unter¬ 
scheidung der Krankheitsformen. Man hat also vier Arten der 
Morbiditätsstatistik. 

3. Für die berufliche Morbiditätsstatistik insbesondere ist die 




Der Ausbau der Morbiditätsstatistik und die statistischen Erhebungen. 165 

Erfassung sowohl der erwerbstätigen als der erwerbsunfähigen Er¬ 
krankungen wichtig. In den folgenden Leitsätzen soll aber unter 
Morbidität stets nur die mit Erwerbsunfähigkeit verbundene ver¬ 
standen sein. 

4. Morbiditätstafeln haben die Krankheitsereignisse (Er¬ 
krankungsfälle, Krankheitstage, Aussteuerungsfälle, Wochenbetten, 
Unfälle usw.) im Verhältnis zu der Personenmasse, aus der sie 
hervorgingen, zu zeigen. 

5. „Morbiditäts-Serien tafeln“ (Mos er sehe Tafeln) 
sollen die Abwicklung einer bestimmten Anzahl Erkrankungen dar¬ 
stellen und dazu dienen, den Einfluß statutarischer oder gesetz¬ 
licher Bestimmungen über anfängliche Karenztage und über ver¬ 
schiedene Bemessung der längsten Unterstützungsdauer auf die zur 
Erscheinung kommenden Krankheitstage abzumessen; sie sind daher 
für die Gesetzgebung und die Krankenkassenverwaltungen von 
Wichtigkeit. 

6. „Morbiditäts-Mortalitätstafeln“ haben zu zeigen, 
aus wieviel Krankheitsfällen und wieviel Krankheitstagen ein Todes¬ 
fall hervorgeht. Ihre Aufstellung gestattet, umgekehrt aus einer 
bekannten Mortalität zu schließen auf die bisher unbekannte 
Morbidität des betreffenden Personenkreises, für den die Mortali¬ 
tät festgestellt ist. 

7. Die methodische Erfassung der Morbidität erheischt Unter¬ 
scheidung der Geschlechter und der Altersklassen. Sie hat bei 
der Berufsunterscheidung in erster Linie nicht auf die Zugehörig¬ 
keit zu dem Gewerbe, sondern auf die zu dem Individualberuf zu 
achten. 

8. Die Zusammfassung der Geschlechter in einer Zahl ist 
irreleitend. Tabellen ohne Altersunterscheidung haben wenig Wert. 

9. Für die Begrenzung der Altersklassen empfehlen sich: 
unter 15 Jahre alt, 15—19 Jahre alt, 20—24 usw., 65—69, 70—74, 
75 und darüber, mit einer Kondensierung von sechs zehnjährigen 
Altersklassen: 15—24 usw., 65—74 mit Sonderbelassung der unter 
15- und über 74 jährigen. Für kleinere Beobachtungsmassen emp¬ 
fehlen sich die Klassen: unter 15, 15—34, 35—54, 55—74 und 
über 74 Jahre alt. 

10. Die Berufsgliederung der Morbiditätsstatistik darf 
von der Berufsgliederung der Berufs- und Betriebszählung abweichen; 
für letztere sind volkswirtschaftliche und gewerblich technische, für 
erstere sind sanitäre Gesichtspunkte maßgebend. Unnütze, unbe¬ 
gründete Abweichungen der beiden Schemata voneinander sind zu 




166 P. Mayet, 

vermeiden. Berufe, für welche man Grund hat, eine besonders 
günstige oder ungünstige Morbidität anzunehmen, müssen für sich 
behandelt werden; einerseits, weil sie in Zusammenfassung mit 
irgendeinem anderen Beruf die Bedeutung der Ergebnisse ver¬ 
wischen, andererseits, weil die mit ungünstiger Morbidität Veran¬ 
lassung geben können zu Verwaltungsmaßregeln. 

11. Bei Morbiditätsstatistiken, welche mit Krankenkassen¬ 
material arbeiten, wird es ratsam sein, die Pflichtmitglieder und 
die freiwilligen Mitglieder zu unterscheiden. 

12. Zur erfolgreichen Bearbeitung der Morbiditätsstatistik sind 
besonders geeignet große Krankenkassen, Knappschaftsvereine, Ver¬ 
sicherungsgesellschaften gegen Krankheit, das Heer, die Marine. 
Für den Kreis und die Sonder Verhältnisse ihrer Anstaltsinsassen 
usw. können Ersprießliches leisten die Gefängnisverwaltungen, die 
Irrenhäuser, die Armenverwaltungen, die großen Passagierdampfer¬ 
gesellschaften. 

13. Bei Untersuchungen, welche es mit dem Morbiditäts- und 
Mortalitätsmaterial großer Krankenkassen aus einer Reihe ver¬ 
gangener Jahre zu tun haben, empfiehlt es sich, von der Unter¬ 
scheidung einzelner Kalenderjahrgänge abzusehen. 

14. Die Auszählung der Personen der Beobachtungsmasse fällt 
am genauesten aus, wenn das Material es gestattet, für jede einzelne 
Person festzustellen: a) die Zeit des Mitgliedsbeitrages, b) die Zeit, 
in der die Person nach gesetzlichen oder statutarischen Bestim¬ 
mungen auch ohne Zahlung von Beitrag noch gegen Krankheit 
versichert war, c) die Krankheitstage. 

Die Addierung dieser drei Zeiten ergibt dann die Zeit, in 
der die Person unter dem KrankheitsVersicherungsrisiko stand. Die 
Zusammenfassung aller versicherten Tage aller versicherten Per¬ 
sonen, dividiert durch 365, ergibt weiter die Zahl der „ein Jahr 
lang unter Beobachtung gewesenen Personen“. 

15. Bei jedem Geschlecht, Altersklasse, Beruf, Pflicht- und frei¬ 
williger Mitgliedschaft ist die wichtigste und untrüglichste Zahl 
die Verhältniszahl der Krankheitsfälle, der Krankheitstage, 
der Todesfälle zu der betreffenden Masse der ein Jahr lang unter 
Beobachtung gewesenen Personen. 

16. Für einen Vergleich der Verhältnisse verschiedener Berufe 
können aus krankenkassenstatistischem Material eine große An¬ 
zahl von Kriterien gewonnen werden. Abgesehen von der 
hin und wieder möglichen Bearbeitung auch der erwerbsfähigen 
Krankheitsfälle nach ihrer Zahl und ihren Krankheitsformen bietet 




Der Ausbau der Morbiditätsstatistik und die statistischen Erhebungen. 167 

sich für die erwerbsunfähigen Krankheitsfälle folgende Kriterien¬ 
reihe: a) Verhältnis zueinander: von Beitragstagen, beitrags¬ 
freien aber doch unter Krankheitsversicherungs-Risiko stehenden 
Tagen und Krankheitstagen; b) Krankheitsfälle und c) Krankheitstage, 
beide im Verhältnis zur Personenmasse, aus der sie hervorgingen; 
d) durchschnittliche Dauer der Krankheitsfälle; e) Kurve der Alters¬ 
klassenbesetzung; f) Aussteuerungsfälle, namentlich solche des 
längsten Unterstützungstermins und g) Unfallhäufigkeit, insbesondere 
mit länger dauernder Erwerbsunfähigkeit, im Verhältnis zur Personen¬ 
masse; h) Verhältniszahl der aktiven Mitglieder eines Berufs zu 
den weiterversicherten freiwilligen Mitgliedern desselben Berufs; 
i) Todesfälle, im Verhältnis zur Personenmasse; k) Verhältnis der 
Zahl der Krankheitsfälle zu den Todesfällen; 1) Verhältnis der Zahl 
der Krankheitstage zu den Todesfällen; m) anormale Wochenbetten 
im Verhältnis zur beobachteten Personenzahl; n) Verhältnis der 
anormalen, mit Krankheit verbundenen Wochenbetten zu den normal 
verlaufenen; o) Überdurchschnittlichkeit des Berufes in allen oder 
den meisten Altersklassen, in allen oder den meisten Kriterienreihen. 
Beziehungsweise Unterdurchschnittlichkeit; p) Morbiditäts- und 
Mortalitätszitfern nach Krankheits formen. 

Diese Forderungen scheinen sehr schwer erfüllbar; aber sie 
sind durchaus nicht Zukunftsmusik; ein Werk, welches diese 
Forderung erfüllt, wird vom Kaiserlichen Statistischen Amt publi¬ 
ziert werden. 

Es handelt sich bei diesem Werk um die Ausführung eines 
Beschlusses des Reichstages, der 325000 Mk. zur Ermittlung der 
Krankheits- und Sterblichkeitsverhältnisse bei der Ortskranken¬ 
kasse für Leipzig und Umgegend bewilligte. Dank der einsichts- 
und mühevollen Unterstützung des Herrn Verwaltungsdirektors 
Uhl man n ist es dem Amt gelungen, sogar das laufende Material 
zu bearbeiten, ohne den Geschäftsgang zu stören. 

Das seit dem 1. Juli 1903 in den Räumen der Ortskranken¬ 
kasse Leipzig auf Kosten des Reiches untergebrachte Bureau 
zur Bearbeitung einer Krankheits- und Sterblich¬ 
keitsstatistik unter Leitun g des Kaiserlich Statistischen Amtes 
zu Berlin wurde mit dem 1. April 1907 aufgehoben, da die Vor¬ 
arbeiten zu dieser Statistik mit jenem Zeitpunkte beendet waren. 
Die gewonnenen Unterlagen sind nun im Kaiserlich Statistischen 
Amt wissenschaftlich weiter bearbeitet worden und steht zu er¬ 
warten, daß in nicht zu langer Zeit das Ergebnis veröffentlicht 
werden wird. 




168 P- May et, 

Gelegentlich der Bewilligung des Reichstages wurde in der Presse 
ausgesprochen, alles Material, welches existiert, ist so schlecht, daß 
es gar nicht verdient bearbeitet zu werden. Man warf nämlich den 
Ärzten vor, sie stellten zu allgemeine Diagnosen, sie verhüllten 
häufig absichtlich die Krankheit, wollten die richtige Krankheit 
nicht nennen und wählten ein allgemeineres Wort oder nur ein 
Symptom, so daß nachher eine solche Morbiditätsstatistik überhaupt 
nichts wert sein könne. 

Demgegenüber ist in dem obigen Leitsätze 2 darauf hingewiesen, 
daß man es überhaupt mit vier verschiedenen Arten von Morbiditäts¬ 
statistiken zu tun hat. Nicht jede Morbiditätsstatistik braucht 
nach Krankheitsformen zu unterscheiden. Aber auch bei unrichtiger 
Bezeichnung mancher Krankheitsformen seitens der Ärzte kann doch 
eine wertvolle Morbiditätsstatistik geliefert werden. Die syste¬ 
matisch unrichtige Bezeichnung mancher Krankheitsformen kann 
dadurch ungefährlich gemacht werden, daß nicht nur nach Krank- 
lieits gruppen, sondern nach allen einzelnen Krankheits formen 
unterschieden und berichtet wird, da die verhüllenden Bezeichnungen 
für Tuberkulose, Syphilis, Krebs usw. bekannt sind. 

Es wäre allerdings von großer Wichtigkeit, nicht nur diejenigen 
Krankheiten zu erfassen, welche mit Erwerbsunfähigkeit verbunden 
sind, sondern auch die mit belassener Erwerbsfähigkeit. Die letzt¬ 
genannten sind sehr häufig diejenigen, die gerade die Gewerbe¬ 
einflüsse widerspiegeln. Das Material in Leipzig lag aber nicht 
derart, daß diese Forderung erfüllt werden konnte. Es liegt auch 
sonst kaum je so. Ich habe daher in meinen Leitsätzen von den 
Krankheitsfällen mit belassener Erwerbsfähigkeit abgesehen. Es 
sollen in den Leitsätzen unter Morbidität immer nur verstanden 
sein die Fälle, die Tage, die mit Erwerbsunfähigkeit verbunden sind. 

Bisher hat man nur eine Art Tafeln aufgestellt, „Morbiditäts¬ 
tafeln“. Aus dem Leipziger Material sind mit Rücksicht auf die 
vorangestellten Zwecke und genannten Aufgaben drei Arten von 
Tafeln ausgearbeitet, nämlich: Morbiditätstafeln, Morbidi¬ 
täts-Serientafeln und Morbiditäts-Mortalitätstafeln. 

Die Morbiditätstafeln haben, wie schon gesagt, die Krankheits¬ 
ereignisse, (Erkrankungsfälle, Krankheitstage, Aussteuerungsfälle, 
Wochenbetten, Unfälle usw.) imVerhältnis zu derPersonen- 
masse, aus der sie her vor gingen, zu zeigen. Das ist einer 
der wichtigsten Punkte. Gegen diesen ersten Grundsatz fehlen 
die meisten Versuche der Morbiditätsstatistik, die bisher seitens 
der Krankenkassen publiziert worden sind. Es genügt nicht, nur 




Der Ausbau der Morbiditätsstatistik und die statistischen Erhebungen. 169 

die Krankheitsfälle nach Zahl und Art zu kennen, die in einer 
oder mehreren Personenmassen vorgekommen sind, wenn man nicht 
zugleich auch die Zahl der Personen kennt, aus denen sie 
hervorgingen. Fehlt diese Kenntnis, so ist man den schwersten 
Irrtümern ausgesetzt. Ein Beispiel möge dies klar machen. 

Man weiß von dem Beruf A, daß in ihm 12 000 Krankheits¬ 
fälle und darunter 600 an Lungenschwindsucht vorgekommen sind, 
von dem Beruf B, daß in ihm 3000 Krankheitsfälle und darunter 
200 an Lungenschwindsucht statthatten; in dem Beruf A waren 
also 5 Proz. der Erkrankungen, im Beruf B 6% Proz. Lungen¬ 
schwindsuchtsfälle, folglich erscheint hiernach Beruf B viel stärker 
mit Lungenschwindsucht belastet als Beruf A. Wie ändert sich 
aber das Bild, wenn man außerdem noch weiß, daß der Beruf A 
30 000 Mitglieder, der Beruf B 10 000 Mitglieder zählte! Dann 
sieht man, daß die behandelten 600 und 200 Schwindsuchtsfälle in 
beiden Fällen genau = 2 Proz. der Mitgliederzahl waren, und hier¬ 
nach wäre man nun geneigt, zu schließen, daß Beruf A und Beruf B 
gleich stark mit Lungenschwindsucht belastet sind. 

Ist dieser Schluß sicher? Bei weitem nicht. Denn Beruf B 
kann trotz der Gleichheit dieser Zahl dennoch viel günstiger als 
Beruf A der Schwindsucht gegenüber dastehen. Während auf je 
100 Mitglieder z. B. Beruf A in der Altersklasse von 20—30 Jahren 
1,5 Lungenschwindsuchtsfälle aufweist, weist Beruf B nur Vj 8 Proz. 
auf; bei den 30—40jährigen zählt Beruf A 2 Proz., B nur l 2 / 3 Proz.; 
bei den 40—50jährigen zählt A 3 Proz., B nur 2 3 / 1 Proz.; bei den 
über 50 jährigen A 5 x / 2 Proz., B nur 5 Proz. In allen Altersklassen 
hat Beruf B also eine geringere Krankheitsfälligkeit an Lungen¬ 
schwindsucht als Beruf A. Wie erklärt sich das? — Es sind die 
Altersklassen eben verschieden stark besetzt; sie zeigen 
nämlich folgendes Bild: 



Beruf A 

Beruf B 

Alters¬ 

klasse 

Mitglieder- 

zahl 

Lungen- 

schwind- 

sucktsfälle 

Fälle auf 
100 Per¬ 
sonen 

Mitglieder¬ 

zahl 

Lungen¬ 

schwind¬ 

suchtsfälle 

Fälle auf 
100 Per¬ 
sonen 

20-30 

15000 

225 

17. 

4000 

45 

17. 

31—40 

10000 

200 

2 

3000 

50 

17s 

41-50 

4000 

120 

3 

2000 

55 

2 3 U 

über 50 

1000 

55 

5 l / 2 

1000 

50 

5 

Summa: | 

30 000 

600 

2 

10000 

200 

2 






















170 P- May et, 

Aus diesem Beispiele ziehe ich den Schluß, daß es zu einer 
sicheren Morbiditätsstatistik der beiden Massen, der Masse der 
Personen und der Masse der Erkrankungen, die aus den Personen 
hervorgegangen sind, bedarf, und zwar aller Personen, die die 
Krankheiten lieferten, aber auch aller Krankheitsfälle oder aller 
Krankheitsfälle einer bestimmten Art, die unter den Personen vor¬ 
kamen. 

Diese Bedingung der gleichmäßigen sicheren Erfassung der 
beiden Massen ist eine schwer zu erfüllende, und dieser Schwierig¬ 
keit dankt die Morbiditätsstatistik ihre Rückständigkeit. Sie ist 
schwer zu erfüllen seitens der Krankenkassen, unmöglich zu er¬ 
füllen seitens der Heilanstalten. Letztere können nur eine Sanitäts¬ 
statistik, aber keine echte Morbiditätsstatistik aufstellen. 

Aus dem Leipziger Material ist ferner eine zweite Art von 
Tafeln konstruiert worden: Morbiditäts-Serientafeln. Die 
erste Morbiditäts-Serientafel hat im Jahre 1895 in durchaus mathe¬ 
matischer Ausführung Dr. Moser in der amtlichen Denkschrift 
veröffentlicht, welche über die zukünftige Belastung der schweize¬ 
rischen Krankenkassen Auskunft geben sollte, falls der damals dem 
schweizerischen Bundesrat vorliegende Gesetzentwurf Gesetz würde. 
Diese Morbiditäts-Serientafeln Mos er’s habe ich bereits im 
84. Bande der Statistik des Deutschen Reiches im Jahre 1897 be¬ 
sprochen. Dort findet sich eine ausführliche Konstruktion, einmal 
für das männliche, einmal für das weibliche Geschlecht, aber ohne 
nach Altersklassen zu unterscheiden. Jetzt haben wir bei dem 
Leipziger Material nach 10jährigen Altersklassen und nach Frauen 
und Männern unterschieden und demnach 12 Morbiditäts-Serien¬ 
tafeln berechnet. 

Weil diese Tafeln neu sind, muß ich sie etwas näher erklären. 
Es handelt sich um folgendes: Wenn nur eine Woche unterstützt 
wird, so werden natürlich sehr wenig Krankheitstage zur Er¬ 
scheinung kommen; wenn 13 Wochen unterstützt werden, werden 
selbstverständlich nicht 13 mal so viel, aber sehr viel mehr Krank¬ 
heitstage, und nach 26 Wochen wieder mehr und nach 34 Wochen 
wieder mehr Krankheitstage erscheinen. Also die Tage, die zur 
Beobachtung kommen, hängen von der Zeit der Unterstützungs¬ 
dauer, die bei der Kasse besteht, ab. Setzt man die bei der 
längsten Unterstützungsdauer beobachteten Tage = 100, so kann 
man die bei anderer Unterstützungsdauer zur Erscheinung kommende 
Zahl Tage in Prozenten jener ausdrücken. 




Der Ausbau der Morbiditätsstatistik imd die statistischen Erhebungen. 171 


Beispiel der Ergebnisspalte einer Morbiditäts- 
Serientafel für die 25—34jährige Altersklasse der männlichen 

Pflichtmitglieder. 


Wenn die 
statutarisch 
längsteUnter- 
stützungs- 
dauer ist 

Und wenn die Zahl der 
Unterstützungstage bei 
34 wöchiger Unter¬ 
stützung = 100 gesetzt 
wird, so ergeben sich 
folgende Prozente an 
Unterstützungstagen 

Wenn die 
statutarisch 
längsteUnter- 
stüt zungs¬ 
dauer ist 

Und wenn die Zahl der 
Unterstützungstage bei 
34 wöchiger Unter¬ 
stützung = 100 gesetzt 
wird, so ergeben sich 
folgende Prozente an 
Unterstützungstagen 

1 Tag 


15 Wochen 

92,1 

2 Tage 

9,4 

16 „ 

92,9 

3 „ 

14,1 

17 „ 

93.7 

4 „ 

18,7 

18 „ 

94;3 

5 „ 

23,1 

19 „ 

95;o 

6 „ 

27,0 

20 „ 

95,5 

7 „ 

30,4 

21 „ 

96,1 

2 Wochen 

48,8 

22 „ 

96.5 

3 „ 

59,6 

23 „ 

97,0 

4 

66,8 

24 „ 

97,4 

5 „ 

72,0 

25 „ 

97,8 

3 „ 

76,0 

26 „ 

98,1 

7 

79.2 

27 „ 

98,4 

8 „ 

81,8 

28 „ 

98,7 

9 

83,9 

29 „ 

99,0 

10 ,. 

85.8 

30 „ 

99,2 

41 , 

87,4 

31 „ 

99,4 

12 „ 

88,8 

32 „ 

99.6 

13 „ 

90,0 

33 „ 

99^8 

14 „ 

91.1 

34 „ 

100,0 


Wie gesetzmäßig dieser Verlauf ist, das zeigt sich recht bei 
graphischer Darstellung; ohne jede Reduktion weist die Kurve eine 
glatte, gleichmäßige, schöne Gestalt auf. Sie ist erstens von Be¬ 
deutung für die Erfassung der Gesetzlichkeit, die das menschliche 
Leben beherrscht; sie zeigt, wie sich die Serien der Krankheiten 
abspielen. Sie kann zweitens auch benutzt werden für die Kranken¬ 
kassengesetzgebung und -Verwaltung. 

Wenn man z. B. vergleichen will eine Kasse, die 34 Wochen 
unterstützt, mit einer Kasse, die 26 Wochen unterstützt, so sieht 
man, daß die Kasse mit 34 wöchiger Unterstützungsdauer 100 Unter¬ 
stützungstage hat, bei 26 Wochen aber erwachsen nur 98,1 Tag; 
es sind 1,9 Proz., die die erstere Kasse mehr unterstützt durch die 
Verlängerung von 8 Wochen. Das ist in den verschiedenen Alters¬ 
klassen selbstverständlich verschieden. 

Ebenso kann man den Einfluß der Karenztage aus der Tabelle 
ablesen. Deshalb ist die erste Woche nach Tagen gegliedert. So 













1 72 P Mayet, 

fallen beispielsweise durch 3 Karenztage hier 14 Proz. der Gesamt¬ 
heit der Unterstützungstage fort. Nun kann man also den Ein- 
liuß der verschiedenen statutarischen und gesetzlichen Bestimmungen 
auf die verschiedenen Kassen ermessen. Z. B. 100 Proz. erwachsen 
bei 34 wöchiger Unterstützung. Bisher hatten wir 13 Wochen ge¬ 
setzliche längste Krankenunterstützung. Da sind es 90 Proz.. also 
10 Proz. weniger. Wenn nun eine Kasse die Karenztage unter¬ 
stützt und die andere nicht, so würden wieder noch 14,1 Proz. ab¬ 
gehen; es würden dann nur noch 76 Proz. sein. Wenn nun die 
eine Kasse mit voll 100 Proz. für Sonntage das Krankengeld gibt 
und die andere gibt das Krankengeld für die Sonntage nicht, so 
wird bei letzterer von den 76 Proz. noch 1 I 1 abzuziehen sein, und 
die Kasse unterstützt dann nur 65 Proz. der Gesamtzahl der 
Krankheitstage, wo die andere voll 100 Proz. unterstützt. Hier¬ 
aus ist ersichtlich, daß die Morbiditäts-Serientafeln ein ganz vor¬ 
zügliches Mittel sind, um die Kassen gerecht miteinander ver¬ 
gleichen zu können. 

Als dritte Tafel bietet das Amt die Morbiditäts-Mortali¬ 
tätstafel. 

Sie ist eigentlich etwas sehr Einfaches und Selbstverständ¬ 
liches. Sie hat zu zeigen, aus wieviel Krankheitsfällen und wieviel 
Krankheitstagen ein Todesfall hervorgeht. Ein Beispiel: 

Das Kaiserliche Statistische Amt hat bei der Ortskrankenkasse 
Leipzig festgestellt, daß bei den männlichen Pflichtmitgliedern 
1 Todesfall her vor ging aus: 


Altersklasse 

Krankheitsfällen , 

Krankheitstagen 

unter 15 

403,9 

6 346,7 

15—19 

136,1 

2 252,9 

20-24 

76,6 

1 418,8 

25-29 

72,1 

1 437,2 

30—34 

65,6 

1 386,7 

35-39 

48,0 

1 105,2 

40—44 

39.3 

966,7 

45—49 

33;.3 

875,2 

50-54 

25,0 

716,7 

55—59 

20,5 

650,1 

60—64 

16,7 

576,4 

65-69 

12,6 

504,1 

70—74 

11,7 

519,4 

75 und darüber 

8,7 

423,5 


Bei den unter 15jährigen zuerst hat man es mit 404 Fällen 
und 6347 Krankheitstagen zu tun, aus denen ein Todesfall hervor- 









Der Ausbau der Morbiditätsstatistik und die statistischen Erhebungen. 173 

ging; auf viel Krankheit sterben nur wenige. In der nächsten 
Altersklasse hat man es mit 136 Fällen und mit 2253 Tagen zu 
tun, und so nehmen die Zahlen ab. Bei der höchsten Altersklasse 
geht schon aus 9 Krankheitsfällen, die zusammen hier 424 Krank¬ 
heitstage dauern, 1 Todesfall hervor. Je älter der Mensch, um so 
kleiner ist die Zahl der Krankheitsfälle und -Tage, aus denen ein 
Todesfall hervorgeht. 

Die Schwierigkeiten der Aufarbeitung einer Morbiditätsstatistik 
liegen in der großen Anzahl der Bedingungen, die erfüllt werden 
müssen, in der großen Zergliederung — eine Zergliederung, die 
enorm weit geht, und die schließlich dazu führt, daß man es mit 
Massen zu tun bekommt, die nicht mehr die nötige statistische 
Größe haben. Es stehen da im Widerspruch und kämpfen mit¬ 
einander auf der einen Seite theoretische Erwägungen, die in der 
Zerfällung immer noch weiter gehen heißen, auf der anderen Seite 
praktische Erwägungen, die zur Bescheidenheit veranlassen; z. B. 
wäre in bezug auf Altersklassen wünschenswert, nach einzelnen 
Jahren zu unterscheiden. Wir haben das Material daher nach 
einzelnen Jahren aufgearbeitet, aber doch nach 5jährigen Alters¬ 
klassen zusammengefaßt. Das sind dann genügende Größen. In 
den vorhandenen Morbiditätsstatistiken werden meist nur 20 jährige 
oder 10 jährige Altersklassen angegeben. Damit nun die einen 
Zahlen mit den anderen verglichen werden können, empfiehlt es sich, 
daß man zwei 5jährige Altersklassen zu einer 10jährigen und 
zwei 10jährige zu einer 20jährigen Altersklasse zusammenfaßt. Es 
wäre wünschenswert, wenn spätere Forscher auf 
diesem Gebiete immer dieselben Altersklassen an- 
wenden wollten. 

Die bisherigen Publikationen redeten meist nur von der „Mit¬ 
gliederzahl“, ohne zu unterscheiden zwischen männlichen und 
weiblichen Mitgliedern. Wie sehr verschieden die Kurve für das 
männliche und für das weibliche Geschlecht verläuft, dafür die 
folgende Tabelle: 

(Siehe Tabelle S. 174.) 

Die Damen, welche in der Frauenbewegung stehen, können 
aus dieser Tabelle ein Motiv für ihre Frauenbewegung entnehmen. 
Die Kurve der Frauen zeigt, wie schädigend auf letztere die Erfüllung 
der Doppelaufgabe, Weib zu sein und Arbeiterin zu sein, einwirkt; 
es ist ganz klar, daß die Zeit, in der das AVeib der Menstruation 
unterworfen ist, zu gebären und seinen geschlechtlichen Pflichten 




174 


P. Mayet, 


Altersklassen 


Auf 100 beobachtete Personen entfielen 
Krankheitstage 

bei den männlichen j bei den weiblichen 
Pflichtmitgliedern 


75 und darüber 


unter 15 
15-19 
20-24 
25—29 
30-34 
35-39 
40—44 
45—49 
50-54 
55—59 
60-64 
65-69 
70-74 


595,0 

617.4 
657,1 

707.5 

813.6 
940,9 

1 088,0 
1 243,4 
1 456,2 

1 704,7 

2 068,9 

2 760,3 

3 456,3 

4 042,9 


J 


533.5 

753.6 
955,0 

1 205,4 
1 395,1 
1 465,3 
1 453,3 
1 495,9 
1489.8 
1 485,0 

1 631,7 

2 376,0 
2 530,5 
2 512,1 


nachzukommen hat, daß diese Zeit eine hohe Steigerung - der 
Krankheitstage über die männliche Kurve zeigt. Die jüngeren 
weiblichen Personen haben in der Zeit, wo sie noch nicht in das 
Geschlechtsleben eingetreten sind, also unter 15 Jahren, eine 
günstigere Morbidität als die Knaben. Vom 15.—54. Jahre er¬ 
leiden die Frauen mehr Krankheitstage als die Männer. Erst 
wenn die Geschlechtstätigkeit zurücktritt, so zeigt das weibliche 
Geschlecht wieder seine größere Widerstandsfähigkeit in der Mor¬ 
bidität, wie ja auch in der Mortalität. 

Bei dieser Gestaltung der beiden Kurven der Männer und der 
Frauen ist es durchaus notwendig, daß man nicht redet von. einer 
Mitgliederschaft, sondern es muß unterschieden werden zwischen der 
männlichen und der weiblichen Mitgliederschaft. 

Ein weiterer merkwürdiger Unterschied ist der zwischen den 
Pflichtmitgliedern und den freiwilligen Mitgliedern. Jeder, der in 
der Kasse Mitglied ist und ausscheidet, ohne daß er in eine andere 
Kasse pflichtmäßig eintreten muß, hat das Recht, weiter Mitglied 
zu bleiben, wenn er die statutarischen Bedingungen erfüllt. Dieses 
Recht üben vielfach solche aus, die sich kränklich fühlen. 
Es ist also eine Auslese, und infolge dieser Auslese haben die frei¬ 
willigen Mitglieder eine sehr viel größere Morbidität als die 
Pflichtmitglieder. Eine Kasse, die viele freiwillige Mitglieder 
hat, muß daher in ihren finanziellen Resultaten scheinbar viel 
ungünstiger dastehen als eine andere Kasse, bei der deren Zahl 
gering ist. 










Der Ausbau der Morbiditätsstatistik und die statistischen Erhebungen. 175 

Die freiwillige Mitgliedschaft wird von den Frauen in einer 
Weise, wie dies, wie ich glaube, bisher noch nicht bekannt war, 
zur Mutterschaftsversicherung benutzt. Es ist ganz merk¬ 
würdig, wie hoch der Prozentsatz der Wochenbetten ist, die auf 
die jüngeren Jahrgänge der freiwilligen weiblichen Mitgliedschaft 
entfallen. Die Frau tritt vielfach aus aus ihrem Beruf und be¬ 
nutzt dann die Einrichtung der freiwilligen Mitgliedschaft, um sich 
in dieser Zeit des Lohnausfalles Unterstützung zu sichern. 

Nun die Berufsgliederung. Man darf nicht verlangen, 
daß die Berufsgliederung in der Morbiditätsstatistik und in der 
Berufs- und Betriebszählung die gleiche sei. Die Berufs- und 
Betriebszählung erfolgt nach wirtschaftlichen und politischen Ge¬ 
sichtspunkten, während die Berufsgliederung einer Krankenkassen¬ 
statistik vor allen Dingen die sanitären Unterschiede zeigen soll. 

Eine weitere Sache, die bei dem Leipziger Material zum ersten 
Male durchgeführt wurde, ist, daß wirklich alle diejenigen statu¬ 
tarischen Bestimmungen, die auf die Morbiditätsstatistik von Ein¬ 
fluß sind, berücksichtigt worden sind. Von solchem Einfluß 
sind zwei Bestimmungen in den Krankenversicherungsgesetzen. 
Die eine, die ich schon erwähnte, ist, daß wer binnen einer Woche 
nach dem Austritt aus der Kasse ihr mitteilt, daß er freiwilliges 
Mitglied werden will, es auch werden darf. Die Folge davon ist, 
daß alle das mitteilen, die in jenem Zeitraum erkranken. Man 
muß daher in Betracht ziehen, daß jedes Kassenmitglied nach 
seinem Austritt noch auf eine Woche hinaus gedeckt ist gegen 
das Risiko der Erkrankung. 

Eine andere Bestimmung des Krankenversicherungsgesetzes 
ist, daß wer drei Wochen in der Krankenkasse ununterbrochen 
war, wenn er in den nächsten drei Wochen nach dem Austritt er¬ 
krankt, auch ohne daß er freiwilliges Mitglied geworden ist, doch 
noch zu behandeln ist. Also diese drei Wochen stehen noch unter 
dem Schutze der Krankenversicherung, die Tage stehen ebenfalls 
noch unter dem Risiko. 

Diese Sache haben wir berücksichtigt bei jedem einzelnen 
Fall. Je nach Lage des Falles sind 2, 3, 5, 17, 18 Tage zugezählt 
worden, wie es aus den Urkunden hervorging. Wir haben diese 
Zeit „gedeckte Zeit“ genannt. Wir haben dann, um die Beobach¬ 
tungszeit zu gewinnen, zusammengezählt: a) die Zeit des Mit¬ 
gliedsbeitrages, b) die Zeit, in der die Person nach gesetzlichen 
oder statutarischen Bestimmungen auch ohne Zahlung von Beitrag 
noch gegen Krankheit versichert war, c) die Krankheitstage. 




176 P- Mayet, 

Die Zusammenfassung aller versicherten Tage aller versicherten 
Personen, dividiert durch 365, ergibt weiter die Zahl „e i n J a h r lang 
unter Beobachtung gewesenen Personen“. Von 952674 bei 
der Ortskrankenkasse für Leipzig und Umgegend unter Beobachtung 
gewesenen Versicherungsjahren der männlichen Pflichtmitglieder 
entfielen nach der Feststellung des Kaiserlichen Statistischen 
Amtes 93.24 Proz. auf Beitragszeit, 2,34 Proz. auf Krankheitszeit 
und 4,42 Proz. auf gedeckte Zeit. Die gedeckte Zeit ist zu be¬ 
deutend, als daß man sie vollständig auslassen könnte. 

Soweit von den Bestrebungen, die Erhebungen bei der Leip¬ 
ziger Ortskrankenkasse zum Ausbau der Morbiditätsstatistik zu 
benutzen. 

Für die Zukunft ist anzustreben, daß laufendes, neu er¬ 
wachsendes Material nach den eben dargelegten Grundsätzen be¬ 
arbeitet werde; daß bei dieser Bearbeitung aber stets an die 
Stelle der vorgängigen die epikritische Diagnose der Ärzte 
trete. Die Ärzte sollten veranlaßt werden, im Anhang zu dieser 
epikritischen Diagnose noch Mitteilung zu machen, ob nach ihrer 
Ansicht Gewerbekrankheit, Unfall, Tuberkulose, Geschlechtskrank¬ 
heit, Alkoholismus vorliegt. Für die Abgabe dieses Urteils sollte 
eine technische Form gewählt werden, welche der Geheimhaltung 
des Urteils dient. 

Die besondere Beziehung, w r elche in Deutschland die beruf¬ 
liche Morbiditäts- und Mortalitätsstatistik zu dem sanitären Arbeits¬ 
tage hat, welchen der Bundesrat für diejenigen Gewerbe anordnen 
darf, die durch übermäßige Dauer der täglichen Arbeitszeit Ge¬ 
sundheitsgefährdungen der Arbeiter herbeiführen, rechtfertigte es, 
wenn versucht würde, mittels der Zählkarten der erwerbsunfähigen 
Krankheitsfälle eine Beziehung herzustellen zwischen Krankheits¬ 
fällen und vorgängigen Arbeitszeiten, etwa in der Weise, daß bei 
der Erwerbsunfähigschreibung des Kranken durch Befragung seitens 
des Arztes die Zeitdauer der wirklichen Beschäftigung im Betrieb 
wenigstens in der letzten Kalenderwoche vor Eintritt des Er¬ 
krankungsfalles nach Arbeitstagen und Arbeitsstunden ermittelt 
würde. Nicht eine allgemeine Bearbeitung alles in einem 
Jahre anwachsenden Morbiditätsmaterials für das ganze Reich, für 
alle Berufe und für alle Krankheitsformen ist zu erstreben, sondern 
eine jährliche Auswahl einzelner Berufe oder einzelner 
Kassen zur Erfassung ihrer gesamten Krankheitsverhältnisse. 
Hierbei ist immer die genaue Erfassung des Personenkreises, aus 
dem die Krankheiten hervorgehen, sicher zu stellen. Als Beihilfe 




Der Ausbau der Morbiditätsstatistik und die statistischen Erhebungen. 177 

zur Schaffung* einer beruflichen Morbiditätsstatistik empfiehlt sich 
außerdem eine Erfragung des anwachsenden Materials an Krank¬ 
heitsfällen bestimmter Krankheitsformen (Gewerbekrankheiten), 
sei es bei einer Auswahl, sei es bei der Gesamtheit der Kassen, 
mit Angabe des Berufs der Betroffenen. 


Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 





Das mathematische Prinzip (1er scheinbaren Über¬ 
fruchtbarkeit der Eltern ausgelesener Kinder und 
der Nachwuchs der Begabten. 


Von Dr. med. W. Weinberg, Stuttgart. 


In einer Arbeit „der Nachwuchs der Begabten“ x ) berichtet 
Steinmetz über das Ergebnis einer Enquete, die er bei 800 Per¬ 
sonen veranstaltet hatte, die es sozial sehr weit gebracht hatten 
und von denen ihm 300 Antwort gaben. Er verglich in diesen 
Fällen die Kinderzahl der Befragten mit derjenigen ihrer Eltern 
und fand dabei folgendes Verhältnis bei den über 50 Jahre alt 
Gewordenen: 


Kinderzahl der 
Befragten 


Universitätsprofessoren 4,6 

Künstler 4 

Praktiker 5 

Beamten 4 

Kaufleute 5 


Kinderzahl der Eltern 
der Befragten 
7 
6 

7 2 /s 
6 74 
7,5 


Dieses auf den ersten Blick allerdings auffallende Verhältnis 
führt Mombert * 2 ) als einen Beweis für den großen Einfluß 
steigender Zivilisation auf die Fruchtbarkeit an, indem Männer, 
welche im Leben vollständig reüssierten, sich bedeutend weniger 
stark fortpflanzten als ihre Eltern. Es lassen sich nun aus einem 
solchen Verhältnis allerdings allerlei Schlüsse ziehen; z. B. läge 
es nahe anzunehmen, daß hervorragende Individuen vorzugsweise 
aus besonders fruchtbaren Ehen stammen, weil physische und 


0 Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1904. 

2 ) Studien zur Bevölkerungsbewegung in Deutschland. Karlsruhe 1907. 





Das mathematische Prinzip d. scheinbaren Überfruchtbarkeit d. Eltern usw. 179 

psychische Leistungsfähigkeit in enger Beziehung zueinander stehen 
u. dgl. mehr. Tatsächlich sind derartige Verhältnisse auch sonst 
schon für den Nachweis des Rückgangs der Fruchtbarkeit ver¬ 
wertet werden. 1 ) 

Wesentlich kleiner gestaltet sich jedoch die Zahl der Deutungen 
solcher statistischer Verhältnisse, wenn man den Ursachen ihrer 
Entstehung nachgeht. 

Zunächst ist jedenfalls einmal festzustellen, daß die von 
Steinmetz befragten Personen durchschnittlich 4—5 
Kinder, also eine annähernd normale Kinder zahl 
hatten, während allerdings die Kinderzahl ihrer Eltern den 
Durchschnitt ihrer Generation wesentlich übertrifft, selbst wenn man 
diesen als höher wie schon bei der Generation der Befragten an¬ 
nehmen muß. Eine weitere Überlegung ergibt nun aber, daß die 
Zahlen für die Fruchtbarkeit der Eltern und Kinder 
überhaupt gar nicht vergleichbar sind, weil sie auf 
ganz verschiedene Weise gewonnen werden. 

Dies läßt sich in drastischer Weise einfach dadurch beweisen, 
daß unter den Befragten jedenfalls eine gewisse Anzahl kinderlos 
war, während deren Eltern unter keinen Umständen kinderlos ge¬ 
wesen sein können. Eine weitere Überlegung ergibt nun aber, 
daß auch Ehen mit wenig Geburten seltener, solche mit vielen 
unter den Eltern der Befragten häufiger vertreten sein müssen als 
unter denen der Befragten selbst. Dies hängt einfach damit zu¬ 
sammen, daß wenn ein Einfluß der Fruchtbarkeit keine Rolle spielt, 
unter einer großen Geschwisterschar eher ein in irgendeiner Weise 
hervorragendes Individuum zu treffen sein wird als unter einer 
kleinen, indem nämlich die Zahl der hervorragenden Individuen 
der Gesamtzahl der Geborenen in diesem Fall ceteris paribus pro¬ 
portional sein wird. Aus diesem Grunde müssen dann auch unter 
den hervorragenden Individuen einer Generation solche mit einer 
großen Geschwisterschar erheblich stärker vertreten sein, als der 
Verteilung der Ehen nach der Kinderzahl in ihrer eigenen Gene¬ 
ration und derjenigen ihrer Eltern entspricht. 

Es kann sich also nur fragen, ob dieser Grund des Unter¬ 
schieds zwischen der Fruchtbarkeit der Befragten und derjenigen 
ihrer Eltern zur Erklärung der gefundenen zahlenmäßigen Diffe¬ 
renzen ausreicht. 


*) Grassl, Zur Frage der Fruchtfähigkeit und der Mutterschaft, 
für Kassen- und Gesellschaftsbiologie, Bd. 5, 1908. 


12* 


Archiv 





180 W. Weinberg, 

Diese Frage wird dann beantwortet sein, wenn es möglich ist, 
die Wirkung dieses Faktors an einer ganzen Bevölkerung zu unter¬ 
suchen. Zu diesem Zweck teile ich hier das Ergebnis einer Unter¬ 
suchung über die Bevölkerung eines früher ganz ländlichen Vor¬ 
ortes von Stuttgart (Gablenberg) mit, für den für einen bestimmten 
Zweck die Fruchtbarkeit aller bis zum Jahre 1875 inkl. ge¬ 
schlossenen Ehen bis zum Jahre 1900 aus den dortigen Familien¬ 
registern ermittelt wurde. 

Aus diesem Material wurden alle, im ganzen 524, Mütter aus¬ 
gesucht, die mindestens eine verheiratete Tochter aus einer oder 
mehreren Ehen hatten. Im ganzen hatten diese 524 Frauen 4106 
oder durchschnittlich 7,8 Kinder; ihre 964 verheirateten Töchter 1 ) 
hatten hingegen zusammen 5403 oder durchschnittlich 5,6 Kinder. 
Man findet also hier bereits einen ähnlichen Unter¬ 
schied zwischen der Kinder zahl der Mütter und 
Töchter wie bei dem Material von Steinmetz zwischen 
der Kinderzahl der Eltern und ihrer hervorragenden 
Söhne und da sich mein Material auf eine ganze Bevölkerung 
bezieht, so ergibt sich bereits hieraus, daß die bei dem Mate¬ 
rial von Steinmetz gefundenen Verhältnisse durch¬ 
aus nichts Charakteristisches für die Familienver¬ 
hältnisse der sozial Beussierten dar stellen. 

Dabei ist aber zu berücksichtigen, daß der Vergleich bei 
meinem Material auf diese Weise nicht identisch ist mit dem von 
Steinmetz gezogenen, indem die Erfahrungen von Töchtern einer 
und derselben Mutter über die Fruchtbarkeit der letzteren nur 
einmal gezählt wurden, während eine fortlaufende bevölkerungs¬ 
statistische Serie von Erfahrungen über die Fruchtbarkeit der 
Mütter eine Zählung der Erfahrungen jeder einer einzelnen Tochter 
voraussetzt. 

Da nun aber auf 406 Mütter mit 1—10 Kindern nur durch¬ 
schnittlich 1,7 auf 118 Mütter mit 11 und mehr Kindern durch¬ 
schnittlich 2,5 verheiratete Töchter kamen, so werden in diesem 
Falle die Töchter aus sehr fruchtbaren Ehen das Ergebnis erheb¬ 
lich stärker beeinflussen als die aus kinderarmen. 

Der Berechnung der Erfahrungen aller Töchter zu ermöglichen, 
dient folgende Tabelle: 

Es hatten nach Abzug der auswärts verzogenen 


’) Weitere 57 nach auswärts verzogene sind nicht gezählt. 





Das mathematische Prinzip d. scheinbaren Überfruchtbarkeit d. Eltern usw. 181 


16 Mütter mit 

1 Kind zusammen 16 verheiratete Töchter 

17 

>5 

75 

2 Kindern „ 

18 

75 

75 

31 

75 

75 

3 

75 75 

33 

75 

75 

35 

75 

75 

4 

7? 75 

41 

75 

75 

34 

75 

75 

5 

7? 7! 

, 54 

75 

75 

40 

75 

75 

6 

77 

77 7? 11 

75 

75 

60 

75 

n 

7 

75 7! 

, 100 

75 

75 

57 

75 

n 

8 

75 75 

108 

75 

75 

52 

75 

77 

9 

75 75 

98 

75 

75 

55 

» 

75 

10 

75 75 

127 

75 

75 

43 

75 

77 

11 

75 75 

113 

75 

77 

26 

75 

?5 

12 

75 75 

61 

75 

75 

25 

» 

75 

13 

75 75 

65 

75 

75 

13 

77 

75 

14 

75 75 

29 

75 

75 

8 

?5 

75 

15 

75 75 

17 

75 

75 

1 

n 

75 

17 

75 75 

1 

75 

75 

2 

75 

55 

18 

75 75 

6 

75 

75 


Berechnet man hieraus die durchschnittliche Fruchtbarkeit 
der Mütter nach den Angaben der Summe aller Töchter, so erhält 
man zusammen auf die Mütter von 964 Töchtern: 

16-1+ 18-2 + 33.3 + 41.4 + 54,5.77,6 
+ 100-7 + 108.8 + 98.9 + 127.10 + 113-11 + 61-12 
+ 65-13 + 29-14+ 17-15+ 1-17+ 6-18 

oder zusammen 8299 Kinder und die durchschnittliche Angabe 

8299 

einer Tochter muß daher lauten, daß ihre Mutter ■ „ n T - = 8.6 Kinder 

’ 964 

hatte. 

Man erhält also nach einer derjenigen von Steinmetz ent¬ 
sprechenden Methode 8,6 Kinder der Mütter gegen 5,6 Kinder der 
Töchter. 

Dabei besitzen die Töchter immer noch eine übernormale 
Fruchtbarkeit. Wir sehen also, daß das von Steinmetz 
gefundene Verhältnis ganz unabhängig von dem 
Grade der Fruchtbarkeit des untersuchten Materials 
der Kinder au ft ritt, indem auch Töchter mit normaler 
und übernormaler Fruchtbarkeit ebenfalls weniger 
Kinder haben als ihre Eltern. 

Es erscheint also die durchschnittliche Fruchtbarkeit der 
Mütter verheirateter Kinder immer auffallend hoch. Dies er¬ 
klärt sich nun aus dem einfachen Umstand, daß Mütter mit zahl¬ 
reichen Kindern ceteris paribus, auch wenn die Heiratschancen 
für jedes Kind gleich und unabhängig von der Fruchtbarkeit ist, 





182 


W. Weinberg, 


mehr Aussicht haben unter den Müttern verheirateter Kinder ge¬ 
zählt zu werden als wenig fruchtbare Mütter. Dies ergibt sich 
aus folgender einfacher Überlegung: Es bestehe eine Generation 
aus je 100 Müttern mit 0,1 und 2 Kindern, ihre durchschnittliche 

Fruchtbarkeit ist dann =- 1 —^-»— -= 1 Kind. 

oUU 

Wenn nun von 100 Kindern sich a verheirateten, so liefern 


100 Frauen ohne Kinder O.a verheiratete Kinder 

100 ,, mit 1 Kind l.a „ „ 

100 „ mit 2 Kindern 2.a „ „ 


es sind dann unter den Müttern mit verheirateten Kindern a mit 
1 Kind und 2.a mit 2 Kindern, somit ist die durchschnittliche 

Fruchtbarkeit der Mütter verheirateter Kinder = — * - ~j~ f a ’ - 

1 a + 2a 

= 5 / 3 Kinder, während die Generation der Mütter durchschnittlich 
nur 1 Kind hat. 

Es muß also die Fruchtbarkeit der Mütter verheirateter 
Kinder stets den Durchschnitt einer Generation erheblich über¬ 
treffen, auch wenn die Fruchtbarkeit gar keinen Einfluß hat und 
die Generation, der die Mütter angehören, keineswegs besonders 
fruchtbar war. 

Bei dem eben behandelten Beispiel erhält man stets als Frucht- 

5 

barkeit der Eltern ausgelesener Kinder den Wert „ , gleichgültig 

O 


wie groß der Wert a oder der Prozentsatz der Besitzer der unter¬ 
suchten Eigenschaft ist. Speziell erhält man diesen Wert auch 
dann, wenn man einfach die durchschnittliche Fruchtbarkeit der 
Eltern nach den Erfahrungen sämtlicher Individuen einer Kinder¬ 
generation berechnet, indem hier einfach a = 100 Proz. ist. Dies 
sei noch durch folgendes Beispiel illustriert: 

Unter 1256 fruchtbaren Frauen aus regierenden und mediati- 
sierten Fürstenhäusern hatten 


1 Geburt 

163 *) 

6 Geburten 

120 

2 Geburten 

141 

7 


98 

3 

132 

8 


80 

4 

116 

9 


64 

5 » 

112 

10 


59 

fraglichen Fälle als sicher gerechne 










Das mathematische Prinzip d. scheinbaren Überfruchtbarkeit d. Eltern usw. 183 


11 Geburten 39 


12 

13 

14 

15 




34 

32 

22 

22 


16 Geburten 

17 

18 

19 

20 


8 

8 

3 

2 

1 


ihre durchschnittliche Fruchtbarkeit ist insgesamt 7344 Geburten, 
also durchschnittlich 5,8 Geburten. Zählt man nun der Einfachheit 
halber die 84—89 Mehrgeburten (5 sind unsicher) als einfache 
Kinder, so ergibt sich, daß 163 Kinder angeben werden, ihre Mutter 
habe 1 Geburt gehabt, 1412 Kinder werden Mütter mit 2 Geburten, 
zusammen also 564 Geburten ihrer Mütter angeben usw. Man 
wird also bei Befragung sämtlicher Kinder 7344 Auskünfte mit 
zusammen 62136 1 ) Geburten erhalten und als Durchschnitt eine 
Angabe über 8,5 Geburten der Mütter. Während die Mütter der 
7344 Geburten also durchschnittlich 5,8 Geburten hatten, wird 
die Angabe der Geborenen sich durchschnittlich auf 8,5 (unter Be¬ 
rücksichtigung der Kinder aus Mehrlingsgeburten sogar auf 8,6) 
belaufen. Dies wird auch dann der Fall sein, wenn die Frucht¬ 
barkeit der Kindergeneration dieselbe ist wie die der Eltern¬ 
generation. Es resultiert also dieselbe große Differenz zwischen der 
durchschnittlichen Geburtenzahl der Mütter und der durchschnitt¬ 
lichen Angabe der Kinder wie oben lediglich aus der hier ziemlich 
normalen Verteilung der Geburtenzahl der Mütter. Nimmt man 
an, es seien noch 5 Proz. = 63 diesem Material entsprechende 
Frauen steril gewesen, so erhält man als durchschnittliche Frucht¬ 
barkeit von 1319 Frauen 5,6 Geburten, also noch einen etwas 
größeren Unterschied gegenüber den Angaben der Geborenen, so 
daß man nahezu ein Verhältnis = 2:3 erhält. 

Dasselbe, was von den Erfahrungen der verheirateten Kinder 
über die Fruchtbarkeit ihrer Eltern gilt, gilt also auch für eine 
Auswahl von Kindern nach irgendwelchem anderen Gesichtspunkt, 
also für die Erfahrungen der Zwillingsmütter, 2 ) der Genies, der 
Idioten, der Tuberkulösen, der Verbrecher und vor allem auch der 
Durchschnittsmenschen. 

Stets wird die Fruchtbarkeit der „Eltern“ den 


9 Nämlich 163 • 1 + 141 • 2 2 + 132 • 3 2 + 116 • 4 2 + 112 • 5 2 -f 120 • 6 2 + 
98 • 7 2 + 80 • 8 2 + 64 • 9 2 + 59 • 10 2 + 39 • U 2 + 34 • 12 2 -f 32 • 13 2 + 22 • 15 2 
+ 22 • 15 2 + 8 • 16 2 + 8 • 17 2 + 3 • 18 2 + 2 • 19 2 -f- 1 • 20 2 . 

2 ) Vgl. Weinberg, Beiträge zur Physiologie und Pathologie der Mehrlings¬ 
geburten. Pfliiger’s Archiv für Physiologie LXXXVIII. 






184 


W. Weinberg, 


Durchschnitt einer sozial gleichen Generation und 
die der „Kinder“ erheblich übertreffen, ohne daß 
hieraus ohne weiteres Schlüsse gezogen werden 
können. Dieses Verhältnis möchte ich als die Wirkung des 
mathematischen Prinzips der scheinbaren Überfruchtbarkeit der 
Eltern ausgelesener Kinder bezeichnen. 

Irgendwie beweisend für reelle Einflüsse oder 
Beeinflussungen der Fruchtbarkeit wäre also eine 
scheinbar hohe Fruchtbarkeit der Mütter irgendwie 
ausgelesener Individuen nur dann, wenn sich nacli- 
weisen ließe, daß die Fruchtbarkeit der Mütter zu 
derjenigen ihrer Generation in einem durch das 
mathematische Prinzip der Auslese der Eltern und 
Kinder nicht erklärbaren Verhältnis steht. 

Dies ist nun auf zwei verschiedene Arten feststellbar. 

Einmal kann man von der Verteilung der Ehen in einer 
Generation nach ihrer Fruchtbarkeit ausgehend berechnen, wie 
groß die durchschnittliche Fruchtbarkeit der Mütter ausgelesener 
Individuen sein müßte, wenn diese von anderen als rein mathe¬ 
matischen Faktoren nicht bestimmt wird, und untersuchen, ob die 
tatsächliche Fruchtbarkeit solcher Mütter erheblich von diesem 
erwartungsmäßigen Wert, nach dem oben angeführten Beispiel also 


von 


dem Wert 


5 

3 


Kinder erheblich abweicht. 


Nun besitzt man aber diese Kenntnis der Verteilung aller 
Ehen in der Generation der Eltern nach der Fruchtbarkeit nicht 
immer. 

Auch in diesem Falle kann man zum Ziele gelangen, wenn 
man nicht nur die Fruchtbarkeit der Eltern von nach einem be¬ 
stimmten Gesichtspunkt ausgelesenen Kindern ermittelt, sondern 
auch die Fruchtbarkeit aller Eltern sämtlicher Individuen einer 
Kindergeneration oder einer nach einem anderen Prinzip ausge¬ 
lesenen Gruppe von Kindern, sofern man annehmen kann, daß 
diese zweite Gruppe annähernd normale Verhältnisse ergibt. Ein 
solches Vergleichsobjekt stellen z. B. die Ehegatten der ausge¬ 
lesenen Individuen dar. Ich habe nach weisen können, daß die 
Eltern ausgelesener Individuen und ihrer Ehegatten eine gleiche 
soziale Zusammensetzung haben. Spielt also die Fruchtbarkeit der 
Eltern keinerlei Eolle, so muß sie bei den Eltern der ausgelesenen 
Individuen und denen ihrer Ehegatten gleich sein, anderenfalls 
müssen sich nachweisbare Verschiedenheiten ergeben. Aus meinen 




Das mathematische Prinzip d. scheinbaren Überfruchtbarkeit d. Eltern nsw. 185 

Untersuchungen über Vererbung bei Krebs und Tuberkulose geht 
z. B. hervor, daß die Fruchtbarkeit der Eltern so gut wie keine 
ätiologische Rolle bei diesen Krankheiten spielt. 

Und damit komme ich auf das zu Eingang dieser Betrach¬ 
tungen behandelte Spezialproblem zurück. 

Würde sich nach weisen lassen, daß die Fruchtbarkeit der Ehen 
sozial hochstehender Männer von derjenigen ihrer Eltern weiter 
ab weicht, als von derjenigen der Eltern ihrer Ehefrauen, dann 
dürfte eine auffallende Abnahme der Fruchtbarkeit der Ehen hervor¬ 
ragender Männer angenommen werden. Oder es müßte nachge¬ 
wiesen werden, daß die Fruchtbarkeit der sozial Reüssierten ceteris 
paribus geringer ist als die ihrer Zeitgenossen, während dies bei 
ihren Eltern nicht der Fall war. 

Solange dies nicht erwiesen wird, ist man nicht berechtigt, 
den Unterschied zwischen der Fruchtbarkeit der sozial Reüssierten 
und der ihrer Eltern anders zu erklären, als durch ein rein mathe¬ 
matisches Prinzip, das Beziehungen vortäuscht, wo keine existieren, 
und die Steinmetz’sche Arbeit stellt also nichts anderes dar, 
als eine einfache Verkennung dieses mathematischen Prinzips und 
seiner trügerischen Wirkung. Dies dürften sich namentlich die 
kritiklosen Schwärmer für die exklusive Ahnentafelmethode merken. 

Aus diesen Überlegungen geht wieder aufs neue 
hervor, wie verfehlt es ist, Schlüsse aus dem Ver¬ 
gleich von Zahlen zu ziehen, über deren Zustande¬ 
kommen man sich keine genügende Rechenschaft ge¬ 
geben hat. 

*) Aufgabe und Methode der Familienstatistik bei medizinisch-biologischen 
Problemen. Diese Zeitschrift III, 1907, S. 15. 






Die Belastung der Krankenkassen, Versicherungs¬ 
anstalten und Berufsgenossenschaften durch die 
Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten liehst Vor¬ 
schlägen zu ihrer Bekämpfung. 

Von Dr. raed. F. Perutz, München. 

(Schluß.) 

Ärztliche Sprechzeit. 

In erster Linie müssen die Erkrankten Gelegenheit haben, 
möglichst bald den Arzt aufzusuchen. Vielfach bemühen sich die 
Patienten, besonders die weiblichen, solange sie erwerbsfähig sind 
und nicht allzu heftige Schmerzen auftreten, die Beratung beim Arzt 
aufzuschieben, um nicht durch die Unterbrechung ihrer Beschäftigung 
sich Fragen oder ungehaltenen Bemerkungen des Arbeitgebers aus¬ 
zusetzen. 

Erfahrungsgemäß ist deshalb am Sonntag der Zugang an 
ambulanten Fällen am größten. Es wäre darum wünschenswert 
— und das trifft nicht nur für Magen-Darmkranke zu — den 
Versicherten auch unter der Woche die Möglichkeit zu gewähren, 
den Arzt nach Schluß der Arbeitszeit aufzusuchen. Die Einrich¬ 
tung solcher Sprechstunden am Abend wird aber geradezu Be¬ 
dürfnis, wenn das gewiß berechtigte Streben der Ärzte, den Sonn¬ 
tag sich ganz frei zu halten, in erhöhtem Maße zur Abschaffung 
der Sonntagmorgen-Sprechstunde führt. 

Milchgewährung. 

Von Wichtigkeit für die Behandlung einer Reihe hierher¬ 
gehöriger Störungen wäre auch die Einführung der Milchrezeptur 
bei den Kranken. Wenn auch beim Ulcus ventriculi der Stand¬ 
punkt der reinen durch Wochen hindurchgeführten Milchdiät eine 




Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 187 

Einschränkung erfahren hat, so müssen Milch und Milchspeisen bei 
dieser Erkrankung doch den Grundstock der Ernährung für längere 
Zeit abgeben. Ferner ist bei Kuren, bei denen wir uns bemühen, 
durch vermehrte Nahrungszufuhr den Ernährungszustand zu heben, 
die Milch schlechterdings unentbehrlich. Deshalb ist zu wünschen, 
daß die Verschreibung von Milch dem Beispiel Berliner und Leipziger 
Kassen folgend, bei recht viel Kassen Eingang findet. In welchem 
Umfang Milch als Heilmittel verordnet werden darf, darüber hat 
sich u. a. Prinz 1 ) ausgesprochen. Nach der Entscheidung des 
Preußischen Oberverwaltnngsgerichts ist die Milch unter die im 
Gesetz vorgesehenen „ähnlichen Heilmittel“ einzureihen. Da als 
„ähnliche Heilmittel“ solche angesehen werden, die auch im Preis 
den vorgenannten „Brillen und Bruchbändern“ ähnlich sind, deren 
Kosten sich also zwischen 3 und 10 M. bewegen, so darf Milch bis zum 
Höchstgesamtpreis von 10 M. im einzelnen Falle angewiesen werden. 
Setzen wir den Preis für 1 Liter Milch auf 20—22 Pf., so dürften 
zwischen 45 und 50 Liter zu verordnen sein, was einer Tages¬ 
menge von 1—1% Liter 1 Monat resp. 6 Wochen hindurch ent¬ 
sprechen würde. 

Krankenkost. 

Bis jetzt scheinen erst in München-Gladbach und zum Teil in 
Düsseldorf die Ktemkenkassen die Krankenfürsorge auch auf Ge¬ 
währung von Krankenkost ausgedehnt zu haben. Daß sie gesetz¬ 
lich dazu befugt sind, geht sowohl aus dem Gutachten in der 
Arbeiterversorgung 1903 (S. 161) wie aus den Darlegungen von 
J. Blum (1. c. S. 55) hervor, auf dessen früher zitierte Schrift mit 
ihrer gründlichen Behandlung der Materie wir verweisen. Hier 
darüber nur soviel: Die Kosten sind, wenn wir von den in Mün¬ 
chen-Gladbach bestehenden Preisen ausgehen, gering. Es existieren 
dort 3 Kostformen: 1. Form für Fiebernde und Schwerkranke, be¬ 
stehend aus 1 /a Liter Suppe, Milch- oder Wassersuppe, gut durch¬ 
gerührt, von festen Bestandteilen befreit, aus Beis, Sago, Graupen, 
Gries, Hafergrütze gekocht. Der Preis beträgt 25 Pf. 2. Form: 
Suppe für gewöhnlich wie Form 1 ohne besonderen Zusatz, ferner 
Bratfleisch, Hackfleisch, weißes Fleisch, Gemüse und Kompott. Als 
Gemüse wird verabfolgt: Kartoffelbrei, Milchreis, Makkaroni, 
Nudeln, Wurzelgemüse, Spinat und Blumenkohl. Form 3: Für 


*) Prinz, Milch als „Heilmittel“ im Sinne des Krankenversicherungsgesetzes. 
Arbeiterversorgung 1903, Nr. 20. 





188 F- Perutz, 

Kranke im 2. Stadium der Rekonvaleszenz, ambulante Kranke: 
Tagessuppe, Fleisch mit Gemüse und Kartoffel. Der Preis für 
jede der beiden letzten Formen beträgt 40 Pf. Dabei ist der 
Transport ins Haus mittels heizbarer Speisetransportwagen und 
heizbarer Essenträger eingeschlossen. Der Selbstkostenpreis be¬ 
trägt einschl. Transport 60 Pf. Der Zuschuß von 20 Pf. wird aus 
den Mitgliederbeiträgen des Vereins bestritten. Im ersten Be¬ 
triebsjahr wurden in München-Gladbach 8354 Portionen ausgegeben. 
Nach Mitteilungen von Blum machten zur Zeit der Abfassung 
seines Berichtes ca. 26 Betriebskrankenkassen von der Kranken¬ 
kost Gebrauch. Die Abgabe erfolgt nur gegen ärztliche Be¬ 
scheinigung. Dieselbe wird für die Kassenmitglieder von ihren 
Ärzten ausgestellt und die Bons von den betreffenden Kassen ein¬ 
gelöst. Die Wichtigkeit einer geeigneten Kost für Magen-Darm¬ 
kranke bedarf keiner weiteren Begründung. Wie Blum hervor¬ 
hebt, wird die den Kassen auf diese Weise erwachsene Ausgabe 
zum Teil ausgeglichen durch die Abkürzung der Krankheitsdauer, 
Ersparung an Medikamenten und Nährpräparaten. Für weniger 
leistungsfähige Kassen empfiehlt es sich, ev. nur x / 2 — Vs der Kosten 
zu übernehmen und den Rest vom Mitglied tragen zu lassen. Die 
Einwendungen und Bedenken, die gegen dieses System geltend 
gemacht werden können, finden sich an zitierter Stelle ausführlich 
besprochen. 

Krankenhausbehandlung. 

Als wichtiges Glied in der Reihe der Maßnahmen ist schlie߬ 
lich die stationäre Behandlung unter ständiger ärztlicher Beobachtung' 
zu nennen. 

In erster Linie kommt das Krankenhaus für die akuten Fälle 
in Betracht. So gehört ein blutendes Magengeschwür, wenn nicht 
orgfältige Pflege vorhanden ist, ins Krankenhaus. Auch die 
Blinddarmentzündung und schwere Gallensteinanfälle sind dort am 
allerbesten aufgehoben, wenn der Arzt nicht Gelegenheit hat, 
draußen die Kranken mehrmals zu sehen oder keine guten Trans¬ 
portmittel vorhanden sind, um bei dringender Indikation zur 
Operation sofort die Überführung zu bewerkstelligen. Desgleichen 
sollten Typhus und andere fieberhafte Darmerkrankungen unklaren 
Ursprungs schon wegen der Gefahr der Infektion dort Aufnahme 
finden. 




Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 189 
Sanatoriumbehandlung. 

Dagegen ist für chronische, nicht schwer bettlägerische Fälle 
eher eine Sanatoriums- oder Heilstättenbehandlung angezeigt. Eine 
Einweisung ins Krankenhaus wird in diesen Fällen häufig schon 
vom Patienten als eine Strafe oder Zwangsmaßregel angesehen 
oder als Bestreben des Arztes, ihn abzuschütteln. Es ist auch 
richtig, daß für diese Kranken, darin teile ich die Ansicht, die 
auch in der Diskussion zu Albus Vortrag zum Ausdruck kam, 
die großen Krankenhäuser nicht der richtige Aufenthalt sind. 
Zweifellos werden dort — und jeder, der an einem größeren 
Krankenhaus tätig war, wird dies bestätigen — Arzte und Warte¬ 
personal durch die bei den Sch wer kranken täglich notwendigen 
Untersuchungen verschiedenster Art sowie durch deren Behand¬ 
lung und Pflege vor allem in Anspruch genommen. Für die chro¬ 
nischen Fälle und deren individuelle Behandlung fehlt es dann 
manchmal an der nötigen Zeit. 

Die Frage, ob nun die Magen-Darmkranken in allgemeinen 
Sanatorien untergebracht werden sollen, oder ob für dieselben analog 
den Nervenkranken eigene Anstalten zu errichten seien, darüber 
hat sich im Anschluß an den öfter zitierten Vortrag von Albu 
eine lebhafte Debatte entsponnen. 

Ehe wir dazu Stellung nehmen, wollen wir die Erfolge be¬ 
trachten, die einige Anstalten aufzuweisen haben, in denen neben 
anderen internen Kranken auch Magen-Darmkranke Aufnahme 
finden. 

Es wurden im städt. Sanatorium in Harlaching bei München 
in den ersten drei ßetriebsjahren (1900—1902) behandelt an: 




190 F. Perutz, 


Name der Krankheit 

beim I 
beste 

$S ä 

Ja © 

<x> 

r-Q 

bei Nicht- g'S" 

Tuber- g 

kulösen 

währei 

Aufen 

aufgel 

SS ö 
« © 

P :© 
Hg 

ad des 
thalts 
treten 

S| 

.Q 

Sa. 

geh. 

geh. 

unverändert 

verschlechtert 

inkl. f 

Gastritis chron. 

21 

29 



50 

2 

30 

18 


Dyspepsia nervosa 

1 

3 



4 


2 

2 


Ulcus ventriculi 


2 

1 

3 

6 

4 

1 

1 


Rekonvaleszenz nach 










Ulcus ventr. 

10 

9 



19 

11 

8 



Chronisch. Dickdarm¬ 










katarrh 

2 

2 



4 

1 

3 



Darmtuberkulose 

14 


3 


17 



9 

8 

Obstipatio chron. 

3 

6 



9 

1 

6 

2 


Perityphlitis 


1 


2 

3 



3 


Peritonitis adhaes. 

3 




3 



3 


Peritonitis tub. 

1 




1 



1 


Cirrhosis hepatis 


1 



1 


1 



Cholelithiasis 


1 



1 



1 







118 

19 

51 

40 

8 







= 16,1% 

= 43,2 

= 40,7% 


Anm. Nicht mit eingerechnet wurden Parulis, Angina, akute Gastritis, 
Gastroenteritis, die meist während des Aufenthalts auftraten. 

Ferner wurden außer Betracht gelassen die Fälle von Leberabszeß, Leber¬ 
karzinom, Magenkarzinom, Hernie, Helminthen, Fistula ani, weil diese streng 
genommen nicht in ein Sanatorium gehören. 

Bei den drei letztgenannten handelte es sich wohl um Begleiterscheinungen 
bei anderen Erkrankungen. 

Genesungsheim Rohrbach b. Heidelberg (männl. Pfleglinge) 

1899—1906. 

Es wurden an Verdauungskrankheiten behandelt: 


Jahr 

Zahl der 
Pfleglinge 

da 1 

geh. 

von entlassen 

geb. ungeb. 

1899 

3 

1 

i 

1 

1900 

10 

6 

3 

1 

1901 

13 

6 

7 


1902 

21 

13 

6 

2 

1903 

25 

15 

8 

2 

1904 

36 

23 

10 

3 

1905 

38 

21 

11 

6 

1906 

58 

33 

18 

7 

Sa. 

204 

118 

64 

22 



= 57,8% 

= 31,3% 

= 10,7% 


Allg. Durchschnitt in dem gleichen Zeitraum: geh. = 45,1% 

geh. = 42,6% 
ungeh. = 12,5% 






































Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 191 


Genesungsheim Tretenliof im Schwarzwald 
(weibl. Pfleglinge) 

in den Jahren 1901—1906. 


Name der Erkrankung’ 

Zahl 

der Fälle 

geh. 

1 

geh. 

ungeb. 

Chron. Magenkatarrh 

10 

4 

6 


Magengeschwür 

18 

4 

10 

4 

Magendarmkatarrh akut u. chron. 

9 

5 

3 

1 

Gallenstein und Leberleiden 

9 


6 

3 

Tuberkulose des Bauchfells 

1 


1 


Bauchfell- resp. Blinddarmentzün¬ 





dung 

19 

10 

5 

4 

Eingeweidesenkung 

2 


2 


Sa. 

68 

23 

33 

12 



= 33,8 % 

=48,5% 

II 

QO 

o 

©~~ 


Sanatorium Beelitz 1904 u. 1905. 


a. Männer: 



Zahl 
der Ver¬ 
pflegten 

mehrfach 

im 

Sanator. 

behandelt 

geh. 

davon 

1 

geb. 

unge- 

heilt 

zusammen 

erwerbs¬ 

fähig 

Magen-Darmkrankheit 

96 

2 

47 

45 

4 

94 

Magengeschwüre 

15 

1 

8 

7 


15 

Magenerschlaffung 

86 

4 

41 

41 

4 

86 

Leber- und Gallenleiden 

21 

1 

7 

11 

3 

20 

Unterleibsleiden 

3 


1 


2 

1 

Summa: 

221 

8 

104 

104 

13 

216 


Es wurden davon 1904 geh. = 48 %, geh. = 43,6%, ungeh. = 8,4%. 
Die durchschnittliche Verpflegungsdauer betrug 51,8 Tage. 
Allgemeiner männlicher Heilungsdurchschnitt = 48%. 

Es wurden 1905 geh. = 46%, geh. = 50%, ungeh. = 4%. 

Die durchschnittliche Verpflegungsdauer betrug 51,2 Tage. 
Allgemeiner männlicher Heilungsdurchschnitt = 44%. 































192 F. Perutz, 


b. Frauen: 



Zahl 
der Ver¬ 
pflegten 

mehrfach 

im 

Sanator. 

behandelt 

geh. 

davon 

geb. 

imge¬ 

heilt 

zusammen 

erwerbs¬ 

fähig 

Chron. Magen-Darmkatarrhe 

44 


27 

11 

6 

41 

Blinddarmentzündung 

5 


5 



5 

Magengeschwüre 

29 

i 

18 

6 

5 

26 

Magenerschlaffung 

26 


13 

11 

2 

26 

Magensenkung 

1 



1 


1 

Leber-, Milz-, Gallenleiden 

4 


2 

2 


4 

Unterleibsleiden 

22 


15 

3 

4 

21 

Summa: 

131 

i 

80 

34 

17 

124 


Es wurden davon 1904 geh. = 65 %, geb. = 18 %, ungeb. = 16 % 
Es wurden 1905 geh. = 55,9%, geb. = 35,5%, ungeb. = 8,6%. 
Die durchschnittliche Verpflegungsdauer betrug 50,8 resp. 50,6 Tage. 


Erfolge. 

Übersehen wir nochmals die Ergebnisse dieser Tabellen, so 
muß zugegeben werden, daß die Resultate in Harlaching 1 ) mit 
16 Proz. Heilung, 43 Proz. Besserungen und 40 Proz. Ungebesserten 
und einigen Todesfällen keine guten zu nennen sind. 

Allerdings fällt dabei sehr ins Gewicht, daß das Sanatorium 
besonders in den ersten Jahren seines Bestehens als ein Ableger 
des Krankenhauses betrachtet und bei Platzmangel manche Fälle, 
wie z. B. Karzinome, untergebracht wurden, die streng genommen 
nicht in einer Erholungsstation oder in einem Sanatorium Auf¬ 
nahme finden sollen. Auch wenn wir diese Erkrankungen von 
vornherein ausscheiden, so sehen wir doch, daß wohl auch sonst 
in der ersten Zeit eine entsprechende Auswahl der Kranken nicht 
getroffen wurde. Das beweisen auch die Fälle von Darm tuber¬ 
kulösen, bei denen natürlich kein Erfolg zu erzielen ist. Über¬ 
haupt wirkt die Tatsache, daß sehr viele von den aufgeführten 
Verdauungskrankheiten mit Tuberkulose vergesellschaftet waren, 
selbstverständlich verschlechternd auf die Statistik. 

Ein weitaus besseres Bild ergibt die Zusammenstellung der 
im Genesungsheim Rohrbach bei Heidelberg von den Jahren 1899 
bis 1906 erzielten Ergebnisse. Von 204 in dieser Zeit an Magen- 
Darmkrankheiten verpflegten Männern wurden 57,8 Proz. geheilt, 

0 Annalen d. städt. Krankenhäuser in München. Bd. XII, 1900—1902, S. 618. 
Lehmanns Verlag 1906. 
























Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 193 

31,3 Proz gebessert, 10,7 Proz. waren ungebessert. Es übersteigt 
sowohl der Prozentsatz an Heilungen (57,8: 45,1) den allgemeinen 
Durchschnitt als auch das Verhältnis von Heilung und Besserung 
zusammen die allgemeinen Durchschnittszahlen. 

Weniger günstig sind die Resultate im Genesungsheim Tretenhof 
für weibliche Kranke. Hier wurden 1901—1906 von den Verpflegten 
33,8 Proz. geheilt, 48,5 Proz. gebessert, 18,7 Proz. blieben un- 
geheilt. 

Im Sanatorium Belitz wurden 1904 48 Proz. geheilt, 43,6 Proz. 
gebessert, 1905 46 Proz. geheilt, 50 Proz. gebessert. Bei den 
Frauen betragen die Heilungen 65, resp. 55,9 Proz., die Besse¬ 
rungen 18 resp. 35 Proz. 

Die bei den Männern im Beelitzer Sanatorium erreichte Zahl 
der Heilerfolge hat nun Albu mit Anlaß gegeben, seine Forde¬ 
rung auf Einrichtung besonderer Heilstätten für Magen- und Darm¬ 
kranke zu begründen. Durch spezialistische Behandlung, durch 
umfassende Gestaltung der physikalisch-diätetischen Therapie seien 
dann bessere Erfolge zu erwarten, als sie eine große Anstalt mit 
Kranken aller Art und der geringen Möglichkeit individualisierender 
Behandlung besonders auf dem diätetischen Gebiet zeitigen könne. 
Diese Behauptung hat nicht nur in der Diskussion Widerspruch 
hervorgerufen, sondern auch zu weiteren Auseinandersetzungen 
zwischen dem leitenden Arzt der genannten Anstalt und Albu 
geführt. Aus den nachträglichen Ausführungen von Pielike 1 ) 
ergibt sich allerdings, daß die Statistik der Anstalt an einem 
Fehler krankt, der ihrer Verwertung zur Beurteilung der Heil¬ 
erfolge einer bestimmten Krankheitsgruppe erschwert. Es werden 
nämlich z. B. die wegen Magen-Darm-Krankheiten Behandelten 
auch nach Beseitigung dieser Störungen nicht als geheilt geführt, 
wenn sie noch irgendwelche andere Affektionen aufweisen. So 
kommt es, daß Patienten, die ihre Verdauungsbeschwerden ver¬ 
loren haben, wegen eines gleichzeitig bestehenden Kehlkopfkatarrhs, 
wegen Schwerhörigkeit, Arteriosklerose oder einer alten abge¬ 
kapselten Tuberkulose als gebessert entlassen werden. Dieses Zu¬ 
sammenwerfen von örtlicher Störung und allgemeinem Körperzu¬ 
stand, auch wenn keine Zusammenhänge oder Anhängigkeit be¬ 
steht, muß natürlich die Zahl der Heilerfolge beeinträchtigen. 

In seiner Antwort auf die Einwürfe A1 b u ’s sucht nun Pielike 


9 Pielike, Die Magenkranken im Sanatorium Beelitz. Mediz. Reform 
1907, Nr. 3. 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 13 





194 F. Perutz, 

die reinen Heilerfolge bei den Magen-Darm-Kranken für ein Jahr 
herauszuschälen, indem er von dem anderen begleitenden Befund 
bei der Ausrechnung der Erfolge absieht. Er kommt auf diese 
Weise zu 76 Proz. Heilungen, 8 Proz, Ungeheilten und 16 Proz. 
Besserungen. Ich teile hier den Standpunkt von A1 b u*), daß eine 
solche Interpretierung des Jahresberichtes für eine Krankheits¬ 
gruppe allein nicht angängig ist. Es müßten dann doch wohl 
auch Herz-, Nerven- und andere Krankheiten in gleicher Weise 
statistisch verarbeitet werden, d. h. es müßte die ganze Grund¬ 
lage der Statistik geändert werden, wenn es darauf ankäme, den 
Prozentsatz der Heilungen, der dann natürlich auch bei den 
anderen Krankheiten höher werden würde, auf diese Art genau 
festzustellen. 

Darauf kommt es aber meines Erachtens in der hier uns in¬ 
teressierenden Frage gar nicht so sehr an. Gerade auf dem Gebiet 
der Magen-Darmkrankheiten, wo uns objektive Kriterien zur Fest¬ 
stellung der Heilung oft fehlen und uns häufig lediglich die sub¬ 
jektiven Angaben der Patienten (Schwinden von Druck, von 
Schmerzen, von Erbrechen usw.) einen Anhalt für den Erfolg ab- 
gaben, dürfen wir auf den Prozentsatz der Heilungen keinen allzu 
großen Wert legen. Sehen wir nicht bei den chronischen Katarrhen 
des Magens, daß nach Abschluß der Behandlung und scheinbaren 
Gesundung die Magensaftabscheidung selbst keine wesentliche 
Änderung aufweist, oder ist es nicht fast die Hegel, daß bei Hyper- 
chlorhydrie, die durch die Übersäuerung oder die subjektive Hyper¬ 
ästhesie hervorgerufene Beschwerden sich verlieren, während die 
Säure Verhältnisse ungefähr die gleichen geblieben sind ? Auch über 
die Heilung der Magen-Darm-Atonie bekommt man im Lauf seiner 
Erfahrungen eigene Ansichten. 

Wichtiger darum, als die Feststellung der Heilung ist, beson¬ 
ders wenn es sich um versicherungspflichtige Kranke handelt, die 
Frage nach der Wiedererlangung der Erwerbsfähigkeit und nach 
den Dauererfolgen des Heilverfahrens. 

Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt die Statistiken der 
beiden badischen Heilanstalten und der Sanatorien von Beelitz, so 
erhalten wir gleich ein anderes Bild. Es wurden arbeitsfähig ent¬ 
lassen in Rohrbach seit Bestehen bis 1906 (die Geheilten und Ge¬ 
besserten zusammengerechnet) an 90 Proz. der wegen Verdauungs¬ 
krankheiten Behandelten; in Tretenhof 1902—1907 an 71 Proz.; 


‘) Entgegnung, Mediz. Eeform 1907, Nr. 4. 





Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 195 

in Beelitz 1904 von den Männern 92 Proz. (mit Abzug* der ungeheilt 
aber erwerbsfähig Entlassenen), 1905: 96 Proz.; von den Frauen 
1904: 83 Proz., 1905 an 91 Proz. Sämtliche in Beelitz verpflegte 
Kranke waren bei der Aufnahme arbeitsunfähig im Sinne des 
Krankenversicherungsgesetzes. Die Feststellung der Erwerbsfähig¬ 
keit bei der Entlassung ist im Sinne des Invalidenversicherungs¬ 
gesetzes aufzufassen, sie betrug bei den meisten der gebessert die 
Anstalt Verlassenden 80—90 Proz. 

Wie steht es nun mit den Dauererfolgen? Die statistischen 
Erhebungen des Reichs Versicherungsamtes *) geben insofern über 
die einzelnen Krankheitsgruppen keine genaue Auskunft, als sie 
nur unterscheiden zwischen den wegen Lungentuberkulose und den 
wegen „anderer Erkrankungen“ Behandelten, ohne weiter zu diffe¬ 
renzieren. Immerhin sieht man, daß die wegen „anderer Er¬ 
krankungen“ Behandelten, denen auch unsere Krankheitsgruppe 
angehört, eine größere Prozentzahl von Dauererfolgen aufweisen 
als die wegen Lungentuberkulose Behandelten. 



Heilerfolg: bei Tuberkulose 


bei anderen Krank¬ 
heiten : 


Jahr der Be¬ 
handlung 

1898 

1899 

1 

1900 

1901 

1898 

1899 

1900 

Es waren 


nach 2 Jahren 

45 

48 

49 

55 

48 

47 

49 

von 100 Be¬ 


„ 3 „ 

38 

40 

41 


43 

42 

44 

handelten noch 


„ 4 „ 

33 

35 



40 

39 


arbeitsfähig 


» 5 „ 

31 

33 



38 




Es waren somit von den wegen Lungentuberkulose Behandelten 
nach 4 Jahren noch 33 resp. 35 Proz arbeitsfähig gegenüber 40, 
resp. 39 bei den wegen anderer Krankheiten Behandelten. Nach 

5 Jahren nur noch 31 resp. 33 Proz. der Behandelten wegen Tuber¬ 
kulose gegenüber 38 Proz. Nichttuberkulöser. 

Speziellere Auskunft über das uns hier interessierende Gebiet 
gibt nur eine kleine Statistik, die im Dezember 1903 durch Um¬ 
frage, bei den in den Jahren 1899—1902 in Rohrbach Verpflegten 
und gebessert Entlassenen gewonnen wurde. 

Bezüglich der Verdauungskranken führte sie zu folgenden Er¬ 
gebnissen : 

9 Statistik der Heilbehandlung bei den Versicherungsanstalten usw. für die 
Jahre 1898—1902. Amtl. Nachrichten des KVA. 1903. 1. Beiheft. Berlin, Asher 

6 Co., und La sso n: Die Erfolge der Heilbehandlung der Versicherungsanstalten 
und Berufsgenossenschaften. Arbeiter Versorgung 1904, Nr. 30. 

13* 




















196 F- Perutz, 


Jahr der 
Behandlung 

Gebessert 

entlassen 

Nachrichten 
liefen ein 

Davon 

! arbeitsfähig 
und wohl 

Haben Klagen, 
sind aber teil¬ 
weise arbeits- 
fähig 

Arbeits¬ 

unfähig 

1899 

i 

i 

i 



1900 

3 

2 

i 


i 

1901 

7 

4 

3 

i 


1902 

7 

4 

3 

i 


Summa: 

18 

11 

8 

2 

i 


Von 11 Patienten, von denen Nachrichten einliefen, waren 
somit 8 wohl und arbeitsfähig, 2 zum Teil arbeitsfähig, 1 arbeits¬ 
unfähig. 

Verpflegungsdauer und Kosten. 

Was die Verpflegungsdauer anbelangt, so betrug dieselbe bei 
den Magen-Darmkranken in Beelitz 1904 pro Fall 51,8 resp. 51,2 Tage 
bei den männlichen, 50,8 resp. 50,6 bei den weiblichen Kranken. Da 
sie sich somit bei den männlichen Kranken etwas unter dem 
Jahresdurchschnitt von 53 resp. 51 Verpflegtagen bei den wegen 
innerer Leiden (ausschließlich Tuberkulose) Behandelten hält, so 
dürfte der Kostenaufwand für den Fall auch etwas unter dem 
Kostenaufwand von 341 resp. 382 M. der in den letzten Jahren 
für den Verpflegten aufgewandten Kosten stehen. Dem gegenüber 
erforderte ein wegen Tuberkulose behandelter Mann 77 resp. 67 
Verpflegungstage und 466 resp. 493 M. Kosten pro Kopf in Beelitz. 
Bei den Frauen verhielten sich die Verpflegungstage bei Nicht¬ 
tuberkulösen zu den Tuberkulösen wie 52 resp. 48 zu 85 resp. 81 
und die Kosten wie 313 resp. 327 M. zu 450 resp. 490 Mk. Das 
stimmt auch so ziemlich mit dem Reichsdurchschnitt überein, wo¬ 
nach die Lungenkranken eine um 22—29 Tage längere Behand¬ 
lungsdauer beanspruchen als die nicht Lungenkranken. 

Wenn wir rückschauend uns die guten Erfolge bezüglich Her¬ 
stellung der Erwerbsfähigkeit nochmals vergegenwärtigen und auch 
die Dauererfolge berücksichtigen, wobei ich allerdings auf die kleine 
Rohrbacher Erhebung nicht zu viel Gewicht legen möchte, so muß 
es zweifelhaft erscheinen, ob in speziellen Sanatorien für Magen- 
und Darmkranke Besseres sich erreichen läßt. 

Ich muß darum der Mehrzahl der Redner zustimmen, die 
Albu’s Vorschlägen gegenüber eine ablehnende Stellung einnehmen 
und kann mich auch den gleichen von Ageron erhobenen Forde¬ 
rungen nicht anschließen. 
















Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 197 

Was nottut, ist vor allem eine Vermehrung der Sanatorien 
für innere Kranke (ausschließlich Lungenkranke), für Rekonvales¬ 
zenten und Erholungsbedürftige. Ich verweise auf die Arbeit von 
Ingerle, 1 ) auf das ausgezeichnete Referat von Klumker, 2 ) auf 
die Zusammenstellung von Haas. 3 ) Von ihnen allen wird auch 
diese Forderung entschieden vertreten und hervorgehoben, daß die 
Fürsorge für andere Kranke durch die Lungenheilstättenbewegung 
in den Hintergrund gedrängt wurde. Von einer Einrichtung 
solcher Anstalten werden auch die Magen-Darm-Kranken Nutzen 
haben, und es ist nicht einzusehen, warum bezüglich der Kost und 
der physikalischen Behandlung nicht dort für sie ebenso Rechnung 
getragen werden kann, wie dies auch in allen internen für die 
wohlhabenderen Volkskreise bestimmten Sanatorien geschieht. Ge¬ 
wiß, es gibt außerdem noch für diese Kreise eine Reihe gutge¬ 
leiteter und besuchter Spezialanstalten für Magen- und Darm¬ 
kranke, für Krankenkassen und Versicherungsanstalten aber muß 
vor allem als Norm gelten, das Notwendige wenn tunlich mit ein¬ 
fachen Mitteln zu erstreben, ein Standpunkt, den jeder Kassenpraxis 
treibende Arzt sich zu eigen machen muß. Wenn ich ihn auch 
in der vorliegenden Frage Albu gegenüber vertrete, der die Er¬ 
richtung solcher Sanatorien „als Pflicht der ausgleichenden Ge¬ 
rechtigkeit“ fordert, so handle ich weder unsozial noch stemple ich 
damit die Versicherungspflichtigen zu Kranken zweiter Ordnung. 
Denn wie wir gesehen haben, sind die Resultate in den bestehenden 
Sanatorien durchaus befriedigend, falls wir berechtigterweise 
nicht bloß die Heilungen als Kriterien des Erfolges nehmen. 

Darum ist der Ruf nach Magensanatorien oder Heilstätten für 
Stoffwechselkranke verfrüht und nur geeignet, von der größeren 
und vordringlicheren Aufgabe, Heil- und Kuranstalten für andere 
Kranke als Lungenkranke zu errichten, abzulenken. Die kürzere 
Kurdauer, die geringeren Kosten und die besseren Dauererfolge 
müssen uns veranlassen, aufs entschiedenste für deren Errichtung 
einzutreten. 


x ) Ingerle, St., Die Anstalten für Rekonvaleszenten, Erholungsbedürftige 
und Tuberkulöse der Krankenkassen und Versicherungsanstalten Deutschlands. 
München 1901. Seitz und Schauer. 

2 ) Klumker, Fürsorge für Erholungsbedürftige. Referat erstattet auf der 
9. Jahresversammlung des Zentralverbandes der Ortskrankenkassen, Hamburg 1902. 
Arbeiterversorgung Bd. 20, 1903, S. 88. 

3 ) Haas, C., Erholungs- bzw. Genesungsheime und Lungenheilstätten für 
die arbeitenden Klassen der Bevölkerung. Karlsruhe 1904. 





198 F. Per atz, 

Wenn nach dieser Richtung eine Besserung angebahnt würde, 
so könnten auch die Versicherungsanstalten mehr für die Ver¬ 
dauungskranken tun, als dies jetzt teilweise geschieht. Es über¬ 
nahm die Versicherungsanstalt für Oberbayern 1904 in 1699 Fällen 
das stationäre Heilverfahren in Krankenanstalten; in 896 Fällen 
handelte es sich dabei um Erkrankungen der Lunge, nur in 
21 Fällen um Magen-Darm-Kranke. Auch im Jahre 1905 fielen 
von den 1890 behandelten Fällen 1086 auf Lungenkrankheiten, nur 
52 auf Magen-Darm-Krankheiten. Beide Male steht diese Gruppe 
an zweitletzter Stelle der überhaupt in Betracht kommenden Krank¬ 
heiten. Wenn dagegen nach den Berichten der Ortskrankenkasse 
Leipzig die Versicherungsanstalt dort relativ oft das Heilverfahren 
wegen Magenleidens übernahm, so sind diese höheren Zahlen damit 
zu erklären, daß hier unter „Heilverfahren“ auch die Beihilfen für 
Zahnersatz eingerechnet sind. Die Notwendigkeit, Zahnersatz zu 
gewähren, wird aber häufig mit einem vorhandenen Magenleiden 
begründet. 

Landaufenthalt und Bäder. 

Interessante Aufschlüsse über den Erfolg der „freien Kur“ 
(Landaufenthalt und Besuch von Bädern) gibt folgende Tabelle, 
die ich in etwas vereinfachter Form den Geschäftsberichten von 
1904 und 1905 der Berliner Kasse der Kaufleute entnehme. 

(Siehe Tabelle nächste Seite.) 

Es geht daraus hervor, daß die Verdauungskranken unter den 
hier angeführten Krankheitsgruppen am wenigsten der Aufenthalts¬ 
veränderungen teilhaftig wurden, daß von ihnen prozentual am 
meisten (83,6 resp. 62,3 Proz.) bereits über 4 Wochen vor Ein¬ 
reichung des Gesuches krank war und sie trotzdem mit 81 resp. 
80 Proz. an 1. resp. 2. Stelle bezüglich Wiedererlangung der 
Arbeitsfähigkeit stehen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß vor 
allem im Gegensatz zu den Lungen- und Nervenkrankheiten Heil¬ 
stättenbehandlung sich unter diesen Aufenthaltsveränderungen bloß 
4 resp. 2 mal findet. Somit sind diese Erfolge fast ausschließlich 
auf Kosten der sog. freien Kur zu setzen. Diese bedeutsame 
Erscheinung verdient volle Beachtung und sollte Veranlassung 
geben, auch den Verdauungskranken den Landaufenthalt, eventuell 
auch den Aufenthalt in Bädern in ausgedehnterem Maße zu er¬ 
möglichen. 

Was den letzteren Punkt betrifft, so dürfte es verschiedenen 
größeren Krankenkassen mit Beihilfe der Versicherungsanstalten 




Belastung* d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 199 


Aufentlialtsveränderungen nach Krankheitsursachen 

zusammengestellt. 


Krankheits¬ 

ursache 

Zahl der be¬ 

willigten Gesuche 

Vor 

reicl 

d 

Ges 

'S 2 

^ :cö 

<M 

cö 

Ein- 

Liung 

es 

uchs 

A.SP 

© »3 
15 g 

C6 P* 

Von 

unfä 

fl 

CD 

SS'S 
2 >® 

den Arbeits- 
Lhigen krank 

über 

4 Wochen 

Der 

hall 

gen 

f=l 

cö 

Heilstätte B ^ £* 

R ü 1? 

Badeort § g'S- 

Vorher 

arbeits¬ 

unfähig 

nachher 

arbeits¬ 

fähig 

1904 

Störungen der Ent¬ 
wicklung und Er¬ 
nährung 

163 

40 

123 

73 

50 = 40,3 % 

144 

6 


98 = 79,7 % 

Krankheiten des 
Nervensystems 

150 

36 

114 

50 

64 = 56% 

116 

22 


der vorher 
Arbeitsunfäh. 

65 = 57,7% 

Krankheiten der Re¬ 
spirationsorgane 

394 

81 

313 

130 

182 = 54,9 % 

281 

82 

_ 

188 = 60% 

Krankheiten der 

V erdauungsorgane 

59 

4 

| 

55 

9 

46 = 88,6 % 

41 

4 

— 

45 = 81,9% 

1905 

Störungen der Ent¬ 
wicklung und Er¬ 
nährung 

187 

54 1 

133 

85 

48 = 36 % 

146 

6 

28 

110 = 82,8 % 

Krankheiten des 
Nervensystems 

167 

57 

110 

71 

39 = 35,4 % 

88 

25 

49 

81 = 73,3 % 

Krankheiten der Re¬ 
spirationsorgane 

379 

74 

305 

158 

147 = 48,2% 

246 

69 

40 

180 = 59 % 

Krankheiten der 
Verdauungsorgane 

71 

10 

1 

61 

23 

38 = 62,3 % 

53 

2 

13 

49 = 80,3 % 


nicht schwer fallen, passende Unterkunftsgelegenheiten an Kurorten 
zu schaffen, ein Vorschlag, der auch von Ageron (1. c.) befürwortet 
wird. Es braucht dies ja selbstverständlich nicht in den großen 
Weltkurorten zu sein. Wir haben in Deutschland eine Reihe 
hübscher, nicht allzu besuchter, einfacher Orte mit guten Trink- 
und Badequellen, die sich auch zum Kurgebrauch für Verdauungs¬ 
kranke eignen würden. 

Walderholungsstätten. 

Eine Zwischenstellung zwischen der freien Kur und der Anstalts¬ 
behandlung nehmen die Walderholungsstätten ein. Ursprünglich 
vor allem für Tuberkulöse bestimmt, werden sie, wie aus den Be¬ 
richten der Frankfurter und Münchener Walderholungsstätten hervor¬ 
geht, auch von Bleichsüchtigen und Rekonvaleszenten in steigendem 



































200 F. Perutz, 

Maße benutzt. Auch einige Magen- und Darmkranke finden sich 
in München unter den Besuchern. Für manche Formen der mit 
Anämie vergesellschafteten Verdauungsstörungen und für atonische 
Zustände würden sich die Walderholungsstätten ganz gut eignen, 
soweit eben keine zu großen Anforderungen an die diätetische 
Behandlung gestellt werden müssen. Der Patient kann dabei in 
der ambulanten Behandlung seines Arztes bleiben und wenn nötig, 
die vorgeschriebenen Wasseranwendungen morgens und abends nach 
der Heimkehr in seiner Wohnung ausführen. 

Die Walderholungsstätten, die bis jetzt von gemeinnützigen 
Vereinen ins Leben gerufen und erhalten werden, haben den großen 
Vorteil, daß die Verpflegskosten recht mäßig sind. Sie betrugen 
in Frankfurt 1,25 M. pro Tag und Kopf, in München 1,35 M. ein¬ 
schließlich Trambahnabonnements, das den Besucherinnen zur Ver¬ 
fügung gestellt wird. Notwendig für ihre gedeihliche Weiterent¬ 
wicklung ist freilich, daß ihre rechtliche Stellung im Kranken¬ 
versicherungsgesetz entsprechend festgelegt wird durch Abänderung 
des § 7, der bis jetzt eine teilweise Zurückbehaltung des Kranken¬ 
geldes nur für Anstalten von der Art eines Krankenhauses (mit 
Schlafraum und Abschluß nach außen) vorsieht. 1 ) 

All diese Darlegungen müssen uns in der Anschauung bestärken, 
daß wir in Heilstätten und Rekonvaleszentenanstalten, durch Ge¬ 
währung von Land- und Badeaufenthalt, in den Walderholungs¬ 
stätten Möglichkeiten genug besitzen, auch Verdauungskranke in 
zweckentsprechender Weise unterzubringen. Hüten wir uns darum, 
die Kräfte unnötig zu zersplittern, sorgen wir vielmehr durch rege 
Propaganda vorerst dafür, daß die beschränkten Geldmittel zur 
Ausgestaltung der schon vorhandenen Gelegenheiten Verwendung 
finden! Wir handeln damit gewiß auch im Interesse dieser Kranken! 

C. Unfallversicherung. 

Die Frage der traumatischen Entstehung der Magen-, Darm¬ 
und Stoffwechselkrankheiten soll hier nicht näher erörtert werden. 
Sie hat im Stern’schen 2 ) Handbuch eine umfassende Darstellung 
unter Berücksichtigung der Literatur gefunden. Eine nochmalige 


*) Klumker, Die rechtliche Stellung der Walderholungsstätten im Kranken¬ 
versicherungsgesetz. Soziale Praxis, Bd. 12. 

2 ) Stern, Über die traumat. Entstehung innerer Krankheiten. T. 2. Jena. 
Gustav Fischer. 





Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 201 

Wiederholung der dort angeführten Momente würde den mir hier 
gesteckten Rahmen weit überschreiten. 

Meine Aufgabe muß sich vielmehr darauf beschränken, auf 
Grund des vorhandenen kasuistischen Materials zu untersuchen, 
welche Folgen ein Unfall auf schon bestehende manifeste oder 
latente Verdauungs- und StofFwechselleiden haben kann und welche 
Beurteilung die daraus entstehenden Nachteile bei der Geltend¬ 
machung der Entschädigungsansprüche gefunden haben. 

Magengeschwü r. 

Perforation eines bereits bestehenden Magengeschwürs nach 
Unfällen wurde einige Male beobachtet. 

Gap pich 1 ) teilt einen Fall mit, wo eine Frau von einer Kuh 
mit dem Horn in die Magengegend gestoßen wurde, zwei Tage 
später unter heftigen Leibschmerzen kollabierte und starb. Die 
Sektion ergab: Perforationsperitonitis, ausgehend von einem Ge¬ 
schwür der hinteren Magenwand. Das Geschwür bestand, wie aus 
den scharfen Rändern und der terrassenförmigen Gestalt hervorging, 
jedenfalls schon länger. Der Eintritt der Perforation mußte aber 
durch die heftige Einwirkung des Stoßes erklärt werden. Auf 
Grund des Gutachtens wurde den Hinterbliebenen Unfallrente er¬ 
stattet. 

Auch in folgendem Fall wurden vom RVA. 2 ) die Ansprüche 
der Hinterbliebenen anerkannt. 

Ein Bergmann, der ein Jahr vorher an Magengeschwür behandelt worden 
war, empland beim Anheben eines Förderwagens plötzlich heftige Schmerzen, 
mußte die Arbeit aussetzen und starb am 5. Tag. Als Todesursache fand sich ein 
perforiertes Magengeschwür. 

In davon abweichendem Sinne fiel die Entscheidung des RVA. 
in nachstehender Unfallsache aus (Rekursentscheidung des RVA., 
Ausgabe des Kompaß, Band IV, Nr. 39). 

Aufseher, tödlicher Durchbruch eines seit längerer Zeit bestandenen Magen¬ 
geschwürs, beim Heben von Säcken im Gewicht von 30—120 Pfund. Da der 
Durchbruch „bei einem bereits an Magengeschwüren leidenden Arbeiter bei einer 
Tätigkeit erfolgte, die der alltägliche Betrieb mit sich bringt, und welche nur 
die übliche mäßige Anspannung, nicht aber eine Überanstrengung seiner Kräfte 
erfordert, so kann in jener Betriebshandlung wohl die zufällige äußere Gelegenheit, 
nicht aber die Ursache der Magenperforation erblickt werden“. Es wurde deshalb 
der Betriebsunfall abgelehnt und angenommen, daß die tödliche Komplikation im 
natürlichen Verlauf einer unabhängig vom Betrieb geschehenen Krankheit einge¬ 
treten ist. 

! ) Gappich, Ulcus ventriculis-Perforation und Trauma. I.-D. München 1901. 

2 ) Entscheid d. EVA. ref. Monatschr. f. Unfallheilkunde 1900, S. 65. 





202 P. Perutz. 

Dazu bemerkt Steril: 

„Eine Entscheidung; darüber, ob eine Blutung- oder Perforation 
bei einem Ulcuskranken in natürlicher Fortentwicklung der be¬ 
stehenden Krankheit oder infolge einer bestimmten äußeren Ver¬ 
anlassung erfolgt ist, wird in vielen Fällen unmöglich sein. Sicher 
genügt eine das gewöhnliche Arbeitsmaß nicht übersteigende An¬ 
strengung bei einer gewissen Beschaffenheit des Geschwürs, um jene 
Folgeerscheinung eintreten zu lassen. Wenn der Arzt die Über¬ 
zeugung gewinnt, daß eine bestimmte zeitlich abgrenzbare Arbeits¬ 
leistung zur Entstehung der Blutung bzw. Perforation beigetragen 
hat, so wird er auch dann einen entschädigungspflichtigen Unfall 
annehmen dürfen, wenn jene Arbeitsleistung keine ungewöhnlich 
starke war. Freilich wird sich dann eben in den meisten Fällen 
eine sichere Entscheidung nicht geben lassen, und wird man sich 
nach den besonderen Umständen des Falles mit einer Schätzung 
der Wahrscheinlichkeit begnügen müssen.“ 

Magen- und Rektumkarzinom. 

Bezüglich der Verschlimmerung bösartiger, bis dahin ver¬ 
borgener Geschwülste durch Unfälle liegen eine Reihe von Ent¬ 
scheidungen vor. Ich gebe die betreffenden von Moser 1 ) ge¬ 
sammelten Fälle kurz wieder. 

49 jähriger Zuschläger hob am 29. Juni einen 75 Kilo schweren Krahnen 
mittels einer Leiter, die er gegen die Oberbauchgegend anstemmte, zum Befestigen 
in die Höhe; spürte dabei stechenden Schmerz an dieser Stelle und mußte 
sich hinsetzen. Nahm am 10. Juli ärztliche Hilfe in Anspruch. Erst Magen¬ 
katarrh, später Karzinom vermutet. Am 16. Dezember durch Operation Magen¬ 
karzinom mit Verwachsung festgestellt. Am 21. Dezember Tod. 

51 jähriger Landwirt erhält von einer Kuh einen Stoß in die Magengegend, 
lag einige Zeit bewußtlos am Boden. Bald nachher Üblichkeit und Erbrechen. 
Im Anschluß an den Unfall entwickelte sich Appetitlosigkeit, Schmerzen, Unfähig¬ 
keit zu arbeiten. Der Arzt nahm ein Magengeschwür an. Im weiteren Verlauf 
wurde ein Magentumor nachweisbar. 7 Monate nach dem Unfall erfolgte der Tod. 

64 jähriger Mann erlitt am 2. Juni beim Anspannen eines Seiles ausgedehnte 
Quetschungen des Rumpfes. Seit dem Unfall Magenbeschwerden, Aufstoßen, Er¬ 
brechen. Im November Zeichen der Pylorusstenose, Operation: Magenkarzinom, 
Tod 19. November. 

Haag: 2 ) 45jähriger Maurer erlitt am 10. September eine Quetschung des 
Bauches, indem er bei der Arbeit durch Ausgleiten mit dem Unterleib (unterhalb 
des rechten Rippenbogens) auf einen Schrägen fiel. Unmittelbar darauf unstill- 


L ) Moser, Trauma und Karzinom. Ärztl. Sachverst.-Zeitg. 1903, Nr. 16. 

2 ) Haag, Tod an Magenkrebs — Unfallfolge. Monatsschr. f. Unfallheilkunde 
1904, Nr. 11. 





Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 203 

bares Erbrechen und hartnäckige Stuhlverhaltung. Nahrungsaufnahme sehr gering. 
Im November Aufnahme im Krankenhaus. Schon vor dem Unfall hatten öfters 
Magenbeschwerden bestanden. Am 16. Dezember Tod. Sektion: Stenosierendes 
Karzinom des Pylorus mit zahlreichen Metastasen. 

In all den angeführten Fällen, die mehrfachen Begutachtungen 
unterworfen wurden, wurde durch den Unfall eine zum raschen Tod 
führende Verschlimmerung schon bestehender Karzinomerkrankungen 
des Magens angenommen und den Hinterbliebenen die Rente zuge¬ 
billigt. Bei dem ersten Patienten wurde die Verschlimmerung 
durch Zerreißung von Verwachsungen infolge der gewaltigen An¬ 
strengung beim Heben erklärt, bei den folgenden beiden wurde die 
direkte Gewalt, die den Leib traf, dafür beschuldigt. Im letzter¬ 
wähnten Falle wurde entgegen dem Urteil des Obduzenten auf 
Grund des Gutachtens der behandelnden Ärzte die Entscheidung 
gefällt und folgenderweise begründet: Es ist kein Anhaltspunkt, 
daß L. vor dem Unfall erwerbsbeschränkt war, dagegen steht fest, 
daß er vom Unfall bis zu seinem Tode vollkommen arbeitsunfähig 
war. Der Verletzte gab glaubwürdig an, daß er vor dem Unfall 
kein Erbrechen hatte, von da an aber Speisen erbrach. Es besteht 
somit eine hinreichende Wahrscheinlichkeit dafür, daß der Unfall 
die Krankheit wesentlich beschleunigte. 

Honigmann 1 ), der diese Fälle zitiert, sieht deshalb im Urteil 
des KVA. in folgender Unfallsache einen Widerspruch: 

Ein 35 jähriger Hauer wurde am 2. August aufs Gesäß geworfen. Am Tag 
nach dem Unfall erstmalige Blutung aus dem After. Es traten im Laufe der 
nächsten Woche Durchfälle, blutige Stühle und Schmerzen auf. 6 Wochen später 
Aufnahme im Krankenhaus. Dort Feststellung eines tiefsitzenden Mastdarm¬ 
karzinoms. Bei der Operation zeigt sich Verwachsung mit Blase und Harnröhre, 
die eine radikale Entfernung der Geschwulst nicht mehr ermöglichten. Tod ein 
Jahr später. 

Es wurden im Verlauf der Erkrankung und in Verfolgung der 
Reutenansprüche der Hinterbliebenen eine Reihe von Gutachten ab¬ 
gegeben, die in der durch das Trauma hervorgerufenen Gefä߬ 
zerreißung und in der Blutung in die Geschwulst und ihre Um¬ 
gebung den Anlaß zum geschwürigen Zerfall und zum rascheren 
Wachstum des bis dahin latenten Tumors sehen. Demgegenüber 
wurde in anderen Gutachten verneint, daß die Blutung ein Effekt 
des Falles gewesen sei. Es sei vielmehr eine gewöhnliche Er¬ 
scheinung, daß Mastdarmkrebse bluten. Auch ein Anlaß des 
rascheren Verlaufs sei weder in der Blutung noch in der Er- 

b Hoiigmann, Die Verschlimmerung’ bösartiger Geschwülste durch Un¬ 
fallfolge. Monatsschr. f. Unfallheilk. 1906, Nr. 6. 




204 F. Perutz, 

schütterung des Gesäßes gegeben. Die Ansprüche der Hinter¬ 
bliebenen wurden abgelehnt. 

Cholelithiasis. 

Die ursächlichen Beziehungen zwischen Cholelithiasis und 
Trauma sind ebenso wie der Zusammenhang zwischen Appendicitis 
und Trauma in mehreren Arbeiten besprochen worden. 

Kampmann 1 ), desgleichen Berger 2 ) betonen, daß die latente 
Cholelithiasis durch Trauma in ein akutes Stadium übergeführt 
werden kann. Es können also bei bis dahin gesunden Gallenstein¬ 
trägern im Anschluß an ein Trauma Gallensteinanfälle auftreten. 
Daß durch eine Gewalteinwirkung überhaupt der erste Anlaß zur 
Steinbildung gegeben werden kann, sei nur nebenbei erwähnt. 

Appendicitis. 

Bei der Appendicitis hat die Frage, ob ein direktes oder 
indirektes Trauma bei einem gesunden Wurmfortsatz eine Entzün¬ 
dung hervorrufen könne, mehrfach Ursache zu Diskussion gegeben. 

Neumann 3 ) aus der Bramannschen Klinik bejaht dies; 
Sonnen bürg 4 ) stellt es in Abrede und behauptet, daß nur bei 
erkrankter Appendix das Trauma weitere Folgen zeitige, „sei es, 
daß durch einen heftigen Stoß oder die lebhafte Anwendung der 
Bauchpresse alte Entzündungsherde, die nicht völlig ausgeheilt 
waren, wieder aufflackern, sei es, daß dadurch Ulzerationen gezerrt, 
alte Adhäsionen zerrissen oder Eitereindickungen gesprengt werden“. 
In 22 Fällen eigener Beobachtung, die mit einem Trauma in Zu¬ 
sammenhang gebracht und von Sonnen bürg operiert wurden, 
handelte es sich bei genauer Betrachtung anatomisch wie klinisch 
um bereits bestehende larvierte oder chronische Erkrankungen, die 
wieder ins akute Stadium übergeführt worden waren. Auch in den 
meisten Fällen von Neumann enthielt der Wurmfortsatz einen 
Kotstein, war also eigentlich nicht mehr als gesund anzusehen. 


*) Kamp man n, Über die ursächlichen Beziehungen von Trauma u. Gallen¬ 
blasenerkrankung. I.-D. Straßburg 1901. 

2 ) Berger, Trauma u. Cholelithiasis. Monatsschr. f. Unfallheilk. 1902, Nr. 8. 

3 ) Neumann, Über Appendicitis und ihren Zusammenhang mit Traumen. 
Arcli. f. klin. Chirurgie, Bd. 62, H. 2. 

4 ) Sonnenburg, Appendicitis und der Zusammenhang mit Traumen. 
Deutsche med. Wochenschr. 1901, Nr. 38 und sein Buch über Appendicitis. 





Belastung d. Krankenkassen. Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 205 

Desgleichen fanden Schottmüller 1 ) und Leimen 2 ) in ihren 
Fällen von Perforationsperitonitis bei Kindern, die im Anschluß an 
einen Fall beim Turnen, an einen Stoß gegen eine Wagendeichsel, 
nach einem Fußtritt gegen den Leib auftraten, einen Kotstein im 
Appendix. Sie nehmen an, daß durch die Gewalteinwirkung eine 
Zerreißung der in ihren inneren Schichten durch den Stein bereits 
usurierten Darmw r and stattfand. 

Nach Sonnenburg’s Ansicht kommt der Unfall als ätio¬ 
logisches Moment nur insofern in Betracht, als durch denselben eine 
schon bestehende Erkrankung sich verschlimmert, nicht aber eigent¬ 
lich eine zum Tode führende Erkrankung entsteht. „Gewiß hätte 
auch ohne Trauma der alte Krankheitsprozeß in ein akutes Stadium 
treten können; aber vielleicht wäre er doch ohne Trauma noch 
längere Zeit im Ruhezustand verweilt.“ Dieses Zugeständnis wird 
in praxi dahin führen müssen, eine nach dem Trauma aufgetretene 
x4ppendicitis resp. deren Folgezustände mit diesem Trauma in ur¬ 
sächlichen Zusammenhang zu bringen. 

Auch Jordan 3 ) teilt diesen Standpunkt, Er sagt wörtlich: 
„Die Frage, ob ein Kausalzusammenhang zwischen Appendicitis und 
Trauma bestehe, wird dann bejaht werden müssen, wenn nachge¬ 
wiesenermaßen die Blinddarmgegend von dem Insult betroffen wurde 
und in unmittelbarem Anschluß an den Unfall bei den bis dahin 
gesunden Individuen die Erscheinungen der Krankheit akut ein¬ 
traten. Hat eine Person schon wiederholt Attacken von Blinddarm¬ 
entzündung durchgemacht oder dauernd über Beschwerden geklagt, 
die auf chronisch entzündliche Veränderungen hin weisen, so ist bei 
einer nach Kontusion erfolgenden tödlichen Perforation der Unfall 
als ursächliches Moment der Verschlimmerung zu beschuldigen. 

Darmruptur. 

Über einen Fall von Darmzerreißung, der dasRVA. beschäftigte, 
hat Bramann 4 ) sich gutachtlich geäußert: 

Es handelte sich um einen Arbeiter, der beim Anheben schwerer Steinplatten 
plötzlich erkrankte und mit allgemeiner Bauchfellentzündung in die Klinik ein¬ 
geliefert wurde. Bei der Sektion ergab sich eine Perforationsperitonitis, hervor- 

*) Schottmüller, Epityphlitis traumatica. Grenzgeb. d. Med. u. Chir. Bd. 6. 

2 ) Leimen, Über Appendicitis und deren Zusammenhang mit Traumen. 
Wien. med. Presse 1902, Nr. 38. 

3 ) Jordan, Entstehung von Tumoren nach Einwirkung stumpfer Gewalt. 
Münchn. med. Wochenschr. 1901. 

4 ) Bramann, Sammlung ärztlicher Obergutachten d. B.VA. 1902, S. 83. 





206 F- Perutz, 

gerufen durch eine Darmzerreißung, die infolge Durchtritts eines Kot- und Gallen¬ 
steins in der Nähe des Coecum stattgefunden hatte. 

Im Gutachten wurde ausgeführt, daß infolge der stärkeren An¬ 
wendung der Bauchpresse die Steine durch die wahrscheinlich 
schon verdünnte Bauchwand hindurchgetrieben wurden. Hätte der 
Unfall nicht stattgefunden, so wäre es vielleicht durch die Selbst¬ 
hilfe der Natur zu einer schützenden Entzündung an dieser ge¬ 
fährdeten Stelle gekommen und der Patient wäre durch Operation 
zu retten gewesen. Der Unfall wurde deshalb als mitwirkende 
Todesursache angesehen, und den Hinterbliebenen vom EVA. die 
Eente zugestanden. 

4 In Fällen wie der vorliegende, ferner, wenn das Auftreten 
einer Appendicitis oder Cholelithiasis abhängig gemacht wird von 
einer vorangegangenen stärkeren Inanspruchnahme der Bauchpresse, 
wird für die richterliche Entscheidung jedesmal die früher schon 
erörterte Frage herein spielen, ob eine betriebsübliche oder eine mit 
außergewöhnlicher Kraftleistung verbundene Arbeit vollbracht wurde. 

Hernien. 

Das gleiche gilt für die Anerkennung von Unfallsbrüchen, 
wenn es sich darum handelt, festzustellen, ob das plötzliche Aus¬ 
treten einer Hernie, nachdem sie sich bei schon vorhandener Anlage 
langsam entwickelt hat, als zufälliges Zusammentreffen mit der be¬ 
treffenden körperlichen Inanspruchnahme oder als traumatisches 
Ereignis aufzufassen ist. (Vgl. Thiem, Lehrb. d. Unfallheilkunde 
S. 710 u. Entscheid in d. Monatsschrift f. Unfallheilkunde 1906, S. 861.) 

Eine besondere Stellung unter den Brüchen nehmen die der 
Linea alba ein. Witzei 1 ), Brandenberg 2 ), Lenhoff 3 ), ver¬ 
treten für einen großen Teil derselben die traumatische Entstehung. 
Auch Seidl 4 ) hat sich in einem Fall, wo es sich um einen großen 
nach Stoß mit einer Bohle aufgetretenen Bruch handelte, dafür er¬ 
klärt. König, Kinne 5 ) und Thiem (1. c. S. 716) haben dagegen 
Gutachten abgegeben, worin sie die traumatische Entstehung bei 
kleineren Brüchen in Abrede stellen. Die Schmerzen, die sich im 
Anschluß an eine Verletzung, an einen Stoß, an diese mit Wahr¬ 
scheinlichkeit schon früher vorhandenen den Träger aber nicht be- 

x ) Witzei, Sammlung klin. Vorträge. N. F. Nr. 10. 

2 ) Brandenberg, Korrespondenzbl. d. Schweizer Ärzte 1897. 

3 ) Lenhoff, Ärztl. Sachverständigenzeitung 1897. 

4 ) Seidl, Sammlung ärztl. Obergutachten d. KVA. S. 5. 

5 ) König, Kinne, ebenda S. 7 und 8. 





Belastung d. Krankenkassen, Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 207 

lästigenden, resp. ihm entgangenen kleinen Bruchgeschwülsten auf- 
treten, werden nach ihrer Ansicht durch Quetschung resp. Ein¬ 
klemmung der darin befindlichen Netzteile hervorgerufen. Daraus 
erwachsen allerdings manchmal empfindliche Beschwerden, die, falls 
die Betreffenden sich nicht einer Operation unterziehen. Entschädi¬ 
gungsansprüche begründet erscheinen lassen. 

Tuberkulöse Peritonitis. 

Eine Verschlimmerung mit tödlichem Ausgang, hervorgerufen 
durch eine ungewöhnliche Anstrengung, wurde bei einer bis dahin 
latenten tuberkulösen Bauchfellentzündung in dem von Kries 1 ) 
mitgeteilten Fall vom R.VA. anerkannt (auch von Stern, S. 277 
angeführt). 

Ein bis dahin als gesunder kräftiger Mann geltender Maschinist hatte beim 
Abladen einer schweren Maschine sich plötzlich unwohl gefühlt und die Arbeit 
unterbrechen müssen. Bald darauf schwere Krankheitserscheinungen, 4 Wochen 
nach dem Unfall Tod. Bei der Sektion fand sich eine tuberkulöse Peritonitis, 
außerdem verkalkte Herde in den Lungenspitzen. 

Im Gutachten wurde ausgeführt, daß L. an chronischer Tuberkulose des 
Netzes und Verklebungen desselben mit der Nachbarschaft gelitten hat. „Es 
scheint deshalb plausibel, daß das Mitheben einer nahezu 40 Zentner schweren 
Last vermittels der Inanspruchnahme der Bauchpresse eine Lösung der Ver¬ 
klebungen bzw. Zerrung derselben durch Verschiebung der beteiligten Organe 
veranlaßt und hiermit eine, wenn auch mehr beschränkte Bauchfellreizung oder 
-Entzündung mit einer Erstarkung des tuberkulösen Prozesses angefacht hat.“ 

Gicht. 

Bei gichtisch veranlagten Individuen nimmt Ebstein (Samml. 
ärztl. Obergutacht. d. RVA. 1902) einen schlimmeren Einfluß trau¬ 
matischer Ereignisse an als bei sonst im übrigen gesunden Menschen, 
weil Stoffwechsel- und Ernährungsverhältnisse bei dem zur Gicht 
Disponierten krankhaft verändert sind. Er hat deshalb bei einem 
Manne mit Gichtanlage, bei dem nach Verstauchung des Fußgelenks 
ein Gichtanfall mit schleppendem Verlauf auftrat, die bestehenden 
Schmerzen mit der Verletzung in ursächlichen Zusammenhang ge¬ 
bracht. Dem Betreffenden wurde daraufhin eine 20proz. Teilrente 
bewilligt. 

Diabetes. 

Den Einfluß von Traumen auf die Entstehung von Diabetes 
darzustellen, kann hier nicht unsere Aufgabe sein. Ich verweise 

9 Kries, Über Verschlimmerung bestehender Leiden durch Unfälle usw. 
Ärztl Sachverständigenzeitung 1898. 





208 !'• Perutz, 

auf die ausführliche Behandlung dieser Materie durch Stern (l.c.), 
auf die umfassende Arbeit von Kausch 1 ) und auf die Veröffent¬ 
lichungen von Hirselifeld 2 ) und Pauly. 3 ) 

Die uns hier beschäftigende Frage nach der Verschlimmerung 
eines existierenden Diabetes durch Unfälle ist meist schwer exakt 
zu beantworten. Konstante Beziehungen zwischen Trauma oder 
psychischer Erregung und Verschlimmerung des Diabetes scheinen 
allerdings nicht zu - bestehen, wie Stern unter Wiedergabe des 
Falles von Liniger 4 ) hervorhebt. 

Ein Arzt erlitt durch Sturz vom Pferd einen Schädelbruch und Gehirner¬ 
schütterung. Der Verletzte hatte zufällig vor dem Unfall in seinem Harn geringe 
Mengen von Zucker nachgewiesen. Der Unfall hatte auf den Prozentgehalt an 
Zucker keinerlei Einwirkung. 

Immerhin meint Stern, müssen wir in praxi aber doch die 
Wahrscheinlichkeit eines ursächlichen Zusammenhangs anerkennen, 
wenn nach einem Unfall, der eine Erschütterung oder Verletzung 
des Nervensystems oder eine starke seelische Erregung hervorge¬ 
rufen hat, eine Verschlimmerung im Allgemeinbefinden eines Diabe¬ 
tikers auftritt. 

Daß nach einem verhältnismäßig leichten Trauma ein rasch 
zum Tode führendes Coma einsetzen kann, darüber haben uns die 
letzten Jahre einige Beobachtungen gebracht. 

Len hoff 5 ): Bis dahin angeblich gesunder Mann zieht sich durch Fall eine 
Kontusion mit Anschwellung des linken Hodens zu. 2 Tage darauf Einsetzen 
von Magenschmerzen und Erbrechen. Überführung ins Krankenhaus, wo Patient 
comatös eintrifft. Im Urin 3 Proz. Zucker. Tod im Coma 10 Tage nach dem 
Unfall. 

Daß hier der Diabetes erst durch den Unfall hervorgerufen wurde, dagegen 
spricht der rapide Verlauf. Vielmehr muß mit großer Wahrscheinlichkeit ange¬ 
nommen werden, daß vorher eine leichte weder dem Patienten noch seiner Um¬ 
gebung durch Polyurie, Durst, Abmagerung, auffallende Zuckerharnruhr be¬ 
standen habe, bei der durch das Trauma und die damit verknüpfte psychische 
Erschütterung diese unvermutete tödliche Verschlimmerung hervorgerufen wurde. 

Einen ähnlichen Fall teilt Spitzer 6 ) mit. Dadurch, daß der 


x ) Kausch. Trauma, Diabetes mellitus und Glykosurie. Zeitschr. f. klin. 
Med., Bd. 55, 1901. 

2 ) Hirschfeld, Unfall und Diabetes. Deutsche med. Wochenschr. 1901, 
Nr. 34. 

3 ) Pauly, Unfall und Diabetes. Ärztl. Sachverständigenzeitung 1904, Nr. 2 

4 ) Liniger, Monatsschr. f. Unfallheilkunde 1896. 

5 ) Lenhoff, Über die Beziehungen zwischen Unfall und Diabetes mellit. 
Arztl. Sachverständigenzeitung 1900. 

6 ) Spitzer, Deutsche med. Wochenschr. 1900. 





Belastung d. Krankenkassen. Versicherungsanstalt, u. Berufsgenossenschaften. 209 

Betreffende schon vorher wegen Diabetes in Behandlung stand, 
besitzt dieser Fall absolut beweisende Kraft. 

46jähriger Herr, der seit 6 Jahren an mittelschwerem Diabetes litt, ohne 
dabei jemals Aceton oder Acetessigsäure auszuscheiden, hatte bei der am Tage 
vor dem Unfall yorgenommenen Harnuntersuchung eine Zuckerausscheidung von 
0,9 Proz., Eisenchlorid, Aceton 0. Patient erlitt durch Fall auf den Arm einen 
Schlüsselbeinbruch, der sofort von hochgradigen Angst- und Erregungszuständen 
gefolgt war. Der in der Nacht nach dem Unfall gelassene Harn enthielt 5 Proz. 
Zucker, viel Aceton und Acetessigsäure. Im Lauf der nächsten Tage entwickelte 
sich unter Trübung des Bewußtseins ein comatöser Zustand, dem der Kranke 8 
Tage nach dem Unfall erlag. 

Einen dritten Fall berichtet Weigel. 1 ) 

Ein Mann stürzte mehrere Meter herab. Wenige Wochen später trat bei 
der vorher erwerbsfähigen Person ein rapider Verfall der Kräfte ein. Der Tod 
erfolgte 4 Monate nach dem Unfall im diabetischen Coma. Allerdings war hier 
vor dem Unfall und auch die ersten Wochen nachher keine Urinuntersuchung 
vorgenommen worden. 

Die Stellung, die bei der Begutachtung solcher Fälle einzu- 
uelmien ist, hat Hirschfeld (1. c.) dahin präzisiert: In leichten 
Fällen vop Diabetes ist der gewöhnliche Ausgang, daß sie nicht an 
Coina sterben, sondern bei vorsichtiger Lebensweise erst nach Jahr¬ 
zehnten an irgendeiner Komplikation zugrunde gehen. 

Auch wenn sich Gangrän an eine leichte Verletzung eines 
Diabetikers anschließt, muß man deshalb eigentlich einen ursäch¬ 
lichen Zusammenhang mit dem Trauma anerkennen. Dies hat auch 
das KVA. bereits einmal getan, wie aus einer von Stern zitierten 
Entscheidung hervorgeht (Rekursentscheidung des RVA. Ausgabe 
des Kompaß Bd. X, Nr. 137). — 

Die im vorstehenden gebrachten Beiträge, die keinen Anspruch 
auf Vollständigkeit erheben können, mögen zeigen, wie schwierig 
auf diesem Gebiet die Feststellung der Zusammenhänge zwischen 
Unfall uud Verschlimmerung ist, wie widersprechend die Ansichten 
lauten, wie schwankend die Rechtssprechung ist und infolge unserer 
begrenzten Erkenntnis auch bleiben wird. All diese Momente 
müssen uns veranlassen, den Satz im Auge zu behalten, den auch 
Jordan (1. c.) an den Schluß seiner Ausführungen stellt: In dubio 
pro aegroto. 

l ) Weigel, Nürnb. mediz: Gesellsch. (20. April 1905) ref. Müncku. med. 
Wochenschr. 1905, Nr. 25. 


Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 1-1 






Ist die Fürsorge für Mutter und Kind in das 
Programm der Arbeiterschaft aufzunehmen? 

Arbeitersekretär Czieslik, Duisburg. 

Vortrag gehalten bei einem vom Verein für Sänglingsfürsorge im Regierungsbezirk 
Düsseldorf im September 1908 veranstalteten Kursus für Säuglingsfürsorge. 

Wenn ich dieses Gebiet, resp. diese Frage vom Gesichtspunkt 
des Arbeiters aus behandeln soll, so muß ich leider gleich eingangs 
meiner Ausführungen bemerken, daß gerade in diesen Kreisen noch 
eine große Unkenntnis für die Bestrebungen der Säuglingsfürsorge 
vorhanden ist. Ich sage leider, weil auch diese Frage und deren 
Lösung sehr wohl in das Programm der Arbeiterschaft aufzunehmen 
ist. Jedoch werden Ihnen meine späteren Ausführungen beweisen, 
daß die Ursache dieser geringen Kenntnis nicht auf irgendeine 
direkte Animosität zurückzuführen ist. 

Die Ursache ist zunächst darin zu erblicken, daß das A und 0, 
worin heute der wirtschaftlich schwächer Gestellte die Ursache 
seiner bedrückten Verhältnisse erblickt, für ihn einzig und allein 
die Lohnfrage ist. Er steht nicht mit Unrecht auf dem Stand¬ 
punkt — und die wirtschaftlichen Verhältnisse berechtigen ihn zu 
der Anschauung — daß das Grundübel allen sozialen Elends in 
einer, durch mangelnden Verdienst hervorgerufenen Unterernährung 
der unteren Bevölkerungsschichten zu suchen ist. 

Daß diese Auffassung subjektiv verständlich ist, auf der anderen 
Seite aber auch tatsächlich einen überaus großen Teil bitterer Wahrheit 
enthält, ist jedem Eingeweihten klar. Es ist aber trotzdem notwendig, 
daß nicht erst, wenn der Lohn als ausreichend bezeichnet werden 
kann, die Bestrebungen für die Verbesserung in ethischer und ge¬ 
sundheitlicher Beziehung einsetzen dürfen, sondern daß die letzteren 




Ist d. Fürsorge f. Mutter u. Kind i. d. Programm d. Arbeiterschaft aufzunehmen ? 211 

mit den ersteren ständig gleichen Schritt halten und gemeinsam 
nebeneinander betrieben werden müssen. 

Auch die minderbemittelte Klasse muß immer mehr diese Not¬ 
wendigkeit anerkennen. Die Arbeiterorganisationen sind sehr wohl 
bestrebt, neben ihren sonstigen Aufgaben — Erkämpfung von Lohn¬ 
erhöhungen usw. — das Verständnis auch nach dieser Seite hin zu 
wecken. Denn eine aufsteigende Klasse muß ihrer Reinigung und 
Reinhaltung Aufmerksamkeit schenken, wenn sie nicht in ihrem 
Aufstieg gehemmt sein will. Letzteres zu verhüten, haben alle 
Gesellschaftskreise ein wesentliches Interesse. 

Deshalb sind wir Freunde der Säuglingsfürsorge und 
der J u g e n d f ü r s o r g e. 

Es ließe sich in dieser Richtung ein umfangreiches Arbeiter¬ 
programm entwerfen und aufstellen. Doch die Arbeiterbewegung 
ist noch jung und muß zunächst zum größten Teil ihre Hauptkraft 
auf die bereits erwähnte Besserung der wirtschaftlichen Verhält¬ 
nisse — Lohn und Arbeitszeit — verwenden. 

Dieser Kampf ist noch so schwer, der Kräfte noch so wenige, 
daß wir auf Spezialgebiete leider nicht genügend tatkräftig über¬ 
greifen können. 

Wir brauchen aber auch Gott sei Dank diese Arbeit nicht 
allein zu leisten, da sie aus den Kreisen des sozial gesinnten Bürger¬ 
tums und der Wissenschaft in die Hand genommen wird, wie dieser 
Kursus zeigt. 

Wir begrüßen Ihre Mithilfe, danken Ihnen und wollen, soweit 
es schon jetzt in unseren Kräften steht, mitarbeiten. 

An Stelle eines umfangreichen Programms genügt es für heute 
an Hand der aufgestellten Leitsätze, einige wichtige praktische 
Fragen zu erörtern, wo schon jetzt eingesetzt werden kann. 

Ich nenne zunächst die Wohnungsverhältnisse. 

Freiherr von Berlepsch sagt mit vollständiger Berech¬ 
tigung in seinem Vortrag: „Warum betreiben wir Sozialreform“, 
folgendes: 

„Wer die Augen nicht absichtlich vor fremder Not verschließt, 
wie das leider oft genug geschieht, um sich die Freude am eigenen 
Wohlbefinden nicht zu stören, der muß anerkennen, daß ein großer 
Teil der Lohnarbeiterschaft in unzureichenden materiellen Ver¬ 
hältnissen, ein nicht unerheblicher Teil in Not und Elend lebt, im 
vollsten Sinne des Wortes, in der täglichen Sorge um die Be¬ 
schaffung des Unentbehrlichen an Nahrung, Kleidung, Wohnung 
für sich und die Seinen. Und wie immer folgt auch hier dem 

14* 




212 Czieslik, 

materiellen Elend das moralische. Wissen wir nichts von Wohnungs¬ 
elend und seinen Folgen, von dem Zusammenpferchen der Menschen 
in ungesunden kleinen Räumen, von dem Schlafburschenunwesen, 
von den sittlichen Gefahren, die für Kinder und Jugendliche 
beiderlei Geschlechts aus diesen Zuständen erwachsen, daß es 
vorzugsweise das Proletariat der Lohnarbeiter ist, bei dem sie ihre 
Stätten aufschlagen ?“ 

Mit diesen so beachtenswerten Worten ist einesteils die Inter¬ 
esselosigkeit der unteren Bevölkerungsschichten, die sie für unsere 
Bestrebungen an den Tag legen, verständlich gemacht. Sie sind 
auf Grund des wirtschaftlichen Elends abgestumpft. Andererseits 
aber beweisen die Worte Berlepsch’s, daß solche Wohnungs¬ 
verhältnisse sittlich demoralisieren und wir sagen dabei gleich¬ 
zeitig, auch gesundheitlich geradezu mörderisch wirken. 

„Nicht gute Nahrung und Kleidung, sondern auch 
gute Wohnungen kennzeichnen ein Kulturvolk.“ 

Es ist selbstverständlich, daß der Säugling, der in solchen 
Räumen das Licht der Welt erblickt, von der ersten Minute seines 
Daseins gesundheitlich benachteiligt ist und bleibt. Aber nicht 
erst von diesem Augenblick an, sondern schon bei der Schwanger¬ 
schaft der Mutter hat ein derartiger Aufenthalt untergrabend auf 
die Entwicklung des Lebewesens eingewirkt. 

Und daß Eltern, die tagaus und tagein neben dem Aufenthalt 
in dumpfen Betrieben auch häuslich noch in solch ungesunden Ver¬ 
hältnissen leben, keine kräftigen Kinder zeugen können, ist wieder¬ 
um nur zu sehr verständlich. Nicht zum wenigsten erblicken w r ir 
wohl alle, die wir hier versammelt sind, in solchen Zuständen eine 
nationale Gefahr. Die Wohnungsverhältnisse der Großstädte liefern 
uns ein erschreckendes Material, wie es uns Damaschke in seinen 
Werken in überzeugender Weise vor Augen führt. 

Aber auch aus Gründen der Entwicklung unserer deutschen 
Industrie ist eine gesunde Entwicklung des Menschen vom ersten 
Augenblick an und eine Gesunderhaltung der deutschen Arbeiter¬ 
schaft erforderlich. 

W e n von uns erfüllt es nicht mit Stolz, wenn bei dieser oder 
jener Konkurrenz Veranstaltung das deutsche Fabrikat als Sieger 
hervorgeht! Es verschafft uns dies eine Achtung gebietende 
Stellung auf dem Weltmarkt und dementsprechende Aufträge zum 
Vorteil und Nutzen des gesamten Vaterlandes. 

Aber nur ein Staat, der für alle seine Bevölkerungsschichten 
sorgt, der weise anerkennt, daß nur ein gesundes, kräftiges, gut 




Ist d. Fürsorge f. Mutter u. Kind i. d. Programm d. Arbeiterschaft aufzunelimen ? 213 

entwickeltes Volk seinen allgemeinen Wohlstand fördert und er¬ 
hält, kann diese Erfolge zeitigen. 

Wie die einzelne Fabrik nicht weniger und nicht teurer zu 
produzieren pflegt, wenn sie ihren Arbeitern gesunde Arbeits¬ 
bedingungen schafft, so pflegt auch ein ganzes Volk sich in der 
Konkurrenz mit anderen besser behaupten zu können, wenn es 
hochstehende Arbeiter hat, die unter hygienischen Bedingungen 
leben, als wenn es aus verelendeten, ausgebeuteten Arbeiter¬ 
massen besteht. 

Und so liegt es im Interesse des Volksganzen, durch Besserung 
der Wohnungsverhältnisse dem Säugling wie dem Erwachsenen 
günstigere Wohnungsbedingungen zu verschaffen. 

Es ist durch Statistiken unumstößlich festgestellt, daß die 
Wohnungsverhältnisse die Höhe der Sterblichkeit unter den 
Säuglingen wesentlich beeinflussen. 

Im Berliner Tiergartenviertel z. B. betrug die Säuglingssterb¬ 
lichkeit 5,2 Proz. Dagegen in den Arbeiterkasernen des Weddings 
im Norden von Berlin 42 Proz. 

Es ist also dem Programm des Vereins für Säuglingsfürsorge 
schon hier, soweit er die Erlassung besserer Wohnungsverhältnisse 
erstrebt, entschieden beizutreten. 

Die besonderen Gesichtspunkte, die bezüglich des Säuglings und 
der Wöchnerin beim Bau von Häusern zu beachten sind, enthält 
das Programm in folgender Heihenfolge: 

a) Es muß ein gesunder, heller, sonniger Raum vorhanden sein, 
welcher als Wochenzimmer und später zum Aufenthalt für das Kind 
zu dienen hat. 

b) Dieser Raum muß für die Zeit des Wochenbettes in ge¬ 
eigneter Weise von den anderen Wohn- und Schlafräumen isoliert 
werden können. 

c) Ist ein der Forderung a völlig entsprechender Raum nicht 
vorhanden, oder unter b gestellte Anforderung nicht durchführbar, 
so ist dringend anzuraten, die Entfernung der Wöchnerin 
aus der Wohnung in eine gute Entbindungsanstalt zu bewirken. 

d) Die Küche oder sonstigen Wirtschaftsräume müssen so be¬ 
schaffen sein, daß die Frischhaltung der Milch und anderer leicht 
zersetzlicher Nahrungsmittel sowie die saubere Herstellung der 
künstlichen Säuglingsnahrung durchführbar ist. 

Wie sollen aber hierbei die Arbeiter mithelfen, 
besser eWohnungsverhältnisse zu s c h a f f e n ? Ein großer 
Teil der organisierten Arbeiterschaft ist Mitglied in den Bange- 




214 Czieslik, 

nossenschaften. Die intelligentesten von ihnen bekleiden Vorstands¬ 
posten und gerade diese Leute müssen zur Verwirklichung unseres 
Programms gewonnen werden. 

Ferner werden Balkons oder Gartenanteile gefordert, um den 
Säugling täglich an die frische Luft bringen zu können. 

Es dürfte zweckmäßig sein, mit diesem Programm an die ge¬ 
meinnützigen Baugenossenschaften heranzutreten. 

Dieselben für unsere Bestrebungen zu gewinnen, wird aus 
obigen angeführten Gründen am leichtesten möglich sein. 

Der Rixdorfer Spar- und Bau verein, zu dessen Mit¬ 
gliedern vorzüglich Angestellte der Reichsdruckerei gehören, hat 
ein 442 qm großes Terrain gepachtet, auf dem 100 qm zu einem 
Spielplatz mit Turngeräten und der übrige Teil in Parzellen zur 
Erholung Erwachsener dienen soll. Jedenfalls ein, wenn auch 
schüchterner, so doch erfreulicher Anfang auf unserem erstrebens¬ 
werten Gebiet, dem hoffentlich weitere Vereine folgen werden. 

Schwieriger wird sich die Verwirklichung unseres Programms 
bei dem privaten Wohnungsbau gestalten. Hier ist es ja 
zunächst die profitliche Seite, die den sanitären Bestrebungen ent¬ 
gegensteht. Wer kennt nicht die Mietskasernen, wo 40 und noch 
mehr Familien in kleinen engen Räumen, allen hygienischen Be¬ 
stimmungen hohnsprechend, wohnen. Ohue gesetzliche Maßnahmen 
wird hier nichts zu erreichen sein. Selbstverständlich kann auch 
hierbei die Arbeiterschaft durch Eingaben an die maßgebenden 
Instanzen zum Erlaß von Gesetzen in dieser Richtung in etwas 
beitragen. 

Eine weitere Kategorie von Wohnhäusern ist die von Arbeit¬ 
gebern errichteten (Wohlfahrtseinrichtungen). Hierbei 
ist leider jedes Mitbestimmungsrecht der Arbeiter ausgeschlossen; es 
bleibt deshalb nur die Möglichkeit, das soziale Verständnis zu wecken, 
um bei den Unternehmern, Hütten- und Zechenverwaltungen unserem 
Programm Anerkennung zu verschaffen. Dort, wo ev. vereinzelt 
auch Arbeiter in den einzelnen Korporationen sitzen sollten, würde 
es selbstverständlich auch deren Aufgabe sein, in obigem Sinne zu 
wirken. Durch die Organisationen wäre es möglich, in Form von 
Petitionen die Wünsche nach dieser Richtung laut werden zu lassen. 

Bezüglich der Milch Versorgung sind ja auf genossen¬ 
schaftlichem Gebiete wohl wenig oder gar keine Versuche gemacht 
worden. Aber auch ich muß erklären, daß eine Mutter, die ihr 
Kind selbst stillen kann, hierzu unter allen Umständen verpflichtet 
ist. Die Vorteile für den Säugling brauche ich nicht zu erörtern, 




Ist d. Fürsorge f. Mutter u. Kiud i. d. Programm d. Arbeiterschaft aufzunehmen ? 215 

das ist bereits geschehen. Seitens einzelner Stadtverwaltungen wird 
in anerkennenswerter Weise versucht, Säuglingsmilchanstalten ins 
Leben zu rufen. Hierbei gestatte ich mir, gleichzeitig auf die ge¬ 
meinnützige Gesellschaft für Milchausschank zu verweisen, deren 
Schankstellen ja heute schon in den verschiedensten Orten, so u. a. 
in Essen an der Ruhr, als Ausgabestellen für Säuglingsmilch dienen. 
Es ist dieses allerdings keineswegs ein direkter genossenschaftlicher 
Betrieb. Aber auch bei diesem Punkte darf sehr wohl gesagt werden, 
daß analog den Konsumanstalten mit eigenen Schlächter- und 
Bäckereien auch ebensogut durch Interessierung der unteren Be¬ 
völkerungsschichten der genossenschaftliche Gedanke bezüglich der 
Milchlieferung geweckt werden kann. 

Als 3. Punkt nenne ich die Arbeit in den Krankenkassen 
und zwar: 

a) bezüglich Schwangerenunterstützung, 

b) Wöchnerinnenunterstützung, 

c) Familienunterstützung! 

Bezüglich der Schwangerenunterstützung besagt § 21 
des Krankenversicherungsgesetzes folgendes: „Schwangeren, welche 
mindestens 6 Monate der Kasse angehören, kann eine, den Wöchne¬ 
rinnen gleiche Unterstützung wegen der durch Schwangerschaft 
verursachten Erwerbsunfähigkeit bis zur Gesamtdauer von 6 Wochen 
gewährt werden. 

Auch kann freie Gewährung der erforderlichen Hebammen¬ 
dienste und freie ärztliche Behandlung der Schwangerschaftsbe¬ 
schwerden beschlossen werden.“ 

Es ist also ausdrücklich betont, es kann gewährt werden. 
Die Einführung dieser Unterstützung ist den Krankenkassen über¬ 
lassen. Und es haben die wenigsten Kassen hiervon Gebrauch ge¬ 
macht. Oft ist der ablehnende Standpunkt auf mangelnde soziale 
Kenntnis oder falsche Sparsamkeitsrücksichten zurückzuführen. 

Die Schwangeren bekommen dann keinerlei Unterstützung, 
auch wenn sie durch die Schwangerschaftsbeschwerden arbeitsun¬ 
fähig werden. Die Folgen hiervon sind, daß die Schwangeren allen 
gesundheitlichen Regeln zum Trotz bis zur Niederkunft arbeiten, 
um den Verdienst nicht zu verlieren. Ein wesentlicher Nachteil 
für die Entwicklung der Leibesfrucht. 

Deshalb fordern wir die gesetzliche Einführung 
der bis dato fakultativ zulässigen Schwangeren¬ 
unterstützung nebst allen Gewährleistungen, als 
freie ärztliche Behandlung, Medikamente und freie 




Czieslik, 


216 


Gewährung der Hebammendienste nebst einem Kran- 
kenge 1 d in voller Höhe des Lohnes. 

b) Die Wöchnerinnenunterstützung! 

Der § 20 des Krankenversicherungsgesetzes besagt hierüber 
folgendes: 

„Wöchnerinnen erhalten auf die Dauer von 6 Wochen nach 
ihrer Niederkunft eine Unterstützung in Höhe des Krankengeldes, 
wenn sie innerhalb des letzten Jahres, vom Tage der Entbindung 
ab gerechnet, mindestens 6 Monate hindurch einer auf Grund dieses 
Gesetzes errichteten Kasse oder einer Gemeinde-Krankenversicherung 
angehört haben.“ 

Das Wochenbett selbst gilt nicht als Krankheit, tritt eine 
solche hinzu, so ist die volle Krankenunterstützung zu gewähren. 

Die Unterstützung in Höhe des Krankengeldes ist entschieden 
zu gering. Die Ausgaben sind in solchen Fällen immer hohe. Auch 
die Dauer von 6 Wochen ist zu kurz als eine Schonungszeit. Die 
Mutter muß sich längerer Zeit der Pflege des Säuglings widmen 
können. 

Wir fordern deshalb: 

„Eine Erweiterung der Wöchnerinnenunterstüt¬ 
zung bis zur Dauer von 10 W o c h e n, bei Zahlung eines 
Krankengeldes bis zur vollen Höhe des Lohnes.“ 

Bei der letzten Forderung bezüglich der Höhe des Kranken¬ 
geldes kommt gleichzeitig mit in Betracht und zwar als überaus 
wichtig, daß seitens der Arbeiterorganisationen eine gleiche Be- 
, Zahlung, also Entlohnung, für Männer und Frauen angestrebt wird. 
Hierdurch steigert sich dann auch die Höhe des Krankengeldes für 
Arbeiterinnen im allgemeinen und dementsprechend auch die 
Schwangeren- und Wöchnerinnenunterstützung, sofern nicht mehr 
der ortsübliche Tagelohn den Leistungen der Ortskrankenkassen 
zugrunde gelegt wird. Aber nicht nur die Schwangeren- nebst 
Wöchnerinnenunterstützung ist unser höchstes Ziel, sondern wir 
können uns nach dieser Seite den Forderungen des Herrn Professor 
Dr. May et anschließen, die er in einem diesbezüglichen Vorträge 
aufgestellt hat und zwar neben dem bis jetzt genannten: 

..Die Gewährung von mindestens zwei Stillprämien, die erste im 
Betrage von 25 Mk. an diejenige Mutter, welche ihr Kind drei 
Monate lang gestillt hat, die zweite Stillprämie in dem gleichen 
Betrage nach weiteren drei Monaten Bruststillung. Des ferneren 
sollen die Kassen berechtigt sein, Mittel darzuleihen oder aufzu¬ 
wenden zur Gründung, Betreibung oder Unterstützung von Be- 




Ist d. Fürsorge f.Mutter u. Kind i. d.Programm d. Arbeiterschaft aufzunehmen? 217 

ratungsstellen der Mütter von Schwangeren, Wöchnerinnen, Mütter- 
und Säuglingsheimen, sowie für Beihilfe zur Säuglingsernährung 
und Gewährung der Hauspflege.“ 

In Ergänzung der Mutterschaftsversicherung sind ferner weiter¬ 
gehende Bestimmungen der Arbeiterinnen-Schutzgesetzgebung not¬ 
wendig. Als solche sind zu fordern: 

„Stillpausen und wo erforderlich Stillstuben.“ 

„Organisatorisch sollte die Mutterschafts Versicherung offiziell an 
die Krankenkassen angegliedert werden.“ 

Bezüglich der Stillstuben hat kürzlich der Minister des 
Inneren die Berliner Vorortgemeinden durch den Regierungspräsi¬ 
denten zu Potsdam in anerkennenswerter Weise aufgefordert, an¬ 
zuregen, daß in den Fabriken, die Frauen beschäftigen, den Müttern 
von Säuglingen durch Einrichtung von Stillstuben eine noch über 
den gesetzlichen Schutz hinausgehende Fürsorge gewährt wird. 

In zwei Vororten, Schöneberg und Weißensee, ist dieser Ge¬ 
danke sofort aufgenommen worden. Die Fabrikbesitzer sind auf¬ 
gefordert worden, ein Zimmer in der Fabrik den Müttern zur Ver¬ 
fügung zu stellen, wo sie mit ihren Kindern in den Pausen zu¬ 
sammen sein können. Alle Unkosten für - die Kontrolle der Still¬ 
stuben durch den Arzt und die Anstellung einer Schwester für die 
größeren Fabriken wollen die Gemeinden tragen. 

Es ist hieraus zu erkennen, daß die Gemeinden mit gutem 
Willen diese Bestrebungen wirksam fördern helfen können. 

Aber auch die Familien Unterstützung ist ein wesentlich 
wichtiger Punkt im Programm unserer Krankenkassen. 

Bei dieser Unterstützung besagt es schon der Name, daß sie 
für die Familien der Versicherten gelten soll, soweit die Ange¬ 
hörigen nicht selbst versicherungspflichtig sind. Es handelt sich 
hierbei um freie ärztliche Behandlung und Lieferung von Medika¬ 
menten, Sterbegeld, sowie einer Schwangerenunterstützung nebst 
freier Hebammenunterstützung. 

Die Familien Unterstützung selbst bleibt eben¬ 
falls den Krankenkassen zur Einführung überlassen. 

Hierzu besagt der § 21 Abs. V folgendes: 

„Freie ärztliche Behandlung, freie Arznei und sonstige Heil¬ 
mittel können für erkrankte Familienangehörige der Kassenmit¬ 
glieder, sofern sie nicht selbst dem Krankenversicherungszwange 
unterliegen, auf besonderen Antrag oder allgemein ge¬ 
währt werden. Unter derselben Voraussetzung kann für Ehefrauen 




218 Czieslik. 

der Kassenmitglieder die nach Ziffer 4 zulässige Unterstützung ge¬ 
währt werden“ (Schwangerenunterstützung). 

Der Kommentar hierzu lautet: 

„Nach dem Wortlaut der vom Reichstag dem § 21 gegebenen 
Fassung ist aber für die nicht selbst versicherungspflichtigen Ehe¬ 
frauen der Kassenmitglieder die Schwangerenunterstützung nebst 
den übrigen in der jetzigen Ziffer 4 bezeichneten Leistungen an 
die Stelle einer Wöchnerinnenunterstützung getreten. Immerhin 
gibt die neue Fassung in vielen Fällen die Möglichkeit nicht nur 
gleichwertiger, sondern noch höherwertiger Leistungen. Insbesondere 
in der freien Hebammenhilfe sind alle für den Entbindungsakt 
nötigen Hebammendienste einbegriffen.“ 

Hierbei ist zu bemerken, daß ein sehr großer Teil unserer 
Krankenkassen die Familienunterstützung überhaupt noch nicht 
eingeführt hat. 

Die allgemeine obligatorische Familienunterstützung 
ist deshalb ebenfalls eine Forderung, die dringend der Durchführung 
bedarf. In vielen Fällen wird wohl eine Beihilfe zu den Kosten 
der Hebamme gezahlt, der erforderliche Arzt jedoch muß aus 
eigenen Mitteln besoldet werden. Die Folgen hiervon sind, daß 
dort, wo keine Familienunterstützung eingeführt ist, der Arzt erst 
dann geholt wird, wenn es oft schon zu spät ist. Es trifft dies 
besonders bei Säuglingserkrankungen zu. 

Ich komme nunmehr zu der praktischen Frage: 

Wie können die Krankenkassen dazu gebracht 
werden, diese Leistungen einzuführen? 

Hierzu gestatte ich mir folgende Vorschläge zu machen: 

a) Durch Ausbau des Gesetzes! (Zwang). 

b) Stärkere Anteilnahme des Frauenelements an den Kranken¬ 
kassenwahlen, Zuziehung zu Vorstands- und Generalversammlungen. 
Anstellung weiblicher Krankenkontrolleure. 

c) Durch Aufklärung der Männerwelt, besonders der Kassen¬ 
vorstände. 

d) Einführung des Proportionalwahlsystems, weil hier¬ 
durch auch der Minderheit die Möglichkeit geboten ist, in den 
einzelnen Korporationen Sitz und Stimme zu erhalten. 

Zu den Vorschlägen bemerke ich folgendes: Es ist eine be¬ 
dauerliche Begleiterscheinung, daß, trotzdem die Frauen in den 
Krankenkassen das Wahlrecht haben, sie sich wenig und gar nicht 
bei den Wahlen bemerkbar machen. 

Im Jahre 1905 veranstaltete der Verein Frauenwohl Berlin 




Ist d. Fürsorge f. Mutter u. Kind i. d. Programm d. Arbeiterschaft aufzunehmen ? 219 

eine Enquete über die Wahlbeteiligung 1 der Frauen bei den dortigen 
Ortskrankenkassen. 

Von 12 Kassen, bei denen die weibliche Mitgliederzahl die 
männliche übertraf, vermerkten 4, daß die Wahlbeteiligung der 
Frauen eine minimale sei. 4 Kassen hatten in der Generalver¬ 
sammlung und 4 im Vorstand weibliche Vertreter. 

Es mögen derartige Zustände nicht zum wenigsten auf 
mangelndes Verständnis für die Sache und ihre Bedeutung selbst, 
als auch auf die teilweise schroffe Ablehnung der männlichen 
Kollegen zurückzuführen sein. 

Bei der vorletzten Delegiertenwahl zur Generalversammlung 
der Breslauer Ortskrankenkasse für Hutmacher agitierten die männ¬ 
lichen Kassenmitglieder in so scharfer Weise gegen die Aufstellung 
von weiblichen Vertretern, daß die Frauen die Wahl anfochten 
und eine Protesterklärung an die aufsichtsführende Behörde sandten. 

Eine tüchtige Kontrolleurin gab in Breslau ihr Amt auf, weil 
ihr pro Stunde weniger bezahlt wurde, als den männlichen Kollegen. 

Leider glauben die männlichen Kassenmitglieder den Stand¬ 
punkt vertreten zu müssen, daß das Frauenelement bei solchen 
Fragen nichts mitzureden habe und überhaupt auch nichts davon 
verstehe. Das eine ist genau so unrichtig wie das andere. Das 
mangelnde Verständnis kann aber, wenn tatsächlich vorhanden, nur 
auf das ablehnende Verhalten der Männer selbst zurückzuführen 
sein, indem dieselben die Frauen verdrängen. 

Aber gerade die Frauen sollen und müssen in der General¬ 
versammlung und in den Vorständen vertreten sein. Es ist dies 
zunächst ein Akt der Gerechtigkeit, denn auch sie bezahlen 
ihre Beiträge. Aber auch wichtige Fragen, wie Anstellung von 
Frauenärzten, Entschädigung der Hebammen u. dgl. m., interessieren 
die Frauen persönlich am meisten. 

Die stärkere Beteiligung der Männer an den Krankenkassen¬ 
wahlen ist erst neueren Datums. Aus eigener Erfahrung kann 
ich mitteilen, daß noch vor 2 Jahren in meinem Wirkungskreise 
Werke mit Tausenden von Arbeitern anzutreffen waren, wo nicht 
die Arbeiter selbst, sondern nur die Werksbeamten die Kranken¬ 
kassenvertreter wählten. Dank der 'aufklärenden Organisations¬ 
arbeit ist dieses besser geworden. Die Arbeiter haben einsehen 
gelernt, wenn sie in den Krankenkassenvorständen nicht vertreten 
sind, sie auch niemals einen Posten als Schiedsgerichtsbeisitzer 
oder am Reichsversicherungsamt bekleiden können. Trotz des er- 




220 Czieslik, 

kennbaren Fortschrittes ist noch sehr viel an Aufklärung zu voll¬ 
bringen. 

Hierbei sei einiges über die Zusammensetzung 
des Krankenkassenvorstandes, der Generalversamm¬ 
lung und über die Wahlberechtigung g e s a g t, 

§ 37 des Krankenkassengesetzes besagt : 

„Die Generalversammlung besteht entweder aus sämtlichen 
Mitgliedern (also auch den weiblichen), welche großjährig und im 
Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte sind, oder aus Vertretern,, 
welche von den bezeichneten Mitgliedern aus ihrer Mitte gewählt 
werden. 

Die Generalversammlung m u ß aus Vertretern bestehen, wenn 
die Kasse 500 oder mehr Mitglieder zählt. 

Besteht die Generalversammlung aus Vertretern, so sind diese 
in geheimer Wahl unter Leitung des Vorstandes zu wählen. 

Diese Vertreter bilden die Generalversammlung und wählen 
aus ihrer Mitte den Vorstand.“ 

§ 34. Das Amt selbst ist ein Ehrenamt. Die Ablehnung der 
Wahl ist aus denselben Gründen zulässig, aus welchen das Amt 
eines Vormundes abgelehnt werden kann. 

Bei der Durchführung unserer Forderungen werden wir an 
einer Beitragserhöhung in den Krankenkassen nicht vorbeikommen 
und schon von diesem Gesichtspunkt ist es notwendig, aufklärend 
durch die Arbeiterorganisation zu wirken, um nicht auf Grund ver¬ 
kehrter Sparsamkeit, hervorgerufen durch Unkenntnis, unsere so 
notwendige Reformarbeit nutzlos verlaufen zu sehen. 

Auch dieses wichtige Moment rechtfertigt die Aufnahme der 
Fürsorge für Mutter und Kind in das Programm der Arbeiterschaft. 

Es dürfte sich dringend empfehlen, daß ein aufklärendes Merk¬ 
blatt über die Forderungen nach dieser Richtung seitens des Ver¬ 
eins für Säuglingsfürsorge kostenlos an die Krankenkassen verteilt,, 
und hierdurch das Interesse geweckt würde. 

Als 4. Pun kt nenne ich eine vernünftige Mädcheu¬ 
er z i e h u n g! 

Hierbei ist wohl zunächst ein Appell an die Eltern zu richten, 
daß sie ihre Kinder mehr denn je mit sozialen Problemen vertraut 
machen. 

Jedoch erschweren auch hier wieder die heutigen sozialen Ver¬ 
hältnisse die direkte Erziehung der Kinder durch die Eltern, in¬ 
dem beide (Vater und Mutter) zur Bestreitung des Unterhaltes- 
von morgens bis abends in der Fabrik tätig sind. 




Ist d. Fürsorge f. Mutter u. Kind i. d. Programm d. Arbeiterschaft aufzunehmen ? 221 

Die jungen Mädchen sind halb verwildert aufgewachsen und 
kommen, kaum 14 Jahre alt, nun auch als Arbeiterin in die Fabrik, 
um verdienen zu helfen. Sie haben keine Ahnung vom Mutter¬ 
beruf als solchen. 

Die Anregung hierzu kann auch zu einem gewissen Teil durch 
die Organisationen gegeben werden. Es ist dies eine wirksame 
Aufgabe für die bestehenden Frauenorganisationen. Eine ver¬ 
nünftige Mädchenerziehung zur Ausbildung der späteren Berufs¬ 
aufgabe wie als Gattin, Mutter und Hausfrau, dürfte wohl durch 
die Einführung obligatorischer Mädchenfortbildungsschulen am 
zweckmäßigsten zu erreichen sein. 

Ein Schulzwang bis mindestens zum 17. Lebensjahre ist hierbei 
unerläßlich. 

Dabei soll neben der Ausrüstung der Mädchen für ihre Berufs¬ 
tätigkeit der Vorbildung zum Berufe der Mutter weitgehende 
Beachtung geschenkt werden. Gerade die Frage der Säuglings¬ 
fürsorge und alle Ursachen der hohen Sterblichkeitszilfer wären 
unter diesem Gesichtspunkte eingehend zu behandeln. Es ist nicht 
zu weit gegangen, wenn ich betone, daß ein großer Teil der 
Säuglinge nur infolge der Unkenntnis der Mutter zugrunde geht 
Es ist eine harte, aber berechtigte Anklage, die in diesen 
Worten liegt. Eine Abhilfe kann nur dann geschaffen werden, 
wenn das Übel an der Wurzel gefaßt wird. Falsch ist es, wenn 
diese notwendige Aufklärung aus verkehrter Schani unterbleibt. 
Die Folgen, die hieraus entstehen, sind geradezu erschreckend. 

In letzter Zeit ist ja auch mit der Veranstaltung sog. Ehe¬ 
kurse begonnen worden. Ich verweise hierbei auf Berlin, wo 
dieselben im Entstehen begriffen sind. An einer städtischen Fort¬ 
bildungsschule wird an zwei Abenden in der Woche Kochunterricht 
nnd Hygieneunterricht erteilt; Eherecht soll nächsten Winter dazu 
kommen. Die Schülerinnen sind ausschließlich berufstätige junge 
Mädchen, die sich in kaufmännischen Geschäften als Buchhalterinnen, 
Korrespondentinnen, Stenographinnen, Verkäuferinnen usw. ihr Brot 
erw r erben, im Begriff sind zu heiraten und sich für den Hausfrauen¬ 
beruf vorbereiten wollen. Geradezu herzerfrischend soll der Eifer 
sein, mit dem sie am Unterricht teilnehmen; Austritt vor der Zeit 
Fehlen ohne triftigen Grund kommen nicht vor. 

Man hofft, mit der Zeit auch noch Abendkurse für Schneidern 
und Putz einzurichten, die der Hausfrau Ersparnisse im Budget 
ermöglichen. 

Bedauerlich ist es, daß bisher aus den unteren Bevölkerungs- 




222 Czieslik. 

schichten keine Schülerinnen hei diesen Kursen vertreten sind, da 
sie doch ebenfalls so dringend der Aufklärung bedürfen. Hier 
können keine Paliativmittelclien helfen, sondern hier muß die 
obligatorische Einführung der Fortbildungsschule bahnbrechend 
wirken, deshalb ist der § 120 der Reichsgewerbeordnung 
auch auf die gewerblich tätigen Arbeiterinnen auszudehnen. 

Wenn auch zuletzt, so doch mindestens ebenso wichtig wie alles 
vorher Erwähnte, nenne ich die Alimentenzahlung der un¬ 
ehelichen Väter. 

Aus der Praxis als Arbeitersekretär kann ich mit Recht be¬ 
haupten, daß das Bestreben der unehelichen Väter, sich von der 
Zahlung der Alimente zu drücken, geradezu erfinderisch betrieben 
wird. Schon vom moralischen und rein menschlichen Gesichtspunkt 
aus betrachtet können hier die Arbeiterorganisationen resp. deren 
Angestellte erzieherisch wirken. Dieses Moment ist auch stets bei 
der Auskunftserteilung in diesen Fragen unser Leitmotiv gewesen. 

Die Zahlen über die Entziehung der Unterhaltungspflicht geben 
ein beredtes Zeugnis. In Berlin werden rund durchschnittlich 
8500 uneheliche Kinder geboren von diesen Kindern fallen fast 
36 Proz. (3000) der Armen Verwaltung zur Last, weil der Vater 
seiner Unterhaltungspflicht nicht genügt. 

Wie groß mag wohl die Zahl der Kinder sein, die ohne die 
Armenverwaltung zu belästigen in mangelhafter Ernährung und 
Erziehung aufwachsen und das Hauptkontingent der jugendlichen 
Übeltäter darstellen? Freiherr von Berlepsch sagt mit 
vollem Recht: „Sind die Kinder moralisch verantwortlich zu machen, 
wenn sie dem Verbrechertum anheimfallen, sie, denen so oft die 
liebende Hand der Mutter fehlt, um sie auf dem rechten Weg zu 
halten, die von der bewahrenden, sittlichen Kraft des Familien¬ 
lebens nichts empfinden ?“ 

Seit dem Reichsgesetz vom 12. März 1894 haben wir eine Be¬ 
stimmung im Strafgesetzbuch (§ 361 Ziff. 10), wonach mit Haft bis 
zu 6 Wochen oder mit Geldstrafe bis 150 Mk. bestraft wird jeder 
Unterhaltungspflichtige, der sich der Unterhaltungspflicht trotz 
Aufforderung der zuständigen Behörde derart entzieht, daß durch 
Vermittlung der Behörde fremde Hilfe, z. B. die Armenverwaltung, 
in Anspruch genommen werden muß. Das Kammergericht Berlin 
hat die Anwendung des § 361 Ziff. 10 gegen den unehelichen Vater 
verneint, und es wird deshalb wohl die Anwendung dieser Straf¬ 
bestimmung in Preußen gegen uneheliche Erzeuger kaum in An¬ 
wendung kommen. Es ist dies eine bedauerliche Erscheinung, die 




Ist d. Fürsorge f. Mutter u. Kind i. d. Programm d. Arbeiterschaft anfzunehmeu ? 223 

dazu beiträgt, den unehelichen Erzeuger in seinen Bestrebungen, 
sich der Alimentationspflicht zu entziehen, noch zu bestärken. 

Sehr beachtenswert ist eine Anregung zur Erzwingung der 
Unterhaltungspflicht, die Herr Rechtsanwalt Hans Simons in 
der Deutschen Juristenzeitung gibt, indem er die schuldhafte Nicht¬ 
erfüllung der Unterhaltungspflicht auch beim unehelichen Vater 
als Vergehen gegen die Person in gleicher Weise bestraft wissen 
will, wie die Körperverletzung, die Kindesaussetzung und ähnliche 
Vergehen. Es muß nach dieser Seite unbedingt durch gesetzliche 
Maßnahmen eingewirkt werden, um warnende Beispiele 
schaffen zu können. 

Unter den jetzigen Verhältnissen stehen folgende Möglichkeiten 
offen: 

1. Anwendung des Lohnbeschlagnahmegesetzes, das nach 
seiner Fassung vom 29. März 1897 auch die Beschlagnahme des 
Lohnes bei unehelichen Vätern gestattet. Freilich nur insoweit, 
als der Lohn nicht zur Bestreitung des notdürftigen Unterhaltes 
des Vaters und der Alimente für eheliche Kinder notwendig ist. 
Eine strikte Durchführung der Beschlagnahmung und genaue Nach¬ 
prüfung, eventuell schon vor erfolgter Pfändung, ist dringend ge¬ 
boten. 

2. Die Erforschung des Aufenthaltes durchgebrannter unehe¬ 
licher Väter durch die Organisationen. Der rechtliche und mensch¬ 
liche Standpunkt muß hierbei alle sonstige Momente in den Hinter¬ 
grund drängen. 

Es wäre vielleicht mit Hilfe der Organisationen zu erreichen, 
die Arbeitsstelle des Betreffenden zu ermitteln. 

3. Die Feststellung des Aufenthaltsortes durch die Militär¬ 
behörden. 

4. Dasselbe durch die Inanspruchnahme der Meldeämter. 

Nochmals betone ich, daß eine von den Organisationen be¬ 
triebene Aufklärungsarbeit vom moralischen und sittlichen Gesichts¬ 
punkt unerläßlich ist und vorteilhaft wirken kann und muß. 

Aber auch die Pflichten eines Vormundes zu besprechen und 
Vorträge darüber zu halten ist ein Feld für die Arbeiterorganisa¬ 
tionen. Sehr viele Arbeiter sind Vormund geworden, ohne sich über 
ihre Pflichten gegenüber dem Mündel klar zu sein. 

Um das Interesse in diesen Kreisen für die Säuglingsfürsorge 
zu wecken, sind bereits jetzt Herr Professor Schloßmann und 
Frl. Dr. Baum dazu vorgegangen, mit der organisierten Arbeiter¬ 
schaft gemeinsam Versammlungen zur Besprechung der Säuglings- 




224 Czieslik, Ist die Fürsorge für Mutter und Kind usw. 

'fürsorge zu veranstalten. Außer Düsseldorf werden hoffentlich im 
Laufe des Herbstes und des Winters weitere Orte im Industrie¬ 
bezirk folgen. Der Verein für Säuglingsfürsorge Hand in Hand 
mit den Arbeiterorganisationen kann hierdurch dem Feind, den wir 
am meisten hassen, nämlich den Unverstand der Massen, wirksam 
zu Leibe rücken. 

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluß. Ich habe 
versucht, in der mir zu Gebote stehenden Zeit das mir gestellte 
Thema zu behandeln. Wenn seitens der verehrten Zuhörerschaft 
manches in meinen Ausführungen vermißt wurde, so gestatten Sie 
mir, mich auf meine Worte eingangs meiner Ausführungen be¬ 
rufen zu dürfen, mit denen ich ausführte, daß die außerordent¬ 
lich wichtige Arbeit der Arbeiterorganisation, die Erringung 
besserer Lohn- und Arbeitsverhältnisse, den größten Teil unserer 
Zeit ausfüllt. Der gute Wille, uns auch auf dem Gebiete der 
Säuglingsfürsorge wirksam zu betätigen und die „Fürsorge für 
Mutter und Kind“ in das Programm der Arbeiterschaft aufzunehmen, 
ist vorhanden. 

Wo aber ein Wille ist, ist auch ein Weg! Streben 
wir mit Ihrer werten Mithilfe diesen Weg gemeinsam zu wandeln, 
dann wird der Zeitpunkt nicht mehr fern liegen, wo auch die 
Arbeiterschaft ihren Bestrebungen nicht mehr interesselos gegen¬ 
übersteht, sondern sich zur Mithilfe herandrängt. 

Dieses zu erreichen sei unser gemeinsames und ideales Be¬ 
streben ! 





Gesetzlicher Ammenschutz! 
eine „sozialmedizinische 46 Forderung. 

Von W. Hammer, Berlin. 

Meine ärztlichen Erfahrungen haben bisher einen sittlichen 
Hochstand der gesellschaftlich hochstehenden Frauen und Männer 
gegenüber den gesellschaftlich tiefer gestellten Menschen ebenso¬ 
wenig erkennen lassen wie die verhältnismäßige Armut als Ver¬ 
anlassung zu Diebstahl und Dirnentum. Die Redensarten von dem 
sittlichen Hochstand der „Damen“ oder „Töchter“ aus „guter“ 
Familie haben sich weder in meiner hausärztlichen Tätigkeit des 
Zwangskrankenhauses für Berliner Freudenmädchen, in dem während 
der Zeit meiner Tätigkeit stets höhere Töchter zur Zwangsbe¬ 
handlung sich nicht als seltene Ausnahmen sondern in erheblichem 
Prozentsätze regelmäßig vorfanden, noch auch in der amtlichen 
Statistik des Berliner Polizeipräsidenten, noch auch in der Statistik 
von Hübner-Herzberge wiedergespiegelt. Armut ist als Grund¬ 
ursache des Verbrechens nicht erwiesen, ebensowenig, wie Wohl¬ 
habenheit Tugend verbürgt. 

Im Einklänge mit der Tatsache, daß es Zuhälter aus akade¬ 
mischen Kreisen und staatlich geprüfte Lehrerinnen unter den 
Kontrollmädchen gibt, steht die weitere Tatsache, daß es äußerlich 
ehrbare Familien gibt, die ärztlich untersuchte un d gesund 
befundene Ammen trotz Kenntnis der Lustseuche 
des eigenen Kindes zur Stillung mißbrauchen. 

Ich habe an anderer Stelle*) den aktenmäßigen Nachweis ge¬ 
führt. daß eine Offizierstochter und Gattin eines hohen Militärs 

*) A. Blaschko’s Zeitschrift zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 
1908, S. 151 ff. 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 15 




226 W. Hammer, 

trotz Kenntnis der syphilitischen Erkrankung ihres Gatten und 
derjenigen ihres Kindes vier ärztlich untersuchte und gesund be¬ 
fundene Ammen der Ansteckungsgefahr aussetzte. Gegenüber 
einem solchen Treiben ist ein gesetzliches Einschreiten m. E. er¬ 
wünscht. „Praktische“ Ärzte sind als Arbeitnehmer der stets 
kranken Mutter (körperlich krank, wenn sie nicht stillen kann, 
seelisch krank, wenn sie trotz Stillfähigkeit nicht stillen will) in 
minderem Maße fähig, die notwendigen Untersuchungen vorzu¬ 
nehmen, da sie jederzeit befürchten müssen, durch einen Arzt 
anderer wissenschaftlicher Richtung und anderer Gewissensbreite 
wirkungsvoll ersetzt zu werden. Beamtete, auf ärztliche Privat¬ 
tätigkeit verzichtende, also vollbesoldete Polizei- oder Gerichts¬ 
und Kreisärzte erscheinen dieser Unabhängigkeit erfordernden 
Tätigkeit eher gewachsen. 

Sollten „sittliche“ Bedenken vorliegen, einer „ehrbaren“ Frau 
eine gründliche Untersuchung durch einen männlichen Arzt zuzu¬ 
muten, so mögen in Preußen zunächst die Kreise mit Polizei¬ 
ärztinnen mit gutem Beispiele vorangehen. Ganz besonders bedenk¬ 
liche Kreise können ja für den ehelichen Vater und die männlichen 
Säuglinge einen Ammenarzt, für die beiden Mütter und weibliche 
Säuglinge eine Ärztin anstellen. Ich persönlich habe aus diesem 
Punkte keine Bedenken, zumal durch die eigenen Veröffentlichungen 
von Frauenrechtlerinnen der Nachweis geführt wurde, daß es früher 
und auch jetzt noch öfters gleichgeschlechtlich empfindende Frauen 
und wiederholt verkannte und verkappte Männer waren, die als 
Vorkämpferinnen für das Frauenstudium auftraten. 

Die rechtliche Grundlage für einen gesetzlichen Ammenschutz 
bietet in Deutschland zurzeit die einzelstaatliche, nicht etwa die 
Reichsgesetzgebung. Hamburg hat seit 1824 eine Zwangsunter¬ 
suchung aller dortigen Ammen, die sinngemäß auf die Ammen¬ 
herrschaften auszudehnen sein dürfte. Der Hamburger Ammen¬ 
arzt bezieht zurzeit im Nebenamte 2400 M Jahresgehalt, während 
die Einzelgebühr von je 3 M in die Polizeikasse fließt. Ver¬ 
doppelung der Gebühren, der Leistungen, Anstellung im Hauptamte 
lassen sich also dort leicht erzielen, während in Preußen das Ge¬ 
setz über die Aufgaben der Polizeiverwaltungen die Handhabe 
bietet, durch Erlasse der Landräte und Polizeipräsidenten, also 
der oberen Polizeiorgane, in einzelnen Kreisen, und wenn sich die 
Einrichtung bewährt, in einzelnen Provinzen und schließlich im 
gauzen Staate vorzugehen. 




Gesetzlicher Ammenschutz! eine „sozialmedizinische“ Forderung. 227 

Salongerede von ehrbaren Frauen, Redensarten über die 
Tochter aus guter Familie sind nicht geeignet, als Grundlage für 
gesetzliche Bestimmungen zu gelten, in denen stets kranke 
Mütter auf Grund irriger Vorstellungen von einer Untersuchung 
befreit werden, die man jeder Amme zumutet. Bei allen Ver¬ 
suchen, das Stillen weiter auszubreiten, darf nicht vergessen werden, 
die Stillenden vor verbrecherischen Handlungen ihrer Arbeitgeber 
und ihren schweren Folgen zu schützen. 





Bemerkungen zu der Arbeit von Dr. Agnes Bluhm 
über die Stillungsnot, ihre Ursachen und die Vor¬ 
schläge zu ihrer Bekämpfung. 

(Diese Zeitschrift 3. Bd. 1.—4. Heft.) 

Von Dr. med. H. L. Eisenstadt, Berlin. 

Das Resultat, zu welchem die Verfasserin auf Basis gründ¬ 
licher Studien gelangt, wird von den Anhängern der Bunge’schen 
Theorie um so dankbarer begrüßt werden, als Bluhm in durchaus 
unparteiischer Weise ihre Statistik erhoben hat. „Ein Drittel der 
deutschen Frauen“, so lautet das Ergebnis (S. 313) „stillt aus¬ 
reichend, ein weiteres reichliches Drittel ist körperlich unfähig 
ausreichend zu stillen und das letzte knappe Drittel stillt unge¬ 
nügend oder gar nicht aus Mangel an Einsicht und gutem Willen 
oder wegen sozialer Notlage.“ ■ 

Es empfiehlt sich für diese drei Kategorien die Bezeichnungen: 
1. stillfähig, 2. absolut stillunfähig, 3. relativ oder vermindert still¬ 
fähig anzuwenden. Nun kommt es eben auf die Therapie dieses 
Standes der Stillungsnot an. Sie ist aussichtsreich bei der dritten 
Gruppe, sofern es bei ihr auf das Wollen ankommt; die schwindende 
naive Volkssitte des Stillens kann vor allem durch die bewußte 
genossenschaftliche Verbindung von Müttern in Säuglingsheimen 
unter ärztlicher Leitung wieder eingeholt werden. So sagt mit 
Recht Grotjahn in seinem Buche „Krankenhauswesen und Heil¬ 
stättenbewegung“, (Leipzig 1 1 j 08, S. 229): „Die Erfahrungen, die man 
in den Säuglingsheimen machte, haben uns erst wieder gelehrt, 
daß ein außerordentlich viel größerer Prozentsatz von Müttern 
zum Stillgeschäft noch tauglich ist, als man bisher annahm, und 
hat uns weitere Erfahrungen über die Behandlung der Brustdrüse 
und die Ernährung des Säuglings in den ersten Lebensmonaten 




Bemerkungen zu der Arbeit von Dr. Agnes Blukm über die Stillungsnot. 229 

übermittelt, die erst noch ihre Früchte tragen werden, wenn sie 
Gemeingut aller Ärzte und Hebammen geworden sind.“ Allein 
wie ist es möglich, daß allmählich das Drittel der absolut Still- 
unfähigen durch stillfähige Frauen ersetzt wird? Das ist eben die 
Stelle, an welcher Bluhm die letzte Konsequenz aus ihrer Arbeit 
ziehen mußte. Weshalb besteht die Befürchtung zu Recht, daß 
dieses Drittel sich unheimlich rasch vergrößern wird? Vom Stand¬ 
punkte der Bunge’schen Theorie läßt sich leicht eine Antwort 
geben: weil bei allen Kulturvölkern in allen Gesellschaftsklassen, 
auch in dem aufsteigenden Teile der Arbeiterschicht die Ehegattin 
nicht nach dem Vorhandensein der Stillfähigkeit, sondern oft aus 
einer ökonomisch oder konventionell höherstehenden Klasse ausge¬ 
sucht wird, in welcher die Trinksitten des Vaters eine größere 
Rolle spielt als in der tieferstehenden Klasse. Zum Beweise kann 
ich freilich nicht auf eine Statistik sondern auf die preußischen 
Juden hinweisen, bei denen noch in der nächstzurückliegenden 
Generation die zweijährige Stilldauer weit verbreitet war. Was 
kann denn bei ihnen dafür verantwortlich gemacht werden, daß 
plötzlich eine Generation auftritt, bei der — neben dem Nicht¬ 
wollen — das Nichtkönnen rasch um sich greift. Zum mindesten 
ist hier der Alkoholismus des Vaters ein Indikator für die gänz¬ 
liche Umänderung der Lebensgewohnheiten, des sozialen Milieus. 
Verbreitung der Geschlechtskrankheiten und Spätheirat einerseits, 
Mitgiftehe und Wahl einer still unfähigen Gattin andrerseits sind die 
wichtigsten — gewissermaßen die anatomischen — Ursachen für das 
Aussterben der preußischen Juden. Dieses Schicksal ist für die 
wohlhabende Klasse von Vorbedeutung. 

Allein es kommen für alle Schichten des deutschen Volkes drei 
wichtige Hilfsquellen der Vermehrung in Betracht, nämlich Ein¬ 
wanderung (Eheschließung mit stillfähigen Mädchen anderer Nationen 
und Rassen), uneheliche Geburten und ausreichende Zahl von Früh¬ 
heiraten. Unter dem Einfluß dieser Faktoren ergibt sich im ganzen 
zwar Rassenverschiebung aber keine Bevölkerungsvermehrung und 
nicht die zum Rassen untergange führende Bevölkerungsverminde¬ 
rung, welche die preußischen Juden der Gegenwart, der genannten 
Hilfsquellen entbehrend, aufweisen. 

An der Bunge’schen Lehre sind zwei Teile scharf auseinander 
zu halten 

1. die Theorie an und für sich, 

2. die beweisende Statistik. 

Die Bunge’sche Degenerationstheorie ist als Hypothese sehr 




230 H. L. Eisenstadt, 

umfassend und daher als solche durchaus anerkennenswert Sie 
erklärt folgende Erscheinungen: 

a) Das Vorkommen der Stillfähigkeit einerseits, der völligen 
Stillunfähigkeit andererseits in mehreren aufeinander folgenden 
Generationen. 

b) Die körperliche Verschiedenheit (d. h. eine verschiedene 
Widerstandsfähigkeit gegen manche Krankheiten, z. B. Tuberkulose 
und Nervenkrankheiten) bei vollstillfähigen und absolut stillun¬ 
fähigen Frauen. 

Aus dieser Verschiedenheit folgt, daß Schwangerschaft und 
Wochenbett die absolut stillunfähigen Frauen weit mehr körperlich 
angreifen als die vollstillfähigen, so daß bei jenen der Wunsch 
nach Konzeptionsbeschränkung stärker ist (gewissermaßen auf 
Selbsterhaltungstrieb beruht) als bei diesen. 

c) Die psychische Verschiedenheit beider Gruppen in der Liebe 
zum Kinde. Bei den absolut stillunfähigen fehlt der Beziehung 
zum Kinde der natürliche Instinkt; an dessen Stelle tritt eine 
Mutterliebe auf, welche die Bezeichnung künstlich oder über¬ 
trieben verdient. (Überlassen der Kinder an Fremde einerseits, 
hochgradige unverständliche Besorgnis um die beiden vorhandenen 
Kinder andererseits.) 

So umfassend wie diese Theorie, ist, wenn wir von dem be¬ 
haupteten Einfluß des Korsetts absehen — wenn derselbe tat¬ 
sächlich bestände, würde es sich nicht erklären lassen, warum so 
viele Frauen trotz fleißigen Korsetttragens sogar l 1 /* Jahre stillen 
können — die Hegar’sche Theorie nicht. Letztere legt Wert auf 
die äußeren Einflüsse, welche in der Entwicklungsperiode das 
heran wachsen de Mädchen treffen (Bluhm S. 267). Sie kommt 
meines Erachtens nur für die Gruppe der vermindert Stillfähigen 
in Betracht, indem sie erklärt, weshalb z. B. Mütter, welche einen 
Übergang vom Land zur Stadt machen oder infolge einer Ände¬ 
rung der Ernährung das erste Kind oder die ersten Kinder voll 
gestillt, bei einem weiteren Kinde früh im Stillen versagen (Bunge 
ist geneigt, diese Gruppe ohne weiteres als nicht stillfähig zu be¬ 
zeichnen), während bekanntlich die vollstillfähigen Großmütter alle 
Kinder über 1 Jahr stillen konnten. Hegar’s weitere Anschauung, 
daß der Ausfall der natürlichen Ernährung eine auch später nicht 
mehr auszugleichende Wachstumstörung und damit eine Funktions¬ 
hemmung der Brustdrüse bewirkt, ist durch folgende Vorgänge zu 
widerlegen: 

1. Eine Frau, welche (in einem mir bekannt gewordenen Falle) 




Bemerkungen zu der Arbeit von Dr. Agnes Bluliin über die Stillungsnot. 231 

stillfähig war, aber zu ihren acht Kindern wegen Schlupfwarzen 
Ammen nehmen mußte, hat eine vollstillfähige Tochter. 

2. Drei stillunfähige jüdische Mütter nahmen zu ihrer je ein¬ 
zigen Tochter eine Amme. Diese Töchter sind trotz der Ammen¬ 
ernährung stillunfähig und nicht einmal in die Kategorie der ver¬ 
mindert Stillfähigen aufgerückt. 

Ich bezweifle daher die praktische Bedeutung der Hegar’schen 
Theorie, bekenne allerdings, noch keine ausreichende Statistik zu 
haben. 

Wir kommen nunmehr zu dem wichtigsten Teile dieses Gegen¬ 
standes, zur Bunge’schen Statistik. Es wird zugegeben, dieselbe 
stützt sich auf ausgewählte Fälle. Natürlich, denn es beteiligt 
sich nur ein Teil der Ärzte. Anders wäre es, wenn für die Ärzte 
die gesetzliche Meldepflicht der absolut stillunfähigen Frauen ein¬ 
geführt wird, eine Forderung, die im Hinblick auf die Bedeutung 
der Ermittlung der wahren Ursachen für Stillunfähigkeit wohl 
nicht zu weitgehend ist. Weiter ist zu bemängeln, daß absolut 
und relativ stillunfähige Frauen in der Bunge’schen Statistik nicht 
auseinandergehalten werden. Am meisten zu beanstanden ist 
Bunge’s Krankheitsstatistik und deren Kombination mit der Still¬ 
fähigkeitsstatistik. 

Meines Erachtens können nur die ersten vier Fragen des 
Bunge’schen Formulars: Zahl der Kinder, wieviel Kinder selbst und 
wie lange gestillt, Gründe des Nichtstillens, Stillverhältnisse der 
Mutter zuverlässig beantwortet werden. Jedenfalls hat aber die von 
Bunge's und seiner Mitarbeiter erhobene Krankheitsstatistik min¬ 
destens einen hypothetischen Wert und fordert zu weiterer Nach¬ 
prüfung auf, die aber nicht der einzelne Arzt sondern nur eine 
ärztliche Gesamtheit z. B. in kleineren und Mittelstädten zweck¬ 
mäßig und mit der Aussicht auf ein Resultat auszuführen hat. 
Aus diesem Grunde sind auch die mühevollen Er¬ 
hebungen Bluhms nicht geeignet, die Bunge’sehe 
Statistik zu widerlegen. Sie fand ja auch — bei einem 
ausgewählten Material — von 26 Säufertöchtern 27 Proz. still¬ 
unfähig (S. 362). 

Wenn v. Bunge den Alkoholismus des Erzeugers als Ur¬ 
sache für die Stillunfähigkeit annimmt, so gelangt er dazu nicht 
von seiner hervorragenden Stellung im Kampfe gegen die Trunk¬ 
sucht. sondern auf durchaus logischem Wege durch Ausschließung 
aller anderen Ursachen. 

Eine so eminent konstitutionelle Krankheit wie die Syphilis 




232 H. L. Eisenstadt, Bemerkungen zu der Arbeit von Dr. Agnes Bluhm usw. 

(Bunge, Die Zunahme-Unfähigkeit der Frauen ihre Kinder zu 
stillen, München 1901, S. 22) ist nicht imstande, die Stillfähig¬ 
keit nennenswert zu beeinträchtigen. Ich kenne ein jüdisches 
Ehepaar — beide Diabetiker — deren sämtliche Kinder über 
1V 2 Jahre gestillt wurden, die älteste Tochter hat bisher zwei 
Kinder ebenfalls l J / 2 Jahre gestillt. 

Da bleibt also nichts anderes übrig, als an den Alkoholgenuß 
zu denken. Dieser vermag ja bekanntlich — man vergleiche die 
Tatsache seiner Beziehung zur Idiotie — die Nachkommenschaft 
ungünstig zu beeinflussen. Wie könnte auch bei den preußischen 
Juden plötzlich eine ganz andere stillunfähige Generation ohne 
eine krankmachende Ursache auftreten? Freilich einen Maßstab 
der ungünstig wirkenden Trinksitten kennen wir nicht, wir müßten 
denn auf die parallele Erscheinung der Zunahme idiotischer Kinder 
Wert legen. 

Die Annahme der Bunge’schen Theorie kann die Arzte in der 
Praxis vor einer Gefahr zweckloser Stillpropaganda bewahren. 
Diese Gefahr besteht in der Entstehung einer Mastitis, welche bei 
den stillunfähigen einen bösartigeren Verlauf als bei den still¬ 
fähigen nimmt. Wenn die Mutter der Wöchnerin elf Kinder nur 
je drei Wochen stillen konnte, von denen nur zwei überlebten, so 
ist es zwecklos, diese Wöchnerin mit tagelangen anstrengenden 
Stillversuchen zu quälen und eine Mastitis gewissermaßen aus¬ 
reifen zu lassen. 

Etwas ungünstiger als Bluhm beurteile ich das Verhalten 
der Hebammen zum Stillen. Ich traue ihnen eine genaue Kenntnis 
der Beziehungen zwischen Geburtenintervall und Stillen zu. An 
einem Orte mit fortschreitender Geburtenabnahme, wie es z. B. 
Berlin ist, dürfte hin und wieder von ihnen Propaganda für künst¬ 
liche Ernährung betrieben werden. 





Erwiderung auf die Bemerkungen you H. L. Eisen¬ 
stadt über meinen Aufsatz über die Stillungsnot. 

Von Agnes Bluhm, Berlin. 

Die Bemerkungen Eisenstadt’s heiße ich in zweifacher 
Hinsicht willkommen; einmal, weil sie durchaus beachtenswerte 
Anregungen bringen und zweitens, weil sie meine Kritik im wesent¬ 
lichen bestätigen. 

Ich muß es mir versagen, auf die Gesamtheit der Eisenstadt- 
schen Ausführungen des näheren einzugehen, und muß mich darauf 
beschränken, mich zu denjenigen Punkten zu äußern, die meine Arbeit 
unmittelbar berühren und bei denen gleichzeitig meine Ansicht 
von derjenigen Eisenstadt’s etwas abweicht. So kann ich der 
von ihm vorgeschlagenen Nomenklatur für die drei von mir unter¬ 
schiedenen Gruppen von Frauen nicht ganz beipflichten. Meines 
Erachtens darf das Wort „fähig“, wenn man nicht unzählige 
Mißverständnisse heraufbeschwören will, nur mit Bezug auf die 
physische Fähigkeit gebraucht werden. Die von Eisen Stadt 
als „relativ oder vermindert stillfähig“ bezeichneten Frauen der 
Gruppe 3 sind körperlich vol 1 befähigt; sie wollen nur nicht 
stillen oder werden durch außerhäusliche Beschäftigung davon ab¬ 
gehalten. Man würde sie besser, wenn auch nicht gerade wohl¬ 
lautend, die stillunwilligen und stillbehinderten nennen. Gruppe 2 
ist „körperlich unfähig ausreichend zu stillen“; das bedeutet 
nach meinen vorangehenden Ausführungen, diese Frauen sind 
physisch nicht imstande, ein Kind die volle physiologische Still¬ 
periode hindurch, bzw. ohne Beinahrung zu sättigen; diese Gruppe 
umfaßt neben denjenigen, die schon im Wochenbett nicht stillen 
können, eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Frauen, welche ein 
Kind ein paar Wochen oder Monate ausschließlich oder mit Bei- 




234 Agnes Bluhm, 

kost zu nähren vermögen. Der Name „absolut stillunfähig“ würde 
also den Inhalt nicht voll decken; er müßte „absolut und relativ 
stillunfähig“ heißen. Demgegenüber würde Gruppe 1 zweckmäßig 
als „vollstillfähig“ bezeichnet. 

Wenn Eisenstadt meint, ich hätte es versäumt, die letzte 
Konsequenz aus meiner „kritischen Übersicht“ zu ziehen, so glaube ich 
mich von dieser Unterlassungssünde freisprechen zu dürfen. Meine 
Erörterungen über erworbene und ererbte und vererbbare Stillfähig¬ 
keit, die obigem Untertitel meiner Arbeit entsprechend bei dem 
Mangel an Literatur über diesen Punkt nur beschränkte sein 
konnten, beweisen, daß ich die Konsequenz wohl gezogen habe; 
freilich nicht die Konsequenz, die v. Bunge und — allerdings in 
sehr viel vorsichtigerer Weise — Eisenstadt bezüglich der Ur¬ 
sachen der Stillunfähigkeit zieht, nämlich daß der weitverbreitete 
Alkoholismus dafür verantwortlich zu machen ist. Diese Kon¬ 
sequenz konnte ich nicht ziehen und zwar auf Grund biologischer 
Überlegung, auf Grund meiner Statistik und auf Grund von Tier¬ 
versuchen. 1 ) Weshalb diese Statistik, die ja in ganz analoger 
W r eise wie die v. Bunge’sche zustande gekommen ist, nicht ge¬ 
eignet sein soll, die letztere zu widerlegen, vermag ich leider nicht 
einzusehen. Das Prädikat „ausgewählt“ verdient sie nur insofern, 
als es sich dabei mit geringen Ausnahmen um Töchter aller¬ 
schwerster Alkoholiker handelt. Meine Mitarbeiter waren, w r ie aus 
den Begleitschreiben hervorgeht, fast durchweg der Meinung, daß 
ich. als an der Antialkoholbewegung teilnehmend, ein Resultat im 
Bunge’schen Sinne erhoffte, und bedauerten, daß es anders ausge¬ 
fallen. 

Sehr treffend bezeichnet Eisenstadt den Alkoholismus des 
Vaters als „Indikator für die gänzliche Umänderung der Lebens¬ 
gewohnheiten, des sozialen Milieus“; er hätte noch hinzufügen 
können „des ethischen Niveaus der Familie“. Hier liegt der 
Schlüssel zu dem Resultat der v. Bunge’schen Statistik. Sehr lehr¬ 
reich sind in dieser Beziehung die von v. Bunge mitgeteilten 
Daten über die vermeintliche Stillunfähigkeit der mohammedanischen 
Säufertöchter. Der Vater hat sich über das Abstinenzgebot des 
Propheten hinweggesetzt, die Tochter tut das gleiche bezüglich des 
Stillgebotes. Mit Rücksicht auf den demoralisierenden 


*) Die inzwischen auf 39 Fälle vermehrte Statistik sowie die Experimente 
habe ich ausführlich in einer soeben erschienenen Arbeit „Familiärer Alkoholismus 
und Stillfähigkeit“ Archiv für Rassenbiologie Heft 5/6 1908 mitgeteilt. 





Erwiderung’ auf die Bemerkungen von H. L. Eisenstadt. 235 

Einfluß des Alkohols und im Hinblick auf die Tat¬ 
sache, daß die Angabe über das Nichtgewollt- und 
das Nicht gekonnt haben von der Intelligenz und 
Ethik der befragten Mütter abhängig ist, besitzt 
jeder Fall, in dem eine Alkoholikertochter stillen 
konnte, eine viel größere Beweiskraft als jeder 
andere, indem sie angeblich nicht dazu fähig war, 
und aus diesem Grunde ist meine Statistik trotz 
ihres geringeren Umfanges meines Erachtens sehr 
wohl geeignet, die v. Bunge’s che zu widerlegen. 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitäts¬ 
klinik r ) zu Marburg während der 3 ersten Jahre 
seines Bestehens; 1005—1908. 

(Unter Benutzung- verschiedener Berichte von Prof. Brauer über 
die Einrichtung: von Säuglingsheim, Milchküche und Musterstall.) 

Von Dr. Paul Sittlee, Assistent der med. Klinik Marburg. 

(Mit 8 Abbildungen.) 

(Fortsetzung.) 

Der ärztliche Dienst wird unter Leitung des Direktors von 
einem Assistenten versehen, dem ev. ein Medizinalpraktikant, in 
den Ferien ein Famulus zur Seite gestellt wird. 

Als strenge Vorschrift gilt beim Betreten der Säuglings¬ 
abteilung, daß sowohl Assistenten wie Pflegerinnen einen beson¬ 
dere n weißen Mantel, der nicht in den übrigen Räumen der 
Klinik getragen werden darf, anziehen müssen. Für das Betreten der 
Couveuse ist ein anderer weißer Mantel anzuziehen als der gewöhn¬ 
lich auf der Säuglingsabteilung zu tragende. Für Pflegerinnen 
besteht die Anweisung, bei jedesmaligem Betreten der Abteilung 
sich sorgfältig die Hände zu reinigen, ebenso wie das Hände¬ 
waschen nach jeder Manipulation an einem Kinde vorgeschrieben 
ist. Für Berührungen von infektiösen Sachen (stark eiternde 
Wunden, Furunkel, septische Affektionen) werden auf Anordnung 
des Assistenten Gummihandschuhe angezogen, die ausgekocht oder 
in Sublimatlösung desinfiziert sind. — 


l ) Brauer, Säuglingsheim und Milchküchenbetrieb. — Marburg. Buchdruckerei 
H. Bauer 1905. 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 237 


Die Anzahl der Patienten, welche während der ersten 
3 Jahre auf die Säuglingsabteilung aufgenommen wurden, beträgt 
insgesamt 310 Kinder, davon kamen 

im 1. Jahre 124, 

„ 2. „ 99 und 

„ 3. „ 87 zur Aufnahme. 

Die größeren Zahlen der ersten 2 Jahre erklären sich z. T. da¬ 

durch, daß während der ersten V/ 2 Jahre des Bestehens des Säug¬ 
lingsheims Kinder bis zu 2 Jahren aufgenommen worden sind, 
während späterhin Kinder über 15 Monate keine Aufnahme mehr 
auf der Säuglingsabteilung fanden, sondern der Kinderstation der 
Klinik zugewiesen wurden. Trotzdem wurde im 3. Jahre ständig 
eine größere Zahl von Patienten zusammen auf der Abteilung ver¬ 
pflegt, weil die Verweildauer der einzelnen Säuglinge in der letzten 
Zeit eine teilweise erheblich längere war als früher. 

Während des 1. Jahres (Juni 1905 bis Juni 1906) x ) kamen 
folgende Atfektionen zur Aufnahme: 


Kachitis 
Spasmophilie 
Lues hereditaria 
Tuberkulose: 

Darm und Lungen- 

Lungen- 

Drüsen- 

Meningitis tuberculosa 
Meningitis purulenta 
Encephalitis 
Idiotie 

Anaemia splenica 
Oedema neonatorum 
Perityphlitis 
Hirschsprung ’sche 
Krankheit 
Ekzem 


14 mal 

4 „ 

8 „ 

1 * 

1 * 

1 » 

1 * 

1 „ 

3 „ 

2 „ 

1 „ 

1 „ 

1 „ 


1 

7 


Frühgeburten 

Atrophie 

B a r 1 o w ’sche Krankheit 
Vitium cordis congen. 
Bronchitis 
Bronchopneumonie 
Pneumonia crouposa 
Pleuritis, Empyem 
Cirrhosis hepatis alcohol. 
Dyspepsie 
Enterokatarrli 
Enteritis follicularis 
Melaena neonatorum 
Kongenit. Pylorusstenose 
Impetigo contagiosa 
Furunkulose 
Gesunde Ammenkinder 


2 mal 


11 

2 

1 

4 

3 

1 

.2 

1 

13 

23 

2 

1 

3 
2 
2 

4 


55 


55 


55 

55 

55 

55 

55 

55 


55 


55 



*) Zusammengestellt unter Benützung der ausführlichen, von Dr. Hoff mann 
während seiner Tätigkeit am Säuglingsheim aufgestellten statistischen Angaben. 

2 ) Es finden öfters gesunde tund kranke — Lues hereditaria) Säuglinge auf 
der Säuglingsstation Aufnahme, deren Mütter wegen einer das Stillen des eigenen 





238 


Paul Sittler, 


Die durchschnittliche Behandlungsdauer während dieses 1. Jahres 
betrug 1.8 Monate. 

Die Zahl der Todesfälle im 1. Jahre beträgt 27; davon sind 18 
entweder in den ersten Tagen nach der Aufnahme eingetreten bei mori¬ 
bund aufgenommenen Kindern (Bronchopneumonien, schwere Entero- 
katarrhe), oder die Patienten sind erst nach längerer Zeit der Er¬ 
krankung erlegen, Avegen der die Aufnahme erfolgte und deren 
Heilung unmöglich war (Vitium cordis congen., Oedema neonatorum, 
Meningitis, Encephalitis, Lues). Von den 9 übrigen Fällen erlagen 
7 nach längerer Zeit (4 nach 1 / 2 Monate, 1 nach 1 Monate, 2 nach 
1 J / 2 Monaten) ihrem bei der Aufnahme schon vorhandenen Entero- 
katarrh, ein Fall starb an Bronchopneumonie, die er auf der Ab¬ 
teilung akquiriert hatte, während der letale Fall einer Nitritin¬ 
toxikation (s. u.) erlag, die im Gefolge einer Wismuteingießung auf¬ 
getreten war. — Die große Mortalität an Enterokatarrhen mag 
teilweise damit Zusammenhängen, daß im ersten Halbjahr des Be¬ 
stehens des Säuglingsheims nur wenig Ammenmilch zur Verfügung 
stand, während vom 1. Oktober 1905 an ständig mindestens 2—3 
oder mehr Ammen angestellt waren. 

Die sogenannte Hospitalsmortalität beträgt also im 1. Jahre in 
maximo (d. h. bei Einrechnung der Enterokatarrhe) 7,3 %. 

Im 2. Jahre fanden folgende Fälle Aufnahme: 


Rachitis 
Spasmophilie 
Lues hereditaria 
Tuberkulose: 

Lungen- und Darm- 
Lun gen- 

Meningitis tuberculosa 
Sepsis 

Hydrocephalus 

Encephalitis 

Idiotie 

Poliomyelitis 

Anaemia splenica 

Sclerema neonatorum 

Frühgeburten 


4 mal 



1 

1 

1 

3 

1 

1 

1 

2 

2 

1 

11 


?? 

?? 

?? 

?? 

?? 

?! 

?? 

?? 


?! 


?! 

?? 


Atrophie 

Vitium cordis congen. 
Nephritis 
Bronchitis 
Bronchopneumonie 
Pneumonia crouposa 
Empyem 
Dyspepsie 
Enterokatarrh 
Enteritis follicularis 
H i r s c h s p r u n g ’sche 
Krankheit 
Ekzem 
Urticaria 

Sarcomatose des Gesichtes 
Gesunde Ammenkinder 


11 mal 


2 

1 

1 

9 

1 

1 

16 

9 


?? 

?? 


?? 


?! 


?? 

?? 

?? 

?? 

?? 


1 

9 

— 

1 

1 

8 


?? 

?? 

?? 

?? 

?? 


Kindes nicht verbietenden Affektion — z. B. Angina, Bronchitis, (Lues) — in die 
med. Klinik eingewiesen worden sind, und es ist ein Vorzug des Anschlusses der 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 239 

Die durchschnittliche Behandlungsdauer betrug 2,15 Monate. — 
Während des 2. Jahres wurden 2 schwere Epidemien in die Säug¬ 
lingsabteilung ein geschleppt, eine Scharlach- und eine Pertussis- 
epidemie. An Scharlach erkrankten 3 Kinder; die Einschleppung 
der Erkrankung erfolgte durch eine Mutter, die zu Hause ein 
scharlachkrankes Kind pflegte, ohne das Personal der Säuglings¬ 
abteilung davon in Kenntnis zu setzen, und beim Besuche auf der 
Säuglingsstation ihr hier liegendes jüngeres Kind mit Scarlatina 
infizierte. Es erkrankten im ganzen 3 Kinder, die alle die Er¬ 
krankung überstanden. Die Epidemie wurde dadurch zum Still¬ 
stände gebrecht, daß die Scharlachkranken sofort isoliert, die der 
Erkrankung nur verdächtigen in einem besonderen Zimmer der 
Säuglingsabteilung und sämtliche übrigen Säuglinge in einem zur 
Verfügung stehenden leeren Krankensaale der medizinischen Klinik 
untergebracht wurden. — Neuaufnahmen kamen auf das Kranken¬ 
zimmer der Kinderstation und wurden erst nach vollständigem Er¬ 
löschen der Epidemie und gründlicher Desinfektion der gesamten 
Säuglingsabteilung mit den übrigen gesund gebliebenen Säuglingen 
zusammen wieder auf die Säuglingsstation verlegt. 

Schwerer verlief die ca. % Jahr später aufgetretene Pertussis¬ 
epidemie, an der, trotzdem sofort die gleichen strengen Isolierma߬ 
regeln getroffen wurden wie früher bei der Scharlachepidemie, 
16 Kinder erkrankten, ca. 3 / 4 der Gesamtzahl; einer der erkrankten 
Säuglinge war 7* Jahr zuvor, nach Heilung seines auf der Ab¬ 
teilung akquirierten Scharlachs wieder von der Isolierstation aus 
aufgenommen worden. — Über die Art des Auftretens der Infektion, 
ob ein krankes Kind im Inkubations- oder katarrhalischen Stadium 
aufgenommen worden, oder eine Übertragung durch eine 3. gesunde 
Person erfolgt war, konnte nichts Bestimmtes eruiert werden. — 
Von den erkrankten Kindern starben 3 an Bronchopneumonie, die 
im Gefolge der Pertussis aufgetreten war. 

Die Gesamtzahl der Todesfälle im 2. Jahr beträgt 23; davon 
entfallen 16 auf die ersten Tage nach der Aufnahme oder betreffen 
unheilbare Affektionen. Von den 7 übrigen sind 3 Bronchopneu¬ 
monien Folge der schon erwähnten Pertussisfälle, 3 weitere ka¬ 
tarrhalische Bronchopneumonien sind auf der Abteilung entstanden 
und 1 Fall starb an Nitritvergiftung infolge einer zwecks Röntgen¬ 
aufnahme gemachten Wismuteingießung. Diesen und den oben er- 

Säuglingsstation an die med. Klinik, daß unter diesen Umständen die betreffenden 
Säuglinge, welche der kranken Mutter regelmäßig zum Stillen gebracht werden, 
die Mutterbrust weiter erhalten können. 





240 Paul Sittler, 

wähnten Fall hat Böhme, 1 ) durch dessen Untersuchungen das 
Wesen der Bismutum subnitricum-Vergiftung bei Säuglingen als 
Nitrit Vergiftung klargestellt wurde, näher beschrieben. 

Es berechnet sich also die Hospitalsmortalität im 2. Jahre auf 
7 °/ 0 ; würden wir hiervon die 3 Pertussis-Todesfälle und die Wis¬ 
mutnitritvergiftung als unvermeidbare Unglücksfälle abziehen, so 
bliebe nur noch eine Mortalität von 3 °/ 0 übrig. 

Im 3. Jahre verteilen sich die aufgenommenen Fälle folgender- 


maßen: 





Rachitis 

2 mal Atrophie (Milchnähr- 



Spasmophilie 

2 „ 

schaden) 

12 mal 

Lues hereditaria 

5 

Pyelitis (mit Colicystitis) 

1 

11 

Sepsis 

2 „ 

Bronchitis 

1 

11 

Erysipeloid 

2 „ 

Bronchopneumonie 

6 

11 

Hydrocephalus 

3 „ 

Pneumonia crouposa 

1 

11 

Schädelfraktur 

1 „ 

Stomatitis ulcerosa 

1 

11 

Oberarmfraktur 

1 „ 

» » ( im 



Idiotie 

1 „ 

Maserninkubations¬ 



Erb’sche Lähmung 

1 „ 

stadium) 

1 

11 

Dyspepsie 

10 „ 

Palatoschisis 

1 

11 

Enterokatarrh 

3 „ 

Ekzema seborrhoicum 

2 

11 

Enteritis follicularis 

1 * 

Scabies 

1 

11 

Frühgeburten 

7 „ 

Gesunde Ammenkinder 

15 

11 

Debilitas congenita 





(Zwillinge) 

4 » 





Die durchschnittliche Behandlungsdauer war 3,4 Monate. Die 
Zahl der Todesfälle beträgt 13, wovon 11 die ersten Tage nach der 
Aufnahme oder unheilbare Fälle betrafen, und 2 Fälle, die einer auf 
der Abteilung akquirierten Erkrankung (Bronchopneumonie) erlagen, 
gleich einer Mortalitätsziffer von 2,3 Proz., einer Zahl, die noch 
unter der auf der Säuglingsstation der Es eher ich’sehen Klinik 2 ) 
erreichten von 3 Proz. steht. Eine Vermeidung der Erkältungs¬ 
krankheiten (Katarrhe der oberen Luftwege) und somit der Gefahr 
des Auftretens von sekundären Bronchopneumonien ließe sich 
vielleicht dadurch auf unserer Abteilung erreichen, daß auf 
beiden Seiten neben den Fenstern und Türen größere Wände 
(Glaswände) angebracht würden, so daß kein Kind vom direkten 
Luftzug beim Öffnen oder Lüften getroffen werden kann (ebenso 


x ) Arch. f. experimentelle Path. und Pharmakologie. Bd. 57, 1907, S. 441. 

2 ) Verhandlungen der Gesellschaft f. Kinderheilkunde. Stuttgart 1906. 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 241 

müßte die Aufstellung der Betten dementsprechend erfolgen), und 
daß die neben den Fenstern liegenden Kinder vor einer schnelleren 
Abkühlung geschützt werden. 

Es sei hier darauf hingewiesen, daß auf unserer Abteilung 
prinzipiell alle Erkrankungsfälle Aufnahme finden (die an In¬ 
fektionskrankheiten leidenden Säuglinge werden dem Isolierpavillon 
der Klinik überwiesen), so daß unsererseits nicht der geringste 
Wert auf Aufstellung einer guten Gesamtstatistik gelegt worden 
ist. So wurde der erwähnte Fall von Stomatitis ulcerosa im Masern¬ 
inkubationsstadium als einfache Stomatitisform aufgenommen und 
isoliert, soweit es der beschränkte Platz erlaubte. Mit Ausbruch 
des Exanthems (Koplik’sehe Flecke waren wegen der beider¬ 
seitigen Ulcerationen der Wangenschleimhaut nicht sichtbar) wurde 
Patient nach dem Masernpavillon verlegt, ohne daß weitere Masern¬ 
infektionen auf der Abteilung aufgetreten wären. — Im letzten Jahre 
kamen (zu einer späteren Zeit) fast zusammen je 1 Fall von Varicellen 
und 1 Fall von Rubeolae vor. Der Rubeolenfall, dessen Entstehung 
im unklaren blieb, wurde in den einzigen zur Verfügung stehenden 
Isolierraum der Abteilung (Zimmer Nr. 3) gebracht, während der 
Varicellenfall, der wahrscheinlich durch die besuchende Mutter auf 
das Kind übertragen war (in der Stadt herrschte zur selben Zeit 
eine Varicellenepidemie), in einer Ecke des Krankensaales möglichst 
weit von den anderen Betten entfernt untergebracht werden mußte; 
das Bett wurde mit einer spanischen Wand umstellt und der be¬ 
treffenden Pflegerin bei Besorgung des kranken Kindes strengste 
Desinfektionsmaßregeln angeordnet. Beide Erkrankungen blieben 
denn auch isoliert. Zur Isolierung derartiger sporadisch auftreten¬ 
der Fälle sind bei einer Bettenzahl von 25 Säuglingen mindestens 
2—3 Isolierzimmer (oder mehrere Boxen*)) zu fordern, ferner sollte 
beim Ausbruch von Epidemien in der Umgebung eines Säuglings¬ 
krankenhauses den Besuchern entweder der Zutritt zu den Säug¬ 
lingen verboten oder zum mindesten vor ihrem Eintritt in die 
Station das Anziehen eines besonderen weißen Mantels gefordert 
werden, auch dann, wenn in der Familie des Besuchers sich noch 
kein Krankheitsfall ereignet hat. Auch bei einer anderen Gelegen¬ 
heit machte sich der Mangel an Isolierräumen oder Boxen etwas 
fühlbar, als nämlich, ähnlich wie im 1. Jahre, auch im Winter 
1907/08 eine Influenzaepidemie in der medizinischen Klinik herrschte, 


9 cf. die Einrichtung der Säuglingsabteilung der Esc her ich’sehen Klinik 
Verhandlungen der Gesellschaft f. Kinderheilk. Meran 1905 und Stuttgart 1806. 
Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 16 





242 Paul Sittler, 

an der mit einer Ausnahme das gesamte Personal (Pflegerinnen 
und Ammen) erkrankte; 1 ) es ließ sich infolgedessen nicht ver¬ 
meiden, daß auch einige Säuglinge katarrhalische Anginen und 
leichte Tracheobronchitiden akquirierten. Diese erkrankten Säug¬ 
linge infizierten nun z. T. auch ihre Nachbarn, trotzdem deren 
Betten, soweit es der zur Verfügung stehende Raum erlaubte, 
möglichst weit weggerückt worden waren. Es muß gefordert 
werden, daß zwischen je 2 Betten zur Verhütung von Tröpfchen¬ 
infektionen mindestens ein Zwischenraum von 1%—2 m besteht, 2 ) 
eine Forderung, der wir bei einer Belegzahl von über 20 Säug¬ 
lingen nicht immer gerecht werden konnten. Im Gefolge dieser 
Influanzaepidemie traten bei 4 Kindern eitrige Mittelohrentzün¬ 
dungen auf, die sämtlich nach kürzerer oder längerer Zeit bei 
täglichem Austupfen und Einträufeln von 10-proz. Borglyzerin ohne 
Komplikationen ausheilten. 

Von interessanten Krankheitsfällen, die auf unserer Säuglings¬ 
abteilung zur Beobachtung kamen, seien hier nur einige kurz er¬ 
wähnt: 

Im Jahre 1905/06 kam u. a. ein Fall von Appendicitis per- 
forativa mit Kotstein bei einem 3 Wochen alten Kinde zur Sektion. 3 ) 
Zur Beobachtung kam ferner eine Lebercirrhose auf alkoholischer 
Basis bei einem Mädchen von 4 Monaten (nicht hereditär luetisch 
erkrankt), welches während 2% Monaten vor der Aufnahme größere 
Mengen von Tokayenvein, bis zu „2 Schnapsgläschen“ täglich er¬ 
halten hatte. Die Diagnose stützte sich auf eine starke, derb an¬ 
zufühlende Leber- und Milz Vergrößerung, die gleichzeitig mit einer 
Schwellung des Leibes (Umfang in Nabelhöhe 45V 2 cm) einherging 
und sich während des Aufenthalts in der Klinik langsam zurück¬ 
bildete. Von Erkrankungen des Neugeborenen wurde außer 3 Fällen 
von kongenitaler Pylorusstenose, die sämtlich geheilt entlassen 
werden konnten, ein Fall von Oedema neonatorum ohne Albuminurie 
aufgenommen, der diesem Leiden erlag. Die Sektion ergab neben 
einem allgemeinen Ödem der Haut den Befund von Ascites, Hydro- 
thorax und Hydropericard, während Herz und Nieren frei von Er- 


') Escherich empfiehlt in diesen Fällen für das Personal „das Tragen der 
bekannten Mikulicz’sehen Gesichtsmaske“; Verhandlungen der Gesellschaft für 
Kinderheilkunde. Meran 1905. 

*) Am vorteilhaftesten wäre es, wenn die ganze Säuglingsstation nach dem 
Boxen-System (Trennung der einzelnen Betten voneinander durch hohe Glaswände) 
eingerichtet wäre. 

3 ) cf. Berkholz, Monatsschr. f. Kinderheilkunde. Juni 1908. 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 243 

krankung waren und irgendwelche Zeichen von Lues nicht ge¬ 
funden werden konnten. 

Das Ödem der Säuglinge (das von dem Sklerem streng ge¬ 
schieden werden muß; (cf. Runge 1 )) ist in seiner Ätiologie noch 
nicht genügend geklärt. Peiser 2 ) hat bei Zusammenstellung der 
bisher bekannten Literatur zwei Typen des ohne Albuminurie 
auftretenden Säuglingsödems aufstellen können, einen Typus, der 
mit Nierenveränderungen einherging, bestehend in „parenchymatöser 
Degeneration hauptsächlich der gewundenen Kanälchen zweiter 
Ordnung“, und einen 2. Typus, bei dem anatomisch sich eine Ver¬ 
änderung der Nieren nicht nach weisen ließ; unser Fall gehört zu 
diesem 2. Typus, dem „idiopathischen“ Ödem. Verfasser möchte bei 
dieser Gelegenheit hinzufügen, daß er während seiner Assistenten¬ 
zeit an der Straßburger Kinderklinik einen Fall von allgemeinem 
Ödem ohne Albuminurie bei einem Neugeborenen beobachten konnte, 
bei dessen Sektion ebenfalls keine Nieren- oder Herzveränderungen, 
sondern als einziger pathologischer Befund ein kleines Gumma in 
der Leber vorgefunden wurde. Einen ähnlichen Fall bei Lues hat 
Cuno 3 ) gesehen, der außerdem bei 6 atrophischen Säuglingen in¬ 
folge von Nährschäden ohne Albuminurie aufgetretene Ödeme be¬ 
schreibt. D’Astros 4 ) hat Ödeme beim Säugling speziell bei 
hereditärer Lues, daneben bei Sepsis, Bronchopneumonie, Ver¬ 
dauungsstörungen auftreten sehen und trennt diese Ödeme scharf 
von den gleich nach der Geburt (spätestens am 4. Tage) bei lebens¬ 
schwachen Kindern auftretenden lokalen Ödemen. 

In therapeutischer Hinsicht sei noch ein im gleichen Jahre 
beobachteter Fall von Spasmophilie mit Hydrocephalus erwähnt, 
der unter den schwersten eklamptischen Symptomen zur Aufnahme 
kam und bei welchem wiederholt ausgeführte Lumbal- und Hirn- 
(Ventrikel-)Punktionen zur Heilung führten. 

Aus dem 2. Jahre mögen hervorgehoben sein neben einem 
Falle von Hirsch Sprung’scher Krankheit, die auch im 1. Jahre 
bei einem Patienten zur Beobachtung gekommen war, eine diffuse 
idiopathische Urticaria, eine Sarkomatose der Gesichtshaut und 
schließlich eine nach Enterokatarrh (alimentärer Intoxikation) auf¬ 
getretene sekundäre Nephritis 5 ) (Albuminurie und Cylindrurie), die 
nach */2 Monat ausheilte. 

1 ) Die Krankheiten der ersten Lebenstage. Stuttgart 1906. 

2 ) Monatsschr. f. Kinderheilkunde Bd. V, Heft 6. 1906 September. 

3 ) Versammlung südwestdeutscher Kinderärzte. Frankfurt 15. Dez. 1907. 

4 ) Revue mensuelle des mal. des enfants. 1907 September. 

5 1 cf. Neumann, Jahrb. f. Kinderheilkunde, Bd. 66, Heft 6 p. 633. 

16* 





244 Paul Sittler, 

Im 3. Jahre kamen u. a. zur Beobachtung eine Schädelfraktur 
(infolge von Mißhandlung), eine Erb’sche Lähmung nach Geburts¬ 
trauma und eine mit Pyelitis komplizierte Colicystitis auf septischer 
Basis, die nach 2 monatlicher Behandlung zur Heilung kam. Zwei 
seborrhoische Ekzeme des Gesichtes wurden nach Finkeistein 1 ) 
mit Erfolg behandelt. 

Bei Neugeborenen der 3 ersten Lebenswochen sahen wir in 
4 Fällen eine erysipelartige Erkrankung auftreten; ein schwerer Fall 
kam zuerst vereinzelt zur Behandlung, während die 3 anderen leichteren 
Fälle später gleichzeitig beobachtet wurden, und zwar erkrankten 2 
mit andern Affektionen aufgenommene Säuglinge im Anschluß an die 
Aufnahme eines mit dieser Erkrankung behafteten Neugeborenen. 
Die Erkrankung begann in den 4 Fällen mit einer Schwellung 
und Infiltration der Rückenhaut über und zwischen beiden Schulter¬ 
blättern, die entzündliche Rötung zeigte. Beim ersten Falle wan- 
derte die Schwellung und Rötung langsam über den ganzen Rücken 
(eine scharfe Grenze gegen die gesunde Haut bestand nicht), 
dann über die Extremitäten mit Bevorzugung der Streckseiten, um 
dann zu verschwinden; bei einem anderen Falle wurde nur der 
Rücken befallen, während in den 2 letzten Fällen die Erkrankung, 
die ich mit dem Namen eines Erysipeloids belegen möchte, auf 
die oberen Rückenpartien beschränkt blieb. Irgendwelche, auch 
minimale Verletzungen, von denen das Erysipeloid hätte aus¬ 
gehen können, wurde in keinem der beobachteten Fälle gefunden. 
In sämtlichen 4 Fällen war die vordere Rumpf hälfte frei ge¬ 
blieben, ebenso war in keinem Falle der Kopf befallen. Die 
Körpertemperatur hielt sich bei den 2 leichtesten Fällen einen Tag 
lang zwischen 37,5 0 und 38 °, bei dem 3. Kinde war sie 5V 2 Tage 
höher als 37,5° bis zu 38,3° und bei dem schwersten zuerst beob¬ 
achteten Falle bestand 7 Tage lang eine Temperatur zwischen 38° 
und 39° (2 mal kamen Spitzen von 39,4° und 39,5° vor), während 
der 8 folgenden Tage bewegte sich die Temperatur zwischen 37,5° 
und 38,5", um nach völliger Heilung unter 37,5° abzusinken. In 
den 3 letztbeobachteten Fällen wurde die nach Skarifikation der 
befallenen (vorher mit warmem Seifenwasser-Alkohol-Äther sorg¬ 
fältig gereinigten) Rückenhautstellen aussickernde Flüssigkeit bak¬ 
teriologisch untersucht; es wuchs in allen 3 Fällen ein dem 
Staphylococcus albus ähnlicher Coccus, aber keine Streptokokken. 
Bei Überimpfung einer Platinöse der Agarreinkultur der gewachsenen 


l ) Medizin. Klinik. 1907, Nr. 37. 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 245 

Kokken auf eine skarifizierte Hautstelle des Verfassers (Streckseite 
des Unterarms) ließ sich keine Entzündung der Haut hervorrufen. 
Trotz dieses negativen Überimpfungsresultates möchte ich doch die 
oben beschriebenen Fälle als vielleicht durch den gefundenen 
Coccus hervorgerufene Erysipeloide des Neugeborenen an- 
sehen, da eine Übertragbarkeit der gefundenen Kokken auf den 
Erwachsenen nicht unbedingt nötig ist. Vom Erysipel des Neu¬ 
geborenen mit „seiner enormen Bösartigkeit“ (Runge) 1 ) scheinen 
mir die oben erwähnten Fälle wegen ihres gutartigen Verlaufs und 
ihrer teilweise nur geringen Temperatursteigerungen (ganz ab¬ 
gesehen von der eigenartigen, beim Erysipel des Neugeborenen 
wohl selten primär vorkommenden Lokalisation) streng geschieden 
werden zu müssen. 

Die während des Bestehens der Säuglingsabteilung zur Be¬ 
obachtung gekommenen Fälle von ausgesprochener Rachitis sind 
sämtlich, mit 3 Ausnahmen, schon mit den Symptomen der Er¬ 
krankung zur Aufnahme gekommen. Von diesen 3 Kindern, welche 
auf der Station an Rachitis erkrankten, zeigte sich bei dem einen 
Säugling, bei dem eine Ernährung mit käuflicher präparierter 
(rohrzucker- und mehlhaltiger) Buttermilch während 6 Monaten 
durchgeführt worden war, eine Entwicklung der rachitischen Sym¬ 
ptome (ziemlich starker Rosenkranz, Kyphose, starke Kraniotabes) 
unter den Augen des Verfassers, welche dann wieder bei Übergang 
zu Vollmilch (Rohmilch, s. u.) ohne andere therapeutische Eingriffe 
sich langsam zurückbildeten. Verfasser 2 ) hat schon früher darauf 
hingewiesen, daß Kinder, denen eine mehlreiche Nahrung während 
längerer Zeit zugeführt worden ist, zu einem großen Prozentsatz 
an teilweise schwerer Rachitis erkranken und glaubte die Tatsache 
mit dem Kaliumgehalt (?) der Mehle in Zusammenhang bringen zu 
sollen. Jedenfalls ist ihm auch während seiner Tätigkeit an der 
hiesigen Säuglingsabteilung ebenso wie früher an dem Material 
der Straßburger Kinderpoliklinik der Umstand aufgefallen, das sich 
bei sehr vielen Fällen von Rachitis anamnestisch eine reich¬ 
liche Zufuhr von mehlhaltigen Nahrungsmitteln feststellen ließ, 
während er umgekehrt bei künstlich ernährten Säuglingen, die nur 
Milch-Wassermischungen erhalten hatten, stärkere Rachitis nicht 
in gleicher Häufigkeit sah. Es wäre von Interesse, an einem 
größeren Material den Einfluß einer übertriebenen Mehlernährung 

x ) Die Krankheiten der ersten Lebenstage. Stuttgart 1906. 

2 ) Vergleichend-therapeutische Versuche bei Rachitis. Münchn. med. Wochen¬ 
schrift 1907, Nr. 29. 





246 Paul Sittler, 

während des Säuglingsalters auf das eventuelle spätere Auftreten 
von rachitischen Veränderungen statistisch nachzuprüfen. — Bei 
den zwei andern auf der Abteilung rachitisch gewordenen Kindern 
fand sich in dem einen Falle ebenfalls eine Buttermilchperiode, 
während das andere Kind, neben abgepumpter Muttermilch und 
zeitweiser Verabreichung von Ramogenmischung, öfters wegen 
plötzlich auftretender starker Dyspepsien einige Tage hindurch 
auf reine Hafermehlabkochung gesetzt werden mußte. Bei den 
Müttern dieser 3 Kinder konnte anamnestisch eine überstandene 
Rachitis nicht nachgewiesen werden, so daß in diesen Fällen eine 
Vererbung nicht wahrscheinlich ist. — 

Bezüglich der Ernährung ist besonders darauf geachtet 
worden, daß, wie schon bemerkt, ständig mindestens 2—3, ev. auch 
mehr Ammen angestellt waren. Die Ammen, die uns meist von 
der hiesigen Frauenklinik überwiesen werden, erhalten außer freier 
Station monatlich 20—25 M.; daneben je 1 M. Stillprämie für jede 
Zunahme der gestillten Kinder um 1 Pfund und jedesmal, wenn die 
Kurve der gelieferten Tagesmenge an Milch um 1 Liter gestiegen 
ist. Stets findet gleichzeitig mit der Amme freie Aufnahme des 
Ammenkindes auf die Säuglingsstation statt, das von der Mutter 
weiter angelegt wird. Daneben werden noch 1—2 Kinder gestillt 
und der Überschuß der Milch abgepumpt. Wir benutzen hierzu 
die Ibrahim sehe Milchpumpe. Die abgepumpte Milch wird außei 
den darmkranken und atrophischen Säuglingen hauptsächlich den 
luetischen und lues-verdächtigen Kindern gegeben. Die Schlaf¬ 
räume der Ammen befinden sich, von der Säuglingsabteilung ge¬ 
trennt (s. Anmerk. Einl.), in der Klinik. Brustkinder, für die eine 
Nachtmahlzeit vorgeschrieben ist, bekommen nachts abgepumpte 
Milch. Betreffs der Notwendigkeit der Ammenmilch für ein Säug¬ 
lingsheim braucht hier nichts weiter hinzugefügt zu werden. 

Im Anschluß an die Veröffentlichung von Potpeschnig 1 ) sei 
hier ein Versuch von Ernährung mit erhitzter resp. mit gekochter 
Frauenmilch bei dem einen von 2 eineiigen Zwillingen mitgeteilt, 
der auf Veranlassung meines Vorgängers, Dr. Böhme, begonnen 
wurde: 

Pat. E. K., Zwillingskind, Frühgeburt, mit 10 Tagen aufgenommen, Geburts¬ 
gewicht 1500 g, erhält während der ganzen Versuchsdauer, vom 8. November 1907 
bis 23. April 1908 Ammenbrust (Kontrollkind). 

Der zweite Zwilling, Fr. K., Geburtsgewicht 1600 g, bekommt vom 8. No¬ 
vember bis 31. Januar von derselben Amme abgepumpte und auf 60° im Wasser- 


l ) Münchn. med. Wochenschr. 1907, Nr. 27. 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 247 

bade erhitzte Frauenmilch in möglichst gleicher Tagesmenge wie der ange¬ 
legte Zwilling E. K. In den ersten Tagen des Versuchs mußte wegen Mangels 
an Frauenmilch beiden Kindern gleichmäßig und in gleicher Menge an einigen 
Tagen Beinahrung in Form von Buttermilch gegeben werden. — Vom 1. Februar 
bis 23. April 1908 bekam der zweite Zwilling Fr. K. (möglichst wieder in gleicher 
Menge wie das angelegte erste Zwillingskind) abgekochte Ammenmilch; die 
Milch wurde direkt vor dem Trinken im Wasserbade erwärmt und dasselbe 3—4 
Minuten im Kochen erhalten; wiederholte Messungen der Milchtemperatur im 
Wasserbade zeigten, daß sie auf mindestens 93—95° steigt. 

Am 23. April 1908 wurde der Versuch wegen Weggangs der Amme abge¬ 
brochen; die Amme war in den Verdacht gekommen, in der letzten Zeit ihrer 
Anwesenheit auf der Säuglingsabteilung, ihre abgepumpte Milch einige (wenige) 
Male mit Kuhmilch vermischt zu haben. 

Die Gewichtskurven der beiden Zwillinge verliefen während der Periode, wo 
dem einen Kind auf 60° erwärmte Frauenmilch verabreicht worden war, voll¬ 
ständig parallel (analog den Angaben Potpeschnig’s); in der 2. Periode flachte 
die Kurve des mit gekochter Ammenmilch ernährten Zwillings Fr. K. ganz wenig 
derart ab, daß sein Gewicht durchschnittlich ca. 100—150 g weniger als das des 
Brustkindes betrug; diese Gewichtsverringerung nahm, während der nach der 
Frauenmilchperiode folgenden bei beiden Kindern gleichmäßig durchgeführten 
künstlichen Ernährung noch zu, derart, daß bei der Entlassung der Zwillinge 
(Ende August 1908), der mit gekochter Frauenmilch ernährt gewesene Zwilling 
ea. 400 g weniger wog als der andere (cf. die von Potpeschnig zitierten Ver¬ 
suche von Moro und von Fink eis t ein). — Der erste mit nativer Ammenmilch 
ernährte Zwilling E. K. war etwas munterer und lernte auch einige Tage früher 
bei Rückenlage den Kopf spontan erheben, als der mit gekochter Ammenmilch 
ernährte Säugling. — Der Hämoglobingehalt des Blutes (nach Sahli) war bei 
beiden Säuglingen der gleiche. 

Bei Durchführung der künstlichen Ernährung haben wir uns, 
wie es ja für ein klinisches zu Unterrichtszwecken errichtetes In¬ 
stitut natürlich ist, durch Verabreichung der von den maßgebenden 
Autoren vorgeschriebenen Milchmischungen und Anwendung der 
empfohlenen Nährpräparate einen Überblick über die Anwendbar¬ 
keit, Indikationen und den Nutzen der betreffenden Mischungen und 
Präparate zu verschaffen gesucht. — So wurde u. a. im Jahre 1906 
von Böhme *) eine große Versuchsreihe mit Perhydrasemilch durch¬ 
geführt, in der sich diese Rohmilch bei Ernährung gesunder und 
kranker Säuglinge von über 3 Monaten als der gekochten Kuhmilch 
mindestens gleichwertig zeigte. — Mit präparierter Buttermilch, 
die wir als fertig käufliches, sterilisiertes Präparat bezogen, wurden 
ebenfalls eingehende Ernährungsversuche angestellt. Ein Fall von 
Entstehung von Rachitis bei länger durchgeführter Ernährung mit 
dieser Buttermilch ist schon oben erwähnt, bei 2 Kindern (eines 
davon ist das oben erwähnte, an Rachitis erkrankte), die während 

l ) Deutsche med. Wochenschr. 1906, Nr. 43. 





248 Paul Sittler, 

längerer Zeit diese Buttermilch erhielten, haben wir fast gleich¬ 
zeitig Bar low’sehe Krankheit leichter Form auftreten sehen 
(Hämaturie bei dem einen, Hämaturie und subperiostaler Bluterguß 
des Oberschenkels bei dem andern Falle); beide Fälle heilten prompt 
nach Rohmilchernährung. Diese 2 Fälle von Barl o w’scher Krank¬ 
heit sind die einzigen auf der Abteilung selbst aufgetretenen (die 
im 1. Jahre beobachteten 2 Fälle wurden mit der Erkrankung auf¬ 
genommen); bei Ernährung mit der von unserer Milchküche herge¬ 
stellten Milchmischungen (Sterilisation im Wasserbad, 5 Minuten 
lang, — s. u.) sind niemals Erkrankungen an Barlow beobachtet 
worden, im Gegensatz zu andern Städten, in deren Milchküchen 
Dampfsterilisation üblich ist. 1 ) 

Bezüglich der übrigen angewandten Nährpräparate braucht 
hier nichts von besonderer Wichtigkeit hinzugefügt zu werden. 
Nur soviel sei gesagt, was mir bei der heute in der Säuglings¬ 
diätetik herrschenden Polypragmasie besonders wichtig erscheint, 
daß man auf einer Säuglingsabteilung (für kranke und gesunde 
Kinder), abgesehen von der bei älteren Kindern zu verabreichenden 
Beinahrung in diätetischer Beziehung mit Anwendung von Milch, 
Wasser, Milchzucker, einigen einfachen Mehlen (Hafer-, Reismehl) 
Schleimabkochungen von Hafer oder Reis, Malzextrakt (und 
ev. noch Buttermilch, die ich nicht für völlig unentbehrlich an- 
sehen möchte) unter Ausschluß der zahlreichen im Handel befind¬ 
lichen Nähr- und anderen Präparate nötigenfalls vollständig- 
ausreichen kann. — 

Die Herstellung der auf der Säuglingsabteilung von dem 
Arzte vorgeschriebenen Milchmischungen erfolgt in der Milch¬ 
küche. 

Der Milchküchen-Betrieb befindet sich in den Räumen, 
die unter dem eigentlichen Säuglingsheim gelegen sind (s. oben 
die Durchschnitte). Bei der Einrichtung der Milchküche war der 
Gedanke maßgebend, nach Möglichkeit auch hier für sogenannten 
aseptischen Betrieb zu sorgen, d. h. die Vorkehrungen so zu treffen, 
daß jede Einschleppung von Krankheitskeimen ausgeschlossen ist. 
Um dies erreichen zu können, wurden die Räume durch Glas¬ 
wände in nachstehender Weise getrennt. 

Man betritt die Milchküche und ihre Nebenräume durch 
2 Türen von 2 Seiten. Der eine Weg dient dem Personal und 
der Milchzufuhr; zu seiner einen Seite liegen der Dampfentwick- 


*) cf. Esser, Mtinchu. med. Wochenschr. 1908, Nr. 17. 














































































Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 251 


Erd<yschc5j. 



Grundplan der Milchküche. 

lungsapparat für die Milchküche, die Warmwasserheizung für das 
Säuglingsheim und getrennt hiervon das Bureau der Vorsteherin 
(die mit Hilfe mehrerer jungen Damen und 2 Dienstmädchen die 
Arbeit der Milchküche versieht), das durch die Wendeltreppe mit 
dem Säuglingsheim verbunden ist. Auf der anderen Seite sind die 
Eingänge nach der eigentlichen Milchküche. Das Publikum, welches 
die Milchküche besucht, benutzt einen zweiten Zugang. Dieser 
führt in einen kleinen abgeschlossenen Warteraum, welcher an 
jeder Seite ein Schalterfenster trägt. 

Der eine dieser Schalter geht in den Flaschenspülraum. 
Hierher sind die leergetrunkenen Flaschen zurückzuliefern; an dem 
anderen Schalter findet die Ausgabe der neugefüllten Säuglings¬ 
flaschen statt. 






































































































































252 Paul Sittler. 

Die leeren Flaschen, welche draußen mit Wasser zu füllen 
und so der Säuglings-Milchküche zurückzuliefern sind, werden in 
dem Flaschenspiilraum, nach Abnahme der Patentverschlüsse, zu¬ 
nächst in einen großen Tonbehälter mit heißer Sodalösung ver¬ 
bracht. Nachdem auf diese Weise die Milchreste in und an der 
Flasche zum Aufweichen gebracht sind, werden die Flaschen mit 
Handbürsten vollständig sauber gereinigt. (Eine Bürstenmaschine, 
die wir längere Zeit in Gebrauch hatten, hat sich uns nicht be¬ 
währt, die Reinigung mit Handbürsten ist sorgfältiger und nimmt 
nicht sehr viel mehr Zeit in Anspruch als die maschinelle Reinigung.) 
Die Flaschen werden dann mit unter Hochdruck stehenden Wasser¬ 
strahlen ausgespült. Eine Vorrichtung, die nebeneinander 10 Düsen 
über einem das ablaufende Wasser aufnehmenden Gefäße enthält, 
dient diesem Zwecke. 

Nach dem Ausspritzen gelangen die Flaschen in reines Wasser, 
daß durch Dampfzuleitung zum Sieden gebracht wird. Nach ein- 
stündigem Kochen wird das Wasser abgelassen und die Flaschen 
werden nun mit dem Halse nach unten auf 3 große in demselben 
Raume untergebrachte Timpe’sche Trockengestelle eingesetzt. 
Anderen Tags stehen der Vorsteherin die gereinigten Flaschen zur 
Verfügung. 

(Schluß folgt.) 





Aus der Säuglingsfürsorgebewegung*. 

III. Kommunale Maßnahmen. 

f) Milchhandel und Milch regulative. 

Dortmund. Die städtische Gesundheitskommission beabsichtigt, den allge¬ 
meinen Milchhandel durch eine Kontrolle zu heben. Diese Kontrolle soll durch 
eine aus Landwirten, Ärzten, Tierärzten und Chemikern bestehende Kommission 
ausgeführt werden. Durch Prämien soll auf Erweiterung der Vieh- und Stall¬ 
haltung hingewirkt werden. Die kontrollierte Vorzugsmilch soll zu einem höheren 
Preise als die gewöhnliche Marktmilch abgegeben werden. 

g) Verschiedenes. 

Kiel. 1 ) Es wird die Anstellung eines städtischen Arztes, dem die Leitung 
der geplanten Mütterberatungsstelle, Säuglingsstation und Milchküche und über¬ 
haupt die Zentralisation der gesamten Säuglingsfürsorge obliegen soll, von seiten 
des Magistrats ins Auge gefaßt. 

Reggio. In der Säuglingsbewahranstalt Gerace-Marina sind im Jahre 1907 
von 144 der Anstalt anvertrauten Säuglingen 143 gestorben. Die Regierung ent¬ 
sandte eine Kommission zur Prüfung der in der Anstalt herrschenden Zustände. 

IV. Maßnahmen der Vereine und Körperschaften. 

a) Propaganda. 

Berlin. In einer Versammlung des Bundes für Mutterschutz hielt 
Herr C. Hamburger einen Vortrag über Kinderzahl und Kindersterblichkeit 
in Berliner Arbeiterfamilien. 

Berlin. Im Diskussionsabend des Vereins „FrauenwohP sprach Frau 
Clara Linzen- Ernst über Mutterschutz und Säuglingsschutz in der Kommunal¬ 
verwaltung. 

Berlin. Herr Nathan Strauß, früherer Präsident des Gesundheitsamtes 

l ) Der Gedanke hat sich leider nicht so durchführen lassen, wie er geplant 
war. Die Schwierigkeiten, die sich entgegenstellten, entsprangen — dem 
Ärzteverein!!!! 





254 Aus ^ er Säuglingsfürsorgebewegung. 

in New York, läßt im Kaiserhof in Berlin, wie übrigens auch in einer Reihe 
anderer Städte, seinen Pasteurisierungsapparat zur Ausstellung bringen. 

Bern. In Bern hat sich ein „Verein für Säuglingsfürsorge“ gebildet. 

Dresden. Der Verein für Mütter- und Säuglingsfürsorge erteilt 
in seiner Geschäftsstelle, Sedanstraße 17, kostenlos Auskunft über alle auf die 
Geburt, die Säuglingsernährung und Säuglingspflege bezüglichen Fragen. 

Dresden. Die Ortsgruppe des Bundes für Mutterschutz hat an 
den Bat und an das Stadtverordnetenkollegium Gesuche um Errichtung öffent¬ 
licher städtischer Krippen und Kinderbewahranstalten gerichtet. 

Düsseldorf. Anläßlich eines vom Verein für Säuglingsfürsorge im Regie¬ 
rungsbezirk Düsseldorf veranstalteten Kursus hielt Professor Dr. May et-Berlin 
einen öffentlichen Vortrag über „Mutterschaftsversicherung“. 

Düsseldorf. Der Verein für Säuglingsfürsorge im Regierungs¬ 
bezirk Düsseldorf veranstaltete am 14. April ds. Js. eine Konferenz über 
„Berufsvormundschaft und Kostkinderfrage mit besonderer Berücksichtigung der 
im ersten Lebensjahr stehenden Kinder“. 

Der gleiche Verein veranstaltete in der Zeit vom 2. bis 12. September ds. Js. 
einen Kursus für Säuglingsfürsorge für Interessenten aller Berufskreise. 

Düsseldorf. Am 7. Mai und 14. Mai ds. Js. hielt auf Veranlassung des 
Vereins für Säuglingsfürsorge im Regierungsbezirk Düsseldorf 
Professor Dr. Schloßmann Vorträge über das Thema „Wie schützen wir unsere 
Säuglinge vor den Gefahren des Sommers“. Die Einladung zu diesen Vorträgen 
war außer von dem Verein für Säuglingsfürsorge im Regierungsbezirk Düsseldorf 
von den Vertretern der sämtlichen Arbeiterorganisationen in Düsseldorf unter¬ 
schrieben. 

Halle. Der vorläufige Ausschuß zur Gründung eines Vereins zur 
Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit brachte eine von Professor Dr. 
von Drigalski verfaßte Denkschrift zusammen mit einem Aufruf zur Verteilung. 

Ingolstadt. Der Frauenverein für Kranken- und Kinderpflege 
auf dem Lande berief am 5. April eine freie Versammlung zwecks Propaganda 
in der Säuglingsfürsorge. 

Karlsruhe. Im Arbeiterdiskussionsabend sprach Ober-Regierungsrat 
Dr. Lange über die Säuglingssterblichkeit. 

Münster. In der medizinischen naturwissenschaftlichen Ge¬ 
sellschaft sprach Kinderarzt Dr. Schulte über Ursachen und Bekämpfung der 
Säuglingssterblichkeit. 

Neustrelitz. Auf Veranlassung des Herrn Direktor Gustav Kreien- 
brink wurden 5000 Exemplare eines gemeinverständlichen Werkchens über die 
Pflege und Ernährung des Neugeborenen von Professor Dr. A. Martin-Berlin 
zur Verteilung gebracht. 

Solingen. Anläßlich der Ausstellung für Säuglings- und Kinder¬ 
pflege inSolingen fanden öffentliche Vorträge von Herrn Clausen - Straßburg, 
Professor Siegert-Köln, Professor Dr. Schloßmann-Düsseldorf, Dr. Marie 
Baum-Düsseldorf und Dr. S e 11 e r - Solingen über verschiedene Themata des 
Säuglings- und Mutterschutzes statt. 

Stettin. Professor Dr. Neu mann aus Berlin sprach auf Veranlassung des 
Vereins „Stettiner Säuglings- und Mütter heim“ über die Notwendigkeit 
der Fürsorge für außerehelich geborene Säuglinge. 

Zürich. In der Zeit vom 31. August bis 12. September tagte der Erste 




Aus der Säuglingsfürsorgebewegung. 255 

schweizerische Informationskurs für Jugendfürsorge, in welchem 
auch die Themata Wöchnerinnenfürsorge, Mutterschutzbestrebungen und Säug¬ 
lingsfürsorge zur Behandlung gelangten. 

b) Ausbildung - . 

Berlin. Fiirso rgeheim für hilflose jüdische Kinder. Kurse für 
Frauen und junge Mädchen über Pflege und Ernährung des Kindes unter Leitung 
des Anstaltsarztes Dr. Mendelsohn. Auskunft und Anmeldung im Fürsorge¬ 
heim, Artilleriestraße 36 b. 

Berlin . Säuglingsfürsorgestelle der Schmidt-Gallisch-Stif- 
tung, NaunynStraße 63. Kurse in der Säuglingspflege für Frauen und 
Mädchen. 

Säuglingsfürsorgestelle, Pankstraße 15. Unentgeltliche Kurse in 
der Säuglingspflege. 

Berlin. Der Provinzialverein Berlin des Vaterländischen 
Frauen Vereins vom roten Kreuz veranstaltet Säuglingspflegekurse für 
junge Mädchen, Frauen und Mütter. Den Abschluß bildet eine Prüfung. An¬ 
meldungen sind an die Geschäftsstelle, Dessauerstraße 14, zu richten. 

Berlin. Kinder haus, Blumenstraße 78. Unterrichtskurse für be¬ 
mittelte und unbemittelte Frauen mit praktischen Übungen. Anmeldungen im 
Bureau des Kinderhauses. 

Berlin. Säuglingsfürsorgestelle, Großbeerenstraße 10. Unter 
Leitung von Dr. Schmoller. Kurse über Ernährung und Pflege der Kinder für 
Frauen und junge Mädchen. 

Charlotten bürg. Säuglingsklinik, Christstraße 9. Praktische und 
theoretische Kurse zur Ausbildung junger Mädchen und Mütter in der Säuglings¬ 
pflege und zur Ausbildung beruflicher Säuglingspflegerinnen. Meldungen bei der 
Oberin. 

Düsseldorf. Der Verein für Säuglingsfürsorge im Regierungs¬ 
bezirk Düsseldorf veranstaltet Ausbildungs- und Fortbildungskurse für Ärzte, 
für Hebammen und für Säuglingspflegerinnen. Anmeldungen bei der Geschäfts¬ 
stelle des Vereins, Düsseldorf, Werstenerstraße 150. 

Liegnitz. Säuglingsfürsorgestelle des Auguste Viktoria¬ 
heimes, Feld Straße. Ausbildungskurse in der Säuglingspflege und Ernährung 
unter Leitung des Kreisarztes Dr. Lemke. 

Schöneberg. Säuglingsheim, Akazien Straße 7. Kurse für junge 
Mädchen und Frauen in der Säuglingspflege. Anmeldungen bei der Oberin des* 
Heimes nachmittags 3 bis 4 Uhr. 

Stuttgart. Säuglingsheim, Neckarstraße 39a. Kurse für Frauen 
und Mädchen in der Säuglingspflege unter Leitung von Dr. C am er er. 





Kraiikeiihiiusweseii und Heilstättenbewegung. 

I. Allgemeines. 

Bei dem dritten internationalen Kongreß für Irrenpflege, 
der vom 7. bis 11. Oktober in Wien abgehalten wurde, zogen die folgenden 
Beferenten das Krankenhauswesen in den Kreis der Betrachtung: Bresler 
(Lublinitz) sprach über den gegenwärtigen Stand des Irrenwesens; A. Buchholz 
(Hamburg) über einiges aus der hamburgischen Irrenfürsorge; J. Deventer 
(Amsterdam) über Pflege der gefährlichen und schädlichen Geisteskranken; 
H. Kreuser (Winnental) über Bestrebungen und Erfolge der Irrenhilfsvereine; 
Ferrari (Imola-Bologna) über die Ergebnisse der Fürsorgegesellschaften für 
Irre und der Familienpflege; E. Konrad (Budapest) über den heutigen Stand 
der Irrenfürsorge in Ungarn; K. Scholz (Obrawalde-Posen) über die Ausbildung 
des Pflegepersonals; F. Gerenyi (Wien) über Irrenpflege und Verwaltung; 
J. Starlinger (Mauer-Oehling) über Streifzüge durch das Budget der n.-ö. 
Landes-Heil- und Pflegeanstalt; F. Berger (Wien) über Bau von eigenen 
Pavillons für geisteskranke Verbrecher in Irrenanstalten; J. Herting (Galk- 
hausen) über die bauliche Entwicklung der Anstalten für Geisteskranke; Zuzak 
(Tyrnau) über die Irrenanstalt des k. u. k. Heeres; H. Vogt (Frankfurt a. M.) 
über die Fürsorge und Unterbringung von Geistesschwachen, Epileptischen und 
geistig Minderwertigen. 

II. Staatliche Maßnahmen und Landesanstaltswesen. 

Preußen. Erlaß des Ministers der usw. Medizinalangelegenheiten und des 
Innern vom 21. August 1108 — M. d. g. A. M, Nr. 8300, M. d. I. IV. 1268 — 
an sämmtliche Herren Oberpräsidenten: 

Nachdem die Ergebnisse der auf Grund des Erlasses vom 39. Juli 1906 
(Min.-Bl. f. Med.-Ang. 1906 S. 309) erfolgten Zählung jugendlicher Krüppel 
statistisch verarbeitet sind, ist beabsichtigt, die gewonnenen Unterlagen für 
Zwecke der praktischen Krüppelfürsorge weiter zu verwerten. Einer Anregung 
des Krüppel-, Heil- und Fürsorgevereins für Berlin-Brandenburg folgend, dessen 
Schriftführer die Statistik bearbeitet hat, übersenden Avir Ew. Exzellenz die 
seinerzeit eingereichten Zahlkarten aus der dortigen Provinz, nach Begierungs- 
bezirken und Kreisen geordnet, sowie eine danach angefertigte Tabelle nebst 
gedruckten Erläuterungen der in der Tabelle enthaltenen Abkürzungen und der 




Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung*. 257 

Lei der Statistik angewandten Grundsätzen und Bearbeitungsmethoden. Die ent¬ 
sprechende Anzahl Erläuterungen für die Regierungsbezirke der Provinz sind 
beigefügt, desgleichen liegen die Drucksachen den Zählkarten für jeden Kreis bei. 
Wir ersuchen ergebenst, die Zählkarten den nachgeordneten Behörden zu über¬ 
mitteln und im Einvernehmen mit ihnen an der Hand des Materiales den Ur¬ 
sachen und dem Umfange des Krüppelelends in der Ihnen unterstehenden Provinz 
nachzuforschen, sowie in Verbindung mit den in der Krüppelfürsorge bereits 
tätigen Personen, Vereinen und Anstalten in Erwägungen über die geeigneten 
Maßnahmen zur Heilung und Unterweisung der jugendlichen Krüppel einzutreten. 
Ihrem gefälligen Berichte über das Ergebnis der anzustellenden Ermittlungen 
und den Erfolg der zur Besichtigung des Krüppelelends unternommenen Schritte 
wollen wir nach Jahresfrist entgegensehen. 

Erlaß des Ministers für Handel und Gewerbe vom 25. September 1908 an 
«die Herren Regierungspräsidenten und den Herrn Polizeipräsidenten von Berlin. 

— II b 8885/III. 7564: 

Unter Hinweis auf die Erlasse des Herrn Ministers der geistlichen, Unter¬ 
richts- und Medizinalangelegenheiten vom 4. Mai und 12. September d. Js. — 
M. 11619 und 13467 —, betreffend den Verkauf der Abfälle von Verbandsstoffen 
sowie die Desinfektion von ausrangierten Wäsche- und Kleidungsstücken in 
Krankenhäusern, ersuche ich Sie, die Gewerbeaufsichtsbeamten anzuweisen, bei 
Besichtigung von Lumpensortieranstalten der in Rede stehenden Angelegenheit 
ihre besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden: 

Erlaß des Ministers der usw. Medizinalangelegenheiten vom 12. Oktober 1908 
.an die Herren Regierungspräsidenten und den Herr Polizeipräsidenten in Berlin. 

— M. 8048: 

Über die in dem Erlasse vom 22. November 1906 — M. 7341 Gl. G II. — 
{Min.-Bl. f. Med.-Ang. S. 490) erörterte Frage der einheitlichen ärztlichen Leitung 
der Krankenanstalten habe ich noch die Anhörung der Ärztekammern und des 
Ärztekammerausschusses veranlaßt. Auf Grund der eingegangenen Bericht¬ 
erstattung ersuche ich Ew. Hochwohlgeboren, nunmehr auf die Durchführung 
folgender Grundsätze innerhalb des dortigen Geschäftsgebiets hinzuwirken. 

Grundsätze. 

1. In jeder Krankenanstalt muß eine verantwortliche ärztliche Leitung für 
den allgemeinen Krankendienst und für die gesundheitlichen Maßnahmen vor¬ 
handen sein. Dem damit beauftragten Arzte ist innerhalb der Verwaltung die 
nötige Selbständigkeit zu gewähren. 2. In allen größeren öffentlichen Kranken¬ 
anstalten muß ein Arzt an leitender Stelle auch für die Krankenbehandlung 
stehen, oder je ein Arzt an die Spitze der einzelnen Abteilungen gestellt werden. 
Die Zuziehung von Spezialärzten wird hierdurch nicht berührt. 3. ln kleineren 
öffentlichen Anstalten, besonders in kleineren Orten, ferner in Privatkliniken, 
Sanatorien und sonstigen Privatanstalten kann die Zulassung mehrerer oder 
aller Ärzte zur Behandlung der von ihnen eingelieferten Kranken oder zur gegen¬ 
seitigen Unterstützung gestattet werden, vorausgesetzt, daß ein Arzt für die 
Hygiene des Hauses, Ausbildung und Überwachung des Pflegepersonals und für 
die sonstigen den allgemeinen Krankendienst betreffenden Maßnahmen allein ver¬ 
antwortlich und zuständig ist. 4. Unter öffentlichen Krankenanstalten im Sinne 
dieser Grundsätze sind diejenigen Anstalten zu verstehen, die ohne Konzession 
(vgl. § 30 Gewerbeordnung) betrieben werden. Die Unterscheidung zwischen 
Zeitschrift für Soziale Medizin. 1Y. 17 




258 Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung. 

größeren und kleineren Krankenanstalten wird sich in der Regel nach der Betten¬ 
zahl insofern bestimmen lassen, als alle Krankenanstalten über 30 Betten zu den 
größeren im Sinne dieser Vorschriften zu rechnen sind. Indessen sind dabei 
auch die sonstigen in Betracht kommenden örtlichen Verhältnisse zu würdigen, 
so daß es unter Umständen auch zulässig erscheint, einem öffentlichen Kranken¬ 
hause über 30 Betten die Möglichkeit der Zulassung mehrerer Ärzte zur Be¬ 
handlung zuzugestehen, jedoch nicht einem solchen über 50 Betten. Auf der 
anderen Seite wird einem öffentlichen Krankenhause mit weniger als 30 Betten 
ausnahmsweise die Bestellung einer ärztlichen Leitung auch für die Kranken¬ 
behandlung auferlegt werden müssen, sofern es die Krankenversorgung erfordert. 
Es wird sich empfehlen, die Pflichten und Rechte des leitenden Arztes in der 
Form einer Dienstanweisung festzulegen und zwar nicht nur für die Fälle, in 
denen ein Arzt die Leitung der gesamten, allgemeinen und speziellen Kranken¬ 
versorgung übernehmen, sondern auch für die Fälle, in denen nur die hygienische 
Leitung sowie die Aufsicht über die Ausbildung des Pflegepersonals und über 
den sonstigen allgemeinen Krankendienst (cfr. Nr. 1 der Grundsätze) einem Arzte 
übertragen werden soll, während die spezielle Krankenbehandlung dem jedesmal 
zuständigen behandelnden Arzte zu verbleiben hat. Über die Durchführung der 
vorstehenden Grundsätze wollen Ew. Hochwohlgeboren nach 1 Jahre berichten. 

Adeluau, Posen. Das schon seit längerer Zeit projektierte Kreiskranken¬ 
haus soll nunmehr zur Ausführung kommen. Das Bauprojekt sieht einen Kosten¬ 
anschlag von 42 000 M. vor. 

Brieg, Schlesien. Der Provinzialverband der Provinz Schlesien in Breslau 
läßt gegenwärtig bei der hiesigen Provinzial-Heil- und Pf lege an st alt 
eine neue Frauenabteilung für 50 Kranke mit den zugehörigen Nebengebäuden 
errichten. 

Lüchow, Hannover. Die Errichtung eines Kreiskrankenhauses wird be¬ 
absichtigt. 

Merzig, Rheinprovinz. In der Kreistagssitzung des Kreises Herzig wurde 
ein Anbau an das Kreiskrankenhaus mit einem Aufwand von 63000 M. 
beschlossen. 

Sainotschin, Posen. Der Provinzialausschuß hat zu dem Bau eines Kranken¬ 
hauses hierselbst eine Beihilfe von 7000 M. bewilligt. Da der Kreis Kolmar 
ebenfalls 7000 M. zu demselben Zwecke bewilligte, ist mit dem von der Stadt 
angesammelten Fonds einschließlich der Cohn’schen Schenkung das Baukapital 
bereitgestellt. 

Stralsund, Pommern. Der Provinzialverband Pommern, Stettin, wird die 
Provinzialheilanstalt nach hier verlegen. 

Teupitz, Brandenburg. Der Provinzialverband der Provinz Brandenburg, 
Berlin, wird im Anschluß an die neuerrichtete Irrenanstalt zu Teupitz eine 
Idiotenanstalt errichten lassen. 

Bayern, Ellingen. Der Distriktsrat Ellingen hat die Erbauung eines eigenen 
Distrikts kr ankenhauses in Ellingen beschlossen. . v 

Lohr a. M, Der unterfränkische Landrat in Würzburg stimmte dem Neu¬ 
bau einer zweiten Kreisirrenanstalt in Lohr zu. Die Kosten belaufen sich 
auf etwa 3 Mill. M. 

Neustadt a. W. Das Gut Wällershof bei Eppenreuth wird in eine zweite 
oberpfälzische Kreisirrenanstalt umgebaut. 

Schwabach. Der Distriktsrat Schwabach stimmte dem Vorschlag auf Er- 




Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung. 259 

bauung eines für Stadt und Distrikt Schwabach gemeinschaftlichen Kranken¬ 
hauses zu und genehmigte hierfür einen Betrag bis zu 100000 M. 

Vilsbiburg. Der Distriktsrat beschloß den Neubau eines Distrikts¬ 
krankenhauses in Geisenhausen mit einem Kostenaufwand von 45000 M. 

Sachsen, Kodewisch. Zu dem vom Bezirksverbande der Kgl. Amtshaupt¬ 
mannschaft Auerbach zu errichtenden Bezirksstifte wurde der Grundstein 
gelegt. Das neue Stift soll mit 140 Betten belegt werden und wird einen Kosten¬ 
aufwand von 290 000 M. erfordern. 

Württemberg, Göppingen. Das hiesige Bezirkskrankenhaus wird 
gegenwärtig erweitert. Die Zahl der Betten wird um das Doppelte vermehrt, 
so daß nach Fertigstellung 200 Betten vorhanden sind. 

Hessen, Gießen. Unter dem Namen „Waldhof“ wird bei Gießen eine staat¬ 
liche Landesirrenanstalt für Oberhessen erbaut. Die Baukosten für den 
ersten Ausbau der Anstalt belaufen sich einschließlich Ausstattung, Maschinen, 
Beleuchtung usw. auf 1,8 Mill. M. 

Lübeck. Der Bürgerausschuß bewilligte für den Bau einer Staatsirren¬ 
anstalt 2000000 M. 

III. Kommunale Maßnahmen. 

Berlin. Nach den Angaben des 32. Bandes der Charite-Annalen für das 
Betriebsjahr 1906/07 begann das Jahr mit einem Krankenbestand von 1177 be¬ 
gann, während im ganzen 14485 Personen aufgenommen wurden. Diese Zahl 
vergrößert sich noch um 2543 Kinder, die in der Charite lebend zur Welt kamen. 
Die 15596 Kranken erforderten ein Behandlung von 421778 Tagen, so daß durch¬ 
schnittlich jeder Kranke 27 Tage in der Anstalt war. Von den Verpflegungs¬ 
tagen kommen auf Rechnung der Stadt Berlin 250804, auf Rechnung von Kassen 
155119, auf Freistellen wurden 9855 Verpflegungstage gewährt. Der durch¬ 
schnittliche Krankenbestand betrug 1156, die höchste Zahl wies der 23. Januar 
1907 mit 1278, die niedrigste der 25. Dezember 1906 mit 1026 auf. Die Zahl 
der täglichen Aufnahmen schwankte zwischen 12 und 80, die der Entlassungen 
zwischen 9 und 92. Das ärztliche Personal besteht aus 13 Direktoren, Ordinarien 
und Extraordinarien der Universität, 55 Abteilungsvorstehern, Ober- und Assistenz¬ 
ärzten, unter diesen sind auch eine Ärztin, ein Generaloberarzt und 19 Stabsärzte. 
Den Pflegedienst versehen 82 Schwestern, 4 Hebammen, 96 Wärter, 115 Wärte¬ 
rinnen, 4 Ammen, denen noch zur Seite stehen 34 Hausdiener und 25 Haus¬ 
mädchen. In den Laboratorien sind 19 Diener beschäftigt. Das Verwaltungspersonal 
besteht aus dem ärztlichen und dem Verwaltungsdirektor, einem Justitiar, 25 
Bureau- und Kassenbeamten, 9 Ökonomiebeamten, 4 Geistlichen, einem Organisten, 
4 Apothekern, 18 Unterbeamten, 146 Dienern, Handwerkern usw., 109 weiblichen 
Personen. Die Einnahmen betrugen über 1800000 M-, darunter 811000 für Ver¬ 
pflegungskosten, 825000 Staatszuschüsse. Die Ausgaben betrugen auf den Kopf 
des Kranken pro Tag 4,60 M. Ein großer Teil davon entfällt auf den Universi¬ 
tätsbetrieb. Für die Krankenbehandlung allein betragen die Kosten pro Kopf 
und Tag 1,17 M. Nur in einem städtischen Krankenhaus, Gitsehiner Straße, das 
keine chirurgische Station hat, sind sie mit 0,96 M. niedriger, während sie im 
Friedrichshain 1,19, in Moabit 1,38, im Urban 1,26, im Kinderkrankenhaus 1,78 und 
im Virchowkrankenhaus 1,61 M. betragen. Mit den Gesamtkosten ist das Virchow- 
Krankenhaus mit 6,03 M. ebenfalls beträchtlich höher, sie betragen im Friedrichs- 

17* 




260 Krankenhaus wesen und Heilstättenbewegung. 

kain 3,63 M., in Moabit 3,81, im Urban 3,83, in der Gitschiner Straße 3,43, im 
Kinderkrankenhaus 4,72. Bei einem Bestand von 1305 Betten betrug die Zahl 
der Abweisungen 4500, gegen 3237 und 7217 in den beiden Vorjahren. 

Das städtische Krankenhaus am Friedrichshain soll bedeutend erweitert 
werden. Die Stadtverordneten haben die Vorentwürfe für die Erweiterung der 
Infektionsabteilung, der Wasch- und Kochküche usw. genehmigt. 
Die Baukosten sind auf 574000 M. veranschlagt. Für den nächsten Etat sind 
rund 300000 M. als erste Baurate eingestellt worden. 

Das städtische Krankenhaus am Urban wird demnächst vergrößert werden, 
und zwar sollen hierzu die Baulichkeiten dienen, in denen zurzeit die Pfleglinge 
des Krüppel-Vereins untergebracht sind. 

Die Stadtverwaltung wird eine neue Walderholungsstätte bei Schön¬ 
walde an der Beinickendorf-Liebenwalder-Nebenbahn errichten lassen. 

Das Kuratorium für die Heimstätten der Stadt Berlin will die Heimstätte 
Gütergotz, Kreis Teltow, die bisher zur Aufnahme brustkranker Männer diente, 
in eine Heimstätte für Genesende umwandeln. 

Die Deputation für die städtischen Krankenanstalten und öffentliche Gesund¬ 
heitspflege beschloß, an allen städtischen Krankenhäusern Zahn¬ 
ärzte an zu st eil en. Da am Rudolf Virchow-Krankenhause schon Zahnärzte 
amtieren, kommen noch fünf Krankenhäuser in Betracht. 

Braimschweig. Dem Berichte über die Verwaltung des Herzogi. Kranken¬ 
hauses für das Jahr 1907/8 entnehmen wir, daß die Zahl der behandelten Kranken 
4019 gegen 3702 im Vorjahre und 3773 im Jahre 1905/6 betrug. Von den auf¬ 
genommenen Kranken gehörten 45 der ersten, 323 der zweiten und 3376 der 
dritten Klasse an. Im Jahresdurchschnitt fanden täglich 10—11 Kranke Auf¬ 
nahme. Auf eigenen Antrag ließen sich 726 Personen aufnehmen, weitaus die 
meisten (2402) fanden Aufnahme auf Grund einer Krankenkassenbescheinigung: 
durch Berufsgenossenschaften und die Landesversicherungsanstalt wurden 164 und 
durch Armenverbände 368 Kranke überwiesen. Der tägliche Durchschnittsbestand 
berechnet sich auf 335 gegen 323 und 330 in den beiden Vorjahren. Die Jahres¬ 
rechnung schließt in Einnahme und Ausgabe mit 421746 M. gegen 411428 M. 
und 396487 M. der beiden Vorjahre; der Staatszuschuß belief sich auf 156382 M., 
d. h. 5200 M. weniger als im Vorjahre. 

Breslau. Das Kuratorium des Wenzel-Haneke-Krankenhaus es hat 
beim Magistrat den Antrag gestellt, im Anschlüsse an die jetzt im Bau befind¬ 
lichen großen Um- und Erweiterungsbauten mehrere bauliche Verbesserungen und 
Vervollständigungen (Speiseausgaberaum, Wäschedesinfektionsapparat, Verbren- 
nungsofen für Mülle, Vergrößerung des Operationssaales) ausführen zu lassen, 
deren Kosten 56100 M. betragen werden. 

Bromberg. Die Stadtverordneten-Versammlung nahm den Magistrats- 
Antrag betr. Ausbau des Krankenhauses auf 207 Betten mit einem Kosten- 
aufwande von 700000 M. an. 

Chemnitz. Die Stadtverordneten bewilligten zur Vornahme verschiedener 
baulicher Herstellungen und Veränderungen im Stadtkranken hause 9800 M. 

In der Ratssitzung wurde ein Berechnungsgeld von 10000 M. zu den Vor¬ 
arbeiten für die Krankenhausneubauten im Küchwalde bewilligt. 

Culmsee, Westpr. Das hiesige städtische Krankenhaus ist vom Land¬ 
kreise Thorn übernommen worden und wird durch einen Anbau und Aufbau be¬ 
deutend vergrößert. Die Baukosten betragen gegen 40000 M. 




Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung. 261 

Detmold. Der Bau eines neuen Krankenhauses ist geplant. 

Dresden. Eine Erweiterung des Johannstädter Krankenhauses hat sich 
als dringend notwendig erwiesen. Seitens des städtischen Krankenpflegeamtes ist 
zunächst die Errichtung von zwei weiteren Krankengebäuden in der Form von 
Pavillons beabsichtigt. Diese beiden Pavillons werden insgesamt je 93 Betten 
fassen und die Gesamtkosten für beide sich einschließlich der Ausstattung auf 
659696 M. belaufen. Ferner ist die Errichtung eines Gebäudes für Sonderkranke 
erforderlich, dessen Kosten 435830 M. betragen werden. Weiter ist noch geplant die 
Einrichtung des jetzigen Hauses für Sonderkranke für andere Zwecke, namentlich 
für die Abteilung für Ohren- und ähnliche Kranke. Die Baukosten werden 
12 000 M. und die Austattung der Bäume weitere 20000 M. erfordern. Ferner 
wird noch vorgeschlagen eine Vergrößerung des südlichen Anbaues am Operations¬ 
gebäude, wofür ein Aufwand von 15500 M. einschließlich der Ausstattung ver¬ 
anschlagt worden ist. Hierzu kommen noch v r eitere Umbauten und Neuanlagen, 
so daß die Gesamtkosten sämtl. Erweiterungsbauten 1239620 M. betragen werden. 

Fraukenberg, Sachsen. Die Stadtverwaltung plant einen Um- und Er¬ 
weiterungsbau des Krankenhauses. Der Krankenhaus- und Bauausschnß hat 
sich für ein 42000 M. Kostenaufwand erforderndes Projekt ausgesprochen. 

Frankfurt a. M. Der Magistrat beantragt wegen Platzmangels die Er¬ 
richtung eines Neubaues für 105 Sieche. Der Neubau, der dem Wald gegenüber 
errichtet v T erden soll, kostet rund 300000 M. 

Friedrichroda , Thür. Die Sammlungen zum hiesigen I\rankenhaus- 
neubau haben die Summe von 55000 M. erreicht. Die Baukosten sind auf 
49500 M. berechnet. 

Gera, Reuß. Der Gemeinderat bewilligte 10000 M. für Ausschreibung und 
Erlangung von Plänen für ein neues Krankenhaus. 

Hamm, Westf. Von der Stadtverwaltung wurden 16300 M. für Neu¬ 
anlagen und Renovierungsarbeiten am städtischen Krankenhause bewilligt. 

Heimenkirch i. Allgäu. Die Gemeindevertretung beschloß den Bau eines 
Krankenhauses. Die Kosten sind auf 100000 M. veranschlagt. 

Lauenburg, Elbe. Die Stadtverordneten beschlossen den Bau eines Kranken¬ 
hauses für 20 Betten. 

Linz a. Rhein. Die Stadtverordneten beschlossen den Ankauf von Grund¬ 
stücken zum Krankenhausneubau. Die Ausführung des Baues ist bei Be¬ 
schaffung von Raum für 40 Betten S)w r ie für Arzt und Schwestern auf 125000 M. 
veranschlagt. 

Mannheim. Der Stadtrat fordert vom Bürgerausschuß zur Herrichtung 
weiterer Räume in der Dragonerkaserne für Krankenhauszwecke für bau¬ 
liche Einrichtungen 9850 M. und für die innere Einrichtung der Räume 12000 M. 

Melsungen, Hess.-Nass. Die Stadt beabsichtigt den Bau eines j Kranken¬ 
hauses. Die behördliche Genehmigung ist bereits erteilt. 

Mylau, Sachs. Die Stadt genehmigte die Errichtung eines gemeinsamen 
Krankenhauses mit Netzschkau. 

Neurode, Scliles. In der Stadtverordnetensitzung wurde ein Anbau an das 
Krankenhaus beschlossen, dessen Kosten auf 10000 M. veranschlagt sind. 

Neuß, Rheinpr. Die Stadtverordneten haben den Bau eines neuen Hospi¬ 
tals mit einem Kostenaufwand von 700000 M. beschlossen* Die Zahl der Betten 
ist auf 216 festgesetzt, doch werden zunächst nur 150 Aufstellung finden. 




262 Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung. 

Ratibor. Außer dein großen städtischen Krankenhause wird ein neues 
Krankenhaus für Infektionskranke erbaut werden. 

Reichenberg, Böhmen. Die Erbauung eines städtischen Siechenhauses 
für 109 Kranke wurde vom Stadtverordnetenkollegium beschlossen. Die Kosten 
sind auf 300000 M. veranschlagt. 

Rheindahlen, Rheinpr. In der Stadtverordnetensitzung wurde der Neubau 
eines Krankenhauses beschlossen. Nach dem Voranschläge betragen die Bau¬ 
kosten einschließlich des Grunderwerbs 109 500 M. 

Schöneberg bei Berlin. Die Stadtverordneten nahmen die Vorlage betr. Er¬ 
richtung eines städtischen Siechenhauses auf dem Rieselgute Deutsch-Wuster- 
liausen-Ragow an. 

Siegenburg i. Bayern. Der Marktmagistrat läßt ein Krankenhaus er¬ 
bauen. 

Waldenburg, Schles. Statt des bereits beschlossenen Anbaues an das 
hiesige Krankenhaus werden die städtischen Kollegien einen Krankhausneubau 
aufführen lassen. 

Wasselnheini, Els.-Lothr. Das Ministerium hat den Entwurf für ein neues 
Hospital genehmigt, der Kostenanschlag beträgt 79000 M.; davon entfällt auf 
die Stadt, außer den Kosten für den Bauplatz, 30500 M., den Bezirk 13500 M. 
und die Regierung 35000 M. 

Wien. Die Pläne des städt. Kaiser-Jubiläums-Spitals sind von der Statt- 
lialterei genehmigt. Vier mächtige Gebäude mit je 150 Betten bilden den Haupt¬ 
teil der Anlage. Außerdem wird abgesondert von diesen Hauptgebäuden eine 
Abteilung für zahlende Kranke als Sanatorium errichtet Hierzu kommen das 
Badehaus, das Verwaltungshaus, die Küche, das Schwesternhaus. 

Wittenberge, Brandbg. Von den Stadtverordneten wurde das Spezialprojekt 
für den Erweiterungsbau des städtischen Krankenhauses mit einem Kosten- 
aufwände von 125000 M. angenommen. Im einzelnen verteilen sich die Kosten 
auf 75000 M. für den Bau, 20000 M. für die innere Einrichtung und 21000 M. 
für Isolierbaracke, Vorgarten usw. 

Wolfenbüttel. Dem Bericht des Stadtkrankenhauses für 1807/08 entnehmen 
wir, daß 727 männliche Personen mit 21078 Verpflegungstagen und 525 weibliche 
Personen mit 13 396 Verpflegungstagen behandelt wurden, eine Summe, die die 
vorjährige Frequenz (1279 Personen mit 34274 Verpflegungstagen) etwas überholt. 
Aus der Stadt Wolfenbüttel stammten 541 Kranke mit 14210 Verpflegungstagen 
(564 mit 15506 Verpflegungstagen), aus dem Kreise 554 Kranke mit 16055 Ver¬ 
pflegungstagen (574 mit 14ö56 Verpflegungstagen) und 157 Kranke mit 4209 Ver¬ 
pflegungstagen (141 mit 4112 Verpflegungstagen) von außerhalb. Ferner wurden 
143 Militärpersonen an 2151 Tagen verpflegt (113 Personen mit 2279 Verpflegungs¬ 
tagen). Das Krankenhaus nimmt immer mehr den Charakter eines Kreis-Kranken¬ 
hauses an. Die Zuschüsse, die Stadt und Kreis leisten, stehen jedoch da¬ 
mit nicht im Einklang. Während nach dem Voranschlag der Kreis 3000 Mk. 
Zuschuß leistete, der im Etatsjahre 1908,09 auf 5000 Mk. erhöht ist, leistete die 
Stadt im Berichtsjahre 16 200 Mk. und im laufenden Jahre 10950 Mk. Zuschüsse, 
wenigstens nach dem Voranschläge. 

Wurzen, Sachsen. Die Stadtverordneten beschlossen, den Neubau eines 
Krankenhauses möglichst zu beschleunigen. Der Kostenanschlag beträgt 300000 Mk. 

Zwiesel. Da das Krankenhaus sich nicht aus eigenen Mitteln zu erhalten 
vermag und fortgesetzt erheblicher Zuschüsse bedarf, wurde eine Erhöhung der 




Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung. 263 

nach Art. 21 des Armengesetzes zu erhebenden Beiträge beschlossen. Es werden 
ab 1. Januar 1809 erhoben: für männliche Personen über 16 Jahre monatlich 
40 Pfg. (bisher 30 Pfg.), für männliche Personen unter 16 Jahren monatlich 
30 Pfg. (bisher 20 Pfg.), für weibliche Personen über 16 Jahre 35 Pfg. (bisher 
25 Pfg.) und für weibliche Personen unter 16 Jahren 30 Pfg. (bisher 25 Pfg.). 

IY. Maßnahmen der Vereine und Körperschaften. 

Aachen-Burtscheid. Die Landesversicherungsanstalt für die Rheinprovinz 
in Düsseldorf wird hier eine Heilstätte für Rheumatiker errichten lassen. Die 
Gesamtkosten wurden auf 2 l l 2 Mill. Mk. veranschlagt. 

Berlin. Die Ortskrankenkassen der Vororte Wilmersdorf, Friedenau, 
Steglitz, Zehlendorf, Tempelhof, Mariendorf, Teltow, Schmargendorf, Grunewald, 
Dahlem und Groß-Lichterfelde planen den Bau eines Genesungsheims. Nach 
dem Voranschlag kommt ein Heim mit 64 Betten in Betracht. Die Kosten für 
den Bau und Einrichtung sind auf 180000 Mk. berechnet worden. 

Bevensen, Hannover. Geplant wird die Errichtung eines Genesungs¬ 
heims für erholungsbedürftige Kinder. Die Kosten sind auf 600000 Mk. ver¬ 
anschlagt, 

Bochum, Westfalen. Die Knappschafts-Berufsgenossenschaft Sektion II in 
Bochum will eine Unfallklinik mit vorläufig 100 Betten errichten lassen, wofür 
uns dem Reservefonds ein Betrag bis zu 1 Mill. Mk. bewilligt wurde. 

Bremen. Der hiesige Verein zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen vom 
Roten Kreuz erbaut ein neues Krankenhaus. 

Bromberg. Die hiesigen katholischen barmherzigen Schwestern (Mutterhaus 
zu Culm) erbauen ein Kinderkrankenhaus. 

Budapest. Der Pester Heilige Verein plant den Bau eines Asyls für 
unheilbare Kranke. 

Chemnitz. Die hiesige Ortskrankenkasse will ein zweites Genesungs¬ 
heim am Abtwald an der Burkhardtsdorferstr. errichten. 

I)iii *en, Rheinprovinz. Die Kamillianer in Werden-Heidhausen beabsichtigen 
in Düren mit Unterstützung der Provinzialverwaltung ein Heim für Invalide 
der Lau des Versicherungsanstalt zu errichten. 

Düsseldorf. Der Bergische Verein für Gemeinwohl beabsichtigt ein Tuber¬ 
kuloseheim für schulpflichtige Kinder zu errichten, dessen Kosten sich auf 400000 Mk. 
belaufen. 

Elberfeld. Die Firma Bayer u. Co., Akt.-Ges., wird ein Erholungsheim 
für ihre Arbeiter in Elberfeld und Leverkusen errichten. 

Felsöör, Ungarn. Der Spitalverein wird ein Bezirkskrankenhaus erbauen 
lassen, dessen Kosten 80000 K betragen werden. 

Glandorf, Hannover. Die Kosten für den Bau eines neuen katholischen 
Krankenhauses sind auf 80000 Mk veranschlagt. 

Hagen, Westfalen. Die hiesige Krankenhausgesellschaft, die bereits ein 
großes Krankenhaus errichtet hat, will in Verbindung damit ein Kinderkranken¬ 
haus bauen. 

Hofgeismar, Hessen-Nassau. Die Landesversicherungsanstalt Hessen-Nassau 
in Kassel läßt in der Nähe von Hofgeismar ein Arbeiter-Invaliden heim er¬ 
richten. Die Kosten belaufen sich auf 75—80000 Mk. Die Anstalt wird am 
1. Januar 1909 eröffnet werden und soll vorerst 50—60 Insassen aufnehmen. 




264 Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung. 

Jauer, Schlesien. Der Verein zur Errichtung schlesischer Trinkerasyle will 
im Anschluß an das bereits im Bau begriffene Trinkerasyl für Männer ein 
solches für Frauen erbauen, dessen Baukosten auf 30000 Mk. veranschlagt sind. 
Es ist vorläufig für 20 Frauen bestimmt. 

Jena. Die Firma Carl Zeiß beabsichtigt ein Krankenhaus für Beamte 
und Arbeiter zu erbauen. 

Kassel. Die Handwerkskammer beschloß die Errichtung eines Handwerker- 
Erholungsheim für den Kegierungsbezirk Kassel und das Fürstentum Waldeck. 

Lindow, Mark. Die Allgemeine Ortskrankenkasse Charlottenburgs hat am 
Gudelacksee bei Lindow ein 27 Morgen großes Grundstück zu einem Erholungs¬ 
heim käuflich erworben. Sie beabsichtigt dieses Heim im Frühjahr zu erbauen 
und mit 70 Betten auszustatten. 

Lotzen, Ostpreußen. Der Vorstand des ostpreußischen Mutterhauses des* 
Krankenhauses der Barmherzigkeit zu Königsberg i. Pr. hat beschlossen hier ein 
zweites Mutterhaus zu errichten. Vorläufig soll die Neugründung ein Diakonissen¬ 
mutterhaus und ein Krankenhaus von etwa 60 Betten umfassen. 

Miltenberg, Bayern. Das Invaliden heim des Versicherungsamtes* 
Bayern in München wird längst der Staatsstraße nach Eichenbühl errichtet. Das. 
Heim ist für 80 — 100 Rentner gedacht. 

Bad Nauheim. Zum 1. April kommenden Jahres wird ein Genesungs¬ 
heim für Angehörige der Reichspost- und Telegraphenverwaltung eingerichtet 
werden. 

Nürnberg. Der mittelfränkische Verein „Blindenheim“ projektiert den Neu¬ 
bau eines Blindenversorgungsheims. 

Ober-Schöneweide bei Berlin. Die Verwaltung des Königin Elisabeth- 
Hospitals erbaut ein Kinderkrankenhaus mit einem Kostenaufwand von 
1300000 Mk. 

Pappenheim, Bayern. Die Versicherungsanstalt für Mittelfranken, Ansbach, 
läßt ein In validen heim errichten. 

Pforzheim, Baden. Bankdirektor August Kayser läßt eine Kayser-Stif- 
tung für Invaliden der Arbeit errichten. Die Baukosten werden ca. ^00000 Mk. 
betragen. 

Posen. Der Verein zur Fürsorge für kranke Arbeiter baut eine Wald¬ 
erholungsstätte in Unterberg mit Niederdruckdampfheizung und Aerogengas- 
beleuchtung. Die Baukosten betragen 60 000 Mk. 

Reichenbacb, Schlesien. Wegen Platzmangels beabsichtigt man die Erbau¬ 
ung eines größeren katholischen Krankenhauses. 

Schwerin a. W. Ein evangelisches Gemeinde- und Siechen haus wird 
erbaut, dessen Kosten auf 26000 Mk. veranschlagt sind. 

Warstein, Westfalen. Die Verwaltung der Kranken-Heilanstalt Maria Hilf 
läßt zurzeit einen Krankenhauserweiterungsbau ausführen. Die Kosten 
betragen 36000 Mk. 




Friedrich Althoff f 

Am 20. Oktober 1908 ging Friedrich Althoff ein zur ewigen Kühe, er, 
der tatenreiche Mann, der hienieden Ruhe nicht gekannt. 

Arbeit war seines Lebens Inhalt; den Problemen des modernen wissenschaft¬ 
lichen Lebens brachte er ein Verständnis entgegen, wie wenig andere. Der Geist 
des Vielgewandten fand Mittel und Wege, um zur Tat werden zu lassen, was 
ihm dessen wert erschien. Ernstes sachliches Streben hat er immer unterstützt; 
für wahren Fortschritt war er stets zu haben. 

Die Gedanken, denen unsere Zeitschrift dient, haben in ihm einen treuen 
Helfer verloren. Die ersten Lehraufträge für Soziale Medizin erstanden unter 
seiner Mitwirkung. Das Krankenhauswesen förderte er großzügig, wo er 
konnte: der Neubau der Charite ist hierfür Zeuge. Die Säuglingsfürsorge 
hat ihn besonders interessiert und bis in die letzten Tage seines Lebens beschäftigt. 

Viele haben dem seltenen Manne gegrollt; sie haben ihn wohl kaum ge¬ 
kannt und nicht verstanden, daß die Schale bisweilen so rauh war, weil der Kern 
so weich. Die Zukunft wird auch ihnen zeigen, was wir mit Friedrich Alt¬ 
hoff verloren haben. Denn seine Taten werden für ihn sprechen; in die Ge¬ 
schichte des geistigen Lebens unseres Volkes hat er seinen Namen eingegraben 
mit unverlösehlichen Lettern. Sein Andenken bleibt. 





Referate. 

Roller, 0. K., Die Einwohnerschaft der Stadt Durlach im 
18. Jahrhundert. Karlsruhe. 1907. 

Die Stadt Durlach wurde am 16. August 1689 durch die Franzosen nieder- 
gebrannt; von 350 Häusern blieben nur sechs stehen. Bald nach dem Abzug der 
Franzosen begann man mit dem Wiederaufbau und schon nach Ablauf von etwa 
2 Jahrzehnten hat sie ihre frühere Einwohnerzahl wieder erreicht. 0. K. Roller 
hat im vorliegenden Werke unter anderem die Bewegung der Bevölkerung Durlachs 
durch eingehende Berechnungen dargestellt. Die Geburten und Sterbfälle (letztere 
auch nach dem Alter) sind in den Kirchenbüchern vollständig enthalten. Dagegen 
mußten die Einwohnerzahlen durch Berechnung gewonnen werden, was haupt¬ 
sächlich durch Anlegung von Stammtafeln nach den Kirchenbüchern geschah (das 
Nähere hierüber muß im Original nachgelesen werden). Wir geben die Ziffern 
erst von 1721 an, da in den ersten zwei Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts der 
Einfluß der Wanderungen sehr groß ist. 



Zahl der 
Einwohner 

Auf 1000 Einwohner 

Heiraten Geborene 

i 

kommen 

Sterbefälle 

Auf 100 
Ehepaare 
eheliche 
Geburten 

1721—1730 

2916 

8,9 

37,4 

31,1 

18,2 

1731—1740 

2867 

10,2 

35,2 

39,3 

17,4 

1741-1750 

2808 

9,0 

38,6 

35,9 

19,8 

1751—1760 

2945 

8,6 

37,0 

28,8 

19,7 

1761—1770 

3304 

9,5 

38,3 

32,0 

20,3 

1771-1780 

3415 

10,4 

38,5 

30,8 

20.0 

1781—17V)0 

3772 

8,6 

42,3 

31,9 

21,5 

1791—1800 

3927 

8,4 

43,5 

40,1 

21,6 


Die Kinderzahl in den Familien war groß, auch bei den Besitzenden; die 
durchschnittliche Gesamtzahl der auf eine Familie treffenden Kinder war 1725 
bis 1750 5,0, 1751—75 4,4 und 1776-1800 5,8. Die Höhe der Sterblichkeit 
wechselte, je nachdem das Städtchen von Seuchen heimgesucht wurde. Als 
Seuchenjahre sind aufgezeichnet: 1702 hitziges Fieber, 1712 Fleckfieber, Masern, 
1714 Masern, 1735 Fleckfieber, 1736 Blattern, 1738 Blattern, Masern, Ruhr, 1750 
Blattern, 1753 Blattern, 1768 Ruhr, 1796 Nervenfieber, Blattern, 1797 Blattern, 














Referate. 


267 

Flecklieber, 1800 Blattern. Besonders umfangreich war die Blatternepidemie des 
Jahres 1800 mit 77 Sterbfällen, wodurch die Sterbziffer auf 63,9°/ 00 erhöht 
wurde; von den 245 Gestorbenen dieses Jahres waren 168 weniger als 5 Jahre 
alt, (im Durchschnitt der Jahre 1751—1800 dagegen 52,3 Proz. der Gestorbenen), 


die Säuglingssterblichkeit stieg auf 

41,8. Der Verlauf 

der Kindersterblichkeit 

während des 18. Jahrhunderts war 

der folgende. Von 

100 Lebendgeborenen 

starben im 1. Lebensjahre: 




1721-1730 

22,4 

1761-1770 

26,5 

1731—1740 

26,8 

1771—1780 

25,4 

1741-1750 

24,9 

1781-1790 

27,9 

1751-1760 

23,4 

1791 1800 

31,3 

Die Kindersterblichkeit 

ist in 

den letzten zwei Jahrzehnten des 18. Jahr- 


hunderts beträchtlich in die Höhe gegangen, als Ursache hiervon sind die Ver¬ 
armung der Stadt durch die fortwährenden Truppendurchzüge und die häufigen 
Pockenepidemien anzusehen. F. P r i n z i n g. 

Statistique internationale du niouvement de la population. Stati- 
stique generale de la France. Paris 1907. 

Fast in allen europäischen Staaten wurden Berechnungen der mittleren 
Lebensdauer für die Jahre 1891—1900 oder für die Jahre, die an die Volkszäh¬ 
lungen von 1S00 oder 1901 angrenzen, vorgenommen. Einer Zusammenstellung 
obiger Publikation sind die folgenden Ziffern entnommen: 



Periode 

Mittlere Lebensdauer 

bei 

der Geburt 

bei 

10 Jahren 

männl. 

weibl. 

i 

zus. 

männl. 

weibl. 

ZUS. 

England 

1891—19Q0 

44,1 

44,8 


49,6 

52,0 


Schottland 

H 

44.7 

47.4 

46,0 

48 5 

50.3 

49,4 

Dänemark 

1895—1900 

50,2 

53.2 

— 

52,8 

54.7 

— 

Norwegen 

1891-1900 

50,4 

54,1 

52,2 

51.1 

54,1 

52,6 

Schweden 

11 

50,9 

53,6 

52,3 

52,8 

54,6 

53,7 

Preußen 


41,1 

44,6 

— 

49,7 

52,1 

— 

Niederlande 


46,2 

49.0 

— 

51,7 

53,0 

— 

Belgien 


45,4 

44^ 

— 

50,3 

52,8 

— 

Frankreich 

1898 -1903 

45,7 

49,1 

47.4 

49,8 

52,0 

50,9 

Italien 

1899—1902 

42,9 

43,2 

43,0 

51,3 

51,0 

43,0 

Massachusetts 

1893-1897 

44,1 

46,6 

— 

49,3 

50,7 

— 

Westaustralien 

1899—1902 

47,9 

53,0 

— 

49,9 

53,5 

— 

Indien 

1901 

23,6 

24,0 

— 

34,7 

33,9 

— 


Daraus folgt die beachtenswerte Tatsache, daß in Frankreich die mittlere 
Lebensdauer durch die niedrige Geburtenzahl keineswegs zugenommen hat. Die 
Geburtszahl ist noch immer im Sinken begriffen. 

Nach dem Journal officiel de la Republique francaise du 16. VI. 1908 ist die 
Zahl der Geburten in Frankreich im Jahre 1907 um 19 920 hinter der Zahl der 
Sterbfälle zurückgeblieben. In den Jahren 18JO - 1906 war die Geburtsziffer fünfmal 
kleiner als die Sterbziffer, wie sich aus folgenden Zahlen ergibt. 


















268 Referate. 



Geburten 

Sterbefälle 

Geburtenüberschuß 

Sterbefallüberschuß 

1890 

838 059 

876 505 


38 446 

1891 

8i6 377 

876 882 

— 

10 505 

1892 

855 817 

875 888 

— 

20041 

1893 

874 672 

867 526 

7146 

— 

1894 

855388 

815 620 

39-768 

— 

1895 

831173 

851 986 

— 

17 813 

18 6 

865 586 

771 886 

93 700 

— 

1897 

85 >107 

751 019 

108 088 

— 

1898 

843 933 

810073 

33 860 

— 

1899 

847 627 

816 233 

31 394 

— 

1900 

827 297 

853 285 

— 

25 988 

1901 

857 274 

784 876 

72 398 

— 

1902 

845 378 

761 434 

83 944 

— 

1903 

826 712 

753 606 

73 106 

— 

1904 

818 229 

761 203 

57 026 

— 

1905 

807 291 

770 171 

37 120 

— 

1906 

806 847 

780 196 

26 651 

— 

1907 

773 969 

793 889 

— 

19 920 


Im Laufe des 19. Jahrhunderts war in Frankreich vor dem Jahre 1890 nur in 
vier Jahren die Geburtsziffer kleiner als die Sterbziffer, in den beiden Cholera¬ 
jahren 1851 und 1855 und in den Kriegsjahren 1870—71. Da der Ausfall des 
Geburtenüberschusses trotz der seit 20 Jahren beobachteten Zunahme der Ehe¬ 
schließungen stattfindet, so wird er allgemein auf eine rapide Abnahme der ehe¬ 
lichen Fruchtbarkeit zurückgeführt. 

Im Jahre 1907 hatten nur 29 Departements einen Geburtenüberschuß zu 
verzeichnen; es sind die Departements des Nordens, der Bretagne und der Ost¬ 
grenze. Am größten ist der Sterbfallüberschuß im Gebiet der Garonne und der 
Rhone. Frankreich ist ein ungemein lehrreiches Beispiel dafür, wohin allgemein 
verbreitete Konzeptionsbeschränkung führt: während im Jahre 1801 Frankreich 
mit 27,8 Millionen Einwohnern bezüglich der Volkszahl in Europa (mit Aus¬ 
schluß von Rußland) an erster Stelle stand, ist es jetzt an die vierte Stelle 
herabgerückt und wird bald auch noch von Italien überflügelt sein 

F. Prinzing. 

Mouvement de la Population de PEmpire du Japon pendant Pan 1905. 

Tokio. 1908. 

Die Tuberkulose ist in Japan etwa so häufig wie in Preußen. Nach obiger 
amtlichen Veröffentlichung war im Jahre 1905 die Zahl der Sterbfälle an 
Tuberkulose der Lungen 76 061 = 15,9 auf 10 000 Einw. 
Tuberkulose anderer Organe 19 969 = 4,1 „ 

Zusammen 96 030 = 20,0 auf 10 000 Einw. 

In den Jahren 1901 -1905 betrug die Sterblickkeit an Tuberkulose (der 
Lungen und anderer Organe) auf 10 000 Einwohner in Preußen 19,1, in den 
Niederlanden 16,7, in England 17,8, in Italien 16,4. In Österreich und einem 
Teil Süddeutschlands, in Frankreich, Belgien und Rußland sind die Zahlen höher. 

In den einzelnen Teilen Japans ist die Tuberkulose von sehr verschiedener 
Häufigkeit. Sie ist am häufigsten in dem dichtbevölkerten Zentrum der Insel 













Referate. 


269 


Nippon (Honshiu) zwischen Tokio im Osten und Kioto und Osaka im Westen. 
Im Distrikt Tokio, der fast ganz von der Hauptstadt gebildet wird, kamen auf 
10CKX) Einwohner 36,2 Sterbfälle an Tuberkulose, in den Distrikten Kioto 34,8 
und Osaka 35,5. Die dazwischen liegenden Distrikte haben eine Tuberkulose¬ 
sterblichkeit von 20—25 auf 10 000 Einwohner. Die zwei großen Nippon im 
Süden vorgelagerten Inseln Shikoku und Kiushiu sind dicht bevölkert; letztere 
hat eine kleine Tuberkulosesterblichkeit, von den sieben Distrikten derselben hat 
einer eine solche von 18,1, in den anderen ist sie kleiner, in den beiden süd¬ 
lichsten sogar unter 12. Auf der Insel Shikoku hat der nördliche Distrikt 
(Kagawa) eine Ziffer von 24,7, dagegen der südliche (Kochi) nur 9,9. Der Norden 
der Insel Nippon und die Insel Yezo (oder Hokkaido), beide sehr schwach be¬ 
völkert, haben w^enig Tuberkulose. Da Japan sehr reichlich mit Ärzten versorgt 
ist (1905 kämen 7,5 Ärzte auf 10 000 Einwohner), so ist anzunehmen, daß die 
Todesursachenstatistik wenigstens betreffs der Tuberkulose mit geniigendsr Zu¬ 
verlässigkeit geführt werden kann. 

Am meisten von Tuberkulose bedroht ist in Japan das Alter von 20—30 
Jahren. Auf je 10 000 Lebende kamen 1905 Sterbfälle an Tuberkulose beim 
Alter von 


0—5 Jahren 13,0 

5-10 „ 7,3 

10—15 „ 11,7 

15—20 „ 32,2 

20-30 „ 33,1 


30—40 Jahren 22,6 

40-50 „ 19,4 

50-60 „ 20,0 

60-70 „ 17,7 

70 u. mehr „ 10,5 


In Europa sind die Verhältnisse recht verschieden in dieser Beziehung. 
Italien und Schottland zeigen etwa denselben Verlauf der Tuberkulosebedrohung 
der einzelnen Altersklassen wie Japan, in England wird am meisten Tuber¬ 
kulose beim Alter von 35—45 Jahren beobachtet, in Mitteleuropa steigen die 
Zahlen regelmäßig bis zum 70. Lebensjahre an. 

Während in den europäischen Staaten überall, wo Erhebungen vorgenommen 
werden, mit Ausnahme von Italien das weibliche Geschlecht bei der Gesamt¬ 
tuberkulosesterblichkeit kleinere Zahlen aufweist, findet man in Japan ein be¬ 
deutendes Überwiegen der Tuberkulose bei demselben: 


männlich weiblich 

Sterbfälle an Tuberkulose der Lungen 36 989 39 072 

„ „ „ anderer Organe 8 178 11 791 

Sterbfälle an Tuberkulose überhaupt 45 167 50 863 

auf 10 000 Lebende 18,8 21,3 


Das weibliche Geschlecht hat in Japan bis zum 40. Lebensjahre höhere 
Ziffern, von da an, also nach Ablauf der Geschlechtstätigkeit, werden die Zahlen 
beim Manne höher. Diese Erscheinung der höheren Tuberkulosesterblichkeit des 
weiblichen Geschlechts trifft man in allen kulturell noch wenig entwickelten 
Staaten. F. Prinzing. 

Animal Report of the Chief Inspector of Factories and Workshops. 

For the year 1907. London, Darling & Son Ltd. 1908. 

Im Bericht der Oberinspektorin Miß Anderson werden die Bemühungen 
einiger größerer Firmen mitgeteilt, die mit Rücksicht auf die große Zahl von 
Frauen und Mädchen in ihren Betrieben sich bestreben, die Verhältnisse, welche 





Referate. 


270 

die Fabrikarbeit mit sieh bringt, mehr als bisher der Fall war, den Bedürfnissen 
dieser Arbeiterinnen anzupassen; zu diesem Zwecke haben sie Beamtinnen ein¬ 
gestellt, die gleichzeitig die Funktion einer „social secretary“ (Arbeitersekretärin) 
bekleiden. Hierüber schreibt die Inspektorin Miß Martin da le, in deren Bezirk 
diese Neuerungen eingeführt wurden: Ein interessanter Versuch zur Hebung des 
sozialen Standpunktes der Arbeiter wird in einer großen Fabrik, die 1600 Frauen 
und Kinder beschäftigt, unternommen. Her Direktor derselben fragte mich um 
Kat über die Durchführung seines Planes und meinte, daß weiblicher Einfluß 
in seiner Fabrik unumgänglich notwendig sei, und daß er beabsichtige, zu diesem 
Zwecke eine Frau anzustellen, deren Aufgabe die Überwachung der hygienischen 
Zustände bei der Arbeit sein sollte, und zwar mit Bezug auf Ventilation, Tem¬ 
peratur, Feuchtigkeit, Reinlichkeit usw\ 

Ferner sollte diese Beamtin alle von der Home-Office (Ministerium des 
Innern) yorgeschriebenen Register führen; die Zulassung von Kindern zur Arbeit 
nach Untersuchung von seiten der beamteten Ärzte (certifying surgeon), Über¬ 
wachung der Speiseräume und der Nahrungsmittelzufuhr, sowie gelegentliche Be¬ 
suche in Notfällen würden gleichfalls im Bereiche ihrer Pflichten liegen. 

Die Aufsichtsbeamtin wurde ernannt, und es ist seit ihrer Anstellung — 
8 Monate — viel interessante und wichtige Arbeit getan worden. Außer den 
oben erwähnten Pflichten werden die unter Abschn. 61 des Schutzgesetzes (Aus¬ 
setzen der Arbeit vor und nach der Entbindung usw.) fallenden Ereignisse yoii 
ihr einer scharfen Überwachung unterzogen; ein Arzt würde verpflichtet, die 
Fabrik jede Woche zu besuchen und die Frauen zu beraten. Mit den in der 
Nähe liegenden öffentlichen Badeanstalten wurde ein Abkommen getroffen, die¬ 
selben für einige Stunden an einigen Nachmittagen für Jugendliche zu reservieren, 
so daß alle in der Fabrik beschäftigten Kinder in kurzen Zwischenräumen ein 
warmes Bad bekommen. Mahlzeiten für die angestellten Kinder, eine Krippe 
und Vereinigungen werden in nächster Zeit eingerichtet und in Betrieb sein. 

In einer anderen großen Fabrik war eine Arbeitersekretärin (social secretary) 
mit ähnlichen Pflichten angestellt, und auch hier wuirde hauptsächlich Rat und 
Aufklärung in gesundheitlicher Beziehung von ihr verlangt. Hierin konnte sie 
am besten den Frauen Hilfe leisten und kam auf diese Weise in nähere Be¬ 
ziehungen mit denselben. 

In dieser Fabrik war den Arbeitern jede Woche Gelegenheit geboten, einen 
Arzt und einen Zahnarzt zu konsultieren. Die Sehschärfe wurde vor der Ein¬ 
stellung in diese Fabrik geprüft, und Wenn der Gebrauch von Augengläsern sich 
als notwendig herausstellte, wurden sie nur mit der Bedingung eingestellt, solche 
zu tragen. Diese wuirden für die Arbeiter besorgt und zu besonders niedrigen 
Preisen an dieselben abgegeben. 

Ein weiteres Zeichen der Zeit und sehr beachtenswert ist der Umstand, daß 
die Inhaber vieler Fabriken sich von dem schlechten Ernährungszustand vieler 
ihrer Arbeiter überzeugt haben und nach Möglichkeit versuchen, gute Nahrung 
zu so niedrigen Preisen anzuschaffen, daß es allen bei ihnen Beschäftigten mög¬ 
lich ist, sie zu kaufen. 

In einer Fabrik, in der 200 Männer und 30 Frauen beschäftigt und eine 
Menge komplizierter Maschinen gebraucht werden, fand die Inspektorin zu ihrer 
Überraschung, daß das ganze Werk von einer jungen Frau und zwar seit 5 
Jahren geleitet wmrde. R. Wilke. 





Alis der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene 
und Medizinalstatistik in Berlin. 1 ) 

Sitzung- vom 16. Januar 1908. 

Vorsitzender: Herr May et. Schriftführer: Herr R. Lennhoff. 

Herr K. Hamburger trägt vor über die „Frage der Konzeptions- 
beschränkung in Arbeiterfamilien“. Der Vortrag deckt sich inhaltlich mit 
den Ausführungen, die im zweiten Heft des dritten Bandes dieser Zeitschrift 
von dem nämlichen Autor in dem Aufsatz über den „Zusammenhang zwischen 
Konzeptionsziffer und Kindersterblichkeit in großstädtischen Arbeiterkreisen“ 
niedergelegt worden sind. 

Sitzung vom 13. Februar 1908. 

Vorsitzender: Herr May et. Schriftführer: Herr R. Lennhoff. 

Herr M. Zondek trägt vor über „Walderlioluugsstätten für Kinder“. 
In der Berliner Stadtverordnetenversammlung stand ein Antrag des Magistrats 
zur Verhandlung, 300000 M. für die Einrichtung einer Walderholungsstätte auf 
dem Gelände des städtischen Bittergutes Buch zu bewilligen, in der während 
der einen Hälfte des Sommers 200 schwächliche, schulpflichtige Knaben, während 
der anderen Hälfte ebensoviel Mädchen Aufnahme, Verpflegung und Unterricht 
Anden sollten. Aus den Verhandlungsberichten geht hervor, daß von den ver¬ 
schiedenen Parteien mit der geplärrten Anstalt verschiedene Ziele verfolgt wurden, 
daß jede Partei aber stets anderes schaffen wollte, als die zurzeit schon bei uns 
bestehenden Kindererholungsstätten. Ich habe hier einige Jahresberichte über 
auswärtige Erholungsstätten und da diese von den hiesigen einige Verschieden¬ 
heiten aufweisen und in mancher Hinsicht der vom Magistrat beabsichtigten 
Gründung ähnlich sind, scheint es mir geraten, auf sie in aller Kürze hin¬ 
zuweisen. Die Stadt Wien hat 2 Erholungsstätten, die eine in Pötzleinsdorf 
und die andere in Hütteldorf. Diese sind im Gegensatz zu den hiesigen von 
der Regierung gegründet. Nach einem Beschluß des niederösterreichischen Land¬ 
tags vom 20. April 1903 war ein Kredit von 29400 Kronen für die Errichtung 
der Erholungsstätten bewilligt worden. Auch war der Landesausschuß ermächtigt 


*) Nach den Verhandlungen der Gesellschaft, abgedruckt in Nr. 8, 14, 15> 
18 u. 19 der „Medizinischen Reform“, 1908, herausg. von R. Lennhoff. 





272 Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 

worden, zur Bestreitung der laufenden Ausgaben angemessene Subventionen bei¬ 
zusteuern. Die einzelnen Wiener Anstalten wurden bald darauf vergrößert; sie 
sind jetzt viel größer als die hiesigen; es konnten in ihnen im Jahre 1905 
gleichzeitig 1400 Kinder untergebracht werden. Während des Sommers 1905 
wurden im ganzen 2381 Kinder aufgenommen, mit einer Durchschnittsdauer von 
43 Tagen; die Summe der Verpflegungstage betrug 101454. Die gesamten Aus¬ 
lagen betrugen einschließlich der Löhne, der Kosten für Instandhaltung der 
Gebäude, Beköstigungsauslagen, Kosten für Heizung, Wasserverbrauch usw. 
67 736 Kronen. Nach Abzug der eingezahlten Verpflegungsgelder und Spenden 
wurden vom Landesausschuß 47504 Kronen beigesteuert. Die täglichen Ver¬ 
pflegungskosten beliefen sich durchschnittlich auf 66,7 h. Im übrigen sind die 
Erholungsstätten von Wien in bezug auf Aufnahme und Behandlung der Kinder 
und ihren Erfolgen nicht wesentlich von den hiesigen verschieden. Auch in 
Wien werden zumeist schwächliche, blutarme, kranke Kinder aufgenommen. 
Anders in der Walderholungsstätte von Kassel. Hier besteht das Gros der 
Kinder vornehmlich aus nur erholungsbedürftigen, organisch gesunden, denen 
nur einige kranke Kinder zugesellt sind. Das Direktorium der Walderholungs¬ 
stätte in Kassel hat mit der dortigen Stadtverwaltung die Vereinbarung ge¬ 
troffen, daß sie dauernd 25 von den Schulärzten ausgesuchte Kinder zu einer 
je 30 tägigen Kur überwiesen bekommt. Die Kinder erhalten täglich bei einer 
geprüften Lehrerin eine Unterrichtsstunde, und diese reicht vollständig aus, um 
das Gelernte nicht zu vergessen und das verlangte Pensum einhalten zu lassen. 

Die Walderholungsstätte in Kassel ist also in ihrem Prinzip der Wald¬ 
schule in Charlottenburg sehr ähnlich. Die Idee der Waldschule ist aus dem 
Bestreben hervorgegangen, nicht kranken, sondern nur kränklichen, vor allem 
schwachen, blutarmen Kindern, die infolge ihrer Schwäche bald ermüden und 
dem gewöhnlichen Unterricht nicht zu folgen vermögen, diesen unter günstigeren 
hygienischen Verhältnissen zu erteilen. Das pädagogische Moment steht hier 
also im Vordergrund. Das gleiche Prinzip sollte offenbar die vom Magistrat 
geplante Walderholungsstätte in Buch verfolgen. Ich möchte zunächst bemerken, 
daß hier die Bezeichnung „Walderholungsstätte“ sehr leicht zu falschen Vor¬ 
stellungen hat führen können, denn das, was geplant war, sollte etwas anderes 
werden, als es die bisherigen Walderholungsstätten sind. Die Walderholungs¬ 
stätten sind nur für den Tagesaufenthalt berechnet, die Anstalt in Buch dagegen 
sollte den Kindern auch für die Nacht Unterkunft bieten. 

Was also in Buch vom Magistrat ursprünglich geplant war, sollte offenbar 
•ein Schulsanatorium werden. Was aber der Stadtverordnetenausschuß in 
den Antrag hineinbrachte, würde den Charakter der geplanten Anstalt wesent¬ 
lich geändert haben. Es sollten dort auch schwächliche und kränkliche Kinder 
aufgenommen werden, die auf Anordnung des Arztes vom Unterricht befreit 
sind. Damit hätte die Anstalt auch die Bedeutung einer Heimstätte für 
Kinder gewonnen, und sie sollte nicht nur für den Sommer, sondern noch länger 
geöffnet sein, nach den einen drei Viertel, nach der andern das ganze Jahr. 
Daraus resultierten wiederum in bautechnischer Hinsicht verschiedene Ansichten. 
Für ein Waldschulsanatorium hätten einfache Baracken hingereicht, für eine 
Heimstätte erschien aber die Errichtung eines festen, massiven Baues zweck¬ 
mäßig. Bei diesen verschiedenen Anschauungen konnten sich nun die Stadtväter 
nicht einigen und lehnten schließlich beide Anträge ab. 

Walderholungsstätten, die so billig sind und einer so großen Zahl von 




Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 273- 

Kindern Platz bieten, könnte die Stadt Berlin in größerer Anzahl errichten. 
Auch könnte sie die Walderholungsstätten mehr oder weniger zu Waldschulen 
ausbauen, deren Herstellung nicht wesentlich teurer ist, als die einer Wald¬ 
erholungsstätte. Die Anlage und Einrichtung der von der Stadt Charlottenburg 
im Jahre 1904 gegründeten Waldschule, in der etwa 120 Kinder von drei Lehrern 
und zwei Lehrerinnen unterrichtet werden, kostete im ganzen 20625 M. 

Sitzung vom 12. März 1908. 

Vorsitzender: Herr May et. Schriftführer: Herr R. Lennhoff. 

Herr V. y. Borosini trägt vor über „Sozialhygienische Verhältnisse 
in Chicago**. Die Verwaltung der Stadt liegt in den Händen eines alle 
zwei Jahre neugewählten Bürgermeisters und 70 Stadtverordneter, aus denen 
nach Ermessen des Maires Kommissionen zur Durchführung der einzelnen Ver¬ 
waltungsfragen gebildet werden. Auch die Stadtverordneten werden alle zwei 
Jahre gewählt und die beiden politischen Parteien, deren Feldgeschrei Freihandel 
oder Schutzzoll, Föderalismus oder Zentralismus ist, kämpfen mit ähnlichen 
Argumenten, wo es sich um ausschließlich munizipale Fragen dreht. Die 
Nominierung der Kandidaten erfolgt durch die Vorstände der politischen Parteien 
unter genauester Berücksichtigung der Nationalität und der Religion des Distrikts. 
Natürlich versprechen diese Leute für den Fall der Wahl ihrem Distrikt alle 
möglichen Vorteile und ihren Anhängern noch besondere Vorteile in Gestalt an¬ 
genehmer Posten oder städtischer Aufträge. Jedenfalls fliegt nach einer Wahl, 
durch die eine andere Partei ans Ruder kommt, selbst der Beamte hinaus, dessen 
Geschäftsführung hervorragend gewesen ist, denn der Bürgermeister hat natür¬ 
lich ebenfalls vor der Wahl die verschiedenen Posten mit seinen Anhängern 
besetzt und gewöhnlich hierbei nur darauf Rücksicht genommen, wieviel Stimmen 
und Einfluß sie hatten, aber nicht auf ihre Befähigung. In den letzten fünf 
Jahren hat sich aber gegen dies unsinnige System Widerstand von verschiedenen 
Seiten erhoben. Die Antialkoholbewegung macht wegen der fortwährenden 
Gesetzesübertretungen der Wirte und ihrer Anhängerschaft Fortschritte und die Wirte 
sind in die Defensive gedrängt. So erklärt es sich, daß die Kneipwirte nicht mehr 
Alkohol an Minderjährige verschenkten und sehr vorsichtig wurden, Gewohnheits¬ 
säufern Alkohol zu geben, seitdem ein Gerichtsurteil ergangen war, durch welches 
ein Wirt zum Schadenersatz an die Kinder eines an Säuferwahnsinn verstorbenen 
Mannes in der Höhe von 40000 M. verurteilt worden war. Soweit wie in Denver 
ist man in C. noch nicht, dort wird nämlich jeder Erwachsene, der für die 
Kriminalität eines Kindes verantwortlich ist, zur Rechenschaft gezogen. Außer 
diesen Geldstrafen droht ihm auch die Entziehung der Schankkonzession, für die 
er jährlich 8000 M. Abgabe zahlt, und die er nicht wiederbekommen kann. 
Gerade jetzt bietet sich in C. ein wunderbares Schauspiel dar, die Gesetzes¬ 
freunde haben 40 Wirte wegen Übertretungen in Anklagezustand versetzt, können 
aber keine Geschworenenbank von 12 Männern finden, die sie schuldig spricht. 
Die Agitation zur Beobachtung eines puritanischen Sonntags hat das 
merkwürdige Resultat gehabt, daß sich die feindlichen Brüder zu gemeinsamem 
Vorgehen zusammengefunden haben. Die vereinigten Gesellschaften in C. 
fürchteten nämlich mit Recht, daß, nachdem erst einmal die Kneipen Sonntags 
geschlossen sind, die Biergärten, Theater und Konzerte drankommen werden, 
und so haben sich Polen, Böhmen, Deutsche, Italiener, Skandinavier usw. zu¬ 
sammengetan, um vereint den feindlichen Ansturm zurückzuschlagen. Dem Ein- 
Zeitschrift für Soziale Medizin. IY. 18 




274 Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 

fiuß dieser Liga war es zu verdanken, daß bei der Volksabstimmung das neue 
Stadtgesetz für C. abgelehnt wurde, in welchem diese puritanischen Bestrebungen 
einen Ausdruck gefunden hatten. Belästigungen aller Art bieten die Riesen- 
schlachthäuser, die sich mitten in der Stadt befinden. Bis vor kurzem waren 
die sanitären Verhältnisse ganz scheußlich, da kam das schon erwähnte Buch 
Sinclairs. Um der allgemeinen Erregung willen und aus Selbsterhaltungstrieb 
mußten die Leiter Änderungen vornehmen, Luft und Licht in die Schlacht¬ 
häuser hineinbringen, Waschgelegenheiten für die Angestellten schaffen usw. 
Aber der pestilenzartige Geruch verbreitet sich je nach der Windrichtung noch 
immer über C. so ekelhaft süßlich und dick; wenn wir nachts aufwachten, sagten 
wir sehr oft: wir haben Südwind, weil dieser gräßliche Gestank unser Zimmer 
erfüllte. Selbst in C.’s Hauptverkehrsstraßen sind noch Holzhäuser, die 
maßlos verwahrlost sind. In diesen alten Spelunken sind die Aborte auf dem 
Hof oder aber im Keller, ohne daß oft irgendwelche Sorge für das Auffangen 
der Fäkalien und ihre Beseitigung getroffen ist. In andern befindet sich der Aus¬ 
guß der Küche direkt über der Tonne, so daß die Gase ohne weiteres in die 
Wohnung gelangen können. Eigentliche Tennements oder Riesenmietskasernen, 
wie sie New York hat, besitzt C. nicht, wohl aber hat es auch seine Slums, d. h. 
Quartiere, in denen die einzelnen Wohnungen weit über jedes Maß hinaus belegt 
sind. Besonders die Juden, Böhmen, Polen und Neger sind zu einem großen 
Teil in derartigen, allen Bestimmungen der Hygiene hohnsprechenden Wohnungen 
untergebracht. Dreistöckige, eng gebaute Häuser haben nur eine Wasserzapf¬ 
stelle für 6 Familien und einen Abort, ja, oft ist der nicht einmal vorhanden, 
und ich habe im böhmischen Quartier zum Beispiel Werkstätten gesehen, deren 
männliche und weibliche Bewohner zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse auf Nach¬ 
bargrundstücke angewiesen waren. Feder-, Borstenvieh und Ziegen vermehren 
noch Schmutz und Düfte; im Sommer kommt es in den armen Gegenden oft vor, 
daß ein gefallenes Pferd tagelang liegen bleibt, ehe es vom Schinder geholt wird, 
tote Ratten, Katzen und Hunde sind ein gewohntes Bild. Ich habe auf dem 
Wege zur Stadt täglich solche Kadaver passieren müssen, fragte mich am Anfang, 
wie lange werden die Leute das aushalten, aber es geschah nichts. C. hat eine 
verhältnismäßig gute und sehr reichliche Wasserversorgung durch den Michigan¬ 
see. Das Wasser wird dem See ungefähr 2500 m vom Lande entnommen und 
ohne weiteres in den Verbrauch übergeführt. Es ist jetzt im allgemeinen ein¬ 
wandsfrei, nur bei starkem Nordwind werden die Abwässer der Stadt Racine 
nach den Entnahmestellen getrieben und das Wasser in C. wird dadurch ver¬ 
schlechtert. Jeden Tag liest man in den Zeitungen über das Wasser und seine 
Qualität, werden auch nötigenfalls die Leute gewarnt, bestimmte Leitungen zu 
benutzen. Die Wasserversorgung ist eine der wenigen städtischen Betriebe. Die 
Erzeugung von Gas, Elektrizität, sämtliche Beförderungsmittel, wie Straßen- und 
Hochbahnen, Telegraph und Telephon, Paketbeförderung sind Monopole von 
Privatgesellschaften, deren Verträge von bestochenen Stadträten vor 
Jahren derartig abgefafit worden sind, daß sie wirklich machen können, was sie 
wollen, sodaß das Publikum völlig rechtlos ist. Zwischen 6 und 8 Uhr abends 
ist der Verkehr auf der Straßenbahn einfach lebensgefährlich, die Leute stehen 
nicht nur außen am Wagen herum, zwischen dem Vorder wagen und dem An¬ 
hänger, sondern sitzen auch oben auf dem Dach, ohne Unterschied des Standes. 
Um mit fortzukommen, habe ich des öfteren irgendwo mich angehängt. Für 
solchen Platz zahlt man zwar, aber die Gesellschaft gibt wenigstens Umsteige- 




Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 275 

karten nach einer Richtung in äußerst liberaler Weise aus. Die Gasgesell¬ 
schaft baute sich ohne Wissen der Stadt einen Tunnel unter dem Chicagofluß, 
um Gas in einen anderen Stadtteil hinüberzuleiten; die Schlachthäuser ent¬ 
nahmen einen großen Teil des nötigen Wassers einfach dem mit Abwässern 
reichlich versehenen Arm des Chicagoflusses, endlich wurde C. vor 2 Jahren 
damit überrascht, daß es hörte, der unterirdische Kanal, durch den die be¬ 
deutendsten Geschäftshäuser untereinander und mit den Eisenbahnen verbunden 
waren, sei jetzt fertiggestellt und nun könnten die Kutscher streiken; man 
konnte sie ja sofort durch diese unterirdische Verbindung ersetzen. Die Er¬ 
laubnis zum Beginn des Baues war einer Telephonkompagnie gegeben worden. 
Sie sehen, was daraus wurde und wie sich kapitalstarke Unternehmungen mit 
Rücksichtslosigkeit über Gesetze und Vorschriften ungestraft hinwegsetzen. 

Uns fällt die Auffassung von den Aufgaben des Staates und der Gemeinde 
natürlich um so mehr auf, weil uns die überall regelnde und eingreifende Hand 
des Gemeinwesens als selbstverständlich erscheint, und wenn sich irgendwo Mi߬ 
stände zeigen, nicht versucht wird, durch private Tätigkeit die Sache abzustellen, 
sondern nach der Obrigkeit zu rufen. Ganz anders in den Vereinigten Staaten, 
wo die Angst vor sozialistischen Ideen so ausgebildet ist; die Selbsthilfe durch 
korporativen Zusammenschluß tritt hier nur für unser System ein. Sie vor allen 
anderen, meine Herren, wissen, was für ein Segen unsere soziale Versicherungs¬ 
gesetzgebung gewesen ist in Verbindung mit unserer nicht weniger hoch ent¬ 
wickelten Arbeiterschutzgesetzgebung. Von alledem finden Sie in der Union gar 
nichts. Die Konstitution steht allem Fortschritt im Wege. In ihr findet 
sich jener berüchtigte Paragraph über die persönliche Freiheit des einzelnen, 
durch den jeder Fortschritt, den einsichtsvolle Staaten vor allem zum Schutze 
der weiblichen und jugendlichen Arbeiter haben machen wollen, unterbunden 
Avird, denn durch ein solches Gesetz wird ja die Vertragsfreiheit des einzelnen 
beschränkt. Es gibt keine Kündigungsfrist, auch Ihr Dienstmädchen kann heute 
gehen, falls es ihr nicht mehr paßt, Krankheit ist ipso facto ein Entlassungs¬ 
grund, selbst ein im Betrieb erlittener Unfall berechtigt zur Entlassung des 
Arbeiters. Falls dieser vom Arbeitgeber eine Entschädigung verlangt, sind sehr 
langwierige Verhandlungen nötig, in deren Verlauf der Arbeiter nachzuweisen 
hat, daß den Betriebsleiter eine Schuld an dem Unfall trifft, indem er seine Vor¬ 
schriften gröblich verletzt hat. Der Ausbeutung der Schwachen und Unerfahrenen 
ist also Tür und Tor geöffnet, kann es da wundernehmen, wenn die amerikanische 
Arbeiterbewegung sich in weniger ruhigen und gleichmäßigen Bahnen entwickelt, 
als unsere Gewerkschaftsbewegung? Und kann es wundernehmen, daß sich 
besonders in den der Ausbeutung durch gewissenlose Unternehmer am meisten 
ausgesetzten Quartieren sich Menschenfreunde zusammentun, um durch ihren 
Rat und Hilfe gerade den wirtschaftlich Schwachen zu unterstützen. Nach einem 
Besuch von Toynbee Hall in London faßten zwei Frauen in C. 1889 den Ent¬ 
schluß, ihre Zelte unter den Hilfsbedürftigsten aufzuschlagen und das waren 
damals die Italiener; 5 Jahre später wurde Hüll House als rechtsfähiger 
Verein eingetragen und zwar mit der Aufgabe, ein Mittelpunkt für ein auf 
höherer Stufe stehendes soziales Leben zu sein, auf dem Gebiet der Fürsorge 
und Wohltätigkeit bahnbrechend vorzugehen und endlich Untersuchungen über 
die Lebensverhältnisse in den von Arbeitern bewohnten Gebieten von C. an¬ 
zustellen und zur Abstellung von Übelständen beizutragen. Im Jahre 1907 
wohnten 25 Frauen und 21 Männer im Hüll House, die meisten von ihnen hatten 

18* 




276 A lls der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 

die Universität besucht; mit ganz verschwindenden Ausnahmen waren sie in 
irgendeinem Beruf tätig, nur gaben sie nach getaner Arbeit einen großen Teil 
ihrer freien Zeit dem Settlement. Kapitalisten waren wir nicht, wir lebten nach 
dem Kooperativplan, d. h. verteilten alle unsere Ausgaben für die Wirtschaft 
untereinander. Mehrere der Bewohner wurden vom Haus für ihre Tätigkeit 
bezahlt, sie mußten dafür aber auch ihre gesamte Zeit in den Dienst der Sache 
stellen. Völlig umsonst erhielten wir noch die Unterstützung von ungefähr 
150 Helfern aus C., die mehrmals wöchentlich zu bestimmten Stunden des Tages 
den Bewohnern des Hauses halfen, gingen bei uns doch 9000 Personen wöchent¬ 
lich aus und ein, denen das Haus in irgendeiner Weise zur Benutzung offen 
stand; die Größe der zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten war die einzige 
Grenze, die für uns existierte. Selbst die Gründung ähnlicher Unternehmungen 
in unserer Nachbarschaft trug nicht zur Verminderung des Besuchs bei. Es 
handelt sich bei solchen Neugründungen nicht um Beschaffung der Geldmittel, 
denn die stellen sich ganz selbstverständlich ein, wenn nur den Leuten klar 
gemacht werden kann, wozu die Neueinrichtungen dienen sollen. Die 9000 
Personen setzten sich aus allen Nationalitäten und Angehörigen der verschieden¬ 
sten Stände zusammen, ebenso wie auch alle Altersklassen vertreten waren. 
Für die der Mutterbrust entwöhnten Kinder derjenigen Frauen, die tagsüber auf 
Arbeit gingen, gab es eine Krippe, in der die Kleinsten aufgenommen wurden, 
ihre älteren Geschwister kamen in den Kindergarten, Schulkinder wurden am 
schulfreien Sonnabend zu Turn- und Nähklassen zusammengefaßt; vom 12. Jahr 
an fanden die Kinder sich selbst zu Vereinen zusammen, die einmal wöchentlich 
zusammenkamen, um zu spielen oder sich vorlesen zu lassen, waren sie dann 
14 Jahre, so hatten sie Sitzungen wie die Erwachsenen, wo nach den im 
Parlament gebräuchlichen Regeln die Verhandlung geführt wurde. In den ver¬ 
schiedenen Sälen, die von 400 bis 600 Personen faßten, wurden Sonntags Vor¬ 
träge mit Lichtbildern oder recht gute Konzerte gegeben, die selbst bei schlechtem 
Wetter auf zahlreichen Besuch rechnen konnten. Im Sommer wurden eine Menge 
erholungsbedürftiger Frauen mit ihren Kindern auf 14 Tage, eventuell auch 
länger, in Zelten am See untergebracht, junge Mädchen dienten dort als Dienst¬ 
personal, um dadurch auch ihrerseits Ferien zu haben. Durch Zusammenarbeiten 
mit den Wohltätigkeitsanstalten wurde es außerdem noch ermöglicht, viele 
Jungen und Mädchen irgendwo auf dem Lande einen Ferienaufenthalt zu ver¬ 
schaffen, von dem manches Kind früher zurückkam als vorgesehen, weil es vor 
Heimweh nach Haus und den gewohnten Spielkameraden es nicht mehr hatte 
aushalten können. Außer diesen, die im Settlement fast ihr Haus sehen, in dem 
sie sich in ihren freien Stunden aufhalten, kommen viele in das Haus, um sich 
Rat in ihrem Jammer zu holen. Die private Wohltätigkeit muß also einspringen, 
wenn man die Leute nicht umkommen lassen will, die Settlements und die über 
die ganze Stadt sich erstreckenden Bureaus of charity sollen hierfür sorgen. 
Diese Bureaus stehen unter der Leitung von Leuten beiderlei Geschlechts, die 
eine gewisse Erfahrung im Armenw r esen und Wohltätigkeit sich in ihrer früheren 
Tätigkeit erworben haben, ja in neuester Zeit werden Leute gerade für diese 
Stellen beruflich ausgebildet. An diese Leiter werden nun alle die Hilfs¬ 
bedürftigen eines Distrikts gewiesen, sie sollen nicht nur alle Fälle erledigen, 
sondern auch das zu ihrer Erledigung nötige Geld selbst aufbringen. Natürlich 
ist dies leicht in solchen Stadtgegenden, welche von den Wohlhabenderen be¬ 
wohnt werden, aber es ist eine furchtbare Plage, dort Mittel zu erlangen, wo 




Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 277 

nichts ist. Die Pfleger greifen daher oft zu den verschiedensten Auswegen, um 
Familien loszuwerden, geben ihnen zum Beispiel die Umzugskosten und Wohnungs¬ 
geld für den ersten Monat. Aus meiner Praxis ist mir auch ein Fall bekannt, 
daß ein Leiter nur aus dem Grunde entlassen wurde, weil er nicht genügend 
Mittel zusammenbetteln konnte. Im Bureau arbeiten mehrere bezahlte Beamte, 
wöchentlich versammelt sich die Distrikts Versammlung, welche unter dem Vor¬ 
sitz einer verständigen Persönlichkeit über den in einzelnen Fällen einzuschlagenden 
Weg entscheidet, sowie die Höhe der Unterstützung festsetzt. Mitglied dieser 
Versammlung kann ein jeder werden, der in den Bezirk gehört oder dort ge¬ 
schäftlich zu tun hat, die Bewohner der Settlements, Probationsofficers, Kranken¬ 
schwestern, Lehrerinnen und Geistliche, Geschäftsleute und Polizisten. Angehörige 
aller Bassen und Konfessionen waren vertreten oder arbeiteten mit den Bureaus 
wenigstens Hand in Hand. Für die Beamten, die sich um die Kinder kümmern 
mußten, war dies Bureau eine Art von Clearing house geworden, man fand im 
allgemeinen dort recht brauchbare, ziemlich eingehende Berichte über bestimmte 
Familien vor und konnte in besonders schwierigen Fällen der Hilfe und Unter¬ 
stützung des Leiters sicher sein. In dringenden Fällen waren die einzelnen 
Besucher des Bureaus in der Lage, aus ihren Mitteln Ausgaben für Lebensmittel 
und Kohlen zu machen, die ihnen vom Bureau erstattet wurden. Das den Leitern 
in C. vorschwebende System ist das Elberfelder System, in der Wirklichkeit ist 
aber die ganze Organisation noch weit davon entfernt. Eins möchte ich besonders 
betonen, es wird ziemlich schnell gearbeitet, natürlich auch weniger genau, aber 
tatsächlich wird Ersprießliches geleistet. Das Elend ist ganz entsetzlich, wieder¬ 
holt habe ich nicht nur Kinder sondern auch Erwachsene gesehen, die sich 
Speisereste aus den Mülleimern in unserer armen Gegend heraussuchten oder 
Brotrinden den Pferden aus der Krippe fortnahmen. 

Sitzung vom 26. März 1908. 

Vorsitzender: Herr May et. Schriftführer: K. Lennhoff. 

Herr P. May et trägt vor über „Konzeptionsbeschränkung und Staat“. 
Für den größten Teil Deutschlands trifft die Behauptung: hohe Geburtenzahl 
gehe mit großer Säuglingssterblichkeit, niedere mit niedriger einher, nicht zu. 
Hat nun das Deutsche Keich wirklich ein Interesse daran, seine deutsche Be¬ 
völkerung, die schon die Tendenz niederer Geburtshäufigkeit hat, durch Ver¬ 
breitung der künstlichen Beschränkung der Fruchtbarkeit weiter zu mindern, damit 
die prolifere Masse der deutschen Polen mit den hinter ihnen stehenden mehr als 
15 Millionen russischen und österreichischen Polen sich in immer stärkerem Strome 
in alle deutschen Gaue ergieße? Dieser Gesichtspunkt der Behauptung der eigenen 
Nationalität spricht auch in anderen Staaten mit und drängt den Staat zur 
Gegnerschaft gegen die künstliche Beschränkung der Empfängnis: England wird 
immer mehr und mehr von den Iren durchsetzt, Frankreich von Fremden, und 
Roosevelt hat einen beweglichen Warnungsruf erhoben gegen den Selbstmord der 
weißen Rasse zugunsten einer Negrisierung Amerikas. K. Hamburger erhofft 
von seinem beschränkenden Konzeptionssystem eine Verbesserung der Rasse. 
Dabei will er den Kinderzuwachs in den Ehen beschränkt wissen. Er rechnet 
aber weiter auf die gleiche Anzahl Überlebender aus unehelichen Verhält¬ 
nissen; er setzt für Eheliche und Uneheliche zusammen, je nach dem angenom¬ 
menen „Konzeptionssystem“ den Zuwachs der das 16. Lebensjahr Überlebenden 
bei dem 3-Konzeptionssystem auf etwa ein Zehntel der jetzigen Zahl für Deutsch- 




278 Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 

land, nämlich auf 120000, herab, bei dem 4-Konzeptionssystem auf jährlich 
rund 400000 Überlebende. Da bekanntlich die unehelichen Kinder unter beson¬ 
ders ungünstigen hygienischen Verhältnissen zu leiden haben, so bedeutet die 
Herabsetzung der ehelichen Kinderzahl bei gleichbleibender unehelicher ein ver¬ 
hältnismäßig stärkeres Überwiegen hygienisch benachteiligter Existenzen gegen¬ 
über dem jetzigen Zustande. Bei dem 3-Konzeptionssystem rechnet Hamburger 
auf: 80000 eheliche und 40030 uneheliche Überlebende, bei dem 4-Konzeptions- 
system auf 360000 eheliche und 40000 uneheliche Überlebende, gegenüber jetzt 
1160000 ehelichen und 40000 unehelichen Überlebenden, Überlebende stets in 
dem Sinne der mit 16 Jahren noch Lebenden aufgefaßt. Das verhältnismäßig 
stärkere Auftreten überlebender unehelicher Kinder wäre keine Verbesserung der 
Kasse. Herrn Hamburger erscheint der Einwand, der Geburtenrückgang in 
Deutschland sei schon jetzt ein gefahrdrohender, und die weitere Ein¬ 
schränkung der Konzeption daher doppelt zu widerraten, durch nichts begründet, 
der tatsächliche Geburtenrückgang Deutschlands werde durch den Sterblichkeits¬ 
rückgang mehr als ausgeglichen. Wie verhält es sich nun damit? Der Geburten¬ 
rückgang ist in den Städten viel erheblicher als auf dem Lande, und zwar so 
erheblich und rapid, daß er schon jetzt nur der künstlichen, willkürlichen Be¬ 
fruchtungsverhinderung zugeschrieben werden kann. Auf dem platten Lande ist 
die Geburtenabnahme kaum zu spüren, die Geburtenzahl liegt bei 40 auf je 1000 
Einwohner, bei der Gesamtheit der Gemeinden mit mehr als 2000 Einwohnern 
aber ist sie recht merklich; sie sinken hier von 38,6 in 1867/70 auf 33,3 in 1902. 
Die Abnahme wächst mit der Größe der Städte. Nehmen wir das Beispiel Berlins. 
Hier kamen auf je 1000 Ehefrauen in all den Jahren von 1856—1880 (mit 
einziger Ausnahme des Kriegsjahres 1871) stets mehr als 200 Geburten. In den 
4 Jahren nach dem Kriege 1872—1875 liegt für die Periode 1851—1905 der 
Höhepunkt der Eheschließungen im Deutschen Reich: 10,3, 10,0, 9,5, 9,1, 
auf 1000 Einwohner; offenbar unter dem Einfluß des überstandenen Krieges, der 
Hochkonjunktur und der Milliardenzahlung und der Einführung der standesamt¬ 
lichen Eheschließung. 

Der Höhepunkt der Geburtenhäufigkeit lag im Reich, wie in Berlin, 
im Jahre 1876 in Berlin mit 240 Geburten auf 1000 Berliner Ehefrauen. Dann 
sinkt die Geburtenhäufigkeit mit erschreckender Regelmäßigkeit von Jahr zu 
Jahr auf 110 im Jahre 1905, also auf weit weniger als die Hälfte. Das ist eine 
ziemlich allgemeine städtische Erscheinung. In Barmen betrug die Zahl der 
lebendgeborenen Kinder auf 1000 Einwohner im Jahre 1875 46, im Jahre 1876 
48, und von da ab sinkt sie mit großer Regelmäßigkeit auf 31 in, jedem der 
Jahre 1903, 1904, 1905, also auch um mehr als ein Drittel. Im Stadtdirektions¬ 
bezirk Stuttgart kommen auf 1000 Einwohner in den Jahren 1872—1875 durch¬ 
schnittlich 45 Geborene, 1906 nur noch 29. Hier beträgt der Verlust mehr als 
ein Drittel. Ebenso im übrigen Deutschland. In München geht die jährliche 
Geburtsziffer vom Jahre 1877 an bis zum Jahre 1906 ungefähr ebenso herab, in¬ 
dem sie von 46 auf 30 fällt. Es ist gar kein Grund abzusehen, warum die Ent¬ 
wicklung nun hier plötzlich Halt machen sollte, warum die Verminderung der 
Geburten nicht noch eine viel weitergehende werden sollte, namentlich wenn sie 
noch energischer von achtungswerter Seite empfohlen wird. Ist die eheliche 
Fruchtbarkeit in 30 Jahren von 240 auf 110 in Berlin zurückgegangen, so ist 
gar nicht abzusehen, warum sie in den nächsten 30 Jahren nicht von 110 auf 50 
fallen sollte! Die Zahl der Geburten läßt sich künstlich auf eine ganz unbe- 




Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 279 

trächtliche Zahl herabdrücken; die Sterblichkeitsziffer ist ihrerseits allerdings 
auch stark gesunken, aber der Tod läßt sich nicht willkürlich ausmerzen. Das 
Herabgehen der Sterblichkeitsziffer hat seine engen Grenzen. Darin liegt die 
Gefahr. Noch ist sie allerdings nicht realisiert, denn der Geburtenüberschuß 
im Reiche betrug 1876: 14,6, 1905: 13,2 per Mille. Es ist kein Grund abzusehen, 
warum Deutschland nicht seinen Geburtenüberschuß verlieren und auf den Stand¬ 
punkt Frankreichs gelangen sollte, w r o sich die französische eingeborene Bevölke¬ 
rung knapp konstant erhält. Diese Befürchtung ist um so begründeter, als die 
städtische Bevölkerung in Deutschland eine von Jahr zu Jahr größere Rolle spielt. 

Nach den kürzlich veröffentlichten Einzelergebnissen der letzten Volkszählung 
vom 1. Dezember 1905 wohnten von den 60,6 Millionen Bewohnern des Deutschen 
Reichs nur noch 25,8 Millionen oder 42,6 Proz. in Gemeinden mit weniger als 
2000 Einwohnern auf 34,8 Millionen oder 57,4 Proz. in Gemeinden mit 
mehr als als 2000 Einwohnern. Von Zählung zu Zählung zeigt die 
städtische Bevölkerung der Gemeinden mit mehr als 2000 Bewohnern einen 
größeren Prozentanteil an der Gesamtbevölkerung. 1871 machte sie nur 36 Proz. 
aus, 1880 5 Proz. mehr, nämlich 41 Proz., 1890 wieder 6 Proz. mehr, nämlich 47, 
1900 7 Proz. mehr, nämlich 54 Proz., um in den fünf Jahren bis 1905 um 3 Proz. 
auf die bereits genannten 57,4 Proz. zu steigen. 

Ob die verhältnismäßig größere Austilgung des Nachwuchses der städtischen 
Bevölkerung gegenüber des der ländlichen als Rassenveredelung aufgefaßt w r erden 
kann, ist fraglich und sehr diskutabel. Es mögen wohl konstitutionell kräftigere 
Individuen vom Lande her dem Volke zugeführt werden, aber es werden wahr¬ 
scheinlich durch diese freiwillige Befruchtungsbeschränkung der städtischen Be¬ 
völkerung weniger cerebral hochentwickelte Individuen dem Volksganzen zugeführt. 
Nehmen Sie z. B. die Beschädigung, die das Judentum, bei welchem die 
künstliche Beschränkung der Kinderzahl besonders stark um sich gegriffen hat, 
sich selbst und dem Volksganzen zufügt. Heinrich Singer stellt darüber in 
seiner „Allgemeinen und speziellen Krankheitslehre der Juden“ folgende Be¬ 
rechnung auf. Er vergleicht für Preußen für die Gesamtbevölkerung und für 
die jüdischen Vollehen den Quotienten: Zahl der ehelich geborenen Kinder divi¬ 
diert durch die Zahl der neuen Eheschließungen des betreffenden Jahres. Er 
findet, daß der Quotient für die Gesamtbevölkerung von 4,6 auf 4,2 in den 20 
Jahren von 1881—1901 sinkt, für die jüdischen Vollehen aber von ungefähr 
demselben Ausgangspunkt 4,6 auf 2,8. Für dieselbe Berechnungsart sank in 
Berlin bei den jüdischen Vollehen der genannte Quotient in den genannten 20 
Jahren von 4,2 auf 2,4 Geburten. „Der traditionelle Kinderreichtum der jüdischen 
Mütter gehört der Vergangenheit an. Das prophetische Wort: ,.Seid fruchtbar 
und mehret euch!“ scheint seine Kraft verloren zu haben.“ Von 1881—1901 ging 
(s. Singer, S. 62 und 63) die Geburtenziffer der gesamten preußischen Bevölke¬ 
rung nur von 39 auf 38 herab, die der jüdischen Bevölkerung von 30 auf 19. 
Infolgedessen hat sich der Prozentanteil der jüdischen Bevölkerung an der all¬ 
gemeinen Bevölkerung Preußens in den 30 Jahren von 1871—1901 von 1,3 Proz. 
auf 1,1 Proz. erniedrigt. 

Gegen die von Herrn K. Hamburger angenommene Rassenveredelung 
durch Beschränkung der Fruchtbarkeit spricht wohl auch folgendes: Wird eine 
größere Kinderzahl künstlich abgeschnitten, so spielen die Zahlen der erstgeborenen 
Kinder eine größere Rolle in der Masse der Überlebenden. Die erste Geburt ist 
aber bekanntlich stärker gefährdet und konstitutionell schwächer als die folgenden. 




280 A 11S der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 

Chr. Anseil jun. hat an der Hand eines umfangreichen Materials von über 
einer Million Geburten berechnet, daß von je 1000 Geborenen totgeboren waren; 
erste Kinder 3S, zweite Kinder 20, dritte Kinder 15, bei den folgenden Kindern 
steigt die Zahl der Totgeburten (wahrscheinlich weil sie willkürlich erhöht wird) 
beim vierten bis sechsten auf 17 per Mille, beim siebenten und späteren Kindern 
auf 20 per Mille, aber doch bei weitem nicht auf die 38 per Mille der ersten 
Kinder. Es dürfte der Analogieschluß naheliegen, daß die ersten Kinder überhaupt 
durchschnittlich schwächlicher als die späteren sind. Für die Sterblichkeit in 
den oberen Bevölkerungsklassen liefert An seil jun. selber den Beweis. Nach 
ihm starben von 1000 Lebendgeborenen im ersten Lebensjahre: erste Kinder 
8,2 Proz., zweite Kinder 7 Proz., dritte Kinder 6,9 Proz. Ebenso wie bei den 
Totgeburten sinkt aber vom vierten Kind an die Sterblichkeit nicht weiter, son¬ 
dern steigt bei den höher gebürtigen Kindern; sie beträgt bei den vierten bis 
sechsten Kinder 7.8 Proz., bei den siebenten und späteren Kindern 9,7 Proz., 
welche letztere Tatsachen im Grundzug mit dem von Herrn Hamburger ge- 
gelieferten Material übereinstimmen. Herr Schön heim er berief sich dafür, daß 
die später geborenen Früchte in der Größe, dem Gewicht, dem Schädelumfang, 
kurz und gut, durch den ganzen Habitus den früher geborenen überlegen seien, 
auf statistische Nachweisurigen von Schröder, Fasbender, Balzer u. a. 

Aus den vorgenannten vier Gründen — Gefahr der Polonisierung, Gefahr 
des Bevölkerungsstillstandes oder selbst Rückganges, Gefahr der Beschränkung 
des Anteils der cerebral etwas feiner differenzierten Kräfte der Bevölkerung, 
Vermehrung des verhältnismäßigen Anteils der schwächlicheren Erstgeburten 
an der Gesamtbevölkerung — aus diesen vier Gründen bezweifle ich, daß es so 
klipp und klar im Interesse des Staates liegen solle, die Fruchtbarkeit künstlich 
mehr beschränkt zu sehen. 

Von einschneidender Bedeutung für die Stellungnahme in der Frage der 
Konzeptionsbeschränkung, ist die Stellungnahme in der Frage des Einflusses der 
Bruststillung auf Säuglingssterblichkeit und Intervall der Geburten. Zu der Be¬ 
merkung Hamburger’s, daß zweifellos das Flaschenkind aus reichem Hause 
eine bessore Lebenserwartung vorfindet als das Brustkind in acht- oder zehn¬ 
köpfiger Arbeiterfamilie, kann ich der Sterblichkeit der Flaschenkinder ver¬ 
mögender Leute nun zwar nicht gerade eine Gruppe von Brustkindern aus acht- 
und zehnköpfigen Arbeiterfamilien gegenüberstellen. Ohne Unterscheidung nach 
der Kinderzahl, bloß bei der Berücksichtigung der zwei Momente, des Ein¬ 
kommens der Väter und der Ernährung der Säuglinge, zeigt sich doch aber eine 
so erhebliche Begünstigung der Brustkinder armer Leute gegenüber den Flaschen¬ 
kindern vermögender Kreise, daß sich selbst für acht- bis zehnköpfige Arbeiter¬ 
familien bei Brusternährung die Sterblichkeits- und Gesundheitsverhältnisse viel¬ 
leicht doch zugunsten der armen Brustkinder gegenüber den vermögenden 
Flaschenkindern stellen. Nach Kriege und Seutemann stellte sich die Säug¬ 
lingssterblichkeit bei den Brustkindern von Vätern, die bis 1500 M. Einkommen 
hatten, auf nur 6,8 Proz., sie war etwas günstiger bei den Brustsäuglingen der 
Väter mit mehr als 1500 M. Einkommen, denn von diesen Säuglingen starben 
nur 6 Proz. Bei den Flaschenkindern der vermögenden Väter mit mehr als 
1500 Einkommen betrug die Sterblichkeit aber 11,1 Proz., das ist fast das 
Doppelte der Sterblichkeit der Brustkinder der ärmeren Volksklassen. Die 
Flaschenkinder der ärmeren Kreise sind natürlich die am meisten benachteiligten, 
sie zeigen eine Sterblichkeit von 24 Proz.; aber darauf kommt es ja hier nicht 




Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 281 

an. Hier war nur zu zeigen, daß die Brusternährung auch die Folgen sozial 
ungünstiger Stellung überwindet. Dasselbe hat sich in auffallendster Weise 
neuerdings in Königsberg gezeigt. Hier ist jetzt die Aufsicht der Ziehkinder 
durch die Polizei unter Beihilfe von 4 Damen eingeführt. Von ca. 800 beauf¬ 
sichtigten Kindern wurden nach Dr. med. Louis Ascher 262 länger als 4 
Wochen gestillt. Von letzteren starben nur 4,6 Proz., während die uneheliche 
Säuglingssterblichkeit in Königsberg im gleichen Jahr 60,9 Proz., die ehelichen 
16,3 Proz., die Säuglingssterblichkeit im allgemeinen Durchschnitt 18,5 Proz. be¬ 
trug. Arme uneheliche Brustsäuglinge sterben dort also nur y 4 soviel, als wie 
irgendwie ernährte Säuglinge aller sozialer Schichten überhaupt und nur 
V 7 so häufig als dort uneheliche Säuglinge überhaupt. Herr Hamburger hat 
mit der allgemeinen Behauptung, daß die Aufbringung einer fünf und mehr 
Köpfe zählenden Kinderschar die wirtschaftlichen Kräfte der Arbeiterfamilien 
übersteige, in dieser Allgemeinheit nach meiner Überzeugung unrecht. Erst 
kürzlich empfing ich aus Leipzig den Brief einer armen Heimarbeiterin, die mir 
mit Stolz von ihren fünf Kindern und deren Fortkommen im Leben erzählt und 
deren Tüchtigkeit auf das von ihr geübte fünfvierteljährige Stillen zu¬ 
rückführt. Bei der Beurteilung einer großen Kinderzahl kommt es wesentlich 
auf die Zwischenräume an, in denen die Kinder eintreffen. Liegen zwischen den 
einzelnen Kindern mehrere Jahre, so hat sich die Konstitution der Mutter wieder 
gekräftigt, bei dem Eintreffen der jüngsten Kinder sind die älteren schon im¬ 
stande, auf die jüngsten Geschwister Obacht zu geben und bei ihrer Pflege mit¬ 
zuwirken, oft auch imstande, selbst schon zu dem Familieneinkommen beizutragen. 
Hier ist der Umstand sehr wesentlich, daß die verlängerte Stillung die Kon¬ 
zeption, wenn auch nicht völlig verhindert, so doch in sehr erheblichem Maße 
beschränkt. Ich kann Herrn Dr. Schön heim er, der diese Beschränkung einen 
„Aberglauben“ nannte, nicht beipflichten. Selbst statistisch ist die durch Brust¬ 
stillung eintretende Verlängerung des Zwischenraums zwischen den Konzeptionen 
erwiesen. Geißler 1 ) drückt den ursächlichen Zusammenhang der von ihm und 
seinen Vorgängern (Göhlert und Ans eil) auf gefundenen Zahlenverhältnisse 
über die Intervalle zwischen den Geburten in folgenden Worten aus: „Der Ein¬ 
fluß des Stillens oder Nichtstillens der Kinder auf die rasche oder langsame 
Wiederholung der Geburten ist ganz unverkennbar.“ Geißler fand nämlich 
den Durchschnittswert 2 l / 4 Jahre als Intervall von zwei aufeinanderfolgenden 
Geburten für den Fall, daß das vorhergegangene Kind am Leben geblieben und 
ein Intervall von nur 1,71 Jahren, wenn es bald wieder verstorben war. Die 
Verlängerung des Intervalls betrug also mehr als ein halbes Jahr, wie er an¬ 
nimmt durch die meist vorgenommene und erforderlich gewesene Bruststillung 
beim Lebenbleiben des Kindes. Geißler sagt daher 2 ): „Gelänge es, die Sterb¬ 
lichkeit der Säuglinge dadurch zu vermindern, daß man die Mutter in die Mög¬ 
lichkeit der Selbsternährung ihrer Kinder setzt, so würde die Anhäufung der 
Kinderzahl ganz ohne weiteres Zutun von selbst verschwinden.“ Zwar ist das 
Bruststillen kein unbedingt sicheres Mittel gegen die Befruchtung, weil bei 


*) Zitiert bei Max Seiffert, Über die kulturelle und soziale Bedeutung 
der Kindersterblichkeit“, in Alfred von Lind heims „Saluti juventutis“, Leipzig 
und Wien, bei Franz Deuticke. 

2 ) Zitiert von W. Weinberg in „Der Einfluß des Stillens auf Menstruation 
und Befruchtung“, Zeitschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie, Band I, Heft 1. 





282 Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 

einem gewissen Prozentsatz der Frauen die Menstruation trotz des Stillens früh¬ 
zeitig einsetzt. Den Unterschied zeigt folgendes: Nach L. Mayer trat die Men- 
struation bei den Nicht Stil len den in 79 Proz. der Fälle nach 6 Wochen ein, 
bei den Stillenden aber nur in 23 Proz. der Fälle. Eine ähnliche Zahl gibt 
Weinberg. Nach ihm tritt die Menstruation stillender Frauen nach 6 Wochen 
bei 19 Proz., nach 26 Wochen bei 29 Proz., nach 52 Wochen bei 51 Proz. der 
Frauen ein. Nur während des Ausbleibens der Kegel kommt ein Einfluß des 
Stillens auf die Konzeption in Frage. Immerhin ist es doch wichtig, daß Wein¬ 
berg mit Wahrscheinlichkeitsrechnung feststellt, daß im ersten Halbjahr 
nach der Geburt die Konzeption bei Stillenden 50mal seltener war 
als bei Nichtstillenden. Damit sei bewiesen, daß dem Volksglauben eine 
Tatsache zugrunde liegt. 

Bereits im Jahre 1882 habe ich in meiner „Japanischen Bevölkerungsstatistik“ 
die vorliegende Frage der Beeinflussung des Intervalls zAvischen den Geburten 
durch die Laktation mit folgenden Worten behandelt: „Die Landschaften Hida 
und Dew r a und wahrscheinlich noch manche anderen befolgen das Dreikinder¬ 
system. Dennoch wird wohl jeder Kenner des japanischen Volkslebens mit mir 
darin einig sein, daß jene künstlichen Herabminderungen der Geburtenzahl keine 
sehr umfangreiche Bolle spielen, daß aber ohne jede solche Beeinflussung kinder¬ 
reiche japanische Familien sehr selten sind und sich die Kinder nur in mehr¬ 
jährigen Abständen zu folgen pflegen. Welcher Umstand band Japan, trotzdem 
sich in der Neuzeit die Menschenproduktion dort ganz bedeutend gegen früher 
gehoben hat, dennoch an den letzten Platz der Vermehrungsreihe? Ich glaube, 
die allgemeine Sitte der drei- bis sechsjährigen Laktationsperiode seiner Frauen. 
Es scheint die Nachahmung einer altchinesischen Sitte zu sein. Confucius be¬ 
fiehlt, drei Jahre für die Eltern zu trauern, „denn wir sind drei Jahre von unseren 
Eltern genährt worden.“ Freilich verletzt es das ästhetische Gefühl des Neu¬ 
ankömmlings in diesem Lande, einen sechsjährigen Schlingel zu seiner Mutter 
laufen und ohne viel Umstände ihre Brust herausholen zu sehen, um zwischen 
seinen Spielen sich mit einigen Schluck Muttermilch zu stärken. Wir sind es 
ungewohnt und finden es abstoßend. Erinnern wir uns aber, daß es eine ganze 
Schule der schnellen Volks Vermehrung gegenüber ratloser Volkswirte und Politiker 
gibt, die der neumalthusianistischen Richtung huldigen und entweder offen oder 
verblümt unsittliche Praktiken oder in unwirksamer W 7 eise der großen Masse 
eine, wenn sie sittlich bleiben soll, fast ans Unmögliche grenzende Selbst¬ 
beherrschung anempfehlen, so müssen wir bekennen, daß die Befolgung dieser 
Ratschläge unendlich viel unästhetischer ist. Ein ernster Volkswirt darf weder 
Unmögliches noch Unsittliches empfehlen. In einem Falle nützt er nicht, im 
anderen schadet er mehr als er nützt. Nur ein vollkommen sittliches Mittel, eine 
überschnelle Volksvermehrung zu hemmen, gibt es : Die Verlängerung der Lak¬ 
tationsperiode der Frauen. Sie mindert die Empfängnisse, mindert die Kinder¬ 
sterblichkeit und erzeugt vermehrte Liebe im W^eibe zu ihrem Kinde, im Kinde 
zur Mutter. Wer dieses zur Minderung der Geburtenzahl „dem Proletarier“ an¬ 
empfiehlt, schädigt nicht, sondern hebt die Sittlichkeit. In Plato’s Staat bestimmt 
die Regierung die Paarung, in Hamburger’s soll sie bei den sich Paarenden 
die Konzeptionszahl bestimmen. Wie das geschehen könne, bleibt aber dunkel. 
In der Tat sagt Hamburger:. „An einer „maßvollen“ Beschränkung der 
Konzeptionszahl habe außer der Familie auch der Staat ein Interesse, der die 
Kräfte der Nation nicht für Fehlgeburten, Totgeburten und für Kinder, die nicht 




Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 283 

einmal 16 Jahre alt werden, „vergeuden lassen kann“.“ Was kann denn der Staat 
auf diesem Gebiete tun? Ich kann mir nicht recht vorstellen, wie der Staat 
direkt oder indirekt ein bestimmtes „Konzeptionssystem“ der Beschränkung 
durchführen könne. Der ganze Gedanke eines Konzeptionssystems, welches eine 
durchschnittliche Kinderzahl zur Folge haben soll, scheint mir ein völlig 
unklarer zu sein. Eine durchschnittliche Zahl kommt doch nur dadurch 
zustande, daß eine große Anzahl Zahlen über dem Durchschnitt, eine andere 
unter dem Durchschnitt liegt. Welchen Ehepaaren will nun der Staat die über¬ 
durchschnittliche Konzeptionszahl zumuten und welchen die unterdurchschnittliche 
gebieten? Auf die Hamburger’sehen Berechnungen, ob man mit einem Vier¬ 
konzeptionssystem oder mit einem Dreikonzeptionssystem bessere Wirkungen er¬ 
ziele, lasse ich mich daher nicht ein. Ich halte das für eine unnütze Berechnung. 
Mit allen diesen Ausstellungen will ich der Hauptsache, wie ich mich zu der 
Frage der künstlichen Beschränkung der Konzeption stelle, nicht aus dem Wege 
gehen. Ich halte die Beschränkung der Empfängisse nur im Wege der mög¬ 
lichst verlängerten, tunlichst über 1 Jahr hinaus, sogar auf zwei und mehr Jahre 
ausgedehnten Bruststillung für eine natürliche und gesunde. Sie ist die 
Rückkehr zur Natur. Sie hat ihre Vorbilder bei ganzen Völkern, den Juden der 
alten Zeit, Chinesen, Japanern, den Mohammedanern, den Norwegern, Schweden 
und Iren. Bei unserer weiten Entfernung von den natürlichen 
Verhältnissen muß auch die künstliche Verhütung der Empfängnis eine ge¬ 
wisse Rolle spielen. Ich halte es erstens für durchaus berechtigt, daß der Arzt, 
und also auch der Schriftsteller, Ehepaaren oder außerehelich Liebenden die mög¬ 
lichste Verhinderung der Befruchtung empfiehlt, wenn einer der beiden Gatten 
an Tuberkulose, Syphilis, Tabes, Rückenmarkskrankheit, Trunksucht, Epilepsie, 
Hysterie, Neurasthenie, Paranoia, Lepra, Taubstummheit leidet. 

Aus altruistischem Grunde sollte bei Kohabitierenden mit einer der 
obigen Krankheiten die Beschränkung der Befruchtung als sittliches Gebot 
betrachtet werden. Die Zurückhaltung sollte aus dem humanen Gesichtspunkte 
erfolgen, daß man nicht Kindern das Leben geben dürfe, von denen mit der 
allergrößten Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, daß sie Keime des Unheils und 
des Unglücks für sich und für andere in sich tragen. So wird diese Gruppe von 
Konzeptionsbeschränkern zugleich der Anforderung gerecht, daß sie ihrerseits die 
Rasse nicht verschlechtern. Weniger einfach liegen die Verhältnisse für eine 
zweite Gruppe von Personen, für die außerehelichem Geschlechtsverkehr ob¬ 
liegenden. Da unter unseren gegenwärtigen sozialen Verhältnissen ein umfang¬ 
reicher außerehelicher Geschlechtsverkehr unausbleiblich und unausrottbar ist, so 
muß man sich mit ihm als einer Naturtatsache abfinden. Wir werden zu er¬ 
örtern haben, inwieweit hier eine: Beschränkung der Empfängnisse zu wünschen 
und ob und wie sie zu befördern ist. Verschaffen wir uns zunächst ein Bild von 
dem Umfang der in Betracht kommenden Verhältnisse. Schon seit langem geht 
die Zahl der unehelichen Geburten im Verhältnis zur Bevölkerung herab, wie aus 
der folgenden Tabelle ersichtlich. 




284 Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 


Bevölkerungszahl des Deutschen 
Reichs um die Mitte des Jahres 

in Tausenden 

Unehelich 

Geborene 

einschl. 

Totgeborene 

Auf 10 000 Einwohner kamen 
einschl. Totgeburten 

Unehelich Ehelich 

Geborene Geborene 

1851 

35 628 

158088 

44,4 

338 

1861 

38003 

171400 

45,1 

328 

1871 

40997 

144 394 

35;2 

324 

1881 

45 428 

158 454 

34,9 

350 

1891 

49 762 

172 456 

34,6 

347 

1901 

56 874 

179 683 

31,6 

337 

1905 

60 314 

174 494 

28,9 

311 


Im Jahre 1851 kamen auf 10000 Einwohner 44,4 uneheliche Geburten, im 
Jahre 1905 aber nur noch 28,9; ein Rückgang um ein Drittel. Die uneheliche 
Geburtenzahl ist viel stärker und schärfer gesunken als die eheliche, die in 
dieser Zeit von 338 auf 311 für 10000 Einwohner zurückging, 'also ungefähr um 
ein Zwölftel. Auch in dem scharfen Rückgang der unehelichen Geburten wird 
in der Hauptsache schon die eingetretene Wirkung der allgemeiner verbreiteten 
Kenntnis der Mittel der künstlichen Fruchtbarkeitsbeschränkung erblicken dürfen. 

Es wäre pharisäerisch, den armen Mädchen, Witwen und geschiedenen 
Frauen, welche sich dem außerehelichen Geschlechtsverkehr hingeben, die künst¬ 
liche Beschränkung der Befruchtung zu verdenken, wo den Millionen von Ehe¬ 
frauen in der ganzen Welt, die schon jetzt die Konzeptionsbeschränkung treiben, 
diese von ihren Ehemännern und von der öffentlichen Meinung im allgemeinen 
nachgesehen wird. Man bedenke nur, wie die Gesellschaft die unvorsichtigen 
ledigen Mütter drangsalisiert und mit Schimpf und Schande verfolgt. In der 
Kirche entfernt ihr als Braut der Priester den Myrrthenkranz vom Haupt, aus 
Dienststellungen wird sie entlassen, oft genug von Eltern, Verwandten und Be¬ 
kannten verleugnet. Ja, es könnte sogar die Frage aufgeworfen werden, ob man 
nicht aus altruistischen Gründen bei allen sich außerehelich Paarenden 
die künstliche Konzeptionsbeschränkung wünschen sollte. Das Schicksal der 
unehelichen Kinder pflegt im allgemeinen ein so unglückliches, elendes und 
schweres zu sein, und aus ihnen gehen so bedeutende Teile der Bevölkerung der 
Gefängnisse und der Irrenanstalten hervor, daß im allgemeinen Interesse die 
Herabminderung der Zahl der unehelich Geborenen liegt. Hier ist aber daran zu 
denken, daß in breiten Volkskreisen der außereheliche Verkehr dem ehelichen in 
der Weise vorangeht, daß, wenn ein Kind kommt, zur Ehe geschritten wird. In 
Berlin wurden in den 12 Jahren von 1893—1904 20450 uneheliche Kinder legi¬ 
timiert. In Prozenten der unehelich Geborenen schwankt die Jahreszahl zwischen 
20 und 24 Proz. 

Unter 100 ehelich Erstgeborenen waren vorehelich gezeugte in Berlin 
1894—95 39, in Dresden 1891—1905 43, in etwa 50 dänischen Sprengeln 1878 
bis 1882 44. In Bayern ist gegendenweis Volkssitte, daß der voreheliche Verkehr 
der Erprobung dient, ob Kinder kommen. Kommen keine, so wird selten zur Ehe 
geschritten. 

Nur bei einem Teil also der sich außerehelich Paarenden — es werden 
von seiten der Männer die frivoleren, leichtsinnigen, rücksichtsloseren, gewissen¬ 
loseren sein — ist die künstliche Beschränkung der Fruchtbarkeit in höherem 










Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 285 

Grade, als sie schon statt hat, zu wünschen. Der Staat kann diese hei diesem 
Teil der unehelichen Geburten nützliche Tendenz fördern, indem er die unehe¬ 
lichen Väter schärfer und sicherer als bisher zu den Entbindungs-, Wochen¬ 
bett- und Alimentationskosten heranzieht. Gerade in der vergangenen 
Woche hat die Dänische Zweite Kammer des Reichstags ein Gesetz angenommen, 
nach dem das uneheliche Kind gleiches Erbrecht gegenüber dem Vater haben 
soll, wie ein eheliches; nach dem die Alimentationsansprüche erhöht und aus 
öffentlichen Mitteln der Gemeinde jedenfalls sichergestellt werden, in gewissen 
Fällen soll die Schuldhaft gegen den Kindesvater, der sich böswillig seinen 
Verpflichtungen entzieht, angeordnet und eine Auswanderung gehindert 
werden können. Wahrscheinlich wird dies Gesetz auch von der Ersten Kammer 
mit unwesentlichen Änderungen angenommen werden. 

Die unverheiratete männliche Bevölkerung nur der Altersklassen 20—50 
Jahre zählt im Deutschen Reich mehr als i'/z Millionen Köpfe, die unverheiratete 
weibliche Bevölkerung nur der Altersklassen 18—45 Jahre zählt gegen 5 Milli¬ 
onen Köpfe. Man darf wohl als sicher annehmen, daß weit über 4 Millionen 
Männer den außerehelichen Geschlechtsverkehr pflegen. Oben gaben wir die 
Daten für Berlin, Dresden und 50 dänische ländliche Sprengel, die beweisen, 
daß mindestens die Hälfte, und wahrscheinlich auch, daß weit mehr als die 
Hälfte der Bräute vor der Eheschließung geschlechtlichen Verkehr gepflogen 
haben. Wie viele der 5 Millionen ledigen, verwitweten und geschiedenen Frauen 
im Alter von 18—45 Jahren mögen ihm obliegen? Geht in Berlin aus je 9 Ehe¬ 
paaren jährlich 1 Kind hervor, so wird man für jedes uneheliche Kind doch 
mindestens 12 außerehelichen Geschlechtsverkehr pflegende weibliche Personen 
annehmen dürfen, wegen der viel größeren Vorsicht der Ledigen usw. vor der 
Schwängerung. Da gegen 175000 uneheliche Kinder jährlich geboren werden, 
ließe dieses auf mindestens 2 Millionen außerehelichen Geschlechtsverkehr pflegende 
Mädchen und Frauen schließen. Sind ca. 4 Millionen Männer und ca. 2 Millionen 
Mädchen und Frauen am außerehelichen Geschlechtsverkehr in Deutschland be¬ 
teiligt, so würde der Staat höchst unweise handeln, wenn er den Verkauf der 
Präventivmittel unterbinden und verfolgen wollte und ihn mit Nachdruck unmög¬ 
lich zu machen suchen würde. Die Zahl der unehelichen Geburten bei solchen, 
die trotz jener nicht zur Ehe schreiten wollen oder können, würde — wenn der 
Staat wirksam zugreifen wollte und könnte — ungeheuerlich steigen, die 
Armenpflege würde überlastet werden und der Mehrbau von Gefängnissen und 
Irrenhäusern schwere Lasten auferlegen. Der Staat bescheidet sich daher; er 
verfolgt den Verkauf und die Abgabe der Präventivmittel nicht und stellt sie 
nicht unter Strafe. 

Andererseits sagen die §§ 7 und 12 des neuerdings vom Reichsamt des 
Innern veröffentlichen und damit zur allgemeinen Erörterung gestellten „Vor¬ 
läufigen Entwurfs eines Gesetzes betreffend die Ausübung der Heilkunde durch 
nichtapprobierte Personen und den Geheimmittelverkehr“: „§ 7. Mit Gefängnis 
bis zu sechs Monaten und mit Geldstrafe bis zu eintausendfünfhundert Mark oder 
mit einer von diesen Strafen wird bestraft, ... 2. wer öffentlich ankündigt oder 
anpreist Mittel, Gegenstände oder Verfahren, die . . . zur Verhütung der Emp¬ 
fängnis . . . dienen sollen . . „Die Vorschriften unter Nr. 2 . . . finden keine 
Anwendung, soweit die Ankündigung oder Anpreisung in ärztlichen, tierärztlichen 
oder pharmazeutischen Fachschriften erfolgt.“ „§'12. Der öffentlichen Ankündi¬ 
gung oder Anpreisung im Sinne dieses Gesetzes wird die Verbreitung von Emp- 




286 Alis der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 

fehlungen, Erfolgbestätigungen, gutachtlichen Äußerungen, Danksagungen und 
ähnlichen Mitteilungen in einem größeren Kreise von Personen gleichgeachtet.“ 
Jedenfalls ist die Fassung „Ankündigung oder Anpreisung in ärztlichen, tier¬ 
ärztlichen oder pharmazeutischen Fachschriften“ zu eng. Daraufhin hätte sich 
einer unserer berühmtesten und allgemein hochverehrtesten Nationalökonomen, 
Neu-Malthusianer, der in einer seiner Schriften volksbeglückend den besten 
Apparat zur Verhütung der Empfängnisse beschreibt, abbildet, seinen Gebrauch 
den Frauen erläutert, Bezugsquelle und Preis angibt, sicher nach § 7 strafbar 
gemacht, denn seine Schrift ist weder ärztlich, tierärztlich noch pharmazeutisch, 
sondern nationalökonomisch. Auch die Fassung „ähnliche Mitteilungen in einem 
größeren Kreise von Personen“ ist so weit, daß daraufhin wissenschaftliche Vor¬ 
träge sogar in medizinischen Vereinen oder Kollegvorlesungen vor Studenten 
verfolgt werden könnten. Zu bedenken ist ferner, daß die Präventivmittel auch 
eine maßgebende Bolle in der Bekämpfung der Ausbreitung der Geschlechtskrank¬ 
heiten zu spielen haben. Werden die oben bezeichneten beiden Paragraphen 
Gesetz, so werden sie mehr Schaden als Nutzen stiften. 

Herr Hamburger hat seine Betrachtung auf eine dritte Gruppe von 
Fällen eingeengt, indem er nur über die Frage der Konzeptionsbeschränkung in 
Arbeiterkreisen sprach. Aus den edelsten Motiven treten und sind in der 
Vergangenheit eingetreten sowohl in Deutschland als im Ausland hervorragende 
Männer und Frauen für dieses Mittel als ein Mittel der Volksbeglückung. Ich 
nenne nur beispielsweise die Namen von John Stuart Mill, Schäffle, Bümelin, 
Adolf Wagner, Anni Besant, Bradlaugh, Frieda Steenhof u. a. Trotzdem erhebe 
ich Einspruch. 

Die Statistik Hamburger’s beweist, daß mit der häheren Kinderzahl Tot¬ 
geburten, Fehlgeburten, Frühgeburten, Säuglingssterblichkeit und Kindersterblich¬ 
keit steigen, so daß die Zahl der Überlebenden, in seinem Sinne gesprochen, der 
das Iß. Lebensjahr Beendenden immer kleiner wird. Wesentlich dasselbe hat 
früher die Statistik Geißler’s bei Bergmannsfamilien bewiesen. Ich kann Herrn 
Hamburger zustimmen, wenn er sagt, die Sprache, welche seine Tabellen 
führen, sei eine furchtbare. Trotz aller kritischen Bemängelungen und Aus¬ 
stellungen, welche berechtigterweise von den verschiedenen Herren Vorrednern 
gemacht worden sind, scheint mir doch das Hauptresultat Hamburger’s auf¬ 
rechtstehend zu bleiben, daß jede Steigerung der Geburten in unseren Arbeiter¬ 
familien die Verlustziffer prozentual in die Höhe treibt und um so teurer für 
Staat und Familie jeder einzelne Überlebende zu stehen kommt, daß eine wahre 
Gut- und Blutsteuer durch den sogenannten Kindersegen von den Arbeiterfamilien 
erhoben werde, daß am meisten unter ihm die Arbeiterfrauen leiden, diese ge- 
quältesten von allen Geschöpfen, welche mühselig und beladen sind. Er hat 
recht, daß sechsmalige Konzeptionen in sechsjähriger, zwölfmalige in zehn- bis 
zwölf jähriger Ehe traurige Erscheinungen sind und eine geringere Konzeptions¬ 
zahl eine weit rationellere wäre. Aber er hat meines Erachtens nicht recht, diese 
in der künstlichen Beschränkung der Befruchtung zu suchen. Sechsmalige Kon¬ 
zeption in sechs Jahren, zwölfmalige in zehn Jahren kann aber gar nicht vor- 
kummen, wenn zu dem natürlichen und die Wiedererstarkung der 
Frau nach der Geburt fördernden Mittel gegriffen wird: zu einer 
zeitlich möglichst weit ausge dehnten Bruststillung. Kückkehr 
zur Natur ist so oft gepredigt worden, Kückkehr zur Natur heißt die Panacee 
bei dem allernatürlichsten Vorgang, dem der Geburten. Den Gedanken Ham- 




Aus der Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 287 

burger’s, daß der Staat nicht das Familiengut und das eigene Blut der Frauen 
der unbemittelten Kreise in unnützen Geburten „vergeuden lassen“ dürfe, halte 
ich für richtig. Der Staat sollte sich in seiner Bevölkerungspolitik von diesem 
Grundsatz leiten lassen. Hamburger sagt nur nicht, wie der Staat Vorgehen 
solle und könne. Ich habe es in dieser Gesellschaft schon vor mehreren Jahren 
ausgesprochen, daß der Staat ein eminentes Interesse an der Förde¬ 
rung der lang dauernden Brust Stillung habe. Praktisch kann der Staat 
diese Förderung erweisen durch Einführung der obligatorischen Mutter¬ 
schaftsversicherung in die soziale Versicherung und ihre Ausstattung mit 
ausgiebigen Leistungen, insbesondere mit Stillprämien; zahlbar an Mütter, die 
drei Monate, sechs Monate, zwölf Monate ihr Kind gestillt haben. Das ist nicht 
der einzige Punkt, in dem sich die Frage der Bevölkerungspolitik des 
Staates mit der Frage der Konzeptionsbeschränkung in den unbemittelten Volks¬ 
kreisen berührt. Wer es unternimmt, trotzdem er so leicht dem entgehen könnte, 
eine kinderreiche Familie aufzubringen, wo es so leicht ist, sich vor diesen harten 
Anstrengungen und grausamen Lasten zu hüten, der beweist eine Handlungs¬ 
weise, die der Staat und die Gesellschaft anerkennen und erleichtern müßte. In 
der Praxis aber wird kinderreichen Familien das Leben in allen Richtungen 
schwer gemacht. Die Salzsteuer und Nahrungszölle erheben von kinderreichen 
Familien einen schweren Kopf zoll. Zölle mög^n ja für das Wohlergehen 
der Landwirsch aft in der Tat notwendig sein, dann müßten ihnen 
aber jedenfalls in anderen staatlichen Maßregeln ausreichende 
Kompensation gegenüberstehen; sonst wirken sie gerade für die be¬ 
sonders verderblich, welche in naiver Unbefangenheit oder von religiösen oder 
sittlichen Anschauungen geleitet sich mit einer großen Kinderzahl das Leben so 
wie so schon schwer machen. Wie wenig Staat und Gesellschaft Rücksicht üben, 
dafür lassen Sie mich an einigen Vorkommnissen aus der letzten Zeit Beweise geben. 

Die Einigung der Bergknappen des Ruhrbezirks mit den Bergwerksbesitzern 
scheiterte jüngst wegen der Aufhebung der altherkömmlichen an die Berg¬ 
invaliden zu zahlenden Kindergelder. Dabei ist die Zahlung von Kinder¬ 
geldern eine so außerordentlich gerechte und heilsame Maßregel, daß sie 
geradezu eine bedeutende Rolle in der Reform des Gehaltswesens der 
unteren und mittleren Staats- und Kommunalbeamten spielen sollte. 
Ausgeführt hat diesen Gedanken bisher wohl nur die Stadt Straßburg i. E. Die 
kommunale Verwaltungspolitik und Bodenreform hätte auch im 
Interesse der kinderreichen Familien einzusetzen. 

Hartherzig verhalten sich in zahlreichen Fällen die Gemeindevorstände. 
Ich erinnere an das Abschiebungssystem der Gemeinden. Der Abgeordnete Kaden 
zitierte am 9. Januar 1908 haarsträubende Fälle mit genauer Angabe des Namens 
der Gemeinden. Er wies darauf hin, daß erst vor wenigen Monaten der Gemeinde¬ 
vorstand eines Ortes bei Dresden ein hektographiertes Schreiben an die Haus¬ 
wirte gesandt hat, in dem die Hauswirte auf gef ordert werden, bei der Vermietung 
der Wohnungen vorsichtig zu sein; sie sollen sich genau erkundigen, ob .der 
Mann, wenn er jetzt auch noch so gut situiert sei, nicht vielleicht nach Jahren 
verarmen und der Gemeindearmenpflege zur Last fallen könne; die Schullasten 
würden durch die große Kinderzahl in der Gemeinde ungeheuer vermehrt usw. 

Ganz das umgekehrte Verhalten wäre zu fordern. Der Kommunalegoismus 
wäre von der Aufsichtsbehörde einzuschränken. Die öffentliche Meinung müßte 
die Kommunalpolitik der Gemeinden in dieser wichtigen Frage beeinflussen. Es 




288 Aus d er Gesellschaft für Soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik. 

müßte Kommunalpolitik der Gemeinden werden, nicht nur billige Wohnungen 
für kleine Leute herzustellen, sondern dieselben vorzugsweise an kinderreiche 
Familien abzugeben. Die Erleichterungen für kinderreiche Familien sollten bei 
der Einkommensteuer viel weiter gehen; die kommunale Schulspeisung und 
die Gewährung freier Lehrmittel, die staatliche Gewährung freien 
Unterrichts auch in den mittleren und höheren Schulen sollten für 
Kinder aus kinderreichen Familien einsetzen. England ist uns darin voran. 
Man hört jetzt oft die Phrase, durch eine energischere Verfolgung der Sozial¬ 
politik dürfe das Verantwortlichkeitsgefühl der Masse nicht noch mehr erschüttert 
werden. Ich zweifle daran, daß die Erleichterung, welche kinderreiche Familien 
durch allgemeine Maßregeln, wie: Mutterschaftsversicherung, Schul¬ 
speisung, freie Gewährung von Lehrmitteln und Weiterbildung, 
Erleichterung in der Wohnungsbeschaffung, Ermäßigungen der 
Einkommensteuer, Berücksichtigung in der Besoldungsform der 
staatlichen und kommunalen unteren und mittleren Beamten, 
erwiesen würde, in der Tat jemals so weit sollte gehen können, daß nicht immer 
der Hauptteil der Ausgaben für das Kind auf dem Vater und der Familie lasten 
bliebe. Herr Hamburger vertritt mit den übrigen Neumalthusianisten den 
Pessimismus und die Unnatur, ich vertrete mit der langen Bruststillung und der 
Mutterschaftsversicherung den Optimismus, die hygienische Prophylaxe und die 
tatkräftige Entfaltung der vorhandenen gesunden Volkskräfte. Da mehr als 90Proz. 
der Bevölkerung den unbemittelten Volkskreisen angehören, Volkskreisen, in denen 
die Familien sich stets einer unsicheren Zukunft gegenübergestellt sehen, so 
liegt eine ungemeine Gefahr für den Staat in einer noch weiteren Verbreitung 
der Konzeptionsbeschränkung. Das egoistische Selbstinteresse der kinderreichen 
Familien liegt in der Tat auf der Seite der Beschränkung der Geburtenzahl, 
solange ihnen das Leben so wie jetzt erschwert wird. Hindern kann sie der 
Staat nicht, indirekt sie aber beeinflussen. Er hat durch positive Maßregeln in 
Gesetzgebung und Verwaltung den Grundsatz anzuerkennen, daß eine große 
Kinderzahl dem Staate willkommen sein muß. Es genügt nicht, daß der Landes¬ 
fürst stets einwilligt, beim siebenten Knaben Pate zu stehen. Zur Behauptung 
der deutschen Nationalität, des deutschen Volkstunis in der Welt und in der 
Geschichte hat der Staat ein tieferes Verantwortlichkeitsgefühl dieser Aufgabe 
gegenüber durch eine energischere Verfolgung der Sozialpolitik zu beweisen, vor 
allen Dingen durch Einführung der MutterschaftsVersicherung. 





Ein Beitrag zum Unterricht in der Sozialen Medizin. 

Von Dr. med. Hermann Engel, 

Vertrauensarzt der Schiedsgerichte für Arbeiterversicherung, Berlin. 

Erfahrungsgemäß bedeutet es eine nicht geringe Schwierigkeit 
des für Ärzte bestimmten Unterrichts in der Sozialen Medizin, das 
Interesse der Hörer an den Vorträgen über die einschlägigen ge¬ 
setzlichen Verhältnisse wachzuhalten. Daraus ergibt sich die Not¬ 
wendigkeit, in den Vorlesungen rein theoretische, juristische Dinge 
mit praktischen medizinischen Dingen abwechseln zu lassen. Die 
dabei demonstrierten Unfallpatienten müssen nicht allein durch die 
rechtlichen Verhältnisse der ihnen gewordenen Entschädigung ein 
lehrreiches Beispiel darbieten, sie müssen auch durch die Art ihrer 
Leiden den Arzt in uns zu interessieren wissen. Nur so wird die 
Materie auf die Dauer zu fesseln vermögen. 

Der von mir im Wintersemester 1908/09 gehaltene Fortbildungs¬ 
kurs: „Die ärztliche Begutachtung auf dem Gebiete der staatlichen 
Arbeiterversicherung“ (Unfall- und Invalidenrente) setzte sich aus 
mehreren Teilen zusammen. Das Gerüst bildeten Vorträge mit 
Demonstrationen geeigneter Rentenempfänger, die sich aus dem 
überreichen Material der beiden Berliner Schiedsgerichte für Ar¬ 
beiterversicherung unschwer auswählen ließen. Sodann nahmen die 
Hörer gruppenweise an den Schiedsgerichtssitzungen teil. Durch 
das Entgegenkommen des Vorsitzenden, Oberregierungsrat von 
Gostkowski, war es möglich, jede im Termin verhandelte Streit¬ 
sache im unmittelbaren Anschluß an die getroffene Gerichts¬ 
entscheidung mit dem Hörerkreis zu besprechen. Die Verletzungs¬ 
folgen konnten von diesem in nächster Nähe besichtigt werden. 
Daneben erfolgte die häusliche Untersuchung von Rentenbewerbern 
in Gruppen von je 3 Teilnehmern, woran sich die Erstattung 
schriftlicher Gutachten anschloß. 

Zeitschrift fiir Soziale Medizin. IV. 19 




290 Hermann Engel, 

Endlich fanden Besuche größerer Betriebe statt. (Vereinigte 
Berliner Mörtelwerke mit ihren vielen Nebenbetrieben, wie Schmiede, 
Stellmacherei, Sattlerei, Tischlerei usw., Chirurgische Instrumenten¬ 
fabrik von Dewitt u. Herz, Eisengießerei, Maschinenfabrik und 
Signalbauanstalt von Rössemann u. Kühnemann, Berliner Velvet¬ 
fabrik M. Mengers u. Söhne.) Diese Besichtigungen ergaben die 
erwünschte Gelegenheit, den Arbeiter bei der Arbeit kennen zu 
lernen, und sich über die Gefahren des Betriebes, wie über die 
Maßregeln zu ihrer Verhütung eingehend zu orientieren. 

Die Vorträge begannen gewöhnlich mit einem Referat über 
die in den letzten Schiedsgerichtssitzungen verhandelten markanten 
Fälle unter Hinweis auf die bei der Rechtsprechung angezogenen 
Gesetzesvorschriften und Bezeichnung derjenigen Fehler, die 
etwaigen unzutreffenden Gutachten untergelaufen waren. An einen 
Rückblick auf die in der vorigen Stunde vorgestellten Verletzten 
schloß sich eine Demonstration neuer Patienten, mit besonderer 
Würdigung der bisher in ihrem Verfahren erstatteten Gutachten 
und ergangenen Gerichtsurteile. 

Eine kurze Repitition der bislang vorgetragenen gesetzlichen 
Begriffe und Bestimmungen leitete dann zur weiteren Behandlung 
dieses Themas über. So wurde das rein juristische nur in refracta 
dosi gegeben, und der stets gleich bleibende rege Besuch der Vor¬ 
lesung darf als eine Kritik in dem Sinne gelten, daß die Hörer 
mit der gewählten Behandlungsart des Stoffes zufrieden waren. 

Als Beispiel lasse ich den stenographischen Bericht einer 
Vortragsstunde folgen: 

„Meine Herren! 

Ich möchte Ihnen zunächst über diejenigen Fälle berichten, 
die ein Teil von Ihnen in der Schiedsgerichtssitzung am 10. No¬ 
vember gesehen hat. 

Da war zunächst ein junger Mann, der durch einen Stahl¬ 
splitter den Verlust des rechten Auges zu beklagen hatte. Im 
allgemeinen wird der Verlust eines Auges in der gewerblichen 
Unfallversicherung mit einer Rente von 33 Vs Proz. abgegolten. 
In der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft wird er nur mit 
25 Proz. entschädigt. Da sich aber bei diesem Manne auf dem 
nicht verletzten Auge ein Ohorioideatuberkel fand, wurde von dem 
Begutachter die Unfallfolge höher eingeschätzt und eine Rente von 
40 Proz. vorgeschlagen. Dieselbe hat der Verletzte jahrelang be¬ 
zogen. Jetzt stellte er den Antrag auf Erhöhung der Rente wegen 




Ein Beitrag zum Unterricht in der Sozialen Medizin. 291 

angeblicher Verschlimmerung seines Zustandes und legte das Attest 
eines Augenarztes vor, der ihm folgendes bescheinigte: Da auf 
dem unverletzten Auge ein Tuberkel auf der Chorioidea wäre, so 
müßte der Verlust des Auges höher eingeschätzt werden als ge¬ 
wöhnlich, 40 Proz. seien nicht ausreichend. Meine Herren! Da 
ist von dem Augenarzt der Fehler gemacht worden, daß bei völlig 
gleichem Befunde, ohne daß eine Verschlimmerung eingetreten 
wäre, eine höhere Rente vorgeschlagen wurde. Das ist nicht zu¬ 
lässig. Denn nur, wenn in den Verhältnissen, die für die bisherige 
Renten ge Währung maßgebend waren, eine wesentliche Veränderung 
eintritt, kann eine Rente geändert werden. Infolgedessen mußte 
die Berufung des Verletzten zurückgewiesen werden. 

Wir hörten dann folgenden Fall: ein junger Mann hatte eine 
bedeutungslose Wunde an der Nase mit nachfolgendem Erysipel 
erlitten. Er arbeitet jetzt zu vollem Lohn, setzt alle paar Wochen 
einmal aus, angeblich wegen Kopfschmerz. Ein Nervenarzt, der 
ihn begutachtet hat, schlug eine Rente von 15 Proz. vor mit der 
Begründung, daß sich ja erfahrungsgemäß an ein Kopferysipel 
dauernde Kopfschmerzen anschließen könnten. Die Berufsgenossen¬ 
schaft hatte ihm 15 Proz. gewährt; der Verletzte beanspruchte eine 
höhere Rente. Ich habe mich vor Gericht dahin geäußert, mir sei 
die Tatsache unbekannt, daß an eine gewöhnliche Kopfrose sich 
dauernde Kopfschmerzen anschließen, und erklärte, die Kopf¬ 
schmerzen nur solange für glaubhaft, als Fieberbewegungen vor¬ 
handen sind und solange der Mann als Rekonvaleszent zu betrachten 
wäre. Da die Berufsgenossenschaft aber einmal 15 Proz. bewilligt 
hat, so erhält er dieselbe trotzdem, denn eine „reformatio in pejus“ 
findet im Berufungsverfahren nicht statt. Der weitergehende An¬ 
trag wurde zurückgewiesen. 

Wir sahen dann einen Kläger, der im Mai 1898 sich durch 
Reißen an einem scharfkantigen Gegenstand eine blutige Wunde 
der rechten Hohlhand im Verlauf der Querfalte zugezogen hatte. 
Die Wunde war damals in 14 Tagen geheilt. Er hatte seine Er¬ 
werbstätigkeit wieder aufgenommen. Nach 9 Jahren bemerkte er, 
daß sich der vierte und fünfte Finger immer mehr in eine Beuge- 
stelluug hineinbegaben, bis sich endlich der kleine Finger in die 
Hohlhandfläche einkrallte. Er wurde von einem Chirurgen mit 
Fibrolysineinspritzung behandelt; als dies keinen Erfolg zeitigte, 
wurde ihm die Palmarfascie entfernt. Auch das gewährte keinen 
Nutzen, und so hat man ihm den kleinen Finger amputiert. Der 
vierte Finger konnte infolge der Narbenkontraktur — es war eine 

19 * 




292 Hermann Engel, 

sehr straffe Narbe, die sich aus der Hohlhand strangförmig heraus¬ 
hob, entstanden — nicht mehr ordentlich gestreckt werden. 

Nun entstand die Schwierigkeit, ob man vom ärztlichen Stand¬ 
punkt aus einen Zusammenhang konstruieren könnte zwischen 
dieser an und für sich belanglosen Hautverletzung von 1898 und 
dem heutigen Zustand, nämlich dem Verlust des kleinen Fingers 
infolge der Dupuytren’schen Kontraktur. Ich war mit der häus¬ 
lichen Begutachtung des Falles beauftragt und habe mich folgender¬ 
maßen geäußert: Über die Ursachen der Dupuytren’schen Kontraktur 
liegen von Czerny und Marwedel zwei große Gutachten vor, 
die dem Reichsversicherungsamt früher erstattet worden sind. 
Dieselben haben sich dahin ausgesprochen, daß die traumatische 
Ursache für eine Dupuytren’sche Kontraktur gar nicht bestritten 
Averden kann. Aber es handelt sich dabei immer um die fort¬ 
schreitende Einwirkung eines stets sich wiederholenden Traumas. 
So wäre das der Fall bei Arbeitern, die jahrelang mit gestielten 
Werkzeugen, wie mit dem Hammer, arbeiten, bei den Kutschern, 
die den Peitschenstiel in der Hand halten, oder bei Klavierspielern, 
bei denen durch häufiges Spreizen der Finger sich eine ähnliche 
nachteilige Einwirkung geltend mache. Man stelle sich vor, daß 
durch die verschiedenen sich immer wiederholenden Manipulationen 
Zerrungen und Risse in der Palmaraponeurose entstehen, die zu 
einer Schrumpfung und Kontraktur Veranlassung geben, bis endlich 
das Krankheitsbild der Dupuytren’schen Kontraktur hervorgerufen 
wird. Ich habe infolgedessen den Zusammenhang zwischen der 
Verletzung von vor 9 Jahren, dieser einfachen Rißwunde, und der 
späteren Dupuytren’schen Kontraktur abgelehnt, um so mehr, als in 
der nicht verletzten Hand des Mannes sich jetzt eine kleine Ge¬ 
schwulst zeigte, über der die Haut verschieblich war, die sich auf 
der Unterlage selbst verschieben ließ, und die mit dem Sehnen¬ 
apparat nicht zusammenhing. Ich habe daher angenommen, daß 
der Mann von vornherein eine Disposition zu derartigen Er¬ 
krankungen seiner Palmaraponeurose hat. Das Gericht ist diesem 
Gutachten gefolgt und hat unter Ablehnung eines ursächlichen 
Zusammenhanges die Verpflichtung zu einer Rentengewährung von 
seiten der Berufsgenossenschaft verneint. 

Ich frage, ob einer der Herren mit dieser Auffassung nicht 
einverstanden ist. (Kein Widerspruch.) Ich glaube, daß man da 
vollkommen richtig geurteilt hat. 

Dann folgte ein junger Mann, der vor mehreren Jahren den 
Verlust des ersten Gliedes am rechten Mittelfinger durch Betriebs- 




Ein Beitrag zum Unterricht in der Sozialen Medizin. 293 

Unfall zu beklagen hatte. Seit 1 1 / 2 Jahren war die Rente einge¬ 
stellt worden. Auch dieser kam wieder mit dem Antrag auf 
Wiedergewährung einer Rente wegen eingetretener Verschlimmerung, 
und bedauerlicherweise hat er ein ärztliches Gutachten vorlegen 
können, in dem ihm bescheinigt wurde, der Zustand wäre noch viel 
schlimmer als früher. Eine Angabe, inwiefern der jetzige Befund 
eine Verschlimmerung bedeute, gegenüber den Erhebungen, die zur 
Aufhebung der Rente geführt hatten, war überhaupt in dem Gut¬ 
achten nicht gegeben. Das war auch nicht möglich, denn der Arzt 
hat das frühere Gutachten, das der Rentengewährung und der 
Rentenentziehung zugrunde gelegen hatte, gar nicht gesehen. Der 
Antrag mußte mangels einer nachgewiesenen Verschlimmerung 
natürlich abgelelmt werden. 

Dann sahen wir einen jungen Menschen, welcher in eine D/2 
Fuß tiefe Grube gestürzt war, sich dabei das rechte Knie be¬ 
schädigt hatte, Schmerzen empfand, einige Zeit noch arbeitete, aber 
dann ein Krankenhaus aufsuchte. Als er in das Krankenhaus 
aufgenommen wurde, ließ sich ein objektiver Befund nicht erheben; 
es wurde nur Schmerzhaftigkeit des Kniees festgestellt. Am 
nächsten Morgen zeigte sich aber ein starker Erguß in dem prall 
gefüllten Kniegelenk. Man schritt zur Punktion, entfernte eine 
seröse Flüssigkeit, aber die Punktion mußte mehrere Male wieder¬ 
holt werden. Es war ihm nach Beendigung des Heilverfahrens 
eine Rente von 33 x / 3 Proz. zugesprochen worden. Diese Rente 
entspricht ja ungefähr dem Zustand, den wir finden, wenn jemand 
sein Bein nicht völlig regelrecht gebrauchen kann. Ich habe Ihnen 
neulich gesagt, daß der Verlust eines Beines im Oberschenkel mit 
60 Proz. entschädigt werden kann. Wenn einer ein krankes Knie¬ 
gelenk hat, nimmt man an, daß das Bein noch zur Hälfte gebrauchs¬ 
fähig ist, daß er also mit 33 V 3 Proz. ausreichend entschädigt wäre. 

Nun hat sich aber anscheinend in der Folgezeit der Zustand 
weiter verschlimmert. Wir fanden, daß eine ganz ausgesprochene 
Beugekontraktur des Kniegelenks vorhanden war, und haben auch 
festgestellt — mehrere Herren hatten die Liebenswürdigkeit, ihn 
mit zu untersuchen — daß die Kapsel zweifellos verdickt war. 
Wir kamen daher zu dem Schluß, daß der Verdacht einer be¬ 
ginnenden Tuberkulose nahe läge. 

Wir stehen auf dem Standpunkt, daß eine Verletzung eine 
Tuberkulose nicht erzeugen kann, daß die Tuberkulose aber bei 
vorhandener Disposition, wenn sie in latentem Zustande vorhanden 
ist, durch eine Gewaltseinwirkung zum Aufflackern gebracht werden 




294 Hermann Engel, 

kann, und in diesem Sinne sind die Unfälle dann als auslösendes 
Moment — als Gelegenheitsursache — anzuschuldigen. Wir haben 
infolgedessen unser Urteil dahin abgegeben, daß das Heilverfahren 
noch nicht abgeschlossen wäre, vielmehr wieder aufgenommen 
werden müßte. Der Mann sei 1Ö0 Proz. erwerbsbeschränkt. Das 
Gericht hat in diesem Sinne entschieden. 

Weiter sahen wir einen Tischler, der beim Anheben einer 
Bank einen erheblichen Buck im rechten Arm empfunden haben 
will und wegen dieser Schmerzen am nächsten Tage zum Arzt 
ging. Dieser stellte eine große Geschwulst in der rechten Achsel¬ 
höhle fest, war auch gleichzeitig imstande, Ursache und Ausgangs¬ 
punkt dieser Geschwulst nachzuweisen. Es bestand nämlich — 
unabhängig von diesem Unfall — ein Panaritium am Daumen. 
Die operativ gesetzte Daumenwunde verheilte glatt, aber die Ge¬ 
schwulst in der Achselhöhle vergrößerte sich, erweichte und gab 
zu einer größeren Operation Veranlassung. 

Der behandelnde Arzt hat den Zusammenhang zwischen dem 
angeblichen Unfall, nämlich dem Kuck im Arm, und dieser Ver¬ 
eiterung der Lymphdriise in der Achselhöhle abgelehnt. Ich habe 
ihm durchaus beitreten müssen, und infolgedessen hat das Gericht 
die Ansprüche des Klägers zurückgewiesen. Dieser Kläger hatte 
— nebenbei bemerkt — in einer früheren Sitzung eine Ordnungs¬ 
strafe von 20 M. erhalten, weil er sich vor Gericht ungebührlich 
benommen hatte. 

M. H., ich komme nun ganz kurz zurück auf die Fälle, die 
ich in der vorigen Stunde vorzustellen die Ehre hatte. Sie sahen 
eine Exartikulation des rechten Oberarms im Schultergelenk infolge 
einer Osteomyelitis, die sich im Anschluß an ein Trauma bei einem 
jungen Mann entwickelt hatte. 

Die Berufsgenossenschaft hatte zunächst den ursächlichen Zu¬ 
sammenhang abgelehnt. Ich habe denselben anerkannt, das Gericht 
hat demgemäß beschlossen, und der Verletzte bekam eine Rente 
von 75 Proz., entsprechend dem völligen Verlust des rechten Armes. 
Wir wollen uns das merken; das ist stets der Ausgangspunkt für 
unsere Beurteilung anderer Schädigungen der oberen Extremitäten. 
Dementsprechend haben wir eine schwere Zertrümmerung der linken 
Hand bei einer Frau auf 60 Proz. geschätzt, weil die völlig un¬ 
brauchbare Hand dem Verlust des Armes gleich zu achten war, 
und weil es sich in diesem Falle um ein weibliches Wesen handelte, 
wo die gleichen Unfallsfolgen, wie Sie bereits gehört haben, stets 
höher eingeschätzt werden, als bei einem Mann. 




Ein Beitrag zum Unterricht in der Sozialen Medizin. 295 

Ferner zeigte ich Ihnen einen im Oberschenkel Amputierten, 
der von keiner Berufsgenossenschaft zu entschädigen war, weil er 
keinen Betriebsunfall erlitten hatte, indem er auf einer Ver¬ 
gnügungsfahrt zu schaden gekommen war. Er bezog von einer 
Landesversicherungsanstalt die Invalidenrente. 

Endlich hatten wir hier einen jungen Mann, dem durch eine 
Maschine die ganzen Weichteile des Oberarmes abgerissen worden 
waren, nur die Nerven und die Gefäße waren erhalten geblieben. 
Die Funktionsbehinderung war sehr groß. Wir hatten diese 
Unfallsfolgen im Berufungsverfahren allein mit 30 Proz. ein¬ 
geschätzt. Da es aber nach unserem Gutachten glaubhaft erschien, 
daß der Mann in den Nerven, die von Narben gezerrt und gezogen 
wurden, außerordentliche Schmerzen hatte, so ist dem Mann eine 
Rente von 40 Proz. zugesprochen worden. 

Ich stelle Ihnen jetzt einen Mann vor, der zu Weihnachten 1906 
dadurch einen Betriebsunfall erlitt, daß ihm mehrere große Glas¬ 
scheiben auf den Kopf fielen. Die Verletzung war keine sehr 
große. Es waren ein paar glatte Weichteilwunden auf dem Kopf. 
Das chirurgische Heilverfahren war im Verlauf von wenigen 
Wochen abgeschlossen. Nach einiger Zeit, meine Herren, machten 
sich bei dem Verletzten indessen nervöse Störungen geltend, die 
die Behandlung durch einen Nervenarzt erforderlich machten. Mit 
der Zeit geriet der Patient in den Zustand, in dem sie ihn heute 
sehen. (Demonstration.) 

Sie sehen, daß vornehmlich seine rechte Körperhälfte krampf¬ 
haft zitternde Bewegungen ausführt. Sie sehen, daß zeitweise der 
ganze Körper zittert, und daß, wenn wir versuchen, ihn irgendwie 
eine Bewegung intendieren zu lassen, die krampfartigen Bewegungen 
ganz außerordentlich schwer werden. Als ich ihn das erste Mal 
sah, hatte er noch keine Intelligenzstörung. Ich hatte also bereits 
damals vorgeschlagen, ihm die Hilflosenrente zu gewähren. Die 
Vollrente besteht — wie Sie bereits wissen — aus zwei Dritteln 
des bis dahin erworbenen Jahresarbeitsverdienstes. Die Hilflosen¬ 
rente entspricht dagegen bis 100 Proz. des Jahresarbeitsverdienstes, 
also gegebenenfalls ungefähr demselben Einkommen, das ein Ver¬ 
letzter vor dem Unglücksfall gehabt hat. Maßgebend war für 
meinen Vorschlag die Überlegung, daß man einen solchen Mann 
nicht allein lassen kann, daß er, da bereits mehrere Versuche eines 
Suicidium vorgekommen sind, dringend einer dauernden ständigen 
Wartung und Pflege bedarf. Wenn man versucht, Reflexe aus¬ 
zulösen, bekommt der Mann Krämpfe des ganzen Körpers. (Zuruf: 




296 Hermann Engel, 

Ist da ein Cerebralleiden?) Nein, es ist ganz zweifellos, daß liier 
ein reiner Fall von traumatischer Hysterie vorliegt. Ich stelle 
Ihnen einen solchen Fall vor, damit Sie später einmal ermessen 
können, wie unrecht man tut, wenn man jemand eine traumatische 
Hysterie vindiziert, der lediglich Lidschwirren, Nachröten der Haut 
bei Bestreichen und gesteigerte Kniesehnenreflexe hat. (Zuruf: 
Prognose?) Prognosis mala. 

Nun hat sich die zuständige Berufsgenossenschaft verschiedene 
Male durch meine dem Gericht erstatteten Gutachten nicht belehren 
lassen. Sie hat wiederholt versucht, die Hilflosenrente in die Voll¬ 
rente umzuwandeln. 

Ich habe schon das erste Mal angegeben, daß der Mann kein 
Simulant sei und zweifellos nicht übertreibe, sondern daß es ein 
außerordentlich schwerer Zustand wäre, und das Gericht hat darauf 
die Berufsgenossenschaft verurteilt, ihm diese Hilflosenrente weiter 
zu gewähren. Das Gericht führte aus: Nach den Ausführungen 
des Dr. Engel, deren Richtigkeit durch den Anblick des vor dem 
Schiedsgericht erschienenen Klägers vollauf bestätigt wird, leidet 
der Kranke an einer auf den Unfall zurückzuführenden sehr 
schweren Hysterie. Die Muskeln versagen zuweilen jeden Dienst. 
Stete Aufsicht zur Verhütung des Hinstürzens ist erforderlich. Der 
Kranke ist also durch die Folgen des Unfalles derart hilflos ge¬ 
worden, daß er bei allen Verrichtungen des täglichen Lebens 
dauernd auf fremde Wartung und Pflege angewiesen ist. 

Wir haben dann angeregt, ihn in einer Nervenheilanstalt unter¬ 
zubringen. Aber das hat leider keinen Nutzen gebracht. Als ich 
ihn dann vielleicht ein Jahr später sah, zeigte sich eine voll¬ 
kommene psychische Störung. Er antwortete auf die Frage, wie 
es ginge: er wolle morgen arbeiten; er mache große Zigarren und 
feine Zigarren; im Sommer wolle er nach Neuendorf hin, da habe 
die Sonne geschienen, hier schiene keine Sonne; die Decke in 
meinem Zimmer wäre sehr schön; er hätte einen großen Dampfer 
gebaut, womit er nach Brasilien fahren wolle. 

Hier handelt es sich um einen jungen Mann, welcher vor vielen 
Jahren in Wien sich eine Geschwulst des rechten Armes hat ex- 
stirpieren lassen. Wir waren bei Beginn des Berufungsverfahrens 
noch nicht orientiert, um was es sich eigentlich gehandelt hatte. 
Anfang Februar 1906 erlitt er einen merkwürdigen Unfall. Zwei 
Arbeiter trugen eine Kiste an ihm vorbei und stießen ihn dabei 
an. Er achtete zuerst gar nicht darauf, bis er bemerkte, daß ihm 
Blut aus dem Ärmel herausfloß. Beim Nachsehen konnte er fest- 




Ein Beitrag zum Unterricht in der Sozialen Medizin. 297 

stellen, daß die alte Operationsnarbe verletzt war und zu der 
Blutung Veranlassung gegeben hatte. Es bildete sich darauf ein 
Geschwür, und es war von dem Vertrauensarzt der Berufsgenossen¬ 
schaft angegeben worden, daß dieses Leiden, das Sie augenblicklich 
hier sehen, nicht mit dem Unfall in Zusammenhang stehen könnte, 
weil es Lues sei. Von anderer ärztlicher Seite war geltend ge¬ 
macht worden, es handele sich um eine Verbrennung durch Röntgen¬ 
strahlen, die zu therapeutischen Zwecken angewandt worden waren. 

Als ich ihn zuerst sah, war ich sehr im Zweifel, wofür man 
es halten müsse. Ich nahm ebenfalls an, daß es sich vielleicht um 
eine Lues handle. Ich wurde darin bestärkt durch den Befund, 
daß die Unterarmknochen beide verdickt waren. Es wurde von 
ihm auch angegeben, daß er früher einmal eine antiluetische Kur 
durchgemacht habe. Ich war mir aber doch über die Frage nicht 
ganz klar und empfahl, zunächst einen Dermatologen zu befragen. 
Derselbe stellte die Diagnose auf ein Karzinom der Haut. Ich 
konnte mich auch hiervon noch nicht überzeugen, weil ein 
Symptom fehlte, das mein verstorbener Chef, Exzellenz von Berg¬ 
mann, für durchaus pathognostisch hielt, nämlich, daß sich, wenn 
man auf derartige exulzerierte Karzinome drückt, aus der Tiefe 
dieser Exulzerationen sich Krebszellennester nach Art der Mitesser 
herausdrücken lassen. Da ich dieses Symptom hier nicht finden 
konnte, war ich mir immer noch zweifelhaft und schlug dem Gericht 
vor, noch ein Gutachten der chirurgischen Universitätsklinik heran¬ 
zuziehen. Das geschah. Der Kranke ist damals sehr eingehend 
untersucht worden, und auch von dort aus bekamen wir die 
Diagnose „Karzinom“. 

Nun, meine Herren, wissen wir ja über die Entstehung eines 
malignen Tumors nichts. Wenn sich aber an ein Trauma in ab¬ 
sehbarer Zeit, sagen wir im Verlaufe von einem halben oder einem 
Jahr, die Entstehung einer malignen Geschwulst anschließt, so 
sind wir geneigt, einen ursächlichen Zusammenhang anzuerkennen. 
Voraussetzung ist natürlich, daß, wenn wir die bösartige Geschwulst 
zu sehen bekommen, dieselbe nicht schon eine derartige Größe er¬ 
reicht hat, daß man einen ursächlichen Zusammenhang mit dem 
Unfall ablehnen muß, daß man mit Sicherheit sagen kann, diese 
Geschwulst muß schon vor dem Unfall, vielleicht ein Jahr lang 
oder längere Zeit vor dem Unfall, bestanden haben. 

Der Unfall ist vom Gericht als Betriebsunfall anerkannt 
worden, und der Verletzte bekommt die Vollrente, entsprechend 
meinem Gutachten, weil ich angenommen habe, daß man einen 




298 Hermann Engel, 

solchen Patienten nicht zu irgendeiner Arbeit zwingen kann. Es 
besteht doch immerhin die Gefahr dabei, daß Teile des Tumors 
durch die Lymphbahnen in andere Körpergegenden verschleppt 
werden und Metastasen bilden. 

(Bemerkung aus dem Auditorium: Ich meine, folgendes ist 
doch sehr wesentlich: wenn sich nachweisen ließe, daß er vor 
9 Jahren wegen eines Karzinoms behandelt worden ist, daß dieser 
Tumor Karzinom gewesen ist, dann kann er doch eigentlich jetzt 
keine Vollrente dafür beziehen.) 

Wieso, Herr Kollege? Der Mann hat die 9 Jahre dazwischen 
gearbeitet, hat nur eine Narbe gehabt, er hat in keiner Weise 
irgendeine Störung erfahren. Jetzt bekommt er einen Stoß, und 
im Anschluß an diesen Stoß bekommen wir diesen desolaten Zu¬ 
stand zu sehen. Ich hätte gar keine Bedenken, das als Unfalls¬ 
folge von neuem anzuerkennen. Da muß man sagen: Die Disposition 
hat in ihm geschlummert und durch diesen Stoß, durch dieses 
Trauma ist die jetzige Erkrankung ausgelöst worden. 

Nun, meine Herren, führe ich Ihnen noch einen Verletzten vor, 
für den die Pommersche land- und forstwirtschaftliche Berufs¬ 
genossenschaft in Stralsund zu sorgen hat. Es handelt sich um 
einen Wirtschaftsinspektor. Der Herr hat einen Unfall erlitten 
am 18. Oktober 1900, und zwar einen rechten Unterschenkelbruch. 
Derselbe ist in der chirurgischen Klinik in Greifswald behandelt 
worden. Wir haben eine Röntgenphotographie da. Sie sehen, es 
w r ar eine recht schwere Fraktur mit einer starken Verstellung der 
Bruchstücke. Nebenbei bekam er dann eine Thrombose des Unter¬ 
schenkels, und er bekam auf Grund eines Gutachtens von Professor 
Tillmann eine Rente von 66 2 / 3 Proz.; der Zustand am Bein wurde 
also ebenso aufgefaßt, als wenn dasselbe gänzlich verloren ge¬ 
gangen wäre. 

Es fehlt ihm außerdem der rechte Unterarm. Derselbe ist 
amputiert worden, aber nicht infolge eines Betriebsunfalles. Er 
empfängt also infolgedessen für diese Verletzung keine Ent¬ 
schädigung, (Frage aus dem Auditorium: Wodurch hat er den 
Arm verloren?) Durch eine Verletzung in seiner frühen Kindheit. 

Die Berufsgenossenschaft hat versucht, die Rente von 66 2 / 3 Proz., 
nachdem der Herr sie einige Jahre bezogen hatte, auf 40 Proz. 
herunterzusetzen, und ich wurde von Stralsund aus mit der Unter¬ 
suchung dieses Falles beauftragt. Ich fand damals einen gesund 
aussehenden kräftigen Mann, dem der rechte Unterarm fehlte, und 
der außerdem im rechten Augenwinkel eine Narbe hatte. In der 




Ein Beitrag zum Unterricht in der Sozialen Medizin. 299 

Mitte des rechten Unterschenkels sehen wir vielfach Narben von ver¬ 
heilten Unterschenkelgeschwüren. Meine Herren, die Unterschenkel¬ 
geschwüre sind wohl auch mittelbare Folgen des Unfalles. Durch 
die Fraktur und die Thrombose hat sich zweifellos eine Zirkulations¬ 
störung gesetzt, so daß zeitweise die Geschwüre offen waren. Für 
die Zeit bezog er dann immer die Vollrente, da ja ein Heilverfahren 
schwebte. Am rechten Bein sieht man seine erheblichen Krampf¬ 
adern bis oben hinauf zur Leistenbeuge. Das Stehen auf dem 
rechten Bein allein gelingt nicht. Der rechte Unterschenkel zeigte 
nach dem Unfall von jeher eine starke teigige Schwellung —• die 
ist wohl auch heute noch vorhanden *— und wir haben eine 
Differenz im Umfange von 7 cm. Das rechte Bein ist also 7 cm 
stärker als das linke. Infolgedessen habe ich angegeben, daß eine 
Besserung in dem Zustande, wie er damals zur Gewährung der 
66 2 /s Proz. Rente auf Grund des Gutachtens von Professor Ti 11- 
mann geführt hat, nicht eingetreten ist, und daß die Einschätzung 
auf 66 2 / 3 Proz. auch heute noch zutreffend wäre. Denn wenn man 
den Verlust des Beines mit 60 Proz. einschätzt, dann muß man 
zugeben, daß eine derartige Überfüllung der Blutgefäße in dem 
Bein doch auf die Nerven einen Druck ausüben muß, so daß der 
Patient mit großer Wahrscheinlichkeit dauernd von Schmerzen in 
diesen Nerven gequält wird. 

(Frage aus dem Auditorium: Wie ist die Sache in Stralsund 
abgelaufen ? 

Der Antrag der Berufsgenossenschaft auf Rentenminderung ist 
glatt abgelehnt. Hier ist die Entscheidung. Es wurde also vom 
Schiedsgericht anerkannt, daß die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit 
des Kranken durch die Unfallsfolge auch jetzt noch um 66 2 / 3 Proz. 
geschädigt sei. 

Meine Herren, wir waren uns in der vorigen Stunde darüber 
klar geworden, daß ein Betriebsunfall nur dann vorliegt, wenn 
es sich um ein plötzliches, vom Willen des davon Betroffenen un¬ 
abhängiges, zeitlich bestimmbares, also in einem abgrenzbaren Zeit¬ 
raum eingeschlossenes Ereignis handelt, durch welches der Ver¬ 
letzte eine Schädigung seines geistigen oder seines körperlichen 
Wohlbefindens erleidet. Ob die Folgen dieses Unfalles früher oder 
später hervortreten, war gleichgültig. 

Ausgeschlossen waren nach diesem Wortlaut die Gewerbe¬ 
krankheiten. Wir haben erst heute Morgen vor dem Schiedsgericht 
einen Fall gehabt, wo eine Frau ein Ekzem der Hände, das durch 
dauernde Tätigkeit mit einer chemischen Schmiere entstanden war, 




300 Hermann Engel, 

als Betriebsunfall aufgefaßt haben wollte. Das wurde vom Gericht 
abgelehnt. 

Die Vorbedingung für die Anerkennung eines Betriebsunfalles 
war, daß es sich uni eine Beschäftigung bei dem Betriebe handelt. 
Ich hatte Ihnen das Beispiel gesagt, daß ein Arbeiter, der auf 
einem, seinem Betriebe fremden Grundstück zum Beispiel von dem 
Hofhund gebissen wird, keinen Betriebsunfall erleidet. 

Wir hatten uns ferner an Beispielen klar gemacht, daß der¬ 
jenige Mann keinen Betriebsunfall erleidet, der zwar während des 
Betriebes, aber nicht durch denselben einem Schaden verfällt: zum 
Beispiel, wenn ihm beim Frühstück die Bierflasche in der Hand 
zerspringt, und er dadurch Schnittwunden akquiriert. 

Wir waren dann darauf gekommen, daß die zur Entschädigung 
bei Betriebsunfällen verpflichteten Körperschaften die Berufs¬ 
genossenschaften wären; ich hatte gesagt, daß die Berufsgenossen¬ 
schaften auf Grund gesetzlicher Vorschrift zu Trägern der Ver¬ 
sicherung geschaffene öffentliche Verbände sind, daß es sich also 
nicht um Erwerbsgesellschaften handelte, wie bei privaten Ver¬ 
sicherungsgesellschaften, die einen Gewinn zu erzielen streben. Ich 
hatte Ihnen weiter auseinandergesetzt, daß die Berufsgenossen¬ 
schaften nur immer soviel Vermögen besitzen, als sie nach dem 
Gesetz haben müssen, und daß sie dieses Vermögen, das sie zur 
Abgeltung von Schäden, für ihre Verwaltung, für die Untersuchung 
und die Behandlung usw. der Verletzten brauchen, durch Umlage 
bei ihren Mitgliedern erheben. Wir haben dann gesehen, daß die 
Berufsgenossenschaften nach Industriezweigen errichtet sind. Man 
hat immer die gleichen oder wenigstens gleichartigen Betriebe in 
der Voraussetzung, daß daselbst die gleichen Betriebsgefahren ob¬ 
walten, zusammengeschlossen. Die Berufsgenossenschaften sind 
teilweise über ganz Deutschland für den einzelnen Betrieb aus¬ 
gedehnt. Andere Berufsgenossenschaften, zum Beispiel die Holz¬ 
berufsgenossenschaft, die Bauberufsgenossenschaft, haben sich nach 
einzelnen Territorien in Unterabteilungen zerlegt, und einzelne von 
diesen nach Territorien geordnete Berufsgenossenschaften haben 
sich noch in Unterabteilungen, in Sektionen geteilt. 

Wir waren dann auf die Rechte der Berufsgenossenschaften 
zu sprechen gekommen. Sie haben gehört, daß die Berufsgenossen¬ 
schaften, ebenso wie die Schiedsgerichte und das Reichsversicherungs¬ 
amt, das Recht haben, bei der Ortspolizeibehörde jederzeit eine 
Untersuchung des Unfalls zu beantragen. Ferner steht den Berufs¬ 
genossenschaften das Institut der Rechtshilfe zur Verfügung. Sie 




Ein Beitrag zum Unterricht in der Sozialen Medizin. 301 

sind berechtigt, durch die Amtsgerichte Zeugen vernehmen zu 
lassen, und ich hatte Sie auch darauf hingewiesen, daß sie be¬ 
rechtigt sind, einen Arzt durch Vernehmung vor dem Gericht zu 
zwingen, sein Gutachten daselbst abzugeben, wenn er es versäumt 
hat, der Berufsgenossenschaft selbst die verlangte Auskunft zu 
erteilen. 

Ein weiteres Recht der Berufsgenossenschaft war die Über¬ 
nahme der Behandlung, und zwar innerhalb der ersten 13 Wochen. 
Wir hatten besprochen, daß die Berufsgenossenschaft den Kranken¬ 
kassen die ärztliche Behandlung innerhalb der ersten 13 Wochen 
abnehmen dürfe, daß sie andererseits ihnen aber auch über 
die 13. Woche hinaus das Heilverfahren weiter übertragen könne, 
wenn sie wolle. Bei Weigerung gegen eine angeordnete Behandlung 
oder den Eintritt in ein Krankenhaus oder wenn der Verletzte 
sich während des Heilverfahrens unzweckmäßig benahm, wenn er 
den Ärzten Schwierigkeiten machte, war die Berufsgenossenschaft 
berechtigt, den Schadenersatz auf Zeit, ganz oder teilweise zu ver¬ 
sagen. Im Gegensatz hierzu ist die Berufsgenossenschaft bei der 
Weigerung des Verletzten, sich nach Jahresfrist, zu einer Kontroll- 
untersuchung wieder einem Arzte vorzustellen, nicht berechtigt, 
den Schadenersatz ganz oder teilweise zu versagen, sondern sie 
hat nur das Recht, den für den Patienten bezüglich seiner Ent¬ 
schädigung ungünstigsten Schluß aus seinem Verhalten zu ziehen. 
Sie würde also im allgemeinen annehmen dürfen, daß der Amputations¬ 
stumpf nun in einen Ruhestand gekommen ist, und daß der Mann 
nur die niedrigste Rente, die dafür gewährt zu werden pflegt, zu 
erhalten braucht. 

Wir gehen nunmehr zu den Pflichten über, die den Berufs¬ 
genossenschaften erwachsen. Eine Berufsgenossenschaft bat mit 
Ablauf der 13. Woche dem Verletzten ein freies Heilverfahren und 
einen Schadenersatz zu leisten. Meine Herren, das freie Heil¬ 
verfahren schließt auch die Gewährung von künstlichen Gliedmaßen, 
von Hülsenapparaten, von orthopädischen Korsetts und dergleichen 
in sich. Sie muß dieselben auch in gebrauchsfähigem Zustande 
halten, vorausgesetzt, daß nicht etwa eine böswillige Beschädigung 
von seiten des Verletzten vorliegt. In solchen Fällen brauchen die 
Berufsgenossenschaften selbstverständlich den Schaden nicht zu 
ersetzen. 

Wenn, wie wir vorhin gesehen haben, die Berufsgenossen¬ 
schaften berechtigt sind, schon innerhalb der ersten 13 Wochen 
das Heilverfahren zu übernehmen, so hat der Gesetzgeber diesen 




302 Hermann Engel, 

Körperschaften weitgehenden Einfluß auf die Auswahl, auf die 
Gestaltung des Heilverfahrens einräumen wollen. Es läßt sich 
damit also nicht vereinen, wenn nach Abschluß des Heilverfahrens 
ein Arzt bei dem Verletzten wieder ein neues Heilverfahren ein¬ 
leitet, ohne daß er oder der Patient sich mit der Berufsgenossen¬ 
schaft ins Einvernehmen setzt, ganz abgesehen davon, daß es wohl 
nach unser aller Auffassung nicht der ärztlichen Standeswürde 
entspricht, seine Dienste jemand aufzudrängen, der sie nicht wünscht. 
Unter den Begriff der Kosten des Heilverfahrens fällt auch die 
Entschädigung für einen etwaigen Krankenpfleger. Es wird aber 
vorausgesetzt, daß die Angehörigen, bei denen der Verletzte wohnt, 
doch immerhin ein gewisses Maß von Fürsorge und Sorgfalt auf 
ihren Angehörigen verwenden, da dies allgemein für eine sittliche 
Pflicht gehalten wird. Nur wenn die Angehörigen durch die 
Wartung und Pflege nicht imstande sind, ihrem eigenen Erwerbe 
nachzugehen, dann tritt eine Entschädigung in Kraft, und zwar, 
wie Sie es hier vorhin bei diesem unglücklichen Menschen gesehen 
haben, in der Form der Hilflosenrente. 

Hinsichtlich der zu gewährenden Arzneien ist es wesentlich, 
zu wissen, daß die Berufsgenossenschaften nicht auf dem Stand¬ 
punkte einer Pharmacopea oeconomica stehen wie die Kranken¬ 
kassen. Sie können jedes Heilmittel verschreiben, ganz abgesehen 
davon, welchen Preis es hat, sobald es nach Ihrem pflichtgemäßen 
Ermessen einen Nutzen erwarten läßt. 

Meine Herren, in bezug auf die künstlichen Gliedmaßen, die 
geliefert werden, kommt es häufig zu Streitigkeiten, wenn die Ver¬ 
letzten einen fein konstruierten Arm oder ein kompliziert gebautes 
künstliches Bein beanspruchen. Die Berufsgenossenschaften lehnen 
das im allgemeinen ab, und zwar — bezüglich der Beine — mit 
Recht aus folgenden Rücksichten. Ein kompliziert gebautes Bein 
ist für den Arbeiter außerordentlich schwer, hindert seine Be¬ 
weglichkeit und ist infolge des komplizierten Mechanismus sehr 
häufigen Beschädigungen ausgesetzt, so daß dieser Apparat sich 
mindestens ebenso oft bei dem Mechaniker in Reparatur befindet, 
wie bei dem Verletzten. Während der Reparatur ist der Verletzte 
seiner Gehfähigkeit stets beraubt. Es ist infolgedessen viel zweck¬ 
mäßiger — und das ist auch vom Reichsversicherungsamt an¬ 
erkannt worden — wenn der Arbeiter für seine Verrichtungen 
einen einfachen derben Stelzfuß hat. 

Bezüglich der Arme stehen die Berufsgenossenschaften auf' 
dem Standpunkt, daß ein künstlicher Arm zu irgendeiner nennens- 




Ein Beitrag zum Unterricht in der Sozialen Medizin. 303 

werten Arbeitsverrichtung nicht benutzt werden kann. Das ist 
richtig. Wir müssen zugeben, daß die Verletzten höchstens mit 
der Klammer einmal eine kleine Last tragen können. Dafür 
braucht man natürlich keinen künstlichen Arm. Aber — und aut 
diesen Unterschied möchte ich Sie aufmerksam machen -— es 
handelt sich hierbei ja nicht um die Erhöhung der Arbeitsfähigkeit, 
sondern um die Erhöhung der Erwerbsfähigkeit. Ob der Mann, 
dem der Arm verloren gegangen ist, mit dem künstlichen Arm 
irgend etwas arbeiten kann oder nicht, ist gleichgültig; aber der 
Mann gewinnt durch diese Prothese in seiner Angebotsfähigkeit. 
Wir wissen, daß auf die Laien die Verstümmelung einen ab¬ 
stoßenden Eindruck macht. Wenn wir ihn nun in die Lage setzen, 
dadurch, daß wir seinen Schaden den Laien verbergen, sich irgendwo 
eine Stellung zu beschatten, so heben wir damit seine Erwerbs¬ 
fähigkeit. 

Wie ich vorhin sagte, schließt die Pflicht zur Gewährung der¬ 
artiger Prothesen selbstverständlich die Pflicht der Instandhaltung 
dazu ein, und hieraus ergibt sich für die Praxis folgendes: Geht 
eine derartige Prothese entzwei, und verweigert die Berufs¬ 
genossenschaft die Reparatur, so ist das zweifellos eine Ver¬ 
schlimmerung in dem Zustande des Verletzten. Er ist ja nun 
nicht mehr imstande, sich fortzubewegen, und ist berechtigt, ohne 
weiteres eine Erhöhung der Rente zu beantragen. Die Schieds¬ 
gerichte pflegen auch dementsprechend zu entscheiden. Umgekehrt 
wird der Amputierte, der bis dahin vielleicht mit einer 70proz. 
Übergangsrente entschädigt wurde, sich mit einer Rente von 60 Proz. 
abfinden müssen, wenn er sich an den Gebrauch der Prothese ge¬ 
wöhnt hat. 

Nun kommt ein sehr wesentlicher Punkt: Neben dem Heil¬ 
verfahren ist dem Verletzten ein Schadenersatz zu leisten, und zwar 
entsprechend der Größe der Erwerbsminderung für die Dauer der¬ 
selben. Einmalige Entschädigung in Form eines hohen Schmerzens¬ 
geldes oder Ersatz eines etwa später zu erwarten gewesenen 
Gewinnes, wie es das BGB. kennt, gewährt das Unfallgewerbe¬ 
versicherungsgesetz nicht. Solange eine durch Unfallsfolgen hervor¬ 
gerufene Erwerbseinbuße besteht, muß auch die Rentengewährung 
weiter stattfinden. Es verschlägt dabei nichts, ob der Verletzte 
nach menschlichem Ermessen in kürzerer oder späterer Zeit den¬ 
selben Grad der Erwerbseinbuße durch andere, nicht durch den 
Unfall bedingte Ursachen erlitten hätte. Zum Beispiel bezieht ein 
alter 70jähriger Mann, der durch Arteriosklerose oder sonstige 




304 Hermann Engel, 

körperliche Leiden in absehbarer Zeit sowieso völlig erwerbs¬ 
unfähig geworden wäre, für den Unfall genau so seine Rente, wie 
ein junger Mann. Die 20jährige Witwe eines durch einen Unfall 
getöteten 70jährigen Mannes bekommt ihre Hinterbliebenenrente 
solange, wie sie lebt. Man kann also nicht etwa sagen, die Frau 
wäre, da sie einen 70jährigen Mann hatte, doch im Laute von 
etwa 5-Jahren sowieso Witwe geworden und ihr nun bloß die 
Hinterbliebenenrente auf 5 Jahre zusprechen. Nein, sie bekommt 
sie solange wie sie lebt oder bis zji ihrer Wiederverheiratung. In 
diesem Falle erhält sie eine einmalige Abfindungssumme in Höhe 
des Jahresbetrages ihrer Rente. 

Umgekehrt kann nun eine wegen bestimmter Folgen, zum 
Beispiel wegen eines Armverlustes erworbene Rente nicht nach¬ 
träglich erhöht werden, wenn der Betreffende durch irgendeinen 
anderen Unglücksfall außerhalb des Betriebes völlig erwerbsunfähig 
wird. Nehmen wir an, der Amputierte, der eine Rente von 60 Proz. 
bezieht, wird plötzlich blind, so wird er ohne weiteres völlig 
erwerbsunfähig. Da dies aber mit dem Unfall nicht in Zusammen¬ 
hang steht, so kann eine Erhöhung der Rente nicht stattfinden. 
Auch kann man keine Erhöhung der Rente beantragen, weil die 
Unfallsfolgen sich infolge des zunehmenden Alters mehr bemerkbar 
machen. Aber ich möchte hier gleich einfügen, daß wir im all¬ 
gemeinen dieselben Unfallsfolgen, wie wir sie bei der Frau schwerer 
einschätzen, als bei dem Mann, auch bei einem älteren Mann wieder 
höher einschätzen, als bei einem jüngeren Manne. Bei dem jüngeren 
Manne nehmen wir an, daß er durch seine Elastizität imstande 
ist, die ünfallsfolgen leichter zu überwinden, und daß er in einem 
weit höheren Maße noch Erwerbsgelegenheit finden kann. 

Viele ärztliche Gutachten verstoßen gegen den einfachen Grund¬ 
satz, daß die Berufsgenossenschaften lediglich für die Folgen des 
Unfalles einzutreten haben, nicht aber für Leiden, die mit dem 
Unfall außer Zusammenhang stehen. Es ist dies eine Verwechslung 
mit dem Invalidenversicherungsgesetz, wo umgekehrt bei der Ge¬ 
währung der Invalidenrente alle Schäden in Betracht kommen, die 
man bei dem Betreffenden überhaupt nur feststellen kann. Es ge¬ 
langen dabei sogar diejenigen Schäden mit in Berechnung, die 
bereits vor einer Berufsgenossenschaft entschädigt werden. Es ist 
nur die Voraussetzung, daß die Unfallrente nicht den siebenfachen 
Grundbetrag der Invalidenrente -— darüber werden wir später noch 
sprechen — übersteigt. In diesem Falle ruht die Invalidenrente. 

Wir müssen uns nunmehr noch darüber klar werden, was man 




Ein Beitrag- zum Unterricht in der Sozialen Medizin. 305 

unter einer Rente zu verstehen hat. Die Rente stellt die Ab¬ 
geltung des Schadens, der durch die geminderte Erwerbsfähigkeit 
vorhanden ist, dar. Die Renten zerfallen in Vollrenten bei völlig 
aufgehobener Erwerbsfähigkeit und Teilrenten bei teilweise ge¬ 
minderter Erwerbsfähigkeit. Die Vollrente beträgt 66 2 / 3 Proz. des 
Jahresarbeitsverdienstes, die Teilrente denjenigen Teil dieser Voll¬ 
rente, der dem Grade der vorliegenden Erwerbseinbuße entspricht. 
Es ergibt sich also, daß auch bei dem Bezug der Vollrente der 
Verletzte nicht voll entschädigt wird, sondern daß er mindestens 
ein Drittel des Schadens selbst zu tragen hat. Die Berufs¬ 
genossenschaft kommt nur für zwei Drittel auf. Eine einmalige 
Abfindung ist nur dann zulässig, wenn die Rente nicht höher als 
15 Proz. ist. Im allgemeinen gewährt die Berufsgenossenschaft den 
fünf- bis sechsfachen Jahresbetrag, und nach meiner Auffassung 
bedarf es eigentlich immer der genauen Überlegung seitens des — 
wenn wir so sagen wollen — Hausarztes des Verletzten, ob man 
ihm zu dieser Abfindung raten will. Nach meiner Erfahrung er¬ 
wächst den Leuten meistens dabei kein Nutzen. Wenn die Unfalls¬ 
folgen dauernd, sind, und man die Erwartung hat, daß der Verletzte 
länger als fünf, sechs Jahre lebt, so soll man ihm nur dazu raten, 
die Rente ruhig weiter zu beziehen. Denn Sie finden es meistens, 
daß die Leute mit den paar hundert Mark, die sie bekommen, die 
sie für eine enorme Summe halten, sich ein kleines Geschäft gründen 
und in ganz kurzer Zeit dem wirtschaftlichen Ruin verfallen. Ist 
der Mann aber einmal abgefunden, so ist eine Wiederaufnahme 
des Verfahrens, eine erneute Rentengewährung absolut aus¬ 
geschlossen. Auch wenn die Unfallsfolgen sich noch so sehr ver¬ 
schlimmern und zu einer völligen Erwerbsunfähigkeit führen. Jeder 
weitere Anspruch ist mit der Annahme der Abfindungssumme aus¬ 
geschlossen. 

Über die Hilflosenrente hatten wir vorhin gesprochen. Tritt 
als Unfallsfolge der Tod ein, so erwächst unbeschadet der voran¬ 
gegangenen Leistungen, also des Heilverfahrens und der bis dahin 
gewährten Rente, der Berufsgenossenschaft die Verpflichtung, ein 
Sterbegeld zu zahlen. Dieses entspricht dem 15. Teil des Jahres¬ 
arbeitsverdienstes, beträgt mindestens aber 50 M. 

Den Hinterbliebenen steht alsdann eine Rente zu, und zwar 
der Ehefrau und den legitimen Kindern je 20 Proz., mit der Ma߬ 
gabe, daß eine höhere Hinterbliebenenrente als insgesamt 60 Proz. 
nicht gewährt wird. Also wenn eine Frau und zwei Kinder hinter¬ 
bleiben, so wird genau dieselbe Rente gewährt, als wenn eine Frau 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 20 




306 Hermann Engel, 

mit 6 oder 10 Kindern hinterbleibt. Den unehelichen und nach¬ 
träglich nicht legitimierten Kindern des Mannes steht der Anspruch 
auf diese 20 Proz. Teilrente nicht zu, wohl aber den unehelichen 
Kindern einer verletzten weiblichen ledigen Person. 

Zu den Hinterbliebenen in diesem Sinne gehören aber auch 
— jedoch nur im Falle der Bedürftigkeit — die Verwandten in 
aufsteigender Linie und elternlose Enkel, falls der Verstorbene 
ihren Unterhalt teilweise oder überwiegend bestritten hat. Die 
Höchstgrenze dieser Rente beträgt 20 Proz.; also nicht 60 Proz., 
wie bei den Hinterbliebenen, sondern h;er nur 20 Proz. Dabei ist 
aber auch noch maßgebend, daß der Berechtigung der Enkel, die 
der Aszendenten vorangeht, und daß der Berechtigung der Aszen¬ 
denten wieder die Berechtigung der eigenen hinterbliebenen Gattin 
und Kinder vorangeht. Nur, wenn die zu gewährende Hinter¬ 
bliebenenrente weniger als 60 Proz. beträgt, können die anderen 
in einen Rentengenuß eintreten. 

Eine gleiche Rente steht den Angehörigen des Verletzten zu, 
solange er sich zwecks Vornahme des Heilverfahrens in einer Heil¬ 
anstalt befindet. 

Die Art und Weise, wie dieser Jahresarbeitsverdienst, von 
dem ich schon wiederholt sprach, ermittelt wird, ist vielen Renten¬ 
erwerbern und auch uns, bevor wir uns mit dieser Materie be¬ 
schäftigen, vollkommen unbekannt. Als Jahresarbeitsverdienst wird 
diejenige Summe angenommen, die der Verletzte während der dem 
Unfalltage vorangegangenen Zeit von einem Jahre in dem unfall¬ 
bringenden Betrieb an Lohn oder Gehalt bezogen hat. Hierbei 
kommt nun ein Betrag, der 1500 M. übersteigt, nur mit einem 
Drittel in Anrechnung. Hat also ein Verletzter — Sie finden 
diesen Lohn bei Steinträgern, Putzern usw. sehr häufig — einen 
Lohn von 2100 M., so stellt sich die Ermittlung des Jahresarbeits¬ 
verdienstes folgendermaßen: 2100 M. = 1500 M. -f- 600 M., die 
überschießenden 600 M. werden durch drei geteilt. Das sind also 
nur 200 M. Folglich ist sein anzurechnender Jahresarbeitsverdienst 
1500 M. 200 M. = 1700 M. Den Leuten ist das einfach un¬ 
verständlich, und jeder legt Berufung ein, sobald er nicht seine 
2100 M. oben auf der Berechnung der Rente angeführt findet. Es 
ist auch unsere Aufgabe, meine Herren, die Rentenerwerber in 
diesem Sinne zu belehren. 

Nun trifft natürlich die Voraussetzung, daß der Betreffende 
ein volles Jahr in dem unfallbringenden Betrieb gearbeitet hat, 
nicht immer zu. Da muß der Jahresarbeitsverdienst eines gleich- 




Ein Beitrag zum Unterricht in der Sozialen Medizin. 307 

wertigen Arbeiters aus demselben Betrieb festgestellt werden. Und 
wieder gibt es Betriebe, die erst 8 Tage eröffnet sind, wenn sieb 
bei ihnen der erste Unglücksfall abspielt. Da sind sie begreif¬ 
licherweise auch nicht imstande, den Lohn eines gleichwertigen 
Arbeiters zu berechnen. In diesem Falle hilft man sich so, daß 
man einen Nachbarbetrieb heranzieht, indem man annimmt, daß 
daselbst ungefähr die gleichen Lohnverhältnisse herrschen werden. 

Unter Umständen kann dies für den Verletzten sehr erhebliche 
materielle Nachteile mit sich führen; wenn z. B. ein Steinträger, 
der pro Tag 10—12 M. verdient, wegen Frost nicht als Steinträger 
arbeitet, sondern als ganz gewöhnlicher Arbeiter, verdient er auch 
nur einen Stundenlohn von 30 Pf. oder pro Tag 3 M. oder 3,60 M. 
Verunglückt er jetzt in diesem Betriebe, so wird nicht etwa der 
Jahresarbeitsverdienst, den er als Steinträger gehabt hat, sondern 
der, den er in der Fabrik im Momente des Unfalles gehabt hat, 
zugrunde gelegt. War er nicht ein volles Jahr da -— ich nehme 
den krassen Fall, daß er am ersten Tage verunglückt — so wird 
das Einkommen eines gleichwertigen Arbeiters aus diesem Betriebe, 
nicht aus dem früheren, herangezogen. 

Es kann die Ermittlung des Jahresarbeitsverdienstes gegebenen¬ 
falls noch anders stattfinden, indem man z. B. bei gewöhnlichen 
Tagelöhnern den 300 fachen täglichen durchschnittlichen Arbeits¬ 
verdienst berechnet. Bei einem Mann, der heute hier und morgen 
da arbeitet, wird eben das 300 fache des täglichen Arbeitsverdienstes 
herangezogen. Bei Lehrlingen, deren geringe Entlohnung ja hinter 
dem ortsüblichen Tagelohn zurückbleibt, wird der ortsübliche Tage¬ 
lohn, der von den unteren Verwaltungsbehörden festgesetzt wird, 
herangezogen, mit einzelnen Modifikationen, die ich hier nicht 
weiter anführe. Es genüge der Hin'weis, daß nicht immer das tat¬ 
sächliche Einkommen des Mannes bei der Rente berücksichtigt 
werden kann. 

Die Verpflichtung der Berufsgenossenschaft, für den Verletzten 
einzutreten, beginnt, wie wir wissen, mit dem Ablauf der 13. Woclie. 
Nun gibt es aber Verletzungen, die schon vorher völlig geheilt 
sind. Für diese tritt die Berufsgenossenschaft mit der Renten¬ 
entschädigung schon innerhalb dieser 13 Wochen ein, wenn voraus¬ 
zusetzen ist, daß die Erwerbsunfähigkeit über die 13. Woche 
hinausgeht. Und zwar geschieht dies von dem Tage an, an dem 
der Krankengeldbezug aufhört. Wenn die Unfallsfolge innerhalb 
der ersten 13 Wochen beseitigt, und die Erwerbsfähigkeit eine 
vollkommene ist — ich nehme eine ganz leichte Verletzung, die in 

20 * 




308 Hermann Engel, Ein Beitrag znm Unterricht in der Sozialen Medizin. 

8, 14 Tagen heilt — so kommt natürlich eine Rentengewährung 
überhaupt nicht in Betracht“. 

Soweit eine Yortragsstunde. 

Erfreuen sich diese Kurse auch in Zukunft des Zuspruchs der 
Hörer, so kann es nicht fehlen, daß die oft beklagte unzureichende 
Fachkenntnis der Ärzte auf dem Gebiete der staatlichen Arbeiter- 
Versicherung mehr und mehr zurücktreten wird, in erster Reihe 
zum Wohle derjenigen, denen die staatliche Fürsorge gilt, unserer 
Unfallverletzten und unserer Invaliden. 





Die moderne automatische Entleerung: der Auf- 
schließkammern in den Superphosphatfabriken. 

Von Gewerbeassessor Schultze, Kassel. 

(Mit 3 Abbildungen.) 

In den Aufschließkammern der Superphosphatfabriken werden 
die sauren Aufschließgase entwickelt. Sie bestehen aus Fluor¬ 
wasserstoffsäure, Fluorsilizium, Jodwasserstoff, Jod, Kohlensäure, 
Mangan, Chrom, Arsen und salpetriger Säure und können schwere 
Gesundheitsschädigungen der Arbeiter im Gefolge haben. Auf die 
große Gefährlichkeit der Fluorwasserstoffsäure läßt sich schon aus 
dem Umstande schließen, daß sie zu den Gasen vornehmlich an¬ 
organischer Natur und zwar zu jener Gruppe gehört, welche durch 
eine gewaltige Reizwirkung gekennzeichnet ist. Wurde sie doch 
von den alten Gewerbehygienikern als ein unatembares Gas be¬ 
zeichnet. Die von ihr erzeugten Reizwirkungen der Haut und der 
Oberfläche der Schleimhäute hat nur langsam heilende Geschwürs¬ 
bildungen zur Folge. Auch leiden die Arbeiter nach Heinzerling 
an Magen-, Darm- und Lungenaffektionen. 

Die sauren Gase wirken während des Aufschließprozesses nicht 
auf die Arbeit ein; sobald aber die Kammern für die nächste Be¬ 
schickung frei zu machen sind, müssen sie von den Arbeitern be¬ 
treten werden. Hierbei haben die letzteren unter der Hitze und 
den an ihrem Gesicht vorüberstreichenden sauren Gasen empfindlich 
zu leiden. Die hohen Temperaturen lassen sich nicht beseitigen, 
weil das Superphosphat im warmen Zustande nicht unter 100° C 
ausgefahren w r erden darf, damit der Wasserdampf in der porösen 
Ware sich nicht zu Wasser kondensieren kann. Andernfalls würde 
das Produkt naß werden und im Gehalt niedriger auskommen. Die 
sauren Gase entwickeln sich, wenn das zusammenbackende Super- 




310 Schultze, 

phosphat abgestochen und in die Tran sport Vorrichtungen geschaufelt 
wird, in so überreichem Maße, daß sie die Luft zeitweise undurch¬ 
sichtig und unatembar machen. Hierzu kommt in einzelnen Fällen 
eine große Unfallgefahr. Manchmal werden die Aufschließkammern 
so hoch angefüllt, daß der zwischen der Decke und dem Super¬ 
phosphat verbleibende Raum zu niedrig ist, um das Abstechen des 
Materials von oben zu ermöglichen. Die Arbeiter greifen dann zu 
dem gefährlichen Mittel, die oberen Teile durch Unterhöhlen der 
Berge zum Absturz zu bringen. Obgleich dieses Verfahren durch 
die Unfallverhütungsvorschriften verboten ist, wird es doch immer 
wieder in der Praxis ausgeführt und bewirkt alljährlich schwere, 
ja sogar tödliche Unfälle infolge des Herabstürzens des tiber- 
hängenden Materials. Schließlich gehören auch Verbrennungen und 
Augenverletzungen zu den häufig wiederkehrenden Unfällen. 

Geschieht das Entleeren der Aufschließkammern, wie es 
meistens der Fall ist, durch Handarbeit, so sollen sie erst betreten 
w r erden, nachdem sie genügend ausgekühlt und durch mechanisch 
betriebene Absaugevorrichtungen gründlich entlüftet worden sind. 
Während der Dauer des Aufenthaltes der Arbeiter in den Kammern 
soll die Entlüftung ununterbrochen fortgesetzt und so geregelt 
werden, daß entstehende Gase und Dämpfe durch einen kräftigen 
Luftzug dem Atmungsbereich der Arbeiter fern gehalten werden. 

Gesichtsmasken zum Schutz gegen die Einwirkung der Flu߬ 
säuredämpfe auf die Respirationsorgane und Schleimhäute zu tragen, 
erwies sich nicht als zweckmäßig, da die nicht zu vermeidende 
Transpiration der Haut und der ausgeatmete Wasserdampf die 
Gase unter der Maske zu flüssiger Fluorwasserstoffsäure absorbieren. 
Sie verletzt die Haut. Es ist daher versucht worden, nur Horn¬ 
brillen und Respiratoren oder Schwämme zu benutzen. Die 
Respiratoren wurden nach Innen mit einem trockenen Wattebausch, 
nach außen mit einem in Kalkwasser getauchten Wattetampon 
versehen, um die Gase vor dem Einatmen zu neutralisieren und zu 
absorbieren. Aber alle diese und ähnliche Bemühungen scheitern 
an dem Widerstand der Arbeiter, welche keinen Gebrauch von den 
Schutzmitteln machen. Die Brillen hindern in dem mit Dampf er¬ 
füllten Raum das Sehen und die Respirationsapparate und Schwämme 
schwächen zwar den schädlichen Einfluß der heißen Gase ab, 
machen aber das Atmen und die angestrengte Arbeit in den engen 
und heißen Räumen noch beschwerlicher. Sollen Staub und Rauch 
von der Nase und dem Munde fern gehalten werden, so muß das 
Filter genügend dick sein, damit alle festen Bestandteile mit 




Die moderne automatische Entleerung der Aufschlielikammern usw. 311 

Sicherheit zurückgehalten werden. Für diese Filtertätigkeit wird 
aber der menschlichen Lunge ein sehr bedeutender Kraftaufwand 
zugemutet, wenn sie in einer Minute 20 mal je 375 ccm Luft durch 
ein dichtes Filter saugen muß. Soll von den Arbeitern nun trotz 
der erschwerten Atmung noch Arbeit geleistet werden, so kann 
man es verstehen, wenn sie die Respiratoren überhaupt nicht oder 
nur benutzen, solange sie sich von den Vorgesetzten beobachtet 
wissen. Dieses sind die Hauptgründe, weshalb die Respiratoren, 
auf deren Ausbildung man so große Sorgfalt verwendet hat, in 
Wirklichkeit so wenig getragen werden. Die Arbeiter greifen zur 
Selbsthilfe und hängen sich Tücher vor den Mund. Auch um¬ 
wickeln sie sich die Beine mit alten Säcken zum Schutze gegen 
Brandwunden durch die heißen Massen. 

Als mit der gewaltigen Steigerung der Produktion sich die 
Klagen über die ungesunde Arbeit und die Schwierigkeiten, ge¬ 
eignete Arbeitskräfte zu erhalten, mehrten, wurde auf verschiedene 
Weise angestrebt, die Mißstände in den Aufschließkammern zu 
beseitigen. So wurde dem Zivilingenieur J. Lütjens-Hannover 
eine besondere Aufschließkammer patentiert. Der hoch liegende 
Boden derselben ist in seiner ganzen Länge mit einem Mauer¬ 
schlitz versehen, welcher durch kräftige Bohlen oder Eisenplatten 
abgedeckt wird. Unter dem Boden läuft ein Transportband. Soll 
die Kammer entleert werden, so wird die Abdeckung des Mauer¬ 
schlitzes entfernt und das Superphosphat auf das Transportband 
geschaufelt, um den weiteren Bearbeitungsmaschinen zugeführt 
zu werden. Durch gute Entlüftung der Kammer wird dafür ge¬ 
sorgt, daß die aus dem Superphosphat austretenden heißen Gase 
schnell aus dem Atmungsbereich der Arbeiter abgeführt werden. 
Außerdem gestattet die Entleerung durch den Fußboden, die 
Kammer in wesentlich kürzerer Zeit und mit viel geringerem Kraft¬ 
aufwand zu räumen, so daß die Arbeiter die Gase nicht so lange 
wie früher einzuatmen haben. Gleichzeitig ist der Raum in der 
Kammer weniger beengt, wodurch die Unfallgefahr eingeschränkt 
wird, und schließlich kann eine bessere Luftbewegung infolge des 
Schlitzes im Fußboden ermöglicht werden. Die Gesundheits¬ 
verhältnisse können weiter gebessert werden, wenn sich die in den 
Kammern tätigen Arbeiter mit denjenigen, welche die beladenen 
Wagen ausfahren, in regelmäßigen Zwischenräumen von etwa zwei 
Stunden abwechseln. 

Mit dieser Ausgestaltung der Aufschließkammer sind die Ge¬ 
fahren und Gesundheitsschädigungen zum Teil behoben, das Grund- 




312 Schultze, 

übel, daß die Kammern begangen werden müssen, bleibt aber be¬ 
stehen. Dieses kann nur wirksam beseitigt werden, wenn es 
gelingt, die Kammern mechanisch auszuräumen; Die Lösung dieses 
Problems ist durch mehrere, vollständig voneinander unabhängige 
Methoden in neuerer Zeit versucht und praktisch erprobt worden. 
Der Apparat der Anglo-Kontinentalen (vormals Ohlendorff’schen) 
Guanowerke in Hamburg, dev Chemischen Fabrik A.-G. vormals 
Moritz Milch & Co. in der Zweigniederlassung in Danzig und des 
technischen Aufsichtsbeamten der Sektion III der Berufsgenossen¬ 
schaft der chemischen Industrie, Hövermann in Hamburg, ersetzen 
die Handarbeit beim Ausräumen der Kammern durch Maschinen¬ 
kraft und beseitigen die damit verbundenen Gefahren. Außer diesen 
in der Praxis vorhandenen Apparaten ist ein von Lorenzen er¬ 
fundener Apparat, vereinigt mit Aufschließmaschine, in der Fabrik 
von Stuhr und Lorenzen in Friedrichstadt an der Eider als Ver¬ 
suchsapparat im Betriebe. Sodann ist eine Entleerungsvorrichtung 
Herrn Cyganek in Kattowitz patentiert. Diese ähnelt der Kon¬ 
struktion von Moritz Milch & Co., ist aber bisher nicht zur Aus¬ 
führung gelangt. 

Das Verfahren d e r A n g 1 o - K o n t i n e n t a 1 e n (vormals 
Ohlendorff’schen) Guano werke in Hamburg (Fig. 1). 


Fig. 1. 



Die Maschine besteht im wesentlichen aus einem in die Kammer 
hineinragenden horizontalen Ausleger. Dieser trägt nach der Art 





















































Die moderne automatische Entleerung’ der Aufschließkammern usw. 313 

der Becherwerke an einer umlaufenden Kette Kratzer, die das 
Superphosphat schichtenweise abräumen und nach außen befördern. 
Der Ausleger wird von einem kranartigen Gestell getragen uud 
kann vor der auszuräumenden Kammer hin und her bewegt werden. 
Vor der Kammer wird ein Transportband zur Aufnahme und 
Weiterbeförderung des ausgeschaufelten Superphosphats angeordnet. 
Soll die Kammer entleert werden, so wird eine an der vorderen 
Wand der Kammer befindliche Tür in die Höhe gezogen und der 
Ausleger an dem oberen Teile der Kammer eingeführt. Er wandert 
auf dem Superphosphat hin und her, trägt das Material schichten¬ 
weise ab und befördert es nach außen. Ist die Kammer aus¬ 
geräumt, so wird der Ausläufer mittels einer Winde in die Höhe 
gezogen und der in einer drehbaren Plattform ruhende Kran ge¬ 
dreht, so daß er aus der Kammer herausgezogen werden kann. 
Er wird dann vor die nächste Kammer gefahren. Die seitliche 
Bewegung und das Senken des Kratzers geschehen automatisch. 

Die Maschine leistet, je nachdem geeignete Transport¬ 
vorrichtungen für die Weiterbeförderung des ausgeräumten Materials 
vorhanden sind, 10—40 t in der Stunde, so daß mehrere Kammern 
mit Leichtigkeit an einem Tage ausgeräumt werden können. Die 
Ausführung der Maschine ist der Metallurgischen Gesellschaft in 
Frankfurt a. M. übertragen. 

Das Verfahren der chemischen Fabrik A.-G vormals 
Moritz Milch & Co., Zweigniederlassung Danzig. Der Apparat 
(Fig. 2) gleicht einer trommelförmigen, fahrbaren Reaktionskammer. 


Fig. 2. 




















































































































































































Schultze, 


314 


Diese ist an dem einen Ende mit einem eingenieteten eisernen, an 
dem anderen mit einem abnehmbaren hölzernen Deckel versehen. 
Ferner hat sie einen oberen und einen unteren Schlitz. Der erstere 
ist stets offen, der letztere durch leicht lösbare Bohlen geschlossen. 
Ist der Superphosphatbrei aus dem Mischtrichter in die Trommel 
abgelassen und nach Ablauf von 2—3 Stunden erstarrt, so werden 
die Bohlen und der Holzdeckel entfernt und der nur noch von der 
Trommelwandung umgebene Superphosphatblock gegen ein rotierendes 
Messer bewegt, welches das Superphosphat je nach der Ge¬ 
schwindigkeit der Kesselbewegung und des rotierenden Messers 
aus dem Apparat herausschneidet. Dasselbe fällt durch den unteren 
Schlitz in eine beliebige Transportvorrichtung und kann, soweit es 
notwendig ist, gesiebt und schließlich zum Lager geführt werden. 
Der Rücklauf der Trommel erfolgt, indem die Antriebs Vorrichtung 
in die entgegengesetzte Umdrehung versetzt wird. Während der 
Apparat gefüllt und geleert wird, ist ein Ventilator im Betriebe, 
der für möglichste Erneuerung der Luft sorgt. 

Wird der Apparat des Abends gefüllt und folgende Zeit¬ 
einteilung angenommen: 

1. Beginn der Arbeit am Morgen mit dem 
Entfernen der Verschlußdeckel und Vor¬ 
bereitung zum Herausschneiden 

2. Herausschneiden des Superphosphates 

3. Zurückfahren des Apparates und Ver¬ 
schließen zu einer neuen Operation 

4. Aufschließen der Phosphate bei gleich¬ 
zeitiger Füllung des Apparates 

5. Erhärten des Superphosphates im Apparat 


30—45 Minuten 
30—45 „ 

30—45 

90—120 „ 

150—180 „ 


zusammen 330—435 Minuten 
oder 5 x / 2 —7 x / 4 Stunden, 


so können mit einem Apparat von 2,75 m Durchmesser und 6 m 
Länge 30000 kg Superphosphat fertig zerkleinert in 8 Stunden 
hergestellt werden. In 24 Stunden lassen sich bequem 3 Operationen, 
entsprechend einer Produktion von 90000 kg, ausführen. 

Das Verfahren des technischen Aufsichtsbeamten 
G. Hövermann in Hamburg (Fig. 3). Die gemauerte Kammer 
ist abweichend von der bisher üblichen viereckigen Form rund 
ausgestaltet. An einer Seite ist sie mit einer Öffnung versehen, 
deren Breite ungefähr einer Tür entspricht, und deren Höhe die 
zulässige Füllmarke etwas übersteigt. In die Mitte der Kammer 





Die moderne automatische Entleerung der Aufschließkammern usw. 3 15 

reicht eine senkrechte, in ihrer Höhenlage verstellbare Welle mit 
mehreren pflugartig gestalteten Messern hinein. Ehe die Kammer 
gefüllt wird, wird der Verschluß der seitlichen Öffnung soweit in die 


Fig. 3. 



Kammer hineingeschoben, daß sich ein Kanal in der einzuleitenden 
Superphosphatmasse abformen kann. Ist die Masse eingelassen und 
gutartig, so wird zunächst das Verschlußstück ein wenig über den 
inneren Rand der Kammer zurückgezogen, damit der abgedrückte 










































































































































Schultze, 


316 

Kanal freigegeben wird. Alsdann wird der Ausräunier auf die 
Oberfläche, der Masse gesenkt und unter fortwährender Drehung 
allmählich tiefer geschraubt. Das auf diese Weise in dünnen 
Schichten abgeschälte Superphosphat wird dann durch eine ge¬ 
eignete Stellung der Messer schraubenförmig zu dem Entleerungs¬ 
kanal geführt, durch den es auf ein Transportband fällt, um an 
den gewünschten Ort geführt zu werden. Dadurch, daß die 
Kammern vollständig abgeschlossen sind und für eine ausreichende 
Belüftung gesorgt ist, wird vermieden, daß Gase in die Arbeits¬ 
räume austreten. Der Apparat wirkt gleichzeitig als Trocken¬ 
apparat, weil die abgetrennten Teilchen allmählich und spiralförmig 
zu dem Ableitungskanal geführt werden. Sie werden daher ab¬ 
gedampft und nach Art einer Darre einem Trockenprozeß unter¬ 
worfen, der durch den Einfluß des Exhaustors gefördert wird. 

Mit dem Apparat ist ein weiteres Patent auf eine „Rundbahn“ 
verbunden. Diese besteht aus einer Schnecke mit anschließendem 
Elevator, welche das gemahlene Rohphosphat dem Rumpf einer 
automatischen Abwägevorrichtung zuführt und einer mechanisch 
betriebenen Hängebahn,, die das fertige Produkt weiter führt. 
Werden zwei nebeneinander liegende Kammern abAvechselnd be¬ 
schickt und ausgeräumt, so können, wenn nur Tagesbetrieb ein¬ 
geführt ist, 400 000 Ztr., bei Tag- und Nachtbetrieb 800 000 Ztr. 
täglich hergestellt werden. 

Die Anlage führt die Maschinenfabrik M. Ehrhardt A.-G. in 
Wolfenbüttel aus. Von derselben ist eine vollständige Anlage mit 
patentierter Rundbahn in der chemischen Fabrik von Stackmann 
und Retschy in Lehrte vor einiger Zeit dem Betriebe übergeben 
worden. Eine weitere Anlage kommt in allernächster Zeit in der 
chemischen Fabrik Union in Glienken bei Stettin zur Aufstellung. 

Die Vorzüge der drei mechanischen Entleerungsapparate lassen 
sich wie folgt zusammenfassen: 

1. Auf hygienischem Gebiet: 

Eine gesundheitsschädliche Arbeit in den Kammern, hervor¬ 
gerufen durch Einatmung saurer Gase und durch Verbrennungen 
der Arbeiter wird beseitigt. Ein Verschütten der Arbeiter durch 
herabfallende Superphosphatmassen ist ausgeschlossen. 

2. Auf wirtschaftlichem Gebiet: 

Das Verfahren leistet eine vollständige Unabhängigkeit von 
einer Anzahl Arbeiter, welche bisher beim Entleeren der Kammern 
beschäftigt waren. Dieses ist um so wichtiger, als geeignete 




Die moderne automatische Entleerung der Auf Schließkammern usw. 317 

Arbeitskräfte für die häßliche und gefährliche Entleerungstätigkeit 
nicht immer zu haben sind. 

Die Ersparnisse an Arbeitslohn sind beträchtlich, weil zur Be¬ 
dienung des Apparates auch bei der größten Produktion ein Arbeiter 
genügen soll. Eine weitere Zerkleinerung des Superphosphates ist 
nicht erforderlich, weil dasselbe die Kammern genügend zerkleinert 
verläßt. Es kann, nachdem es gesiebt worden ist, sofort zum Lagei 
gebracht werden. 





Die Abnahme der Tuherlailosesterhliclikeit in den 
einzelnen Regierungsbezirken Preußens während 
der Jahre 1886—1905 und ihre Ursachen. 

Von Kreisarzt Dr. Hillenberg, Springe. 

(Mit 1 Kurve.) 

Als der Vortrag des verdienten Tuberkuloseforschers B. F r än ke 1 
über „die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit und ihre Ursachen“, 
gehalten in der Berliner medizinischen Gesellschaft am 4. März v. J., 
in der Berliner Klinischen Wochenschrift, Nr. 12, 1908, erschien, 
war Verfasser bereits seit mehr denn Jahresfrist mit statistischen 
Erhebungen über das gleiche Thema beschäftigt; da die Arbeit zu 
weit vorgeschritten war, um sie nun abzubrechen, wurde sie trotz 
der Veröffentlichung des genannten Autors zu Ende geführt, indem 
dabei zugleich der Zweck einer Vergleichsmöglichkeit des dies¬ 
seitigen Ergebnisses mit dem Fränkel’s erstrebt wurde. Wenn 
Verfasser sich nun im folgenden die Veröffentlichung des erhaltenen 
Resultates gestattet, so geschieht dies hauptsächlich aus dem 
Grunde, weil das letztere in einigen Punkten von demjenigen 
Fränkel’s ab weicht. 

Was die Art der Berechnung selbst anlangt, so wurde, um 
etwaige stärkere Schwankungen der Tuberkulosemortalität am 
Anfang und Ende der Beobachtungszeit wenigstens einigermaßen 
auszugleichen, der 3jährige Durchschnitt der Jahre 1886/88 uud 
1903/05 gewählt; man erhält hierbei natürlich etwas anders lautende 
Resultate, als wenn man lediglich die Anfangs- und Schlußziffern 
in Vergleich zueinander setzt, dieselben dürften jedoch der prak¬ 
tischen Verwertbarkeit ein wenig mehr entsprechen als im letzteren 
Fall. — Wenn ferner die einzelnen Regierungsbezirke bei 
dieser Arbeit in den Vordergrund gestellt sind, so erfolgte dies, 




Die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit in den einz. Regierungsbez. usw. 319 

um klarer erkennen zu lassen, wo in Zukunft noch mehr als bisher 
gegen die Tuberkulose vorgegangen werden muß. 

Wie aus den Tabellen am Schluß zu entnehmen ist, hat die 
Tuberkulosesterblichkeit in den genannten 20 Jahren in allen 
Regierungsbezirken abgenommen mit alleiniger Ausnahme von 
Sigmaringen, wo dieselbe in den Städten eine Zunahme von 
2,32 Proz. erfahren hat. Im übrigen ist die Abnahme eine außer¬ 
ordentlich verschieden große: sie schwankt in den Städten zwischen 
3,91 Proz. (Reg.-Bez. Hildesheim) und 61,55 Proz. (Reg.-Bez. Arns¬ 
berg), hinsichtlich des Landes zwischen 4,82 Proz. (Reg.-Bez. Königs¬ 
berg) und 56,63 Proz. (Reg.-Bez. Arnsberg). Dieser letztere 
Regierungsbezirk verdient also den Lorbeer, indem in ihm die 
Tuberkulosesterblichkeit um 59,09 Proz. zurückgegangen ist, wahr¬ 
lich ein hocherfreuliches Ergebnis, wobei allerdings nicht zu über¬ 
sehen ist, daß er mit einer recht hohen Anfangsverhältnisziffer 
(45,6 für Stadt, 40,5 für Land) auf den Schauplatz tritt, während 
dieselbe für Hildesheim eine mittlere, für Königsberg-Land eine 
recht niedrige ist (14,5). — Daß der Osten und Westen sehr un¬ 
gleich an dem Rückgang der Schwindsuchtssterblichkeit beteiligt 
sind, ist ja bekannt; es sei erlaubt, hier noch einmal die dies¬ 
bezüglichen Ziffern kurz anzuführen: In den 13 östlichen 
Regierungsbezirken — Potsdam nicht mitgerechnet — beträgt die 
durchschnittliche Abnahme der allgemeinen Sterblichkeitsziffer 
in den Städten 14,50 Proz., auf dem Lande 13,55 Proz., diejenige 
für Tuberkulose 22,30 bzw. 21,96 Proz. In den 13 westlichen 
Provinzen — Osnabrück bis Sigmaringen — hat die Sterblichkeit 
überhaupt abgenommen: in den Städten im Durchschnitt um 
20,92 Proz., auf dem Lande um 18,15 Proz., diejenige an Tuberkulose 
um 40,54 bzw. 43,99 Proz., also letztere um fast das Doppelte wie 
im Osten. Besonders eklatant springt im Westen noch das Über¬ 
wiegen der Tuberkulosemortalitätsverringerung gegenüber dem 
Rückgang der allgemeinen Sterblichkeit in die Augen. 

Während nun ferner für die Städte des Ostens die Ab¬ 
nahme der Sterbeziffer für Schwindsucht diejenige für ländliche 
Bezirke noch ein wenig überragt, ist das umgekehrte Verhalten 
für den Westen festzustellen: hier übertrifft das Land um 3,45 Proz. 
die Städte. Für den gesamten Staat ist dementsprechend die Ab¬ 
nahme der Schwindsuchtssterblichkeit auf dem Lande im Durch¬ 
schnitt eine größere als in den Städten: hier beträgt sie 30,45 Proz., 
dort 32,34 Proz. Es dürfte demnach nicht zutreffend sein, wenn 
Fränkel sich gegenteilig dahin äußert: „Es läßt sich aus den 




320 


Hillenberg, 


Tabelle 



Auf 1000 Lebende 

sind 

Auf 10000 Lebende sind an 


gestorben im 

Durchschnitt 

Tuberkulose 

gestorben im 



der Jahre 


Durchschnitt der Jahre 

Regierungsbezirke 


« 








Stadt 

Land 

Stadt 

Land 


86/88 

03/05 

86/88 

03/05 

86/88 

03/05 

86/88 

03/05 

Königsberg .... 

29,6 

25,4 

28,5 

27,2 

24,0 

20,4 

14,5 

13,8 

Gumbinnen .... 

26,4 

23,4 

30,7 

28,4 

24,0 

16,7 

19,1 

15,3 

Danzig. 

29,6 

24,3 

27,9 

24,2 

24,6 

19,0 

14,3 

11,9 

Marienwerder.... 

27,4 

22,3 

28,3 

22,3 

27,0 

18,0 

13,4 

11,3 

Potsdam. 

28,0 

17,5 

27,0 

19,1 

25,2 

12,4 

22,0 

14,6 

Frankfurt a. 0. . . . 

27,7 

21.0 

25,4 

21,6 

27,7 

22,2 

21.8 

15,4 

Stettin. 

27,0 

23,6 

24,0 

21,3 

24,9 

20,9 

18,3 

15,3 

Köslin. 

27,0 

22,3 

23,9 

18,5 

23,6 

20,1 

16,1 

12,2 

Stralsund. 

27,8 

26,1 

22,5 

21.0 

30,2 

25,6 

20,1 

17,5 

Posen. 

27,0 

23,6 

25.3 

21,0 

28,5 

22,0 

21,0 

14,8 

Bromberg. 

28,2 

23,6 

28,2 

23.7 

24,2 

19,5 

18,0 

14,6 

Breslau. 

31,0 

25,2 

30,1 

27’5 

43,4 

32,4 

29,6 

18,6 

Liegnitz. 

29,8 

23,4 

30.6 

25,5 

30,6 

23,4 

20,9 

13,9 

Oppeln. 

26,8 

24,3 

28,0 

24,7 

35,2 

24,3 

28,0 

19,7 

Magdeburg .... 

26,8 

21,2 

25,1 

20,5 

26,5 

19,6 

22,4 

15,2 

Merseburg. 

26,6 

21,2 

25,8 

21,4 

22,6 

18,1 

17,7 

11,8 

Erfurt. 

23,8 

18,8 

25,4 

20,3 

26,8 

18,4 

25,7 

18,1 

Schleswig. 

24,5 

17,9 

20,4 

16,3 

35.7 

18,0 

27,1 

14,7 

Hannover . • . . . . 

24,0 

17,5 

23,3 

18,3 

33,8 

20,3 

32.9 

22,2 

Hildesheim .... 

24,8 

18,8 

24.2 

18,8 

23,9 

23,0 

26,3 

19,4 

Lüneburg. 

24,0 

18,9 

21,8 

17,0 

27,5 

21,1 

28,3 

15,5 

Stade . 

20,0 

17,1 

22,3 

18,1 

30,5 

13,8 

36,1 

21,0 

Osnabrück. 

23,6 

19,0 

21.3 

17.6 

44,0 

23,0 

45,1 

28,3 

Aurich. 

21,6 

15,7 

19,8 

16,9 

25,9 

17,1 

30.6 

23,2 

Münster. 

27,1 

22,5 

22.8 

20,7 

57,7 

28,9 

42,9 

24,8 

Minden . 

22,5 

16,2 

23,4 

l”7,9 

37,8 

19,8 

41,5 

23,2 

Arnsberg. 

25,4 

23,1 

22,7 

17,8 

45,6 

18,8 

40.5 

17,6 

Kassel. 

24,1 

18,1 

25,0 

17,8 

32,7 

22,7 

27,2 

18,2 

Wiesbaden. 

20,8 

17,2 

23,3 

17,8 

35,5 

22,5 

40,5 

22,0 

Koblenz. 

23,1 

18,6 

23,7 

19,2 

37,0 

21,3 

41,1 

18,8 

Düsseldorf. 

24.1 

17,6 

24.1 

19.8 

41,7 

20,5 

43,5 

21,4 

Köln. 

27,5 

20,4 

26,8 

21'2 

42.4 

23,4 

52,4 

23,1 

Trier. 

22.5 

18,6 

23,4 

19,7 

33,9 

21,5 

37,3 

19,7 

Aachen. 

24,4 

19,6 

24,2 

20,9 

33,9 

17,8 

39,2 

19,4 

Sigmaringen .... 

25,5 

24,4 

24,2 

21,9 

28,5 

29.1 

27.9 

21,6 

Ganzer Staat.... 










auf 10000 Lebende berechneten Verhältniszahlen ersehen, daß die 
Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit in den Städten größer ist 
(1906:1886 15,74) als auf dem Lande (1906:1886 13,40).“ Zu¬ 
treffend ist freilich, daß die absolute Differenz für die Städte 
diejenige für die Landgemeinden überragt; es ist jedoch nicht 
beachtet, daß dieselbe nicht die wirkliche Abnahme angibt; so 






































Die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit in den einz. Regierungsbez. nsw. 321 


I. 


Die allg. Sterblichkeitsziffer der 
Jahre 86/88 hat abgenommen 
gegen 03/u5 

Die Tuberkulosesterblichkeit der 
Jahre 86/88 hat ab genommen 
gegen 03/05 

Das gleiche 
Stadt und 
Land 

zusammen 

Si 

absol. 

tadt 

in Proz. j 

L 

absol. 

and 

in Proz. 

Si 

absol. 

;adt 

in Proz. 

L 

absol. 

and 

in Proz. 

4.2 

14,18 

1,3 

4,57 

3,6 

15,00 

0,7 

4,82 

9,91 

3.0 

11,36 

2.3 

7,49 

7,3 

30,41 

3,7 

19,37 

24,89 

1,9 

6,44 

3,7 

13,26 

5,6 

22,76 

2,3 

14,26 

18,51 

5,1 

18,54 

2,7 

9,54 

9,1 

33.54 

2,1 

15,71 

24,62 

10,5 

37,62 

5.9 

29,35 

12,8 

50,23 

7,4 

33,64 

41,93 

6,6 

23,98 

3,7 

14,72 

5,5 

19,98 

6,4 

29,31 

24,64 

3,4 

12,72 

2,7 

11,13 

4,0 

15,95 

3,0 

16,39 

16,17 

4,6 

17,18 

5,4 

36,40 

3,5 

14,71 

3,9 

24,22 

19,46 

1,7 

6,00 

1,5 

6,67 

2,2 

15,33 

2,9 

12,62 

13.97 

3,4 

12,72 

4,0 

16,97 

6,5 

22,92 

6,5 

29,41 

26,16 

1,2 

16,09 

5,5 

19,48 

4,7 

19,28 

3,3 

18,55 

lS,91 

5.8 

18,80 

2,9 

8.64 

11,1 

25,48 

11,0 

37.23 

31,35 

6,4 

21,45 

5.1 

16,68 

7,2 

23,61 

7,1 

33(76 

28,68 

1,4 

9,09 

3i3 

10,60 

10,7 

31,03 

8,4 

29,84 

30,43 

5,6 

20,83 

4,6 

17,36 

6,9 

26,01 

7,2 

32,04 

29,02 

5,4 

20,30 

4,1 

15,13 

4,5 

20,03 

5,9 

33,15 

26,59 

5.0 

20,90 

5,1 

20,08 

8,4 

31,38 

7,6 

29,61 

30,49 

e;9 

26,98 

4,2 

20,36 

18,7 

49,53 

12,4 

45,63 

47,58 

6,5 

27,18 

4,9 

23,64 

i 13,5 

39,90 

10,7 

32,52 

36,21 

6.0 

24,30 

5,4 

22,45 

0,9 

3,91 

6,9 

26,11 

15,01 

5,4 

7,09 

4,8 

21,87 

6,0 

23,15 

12,8 

33.81 

28,48 

4,8 

22.00 

4,2 

18,71 

16,7 

54,81 

15,1 

41,77 

48,29 

5,0 

19,61 

3,8 

17,66 

24,3 

47,09 

16,8 

37,20 

42,44 

5,9 

27,47 

2,9 

14,81 

8.9 

34.19 

7,4 

31,73 

32,96 

4,6 

17,10 

2,1 

9,20 

1 28,8 

49,91 

18,1 

42,24 

46,07 

13.0 

27,96 

5,5 

23,50 

i8,o 

47,66 

18,3 

44,13 

45,89 

5,6 

22,08 

4,9 

21,44 

1 26,8 

6' ,55 

22.9 

56,63 

59,' 9 

6,1 

25,35 

7,3 

29,03 

10,0 

30,51 

8;9 

32,88 

31,69 

3.6 

17,31 

5,5 

23.57 

9,3 

36,47 

18,6 

45, f 6 

41,11 

4,5 

19,45 

4,5 

19,13 

15,7 

42,34 

22,3 

54(22 

48,28 

6,5 

26,87 

4,3 

17,70 

21,3 

50,96 

22,1 

50,73 

50,84 

7,0 

25,61 

6,7 

21,12 

19,0 

44,81 

29,3 

55,94 

50,37 

3,9 

17,31 

3,7 

15,79 

12,4 

36,61 

17,6 

47,27 

41,94 

5,5 

21,81 

3,3 

13,52 

15,6 

46,75 

19,8 

50,55 

48,65 

1,0 

4,06 

2,3 

9,63 

1+0,6 

+•",32 

6.3 

22,67 

20,35 


18,00 

| 

16,33 


30,45 


32,34 

31,39 


liefert das prozentuale Abnahmeverhältnis auch bei den Fränhei¬ 
schen Zahlen das umgekehrte Resultat: Abnahme für die Städte 
44,33 Proz., für das Land 46,84 Proz. (nur die Anfangs- und End¬ 
zahl gerechnet!). Es beträgt also die Differenz zugunsten des 
Landes nach Fränkel +- 2,öl Proz., nach den diesseitigen Fest¬ 
stellungen +- 2,0 Proz. (genau 1,98 Proz.). Diese höhere Abnahme 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 21 

















































322 Hillenberg. 

auf dem Lande ist um so bemerkenswerter, als die Allgemein¬ 
sterblichkeit in den 20 Jahren in den Städten sich etwas mehr 
als in den Landbezirken verringert hat: 18,00 Proz.: 16,33 Proz. 

Welche Ursachen für die größere Abnahme auf dem Lande 
gegenüber der Stadt in Frage kommen, ist nicht leicht zu be¬ 
antworten. Im allgemeinen pflegt man anzunehmen, daß auf dem 
Lande bei dem geringeren Verständnis der Bewohner für die 
sanitären Aufgaben der Jetztzeit die Besserung der Gesundheits¬ 
verhältnisse im Vergleich zu den diesbezüglichen Fortschritten der 
Städte nicht gleichen Schritt gehalten hat, was ja auch aus dem 
etwas stärkeren Rückgang der Allgemeinsterblichkeit in den 
letzteren hervorgeht. Bedeutungsvoll ist nur, daß, wie aus den 
vorliegenden Daten erhellt, die sanitäre ländliche Rückständigkeit 
entweder nicht so erheblich sein kann, als der landläufigen An¬ 
nahme entspricht, oder daß dieselbe nicht die Bedeutung besitzt, 
welche ihr von den Hygienikern beigelegt wird, oder schließlich 
daß anderweitige günstige Momente sie fast völlig ausgleichen 
müssen, da sowohl im Osten wie im Westen die durchschnittliche 
Abnahme der allgemeinen Sterblichkeitsziffer des Landes in den 
Jahren 1886—1905 hinter derjenigen für die Städte nur um ein 
geringes zurückbleibt: im Osten um 0,95, im Westen um 2,77 Proz. 
Daß nun gar die verbreitetste und verheerendste aller Volksseuchen, 
die Tuberkulose, auf dem Lande eine stärkere durchschnittliche 
Abnahme erfährt als in den Städten, scheint selbst unter Berück¬ 
sichtigung des Umstandes, daß die Tuberkulosesterblichkeit von 
vornherein auf dem Lande eine geringere als in den Städten war, 
dafür zu sprechen, daß auch die ländliche Bevölkerung den Be¬ 
lehrungen und Aufklärungen der Ärzte ein williges, verständnis¬ 
volles Ohr geliehen, oder mit anderen Worten, daß die unsterbliche 
Großtat Koch’s und die ein neues, von edelsten Zielen erfülltes 
Zeitalter der Humanität, eine vorher nie gekannte Ära weitest¬ 
gehender staatlicher Fürsorge für die große Masse der wirtschaft¬ 
lich Schwachen und Invaliden heraufführende kaiserliche Botschaft 
ihre Segnungen bis in die entfernteste, einsamste Hütte auch des 
flachen Landes getragen hat. 

Prüft man die einzelnen Regierungsbezirke auf die Abnahme 
der Tuberkulosemortalität im Vergleich zum Durchschnitt für den 
ganzen Staat (Stadt: 30,45, Land: 32,34 Proz.), so kann man kurz 
sagen, daß hinsichtlich der Städte alle östlichen Bezirke — mit 
Ausnahme von Potsdam — unter dem letzteren, alle rein west¬ 
lichen — mit Ausnahme von Sigmaringen — über demselben 





Die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit in den einz. Regierungsbez. usw. 323 

stehen. Von den in der Mitte liegenden Bezirken: Potsdam, 
Magdeburg, Merseburg, Erfurt, Schleswig, Hannover, Hildesheim, 
Lüneburg, Stade liegen unter dem Durchschnitt: Magdeburg 
(26,01 Proz.), Merseburg (20,03 Proz.), Hildesheim (3,91 Proz.), Lüne¬ 
burg (23,15 Proz.); über demselben Potsdam (50,23 Proz.), Schleswig 
(49,53 Proz.), Hannover (39,90 Proz.), Stade (54,81 Proz.), Erfurt 
(31,38 Proz.). Hinsichtlich der Landbezirke liegen über der 
Durchschnittsabnahme für den Staat (32,34 Proz.), von den öst¬ 
lichen Reg.-Bezirken: Breslau mit 37,23 Proz. und Liegnitz mit 
33,76 Proz., von den westlichen: sämtliche bis auf Aurich mit 
31,37 und Sigmaringen mit 22,67 Proz. Von den mittleren 
Bezirken stehen unter jenem: Magdeburg (32,04 Proz.), Erfurt 
(29,61 Proz.) und Hildesheim (26,10 Proz.). — Die nachstehende 
Tabelle gibt eine Übersicht über die prozentuale Abnahme der 
Mortalität von Stadt und Land zusammen: 


Arnsberg 

59,09 Proz. 

Wiesbaden 

41,11 

Proz. 

Gumbinnen 

24,89 

Proz. 

Düsseldorf 

50,84 

17 

Hannover 

36,21 

11 

Frankfurt a. 0. 

24,64 

n 

Köln 

50,37 

11 

Aurich 

32,96 

n 

Marienwerder 

24,62 

n 

Aachen 

48,65 

11 

Kassel 

31,69 

11 

Sigmaringen 

20,35 

n 

Stade 

48,29 

11 

Breslau 

31,35 

n 

Köslin 

19,46 

17 

Koblenz 

48,28 

>5 

Erfurt 

30,19 

11 

Bromberg 

18,91 

11 

Schleswig 

47,58 

n 

Oppeln 

30,43 

n 

Danzig 

18,51 

n 

Münster 

46,07 

T ) 

Magdeburg 

29,02 

n 

Stettin 

16,17 

n 

Minden 

45,89 

11 

Liegnitz 

28,68 

n 

Hildesheim 

15,01 

11 

Osnabrück 

42,44 


Lüneburg 

28,48 

n 

Stralsund 

13,97 

11 

Trier 

4f,94 

n 

Merseburg 

26,59 

11 

Königsberg 

9,91 

17 

Potsdam 

4f,93 

n 

Posen 

26,16 

n 





Daß der Osten der Monarchie so sehr viel weniger an dem 
Rückgang der Schwindsuchtssterblichkeit beteiligt ist als der 
Westen, liegt zweifellos daran, wie auch schon F r ä n k e 1 
hervorgehoben, daß die soziale Lage, überhaupt der ganze Standard 
of life, sich in letzterem infolge des ungeheuren Aufschwungs der 
Industrie außerordentlich mehr gehoben hat als in dem größten 
Teil des Ostens. — Bei der unermüdlichen wirtschaftlichen und 
geistigen Pionierarbeit, die in immer verstärktem Maße in großen 
Teilen des Ostens durch westliche Kulturelemente geleistet wird, 
steht zu hoffen, daß auch hier mit der Zeit das materielle, sittliche 
und intellektuelle Niveau der arbeitenden Bevölkerung immer mehr 
in die Höhe geführt, und sich hiermit ein entsprechend stärkerer 
Rückgang der Tuberkulosemortalität verbinden wird. 

Es sei mir nunmehr erlaubt, noch mit einigen Worten auf die 
Ursachen der Abnahme der Tuberkulosemortalität einzugehen, 

2t* 





324 Hillenberg, 

welch letztere, so erfreulich und bedeutungsvoll sie ist, nach den 
diesseitigen Untersuchungen doch nicht so erheblich sich zeigt, als 
sie neuestens angegeben wird. — Frankel macht mit vollstem 
Recht zwei gewissermaßen klassische Momente für dieselbe namhaft: 

1. Die Entdeckung des Erregers der Tuberkulose und die 
hiermit in Zusammenhang stehende spezifische Bekämpfung 
derselben ; 

2. die staatliche Pflichtkrankenversicherung mit der durch sie 
herbeigeführten Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiter¬ 
bevölkerung. 

Zu den spezifischen Bekämpfungsmaßnahmen rechnet er einmal 
diejenigen, welche als allgemein prophylaktische Maßregeln 
von Bedeutung sind, d. h. Unschädlichmachung des Auswurfs, 
Isolierung der Erkrankten usw.; sodann diejenigen, welche auf die 
Heilung der Schwindsüchtigen gerichtet sind. Unter den letzteren 
mißt er den Heilstätten eine große Bedeutung bei und schließt 
auf den hohen Wert derselben besonders aus dem Umstande, daß 
gerade im Jahre 1906, nachdem in den Jahren vorher ein Still¬ 
stand in der Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit unverkennbar 
eingetreten, ein erneutes deutliches Absinken derselben zu kon¬ 
statieren ist. Dieses Faktum erklärt er damit, daß gegenüber dem 
Jahre 1892, dem ungefähren Anfang der Heilstättenbewegung, im 
Jahre 1907 sehr viel mehr Volksheilstätten, Privatsanatorien, 
Kinderheilstätten den Kranken zur Verfügung standen als im erst¬ 
genannten Jahre. Daß dieser Auffassung von der Rolle der Heil¬ 
stätten gerade in der letzten Zeit von verschiedenen Seiten scharf 
entgegengetreten worden ist (Grotjahn, Cornet u. a.), ist be¬ 
kannt. Ohne mich auf die diesbezüglichen Auseinandersetzungen 
hier näher einzulassen, darf ich lediglich vom statistischen Stand¬ 
punkt ans der Frage ein wenig näher treten. Aus der Tatsache, 
daß vom Jahre 1886 ab die Tuberkulosesterblichkeit, für ganz 
Preußen berechnet, eine längere Reihe von Jahren hindurch von 
Jahr zu Jahr ständig und ziemlich gleichmäßig abgenommen hat, 
bis im Jahre 1902 ein gewisser Stillstand gleichsam infolge von 
Erschöpfung der treibenden Kräfte eingetreten, — vgl. die neben¬ 
stehende, der Arbeit von Geli.-Rat Fränkel entlehnte, Kurve — 
ist m. E. zunächst der Schluß zu ziehen, daß von Anfang an 
ein oder mehrere Faktoren in relativ gleichmäßiger Weise für den 
stetigen Rückgang von ursächlicher Bedeutung waren; welche 
Faktoren es gewesen sind, ist ja bekannt. Wäre nuirin irgend¬ 
einem Abschnitt der Beobachtungszeit ein neues wirksames 




Die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit in den einz. Regierungsbez. usw. 325 


Moment zu den bisherigen hinzugekommen, so hätte sich dieses 
Hinzutreten durch eine sehr bald einsetzende verstärkte Ab¬ 
nahme der Tuberkulosesterblichkeit m. E. zweifellos bemerkbar 



machen müssen. Ist dies in Wirklichkeit in nicht zu verkennender 
Weise der Fall? — Wenige Jahre nach Auffindung des Tuberkel¬ 
bazillus und Inaugurierung der sozialen Gesetzgebung sehen wir 
unter dem Einfluß dieser beiden Faktoren die Tuberkulose¬ 
sterblichkeit eklatant sinken: man lernte eben sehr bald, auf der 
einen Seite mit dem tuberkulösen Sputum und den Tuberkulösen 
selber in richtiger Weise umzugehen, auf der anderen Seite die 
Wohltaten des Gesetzes im Erkrankungsfall sich nutzbar zu machen, 
d. h. seine letzten Kräfte nicht in der Arbeit für die Familie her¬ 
zugeben, sondern sich beizeiten ärztlichen Beistand und Hilfe zu 
sichern, durch Einstellen der Arbeit, das ja nicht mehr mit völliger 
Brotlosigkeit identisch war wie ehedem, die gesunkenen Kräfte zu 
heben, das Leiden womöglich zu heilen. — Da kam Anfang der 
neunziger Jahre die Heilstättenbewegung in Fluß, die unter 
der Ägide einflußreichster Förderer mehr und mehr an Boden ge¬ 
wann, indem durch sie nicht nur der einzelne Arbeiter für 
kürzere oder längere Zeit im Zustand der Erwerbsfähigkeit er- 














326 Hillenberg, 

halten bzw. in denselben zurückgebracht werden konnte, sondern 
auch „eine ersprießliche spezifische Prophylaxe für die Allgemeinheit“ 
erreicht Werdern sollte. Gesetzt den Fall, die Wünsche und Ziele, 
die man mit der Heilstättenfrage verbunden, hätten sich in dem 
erhofften Umfang verwirklicht, so hätte sich m. E. der Effekt doch 
unleugbar darin manifestieren müssen, daß mindestens von der 
Mitte oder dem Ende des verflossenen Jahrhunderts an ein er¬ 
höhtes Zurückgehen der Tuberkulosemortalität zu erkennen wäre, 
bzw. daß der Rückgang derselben in dem zweiten Jahrzehnt unserer 
Beobachtungsperiode zum wenigsten der gleiche, — d. h. für 
den Fall, daß der Grad des Einflusses der bis dahin wirksamen 
Faktoren allmählich nachgelassen —, wenn ein intensiverer nicht 
gewesen wäre, als im ersten. 

Sehen wir uns daher die Statistik einmal daraufhin an und 
vergleichen die beiden Jahrzehnte hinsichtlich des Grades der 
Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit! 

Was zunächst den ganzen Staat anlangt, so hat in dem 
Jahrzehnt 1886—1895 die Sterblichkeit um 23,35 Proz. abgenommen, 
und zwar in den Städten um 23,04, auf dem Lande um 23,67 Proz.; 
in dem folgenden Dezennium beträgt der Rückgang jedoch nur 
12,34 Proz. (Stadt: 10,44, Land: 14,24 Proz.). Nach der Kurve von 
Fränkel gestalten sich die Ziffern ein wenig anders, indem sie 
hier 20,69 Proz. für 1886—1891 und 13,32 Proz. für die Jahre 1896 
bis 1905 betragen. Geht schon hieraus die weit geringere Ab¬ 
nahme in dem zweiten Jahrzehnt hervor — ein Nachlassen, das 
m. E. für einen durchgreifenden prophylaktischen Erfolg der 
Heilstätten selbst unter Würdigung des Umstandes zu erheblich ist, 
daß naturgemäß im zweiten Dezennium eine Verlangsamung bei 
den inzwischen um vieles veränderten Verhältnissen zu erwarten 
war — so wird diese Tatsache noch sinnfälliger, wenn wir die 
einzelnen Regierungsbezirke gesondert betrachten: 

(Tabelle II siehe nächste Seite.) 

Aus Tabelle II ersieht man, daß in der Periode 1886—1895 
sowohl in den Städten als auch auf dem Lande die Tuberkulose¬ 
mortalität in der überwiegenden Mehrzahl der Regierungsbezirke 
in zum Teil nicht unbedeutendem Grade abgenommen hat, mit Aus¬ 
nahme von Köslin, wo nur eine geringe Minderung zu ver¬ 
zeichnen, und von Sigmaringen, das sogar eine Zunahme von 
78,92 Proz. (!) aufweist. Für die Städte dieses Ländchens scheint 
weder die Entdeckung Koch’s noch der großartige soziale Um¬ 
schwung existiert zu haben, da in ihnen im Gegensatz zu allen 




Die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit in den einz. Regierungsbez. usw. 327 

anderen Bezirken die Tuberkulosesterblichkeit in hohem Maße zu¬ 
genommen hat. 


Tabelle II. 



Ab-(Zu-)nahme der Tuberkulosesterblichkeit (auf 1000 


Lebende) 

in Proz. zwischen den Jahren 


Regierungsbezirke 

Stadt 


Land 



1886 und 1895 

1896 und 1905 

1886 und 1895 

1896 und 1905 

Königsberg . . . 

23,77 

+ 1,04 

19,46 

+ 11,32 

Gumbinnen . . . 

36,65 


7,65 

25,00 


12,95 

Danzig. 

15,60 


10,81 

10,34 


-1,66 

Marienwerder. . . 

34,88 

1,58 

11,03 


-5.31 

Potsdam .... 

30.86 


40,61 

23,41 


20,67 

Frankfurt a. 0. . . 

25,66 

+ 9,13 

24,36 


3,09 

Stettin. 

5,56 


8,21 

14,14 


5,99 

Köslin. 

0,92 


1-5,04 

13,21 


7,97 

Stralsund .... 

26,50 


-2,54 

6,63 


5,39 

Posen. 

18,42 


4,29 

29,15 

+ 3,92 

Bromberg .... 

18,38 


13,49 

27,86 

+ 4,18 

Breslau. 

23,90 


9,80 

25,67 


13,30 

Liegnitz .... 

27,67 

+ 0,00 

26,07 


13)46 

Oppeln. 

31,06 

+ 6,96 

17,07 


14,85 

Magdeburg . . . 

24,40 


6,22 

21,19 


16,28 

Merseburg .... 

27,42 

+ 1,59 

20,65 


18,13 

Erfurt. 

21,95 


21,01 

21.64 


14,51 

Schleswig .... 

35,29 


14,42 

26)35 


14,45 

Hannover .... 

33,51 


10,76 

20,18 


9,91 

Hildesheim . . . 

22,22 


i- 9,35 

27,27 


30,93 

Lüneburg .... 

25,00 


h 1,91 

29.72 


20,43 

Stade . 

21,86 


33,16 

36,55 


21,12 

Osnabrück .... 

31,65 


27,95 

23,93 


18,32 

Aurich. 

21.79 


17.39 

21,39 

+ 9.25 

Münster. 

26)49 


31,76 

16,27 


21,26 

Minden. 

34)73 


30,72 

31,52 


20,57 

Arnsberg .... 

38,52 


36,50 

32,87 


39,10- 

Kassel. 

28.12 


7,79 

22,93 


22,12 

Wiesbaden. . . . 

21,53 


18,11 

27,34 


16,83 

Koblenz. 

28,53 


15,14 

29,27 


37,14 

Düsseldorf .... 

31,80 


23,86 

33,03 


19,92 

Köln. 

28,00 


21.16 

39,15 


33,33 

Trier. 

31,09 

+ 10,14 

27,86 


29,67 

Aachen. 

31,76 


13,59 

31,92 


31,10 

Sigmaringen . . . 

+ 78,92 - 

+ 9,01 

14,33 


1,35 

Ganzer Staat. . . 

! 23,04 

10,44 

23,67 

14,24 


Wie anders verhält sich dagegen das darauf folgende Jahr¬ 
zehnt! In elf Regierungsbezirken hat die Tuberkulosemortalität 
in den Städten nicht nur nicht ab-, sondern zugenommen, in 
einem Regierungsbezirk ist Stillstand zu verzeichnen. Hinsichtlich 
der Landgemeinden hat dieselbe in sechs Bezirken zugenommen. 


























328 Hillenberg, 

Eine Abnahme, welche diejenige des vorhergehenden Jahrzehnts 
übersteigt, ist nur in relativ wenigen Bezirken festzustellen: für 
die Städte in den Bezirken Potsdam, Stettin, Stade, Münster und 
Arnsberg, für das Land im Bezirk Hildesheim, Münster, Arnsberg, 
Köln und Trier. 

Vergleicht man wieder den Osten und Westen miteinander, so 
beträgt in 13 östlichen Bezirken (mit Ausnahme von Potsdam) im 
Jahrzehnt 1886—1895 die durchschnittliche Abnahme für die 
Städte 22,23 Proz, im folgenden Dezennium nur 2,10 Proz. (!), für 
das Land entsprechend 19,23 und 2,89 Proz. (!). Im Westen 1886 
bis 1895 :1896—1905 für die Stadtgemeinden 21,15 :17,29 Proz., für 
die Landgemeinden 27,06: 21,65 Proz. Daß das zweite Dezennium 
im Westen erheblich günstiger als im Osten steht, hängt natürlich 
wieder mit der um vieles besseren Lebenslage der Bevölkerung 
daselbst zusammen. 

Angesichts dieser Zitfern scheint der Ausspruch des bewährten 
Tuberkulose- und Heilstättenarztes Röpke-Melsungen auf der 
IV. Versammlung der Tuberkuloseärzte in Berlin doch etwas zu 
sehr vom Standpunkt des Heilstättenarztes getan zu sein: „Unsere 
Heilstätten können mit Recht fragen: An welcher Stelle ist für 
die Tuberkuloseprophylaxe mehr oder auch nur annähernd soviel 
geleistet worden als in den Heilstätten? Und durch welche andere 
Einrichtung könnte neben der Tuberkulosetherapie auch nur an¬ 
nähernd soviel für die Tuberkuloseprophylaxe gewirkt und er¬ 
reicht werden?“ 

M. E. sprechen die oben mitgeteilten Daten eine wesentlich 
andere Sprache und geben dem hochgeschätzten Kollegen eine 
Antwort, wie er sie wahrscheinlich nicht erwartet, dahingehend: 
Auch ohne Heilstätten ist dank des mächtigen Wertes und 
Wirkens sonstiger spezifischer und vor allem sozialer Faktoren 
immerhin ganz Beachtenswertes in der Bekämpfung der Tuberkulose 
erreicht worden, während man ängstlich und hilfesuchend Umschau 
halten muß, um für die Bedeutung der Heilstätten als Kampfes¬ 
mittel gegen die Tuberkulose — wohlgemerkt betone ich lediglich 
diese ihnen supponierte Eigenschaft — auch nur eine zahlen¬ 
mäßige sichere Stütze in der Statistik zu finden, die sich schließlich 
leider doch nicht finden läßt! 

Aus den oben genannten Daten ist also jedenfalls der Schluß 
zu ziehen, daß die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit in den 
beiden Perioden eine recht verschiedene ist: in der ersteren eine 
sehr erhebliche, in der letzteren eine wesentlich geringere. An 




Die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit in den einz. liegierungsbez. usw. 329 

und für sich wäre das ja, wie schon bemerkt, nur der zu er¬ 
wartende Verlauf gewesen: das Einsetzen jener mehrfach genannten 
Faktoren mußte sich im ersten Jahrzehnt oder richtiger in dem 
dem Beginn ihrer Wirksamkeit zunächst gelegenen Zeitabschnitt,, 
wie die Verhältnisse einmal lagen, am augenfälligsten dokumentieren, 
späterhin ein allmähliches Ritardando im Tempo sich bemerkbar 
machen. Diese Verlangsamung dürfte jedoch nicht entstehen bzw. 
nicht anhalten, wenn im gegebenen Augenblick ein weiterer 
bedeutungsvoller Faktor in die Schranken getreten wäre. Es 
hätte demnach spätestens Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts 
sich ein deutliches Accelerando in der Abnahme der Tuberkulose¬ 
sterblichkeit zeigen müssen, wenn tatsächlich die Heilstätten¬ 
bewegung die behauptete Wirkung gehabt; dies ist aber nicht 
der Fall. 

Wenn Fränkel die stärkere Abnahme des Jahres 1906 aut 
die erhebliche Vermehrung der Heilstätten bezieht, so liegt nach 
meiner Auffassung der Grund anderwärts: m. E. ist er in der Aus¬ 
breitung der Fürsorgebewegung und der spezifischen 
therapeutischen Behandlung zu suchen, zweier Faktoren, 
denen unleugbar eine hervorragend wichtige Rolle in der Be¬ 
kämpfung der Tuberkulose m. E. zukommt, mit deren weiterer 
Förderung es erst gelingen wird, die Menschheit immer sicherer 
vor den nie ruhenden Angritfen der Seuche zu schützen, ein 
frisches, helles Auflodern des Kampfesmutes zu erzielen und den 
bisher noch in weiterer Ferne winkenden endlichen Sieg in ver¬ 
heißungsvollere Nähe zu bringen. 

Nach dem Vorstehenden ist also anzunehmen, daß die Heil¬ 
stätten auf das Herabgehen der Tuberkulosesterblichkeit einen 
nennenswerten Einfluß nicht ausgeübt haben. An diesem Ergebnis 
ändert m. E. auch die Tatsache nichts, daß sich die Zahl der 
wegen Tuberkulose invalidisierten Versicherten bei der Berliner 
Landesversicherungsanstalt in den Jahren 1900—1906 stetig ver¬ 
ringert hat, und zwar bei Männern von 281 auf 209 pro Tausend 
der Rentner, bei Frauen von 153 auf 114, „eine Erscheinung, welche 
diese Anstalt mit Recht auf das eingeführte Heilverfahren bezieht“ x ) 
(Fränkel). Denn einmal kann diese Erscheinung darauf zurück¬ 
zuführen sein, daß infolge eines in den letzten Jahren allgemein 
strenger gehandhabten Spruchverfahrens auch unter den Tuberku¬ 
lösen eine kritischere Auswahl hinsichtlich der Rentengewährung 


*) Ergebnis diesseitiger Berechnung nach den unten mitgeteilten Zahlen. 





330 Hillenberg, 

stattfand, sodann wäre auch daran zu denken, daß bei der außer¬ 
ordentlichen Nachfrage nach Arbeitskräften, welche der Hochstand 
der Industrie im ersten Jahrfünft des neuen Jahrhunderts benötigte, 
auch nicht ganz vollkräftige Individuen noch lohnenden Verdienst 
fanden und daher trotz dieses oder jenes Leidens, das sie unter 
anderen, weniger günstigen Verhältnissen die Wohltaten des Ge¬ 
setzes hätte in Anspruch nehmen lassen, auf das Nachsuchen einer 
Rente verzichteten. Daß unter diesen namentlich Tuberkulöse mit 
leidlichem Ernährungs- und Kräftezustand sich befunden haben 
werden, ist kaum zu bezweifeln. 

Für die eben geäußerten Gründe spricht wenigstens die Tat¬ 
sache, daß von dem Jahre 1901 an sowohl die prozentuale Zahl 
der bei der Berliner Anstalt eingegangenen Anträge, als auch die 
der bewilligten Renten stetig abnimmt, wie andererseits diejenige 
der abgelehnten Anträge entsprechend steigt, wie die nachstehende, 
dem Geschäftsbericht der Anstalt für 1907 entlehnte Tabelle dartut: 


Tabelle III. 


Jahr 

Prozentual 
im Ver : 

neuen 

Anträgen 

es Steigen (-)-) oder I 
gleich zum Vorjahre 1 

bewilligten Renten 

fallen (—) 
oei den 

abgelehnten 

Anträgen 

1900 

1901 

1902 

1903 

1904 

1905 

1906 

1907 

+ 30,4 
+ 24,6 
+ 11,2 
+ 2,3 

4-i,o 

-4,1 

-7,3 

+48,1 

+ 30,6 
+13,6 
-0,9 

-7,2 (+l,18)i) 
-5,1 (+l,51)i) 

— 20,5 (—21,3)1) 

+11,8 

— 30,6 

— 38,7 

— 27,9 

— 36,8 
+19,2 

— 29,9 


Ein Blick auf diese Zahlen wird genügen, um einerseits das 
strenger werdende Spruchverfahren, andererseits eine starke Ab¬ 
nahme neuer Rentenanträge zu erkennen. — 

Ganz besonders beachtenswert aber als Stütze der oben ge¬ 
äußerten Annahme ist das Ergebnis, das wir finden, wenn wir bei 
anderen Versicherungsanstalten den prozentualen Anteil der Tuber¬ 
kulösen an der Zahl der Rentner überhaupt betrachten: Vgl. Tab. 
IV u. V. 


') Bemerken will ich jedoch noch, daß im Jahre 1907 gegen das Vorjahr 
eine Steigerung um 5,84 Proz. (von 171 auf 181) zu verzeichnen ist. 

















Die Abnahi 

> 

HH 

CD 

"ö; 

& 
cö 

Eh 

ne der Tuberkulosesterblichl 

fH 

03 

►“i 

keit in den einz. Regierungsbez. usw. 331 

CDl>-GOaiO^(MCO-f»OC£)[^ 

a^oao^a^oooooooo 

QOQOGOGOa^aiOiaiaiosasai 

■M rH rH rH rH rH rH »-H rH tH rH rH 

•liiJtaaqnjj ueuinxoj[ 
jaiiqueg oooi jny 

rH CO OS CO tM iO CO rH rH 

ooo^poaco^^H^GOL^-c^ao 

rH CM (M (M CM CM (M CM H r—1 H i—i 

5 esopupdqnj, ti9ä9AV 
® U9.omU9ISipi{'BAUJ 

175 

211 

405 

590 

910 

963 

1139 

1244 

1060 

1046 

1034 

860 

()dii < Bqj9qn 

n9.onnJ8isipi[^Aux 

950 

1036 

1666 

2569 

3997 

3973 

5198 

5916 

5870 

5940 

6031 

4746 

•[n^J9qnx uanraioq 
J J9uqn9H oooi jny 

• , - , QOWOJHfMO^CO 

tO CO iO iO ^ 1> 00 I>" 

1,11 t-H — <*-H 1—1 rH i— ( rH rH 

© 9sojn3[J9qnj J uöSbav 
p, II9SuilJ9ISTpT^AUI 

18G8 

2085 

2260 

2209 

2081 

1957 

1856 

1650 

ö 

jS ^dnBqjaqn 

Ph U9.oUlU9ISipi|^AUI 

5239 

5 834 

6 971 

8 729 

11433 

12 869 

14 200 

14 551 

14 667 

11480 

10076 

9 340 

•[iiqjgqnx uguiincq 
.äa ö J9u;ii9a 0001 J n Y 

00 H rf oo h 00 lO 00 lO (M CO , 
GOOiQOQOa^aiOoasCMCO 

t-H t-H t-H tH 

£ -8 9S0|U^J9qnj J U9S9A1 
£ ^ n9SnnJ9isipii r BAiij 

165 

207 

220 

260 

328 

339 

398 

436 

345 

344 

325 

£ ^ xdnnqiaqn 

n9Snnj[9isipT['eAiix 

1870 

2284 

2598 

2939 

3612 

3451 

3768 

4017 

3631 

•2806 

2438 

•[nj[i9qiiX ii9unuoq 

S3 J9UQ.ti9'jj 0001 J U Y 

M^oo-coioai-M^co^Hio , 

CDCO(MW^r)i^cOT)<TjiT# 
t-H t-H rH t-H t-H rH t-H t-H rH tH rH 

© 9S0|n5[J9qnx H9S9AV 
§ U9SlllU9ISipi^Anx 

517 

578 

625 

763 

1012 

1105 

1142 

1115 

1187 

1071 

752 

H Xdnnqi9qn 

n9SuilJ9ISipi[^AUX 

3187 

4270 

4892 

5608 

6961 

7478 

8105 

8304 

8324 

7579 

5076 

inqjgqnX u9umioj[ 
£ _ J9UJU9^ 0001 }W 

hhiOiCOOtOiC^hCOGON 
{Ql Ql CJ5 Ql Ql Ql Ql Ql T-H t-H rH 

t-H t-H H t-H t-H 

S 'S 9S0|rn[i9qnx h9*§9av 
ü n9Sunj9isipi| r BAux 

281 

357 

354 

423 

625 

643 

763 

821 

729 

712 

668 

700 

^ ^ Xdn^qisqn 

ll9.§UlU9ISipi[^AUX 

2624 

3335 

3726 

4451 

6328 

6781 

8050 

8747 

7539 

6295 

5645 

6280 

*Xmpi9qnx U9mni05[ 
| c J9nin9a 000T J U Y 

. , , | CM L>- CM CO © CD CO 

t-H t-H rH O t-H CO CO CO 

rH rH rH rH t-H rH rH r- 1 

9SOJH5[J9qilX H9S9AV 
J u9Suri.i9isipii^Ani 

775 

871 

995 

1063 

976 

852 

819 

951 

S 

g Xdnnqieqn 

W U9SunJ9ISipi|'BAUX 

3 053 

3 621 

4 496 

5 282 

6 862 

7 429 

8 888 

10005 

8 905 

6 265 

5 948 

6 800 

qn^.igqnj, uguiuioq 
lenqua'a OOOI J n Y 

73 

72 

67 

65 

69 

69 

81 

80 

§ 9S0[H^I9qilX U9S9A1 
£ n9Suiu9isipi| t BAnx; 

, , , | ^ CO CO »O O CO O 

C»QOrHOOt^-H^ 

1 1 1 1 CM CM CO CO CO CM CO CM 

Xdnnqiaqu 

cig^niugisipi^Anx 

2717 

2873 

2592 

3205 

3773 

3988 

4734 

4709 

4444 

4002 

3887 

3080 

ö qn^iQqnx U9uiut05[ 

.19141193 OOOI 3 n Y 

rttc^xOrHOQOOO^OQOQOO 

iCCDI>COI>l>000500XG5(M 

rH 

2 9S0{n^J9qilX H9S9A1 
^ U9SurU9ISipi{^AIlJ 

iO rH CM CO O CD (M ^ CO CO rH (M 
rHC^T—iGOrHOiCDOiC^r^-CDCM 
T-HrH(MrH'*0(M(M<M<M(M<MCO 

^ xdnnqieqn 

^ n9Suiu9isipi[«Ani 

2139 

2552 

2813 

3066 

4409 

3777 

3300 

3272 

3263 

3114 

2673 

2675 

Jahr 

1896 

1897 

1898 

1899 

1900 

1901 

1902 

1903 

1904 

1905 

1906 

1907 




















































332 Hillenberg, 


Tabelle V. 




1 


C 



3 

4 

Landes- 

Versicherungs- 

anstalten 

Absolute Zahlen der Renten¬ 
empfänger in den Jahren 

Auf 1000 
Rentner 
kommen 
Invalidi¬ 
sierung. 

Ab- bzw. Zu¬ 
nahme der In¬ 
validisierungen 
während der 
Jahre 1900/06 
in Proz. 

Ab- bzw. 
Zunahme 
der Inva¬ 
lidisierun¬ 
gen weg. 

1900 

1906 

wegen 

Tuberk. 

Tuberkul. 
i. Proz. auf 


über¬ 

haupt 

wegen 

Tuber¬ 

kulose 

über¬ 

haupt 

wegen 

Tuber¬ 

kulose 

19001906 

| 

über¬ 

haupt 

wegen 

Tuber¬ 

kulose 

lOOORent- 
ner währ, 
d. J. 00/06 

Berlin .... 

3 997 

910 

6 031 

1034 

233 

171 

+ 50,88 

+13,57 

— 26,60 

Hannover . . . 

6 961 

1012 

5076 

752 

145 

145 

— 27,08 

— 25,69 

±0 

Posen .... 

3 773 

274 

3 887 

316 

72 

81 

+ 3,41 

+15,32 

+12,50 

Rheinprovinz. . 

11433 

1808 

10076 

1856 

158 

184 

— 11,86 

+ 2,65 

+16,39 

Sachsen-Anhalt . 

6 328 

625 

5 645 

668 

98 

118 

—10,79 

+ 6,88 

+ 20,40 

Brandenburg. . 

6 862 

775 

5 948 

819 

112 

136 

—13,31 

+ 5,67 

+ 21,42 

Westpreußen. . 

4 409 

296 

2 673 

261 

67 

97 

— 39,37 

—11,82 

+ 44,77 

Schlesw.-Holst. . 

3612 

328 

2 438 

325 

91 

133 

— 32,50 

— 0,91 

+ 46,14 


Wie aus diesen Zusammenstellungen hervorgellt — leider habe 
ich nicht von sämtlichen Anstalten 1 ) vollständiges Material er¬ 
halten können, da bei einigen die tuberkulösen Rentner nicht ge¬ 
sondert gezählt werden — zeigt die Quote der Tuberkuloserentner, 
auf 1000 Invalidisierungen überhaupt des jeweiligen Jahres be¬ 
rechnet, bei einigen Anstalten: Berlin, Posen, Sachsen-Anhalt,. 
Hannover, Rheinprovinz — in den ersten 3—4 Jahren des neuen 
Jahrhunderts allerdings eine gewisse Tendenz zum Sinken; ihr 
folgt jedoch bei sämtlichen Anstalten, mit alleiniger Ausnahme 
der Berliner, teils mit dem Jahre 1904, teils erst mit 1905 be¬ 
ginnend, ein mehr oder weniger starkes Steigen. So werden im 
Jahre 1906 Ziffern erreicht, welche, von Berlin und Hannover ab¬ 
gesehen, bei welch letzterer Anstalt das Jahr 1906 den Status idem 
von 1900 aufweist, teilweise bedeutend höher als diejenigen 
des Jahres 1900 sind, wie aus den Spalten 2 und 4 der Tabelle V 
zu ersehen ist. Es ist also bei 6 Anstalten eine zum Teil nicht 
unwesentliche prozentuale Zunahme der Tuberkulose bis zum Jahre 
1906 festzustellen, während bei einer weder Zu- noch Abnahme 
und gleichfalls nur bei einer — Berlin — eine Abnahme der Ver¬ 
hältniszahl der Tuberkuloserentner nachweisbar ist. Dieses Resultat 


9 Den Vorständen der einzelnen Anstalten spreche ich auch an dieser Stelle 
für die liebenswürdige Übersendung des erbetenen Materials meinen Dank aus! 
























Die Abnahme der Tnberkulosesterblichkeit in den einz. Regierungsbez. usw. 333 

kann demnach m. E. sehr wohl als Stütze der obigen Ansicht von 
dem Fehlen eines evidenten Einflusses der Heilstätten auf die Ver¬ 
minderung der Tuberkulose herangezogen werden. 

Was die Erfolge der Heilstätten im ganzen anlangt, so bin 
ich mit Grotjahn und anderen auf Grund früherer langjähriger 
ausgedehnter Praxiserfahrungen (auch als früherer vielbeschäftigter 
Kassenarzt) der Ansicht, daß, soweit die breite Masse der Arbeiter¬ 
bevölkerung in Betracht kommt, vom Standpunkt des National¬ 
ökonomen das Resultat vielleicht ein gutes, vom Standpunkt des 
Arztes und Statistikers aber ein passageres, trügerisches ist. das 
sich schließlich wie eine Seifenblase in ein Nichts auflöst. Wenn 
ich auch zahlenmäßig nicht anzugeben vermag, wie viele von den¬ 
jenigen, die eine bis mehrere Kuren in Heilstätten durchgemacht 
und einen kürzeren oder längeren wirtschaftlichen Nutzen 
davongetragen, einen dauernden gesundheitlichen Erfolg, 
d. h. einen solchen, der dauernd den Auswurf frei von Tuberkel¬ 
bazillen erhielt, — und nur dieser vermag das Zünglein an der 
Wage zugunsten einer nachhaltigen, auch ziffermäßig zum Aus¬ 
druck kommenden Tukerkulosebekämpfung herabzudrücken — heim¬ 
gebracht, so kann ich doch mit voller Überzeugung sagen, daß ihre 
Zahl im Verhältnis zu den ersteren eine erschrecklich geringe ist, 
was nicht zu verwundern, wenn man die „allgemeinen hygienischen 
und sozialen Verhältnisse“ bedenkt, „in welche die aus der Heil¬ 
stätte Entlassenen zurückkehren müssen“ (Röpke 1. c.). Diese, 
im besten körperlichen Zustand und womöglich mit bazillenfreiem 
oder gar ohne jeden Auswurf Entlassenen werden im Laufe der 
Zeit durch die Ungunst der äußeren Verhältnisse — Rentiers¬ 
patente können ihnen leider nicht mitgegeben werden — wieder 
zu Bazillenhustern, somit für die Allgemeinheit zu erst- oder aber¬ 
maligen gefährlichen Quellen der Ansteckung, gehen schließlich an 
Tuberkulose zugrunde und fallen hiermit doch der Tuberkulose¬ 
sterblichkeitsstatistik anheim, der sie eine Zeitlang entrückt 
schienen. 

Ausdrücklich sei zum Schluß hervorgehoben, daß mit den vor¬ 
stehenden Zeilen der Wert der Heilstätten, soweit ihre national¬ 
ökonomische und im einzelnen Fall stets mehr oder minder schnell 
vorübergehende, das Gesamtbild leider kaum oder gar nicht 
verändernde prophylaktische Bedeutung in Frage steht, nicht be¬ 
rührt werden soll. Erhalten sie doch jährlich Tausenden von 
Kranken und mit dem Verlust ihrer Erwerbsfähigkeit Bedrohten 
wenigstens für eine Zeitlang zugunsten der Familie und des Staates 




334 < Hillenberg, 

die Arbeitsfähigkeit, womit vielleicht materielle Gesamtwerte 
wiedergewonnen werden, die sonst verloren gegangen wären. Hierin 
beruht ihr Hauptwert, der es rechtfertigt, daß all die Summen 
verausgabt wurden, die ihre Errichtung erforderlich machte. Nur 
das darf nicht übersehen werden, daß ihr dauernder prophy¬ 
laktischer und therapeutischer Wert und somit ihr Nutzen als 
Kampfesmittel gegen die Tuberkulose, soweit die große das Haupt¬ 
kontingent zur Schwindsucht stellende Masse der arbeitenden Be¬ 
völkerung in Frage kommt, sich demgegenüber in wesentlich be¬ 
scheideneren Grenzen hält, wenn man hier überhaupt noch von 
einem diesbezüglichen Nutzen sprechen darf. 

Zum Schluß seien hier die auch in anderer Hinsicht inter¬ 
essanten Tabellen wiedergegeben, in denen die Tuberkulosesterb¬ 
lichkeit nach den einzelnen Regierungsbezirken Preußens ihre Dar¬ 
stellung gefunden hat: 




Die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit in den einz. Regierungsbez. usw. 335 


<v 


<v 

r0 

cö 

Eh 


Danzig 

nd 

Auf 10000 

Lebende 

a. Tuberk. 

gestorben 

ppppppppppjppo ppppp t— i 03 

rdrdcd' tjT «drdofof cd'of th cd’ r-T t-T cdcfcd h cd 

' T"H rH rH rH rH rH »-H tH r-1 rH r-l rH rH rH rH tH rH rH rH 

2,3 

14,26 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

cpppppp p p p pp pppp p p tpp p 
r-T of rd d cd ^dcd cd d i>f d cd cd d cd' d cd cd' cd' d 

C003030I010303010303010103 030J0103010101 

3,7 

13,27 

adt 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

OjpppppppCC pOl QCip GO p^pp O GO 
d -d rd cd rd cd cd cd d t-T cd cd cd ad cd' cf cd ad cd' ad 
(MW(M(M(M(M(M(M(M(MWW(Mh(M(Nhhhh 

& 

5,6 

22,76 \ 

Sti 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

ppOjprH ppplO O ppOO 

t-T cd ocT acf acf cd' cd' ad cd' cd' rd cd cd" d cd cd rd rd cd -h 

C0 0101030J03GM03010303010103C0010101030] 

1,9 

6,44 

Gumbinnen 

nd 

Auf 10 000 

Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

pppppppppppppppppppp 
ad ad cd of cd' cd cd d cd rdcd" rd rd d rdrd d cd' of ad 

tH H rH H rH rH rH tH rH r “i rH rH rH rH r-^ rH rH rH rH rH 

p CO 

cd ad 

rH 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

pppppo^pppppppp<pppco h cd 
cd cd of of ad cd adof cd of di>f -dofod cd cd r-T, ad -d 
CQC003030103 01030J010303010JOJ0101C0030] 

2,3 

7,49 

idt 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

pojpppppppppoppp ppp pco 
d d r-T cd cd ad cd d of d rd d cd' cd cd cd cd of ad cd 

03 03 03 03 03 «“H rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH 

7,3 

30,41 

-4—> ,_. H 

m O® g 

o ö"S 

1 CD O 

'S'S 1 
g> 

O^ppppppO^ppppOJpr^p ppo p 
cT d cd rd cd rd cd rd cdcd r-T cd ~-f cd cd rd'cd rd rd d 

C0030I0103030303030301030303030303030303 

Y 

3,0 

11,36 

Königsberg 

nd 

Auf 10 000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

pppppppppO. pP<PpppC^ppp 
rd rd cd of cd cd cd cd d of cd *-f r-T rd cd rd cd rd d i-T 

rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH 

0,7 

4,82 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

Oppppppppppppp O^Hpp p 
cd cd d 'rd ad rd d cd rd ^d cd cd cd cd d d d cd acf cd 

C0030303030303 03 0l0303030a0j03030303030l 

O- 

P p 

rH rt< 

idt 

Auf 10 000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

p pp p ppp pHpppHpqpto <ppp 
rd rd cd rd cd cd cd cf cd cd ad ad of cd r-T ad d cT rd ad 

OQ01030QGMOJrH03 03rHrHrHrHrH03rHrH03 03r—i 

3,6 

15,00 

S 8-Sj 

2 «'S 

T-» <D O 

f3 $ 

pppp ppppp pp <p p p pp pppp 
of ad of cd cf cd cd acf cd cd cd cd rd d od' d d cd d rd 

CO 03 03 03 CO 03 03 03 03 03 03 03 03 03 03 03 03 03 03 03 

4,2 

14,18 

Jahr 

COt>GOCiO'^01COrt<tOCOI>QOOiO’H03CC^iO 

cxjcoGocoQoasojasoiajaiaiajooooco 

GOQOGOGOCGcoGCGoaoGOQoaoaoGOa^aia^cia^a} 

rH rH rH HHHHHHHHHHHHHhHH rH 

Absolute 
Differ. zw. 
86/88 und 
03/05 
Differenz 
in Proz. 
zw. 86/88 
and 03/05 














































































































Tabelle VIII. 

Die Abi 

p 

m 

Sh 

43 

GQ 

lahme der Tul 

llll 

T- " t ,jz ö 

«4h nj Zh 

1 5's 

oerkulosesterblichkeit in den einz. Kegierungsb 

ir l' r AC^^oo^oo^iO pc5^a5^c^pC5^rH^[>jpcM^r-^i>^p 

ccT cd" cdco" cm" cd" yi oo" o" cd'cd"cd*" ndo" » o" nd cd*"o" cd' » cT 

rH CM rH < CM i— 1 rH tH tH t— 4 rH t-h rH tH tH1 t-H I rH CM rHt H 

ez. usw. 337 

CM 

05 CD 

cm" cm" 

T—l 

La 

Auf 1000 
Lebende 

gestorben 

pC5^r-H O^ppO^^^OÄJ^COjpOjp^CD^pCMJp 
» cT t-To* t-T cm' o" cd"cd"-d i—T i— T —"ad cd"nd cm' gT t-Tö" r-T 
OMOMOMOMCMOMCMOMOMCMOMOMTHCMOMCMrHOMOMOM 

1,5 

6,67 

adt 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 

| gestorben 

co^c^t— cD^^ppcD^po^p cm^ 
r-T i>" i-T ^d -r-i" r-T cd' cm' cd' cd' co" » cd c "cd" cd" cd' cd" o" nd nd 
coomcocococoomomcmomcmcmomcmomcmcmomomcm 

2,2 

15,33 

-4-3 _, ö 

05 O a> g 

^ P Sh 

t—< O) O 

C1_| pQ 4-=» 

H d» * 

^ (T) 

<1 ^ ÖD 

ppOjppCOjpt^COp P^OpjX) tO pCDJpCM^p 

t-T cd" vd" ad cd" cd" ad r-T cd" ^o" »cd cd" cd" ao"o" cd" nd cd" » cT cd" 

CO CM CM CM CM CM CM CO CM CM CM CM CM CM CO CM CM CM CM CM 

o 

Ip 

rd cd" 

Köslin 

nd 

Auf 10 000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

05 [> »OiOp pOOpjpcq^ ao^o 

id" cd" vd" id' cd" io" cd" io" cd" cd" cd" cd" r-~ cm"" Tji t-T t-T cd" r-T cm*" 

rH tH H rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH r— 1 H rH rH H iH 

3,9 

24,22 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

CMjM^r^rH^^^pp^OS^aS^pOÄJpCDjppt^ppp 
cd" •d'o' cd" o" os o" -r-T cd ad cd cd r~" qo" eded" o" od" r-" ad 

CM CM CM GM CM T-H gm CM rH r-1 rH H H rH CM rH rH rH rH rH 

5,4 

36,40 

adt 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

OO^lH^CM^O^a^CD^a^IH^CM^ppprH^pr^ipOD^CC OÄ p 
rH r ^4 1 — ( gm cm rH rH o" r-T ad ad ad cd" cd t>-" ad ad ad cd 

CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM rH rH rH *H CM rH rH rH rH CM 

r-i 

co" nd 

tH 

St! 

Auf iono 

Lebende 

gestorben 

L^rH^rHpprH_ppppCM^pppppppr^p 

ad r-" rd cd" cd"nd ^d » cd cd" nd cd" cd" r-T cd" cd"' cd" r-T cm" cd cd" 
cmcmcmcmcmcmcmcmcmcmcmcmcmcmcmcmcmcmcmcm 

4,6 

17,18 

Stettin 

nd 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

^i^oo^aDHt'-qccQ i> 
ad od" o*" ad ad i>" cd - " cd" i> 'cd*" cd" • cd nd cd" cd" cd" nd »cd »d" 

rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH rH tH rH tH tH tH H rH rH rH 

3,0 

16,39 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

» d" ndr-T cd" nd cd" cd" rd" cd" cd" cd" cd" cm*" »cd -d cm" ©V-T o" cm" 
OMOMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMOMOMCMCMCMOMCMGM 

2,7 

11,13 

8,2-2 3 
g|Jf 

1—1 Ö 43 
«4-1 <D E—1 »2 

43 £ J ^ OD 

'g og 0E 

-4—* — 

GQ O 0 g 

8 I’g 

tH CD O 

qjrQ -M 

H ® «! 

.'j j d 
^ ÖD 

r^pP-^r^ppppCO rH t> HCS^O^COCOHO 

cd" nd cd" cd" cd" o" cm" co" t-T cm" o" o" d-" o" o" o" cm" — " gm" ad 

CM CM GM CM CM CM CM CM GM CM GM CM rH CM GM CM CM CM CM r— < 

4,0 

15,95 

^rHpCMpHDq^HDqn CM^t> Op^CCO 

ad !>■" -d t>-" [>" C-"»cd !>-" cd" o*" nd nd cd »<d cd" cd" cm" co" co" hH 

GM CM CM CM CM CM CM CM GM CM CM CM CM CM OM CM CM CM CM CM 

3,4 

12,72 

Sh 

rd 

o3 

Zeitschrift für Sozi 

CDI>GOOiOHCMCO^iCCDl>GOaiOH01COrHuO 

ooxoocoo5a5aiQa5a5c:a2a;o5COOCOo 

cocoooQO^cocXQOGOGOoOGCGOGOaGcoa5a:a5a5 

rH t-H rH rl rH rH r- rH rH rH rH rH rH rH rH r-t rH rH rH rH 

ale Medizin. IY. 

to Absolute 
Liffer. zw. 
8B/88 und 
03/05 
Differenz 
in Proz. 
zw. 86/89 
* und 03/05 























































Absolute 

Differ. zw. 

86/88 und 

03/05 

£§ Differenz 

co in Proz. 

zw. 86/88 

und 03/05 

Hillenberg, 

1—»• 1—»• M- h-*• k— 1 1— 1 1— 1 ^ M HL h-*• »—l l—»• h- 1 ^h- 1 L |_JL |_l1L 

CD CO CO CO CD CO QO GO 00 GO 00 00 00 00 0C 00 00 00 00 QO 

OOOOOOCCCOCCCOCDCOCOCOCDCOQCGOOOOO 
0itf^0:iNÜKC^00<ia^Ü'^03K;HOC000^]O 

Jahr 

Tabelle IX. 

3,4 

12,72 

t>DDOCOCOCOCOCOtOCOCOCOK)COCOrOCOCODOCOCG 
pppppppppjfp^ppppppppp 
^ Vl'bi'bo'bi'c^'co'oi^-o "h- L 'Q0 ^^35^00^05^<3l35^05'*0c'05 

st 

Auf 1000 
Lebende 

gestorben 

Posen 

6,5 

22,92 

COCOt\DC\3DOCOCOCOl>DCOCOCOrOC\3COCOCNOC\3COa: 
pppppppppppppJD«ppppp O 

adt 

Auf 10 000 
Lebende 
a. Tuberk 
gestorben 

4,0 

16,97 

C\D>-^DOr\3COCOCOCOCODOCOCODOLOCOr\Dl>£DOCOCO 
PppPPpppppppjfpNDj-pÖMjpp* Ö\p 

"rf^CO «'co'VaV mdVo'oo 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

6,5 

29,41 

!-*■ h-* CO CD DO CO 

PPJ^J^J^PPPPP Ü^pppp Op O O CO 
"cd V] Ix ' CO "cO "COLO LPl "oo "oc "qo "cd"o"cdP ~-o "o'a5 "os 

tnd 

Auf 10000 

Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

1— ik- 

05 ^ 

'o Jo 

CO 

COCOCOCOCOCOrOCOCDCDCOCOCDCOtDCOCOCOCOO: 
pjopjo pppjppp ^ a: a ^ 

VTqd £*•'03 "- 0 'VTcP© "gc "cc "cj5 "go O V'bo"co "co "<35 P "cn 

Stadt 

Auf 1000 A T uf l 10 ? 0 
Lebende 1 L £ be h nd {; 
gestorben 

1 & 

Bromberg 

p p 

'co Pl 

00 

h^i-^co^cococoi—^cococdcococococococoloco 

CO p O p JO p JO p JO p JO C J O p COpjNOp*• 00p 

^osVi^w^^^lD'bo'oi'ü'ljo'co'bo'Vi'o'co'w'cyt'^o'lso 

5,5 

19,48 

rOCODOrOCOtOCOCOCDCOCOCOCOCOCOCOtOCDCOOO 
pp pppp PPPP 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

3,3 

18,55 

,— L>-XU-X|—i.)—L|—Lt—l(—L|—L|—L|—L»—L|_L(—L|—L>—LH-L^-L^CO 
pppjNGp pppppppppppp ppp 

'o'bo'bi'co'bi ViPP"co"^"(D<"o"o <"co"o3"oo"co 

nd 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

5,8 

18,80 

COCOCOCOCDCOCOCOCOCOCOCOOOCOOOOJCOCOCOCO 
p Pp p p <IOJC5P<IOO<I p poppppp CO 

'rf^'bi'co'bi'o'cn Co1o"io"^"dc"^P ^"Go"cc"^"tOp"GO 

St! 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

Breslau 

11,1 

25,48 

OiOOOiC^OOOOOOOSOOOOCOOOOOOCOiCOOO^^^ 

JO pp Mj^WHÖWOi pp ppp pp pp P 

"co "lo Pi lo "co "gc "cd "og "lo Pi "-a"co "«<1 "oc"ccP"ooP"oo "<D5 

adt 

Auf 10000 

Lebende 

a. Tuberk. 

gestorben 

0 

CO JN0 

"C5 ~CO 

cocococococococococococooscooscocococooo 
pp pppppppppp j^poppppj- 
"oP ^00^"col35~03~©^^l>0~Q5~<]^"Q0'o <"co"gc"og 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

11,0 

37,23 

MMKMHMtNOMtOtOtOtOtOCOtOtOCOtNOWW 

pppppppppppppppppppp 

"cDP"aoP"o"Qo"oP"cn3"oo"oo"Lo"co"coPP"co'co"o'o 

Lnd 

Auf 10000 

Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 



























































Tabelle X. 

•. ' . c 

Magdeburg ^ 

cr* , 

nähme der Tn 

8 “-ä S 

O'« ÖÄ 

o Sä o 

^ p3 h-> 

«+-( <D L_i CC 

J tn <L> 

s cä 

iberkulosesterblichkeit in den einz. Regierungs 

co"i-T" 05 " o" cf' oo" cf' oo" oo" t>f cd'i cf\o cd'th tjTcd'-^T 

(M (jd CM rH CM tH t-H t-H t-H tH rH iH rH t-H tH t—I tH t-H t-H t-H 

bez. usw. 339 

1 

CM^ 

t>* cm" 

co 

La 

Auf 1000 
Lebende 

gestorben 

i>" rtT co' co' tjTi co' '^T cd*' co" cm" ▼— T — r cT t-T cm" o" cf o" o" o" 

CMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMt-iCMCM CM 

4,6 

i 17,36 

adt 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

o HOO^W t-h^ vO CO O CD^ 

05"co" cd"cd"cd"» o" > o">o" cm" o"o" co"co" 00 co"f>"o"05" cf 

GMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMr-H-rHr-Hi—( t—ICMtHtH 

t-H 

05^ CD 

cdT cd" 

CM 

St! 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

CMCM C^^O^i-H^OO* 05 GO^t^O^CD^tH o o_t> D- CM 

o" iC \o" r-" 1 cf cd" cd"C-" r+" co" cm"cm" cm"^h" co" cm" o" o"- th"-h" 

CO CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM 

5,6 

20,83 

Oppeln 

ind 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

c^co^cd^ CM^^cD_GO^a^T^oo^c^a^^ic^a^ i> 

go" r~"t>" i>-" r-"io" i o" - -+"co" cm" t-T t— <" t— T th 05 " oT 05 " 0 " 05 " 

CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM OM CM CM CM rH r-H t — i OJ t — 1 

8,4 

29,84 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

^OS^^^^CO^CDjO^q^aO^^T^OO^CM^JXJjTOO *-H i-J 
cf cd" r-" co" go" cd" ^h" 05" I>" cd" cd" vo" tiT cd" cd" -h" co" iO" -h" vo" 
CM CM CM CM CM CM CO Ol CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM GM CI 

3,3 

10,60 

idt 

Auf 10 000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

D^O^O^CO^CM^CO^CD^CM^0>JÄ^J»SO CO O^D^CD^tH^D-^i— i 
cd" ao" t-T cd" cm" go" cd" i>" » o" >o" cm" cm" t-T o" t-T cm" tjT cd" 

CO CC CO CM CO CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM GM CM CM CM CM 

10,7 

31,03 | 

St! 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

0 ^a^iC_CO^CO_CD_ 0 _GO^O_ 0 ^ 0 _CD_^CO^CM^^CO^^HCM^I>^ 

lCT !>•" cd' l>" [>" vo' 05" cd" cd" tO" io"»o" ^o" * o" *^T cm" t*" 

CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM 

05 

rH 05 

Liegnitz 

,nd 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

^^CO^C^CM^C^CM^CD^^CD^CD^a^^a^CD^^r^CD^vO^vq^ 

t-h" o" cf cf co co t>" cd" »o" icf T*r ^h" io" ^h" co" co" 

CM CM CM t-H 1 —t Hr-iHHHHHrHrHriHHHHH 

7,1 

33,67 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

lOjCD CD^GG r-^CM !-CD^[>^t-H^CM^ iO_CO^COO^O^QO^GO^GO^00^ 

cm" o" oo" oo" o" o" Cf th [>-" go" I>" i>" cd" co oc" cd" »o" vo" r*T vo" 

CO CO CM CM CO CO CM CO CM CM CM CM CM CM (M GM CM CM CM CM 

00 

tH^ CD^ 

lO" <5D" 

t-H 

idt 

Auf 10 000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

I> CM© r- t-H^[>^ t-^t-^O^O^ O^CM^CO^CM^CM^CD^ GD^O_ 

rjT o" !>•" D-" I>" rrh" io" icT ^o" > o" cm" cm" —h" co" cm"•■' xfT cm" co" 

COCOCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCM 

7,2 

23,61 

St! 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

cm a^^^^^cvr^cD^o^a^co^i^ c^^co^cd^ 

cm" oi'D-" go" cf'co i>-" cf vcf io >o"co" > o"o"co"co"co"co"co" 

CO CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM 

6,4 

21,45 

Jahr 

iD^GOCJOrHCMCO^tOOr^OOCSOHCMCO^vQ 
00 00 00 0005050505050505050505000000 
00 00 00 00 00 00 00 00 00 00 00 00 00 00 05 05 05 05 05 05 

tH tH tH t— 1 rH t-H t-H t*H t-H t~H tH t-H t-H t-H t~H rH tH tH r—i ttH 

tg Absolute 
Differ. zw. 
86/88 und 
03/05 
Differenz 
in Proz. 
zw. 86/88 
und 03/05 



















































Absolute 

Differ. zw. 

** 86/88 und 

03/05 

^ Differenz 

co in Proz. 

zw. 86/88 

und 03/05 

Hillenberg, 

h-^ h-*• 1— l t—h- ^1— Lh-Ll— ' >1— ‘•h-'^ h-'- >—*■ 1— »• h-*- " h-'‘ i—" 1— 1 - »—•> 

<X;CDCDCDCDCDXXXXXXXXXXXXXX 
OOOOOO^OOCDCDCDCDCDCDCDCDXXXX 
C7»rf-00K>h^OCD00<10iC^rf^05l>0H^OC0X^l05 

Jahr 

Tabelle XI. 

5,4 

20,30 

DODODODODODODODOCODODODODODOCODOCODODODO 
j— *• Oj^J^JOJXjXj^JOJbOJLWJOjJijJSjf^JJiJJSJD* pr\CD 

St! 

Auf 1000 
Lebende 

gestorben 

Merseburg 

4,5 

1 

20,03 

JD>j<]j^Jjpaoj3}J^J^j^JXJXj3^j3jOJOj4-j^j^jf^ 

1^"Vjb^^o5^"^bDlo^lobo1obDbD v cDlxbo'5^'Va^'Qo 

üdt 

Auf 10 000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

t—*• 

"I—*• 1 

00 

DO DO DO DO DO DO DO DO DO tOCODODODODODODODODO 

J— " J— L JO J—JOJXJ>OJXJA2J^JD<J^JD<. pt jf*. j£». JX5 

"*^1o1xl>2^^o'bo"'^1o^PobD"o1o^lo^o^bs'h^"b^lo 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

5,9 

33,15 

4.I--LI—L|—l|—L|-_L|--L)--L|_-L|—L(_UL)_-L|—L|_U.)— ^h-^(— ^ 

K^DODOO J^J^JXj^J^JXjJ^J^JJiJ^J^j^j^j^J j^lJX 
"oo'do'o'cd o^'o 

,nd 

Auf 10 000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

DO 

JO 

"cd "o 

o 

MMMMMMDOMMMDODODODODODODODODODO 
JXJXJOjO CD JO OJOJOJOJOJ-^ 00 DOj—"CO |— L J>0JX > Ü' 

'b'Qo'l^'co'cs'cD'io'ü^^^ o*5-‘> 

Sti 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

Erfurt 

00 

J-* JX 

"bo 

X 

"^^DODO^h-^DODODOtODOCODOCODODOCO» 

JXJXJXjXJXJ>OJOjDjCDjXj^OJ^JXjDj<lJLrijf^JXJXJX 

'bo'o'oo'bo'bo'Do'^'^'co'ao'rf^'co'o'^^ 

adt 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

5,1 

20,08 

DOb—"DO>—"DODODODODOCODODOCODODOCODODODODO 
jOjOjOjOjOjOj-^jOj-^jOj-^^DOj^jf^^DOjf^JXj^j^jO 
'to'cD'aoo'Vj"ao'aok^'tf^'ü''V^1^^ 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

7,6 

29,61 

t—"l—*-COh-"I—"I—"DOI—‘•DODODODOC nSDODODODODO 
jOj<l 0<ljs] Xj<Ij<IJ^JOjOJ^J^JOj^j^JOJO^JO^JO 

^"ool^k^'^ljsl^'ao'VpaoCD'cD^ 

,nd 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

6,9 

26,98 

t—"l— L i— k -h- i -t— L l—"l- l t—‘-DODODOt>ODODODO DO DODO 

J<]J<IJXJXJCDJO OJXJX Oj-^jOjOJXjf-JNpJOjXj*-JO' 
'bo'b^'aoaobs co 'bso'bo'bo'Va'co'bo'b^'ao'tf^'rf^"o 

St! 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

Schleswig 

18,7 

49,53 

1—" 1—" 1—" t— ■" CO DO DO DO DO DO DO DO DO CO O0 DO 00 00 O0 00 
-Jj-ajx jD J— "JO J-*JD J-" Oj^-JO'JXj-JJXjOj-^ O0 0rtj<l 

'oo'oo'k^ k- L "Go"o^"<o'i’ , ’ A '«d'(x v Do'o^'oo'8—M-^'cD'^^'Qo'Go'lf-* 

adt 

Auf 10 000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

4,2 

20,36 

JOJO'JOJOJO <1 00J^JX^aJXJX OJO^JO JO OjOjO 

Vrccbo'cr'Vi qo "co^cAco'o'co'bo o^o'*^~obo h^'bo'br» 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

12,4 

45,63 

"i— ")— "t— "tODODODOCODOrODODODO 
j^JO^j^^j^JO^JO^J^^Oj<IJOj3j--^COJO'JXJO'j-JJO’j< 1 
bo "o ' co "ao Vj "o bo "obob^* 1—"1—b^obfob 

md 

Auf 10000 

Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 
















































Die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit in den einz. Regierungsbez. usw. 


341 


M 

<V 

*03 

rO 

cö 

Eh 


bß 

P-t 

2 

pO 

05 

ö 

fl 


Ö 

cö 

fl 


83 -*'S 

§ 1^1 

rH C3 +_} 

«4—1 <D £_| Cß 

H _ Jö * 

o © I 

o ä^g 

■rH <D o 

cj_ 42 4J 

Ö 

& 


o®^’® 


o 

o 


-4-3 Ö 


T] cd 
5=5 X s_ 

2*§ o 
Eh 


CS 05 

<1 Cg ^ß 


C CD § 

8^1 

h S o 

C4_! pfl 43 

cs % £ 

^4 ^ Cß 


8^' 


o 

o 


05 >3 o 


*> 

"H c3 


bß 


O 05 


<D 

rd 

tß 

05 

2 

5 


^ H H 
rH CD O 

<U_I rQ •+=> 

CS ® g 

-5 ^ bß 


S^'dJ 

§ 1 . 2 ’s 

t ” h ^ cs 2 

« 4—1 CD C—( Cß 

H M «3 i* 


O CD 

g ^S r> 
O Ö 'S 

rH cD q 

«4-. H2 +n 

D- 05 Cß 

«<j f 


CD 


bß 


©^04J^iO^rHjX)^X^’H^© N rH CD Tf ^t> iQ l> h CO 

ocT ocT x~ tjT- rcT of x~ —‘" of ©~ oo'iof id rf of td "d so" id tjT 

Ol 04 04 04 (M CM 04 04 rH 04 t-H rH rn rH rH r-i rH rH t-h 


04 1 


<X©0-XO-©XXXC0O-©©X^^X 


XO4©©©04©rH©XO-X©XXX©[>©[> 
04 04 04 04 04 04 04 04 rH rH rH T—4 rH rH rH rH rH rH rH 


» COCO ^ X^ rH r^COjXCO O-^X^rH^ 04^ ©^©_^©_ 04^ 

xf co* of »<d ocT of of of cd h of cd rf ©~ cd *d ©~ of ©~ h 

04 04 04 03 04 04 04 04 rH 04 rH h H tH tH rH rH 04 t-h 04 


©^<q©^©^o x^x -h^oij© x©jxjxj> 

*d co co of co co*'of-+To 'h cd'rfof rfo'cd x~cf of©* 

04 04 04 04 04 04 04 04 04 04 rH 04 t-h 04 04 rH rH rH rH rH 


C-jX^jX^OX.© 1> © h^X^ i>^c^w^^o^aooq 
©" co icf) cf co TjT of rf co*' rf ©~ ocf x~ of od x~ of h o-~ x* 

04 04 04 04 04 04 04 0*4 04 04 t-h t-h h H rH H H 04 rH rH 


lO^[> OiO'H’HGOOXOlO rHjXJXjX^Crj.O^rH 

-f CO -f CO rf ofHjT co'th'©'©"©"©~ cf©fx "OO cdcc X* 

04040404040404 0101 04rH04rH04 04rHrHrHrHrH 


rH x^x^j© t*© 04 co co x co c^^x^oj^oi^oj 

cd co of co of co rf of-cd ©* ©~ od ofof cd* ©*" ©" cd x~ oi* 

04 04 04 04 04 04 04 04 04 04 04 rH rH rH rH 04 04 04 04 04 



4b 

cS 


©^co 04 0- ©^04^©^©lO^x^x^x^ 

cd' -f Tjf co'co od CO CO rH*'cf of ©^ cd h'o' x'x*' of 1 x*' X* 

040404040404040l 04 04rH04rH0404rHrHrHrHrH 


04 O-^X Ol 0^© 0- ©^X^X 04^X © X 0-^04 © 04 »_0^©^ 
HtTrH*' of ©^ CO H |>f o*' of of cd cd'cd of r-f rf X*' -+'rf ©* 
XXXXXX04X04 01040404 04 0404rH040404 


IO ^©^©^X^©^I>X^04^X^©^[> rH 04 
H-fcd rf rf cd rf rf X"©* ©^ X*' Cf ©*' ©^ X*" X*~ O-* OCf X*' X* 
04 04 04 04 04 04 04 04 04 04 rH 04 rH 04 rH rH rH rH rH rH 


©rHjXjX^^Oi ©J©rH ©^X_©^0^ X^ x^04^ ©^ rr^ ©^©^ 

of ©^ co' f' of CD'cd CD CD irf of of ©^ cd Cd cd cd of ©^ ©* 

XXXXXX040404040401rH04 01rHrHOIrHrH 


vq^ ^04^ ^©_x^x^i>^ir^rH^x^©^x^ T-LGO^©^^x^cq^x_ 
of oi*' 04" ad of of rf rf ©~ rf x" ©" ©*'©" cd cxd x" of of o» 

04 04 04 04 04 04 04 04rH04rH04rH04rHrHrHrHrHrH 


CDOX©©H04X^tOCOOX©OH^lCOH<tO 
XXX X ©©©©©©©©©©©©©©©© 
xxxxxxxxxxxxxx©©©©©© 

▼-H 4 y ^ -r—H y-H r—^ y-4 rH y-H ■>■ 4 y ^ * t ^ rH r -H r—H r H y -H 


X^ 

of 


X^ 

tjT 


© 

SO 


»cf 


© 

Cßf 


Th 

irf 


© 

o" 


© 

so*' 


o- 

©*' 


©^ 

Tfi 


iO 

ad 


»o 

©" 


x 


x^ 

t-H 

04 




X 

04 


© 

© 


© 

04 


»O 

Ol" 

04 


©^ 

ad 


04 


04 


04 

X 


H±l 

© 

ad 

04 


© 

© 

©" 

X 


X 


o- 

04 


tS3 . X »O 
'NX© 


<D ^ r Ö 

H §g 2 g'®su 

JJgg«!^ 00 ? 

-d © Q.y ^ 2 
^flx W N rS 




















































Absolute 

Differ. zw. 

86/88 und 

03/05 

Differenz 

co in Proz. 

zw. 86/88 

und 03/05 

Hillenberg, 

H- 1 h-' t—t—<^ |— 1 L t —1 Lt-O-I— 1 |—L (—1 1 *. |—•> t—»■ t — 1 1 —*■ 

^D^CD^COCDGOQOGOGOQOQCQCQOQOOOQOOOQOQO 

000000?DOCD?DCD^COCOCOCDGOGOOOGO 

C^^0:W^CO00<l^Ü*^0ib5h*OO00<IG5 

Jahr 

Tabelle XIII. 

4,8 

22,00 

-O-O -0 J35 CO OOQOJXOO J35 50 JX JD JDJJö JX JX j—J-MÜÜ 
’h-'o ÜSCö'cO lx' 0 UJ©b*'b* 

sti 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

Stade ; 

16,7 

54,81 

^MMKH^MMK)MDOD5LCK)02tOtOWWO: 

J05JXJO\Wjf^j»j<IJXjXjXjP\4-J»J3UNÖJXj<JjXj^J-^ 

"m- 'bioCko 'bx *05 ~<I "0 'co'cd 'cjt'ooafc»'*** ToWI - 1 

idt 

Auf 10000 

Lebende 

a. Tuberk. 

gestorben 
ö 1 

4,2 

18,71 

1 — 1 . 1 —L»— 1 )—L|—Ll—krsDt—^h-^ 1 —^t\Ol>C)COCOIM)CObOtOCO 
jO<lJ»JXJ30JXJXJX>JXJ»JXJX Oj-j^JXjNDJOj-^fcö 
^^i'co'k) cs'oo'bwx'ca'tf^ViVi 

La 

Auf 1000 
i Lebende 
gestorben 

15,1 

i 

41,77 

h-^tOCOl— 1 > h- 1 ■ MLOM^C0t0b0t0cs005050505050505 

JX j— JX JXjO JX JX JXJXJXJ3 *JXJXJXJXJ£“ j—jjp^JX 

'051o'cd'h^'c'~O''cs' boco'co'o'r-^'toVfi^'o ooöV* 000 *- 

nd 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

5,0 

19,61 

JX JX QO j<J JX JX JXJX JX JXJXJX b+ JO JXjCO JXJX 

Isd© qo-j" bo'i - 1 'o'o'W1^1xTo^^a:1o1o5^x'V^'ecto 

Sti 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

Osnabrück 

24,3 

47,69 

tOtOLOLOLOLOLOIOLOt005 05 05 05 ^ 05 05rf^^^ 
J^jl^JXjf^j<]JXj**jXj<]JXJb0jXJXJXJ>0j<IJXjXj<lj<l 
'cd 05 IoVi''h-^'co' 05 'x1 p*' toba'^i'x'Vi'c^'bo'Vi1 p*. 

adt 

Auf 10000 
Lebende 1 
a. Tuberk. 
gestorben 

3,8 

17,66 

MKMKh^^MHMMuatNSDOtNStODOtNStOWK) 

JX j<lj<]JXj<ljX JXj<J JXJXJX JXJXJXJ-^^JXJXJNDJ-* 
05^0510 ~05 'to' 05 'o'o^^lx'V^ Ip^Oob^Dö "b^ Vi 'o'bs 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

r 

16,8 

37,20 

C0t0t0t0t0c0c005 05 05 05 05 05 05^0^rf^^^4^ 

^ JXJXp’JD\X JXJXJX JXJXjXjf^ JXJXJXJ - 1 cd CdjP* 

bo 1 p* bs'bo v co<i Ix 'W to 'bo l<i lx> 'ao'o '^fbolx'ö VWoo 

nd 

! Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

5,9 

27,47 

JX JC\Ü* JX jO JX JX JCMX JO* JX JX JX JX JX JXJX JX JX JO» 

lo'bo'Valo'as'Qo'o'i^lxlxj'xVi^'xVi'bi^xlD'o^ 

st 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

Aurich 

8,9 i 

; 

34,19 

MMKl-^DObSMMMKDOKJWtOWDOOJWMtO 
Ü\Q 0 jOp0 JXJX JXJXJXJX>j—J50 JXJ-*JX JX jXJ3\tfMX 

D© 1 <] 1 x 1 — L lxlxIp^l^l-^lf^'x^cn'bolxlxlx Oo'h-^'Va'o 

adt 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

2,9 

14,81 

1 —^^ 1 —^ 1 —*• H-*- |— L t-L h-L t-L ^i ^ ^ ^ ^ ^ ^ ‘N)Kh* 

j<]jX (XJX 05 -0 <1 05 *<1JXJ<] •<] JXJXJX -<1 <1 JXJXJX 

"CdIx bo'xlx'cx'olx'utlx'bo l-^lp*lx~ÜMXlP*'&ölx'x 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

05 

J-*- -o 

V 1 ^ 

05 

cocoroi— 1 ‘tOtOtOtOIOIOIOLOlOCOIOIOI005 05IO 
J02JOp5JX^-p5JOjXjOj—^JO to p p*JXjXJXj- t J-‘JX 

lxlx~x^VTü3^^1»lx!p*l>D~fcolxlxl«lf*Vrtxc7i 

nd 

Auf 10 000 

Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 
























































Tabelle XIV. 

-- ö 

Arnsberg ^ 

nähme der Tn 

^ ^ 'rj n~) 

° fl 

2 ° ^2 o 

r^G _fl 4-3 

«4-1 <£) G—j 02 

■S^wS 

Lberkulosesterblichkeit in den einz. Regierungs 

cg^cm^jojcm^o^^cd^co^co^cd^ cg^cm 

cm" oo" cP oPi oo rt "‘~P o" cP cg cd d o" o" cP cg" cP cP cd cd' 

^CO^COCOCOCOCOCMCMCMCMCMCMCMt-hi—It—ihh 

bez. usvv. 343 

CO 

CG CD 

CM CD" 

CM tO 

La 

Auf 1000 

Lebende 

gestorben 

iO O ^^05 

^fP cm" i-P cm" cd t-P i—T cm" o cT cg" oo" cg" cT cT cPcg" cd' co" cd" 

4,9 

21,44 

adt 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

i—i O CD CCjO^ CG^CM^cq^GO^ ^CC C^CD^CO cd^O/^cd/^ 

o" irT 1 -r cP cP d cm" gm" cP cP cd d d d *-P cP' cP cP cP 

vO ^tl'^CO'^COCOCOCO CO (M(M(M(M(M(M(MhhH 

26,8 

61,55 

Sti 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

CO^OtfqcOjX) ©J>y^©00 OO^CO^COJ^i-^GO^jOjXvO^ 

o-" d cd t*P -P cm" co" tjT i-T cT cP cP gm" cm"cm" cP cP cP cP cg 

CM CM CM CM GM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM ^ CM OM 

5,6 

22,08 

Minden 

md 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

H WHOCCOS^iOiO CM CM [> CG CC^r-^GM COJMjCG^-^ 

^*P cP cg cP cd cP cP od cg cd cd d gm' i-P ^*P cm' cm" 

^i^COCO^CDCOCOCOCOCMCMCMCMCMCMCMCMCMCM 

CO 

CO 1-4 

cg' d 

1-1 ^ 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

COjCO^CD CG^CDJGj^ CD_0-^<M CD CG^CG^C0jCG^tO^t>^CG^^T^ 

cd cm" —P d o" cm" cd —P ©oo" cP cP cP cg cg cP cP cg cP 

CMCMCMCMCMCMCMCMCMCMt—i— ii—ICM tHt—It—It—It—It— l 

5,5 

, 23,50 

— x c3 -p 

o £2 O 

«+-< "3 fln 'S 
'S fl 

CM^OOjttJ^CM^GG^QCKD^ HM lO^O^Qq CMCMCOD-CO^ 

d gm" o" cc" gm" i-P . o" cg cP cP cP'gm" cP ^P cg cP cg cP cP cP 

^COCOCOCOCOCMCMCMCMCMCMCMCM^4CMtHi-It-iCM 

18,0 

47,66 

St; 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

^O^OGMCMCMHOSCDO^^HNCSiCH CM^ 

-P gm" cP —P dcP cP —P oo" cg cP cg cP cg cg cP d cd cP d 

GMCM(MCMCMCM(MCMHHHHHnHHHHHrH 

13,0 

27,96 

Münster 

,nd 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

r^cG^q cmo^ —^og^cg^ * o^cm^ 

gm" i—P «^P cP d cP cd cP d d cP i—P cd cd cP cd cd cd tP d 

-tf^tf^H^^COCOCOCOCOCOCOCMCMCMCMCMCMCMCM 

18,1 

42,24 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

GM^ C^CO^i-^CM^CO^I>^QO^^CO^iO^^C^^CM^CM^iO^CO^^ 
tJi Ol i—1 CM ^ CM Ol CO i—< — 11 CG O CG i—i —« —■■> CG O 1 — 1 O 
CMCMCMCMCMCMCMCMCMCMi—ICM tHCMCMCMi—(CMCMCM 

2,1 

9,20 

adt 

Auf 10 000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

CG^CDj^O^ CD^ CM^ CO^ CO^O^CM^ CGJ^iCjGO^'rtW 

go"i>" cd" i>P cg"©" o-" cd' t-P cd cP cd cm" co" cg" cg" i>" cg" cg" o-" 

lOiOiOO^vC^^h^f^^COCOCOCMCMCMCMCMCM 

28,8 

49,91 

St: 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

O^CG^^GC CG ^ ^O^CG^CD^i-^CD^C^O^CM^CM^ 

cg" cd" io" CD >o" cd" io" [>P co" -P'cm" co" cm" tP -P -P cP cd c dd 

CMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCM 

4,6 

17,10 

Jahr 

CD l^- CO CG © i—ICMCO^iOCDC^GOCGO^CMCO^iO 
00X)C0000GCGCGCGCGCGaGCGCGCGOOOOOO 
COCOGOOOGOGOGOGOGOGOGOGOGOOOCGCGCGCGOGCG 

rH i—1 rH t-H r-t i—1 t—( tH i— 1 rH rH rH i-H i—( tH t— 1 t-H t— i tH t-H 

Absolute 
Differ. zw. 
86/88 und 
03/05 
Differenz 
in Proz. 
zw. 86/88 
und 03/05 































































Absolute 

Differ. zw. 

86/88 und 

03/05 

^3 Differenz 

co in Proz. 

zw. 86/88 

und 03/05 

Hillenberg, 

CO CO CD CD CO CO 00 00 GO 00 QO 00 00 00 00 00 00 00 00 00 
OOOOOOCOCOCOCCCOCOCOCOCOCOOOQCQOGO 
c^^o:i^h-ooQo<iasü'^Oii^KO^Qo^ia5 

Jahr 

Tabelle XV. 

6,1 

25,35 

KMMMMI-ii-iMMMi-AMtOtOlOMCOtOMfO 
GOj-a GOj-O GO JO CO j<KXJX>JO CO CO CO CD JN3 JW Jp* 

'o'ocTr-»- 'boco go 'babaco %-*■ 'ofo* Vj 'o'Ip- 'cd 'c^'Vi 

st 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

Kassel 

CO 1—•> 

o o 

'O 

i— 1 

cocotocococotocococococococococotocococo 

CO J-* Jtf j— 00^-* J35 JO jOjXjDjO 

'bt bt ko<i l-^'co'bi'bo b- 'm- 'co'b 'bo b- 'o'rf^'co'o Vi 

adt 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

ro 

co 

~o 'co 

CO 

JX) JX)JX>JXJOJX)JOJO JO ^J^jyoJ— JttC» J3^Cr« co 

b^'co'a^'co'csba W1—•Ao'a^Vi ^o^Vi^^^^V^co 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

8,9 

32,88 

MMMMMMMMMtOtOtOtOCOMDOtOCOWW 
J&J&GO 05 j-0 JX j-0 JO JX J-^ JO JX j**> jP*j<J J35JJ5JX 

bo^V b»'o'b'bs'i-^'bcVi'H-^'^'co 0b^'oobo 

nd 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

1 

3,6 

17,31 

pMKMKMMMMHKKDODOKCOtNStCltOtO 
jOj3ij<lj3}JJ3jX>JX>j7ij-aj3}JX>j<] pppO.ppp h-> 

bo^cobabibolobib^bs^co'cobn'o^'csb'b' cööVco O 

st 

Auf l( 00 
Lebende 
gestorben 

Wiesbaden 

9,3 

36,47 

cococococorococococoiocococococococococo 

^WJ50 J^J^J^.COJOJX Gi 0Oj<J JOO jo jO Jp*> M3S 

'"•a'baooVibob-j- b-"cob^bt IxTcooorf- bo b^'co'co'b'ba 

adt 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

5,5 

23,57 

KMMHKMMKHKOt0l0t0D0I>2t0t0t0t0 
j<1j<1JXj<Ij<! JOJXJXJOJO COJOJXJ-^OJXJ-^ 4^ JO JO 

bolobr^Ixbabobobobnbob^^obobababcbobo'co'Qc 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

18,6 

45,76 

do»-^coiocoioiococooocococococococococo4^ 

P'j0j^j0j^^j4-jjijx>j0^j0j0j0j0j0j<lj0j>0j0 

'Lo'b'io bobdbdbib^^bob-^b t^bob^bcbnbobcbo 

nd 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

4,5 

19,45 

MMMMMWMMMH-MtOtOtOtOCOCOtOIOlO 
JXJOJX JX) JXKD JOJXKO JO COjOJ^JlOJO^COJOJOJOjl^ 
bb'oo bn 'ob^-'bd b^bo'co ao'o<'co'oVib^bobobolo 

St! 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

Koblenz 

15,7 

42,34 

cotocococoiococococococococococococococo 

jo ojOj-^j^jo\p»j<ij^jx>jXM03joj^j<ijD\ao 

bol^bab^bob^lob^bo^bob^'cobo'co'Vjb'ib^co'to 

adt 

Auf 10 000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

4,5 

19,13 

H-ih^COCOt— L coco^cocototococococococococo 
JXJOOJDO JO^OJDJOjDj-^JDj-* jf^ jf^jOjP^JO 4^JOj^ 
*-*oco b»b^ "cobobobo Vj^^bobabibob^b: bobi 1— ^ 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

22,3 

54,22 

^h^tOCOCOCOCOCOCOCOCOCOCOCOCOCOC04^4^4^ 

^JXJOJN2J^JXJXJ1^J<IJXJIOJ^J^J^JD\P^^J-^J3J^ 

bbob'bob^bobob^lobobob^btbab^'co lobib^'b 

nd 

Auf 10000 

Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 



















































Die Abnahme der Tuberkulosesterbliclikeit in den einz. Regierungsbez. usw. 345 


> 

2> 

cö 


g® 


'S 5 


X rö ~ 

2 c ^ 

° 0)-2 o 

CU 


— — 

'fl -r M . 
fl fl 


o 
+5 
m 
cu 

cd b * 


O CD £ 
O fl J? 

2 

G 4 J 

r- <D 02 

fl CD 

bß 


O 

O 

o 

o 


+3 

fl 

fl 

+3 

C£ 


^5 

fl 

CD 





















s 

rfl 

r- co 

CD 

O 

l>- 

fl 

05 

CO 

iO 

CD 

O 

CD 

05 

CO 

O 

CM 

CM 

o 

1» 

00 

l-fl 

o 


CM 

'co" 

CD 

05 -fl 

l ^ CM CM CO O 

'co 

'cT 

CD i—< CM 

O 1-H 

'cd 

cm" 

Eh 

-+3J 

CO 

CD 

co 

CO 

CO 

CO 

CM 

CM 

CM 

CM 

CM 

CM 

CM 

CM 

CM 

CM 

CM 

CM 

CM 

CM 

CM 

CM 

fl 

b£ 






















fl — - 

<3 < 

*Q 

(D ■ 

fll 


O <D £ 

o c -£; 

t-H (X) o 
cm i-G -d 

h o; tn 
^ 1 1 öiO 


jfl 

W 


öJ2~ 

'fl 


(fl 


; fl 

_ $ CD 

o'S SS-P 

o o -2 O 

—' fl +3 

<4-t <X> £D_| 02 

sj h s> 

«! H cd fc® 


O CD 

O fl 


fl 

CD 

ö ä ’S 

H 03 o 

fl I rfl "+3 

fl « 2 
bß 


O rM ifj S 

^ fl CD -g 

oS-2§ 

1 fl +3 

«+-I Qj L__i CO 

+3 fl uJ ^ ^ 

'S <1 °s bj) 

5 Ö-Ö® 

2 g g 

<•[ ) 1 -fl ■+■3 

HO)® 

J CD 

<! M Oß 


O 

s 

'S 

02 



8 ® 
^ — 0^ "p 
2 ^ h s 

H ri3 fl P 
«W 03 Cü CO 

^ fl J ^ CD 

'fl M * V " 


- 0 > 
fl 



5 -i 

,fl 

fl 

fl 


wopp^At^. CM 

cT .C cd'»o" cd' i-T cT cd' aT cd i>-" oo" to" »cd rd cm" i-T ad cT cd 

^COCCCOCOCOCO(M(MW(>J(M(>J(MW(M(MH(MtH 


co_ oajsnop^c>co 

fl"cdco" cm"a" cd' a"a" cd cdT-d^-Tad—r t-T ao" o" ci' ad ad 

CQ(M(MCJ(M(M(M!M(>](M!M(MtH(>J(MHWHHtH 


co^i>-jcd a^cojDjC^oj» A^ A^coj 0 ^iCjx^ 05 ^[> cq^ 
cd' r-d cd ,-T cd cd a"—' cd o" ad ad o" —cd cd' ad ao cd' cd' 

N(M(MCl(>JC](M(MCM(>JHrHG^!M(MHrHrHrHrH 


AjXflfl a r-ja5 ocoohhiooj aos c^cd^o^ 
a" cd o" cd' cd" a" i>" io" co" cd' cd o" a" >o" cd' io" a" a" co" i-T 

iOiO*OAAACOCOCOCOCOCOCMCMCMCMCMCMCMCM 


co^^c^ao^^^co^cc»O^c^oo^^c^cc^o^cc 
r—" o" vrd > o" * cd^o" cd' > cd a" cd cd cd' *-T cd cd' cd cd cd o" o" 

CM GM CM CM CM CM CM 03 CM 03 CM CM CM CM CM CM CM CM CM GM 


O^vooq a>cojDioj> ajm Ajxn>^CM^co_fl cojx^a 
o" o" i—T ao' r-" cd a" a" cd cd' ci ‘ cd' no"vd cd icf a cd' cd' cd 

^roti^tlCOCOCOCCCOCOCOCMCMCMCMCMCMCMCMCMCM 


-f GO^C 1—1 CM i—^CO^ tH^CD^vC^^ 0^0^CD^C0^I>-_co^ 

ad td cd rd cd' cd' cd" cd' ^d cd cd cm*' cd' cd cd' cm' cT cd cd cT 

CM CM CM GM CM CM GM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM CM 


S-S'S ® 

® fl J-g 

OQ CM^H 05 ^ 0 _CD^CM^^O^CD^^iO_l>^O^fl_CM^O^CD_OO^a 5 ^ 

T—^ 

co 

L— 

2 ^ H ° 

fl" cm" fl" 0 " 1 -h" 00 " cd" co" 1 —<" 05 " cd" 0 " cm" co" cm" 0 " 0 " cm" 0 " 0 " 

cm" 

O" 

^ fl fl 43 

« 3 -i (fl flj »2 

ö « 

^ ^ cd feß 

flflflflflCOCOCOCOCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCM 

CM 

iO 


O^O^COiO^ ^CM^O^r^W^^O^CM^ O^GOCvlCq^ 

cd' cd' cm"' cm" ^d co" cd' i-T i—T ad cT *-d r-T cm" o" ad cd ci'ci 

CMCMCMCMCMCMCMCMCMCMr -1 CM CM CM (M CM H CM H H 


Tf 1—1 1>CC I>- 00 GO lOjrqcq^ t^QO^CO^iO^iO^CO^D-^CO^i-H 

cd cm" ad ao" rd cm" cm" o" ad ad cd -d co" co'cm" r-T o" cd cd o 

^^CQCCCOCOCOCCCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCMCM 


CM^^io^^T^TH^a^i-^cc^i0^cM^co^a^»o^GO^^^t>^a^CM^ 

cd" co" cm" cm" co" cm" i-Ticm" cT o" ad ad ad o" o" ad ao" i>" d-“ i> 

GM Ol CM CM CM CM CM GM GM CM i—* rH H CM CM rH rH i—l i—< r—l 


^OXOiOiHCMCO^OCDt^GOaiOrHCMCO^vO 

COOOCOXDDDDDOiQDDDOOOOOO 

Q0XXXXXXCOXXXXXXa5OiO5O5O5O5 


co^ 

I>" 


I> 

co" 


cm" 


io- 

cd" 


o 

ad 


cq 

o 


<D 

•+3 

^fl 

<1 Ä CD Q 

H R 00 ^ 


r— 

N 

i>-" 


Oi 

L^- 

iO" 


o. 

cd" 

co 


3,9 

17,31 


fl 

CO 

05 

ad 

to" 

CM 

iC 


CM 

T—^ 
i—H 

CM 


ao^ 

-fl 


CD^ 

vO 

CM 


co^ 

fl" 

17,70 

21,3 

50,96 


O- 

lO 

00 _ 

cd" 

cd" 


CM 


fe| «fl CS3 . 00 >C 
^ fl fl N00O 

flg 2 2^d~ 

fei 

N fl 












































I 

346 Hillenberg, Die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit usw. 


Tabelle XVII. 


Jahr 

Aachen 

Sigmaringen 

Stadt 

Auf 1000 A T U p Vp 0 ( f | 0 p 0 
Lebende 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

nd 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

St: 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

adt 

Auf 10 000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

La 

Auf 1000 
Lebende 
gestorben 

md 

Auf 10000 
Lebende 
a. Tuberk. 
gestorben 

1886 

(27,5 

35,9 

24,9 

40,1 

23,9 

24,2 

27,0 

29,3 

1887 

{2 4,7 

32,1 

24,1 

39,8 

24,9 

35,3 

22,3 

: 25,7 

1888 

1/43,0 

32,1 

23,5 

37,8 

27,6 

25,9 

23,4 

28,8 

1889 

24,2 

30,1 

22,6 

36,7 

22,9 

16,2 

29,5 

30,5 

1890 

25,0 

30,8 

24,6 

34,8 

21,0 

24,9 

27,1 

30,2 

1891 

23,6 

28,2 

22,2 

31,8 

26,6 

28,5 

26,5 

30,4 

1892 

23,2 

24,6 

24,1 

29,4 

23,6 

27,3 

23,8 

29,5 

1893 

25,7 

22,2 

23.8 

27,7 

27,6 

42,1 

25,9 

31,0 

1894 

22,0 

25,2 

21,9 

28,6 

27,9 

35,9 

26,8 

29,8 

1895 

23,0 

24,5 

22,3 

27.3 

24,5 

43,3 

23,5 

25,1 

1896 

22,0 

20,6 

21,2 

28,3 

17,1 

23,3 

22,1 

22,2 

1897 

21,7 

22,1 

20,9 

23.5 

22,3 

30,3 

23,1 

26,1 

1898 

21,3 

17,4 

21,5 

23!ö 

23.2 

27,5 

23,8 

26,0 

1899 

22,5 

19,4 

22,8 

23;4 

22,6 

30,8 

23,0 

22,5 

1900 

21,5 

19,5 

22,5 

22,4 

23,0 

44,3 

24,3 

21,6 

1901 

20.5 

16,7 

21,0 

21.2 

19.9 

24.2 

23,7 

22,2 

1902 

21,3 

18,3 

21,3 

22,2 

22,9 

28;6 

22,8 

i 9 ; 6 

1903 

(19,2 

17,1 

21,5 

20,9 

26.8 

36,2 

21,0 

20,7 

1904 

\ 19,3 

18,4 

20,0 

17,8 

23,0 

25,7 

22,2 

22,2 

1905 

120,3 

17,8 

21,2 

19,5 

23,5 

25,4 

22,5 

21,9 

Absolute 
Differ. zw. 
86/88 und 
03/05 
Differenz 
in Proz. 
zw. 86/88 
und 03/05 

5,5 

21,81 

15,6 

46,75 

3,3 

1 

13,52 

19,8 

50,55 

1,0 

4,06 

+ 0,6 

+ 2,32 

2,3 

9,63 

6,3 

22,67 






































Die Organisation zur Bekämpfung der Säuglings¬ 
sterblichkeit in Neuß. 1 ) 

Vom Beigeordneten Klein, Neuß. 

Wenn ich die Ehre habe, vor Ihnen über die Organisation zur 
Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Neuß zu sprechen, so 
muß ich als Verwaltungsbeamter davon Abstand nehmen, auf 
theoretische Erörterungen irgendwelcher Art näher einzugehen. 
Ich hoffe vielmehr, auch in Ihrem Sinne zu handeln und dem mir 
zuteil gewordenen Auftrag am besten zu entsprechen, wenn ich 
Ihnen ein möglichst vollständiges Bild unserer Neußer Organisation 
gebe und Ihnen erzähle, wie sich bei uns alles nicht in Anlehnung 
an vorhandene auswärtige Einrichtungen, sondern aus den lokalen 
Verhältnissen und Bedürfnissen heraus unter steter Berücksichtigung 
der im Laufe der Zeit gewonnenen Erfahrungen zu dem heutigen 
System entwickelt hat, das meiner Ansicht nach nunmehr einen 
gewissen Abschluß der von vornherein gegebenen Zielbestrebungen 
darstellt, solange nicht von der Stadt oder von privater Seite 
weitere Mittel zur Verfügung gestellt werden, um neue Wege zu 
beschreiten. 

Die außerordentlich hohe Kindersterblichkeit in Neuß hatte 
schon lange mannigfache Anregungen, Wünsche und auch Versuche 
in die Öffentlichkeit gebracht, dem Übel zu steuern. Die Statistik 
des Jahres 1905, die bei 1087 Geburten 389 Sterbefälle und unter 
letzteren 242 im ersten Lebensjahre nachwies, stellte den Neußern 
die Gefahr so klar vor Augen, daß man sich zum Handeln ent¬ 
schloß. Im Februar 1906 wählte die Stadtverordnetenversammlung 


0 Vortrag im Kursus für Säuglingsfürsorge, veranstaltet vom Verein für 
Säuglingsfürsorge im Kegierungsbezirk Düsseldorf, am 5. 9. 1908. 





348 Klein, 

eine vorbereitende Kommission, der unter meinem Vorsitz unter 
anderem der Kreisarzt, der Kreistierarzt, mehrere Arzte und Damen 
angehörten, die sich bereits auf sozialem Gebiete betätigt hatten. 
Wenn ich die heutige definitive Ausgestaltung mit den Vorschlägen 
vergleiche, die von der Kommission damals ausgearbeitet wurden, 
so muß ich sagen, daß die ersten hochfliegenden Ideen hernach 
arg zugestutzt werden mußten, hauptsächlich natürlich wegen der 
zu großen Unkosten. Andererseits aber zeigt uns der Rückblick 
das erfreuliche Resultat, daß das von Anfang an allein in den 
Vordergrund gestellte Prinzip unentwegt festgehalten worden ist: 
Eine möglichst energische Förderung des Selbststillens! Indem 
man den in ganz Deutschland erschreckend höheirProzentsatz der 
Sterblichkeit unter den Säuglingen sehr richtig in erster Linie 
auf eine verfehlte und mangelhafte Ernährung der Kinder im 
ersten Lebensjahre zurückführte, wurde damals an zahlreichen 
Orten der Versuch gemacht, eine einwandfreie Säuglingsmilch zu 
gewinnen, und aus Anlaß der Silberhochzeit im Kaiserhause mehrten 
sich allenthalben die öffentlichen und privaten Stiftungen zur Er¬ 
richtung von Kindermilchanstalten. In Neuß hatte man sich länger 
zurückgehalten als anderswo; nun konnte man aber auch einiger¬ 
maßen die verschiedenen Wege überschauen, die man draußen 
mittlerweile eingeschfagen hatte. Da fand man nun, daß zurzeit 
in den maßgebenden Kreisen durchaus noch kein Einverständnis 
über die beste Methode der künstlichen Säuglingsernährung 
herrschte. Es zeigte sich sogar vielfach ein starkes Mißtrauen 
gegenüber den verschiedenen Versuchen, man hegte Zweifel an den 
Erfolgen oder befürchtete Nachteile für die künftige Entwicklung 
des nur mit präparierter Milch aufgezogenen Säuglings, ganz ab¬ 
gesehen davon, daß die präparierte Kuhmilch niemals einen voll¬ 
wertigen Ersatz für die Muttermilch gewähren könne, da der 
Chemiker noch nicht imstande sei, die Kuhmilch der Frauenmilch 
chemisch gleich zu machen. Die Kommission machte deshalb den 
Vorschlag, in Neuß einstweilen von der Errichtung einer städtischen 
Kindermilchanstalt Abstand zu nehmen und folgendes Verfahren 
zu versuchen: 

Es sollte auf den städtischen Wiesen, die sich vorzüglich als 
Weideplatz eignen, ein Musterstall eingerichtet und eine tadellose 
Vollmilch beschafft werden, die an die Armen der Stadt, an die 
Wohltätigkeitsvereine, Ortskrankenkassen und an die verschiedenen 
hier in Betracht kommenden Anstalten teils umsonst, teils zum 
Selbstkostenpreise geliefert werden konnte. Vor allem aber sollten 




Die Organisation zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Neuß. 349 

sämtliche Wöchnerinnen, wenn sie seihst stillen, bis zu einer be¬ 
stimmten Einkommensgrenze vor und nach der Niederkunft die 
Milch kostenlos erhalten. Der von vielen Seiten herbeigewünschte 
Musterstall mit Milchkuranstalt ist leider nicht zustande gekommen. 
In der Stadtverordnetenversammlung wurden die zu erwartenden 
zahlreichen Schwierigkeiten und die allzu großen Unkosten so sehr 
betont, daß man sich an das Unternehmen nicht heranwagen wollte 
und deshalb beschloß, die Milch von einem Privatlieferanten zu 
beziehen. Dagegen wurden die zur Gewährung von Stillprämien 
von der Kommission geforderten Mittel bewilligt, außerdem 140 M. 
zur jährlichen Prämiierung von Hebammen. Im ganzen stellte man 
die Summe von 7900 M. der zur Ausführung aller Anordnungen 
neu gewählten Deputation zur Verfügung. Ich will hier sofort 
hinzufügen, daß bis zum Ende des ersten Etatsjahres 1906/07 in 
9 Monaten bereits 16900 M. verausgabt waren, und nur 7900 M. 
hatte man vorgesehen! Das war für diejenigen, die das Defizit 
bewilligen mußten, eine böse Sache; allen Freunden der neuen 
Einrichtung aber gab die Tatsache, daß man sich, als nur 100 
selbststillende Wöchnerinnen pro Jahr angenommen wurden, gründ¬ 
lich verrechnet hatte, den willkommenen Beweis, welchen Anklang 
die verschiedenen Maßnahmen in den beteiligten Kreisen gefunden 
hatten. Nach den damaligen ersten Bestimmungen kamen von 
1100 jährlichen Geburten für unsere Organisation 850 in Betracht, 
und in den Anfangsmonaten mußten Stillprämien und Milch an 
nicht weniger als wöchentlich 160—170 Frauen verausgabt werden. 
Das hätte eine Jahresausgabe von 25000 M. verursacht, doch wohl 
etwas zu reichlich für eine Stadt von wenig mehr als 30000 Ein¬ 
wohner. 

Anfang Juli 1906 wurde die erste Bekanntmachung erlassen. 
Von da ab folgte eine Zeit des Experimentierens. Über das 
Prinzip war man sich einig; im übrigen aber handelte es sich zu¬ 
nächst um einen Versuch. Da sich alle zur Mitarbeit berufenen 
Faktoren sofort mit größtem Eifer und Interesse ihrer Aufgabe 
widmeten und die fast täglich gewonnenen Erfahrungen miteinander 
austauschten, gab es immer wieder neue Vorschläge und Projekte, 
die erprobt, verändert, beibehalten oder verworfen wurden. Pis 
entstand dadurch allerdings in der ersten Zeit eine gewisse Unruhe 
in der Organisation; da jedoch alle Arbeiten und Versuche immer 
nur das eine Ziel erstrebten, möglichst viele Wege zur Förderung 
des Selbststillens zu eröffnen, so war das Endresultat jedesmal 
doch wieder ein Vorwärtsgehen, und heute dürfen wir sagen, unsere 




350 Klein, 

Einrichtungen sind nunmehr so ausgestaltet, daß sie im Rahmen 
des Geplanten und Gewollten für die speziellen Neußer Verhältnisse 
vollständig ausreichen und praktisch zutreffen. Es wäre viel zu 
weitläufig und würde wahrscheinlich auch das Gesamtbild unklar 
machen, wenn ich Ihnen in historischer Folge den Werdegang 
unserer Organisation im einzelnen schildern wollte. Ich halte es 
vielmehr für zweckmäßig, Ihnen einen Überblick über unsere 
heutigen Einrichtungen zu geben und dann jedesmal die bisherigen 
Erfahrungen kurz zu erörtern. 

Wir gewähren also keine Milch für die Säuglinge, sondern 
nur für den eigenen Genuß der Mütter. Seit dem 1. April 1907 
stehen für das Etatsjahr jedesmal 10000 M. zur Verfügung, eine 
an und für sich gewiß nicht unerhebliche Summe, die aber nur 
gerade ausreicht, um recht intensiv die Pflicht des Selbststillens 
zu unterstreichen. Da bleibt für das kostspielige Experiment, auch 
eine allen Anforderungen genügende Säuglingsmilch zu gewinnen, 
nichts mehr übrig. Für die Gewährung von Milch und Stillprämien 
an alle Frauen, die selbst nähren, ist folgende Bestimmung ge¬ 
troffen: Bei einem Gesamteinkommen der Familie bis 900 M. spielt 
die Kinderzahl keine Rolle. Reicht das Einkommen bis 1100 M., 
so muß bereits ein Kind vorhanden sein. Bis 1300 M. werden 
Milch und Stillprämien gegeben, wenn 3 oder mehr Kinder und 
bis 1400 M., wenn 5 oder mehr Kinder vorhanden sind. Die Fest¬ 
stellung des Einkommens geschieht durch Nachfrage auf dem 
Steuerbureau und bei den Arbeitgebern. Es handelt sich, wie 
gesagt, um das gesamte jährliche Einkommen der Familie. Für 
Lohnausfälle durch Krankheit, Arbeitslosigkeit usw. werden sofort 
100 M. vom Jahreseinkommen in Abzug gebracht. Anfangs ver¬ 
langten wir, daß die betreffende Familie den sogenannten Unter¬ 
stützungswohnsitz in Neuß habe, also mindestens zwei Jahre orts- 
angehörig sei. Wir begnügen uns jetzt mit V/ 2 Jahr. Wo nun 
die genannten Voraussetzungen zutreffen, wird täglich 1 1 Voll¬ 
milch bewilligt und zwar 4 Monate lang nach der Niederkunft. 
Damit der Wechsel in der Ernährung während der heißen Jahres¬ 
zeit keine Gefahren bringt, wird, wenn die Lieferungszeit nach 
dem 1. Juli und vor dem 15. August abläuft, die Milch 1 Monat 
weiter gewährt, natürlich unter der Bedingung, daß auch das 
Selbststillen fortgesetzt wird. Nachdem, wie ich schon bemerkt 
habe, der Vorschlag, einen städtischen Milchstall einzurichten, 
fallen gelassen worden war, haben wir zunächst von einem 
Lieferanten die Milch bezogen. Die Lieferungsbedingungen lehnten 




Die Organisation zur Bekämpfung cler Säuglingssterblichkeit in Neuß. 351 

sich an das am 12. Dezember 1905 über die Regelung des Ver¬ 
kehrs mit Kuhmilch erlassene ministerielle Normalstatut an, in 
welchem allgemeine Bestimmungen über die Qualität der Milch, 
über die Art der Milchgewinnung und die Behandlung der Milch 
nach dem Melken vorgesehen sind. Vom Stall wurde die Milch 
morgens an 4 in der Stadt verteilte Stellen gebracht, wo die 
Frauen sie in Empfang nahmen. Das führte bald zu Unzuträglich¬ 
keiten. Es gab für viele Frauen allzu weite Wege und die Milch 
wurde durch das lange Tragen auch nicht gerade besser. Nach¬ 
dem wir deshalb zunächst für die Außenbezirke der Stadt den 
Milchbezug frei gegeben hatten, sind wir neuerdings zu dem Ent¬ 
schluß gelangt, den Vertrag mit dem bisherigen Lieferanten zu 
kündigen, die Milchausgabestellen aufzuheben und allen zur 
Organisation gehörenden Frauen freizustellen, wo sie die Milch 
abholen. Damit aber nur eine möglichst einwandfreie Vollmilch 
bezogen wird, stellt die Deputation ein Verzeichnis der zur Milch¬ 
lieferung berechtigten Lieferanten auf, die sich bereit erklären, 
die Milch für 20 Pf. zu liefern und sich einer Kontrolle zu unter¬ 
ziehen. Die Frauen wählen sich aus der Liste einen bestimmten 
Lieferanten aus, auf dessen Namen dann auch der Milchgutschein 
lautet und der allein zur Milchabgabe berechtigt ist. Die Gut¬ 
scheine sind mit perforierten Tagescoupons versehen und müssen 
binnen 2 Monaten von den Lieferanten eingelöst werden. Da die 
Zahl der Lieferanten nicht gering ist und auch die Armen- 
verwaltung sich dem von der Deputation gewählten Verfahren an¬ 
geschlossen hat, so ist weiten Kreisen direkt und indirekt der 
Bezug einer guten Milch gesichert, hauptsächlich durch die ständige 
Kontrolle des Kreischemikers und durch besondere Revisionen 
seitens des Kreisarztes und des Kreistierarztes. 

Um allen Anforderungen gerecht zu werden, haben wir an¬ 
fangs auch eine für die Säuglinge bestimmte, von einem Lieferanten 
bezogene Vorzugsmilch ausgegeben und zwar in 1 / 4 1 Flaschen, das 
Liter zu 40 Pfg. an Bemittelte, zu 18 Pfg. an Minderbemittelte 
und kostenlos an Arme, wenn das Selbststillen nach ärztlichem 
Gutachten nicht möglich war. Wegen der sehr hohen Kosten und 
der verhältnismäßig geringen Inanspruchnahme ist die Lieferung 
der Vorzugsmilch schon nach kurzer Zeit eingestellt worden. 

Die wirksamste Förderung des Selbststillens bei allen dazu 
fähigen Müttern der unteren Volksschichten, die ja auch bekanntlich 
die bei weitem größte Kindersterblichkeit aufweisen, erfolgt durch 
die Gewährung von Stillprämien. Unter der gleichen Be- 




352 Klein, 

dingung und Voraussetzung wie bei der Milchlieferung wird auf 
die Dauer von 3 Monaten nach der Niederkunft eine Stillprämie 
von 1 M. wöchentlich ausbezahlt, also 1 Monat weniger wie die 
Zeit der Milchlieferung und natürlich auch ohne die bei der Milch 
vorgesehene Fristverlängerung im Sommer. Der Grund für die 
Verkürzung liegt nur in der Notwendigkeit, mit den vorhandenen 
Geldmitteln rechnen zu müssen. Wir waren anfangs sehr freigebig 
gewesen. Abgesehen davon, daß wir wöchentlich 2 M. bewilligten, 
also das Doppelte wie heute, hatten wir auch mit der Gewährung 
von Milch und Stillprämien einen Monat vor der Geburt begonnen. 
Wir waren dabei von dem Gedanken ausgegangen, die Mutter 
müsse vor allem durch ausreichende pekuniäre Beihilfe in die Lage 
versetzt werden, sich eine bessere Nahrung und Pflege zu ver¬ 
schaffen. Sie dürfe sich nicht gezwungen fühlen, bis zum letzten 
Augenblick vor der Niederkunft dem Erwerb nachzugehen und 
nachher sobald als nur eben möglich die Arbeit wieder aufzunehmen. 
Unsere gute Absicht scheiterte an den sich außerordentlich 
steigernden Ausgaben und dann auch an der Unmöglichkeit, sie 
praktisch durchzuführen. Wenn mit der Gewährung von Milch 
und Stillprämien einen Monat vor der Geburt begonnen werden 
sollte, dann waren wir vor allen Dingen auf die Mitwirkung der 
Hebammen zur Feststellung des voraussichtlichen Zeitpunktes der 
Geburt angewiesen. Für ihren Bescheid erhielten die Hebammen 
jedesmal 1 M. Da es nun sehr häufig vorkam, daß Frauen anstatt 
1 Monat 2, 3 und 4 Monate lang vor der Niederkunft Milch und 
Geld in Empfang nahmen, ohne daß man ihnen selbst oder den 
Hebammen eine absichtliche Täuschung nachweisen konnte, so ent¬ 
schlossen wir uns, die Bewilligung erst mit der Geburt beginnen 
zu lassen. 

Eine Zeitlang hatten wir sogenannte Nachprämien ein¬ 
geführt. Sämtliche Frauen mußten die schriftliche Verpflichtung 
eingehen, w r enn möglich 6 Monate lang ihr Kind zu nähren, also 
über die Zeit der Prämien- und Milchgewährung hinaus. Den¬ 
jenigen Frauen, die das Selbststillen 6 Monate lang fortgesetzt 
hatten, wurde eine besondere Prämie in Aussicht gestellt, deren 
Höhe sich nach den am Schlüsse des Etatsjahres noch zur Ver¬ 
fügung stehenden Geldmitteln richten sollte. Eine Frau, die vor 
Ablauf der 6 Monate unberechtigt zu stillen aufhörte, verlor jede 
Anwartschaft auf die Nachprämie; wurde das Selbststillen un¬ 
möglich, so sollte die Nachprämie im Verhältnis zu der dem fort¬ 
gesetzten Stillen gewidmeten Zeit bewilligt werden. Wir konnten 




Die Organisation zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Neuß. 353 

zwar am 1. April d. J. an 63 Frauen je 5 M. als Nachprämie aus¬ 
zahlen, haben aber dennoch die Nachprämien gestrichen, weil eine 
einigermaßen zuverlässige Kontrolle vollständig unmöglich war. 

Seit Juni vorigen Jahres hat die Organisation in das Gebiet 
ihrer Tätigkeit auch die Besorgung von Pflegerinnen für solche 
Wöchnerinnen aufgenommen, die selbst und für ihren Haushalt 
ohne Hilfe sind. Die Pflege beginnt sofort mit der Geburt, wenn 
notwendig, auch schon vor der Niederkunft. Die Pflegerin wird 
rechtzeitig aus geeigneten Frauen desselben Hauses, der Nach¬ 
barschaft oder aus dem Verwandten- und Bekanntenkreise der 
Wöchnerin ausgewählt und sie erhält durchschnittlich pro Tag 
50—70 Pfg. Die Pflege dauert 8—10 Tage; während dieser Zeit 
muß die Wöchnerin unbedingt zu Bett bleiben. Die Pflegerin muß 
sich an jedem Vormittag und regelmäßig auch Nachmittags zu der 
Wöchnerin begeben und sich zunächst um diese selbst bemühen. 
Sodann hat sie die Aufgabe, die Wohnräume zu reinigen, vor allem 
Bett und Zimmer der Wöchnerin in Ordnung zu halten, die Kinder 
zu pflegen, für das Essen zu sorgen, sich überhaupt um die Haus¬ 
haltung zu kümmern, damit die Wöchnerin sich vollständig ruhig 
verhalten kann. Die Einrichtung, die jährlich nicht mehr als 
5—600 M. kostet, hat sich vortrefflich bewährt. Die Pflegerinnen 
werden von einigen Damen besorgt und beaufsichtigt; die Damen 
vereinbaren auch die Höhe des jedesmaligen Pflegegeldes. In der 
Ausübung der Kontrolle werden sie von den Hebammen und be¬ 
sonders von der Wöchnerin selbst und ihren Angehörigen unter¬ 
stützt. 

Bedürftige und schwache Wöchnerinnen erhalten, wenn sie der 
Organisation angehören, also selbst nähren, auf die Dauer von 
8 Tagen ein ordentliches Mittagessen. Zur Bewilligung genügt 
der gehörig begründete Antrag einer Bezirksdame. Das Essen 
wird an 3 Stellen zum Preise von 50 Pfg. geliefert. 

Durch verschiedene besondere Zuwendungen waren wir im 
vorigen Jahre in die Lage versetzt, an die Frauen Badekarten 
zu verteilen. Nachdem die zur Verfügung stehenden Mittel er¬ 
schöpft waren, haben wir die Ausgabe der Karten leider einstellen 
müssen. 

Wir besorgen also heute unter den angegebenen Voraus¬ 
setzungen und Bedingungen Milch, Stillprämien, Pflegerinnen und 
Mittagessen. Ich wende mich nunmehr zu dem Bewilligungs¬ 
verfahren. 

Die Anmeldung der Frauen zum Empfang von Milch und 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 23 




Klein, 


354 

Stillprämien erfolgt, soweit es sich um solche handelt, deren 
Familie von der Armen Verwaltung unterstützt wird, nur auf dem 
Armenbureau. Alle übrigen Frauen müssen sich, damit der 
Charakter einer öffentlichen Unterstützung durchaus vermieden 
wird, an jedem Donnerstag^Vormittag in der zu diesem Zweck 
bereitwilligst zur Verfügung gestellten Privatwohnung einer Dame 
der Deputation zur Anmeldung einfinden und zwar möglichst einen 
Monat vor der Niederkunft. Im Anmeldetermine sind mehrere 
Damen der Deputation zur Stelle, die nach Formular die Personalien, 
den Verdienst der einzelnen Familienmitglieder, die Namen der 
Arbeitgeber, die in Aussicht genommene Hebamme, die Zeit der 
Anwesenheit in Neuß usw. feststellen. Auf dem Armenbureau 
werden dann die einzelnen Angaben nachgeprüft. Erfolgt durch 
das Standesamt die Mitteilung der Geburt, so erhält die zuständige 
Bezirksdame sofort Nachricht, daß sie nunmehr mit ihren über¬ 
wachenden Besuchen beginnen kann. An die Wöchnerin aber er¬ 
geht gleichzeitig die Aufforderung, zum nächsten Termin, also zum 
nächsten Donnerstag, auf dem beigefügten Formular eine Be¬ 
scheinigung der Hebamme einzureichen, daß sie ihr Kind selbst 
stillt. Auf die Gefahr hin, daß die Bescheinigung der Hebamme 
nicht beigebracht wird, legen wir ohne weiteres einen bis zum 
nächsten Donnerstag gültigen Milchgutschein bei, um gerade un¬ 
mittelbar nach der Geburt im Bezug der Milch jede Verzögerung 
zu vermeiden. Am folgenden Donnerstag wird natürlich nur der für 
die nächste Woche bestimmte Milchgutschein ausgehändigt, und 
es beginnt dann auch die Zahlung der Stillprämien, wenn die Be¬ 
scheinigung der Hebamme vorgezeigt ist. Sobald sie wieder aus¬ 
gehen kann, muß sich die Frau zu einem von ihr gewählten Arzt 
begeben, dessen schriftliche Bestätigung hinsichtlich des Selbst¬ 
stillens die Voraussetzung für den ferneren Empfang von Milch 
und Prämien bildet. Für kostenlose Auskunftserteilung haben sich 
alle Neußer Ärzte in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt. 

Wenn eine Mutter, die nach ärztlichem Gutachten imstande 
ist, ihr Kind selbst zu nähren und bei der auch sonst keine 
Hindernisse irgendwelcher Art vorliegen, sich weigert, ihre Pflicht 
dem Kind gegenüber zu erfüllen, so werden selbstverständlich Milch 
und Stillprämie sofort entzogen. Bei Wöchnerinnen, die von der 
Armenverwaltung Unterstützung erhalten, wird, wenn das Selbst¬ 
stillen unberechtigterweise aufhört, die gesamte der Familie bisher 
bewilligte Armen Unterstützung auf die vom Bezirksausschuß fest- 
gestellte Norm herabgesetzt. Bei einer grundlosen Weigerung der 




Die Organisation zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Neuß. 355 

Mutter werden jedenfalls alle Angehörigen auf sie einwirken, da¬ 
mit außer dem Empfang von Milch und Prämien die Unterstützung 
der Familie wieder auf die von der Armenverwaltung gewährte, 
den Regierungstarif nicht unerheblich überschreitende Summe er¬ 
höht werden kann. > 

Bei dieser Gelegenheit möge erwähnt werden, daß sämtliche 
Frauen bei der Anmeldung eine Erklärung unterschreiben müssen, 
laut welcher sie Kenntnis davon nehmen, daß sie sich des Betruges 
schuldig machen, wenn sie Prämie und Milchgutschein in Empfang 
nehmen, ohne inzwischen ihr Kind ununterbrochen selbst genährt 
zu haben. 

Ich sage nicht zu viel, wenn ich das Gelingen unserer sämt¬ 
lichen Maßnahmen von der Mitwirkung und dem guten Willen der 
in der Organisation tätigen Bezirksdamen abhängig mache. 
Auch da haben wir mancherlei Erfahrungen hinter uns. Es ist 
uns so ergangen, wie in vielen Städten, die Frauen in die Armen¬ 
pflege eingestellt haben: Anfangs ein wahrer Feuereifer und 
geradezu ein Wettbewerb, auch dabei sein zu dürfen. Bald aber 
treten große und kleine Enttäuschungen ein; man hat sich die 
Sache doch viel einfacher, mehr als ein repräsentatives Ehrenamt 
vorgestellt, das Interesse erkaltet immer mehr und anstatt zu 
helfen, bilden diese Damen schließlich nur noch ein Hemmnis für 
das ganze Unternehmen. Wir hatten zuerst 42 Bezirksdamen zur 
Verfügung. Nach einem Jahre sah ich mich gezwungen, ein Rund¬ 
schreiben zu erlassen mit der Aufforderung, es möchten doch die¬ 
jenigen Damen, die mittlerweile zu der Erkenntnis gelangt seien, 
daß sie nicht die rechte Zeit und Lust hätten, sich der guten 
Sache pflichtgemäß zu widmen, ganz ungeniert ihren Abschied 
nehmen. Ich glaube, daß meine Anfrage von vielen als will¬ 
kommene Gelegenheit begrüßt worden ist, aus der Organisation 
auszuscheiden. Für letztere war der Erfolg ebenfalls ein sehr er¬ 
freulicher. Denn auf die Damen, die sich nunmehr verpflichteten, 
der Sache auch fernerhin treu zu bleiben, konnten wir fest rechnen. 
Es sind ihrer 20, und das genügt vollständig; jede hat ihren be¬ 
stimmten Bezirk. Außerdem haben wir noch 5 Damen, die nötigen¬ 
falls als Stellvertreterinnen tätig sind. Die Bezirksdamen haben 
die wichtige Aufgabe, das Selbststillen zu kontrollieren und über 
die zweckmäßige Verwendung von Milch und Stillprämien zu 
wachen. Bei ihren regelmäßigen Besuchen unterweisen sie die 
Mutter in der Pflege ihres gesunden und kranken Kindes, schauen 
nach, ob auch die Hebamme ihre Pflicht und Schuldigkeit tut und 

23* 




Klein. 


356 

richten ihr Augenmerk auf dieses und jenes im Haushalt, der ja 
heutzutage gerade in Arbeiterkreisen oft sehr vernachlässigt wird. 
Wenn das Selbststillen unterbeibt oder wenn sich das Einkommen 
der Familie so erhöht, daß die Weiterbewilligung von Milch und 
Stillprämien aufhören muß, oder wenn eine Pflegerin ihre Aufgabe 
nicht ordnungsgemäß erfüllt, dann erstattet die Bezirksdame sofort 
Meldung. Im übrigen ist sie nur zu eingehenden Monatsberichten 
verpflichtet und zwar nach Formular, das die verschiedenen Fragen 
enthält über das Nähren des Kindes, die Behandlung der Milch, 
über den Gesundheitszustand von Mutter und Kind, allgemeine 
Pflege und Peinlichkeit usw. Wenn in einem Hause eine an¬ 
steckende Krankheit ausbricht, erhält die zuständige Bezirksdame 
sofort Nachricht, damit sie zur Verhütung eigener Ansteckung das 
betreffende Haus meiden kann. Wiederholte Zusammenkünfte der 
Bezirksdamen unter Beteiligung der Mitglieder der Deputation, 
namentlich der Arzte, bringen gegenseitige Anregung und In¬ 
formation. 

Das Gedeihen der Organisation ist nicht am wenigsten davon 
abhängig, daß die Ärzte mit der Verwaltung, der Deputation und 
den Bezirksdamen freudig und einmütig Zusammenwirken, daß sie 
ihren maßgebenden Einfluß und Pat bei Wöchnerinnen, Hebammen 
und Bezirksdamen geltend machen und namentlich rechtzeitig zur 
Kenntnis bringen, wenn irgendwie Mißbrauch mit den Wohlfahrts¬ 
einrichtungen getrieben wird und die wichtigste Voraussetzung, 
das Selbststillen, fehlt. Deshalb ist an die Ärzte die Bitte er¬ 
gangen, die Frauen, die sich bei ihnen zur Feststellung ihrer 
Stillfähigkeit gemeldet haben, hin und wieder aufzusuchen und, 
wenn notwendig, sofort über ihre Beobachtungen Bericht zu er¬ 
statten. Ich kann nur mit Dank und Anerkennung hervorheben, 
daß alle N.eußer Ärzte ihre Dienste stets gerne zur Verfügung ge¬ 
stellt haben. 

Die Hebammen hatten wir anfangs in weitgehendem Maße 
zur Mitwirkung in der Organisation herangezogen. Ich erwähnte 
ja schon, daß ihnen 1 M. für die Feststellung des Zeitpunktes der 
Niederkunft zugebilligt worden w r ar, solange wir noch Milch und 
Prämien auch vor der Geburt gewährten. Da die Hebammen sehr 
häufig einen großen Teil der Schuld an dem Schwinden des Selbst¬ 
stillens tragen, hatten wir die Bestimmung getroffen, jährlich 
6 Prämien, zusammen 140 M., unter die 11 Hebammen zu verteilen, 
um sie zu veranlassen, ihren großen Einfluß auf das Selbststillen 
der Mütter geltend zn machen und alle Obliegenheiten ihres Berufes 




Die Organisation zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Neuß. 357 

sorgfältig zu erfüllen. Die Prämien wurden verliehen nach Ma߬ 
gabe des größten Prozentsatzes selbststillender Wöchnerinnen, den 
die einzelnen Hebammen aufweisen konnten, und zugleich mit 
Rücksicht auf ihr Gesamtverhalten. Über die allgemeine Führung, 
die Reinlichkeit und Geschicklichkeit der Hebammen hatten alle 
in Betracht kommenden Organe, die Ärzte, vor allem Kreisarzt und 
Armenärzte, sowie die Bezirksdamen ihr Urteil abzugeben. Die 
Prämiierung wurde dann auch nach Ablauf des 1. Jahres vor¬ 
genommen, das Resultat in den Neußer Zeitungen veröffentlicht 
und in die Tagebücher der betreffenden Hebammen eingetragen. 
Natürlich wurde die Verteilung der Prämien von den Hebammen 
angefochten, man neidete den an erster Stelle genannten Kolleginnen 
den durch die Veröffentlichung gewonnenen geschäftlichen Vorteil 
und vor allem protestierten diejenigen, die von der Prämiierung 
hatten ausgeschlossen werden müssen, weil sie fast ausschließlich 
in den besseren Kreisen tätig sind, also für die Organisation über¬ 
haupt nicht in Betracht kamen. Um Ruhe und Frieden unter den 
Hebammen nicht weiter zu stören und in der Erwägung, daß sich 
die Einwirkung der Hebammen auf die Wöchnerinnen doch nur 
auf verhältnismäßig wenige Tage erstreckt, haben wir in diesem 
Jahre von einer Prämiierung Abstand genommen. Eine direkte 
Mitwirkung der Hebammen ist jetzt nur noch erforderlich unmittelbar 
nach der Geburt und zwar hinsichtlich der schon genannten Be¬ 
scheinigungen, ob die Wöchnerin ihr Kind selbst nährt. Die ge¬ 
wissenhafte Ausstellung dieser Bescheinigung liegt im eigenen 
Geschäftsinteresse der Hebamme, da die Wöchnerinnen nur die¬ 
jenigen Hebammen in Anspruch nehmen, bei denen sie eine ordnungs¬ 
mäßige Ausstellung der für den Empfang von Milch und Prämien 
notwendigen Bescheinigung voraussetzen. Wenn die Bezirksdamen 
ein pflichtwidriges Verhalten der Hebammen feststellen, geben sie 
dem Kreisarzt und mir sofort Nachricht. 

Die Oberaufsicht über die gesamte Organisation führt die von 
der Stadtverordnetenversammlung gewählte Deputation. Seit 
Januar d. J. gehören ihr auch 5 Damen mit vollem Stimmrecht 
an und zwar diejenigen, die von Anfang an sich am meisten um 
die Ausgestaltung unserer Einrichtungen bemüht und die sich 
stets zur Wahrnehmung der Anmeldetermine zur Verfügung ge¬ 
stellt haben. 

Zum Schluß möchte ich noch erwähnen, daß wir bei jeder Ge¬ 
burtsanmeldung ein Merkblatt übergeben, das in knapper, leicht 
verständlicher Form besonders den Wert des Selbststillens hervor- 




358 Klein, 

•v 

hebt und dazu die wichtigsten Grundsätze der Säuglingspflege 
enthält, außerdem bei Erstgeburten eine ausführlichere Darstellung 
der Gesundheitspflege des Kindes im Säuglingsalter von Dr. Gustav 
Cu st er. Ferner suchen wir durch Bekanntmachungen und 
Veröffentlichungen, die sich auf Maßnahmen, Beobachtungen 
und Erfolge der Organisation beziehen, ständig auf die Bevölkerung 
einzuwirken. Das Standesamt ist angewiesen, nicht nur die ge¬ 
nannten Drucksachen auszugeben und täglich die Geburten zu 
melden, sondern auch über alle Sterbefälle im ersten Lebensjahre 
statistische Berichte einzureichen über die Todesursache, ob der 
gestorbene Säugling von der Mutter mit Vollmilch oder auf andere 
Weise ernährt worden ist. Im Juni 1906 haben wir zur Ein¬ 
führung unserer Organisation einen gut besuchten öffentlichen Vor¬ 
trag von Professor Dr. Siegert aus Köln über die Zusammenarbeit 
von Gemeinde, Frau und Arzt im Dienste der Bekämpfung der 
Säuglingssterblichkeit veranstaltet. 

Bei einem Unternehmen, das erst wenig mehr als 2 Jahre alt 
ist, kann man wohl kaum schon mit statistischen Zahlen und Ver¬ 
gleichen aufwarten. Immerhin wird es Sie interessieren, zu er¬ 
fahren, daß vom 1. April 1907 bis 1. April 1908 bei 1141 Geburten 
und 252 Todesfällen im ersten Lebensjahre aus der Zahl der der 
Organisation angehörenden Kinder nur 32 im ersten Lebensjahre 
gestorben sind. Das ergibt, da in dem genannten Zeitraum 
254 Mütter die Milch und Prämien erhalten haben, für die 
Organisation eine Sterblichkeit von 12,6 Proz. im ersten Jahre, 
während die Gesamtsäuglingssterblichkeit der Stadt 22 Proz. der 
Geburten betragen hat. Die ziffermäßigen Erfolge werden sich, 
das hoffen wir wenigstens, erst im Laufe der Jahre herausstellen. 
Alte, fest eingewurzelte und allgemein verbreitete Vorurteile 
können nur langsam und in geduldiger Arbeit ausgerottet werden. 
Wir sind einstweilen schon zufrieden, wenn sich auf unsere immer 
wieder erneuerte, durch die verschiedenen Lockmittel unterstützte 
Aufforderung verhältnismäßig viele Mütter bereit finden, sich ein¬ 
mal wieder dem Selbstnähren ihrer Kinder zuzuwenden. Es ent¬ 
steht dadurch die erfreuliche Aussicht, daß das gute Beispiel 
allmählich immer mehr Nachahmung finden wird, und die Be¬ 
obachtung zeigt, daß die Zahl der selbststillenden Mütter auch in 
den besseren Kreisen in letzter Zeit recht erheblich zugenommen 
hat. Die indirekten Vorteile unserer Organisation liegen aber 
heute schon klar zutage. Durch die ständigen Besuche der Bezirks¬ 
damen, infolge ihrer energischen Einwirkung auf die ganze Familie 




Die Organisation zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Neuß. 359 

und die Führung der Haushaltung ist es mit Ordnung, Reinlichkeit 
und vernünftiger Kinderpflege in Neuß weit besser geworden. Die 
Mütter wetteifern miteinander, daß ihre Kinder recht frisch und 
adrett aussehen und zeigen sie mit Freude und Stolz den Damen 
vor, wenn sie Donnerstags zum Termin kommen, um Milchgutschein 
und Prämie abzuholen. Die Verwaltung verdankt den Bezirks¬ 
damen in sozialer Beziehung ständige Anregungen und Hinweise, 
wo es in der Armenpflege, auf gesundheitspolizeilichem Gebiete 
oder sonstwo einzuschreiten nottut, und wenn ich noch die er¬ 
gänzende segensreiche Tätigkeit des katholischen Wöchnerinnen¬ 
vereins, des evangelischen Frauenvereins und anderer charitativer 
Vereine erwähne, so darf ich wohl sagen, daß heute in Neuß jeder 
Wöchnerin, die irgendwie hilfsbedürftig ist, in ausreichendem Maße 
Unterstützung und Beistand zuteil wird. 

Im folgenden seien noch die Formulare wiedergegeben, die sich 
in Neuß bewährt haben: 

Bekämpfung (1er Säuglingssterblichkeit in Neuß. 

Neuß, den.19. 

Zum Empfang’ von Vollmilch und Stillprämien hat sich gemeldet: 

1. Vor- und Zuname (bei Frauen der des Mannes). 

2. Straße und Nr.. . . 

3. Beruf des Mannes bzw. eigener Beruf:. 

4. Zahl der bereits vorhandenen Kinder:. 

5. Alter der Kinder:..... 

6. Arbeitsverdienst des Mannes:. 

7. Name des Arbeitgebers desselben: . 

8. Arbeitsverdienst der Wöchnerin: . 

9. Name des Arbeitgebers derselben: . 

10. Arbeitsverdienst der Kinder:. 


11. Name des Arbeitgebers derselben: 


12. Hebamme:. 

13. Geburt am: . 

voraussichtlich am:. 

14. Name des Kindes: . 

15. Wie lange ununterbrochen in Neuß: 

16. Bemerkungen: . 


(Unterschrift) Frau 






























360 


Klein, 


An 

(las Bureau der Armen Verwaltung 

hier. 

1. Nach den Feststellungen im Meldebureau ist p. . 

hier ortsangehörig — nicht ortsangehörig — daher abgelehnt. 

Die Zahl der angegebenen Kinder und das Alter derselben ist richtig. 

2. Lohnangabe an die Arbeitgeber abgesandt am: .. 

3. Wiedervorlage bei Eingang der Antwort. 

Neuß, den.19. 


Beigeordneter 


Formular II ab am. 

„ III am.ab am. 

„ V a u. b ab am. 

„ VI u. VII an .ab am 


Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Neuß. 


Neuß, den. 190 


Die 



..(Name u. Wohnung) 

ist am.niedergekommen. 

Dieselbe ist in der Lage, selbst zu stillen und erhält infolgedessen 
Vollmilch bis. und Stillprämien bis. 

Sie werden freundlichst gebeten, Ihre wöchentlichen Besuche regel¬ 
mäßig fortzusetzen und monatlich auf beigefügten Formularen Bericht 
zu erstatten. 

Sobald Sie das Aufhören des Selbststillens feststellen, bitte ich um 
sofortige Meldung an das Armenbureau. 


/ . 

Beigeordneter. 


An 

Frau . 


zu 

Neuß 


Formular YI. 




























Die Organisation zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Neuß. 361 

Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Neuß. 

Neuß, den.190 . 

Monats-Bericht 

über (Name und Wohnung). 

1. Wann besucht? . 


2. Wird das Kind von der Mutter genährt ? 

regelmäßig? 

3. Werden Vollmilch und Stillprämien 
lediglich im Interesse von Mutter und 
Kind verwendet? 

4. Behandlung der Milch? 

5. Gesundheitszustand v. Mutter u. Kind? 

6. Allgemeine Pflege und Reinlichkeit? 

7. Ev. Äußerungen v. Arzt u. Hebamme ? 

8. Besondere Bemerkungen? 


(Unterschrift) Frau 


An 

das Bureau der 

Armeu-Verwaltung 

zu 

Neuß, 

Formular VII. 


Bezirk. 


Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Neuß. 


Neuß, den.190—. 



1. Sie werden hiermit aufgefordert, bei (1er nächsten Ausgabe 
von Stillprämien und Milchgutschein auf beigefügtem Formular eine 
Bescheinigung der Hebamme einzureichen, daß Sie Ihr Kind selbst 
stillen. 


2. Sobald Sie ausgehen können, müssen Sie einem beliebigen hiesigen 
Arzt dieses Schreiben persönlich vorlegen zum Unterschreiben der unten 
vorgedruckten Erklärung. Diese ärztliche Bescheinigung über das Selbst- 





























362 Klein, Die Organisation zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Neuß. 

stillen Ihres Kindes, die kostenlos ausgestellt wird, muß vorgelegt werden, 
wenn Sie nach Ablauf von 2 Wochen nach dem Tage der Geburt weitere 
Stillprämien und Milch-Gutscheine in Empfang nehmen wollen. 


An 


Beigeordneter. 


in 

N e u ß. 


Ärztliche Bescheinigung. 

Ich bescheinige hiermit, daß . 

.(Name und Wohnung) zurzeit in 

der Lage ist, ihr Kind 'selbst zu stillen. 

Neuß, den. 190. 

Unterschrift des Arztes: ... 



Die Herren Ärzte werden ergebenst gebeten, sich 
die Adressen der Wöchnerinnen vormerken und 
bei passender Gelegenheit sich davon überzeugen zu wollen, ob 
das Selbststillen tatsächlich fortgesetzt wird, sowie das Armen- 
Büreau bald gefälligst zu benachrichtigen, wenn eine Mutter un¬ 
berechtigterweise mit Stillen aufhört. 


Formular Ya. 


Ich habe persönlich festgestelit, daß. 

.(Name und Wohnung) 

1. imstande ist, ihr Kind selbst zu stillen, 

2. auch tatsächlich stillt. 

Neuß, den. 190. 

Unterschrift der Hebamme:. 

0^"“ Die Hebammen werdeu gebeten, dem Armen-Biireau sofort zu 
melden, wenn die Wöchnerin aufhört, ihr Kind selbst zu stillen. 

Formular Vb. 


















Geburtshilfe und Säuglingsfürsorge. 

Dr. med. H. Crameb, Bonn a, Rh. 

Die große Bewegung der Säuglingsfürsorge, die in den letzten 
Jahren im Mittelpunkt der pädiatrischen Interessen steht, hat ihren 
Anfang und ihre vorbildliche Entwicklung in Frankreich genommen. 
Der Mann, mit dessen Name diese Bestrebungen untrennbar ver¬ 
knüpft sind, war der Geburtshelfer Budin. Daß gerade Frank¬ 
reich so lebhaft und erfolgreich der Frage der Kindersterblichkeit 
seine Aufmerksamkeit gewidmet hat, war durch die Lebensinteressen 
des Staates bedingt. Aus diesem Grunde konnte Budin seinem 
grundlegenden Werke „le nourisson“ ein Vorwort voranschicken 
das einen Politiker zum Verfasser hat. Wenn wir die geburts¬ 
hilfliche Literatur der Franzosen durchmustern, so ist auffallend, 
wie oft die Physiologie und Pathologie des Neugeborenen und 
Säuglings Gegenstand genauer Studien sind. Die französische 
Geburtshilfe ist sich ihrer Aufgaben gegenüber dem Neugeborenen 
und Säugling seit langer Zeit bewußt gewesen, Gynäkologen und 
Pädiater halten gemeinsame wissenschaftliche Sitzungen ab und 
arbeiten Hand in Hand an gemeinsamen Zielen. 

Ein ganz anderes Bild zeigt Deutschland. Hier ist die Sache 
der Säuglingsfürsorge fast einzig und allein von den Pädiatern 
gefördert worden. Der Geburtshelfer steht bis heute noch ziemlich 
abseits. Für ihn sind die Interessen am Kind begrenzt durch die 
Beziehungen zum mütterlichen Becken. Und doch gehört es unbe¬ 
dingt zu den Aufgaben und Pflichten des Geburtshelfers, das Kind 
nicht nur lebensfähig zur Welt zu befördern, sondern ihm auch die 
Grundlagen für eine gedeihliche Entwicklung zu geben. Dieses 
unleugbare Mißverhältnis zwischen Geburtshilfe und Pädiatrie in 
Deutschland kommt in vielfachen Symptomen zum Ausdruck. Das 




364 H. Cramer, 

v 

preußische Hebammenlehrbuch, das in seinen früheren Auflagen 
nur lückenhafte, teilweise direkt schädliche Anweisungen für die 
Pflege und Ernährung der Säuglinge enthielt, hat auch in seiner 
neuesten Ausgabe den Pädiatern reichlichen Anlaß zu scharfer 
und berechtigter Kritik gegeben. Bücher über Pflege und Er¬ 
nährung des Neugeborenen, die von bewährten Geburtshelfern ver¬ 
faßt worden sind, wurden häufig von pädiatrischer Seite abfällig 
beurteilt. So stehen wir vor der Gefahr, daß der Geburtshelfer 
aus seiner natürlichen Stellung als erster Berater des Kindes sich 
verdrängen läßt. 

Für den Betrieb geburtshilflicher Anstalten braucht hieraus 
kein Schaden zu entstehen, wenn, wie es an manchen Stellen der 
Fall ist, der Pädiater ständiger Konsiliarius ist. Für die Praxis 
aber sind diese Verhältnisse unhaltbar. Hier muß der Geburts¬ 
helfer über die Physiologie des Säuglings der ersten Lebenswochen 
und über die Grundsätze einer rationellen Säuglingsernährung 
genau informiert sein. Es bedarf kaum der Begründung, daß die 
Schäden, die in dieser ersten Zeit dem Kinde durch falsche An¬ 
schauungen und Unkenntnis zugefügt werden, in der späteren Zeit 
verhängnisvoll sind. Für eine rationelle Säuglingsfürsorge ist die 
verständnisvolle Mitarbeit des Geburtshelfers eine conditio seine 
qua non. Wie diese Mitarbeit geschehen soll, dafür kann Frank¬ 
reich uns ein gutes Beispiel sein. 

Eine besondere Aufgabe erwächst dem Geburtshelfer gegenüber 
dem Pädiater aber noch insofern, als er nicht nur das Gedeihen 
des Kindes, sondern auch die erste Zuführung desselben zur Brust 
und die Pflege der stillenden Mutter zu überwachen hat. Nur 
durch seine Mitarbeit ist es möglich, daß die Legende von der 
zunehmenden Unfähigkeit der Frauen, ihre Kinder zu stillen, endlich 
verschwindet. Um dies zu erreichen, bedürfen die noch viel¬ 
fach herrschenden, unsinnigen Anschauungen über die Ernährung 
der Wöchnerin einer gründlichen Revision. Es muß Ziel der 
geburtshilflichen Behandlung sein, dem Wochenbett nicht nur 
seinen normalen Verlauf in bezug auf Puls und Temperatur zu 
sichern, sondern auch den Kräftezustand der Frauen schnell und 
gründlich wiederherzustellen. Hierzu gehört das Tragen einer 
festen Leibbinde, worauf nur in wenigen geburtshilflichen Anstalten 
Wert gelegt wird. Je mehr sich eine Frau körperlich leistungs¬ 
fähig fühlt, desto mehr ist sie den Anforderungen des Stillgeschäftes 
gewachsen. Über die Funktion der weiblichen Brustdrüse, Indika¬ 
tionen und Kontraindikationen zum Stillen verdanken wir den 




Geburtshilfe und Säuglingsfürsorge. 365 

Pädiatern die wertvollsten Aufschlüsse, während doch gerade dem 
Geburtshelfer von jeher das reichste Beobachtungsmaterial zur 
Verfügung gestanden hat. 

Für die Pflege und Ernährung des Säuglings ist die erste 
Lebenszeit das gegebene Arbeits- und Beobachtungsfeld des Geburts¬ 
helfers. Hier bieten die Stoffwechselverhältnisse, die sich von der 
späteren Säuglingsperiode wesentlich unterscheiden, noch viele 
Probleme. An eingehenden Arbeiten über die Erkrankungen der 
ersten Lebenstage fehlt es uns aus geburtshilflichen Kreisen nicht. 
Ich erinnere an Kuge, Lange, C. Keller, Seitz u. a. Aber 
das äußerst wichtige Kapitel der Ernährungsstörungen der ersten 
Lebenszeit ist kaum bearbeitet. Pädiater haben uns grundlegende 
Beobachtungen und Untersuchungen über die Darmverhältnisse der 
Mekonium- und ersten Milchstuhlperiode geliefert, die Mitarbeit 
des Geburtshelfers fehlt hier fast gänzlich. Für die Bedeutung 
geburtshilflicher Beobachtungen über Ernährung des Säuglings ist 
eine allgemeine Bemerkung vielleicht gerechtfertigt: Zusammen¬ 
fassende Berichte, womöglich mit arithmetischen Mittelwerten über 
Ernährungserfolge sind hier wertlos. Nur die genaue Einzelbeob¬ 
achtung, wie sie z. B. Ahlfeld gegeben hat, kann unsere Kennt¬ 
nisse über Ernährung und Stoffwechsel der ersten Lebenszeit er¬ 
weitern. 

Der mächtigste Faktor in der Förderung einer rationellen 
Säuglingsfürsorge ist die verständnisvolle ärztliche Belehrung und 
Aufklärung jeder einzelnen Mutter. Die Erfahrungen der consul- 
tations des nourissons und der gouttes de lait haben zur Evidenz 
ergeben, daß die besten Erfolge dann erzielt werden, wenn jedes 
Kind und jede Mutter einzeln und individualisierend unter ärzt¬ 
licher Aufsicht gehalten werden kann. Die gegebene Mütter¬ 
beratungsstelle aber ist das Wochenbett. Auf Anregung der 
Pädiater werden im Wochenbett die Merkblätter zur Belehrung 
der Mütter über die Ernährung des Kindes verteilt. Diese Blätter 
können aber nie die Persönlichkeit des Arztes ersetzen. Eine 
durchgreifende Besserung der Kindersterblichkeit kann erst dann 
eintreten, wenn der Geburtshelfer das volle Bewußtsein der Be¬ 
deutung und Verantwortung seines Einflusses für die gesamte 
Frage der Säuglingsfürsorge hat. Dieses Ziel ist erreichbar. Der 
erste notwendigste Schritt dazu ist die Annäherung der deutschen 
Geburtshilfe an die deutsche Pädiatrie. 





Sterblichkeit und Lebensbedingungen der Säuglinge 

im Kreise Neuß. 

Von Dr. Marie Baum, Düsseldorf. 

1. Einleitung. 

Bei einer im Aufträge des Vereins für Säuglingsfürsorge im 
Regierungsbezirk Düsseldorf vorgenommenen Feststellung der Ver¬ 
teilung der Säuglingssterblichkeit auf die 28 Kreise des Regierungs¬ 
bezirks ergaben sich auffallende Verschiedenheiten. Die Sterblich¬ 
keit bewegte sich, wie Tafel I zeigt, im Durchschnitt des Jahr¬ 
fünftes 1902/1906 zwischen 9,8 Proz. (Kreis Lennep) und 19,9 Proz. 
(Kreis Neuß). Das vorhergehende Jahrfünft hatte in wenig ver¬ 
änderter Reihenfolge ähnlich große Abstände aufgewiesen. 

Es schien geboten, den Ursachen dieser Verschiedenheiten, 
insbesondere den Gründen der hohen Sterblichkeit in den besonders 
gefährdeten Kreisen nachzugehen. Und so entstand der Plan, zu¬ 
nächst einmal in dem Kreise höchster Sterblichkeit, Neuß, 
durch eine Zählung und Feststellung der Ernährungsverhältnisse 
der Kinder, Erwerbstätigkeit der Mütter, Einkommensgrenzen der 
Eltern usw. einen tieferen Einblick in die Lebensbedingungen der 
so stark bedrohten Kinder zu gewinnen. Eine ganz ähnliche Zwecke 
verfolgende, jedoch lediglich auf die Ernährungstatsachen be¬ 
schränkte Erhebung ist am 15. August 1905 für die Stadt Barmen 
durch den dortigen Kreisarzt, Dr. Kriege, und den damaligen 
Direktor des Städt. Statistischen Amtes, Dr. Seutemann, durch¬ 
geführt und im Zentralblatt für allgemeine Gesundheitspflege, 
Jahrgang XXV, beschrieben worden. Das Charakteristische dieser 
sich an die Boeckh’schen Arbeiten anlehnenden Erhebung bestand 
darin, daß die Ernährungsverhältnisse aller in Barmen lebenden 
unter einem Jahre alten Kinder für einen bestimmten Tag. und 
zugleich die Ernährungsverhältnisse der im Laufe des mit diesem 




Sterblichkeit und Lebensbedingungen der Säuglinge im Kreise Neuß. 367 

Tage schließenden Jahre' gestorbenen Kindes durch direkte Be¬ 
fragung der Mütter oder Pflegemütter festgestellt wurden. Man 
erhielt dadurch einmal einen Überblick über den Stand der Ver¬ 
teilung der künstlichen und natürlichen Ernährung; sodann konnte 
man die lebenden und gestorbenen Säuglinge nach Alter, Art und 
Dauer der Nährweise u. dgl. einordnen und die aus sozialhygieni¬ 
schen Gesichtspunkten interessierenden Beziehungen ermitteln. 

Als Zähler hatten sich Kriege und Seutemann der Heb¬ 
ammen bedient, und diese Anordnung muß als sehr glücklich be¬ 
zeichnet werden. Weist man jeder Hebamme die Kinder zu, bei 
deren Geburt sie selbst helfend tätig gewesen ist, so wird das 
zwischen ihr und der Wöchnerin bestehende Vertrauensverhältnis 
bei der Ausfüllung des Fragebogens von großem Nutzen sein. Und 
selbst, wo die Hebamme in ein fremdes Haus kommt, vermag sie 
auf ihre beruflichen Kenntnisse gestützt die Frage der Ernährung, 
die Gründe des Abstillens und ähnliche Gegenstände in einer weit 
selbstverständlicheren und einfachem Weise mit den Müttern zu 
erörtern, als irgendeine andere Zählperson es könnte. Dazu kommt, 
daß die Hebammen dem Kreisarzt persönlich bekannt und ihm 
dienstlich unterstellt sind, woraus sich weitere Vorteile bei ihrer 
Verwendung als Zählpersonen ergeben. 

Die Kriege-Seutemann’sche Erhebung bietet also der 
Methode wie der Art der Durchführung nach erhebliche Vorteile, 
denen gegenüber einige kleine, von den Verfassern der Arbeit 
übrigens selbstverständlich berücksichtigte Mängel nicht ins Ge¬ 
wicht fallen. Der eine dieser Mängel besteht darin, daß die 
statistische Erfassung keine vollständige ist. Die fortgezogenen 
Säuglinge zwar gehen mit Kecht der Statistik verloren, da ja die 
Erhebung die an einem Tage in einem bestimmten Bezirk lebenden 
Kinder erfassen soll. Dagegen müssen um gewisser technischer 
Schwierigkeiten willen auch die zugezogenen lebenden vernach¬ 
lässigt werden. Unter die Gestorbenen werden die zugezogenen 
natürlicherweise mit eingerechnet; hier fallen aber wieder solche 
Kinder aus, deren Angehörige nach dem Sterbefall fortgezogen 
waren und daher nicht mehr befragt werden konnten. Dieses nicht 
völlig genaue Erfassen der wandernden Säuglinge trifft naturgemäß 
die Unehelichen stärker als die Ehelichen, so daß die für die 
Unehelichen nach dieser Methode ermittelten Tatsachen etwas 
mehr von Zufälligkeiten bedingt sind, als die der Ehelichen, bei 
welchen diese Wanderungen in großen Grenzen einen nur geringen 
Einfluß haben. 




v 368 Marie Baum, 

Eine völlig - einwandfreie Statistik müßte ferner gestorbene 
und lebende Kinder nicht des gleichen Jahrganges beobachten, 
sondern von einem bestimmten Tage an zählend die Geborenen 
eines Jahres und die aus diesem Kinderkreise während der Dauer 
von zwei Jahren absterbenden Säuglinge verfolgen. Wiederum 
aus technischen Gründen begnügten Kriege und Seutemann 
sich aber damit, den Lebenden eines bestimmten Tages die Ge¬ 
storbenen des gerade abgeschlossenen Jahres gegenüberzustellen. 

Die vorliegende Arbeit ist im wesentlichen eine Übertragung 
der vorbildlichen Kriege-Seutemann’schen Erhebungsweise 
von städtischen auf ländliche Verhältnisse, da der zu untersuchende 
Kreis Neuß mit Ausnahme der 30000 Einwohner beherbergenden 
Kreisstadt Neuß nur kleine und kleinste Gemeinden umfaßt. 
Das bedeutet für die Durchführung eine erhebliche Erschwerung 
und zwar aus verschiedenen Gründen. Erstens sind alle Verhand¬ 
lungen zwecks Erlangung amtlichen Materials nicht mit einer 
Zentrale, sondern mit zahlreichen Stellen, — im Kreise Neuß waren 
es 15 Ämter — zu führen. Sodann haben die zählenden Hebammen 
infolge der großen, durch die ländliche Siedlungsweise bedingten 
Entfernungen eine ungleich größere Arbeit zu leisten, als sie in 
der Stadt erforderlich ist. Diese Dezentralisation bringt es zu¬ 
gleich auch mit sich, daß tunlichst alle Hebammen zur Mithilfe 
herangezogen werden müssen, nicht die eine oder andere weniger 
taugliche ausgeschieden werden kann. Schließlich ergibt die Be¬ 
arbeitung des auf zahlreiche kleine Gemeinden zersplitterten 
Materials infolge der niedrigen absoluten Zahlen vielfach ein ge¬ 
trübtes statistisches Bild, das erst durch Zusammenziehung oder 
durch Überlegungen berichtigt werden muß. 

Diese Schwierigkeiten konnten aber und mußten deshalb auch 
überwunden werden. Die Ergebnisse der Zählung sind nicht ohne 
Interesse. Für die praktische Arbeit werden sie die notwendigen 
Richtlinien abgeben. 

2. Die technische Durchführung. 

Vor Inangriffnahme der Aufgabe waren der Landrat und der 
Kreisarzt des Kreises Neuß für die Zählung interessiert worden, 
sie hatten den Plan gebilligt und ihre Hilfe in dankenswerter Weise 
zugesichert. Von seiten des Landrates Dr. v. Brandt wurden die 
Bürgermeisterämter angewiesen, dem Verein für Säuglingsfürsorge 
4as zu erbittende amtliche Material zur Verfügung zu stellen, wo- 




Sterblichkeit und Lebensbedingungen der Säuglinge im Kreise Neuß. 369 

durch die Beschaffung der erforderlichen Unterlagen erleichtert und 
beschleunigt worden ist. Der Kreisarzt Med.-Rat Dr. Niemeyer 
setzte die Hebammen von dem Plane des Vereines in Kenntnis und 
regte ihren Eifer für die nicht leichte ihnen zufallende Aufgabe an. 
In einer von ihm einberufenen Sitzung des Hebammenvereines Neuß, 
an der von den 36 Hebammen des Kreises 26 teilnahmen, sprachen wir 
nach einem kurzen einleitenden Referat die Fragebogen im einzelnen 
ausführlich durch. Auch von den zehn an diesem Tage fehlenden 
Hebammen wurden später sieben persönlich aufgesucht und ein¬ 
gehend instruiert, so daß, da eine, die sich erst kürzlich nieder¬ 
gelassen hatte, ausschied, nur zwei Hebammen die Arbeit lediglich 
auf Grund schriftlicher Anweisung zu erledigen hatten. Diese 
waren bis unmittelbar vor dem Tage der Zählung zu einem Fort¬ 
bildungskursus in Köln, so daß sich eine persönliche Zusammenkunft 
nicht mehr ermöglichen ließ; beide hatten jedoch Gelegenheit, mit 
anderen Hebammen die Sache durchzusprechen. Im übrigen sind 
die Fragen des Fragebogens so einfach und leicht verständlich ge¬ 
faßt, daß ein Versehen bei einigermaßen aufmerksamem Durchlesen 
kaum vorausgesetzt werden konnte. Die Erfahrung lehrte freilich, 
daß Lesen und Schreiben für die einfachen, auf dem Lande die 
Hebammendienste versorgenden Frauen vielfach eine so ungewohnte 
Sache ist, daß selbst bei dieser einfachen Fassung und trotz Bei¬ 
legung einer Anweisung Fragen übersehen wurden und die Rück¬ 
gabe der Bogen zur Vervollständigung in zahlreichen Fällen er¬ 
forderlich war. 

Es sei gleich hier erwähnt, daß die Hebammen sich der mühe¬ 
vollen Arbeit im allgemeinen mit großer Sorgfalt unterzogen haben, 
so daß das erhaltene Material als ein gutes bezeichnet werden kann. 
Für ihre Mühe wurde den Frauen eine Vergütung von 15 Pfennig 
für jeden ausgefüllten Bogen gewährt. 

Zu Beginn der Arbeit mußte das amtliche Material beschafft 
werden. Die Standesämter füllten die nachfolgend abgedruckten Kärt¬ 
chen A und B, — weiß für geborene, rot für gestorbene Kinder — auf 
Grund ihrer Geburts- und Sterberegister aus, wodurch wir in den 
Besitz der Angaben für alle in dem Zeitraum vom 1. August 1907 
bis 31. Juli 1908 geborenen bzw. gestorbenen unter einem Jahre 
alten Kinder gelangten. Diese Angaben wurden mit Ausnahme 
der Einkommensangaben auf die großen für Hebammen be¬ 
stimmten Fragebogen C und D übertragen; die Einkommenszahlen 
erhielten erst nach endgültiger Abgabe des von der Hebamme aus¬ 
gefüllten Zählbogens ihren Platz auf der ausgesparten Zeile. x4.uch 

Zeitschrift für Soziale Medizin. IV. 24 




370 Marie Baum, 

Standesamt.Nr... 

Verein für Säuglingsfiirsorge 

im 

Regierungsbezirk Düsseldorf. 

Zählkarte A 

für die in der Zeit vom 1. August 1907 bis 31. Juli 1908 lebend geborenen 

Kinder. 

Vor- und Zunahme des Kindes: .. 

männlich — weiblich — ehelich — unehelich — (Zutreffendes unterstreichen) 
geboren am: . 190 . 

Vor- und Zuname des Vaters: . 

Vor- und Zunahme der Mutter . 

(Bei Unehelichen auszufüllen) 

Wohnort der Eltern: .straße Haus-Nr. 

Beruf und Berufsstellung des Vaters: ..; 

Beruf und Berufsstellung der unehelichen Mutter: .. 

Einkommen des Vaters: .I. 


Standesamt.Nr.. 

Verein für Säuglingsfürsorge 

im 

Regierungsbezirk Düsseldorf. 

Zählkarte B 

der in der Zeit yom 1. August 1907 bis 31. Juli 1908 gestorbenen unter 
1 Jahr alten Kinder (ohne Totgeborene). 

Vor- und Zunahme des Kindes: . 


männlich — weiblich — ehelich — unehelich — (Zutreffendes unterstreichen) 

geboren am: . 190. 

gestorben am: . 190. 

Todesursache: .. 


Vor- und Zuname des Vaters: . 

Vor- und Zuname der Mutter: . 

(Bei Unehelichen auszufüllen) 

Wohnort der Eltern: .Straße Haus-Nr. - 

Beruf und Berufsstellung des Vaters: . 

Beruf und Berufsstellung der unehelichen Mutter: . 

Einkommen des Vaters: .. 































Sterblichkeit und Lebensbedingungen der Säuglinge im Kreise Neuß. 371 

Standesamt:..Nr... 

Yerein für Säuglingsfürsorge 

im Regierungsbezirk Düsseldorf. 


Zählkarte C über die Ernährungsverhältnisse 

der am 1. August 1908 lebenden unter 1 Jahr alten Kinder. 

Vor^ und Zuname des Kindes: . 

männlich — weiblich — ehelich — unehelich (Zutreffendes unterstreichen) 
geboren am . 190. 

Vor- und Zuname des Vaters: . 

Vor- und Zuname der Mutter (bei Unehelichen auszufüllen):. 

Wohnort der Eltern: .Straße Haus-Nr. 

Beruf und Berufsstellung des Vaters: . 

Beruf und Berufsstellung der unehelichen Mutter: . 


1. Befand sich das Kind am Zählungstage (1. Aug. 1908) nachts bei der Mutter 

(Zutreffendes unterstreichen.) bei Verwandten 

in fremder Familie. 

2. Erhielt das Kind am Zählungstage (1. Aug. 1908) Muttermilch? ja, ganz 

(Zutreffendes unterstreichen.) ja, teilweise 

nein. 

3. Ist die Mutter des Kindes zur Zeit der Zählung erwerbstätig? ja 

(Zutreffendes ist zu unterstreichen.) nein. 

Wenn ja — in welcher Weise? — (z. B. Arbeiterin in einer Spinnerei, — 

Arbeiterin in einer Seidenfabrik, —Dienstmädchen in. 

Wäscherin für private Kundschaft, — Arbeiterin in der Landwirtschaft oder.) 

Für den Fall, daß das Kind am Zählungstage (1. August 1908) keine 
Muttermilch erhielt, sind noch folgende Fragen zu beantworten: 

4. Bis zu welcher Lebenswoche hat die Mutter das Kind selbst gestillt? 

überhaupt nicht 

(Zutreffendes unterstreichen.) ganz bis zur . Lebenswoche 

teilweise bis zur Lebenswoche. 

5. Warum hat die Mutter das Kind nicht oder nicht länger genährt? 

a) Weil die Mutter gestorben ist. 

b) Weil die Milch ohne erkennbaren Grund (gesunde Mutter!) nicht vor¬ 
handen war oder versiegte. 

c) Weil die Mutter wegen Krankheit, wegen eines Leidens, wegen Schwäche 

keine Milch mehr hatte oder nicht nähren durfte. (Art des Leidens: 
..) Eventuell welcher Arzt hat das Stillen ver¬ 
boten? (Dr. .,...) 

d) Weil die Mutter durch ihre Berufstätigkeit am Nähren verhindert war. 

(Welcher Art ist die Berufstätigkeit und warum ist das Stillen damit 
nicht vereinbar?).. 


e) Weil die Milch infolge eines besonderen Anlasses versiegte (z. B. not¬ 
wendige Reise, erneute Schwangerschaft). (Art dieses Anlasses:..) 

24* 



























* 372 Marie Baum, 

f) Weil die Mutter nicht oder nicht mehr nähren wollte (Grund: z. B. Ein¬ 

tritt der Menstruation, Annahme einer Amme, Vergnügungsreise, Kind 
bereits 9 Monate alt, Bequemlichkeit usw.). 

g) Aus einem andern Grunde. Dieser ist hier genau anzugeben.. 

6. Was erhält das Kind für Nahrung?.. 

vorwiegend Milch 
teilweise Milch 

sehr wenig oder gar keine Milch: (Zutreffendes unterstreichen.) 

In letzterem Falle welche Ersatzmittel? . 

Bemerkungen: ... 


Die Karte ist von mir nach sorgfältiger Erfragung gewissenhaft ausge¬ 
füllt am . August 1908. 

. Ort: . 

Unterschrift: . 


Standesamt: Nr. 

Verein für Säuglingsfürsorge 

im Regierungsbezirk Düsseldorf. 


Zählkarte D über die Ernährungsverhältnisse 

der in der Zeit vom 1. August 1907 bis 31. Juli 1908 gestorbenen unter 1 Jahr 
alten Kinder (ohne Totgeborene). 

Vor- und Zuname des Kindes: ...... 


männlich — weiblich — ehelich — unehelich (Zutreffendes unterstreichen) 

geboren am . 190. 

gestorben am . 190 

Todesursache: . 


Vor- und Zuname des Vaters: . 

Vor- und Zuname der Mutter (bei Unehelichen auszufüllen):.. 

Wohnort der Eltern: . Straße Haus-Nr. 

Beruf und Berufsstellung des Vaters: . 

Beruf und Berufsstellung der unehelichen Mutter: . 


1. Befand sich das Kind zur Zeit seines Todes in der Wohnung seiner Mutter? 

(Zutreffendes unterstreichen.) bei Verwandten? 

in fremder Familie ? 

2. Erhielt das Kind kurz vor dem Tode Muttermilch? ja, ganz 

(Zutreffendes unterstreichen.) ja, teilweise 

nein. 

































Sterblichkeit und Lebensbedingungen der Säuglinge im Kreise Neuß. 373 

3. War die Mutter zur Zeit des Todes des Kindes erwerbstätig? ja — nein 
(Zutreffendes unterstreichen). 

Wenn die Mutter erwerbstätig war, so sind genaue Angaben über die 
Art der Erwerbstätigkeit zu machen. (Z. B. Arbeiterin in einer Spinnerei — 

Dienstmädchen in . — Wäscherin für private Kundschaft — 

Arbeiterin in der Landwirtschaft oder.). 

Wenn das Kind kurz vor dem Tode keine Muttermilch erhielt, 

sind noch folgende Fragen zu beantworten: 

4. Von welcher Lebenswoche ab erhielt das Kind keine Muttermilch mehr, 

sondern nur noch künstliche Nahrung? . 

5. Frage 5 fällt auf diesem Bogen aus. 

6. Was für Nahrung erhielt das Kind kurz vor seinem Tode? 

vorwiegend Milch 
teilweise Milch 

sehr wenig oder gar keine Milch. (Zutreffendes unterstreichen.) 

Im letzten Falle: welche Ersatzmittel?. 

Bemerkungen: . 


Die Karte ist von mir nach sorgfältiger Erfragung gewissenhaft ausge¬ 
füllt am . August 1908. 

Ort: . 

(Unterschrift:) .. 


Anweisung; zur Ausfüllung der Zählkarten. 

Jede Frage ist mit der Mutter — wenn diese tot oder abwesend ist, mit den 
nächsten Verwandten oder der Pflegerin — des Kindes zu besprechen und die 
Antwort sofort in Gegenwart der Befragten in die Zählkarte einzutragen. 

Die Antworten werden durch Nachfragen, eventuell durch Feststellung des 
Herrn Kreisarztes auf ihre Eichtigkeit hin geprüft. 

Lebende Kinder (weiße Zählkarte). 

Wenn das Kind am Zählungstage (1. August 1908) ganz oder teilweise von 
der Mutter gestillt wird, so sind nur die Fragen 1, 2 und 3 zu beantworten. 
Wenn das Kind überhaupt nicht mehr von der Mutter gestillt wird, sind alle 

Fragen zu beantworten. 

Gestorbene Kinder (rote Zählkarte). 

Wenn das Kind kurz vor seinem Tode ganz oder teilweise von seiner Mutter 
gestillt wurde, so sind nur die Fragen 1, 2 und 3 zu beantworten. 

Wenn das Kind kurz vor seinem Tode überhaupt nicht mehr von seiner 

Mutter gestillt wurde, so sind alle Fragen zu beantworten. 



















Marie Baum. 


' 374 


Lebende oder gestorbene Kinder (weiße oder rote Zählkarte). 

Sollte in einzelnen, besonderen Fällen das Kind von einer anderen Frau als 
seiner Mutter gestillt werden (Amme, Freundin der Mutter), so sind ebenfalls alle 

Fragen zu beantworten, so als ob das Kind künstlich ernährt würde. Es ist je¬ 
doch alsdann unter „Bemerkungen“ einzutragen: „das Kind erhielt am Zählungs¬ 
tage (bzw. kurz vor seinem Tode) Frauenmilch, aber nicht von seiner Mutter.“ 
Zu Frage 1) Diese Frage ist ohne weiteres verständlich. 

Zu Frage 2) Die Hebamme hat sich durch Anlegenlassen davon zu überzeugen, 
daß das Kind tatsächlich noch von der Mutter gestillt wird. 

Zu Frage 3) Es wird Wert darauf gelegt, daß die Erwerbstätigkeit der Mutter 
möglichst genau angegeben wird. Unter Erwerbstätigkeit ist zu ver¬ 
stehen jede Arbeit, die gegen Entgelt für fremde Personen ausgeführt 
wird, z. B. Waschen, Putzen, Nähen gegen Lohn, Arbeit in der Fabrik, 
in der Landwirtschaft u. dgl. 

Zu Frage 4) Hier ist mit besonderer Aufmerksamkeit dahin zu wirken, daß die 
Mutter sich die Zeit des Abstillens mit Sicherheit ins Gedächtnis 
zurückruft. 

Zu Frage 5) Den Ursachen des Abstillens ist genau nachzugehen.- Sollte die Ur¬ 
sache eine andere sein, als wie unter a bis f angegeben ist, so ist 
dies unter g zu vermerken und die Ursache genau anzugeben. 

Zu Frage 6) Unter „Milch“ ist nur frischgemolkene Milch zu verstehen; die kon¬ 
densierte sogenannte Schweizermilch ist unter die Ersatzmittel zu 
rechnen. 

Die Ersatzmittel sind genau aufzuzählen: z. B. „Zwieback und Mehl¬ 
brei“, „Nestles Kindermehl“, „Schweizermilch“ u. dgl. 

Zu Bemerkungen: Hier sind alle der Hebamme auffallenden Erscheinungen die 
sich auf Ernährung und Pflege des Kindes beziehen, zu vermerken. 

liier waren der leichteren Übersicht halber die für lebende Kinder 
bestimmten Bogen weiß, die für gestorbene geltenden rot gehalten. 

Die so vorbereiteten Bogen wurden nun auf Grund des Ver¬ 
gleichs mit den Hebammentagebüchern verteilt und dabei nach 
Möglichkeit jeder Hebamme solche Kinder zugewiesen, bei deren 
Geburt sie helfend tätig gewesen war. Jeder Hebamme wurde die 
gleichfalls oben abgedruckte Anweisung mitgegeben. Die Zahlen der 
auf eine Hebamme entfallenden Bogen schwankten zwischen 21 und 
150. Im ganzen gelangten — nach Ausscheiden der Geburtskarten der 
im Erhebungsjahr sowohl geborenen wie gestorbenen Kinder — 
2462 Geburts- und 480 Sterbekarten an 35 Hebammen zur Ver¬ 
teilung. Die Zählung fand am 1. August 1908 statt. Die Bogen 
waren nach Vollziehung der erforderlichen Rückfragen und Er¬ 
gänzungen Ende August wieder in unseren Händen und wurden 
nach den von uns gemachten Angaben durch einen Berufsstatistiker 
aufgearbeitet. 

(Schluß folgt.) 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitäts¬ 
klinik ') zu Marburg während der 3 ersten Jahre 
seines Bestehens; 1005—1908. 


(Unter Benutzung verschiedener Berichte von Prof. Brauer über 
die Einrichtung von Säuglingsheim, Milchküche und Musterstall.) 


Von Dr. Paul Sittler, Assistent der med. Klinik Marburg. 

(Mit 8 Abbildungen.) 


(Schluß.) 

Wenn auch das bisherige Sterilisierungs-Verfahren der Flaschen 
im allgemeinen ausreichend erschienen ist, so wollen wir doch, um 
eine absolut sichere Sterilisierung zu erzielen, zur Trockensterili¬ 
sation übergehen. Wir sind eben damit beschäftigt, einen nach Art 
der in der Bakteriologie gebräuchlichen Apparate konstruierten 
Trockenschrank bauen zu lassen, in dem gleich 300 Flaschen auf 
eine Temperatur von 130—160 Grad erhitzt werden können. 

In dem neben dem Spülraume gelegenen größeren Baume 
werden die einzelnen Milchportionen abgeteilt und die Mischungen 
hergestellt. Hier befindet sich 1 größerer Gasherd, 2 Arbeitstische, 
1 Schrank, der die notwendigsten Vorräte an Zucker, Mehl- und 
Milchkonserven enthält; 1 Wage, eine Beihe von Meß- und Misch¬ 
gefäßen, Kochgeräte vervollständigen die Einrichtung. In diesen 
Baum wird für jedes Kind der Tagesbedarf der vom Arzt vor- 
geschriebenen Milchmischung hergestellt und in einzelne Flaschen 
eingefüllt. Die gefüllten Flaschen kommen in mit 8 Einsätzen ver¬ 
sehene Drahtkörbe, so daß jedes Kind seinen eigenen, mit der Nummer 
des Kindes versehenen Drahtkorb erhält. Die Flaschen werden als¬ 
dann mit den mittlerweile gespülten und durch zweimaliges Kochen 
sterilisierten Patent-Gummiverschltissen locker bedeckt und gelangen 


')Brauer, Säuglingsheim undMilchkiichenbetrieb. — Marburg, Buchdruckerei 
H. Bauer 1905. 





v 376 Paul Sittler, 

nun in den 3. Raum, den Sterilisierraum. Hier werden sie in 
einem großen, mit Dampf angeheizten Wasserbade angewärmt und 
5 Minuten lang bei 100 0 gehalten. Zahlreiche Temperaturmessungen 
haben uns gezeigt, daß hierbei der Inhalt der Milchflasche mit Beginn 
des Kochens im Wasserbade eine Temperatur von 96 0 erreicht. 
Nach Ablassen des Wassers werden die Flaschen durch Nieder¬ 
drücken des Patentverschlusses fest verschlossen und kommen nun 
in ihren Körben in den Kühlraum, wo sie in einem Zementbecken 
unter einer Helm’sehen ganz feinen Regendouche sehr rasch auf 
eine Temperatur von 10—15 0 abgekühlt werden. 

So leicht es gelingt, auf die Weise eine Abkühlung auf mittlere 
Temperaturen zu erziehlen, so hat uns doch die weitere Tiefkühlung 
der Milch bisher wenigstens im Sommer erhebliche Schwierigkeiten 
geboten. Der Helm’sche Kühlschrank, der durch eine aus der 
Mischung von Eis und Salz entstandenen Sole gekühlt wird, genügte 
nicht, um die erforderliche Temperatur von etwa 4 0 C zu erreichen. 
Selbst bei Verwendung größerer Eismengen ist leider die Temperatur 
oft genug nicht unter 10—12 0 Wärme heruntergegangen. Wir 
haben deshalb von der ursprünglichen Einrichtung des Kühlschrankes 
vollständig Abstand genommen und benutzen ihn jetzt als einfachen 
Eisschrank, und indem wir das Eis in einem großen Blechkasten 
direkt in den Schrank hineinstellen. Wir werden in einiger Zeit 
zur Einrichtung einer eigenen Eismaschine übergehen und es 
empfiehlt sich wohl bei jeder Neueinrichtung einer Milchküche von 
vornherein eine eigene Eismaschine aufzustellen, zumal die Be¬ 
schaffung genügender Eismengen mitunter (wie im 2. Jahre) auf 
Schwierigkeiten stößt und sehr erhebliche Kosten verursachen kann. 

Die Milchküche liefert die Kindernahrung in abgeteilten 
Portionen, sowohl für das Säuglingsheim, als für Abnehmer in der 
Stadt, die sich sowohl aus den wohlhabenden Kreisen wie aus dem 
poliklinischen Publikum zusammensetzen. Die Milchabgabe findet 
nur auf genaue ärztliche Verordnung und unter Verantwortung des 
verordnenden Arztes statt. Diese Einrichtungen, die vor der Be¬ 
triebseröffnung mit den Marburger Kollegen gemeinsam besprochen 
wurden, und denen seitens der Ärzteschaft, ebenso wie dem Säuglings¬ 
heim, von Beginn an das größte Wohlwollen entgegengebracht 
worden war, wurden so getroffen, damit ein freies Herumprobieren 
mit verschiedenen Nahrungsgemischen seitens des Publikums un¬ 
möglich war. Es hat von Anfang an das Prinzip geherrscht, im 
Milchküchenbetrieb ausschließlich auf Einzelverordnung zu arbeiten 
und jeden Schematismus in der Säuglingsernährung zu vermeiden, 




Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 377 

mochte derselbe kommen, von welcher Seite er auch wolle. Die 
Milchküche ist also in dieser Hinsicht nur Apotheke, nicht Beratungs¬ 
stelle. Beschwerden werden ebenfalls durch Vermittlung der Ärzte 
erbeten (s. a. Anlage IV). 

Die Nahrungsportionen, die an einem Vormittag hergestellt 
worden sind, gelangen im Säuglingsheim selbst noch am gleichen 
Tage zur Verteilung, in der Stadt dagegen in den frühen Morgen¬ 
stunden des nächsten Tages, da es nicht vorteilhaft erschien, in 
den (heißen) Nachmittagsstunden die Milch dem Transporte auszu¬ 
setzen. 

Ein großer Teil der Milch wird auf besondere Bestellung 
von unserem Personal in einem Wagen ausgefahren und den Ab¬ 
nehmern direkt ins Haus geliefert; die Milch für die poliklinischen 
Patienten wird dagegen abgeholt. Für den Transport der Milch 
in die Wohnung der Abnehmer wird ein Wochenzuschlag von 25 Pf. 
pro Kind erhoben. Den Abnehmern wird zur Kühlhaltung der 
Milch im Haushalte ein Kasten leihweise zur Vertilgung gestellt, 
der nach Art der in der Photographie gebräuchlichen Plattenspül¬ 
apparate konstruiert ist. Derselbe kann auf dem Spülsteine Platz 
finden. Die Durchspülung geringer Wassermengen sorgt dafür, 
daß die Flaschen selbst in warmen, schlecht gelüfteten Räumen 
kühl bleiben. 

Der Preis der Milchmischungen bzw. der Vollmilch ist für die 
ärmere Bevölkerung so festgesetzt, daß er den Aufwand, der sonst 
für die Beschaffung einer guten Marktmilch nötig wäre, nicht über¬ 
steigt (4—6 M. monatlich). Die bemittelten Stände haben höhere 
Sätze für Säuglingsnahrung zu zahlen.- 

Die für den Milchküchenbetrieb benötigte Kuhmilch wird uns 
von einer privaten Molkerei geliefert. 

Das Ziel, einen Must erst all zu beschaffen, wurde dadurch 
erreicht, daß es gelang, den Besitzer einer in Marburg gelegenen 
Stallung zum Abschluß des am Schlüsse (Anlage II) wiedergegebenen 
Vertrages zu gewinnen. 1 ) Durch diesen Vertrag ist es dem ärzt- 

1 ) Die Angliederung einer hygienisch leidlich einwandfreien Stelleinrichtung 
sowie die zweckmäßige Überwachung der Melkarbeit stieß zunächst auf recht 
große Schwierigkeiten. Der zielbewußten Mitarbeit des Herrn Dr. Schlippe war 
es zu danken, daß auch diese letzte Schwierigkeit überwunden wurde, insofern 
Schlippe nach eingehender Literaturdurchsicht es in mehrwöchentlicher Studien¬ 
reise unternahm, die damals bestehenden anerkannten Stallungen zur Gewinnung 
von Säuglingsmilch zu besuchen. Besonders instruktiv waren zu jener Zeit die 
Erfahrungen, die in Ohorn, Dresden sowie in Berlin (Molkereien Bolle und 
Viktoriapark) Vorlagen; auch seitens der Polizeiverwaltung in Berlin wurde manch 





x 378 Paul Sittler. 

liehen Leiter der Säuglingsabteilung ermöglicht, stets auf das aller¬ 
strengste über die zu liefernde Milch zu wachen und gleichzeitig im 
Verein mit dem durchaus sozial denkenden und rationell wirtschaf¬ 
tenden Landwirte die Frage der Milchgewinnung wissenschaftlich 
zu bearbeiten. Hierbei wurde keineswegs außer acht gelassen, dem 
Milchlieferanten die unbedingt notwendige Einnahme zu schaffen; 
denn nur dann können die Einrichtungen der Stallung und des 
Milchbetriebes Anspruch auf soziale Bedeutung erheben, wenn sie 
in sich die Bedingungen einer Verallgemeinerung enthalten. Als 
Vorbedingung für eine Verallgemeinerung sind in der Hauptsache 
2 Punkte anzusehen: 

1. Die Gewinnung der einwandfreien Milch muß auf einfachen 
und praktisch durchführbaren Maßnahmen beruhen. 

2. Dem Milchproduzenten muß aus dem Unternehmen ein 
rationeller wirtschaftlicher Nutzen erwachsen. 

Nur bei Erfüllung derartiger Vorschriften kann eine derartige 
Milchwirtschaft zum Muster für das Vorgehen anderen Ortes werden. 

Anderenfalls stellt der Musterstall eine Luxuseinrichtung und 
damit in sozialer Hinsicht Dilettantenarbeit dar. — 

Ein bereits vorhandener (ca. 6 Minuten von dem Säuglingsheim 
entfernter), ziemlich geräumiger, heller und luftiger Stall wurde 
mit einem Betonfußboden versehen, Wände und Decken gekalkt. 
Der Stall dient zur Aufnahme von 9 Kühen, die nebeneinander 
auf einem etwas erhöhten Teile des Fußbodens stehen. Eine 
Abfallrinne hinter dem Stand der Kühe ist so eingerichtet, daß 
die Abfallstoffe der Kühe zum großen Teile direkt in sie hinein¬ 
fallen, ohne den Stand der Kühe zu beschmutzen, anderenfalls leicht 
dorthin gekehrt w T erden können. 

Als Streu dienen meist Sägespäne, die mehrmals täglich ge¬ 
wechselt werden. 

Der Kalkanstrich der Wände und Decke ist spätestens alle 
4 Wochen zu wiederholen. 

Es gelangen nur solche Kühe zur Einstellung, welche vom 
Tierarzt für gesund befunden sind und bei der vorher anzustellenden 
Tuberkulinprobe nicht reagiert haben. Die nach Ablauf je eines 
Jahres erfolgte Nachimpfung hat uns gezeigt, daß auch in der 
Zwischenzeit sämtliche Kühe tuberkulosefrei geblieben sind. 

praktischer Wink erteilt. — Das Resultat dieser Bemühungen war ein Rund¬ 
schreiben an sämtliche maßgebenden Stallbesitzer Marburgs und Umgebung, 
welches in Anlage I beigefügt ist, und auf Grund dessen dann auch der eben er¬ 
wähnte Vertrag auf gestellt wurde. 





Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 379 

Auch sonst sind Erkrankungen der Kühe in der ganzen Zeit nur 
höchst selten und nur in leichtester Form aufgetreten. 

Die Kühe werden zweimal täglich gestriegelt. Dieses Verfahren, 
sowie die Säuberung des Stalles ist aber so zu legen, daß der hier¬ 
durch entstehende Staub sich soweit als möglich wieder gesetzt 
hat, bevor zum Melken geschritten wird, denn die Verunreinigungen 
der Stalluft durch Staub sind eine der wichtigsten Quelle für die 
Verunreinigung der Milch. 

Von der Errichtung eines besonderen Melkraumes ist aus 
finanziellen Gründen bisher Abstand genommen worden. Das Melken 
in einem abgesonderten, leicht ltiftbaren und sehr sauber zu haltenden 
Räume erscheint aber als sehr wünschenswert, besonders wenn ein 
Weidegang dem Melken vorangehen kann, bei dem die Kühe einen 
großen Teil des in ihrer Haut haftenden Staubes abschütteln 
können. — Auch hier besteht die Absicht, einen besonderen 
Melkraum zu beschaffen. 

Für die Tätigkeit im Kuhstalle ist ein genauer Stundenplan 
ausgearbeitet, der folgende Vorschriften enthält. 

Vorschriften für das Stallpersonal: 

5 Uhr morgens: Stallreinigen, Striegeln, Bürsten, ev. Waschen, 
Füttern der Kühe. 

6 Uhr morgens: Salzstreuen über Futter. 1 ) 

Bis 6 Uhr: Ruhe im Stalle. 

6 Uhr: Melkezeit (s. a. die in Anlage III gegebenen speziellen 
Melkvorschriften): 

1. Abreiben von Euter und Schenkel jeder Kuh mit reinem 
Tuch; 

2. Gründliches Händewaschen; vor dem Melken jeder Kuh 
wiederholen; 

3. Reine Schürze vorbinden, nichts Beschmutztes mehr anfassen; 

4. Melken, erste Striche auf den Boden, Melkeimer sofort nach 
Füllen in die Milchkammer; 

Nach Melken, Stallreinigen, fertig Füttern und Tränken; 

Bis 11 Uhr: Ruhe im Stall; 

11 Uhr: Stallreinigen; 

1 /. 2 12 Uhr: 2. Melkzeit wie oben; 

Stallreinigen und Füttern; 

*■) Die Erfahrung lehrt, daß nach dem Salzstreuen von den Kühen alle 
Eutterreste mit dem Salz aufgeleckt werden und so die Gefahr der Zerstäubung 
vermieden werden kann. 





380 Paul Sittler, 

Striegeln, Bürsten und Waschen der Kühe, Waschen lind 
Reinigen der Klauen. 

Bis 5 Uhr: Ruhe im Stall; 

5 Uhr: Stallreinigen und Füttern; 

] / 2 6 Uhr: Salzstreuen und Ruhe im Stall; 

6 Uhr: 3. Melkzeit wie oben; 

Dann Nachreinigen. 

Das Euter wird nach der ersten Handwaschung ev. noch ein¬ 
mal mit trockenem, reinem Tuche gesäubert. Die ersten Melk¬ 
striche sind auf die Erde zu spritzen. Der Melkeimer hat einen 
Deckel erhalten mit höchstens handgroßer Öffnung, daß möglichst 
wenig Schmutzteilchen in den Eimer fallen können. Aus dem 
Melkeimer wird die Milch durch ein vorher gewaschenes und 
sterilisiertes Seihtuch in einen zweiten Eimer gegossen; das direkte 
Melken in einen mit Seihtuch überdeckten Melkeimer hat sich uns 
nicht bewährt. Sämtliche Melkeimer werden in der Milchküche 
nach Gebrauch sorgfältig gereinigt und ausgekocht. Die Reinigung 
der Seihtücher findet beim Stallbesitzer statt, ihre Sterilisation 
im strömenden Dampfe in der medizinischen Klinik. Das Seihtuch 
wird direkt über dem zweiten Eimer ausgespannt. 

Die für die Milchküche bestimmte Milch (es wird nur die in 
den kühlen Morgen- und Abendstunden gewonnene Milch hierzu 
benutzt) wird weiterhin in einem besonders staubfrei und kühl zu 
erhaltenden Raume über einen, mit heißem Wasser zu reinigenden, 
H e 1 m ’ sehen Klihlapparat. geleitet und dann in verzinnte 10 Liter- 
Gefäße aufgefangen, die vorher in der Milchküche durch Auskochen 
sterilisiert waren und nach der Füllung sofort wieder in die Milch¬ 
küche verbracht werden, wo sie bis zu ihrer Verwendung im Eis¬ 
schrank verschlossen auf bewahrt werden. Die des Abends gebrachte 
Milch kommt zusammen mit der am nächsten Morgen gelieferten 
im Laufe des Vormittags zur Verarbeitung. 

Sowohl dem Direktor der Klinik wie dem Assistenten des 
Säuglingsheims und dem Tierarzt steht jederzeit eine Kontrolle 
über die genaue Durchführung obiger Vorschriften zu. Der Assistent 
ist gehalten, in kurzen Zwischenräumen, einer der Melkperioden 
beizuwohnen. 

Das gesamte mit der Milchgewinnung betraute Personal, ebenso 
das niedere Personal der Milchküche, ist in einem besonderen, 
durch den Assistenten gehaltenen Unterrichtskurse über die Be¬ 
deutung all dieser Maßnahmen und über die Hygiene der Milch 
aufgeklärt worden. 




Das Säuglingsheim der medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 381 

Die durch die wissenschaftlichen Untersuchungen ermittelten 
Keimzahlen werden jedesmal dem Stallbesitzer wie dessen Personal 
mitgeteilt, damit diese sich selbst von dem Einfluß aller besonderen 
Maßnahmen überzeugen können. 

Es findet regelmäßige bakteriologische Untersuchung der Milch 
statt. Von jeder Milchlieferung wird sofort nach Eintreffen der¬ 
selben eine Probe in sterilem Gefäße entnommen und zu Gelatine¬ 
platten verarbeitet. Allmonatlich wird der Rahm und der Boden¬ 
satz aus einer Gerb er’sehen Schmutzbestimmungsprobe auf 
Tuberkelbazillen durch den Meerschweinchenversuch geprüft. Auch 
chemisch wird die Milch insbesondere auf Fettgehalt in regel¬ 
mäßigen Abständen untersucht. 

Durch all diese Vorkehrungen ist es möglich geworden, in 
einem sauber, aber ohne jeden unnötigen Kostenaufwand errichteten 
Stalle, also unter Verhältnissen, wie sie auf jedem gut geleiteten 
Gutshofe möglich wären, eine hygienisch durchaus einwandfreie 
Milch zu gewinnen. 

Durch ihren geringen Keimgehalt ermöglicht es sich, die Milch 
auch in ungekochtem Zustande den Säuglingen zu verabfolgen. 

Es gelang die Keimzahlen der Milch im Laufe der Zeit auf 
sehr niedere Werte herabzudrücken. Während im Anfang der 
Kubikzentimeter Milch noch häufig 20000 und mehr Keime ent¬ 
hielt, war die. durchschnittliche Zahl schon nach 1 / 2 Jahre auf 
etwa 5—10000 gesunken. Die erlaubte Maximalzahl von 18000 
wurde in Zukunft nur noch selten erreicht, häufig hielten sich die 
Keimzahlen unter 1000. 

Von besonderem Einfluß erwies sich die genaue Sterilisation 
der Seihtücher und ferner die der Transportkannen. Solange wir 
uns auf das bloße Waschen der Seihtücher und die gründliche, 
mechanische Reinigung der Kannen beschränkten, blieben die 
Keimzahlen, trotz aller sonstigen Vorsichtsmaßregeln, noch immer 
verhältnismäßig hoch. — Eine jede Ungenauigkeit in dem Innehalten 
der Melkvorschriften macht sich geltend in einem plötzlichen An¬ 
steigen der Keimzahlen. So wiesen z. B. mehrfach höhere Keim¬ 
zahlen darauf hin, .wenn vorübergehend gegen die Vorschriften 
nicht sterile Seihtücher aus irgendeinem Grunde benutzt worden 
waren. 

Welchen Wert gerade die fortlaufende tägliche Kontrolle für 
die Qualität der Milch hat, zeigte sich am lehrreichsten in den 
Monaten März und April 1906, wo aus äußeren Gründen die 
bakteriologischen Milchuntersuchungen nicht mehr wie früher täg- 




382 Paul Sittler, 

lieh, sondern nur in gelegentlichen Stichproben gemacht werden 
konnten, die fast immer abnorm hohe Keimzahlen anzeigten. Erst 
von dem Zeitpunkte, avo die Milch wieder vollständig regelmäßig 
täglich kontrolliert werden konnte, gingen die Keimzahlen auf das 
frühere günstige Niveau herunter und hielten sich im allgemeinen 
auch in der Sommerhitze auf sehr niedrigen Werten. Es zeigte 
sich ferner, wie die Mehrzahl der Milchverunreinigungen erst in 
der Zeit, die zwischen der Melkung und der Ankunft der Milch 
in der Milchküche verstrich, in die Milch hineingelangte. Die 
direkt aus dem Kuheuter entnommenen und in sterile Gefäße auf¬ 
gefangenen Proben wiesen immer nur sehr geringe Keimzahlen 
auf, waren auch häufig völlig keimfrei. Systematische Keim¬ 
zählungen während der einzelnen Akte der Milchgewinnung zeigten, 
wo die Hauptquellen der Verunreinigungen gelegen waren und er¬ 
möglichten so deren Abstellung. 

Beim Melken enthalten meist nur die ersten Melkstriche eine 
größere Zahl von Keimen, während die Keimzahl der späteren 
Melkstriche rasch abnimmt. 1 ) In einerProbe fanden sich im 2. Melk¬ 
strich (nach Melken des ersten Striches auf den Boden) noch 40 000 
Keime im ccm (die Mischmilch hatte an dem betreffenden Tage 
pro ccm 40 000 Keime enthalten), in einer anderen Probe nur 
300 Keime pro ccm, im 3. Melkstrich einmal 60, das andere Mal 
160 pro ccm; meist ist die Zahl der Keime in den folgenden Strichen 
geringer, es finden sich aber zeitweise auch größere bis in die 
Hunderte gehende Keimzahlen, im allgemeinen stieg bei sorgfältiger 
Befolgung der gegebenen Vorschriften (s. o.) durch das Stallpersonal 
die Zahl der Keime vom 8. Melkstrich an nicht mehr über 10 pro ccm, 
öfters blieben diese späteren Melkstriche steril. Es muß also ge¬ 
fordert werden, daß für eine Säuglingsmilch mindestens die 3—5 
ersten Melkstriche keine Verwendung finden. Die in ein steriles 
Gefäß gemolkene Milch aus mehreren Strichen (nach Abmelken 
der ersten 1—2 Striche zu Boden) erhielt Hunderte bis höchstens 
1000 Keime, beim Melken in den Melkeimer und Untersuchung des 
Eimerinhalts stieg die Keimzahl bis zu 4000 pro ccm. Nach Durch¬ 
seihen durch die sterilisierten Seihtücher und Passieren des 
Helm’sehen Kühlers, dessen Reinigung ja sehr schwierig ist, stieg 
die Keimzahl bis auf 6000 pro ccm (Untersuchung beim Einfließen- 
lassen in die Transportkannen, aus deren Inhalt die Proben zur 
regelmäßigen Keimzählung entnommen werden). 

0 Die angeführten Keimzählungen stammen z. T. von den Untersuchungen 
durch Dr. Hoffmann anno 1905. 





Das Säuglingsheim (1er medizinischen Universitätsklinik zu Marburg. 383 

Um diese als Maximalzalilen aufzufassenden Keimmengen noch 
berabzudrücken wurde der Versuch gemacht, die in der Milchküche 
ausgekochten Milchgefäße direkt nach dem Auskochen zu ver¬ 
schließen und bis zum Gebrauche verschlossen zu halten, um auch 
den Luftkeimen das Eindringen in die Eimer und Kannen zu ver¬ 
wehren, ein Versuch, der wieder aufgegeben werden mußte, da das 
Gefäßinnere einen „muffigen“ Geruch annahm, der sich auch der 
Milch mitteilte. 

Durch die Ausführungen v. Behrings über „Kokkenkühe“ 
aufmerksam gemacht, konnten auch wir nachweisen, daß bei sonst 
völlig gesunden Kühen mitunter ein einzelner Ausführungsgang 
einer Zitze auch in seinen tiefsten Partien fast Reinkulturen von 
Kokken enthielt, so daß es auch nach dem Wegspritzen der ersten 
Striche Milch hier nicht gelingt, eine keimfreie Milch aus der Zitze 
zu erlangen. Die Anzahl der Kokken war allerdings bei diesen 
Versuchen immer nur verhältnismäßig gering, einen erheblichen 
Einfluß auf den Keimgehalt der gesamten Milch übte daher die 
Beimischung dieser Kokkenmilch wohl kaum aus. Immerhin ist 
zu hotfen, daß durch Ausschaltung dieser „Kokkenkühe“ die Keim¬ 
zahlen noch weiter herabgemindert werden können. — Schutz gegen 
die Infektion der Milch mit Tuberkelbazillen gewähren außer den 
Vorsichtsmaßregeln, die schon bei der Einstellung der Kühe in den 
Stall beobachtet werden (tierärztliche Untersuchung, Tuberkulin¬ 
prüfung), die ständige tierärztliche Aufsicht, die alljährlich zu 
wiederholende Tuberkulinprüfung, ferner die in jedem Monat vor¬ 
zunehmende Prüfung der Milch auf Tuberkelbazillen durch den 
Tierversuch (subkutane Injektionen und Verfütterung von roher 
Kuhmilch bei jungen Meerschweinchen). — 

Am Schluß ist es mir eine angenehme Pflicht, meinem ver¬ 
ehrten Chef, Herrn Prof. Brauer, für die Anregung zu dieser 
Arbeit und für die freundliche Überlassung der von ihm ausge¬ 
arbeiteten Berichte auch an dieser Stelle meinen verbindlichsten 
Dank auszusprechen. 





384 Paul Sittler, 

Anhang. 

Anlage I. 

In einiger Zeit soll an der medizinischen Poliklinik der Universität Marburg 
eine Station zur Aufnahme kranker Säuglinge und im Zusammenhänge damit zu¬ 
nächst eine Säuglingsmilchküche errichtet werden. Zu diesem Zwecke braucht 
die medizinische Poliklinik eine in gesundheitlicher Beziehung absolut einwand¬ 
freie Milch. Es ergeht nun an die uns bekannten Marburger Milchlieferanten mit 
größerem Betriebe die Anfrage, ob sie Milch unter den später angeführten Be¬ 
dingungen zu liefern gesonnen sind. Diese Bedingungen fußen auf der Berliner 
„Polizeiverordnung betr. den Verkehr mit Kuhmilch und Sahne“ vom 15. März 
1902, den Erfahrungen, die andererorts seitens der daselbst bestehenden Säuglings¬ 
stationen mit Musterstallungen gemacht wurden. Danach stellen wir an eine 
brauchbare Säugliiigsmilch nachfolgende Anforderungen: 

a) Die Milch muß direkt nach dem Melken gekühlt werden und darf dann 
ihre Temperatur bis zur Ablieferung in der Poliklinik 10° C nicht über¬ 
steigen. 

b) Sie muß, ohne zu gerinnen, das Abkochen oder die Alkoholprobe (Mischung 
von 70proz. Volumprozentalkohol mit Milch zu gleichen Teilen) aushalten 
(BPV. § 13h). 

c) Der Fettgehalt der Milch muß mindestens 3 Proz. betragen. 

d) Wägbare Mengen Schmutz dürfen im Liter nicht enthalten sein. 

e) Die im ccm enthaltene Keimzahl darf bei der Ablieferung in der Poliklinik 
18000 nicht überschreiten. 

f) Tuberkelbazillen dürfen in der Milch nicht enthalten sein. 

g) Milch, welche „fremdartige Stoffe, insbesondere Konservierungsmittel irgend¬ 
welcher Art enthält, oder mit Wasser oder aus Wasser hergestelltem Eis 
versetzt ist“, darf nicht geliefert werden (BPV. § 3 ff.). 

Erfahrungsgemäß bedarf es zur Gewinnung derartig einwandfreier Säuglings- 
milch der Erfüllung folgender Bedingungen: 

1. Die Kühe müssen sich in bestem Gesundheitszustand be¬ 
finden. 

BPV. § 13b lautet: „Der Gesundheitszustand der Kühe ist vor 
der Einstellung auf Kosten der Eigentümer durch den zuständigen 
Kreistierarzt festzustellen. In Abständen von je 3 Monaten ist die tier¬ 
ärztliche Untersuchung zu wiederholen. — 

Über die Untersuchungen ist ein Buch zu führen, in welches den 
zuständigen Beamten jederzeit Einsicht gewährt werden muß. Jede 

Erkrankung einer Milchkuh in einem Stall mit Kin